Skip to main content

Full text of "Zeitschrift für österreichische Volkskunde: Organ des Vereins für ..."

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 



at |http : //books . google . com/ 




über dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nutzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen. 



Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen. 




A t 






>-*i-- 







25 2 ex. 13 




HARVARD COLLEGE 
LIBRARY 




FROM THE FUND OF 

CHARLES MINOT 

CLASS OF 1828 



r 



L 



I 



, ^ . >■ mn I ■ ■■ « ^ iB ■ ■ 



Zeitschrift 



für 



Österreichische Volkskunde. 



Organ des Vereins für österreichische Volkskunde in Wien. 

Redig:iert von 

Dr. Michael Haberlandt. 



I. Jahrgang 1895. 

Mit 31 Textabbildungen und einer Karte. 



Wien und Prag. 

VERLAG VON F. TEMPSKY. 

1896. 



l^^Ma'b 




CJ:-322s52Z3:i) 



Druck von Gebrüder Stiepel in Reichenberg. 



Inhaltsverzeichnis des L Jahrganges. 



Seite 

Inhaltsverzeichnis i 

Verzeichnis der Abbildungen VI 

I. Abhandlungen. 

Dr. Michael Haberlandt: Zum Beginn i 

Prof. Dr. Alois Riegl: Das Volksmäßige und die Gegenwart 4 

Dr. Richard R. v. Kralik: Zur österreichischen Sagenkunde. I— III 7, iii, 204 

Dr. J. W. Nagl: Über den Gegensatz zwischen Stadt- und Landdialekt in unseren Alpen- 
ländern 33, 166 

Hans Schreiber: Die Wichtigkeit des Sammeins volksthümlicher Pflanzennamen .... 36 

Dr. W. Hein: Hexenspiel (mit 5 Abbildungen) 43, 74 

Johann Krainz: Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark 65, 243 

Dr. Alfred Frh. v. Berger: Die Puppenspiele vom Doctor Faust 97 

Dr. Adolf Hauffen: Bericht über die landschaftlichen Sammlungen deutscher Volksüber- 
lieferungen 106 

Dr. Anton Schlossar: Deutsche Volkslieder aus Steiermark 129 

Arthur Petak: Friedhofverse in Salzburg 138 

Josef F'rh. v. Doblhoff: Altes und Neues vom Tazzelwurm 142 

Jobcf Alex. Frh. v. Helfert: Böhmische Weihnachts- und Passionsspiele ...... 167 

Luise Schinnercr: Te.xtile Volkskunst bei den Rutenen (mit 4 Abbildungen) 172 

I*. Franz PHkryl: Die Bevölkerung am Zdhofi in Mähren (mit 2 Abbildungen und einer 

Karte) 193, 234 

J. Neubauer: Zur Egerländer Wortforschung 225 

Dr. Georg Polivka: Slawische Beiträge zur vergleichenden Märchenkunde 1 252 

Dr. M. Urban: Kreuzsteine in Westböhmen 289 

Dr. R. Sieger: Marterln und Grabkreuze 292 

W. Bugiel: Aus dem rutenischen Volksglauben 294 

Dr. Hans Schukowitz: Die Ausrufwörter in der niederösterreichischen Mundart .... 321 

Dr. Adolf Hauffen: Zur Gottscheer Volkskunde 326 

Dr. Oskar Hovorka von Zderas: Dalmatiner Vt)lkssagen und Spottgeschichten .... 338 

n. Kleine Mittheilungen. 

Emanuel Eisler: Der Samson-Umzug in Krakaudorf (mit 2 Abbildungen) 10 

Ludwig H. Fischer: Zur Arbeitstheilung auf volkskundlichem Gebiet 11 

Franz Franzisci: Das Ontlas-Ei im Gailthal 13 

Dr. Richard R. v. Kralik: Über das Volkslied von der Schlacht bei Belgrad 1717 . . 53 

Dr. Michael Haberlandt: Kerbhölzer in Wien (mit I Abbildung) 54 

Prof. Dr. Emil Zuckerkandl: Bemalte Todtenschädel aus Oberösterreich und Salzburg 

(mit 4 Abbildungen) 80 

J. Bunker: Die hl. drei Könige 81 



IV iDhaltsverzeichnis. 

Seite 

J. Bunker: Türken und Husar 83 

Karl W. Hallama, Burg Barwald und ihre Sagen 118 

Karl Reiterer: Das «Sommer- und Winterspieb und andere Spiele 119 

Dr. Michael Urban: Todtenbretter in Westböhmen 179 

Franz Franzisci: Der Blumenkranz im Haarfelde, im Gailthal 18 1 

Franz Kraus: Sagen aus dem Kremsthale 181 

Karl W. Halloma: Das Hamansfest in Limanowa (Galizien) 217 

Karl Reit er er: Zum Volkslied vom «Gams-Urberl» 259 

Zur Sage vom «Tazzel wurni> 261 

A. Raab: Der Nonnenweg, mährische Sage 306 

Zur Vampyr-Sage 307 

W. Peiter: Das altegcrländische Frauenhemd 345 

Dr. W. Hein: Gemeindesiegel aus der Bukowina 346 



III. Ethnographische Chronik aus Österreich. 

Volkspiele in Krimml S. 13. — Comit6 zur Erhaltung der Volkstrachten in Tirol S. 13. — An- 
thropologischer Congress in Innsbruck S. 14. — Slawische Ausstellungen in Mähren S. 14. — 
Volksfeste in der dechoslawischen ethnographischen AussteUung im Jahre 1895 S. 14. — Die 
ethnographische Abtheilung auf der Landes- Ausstellung zu Lemberg im Jahre 1894 S. 15. (Von 
Adele Pfleger.) — Verein «Die Schuhplattler» S. 55. — Museums-Gesellschaft in Teplitz 
S. 55. — Verein zur Erhaltung der steirischcn Volkstrachten S. 55. — Weihnachts- und Dreikönigs- 
spiel in Wien S. 55. — Schmuckausstellung in Brunn S. 55. (Von Dr. AV. Hein.) — Slowakisch- 
ethnographische Versammlung S. 56. — Ethnographische Ausstellungen in Böhmen S. 56. — 
Personalnachrichten S. 56. — Ein deutscher Alterthumsvercin S. 84. — Zur amtlichen Förderung 
der Volkskunde S. 84. — Hausindustrie in Ischl und Umgebung S. 84. — Hausforschung in 
Österreich S. 85. — Volksliedersammlung in Westböhmen S, 85. — Sammlung der volksthüm- 
lichen Überlieferung in Deutsch-Böhmen S. 85. — Cechische ethnographische Ausstellungen in 
Böhmen S. 86. — Verein für Volkskimde in Galizien S. 121. — Cechoslawische Ausstellung in 
Prag S. 121. — Eine Section für Volkskunde im Österreichischen Touristen-Club S. 121. — Das 
Landesmuseum in Linz S. 122. — Cechoslawische Ausstellung in Wien S. 182. — Ethno- 
graphische Ausstellung in Teltsch S. 182. — Das neue Landesmuscum in Linz S. 183. (Von 
Dr. M. Habcrlandt.) — Das culturhistorische und Kunstgewerbe-Museum in Graz S. 183. — 
Sammlung von Nachtwächterliedem S. 184. — f Custos Moriz Trapp S. 184. — Ausstellung des 
Vereins für österreichische Volkskunde in Wien (mit 2 Abbildungen) S. 217. (Von Dr. M. Habcr- 
landt.) — Wie sollen wir sammeln? (Von Dr. A. Riegl) S. 219. — Cechoslawische ethno- 
graphische Ausstellung in Prag S. 221. (Von Dr. M. Haber 1 an dt.) — Museum für deutsche 
Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes in Berlin S. 265. — Cechoslawische ethno- 
graphische Ausstellung in Prag (mit 5 Abbildimgen). Von Dr. W. Hein. S. 265. — Die 
Commission zur anthropologischen und ethnographischen Erforschung von Tirol. (Von Prof. Dr. 
Fr. R. ▼. Wieser.) .S» 308. — ^^Akademischer Verein für tirolisch- vorarlbergische Heimatkunde. S. 309. 



IV. Literatur der österreichischen Volkskunde. 

/. Besprechungen. 

A. Hauffen; Das deutsche Volkslied in Österreich-Ungarn (Dr. Haberlandt) 17 

A. Vrbka: Schematische Anleitung zum Studium und zur Abfassung einer Orts- und 

Heimatskunde (Dr. Hein) 18 

Fragebogen zur Sammlung der volksthümlichen Überlieferungen in Deutsch - Böhmen 

(Dr. Hein) 18 

Fr. Barto??: Moravskä svatba (Mährische Hochzeit) (Dr. KarÄsek) 18 

Prof. Vykoukal: Ceskä svatba (Cechische Hochzeit) (Dr. KarÄsek) 19 

Ad. Cern;^: Svatba v luüickj^ch Srbft (Lausitz- wendische Hochzeit) (Dr. Karisek) .... 19 



Inhaltsveraeichnis. V 

Seite 
Dr. C Z 1 b r t : Jak se kdy v Cechdch tancovalo (Wie man zu verschiedenen Zeiten in Böhmen 

getanzt hat) (Frh. v. Helfert) * 20 

Alexander Heksch: Illustrierter Führer auf der Donau von Regensburg bis Sulina 

(Dr. Haberlandt) 57 

Dr. Adolf Hauffen: Über das Höritzer Passionsspiel (Dr. Hein) 57 

Dr. Adolf Hauffen: Die deutsche Sprachinsel Gottschee (Dr. J. W. Nagl) 58 

Prof. Dr. J. E. Wackernell: Über die altdeutschen Passionsspiele in Tirol (Dr. Hein). . 59 

Carl B. Svoboda: Grundriss der Thonwaren-Industrie (Dr. Hein) 60 

Vor- und frühgeschichtliche Denkmäler aus Österreich-Ungarn (Dr. Hoemes) 60 

Dr. Wilhelm Hein: Die geographische Verbreitung der Todtenbretter (Dr. Hauffen). . , 86 

Prof. Dr. Friedr. Umlauft: Namenbuch der Stadt Wien (Prof. Dr. E. Guglia) .... 87 
J. Ei gl: Die Salzburger Rauchhäuser und die bauliche Entwicklung der Feuerungs-Anlagen 

am Salzburger Bauernhause (Dr. Hein) 88 

Julius Wisnar: Das Neue Jahr (Dr. Hein) 88 

J. Vyhlidil: Slezskd svatba (Die schlcsische Hochzeit) (Dr. Haberlandt) 89 

Josef Frh. v. Doblho f f : Beiträge zum Quellenstudium Salzbui^'scher Landeskunde (Dr. Hein) 122 

Dr. O. Jiriczek: Anleitung zur Mitarbeit an Volkskunde-Sammlungen (Dr. Hein) .... 184 

Math.Väclavek: ValaSsk^ poh4dky a pov&ti (Wallachische Märchen und Sagen) (V. Houdek) 185 

Math. Väclavek: Moravsk^ VdSsko (Die Mährische Wallachei) (V. Houdek) 185 

I. Jahresbericht des Musealvereins für Enns und Umgebung (Dr. Haberlandt) 186 

Narodne pripovedke v Soskih planinah (Volksmärchen aus den Isonzoalpen) 

(Dr. G. Polivka) 186 

Literarisches Jahrbuch IV. V. Herausgegeben von Alois John (Dr. W. Hein). . 188 

Dr. M. Urban: As da Haimat (Dr. Hein) 188 

Hiller Josef: Au im Bregenzerwald 1390 — 1890 (Prof. J. Wichner) 222 

Altwien: Herausgegeben von Leop. Stieböck, IV. Jahrg. (Dr. J. W. Nagl) 223 

Vollständiges Ortschaften-Verzeichnis der im Rcichsrathe vertretenen Königreiche 

und Länder (Dr. W. Hein) 223 

A. Hartlehen's statistische Tabelle (Dr. W. Hein) 224 

Dr. C. Zibrt: Darstellung der Dreifaltigkeit als einer Gruppe von drei Häuptern im Mittel- 
alter und in der Volkskunst der Gegenwart (Dr. Jos. Karasek) 275 

Dr. C. Zibrt: Aberglaube, «der sich an die I^nge Christi knüpft» (Dr. Jos. KasÄsck) . . 275 

L. Schinne rer: Antike Handarbeiten (Dr. W. Hein) 276 

Fromme's Ortslexikon (Dr. W. Hein) 276 

Heinrich Mose: Aus der Waldmark (Dr. W. Hein) 277 

Velikono^ni hry (OsterspieleK Herausgegeben von F. Mencik (Frh. v. Helfert). . 309 
J. Prousek: DtevSn6 stavby starobyle etc. (Alterthümliche Holzbauten und Hausgeräthe des 

Volkes im nordöstlichen Böhmen) (Dr. J. Karä.sek) 310 

2. Obersichten, 

Dr. Anton Schlossar: Bibliographie der steiermärkischen Volkskunde 1885 — 1895 . . . 277 

Bibliographie der österreichischen Volkskunde 1894. 

I. Die Deutschen in den Alpenländern 310 

Niederösterreich, bearbeitet von Alfred Wolfram 311 

Oberösterreich, bearbeitet von Prof. Hans Commenda 313 

Kärnten, bearbeitet von Custos Simon Laschitzer 314 

Tirol, bearbeitet von Alois Konrad 317 

Salzburg, bearbeitet von Dr. A. Hittmair 351 

IL Die Deutschen in Böhmen, bearbeitet von Dr. A. Hauffen 353 

ni. Die Cechoslawcn, bearbeitet von Prof. Dr. G. Polivka 354 

IV. Polen und Rutenen 362 

a) Galizien, bearbeitet von Dr. J. Goldberg 362 

b) Bukowina, bearbeitet von Custos Dr. J.Polek 369 

V. Slowenen, bearbeitet von Dr. M. Murko 369 



VI Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

V. Vereinsnachrichten. 

I. Chronik 22, 62, 90, 123, 189, 283, 373 

II, Erwerbungen (mit i Abbildung) 3I> 63, 94, 123, 190, 283, 375 

III. Verkehr. 

a) nach Außen 32, 63, 96, 191, 287, 380 

b) Sprechsaal. 

/. Anfragen. 

Fr. Siebenrock: Filigranknöpfe 32 

Dr. W. Hein: Todtenbretter 32 

Dr. W. Hein: Nikolaus-Spiel 32 

M. Eysn: Sühnkreuze 32 

Dr. R. Andree: HiUebille 64 

A. Frh. V. Hohenbruck: Gemeindesiegel 64 

Dr. M. H aber 1 an dt: Anspucken des Geldes 96 

M. Thirring: Meistermarken auf Zinngeschirr 96 

Dr. M. Hörn es: Marterln und Votivbilder 126 

J. Soukup: Ostereier 126 

Dr. R. Sieger: Heilzauber 288 

2, Antworten, 

Ludwig Kirchner: Twltenbretter 64 

A. Dörner: Todtenbretter 96 

Hauptm. M. H. : Todtenbretter 96 

A. Zachar: Geraeindesiegel 96 

Heinrich Jelinek: Todtenbretter 126 

Prof. Dr. Rud. Hörnes: HiUebille (mit Abbildung) 127 

Joh. Krainz: HiUebille (mit Abbildung) 127 

Dr. A. Ilg: Anspucken des Geldes 19 1 

J. Bunker: Anspucken des Geldes 192 

Jos. A. Frh. V. Helfert: Todtenbretter 192 

Hermannn Kaserer: Sühnkreuze (mit Abbildung) 287 

Anton M. Pachingcr: Ostereier 287 

W. Frh. V. Weckbecker: Bemalte Todtenschädcl 28H 

Prälat Dr. Franz: Anspucken des Geldes 288 

Josef Frh. v. Doblhoff: Anspucken des Geldes 288 

Dr. M. Urban: Anspucken des Geldes 288 

K. Rath F. Karrer: Gams-Urberl 380 

Reg. R. Dr. A. Ilg: Körpermaß Christi 380 

J. AI. Frh. V. Helfert: HiUebille 381 

Fr. V. Pausinger: Tazzelwurm 381 

Dr. G. Maix: Tazzelwurm 381 

L. P e z o 1 1 : Tazzelwurm 381 

Gen.-Maj. Mitzka: Tazzelwurm 382 

Hofr. A. V. Kern er: Tazzelwurm 382 

Verzeichnis der Abbildungen. 

Fig. I. Der Samsonumzug in Krakaudorf. Nach einer Photographie von E. Eibler. ... 11 

Fig. 2. «Alljährlicher feierlicher Umzug des Samson in Tamsweg.v Aus J. von Kürsingcr's 

«Lungau» 12 

Fig. 3. Nase des «Vorleifers» (Hexenspiel) 44 

Fig. 4. Maske des «Bejatz» (Hexenspiel) 44 

Fig. 5. Maske des Bauers (Hexenspiel) 45 

Fig. 6. Maske des «Teifl» (Hexenspiel) 45 



Inhaltsverzeichnis. 



VII 



Seite 

Fig. 7. Maske der «Hex» (Hexenspiel) 45 

Fig. 8. Kerbholz aus Wien 54 

Fig. 9 — 12. Bemalte Schädel aus Hallstatt 80—81 

^ig- J3- i^innteller aus Tirol • 95 

Fig. 14. Signalapparat der Soldaten im Ödenburger Comitat 127 

Fig. 15. Der «Klopf» in Eisenerz 127 

Fig. 16. Rutenischcr Flechtapparat 173 

Fig. 17. Rutenischcr Haubendeckel 175 

Fig. 18. Flechtart der rutenischen Schärpen 176 

Fig. 19. Rutenischer Apparat zum Knüpfen von Fäustlingen 177 

Fig. 20. Mädchen und Bursche vom Zähofi in Soramertracht. (Nach einer Photographic 

von Dr. Jos. Klvafia) 196 

Fig. 21. Burschen von Radkow in Sommertracht. (Nach einer Photographie von Prof. 

Jos. Klvafta) 197 

Fig. 22. Das oberösterreichische «Stübel» der Ausstellung , 218 

Fig. 23. Die oberösterreichische Wohnstube der Ausstellung 220 

Fig. 24. Dorfkirche 270 

Fig. 25. Slowakisches Haus von Tumitz 271 

Fig. 26. Wallachischer Hof 272 

Fig. 27. Haus von Csicsm^n ' 273 

Fig. 28. Mädchentanz von Strutz 274 

Fig. 29. Sühnkreuz bei Strass 287 

Fig. 30. Gemeindesiegel aus der Bukowina 348 

Fig. 31. Gemeindesiegel aus der Bukowina 349 

Besiedlongskarte des 2ahoH in Mähten 194 



I. Abhandlungen. 



/ 



Zum Beginn! 

Die -^Zeitschrift für österreichische Volkskunde^, die 
mit dem vorlieg-enden Heft ins Leben tritt und hoffentlich umso kräftiger und 
länger blühen wird, als sie spät begonnen hat, erscheint als das Organ 
des neu begründeten Vereins für österreichische Volkskunde. 

Aufgabe des Vereins wie seiner Zeitschrift ist die vergleichende 
Erforschung und Darstellung des Volksthums der Bewohner Österreichs. 

Von den Karpathen bis zur Adria wohnt in dem von Natur und 
Geschichte gefügten Rahmen des Vaterlandes eine bunte Fülle von 
Völkerstämmen, welche wie in einem Auszug die ethnographische Mannig- 
faltigkeit Europas repräsentiert. Germanen, Slaven und Romanen — die 
Hauptstämme der indo-europäischen Völkerfamilie — setzen in verschiedener 
historischer Schichtung und nationalen Abschattungen die österreichische 
Bevölkerung zusammen. Wir bekümmern uns aber nicht um die Natio- 
nalitäten selbst, sondern um ihre volksthümliche, urwüchsige Grundlage. 
Um Erforschung und Darstellung der volksthümlichen Unterschicht ist 
es uns allein zu thun. Das eigentliche Volk, dessen primitivem Wirt- 
schaftsbetrieb eine primitive Lebensführung, ein urwüchsiger Geistes- 
zustand entspricht, wollen wir in seinen Naturformen erkennen, erklären 
und darstellen. f>steres durch die Mittel und Methode der Wissenschaft 
in unserer Zeitschrift ; letzteres. — da die volksthümlichen Dinge in raschem 
Verschwinden begriffen sind, durch ihre Bergung und Aufsammlung in 
einem Museum. 

Beide Thätigkeiten werden auf österreichischem Boden von selbst 
und nothgedrungen vergleichende sein. Durch die bunte ethno- 
graphische Zusammensetzung Österreichs ist uns die vergleichende 
Richtung des Volksstudiums geradezu als selbstverständlich gegeben. 
Wir brauchen gar nicht auf^r Landes zu gehen, wie die deutsche, wie 
die romanische Volkskunde, um über die nationale Formel hinaus die 
wissenschaftliche zu finden. Die geographische Verbreitung der volks- 
thümlichen Dinge, Ideen und Sitten wird sich durch die Vergleichung 
überall constatieren lassen und wir werden an der vielfachen Identität 
der naturwüchsigen Volksäußerungen, welche über alle nationalen Grenzen 
hinwegreicht, ein tieferes Entwicklungsprincip als das der Nationalität 
erkennen müssen. Diese Erkenntnis bei allen Beobachtern des Volkes 
anzubahnen und zu befestigen, ist ein innig erstrebtes Ziel unserer Zeit- 
schrift, die sich volle Unbefangenheit in nationalen Dingen strengstens 
zur Richtschnur nehmen wird. Wäre ein derartiges Organ schon länger 
in Österreich wirksam gewesen, — vielleicht wäre manches anders in 
unserm Vaterlande. 

Die Vergleichung also schreibt unsere Zeitschrift sich vor allem 
auf ihre Fahne. Sie will ein Mittel- und Knotenpunkt der vielen, zum 

Z«tt9cbnt't für österr. Volkskunde. I. l 



2 Haberlandt, 

Theile noch ganz losen Fäden sein, welche die Volksforschung an 
zahlreichen Punkten bereits angesponnen und um ein redliches Stück 
gefördert hat. Sie will die Bausteine, die hier und dort bereits aus dem 
Schachte des Volksthums gebrochen und aufgehäuft sind, zusammentragen 
lassen und das Gebäude einer österreichischen Volkskunde zu errichten 
und auszubauen beginnen. Wir werden so leichter erkennen, wo und 
wieviel es uns noch an Material gebricht, die Lücken werden offenkundig 
und die nothdürftig fertiggestellten Partien werden hervortreten. Wir 
werden planmäßiger arbeiten können, und jeder wackere Mitarbeiter an 
dem gemeinsamen Werke wird seinen Spaten oder seinen Meißel an' 
einem Punkte ansetzen können, wo er am dringendsten gebraucht wird. 
Außerdem wird die österreichische Forschung auf volksthümlichem Gebiete 
nicht mehr gezwungen sein, ins Ausland zu gehen, um die Frucht redlicher 
Bemühungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Ohne dem Pfahlbürger- 
thum das Wort reden zu wollen, darf es wohl für das österreichische 
Gefühl beschämend genannt werden, wenn wir schöne Arbeiten über 
Österreichs Volksthum in — Berlin gedruckt sehen, wo der deutschen 
Volkskunde allerdings eine so verehrungswürdige Pflegestätte errichtet ist. 

Was wir in unserer Zeitschrift bringen wollen, weiß jeder Volks- 
kundige auch ohne systematische, so schwer befriedigend zu liefernde 
Anweisung! Wir werden uns kürzer fassen, wenn wir mittheilen, wa^ 
wir nicht bringen wollen. Wir beschäftigen uns nicht mit der Naturseite 
der österreichischen Bevölkerung: im strengen Sinn anthropologische 
Untersuchungen über die österreichische Bevölkerung sind von unserer 
Zeitschrift ausgeschlossen. Ausgeschlossen sind ferner Ermittlungen über 
die praehistorische Bewohnerschaft Österreichs, insofeme nicht ein Faden 
von einer wie immer fern liegenden Vorzeit auf unsere Tage heraufführt. 
Die Vergangenheit unserer heimischen Völkerstämme wird von uns über- 
haupt vorwiegend vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt berück- 
sichtigt, insoweit sie eben auf die Existenz und Form volksthümlicher 
Schöpfungen und Äußerungen von Einfluss gewesen ist. Innerhalb dieser 
Abgrenzung ist uns jede volksthümliche Arbeit willkommen, sie beziehe 
sich auf das Äußere oder das Innere, auf Leben oder Kunst, auf Sprache 
oder Sitte, Glaube oder Aberglaube des Volkes. Wir bitten nur um 
treue und gewissenhafte Beobachtung, schlichte, ungeschminkte Schilderung, 
wir bitten nur um Objectivität und Wahrheit. 

Die Einrichtung dieser Zeitschrift wird den doppelten, theilweise 
praktischen Zweck unseres Vereines, nämlich der Volkskunde Österreichs 
durch die Forschung und auf musealem Wege zu dienen, ge- 
treulich widerspiegeln. Sie wird in fünf durchlaufenden Haupt- 
abtheilungen diesem Doppelzweck möglichst gerecht zu werden suchen. 
Die erste Abtheilung wird selbständige und ausgereifte Arbeiten 
abhandelnder Natur, von Fall zu Fall auch wohl Materialsammlungen 
bringen. Wo die Deutlichkeit dabei Abbildungen erfordert, sollen sie — 
allerdings mit gebotener Sparsamkeit — beigegeben werden. Die zweite 
Rubrik wird kleinere Mittheilungen über volksthümliche Dinge 



Zum Beginn! 3 

und Erscheinungen enthalten. Abgerissene Beobachtungen, vereinzelte 
Wahrnehmungen werden hier stets ihre Notierung finden. Insbesondere 
werden es die greifbaren Stücke volksthümlicher Art sein, auf die 
wir in dieser Abtheilung aufmerksam gemacht zu werden wünschen: 
denn wir möchten eine recht frische, fröhliche Jagd auf volksthümliche 
Musealstücke in ganz Österreich in Bewegung setzen — ehe es für viele 
Dinge damit zu spät wird. 

In einer dritten Abtheilung versuchen wir eine volkskundliche 
Chronik aus Österreich einzurichten, in welcher Nachrichten über 
Bemühungen und Vorkommnisse auf ethnographischem Gebiet, als Aus- 
stellungen, Volksschauspiele, nationale Feste, Äußerungen des Aber- und 
Wunderglaubens u. s. w. ihren Platz finden sollen. Wir bitten alle unsere 
Mitglieder an diesem volkskundlichen Nachrichtendienst freundlichst theil- 
nehmen zu wollen, dessen Werth naturgemäß mit seiner Vervoll- 
ständigung steigen wird. 

Die volkskundliche Literatur aus Österreich wird in 
unserer vierten Rubrik ihre Musterung und Würdigung finden. Neben 
der Kritik werden wir regelmäßig eine Übersicht der volkskundlichen 
Erscheinungen eines jeden Jahres — nach Einzelwerken und dem Inhalt 
der Zeitschriften geordnet und für jedes I^nd zusammengestellt — 
bringen, eine Arbeit, welche jeden Mitforscher, der nicht an reichbesetzter 
Tafel großer Bibliotheken sitzt, willkommen sein und vielen Anderen 
eigene Mühe ersparen dürfte. Auch in diesem, wie in den vorhin be- 
sprochenen Punkten soll sich die vermittelnde, centrale Stellung unserer 
Zeitschrift fruchtbar kundgeben. 

Endlich gedenken wir an fünfter Stelle jene Mittheilungen 
aus dem Leben unseres Vereines zu veröffentlichen, welche unseren 
Mitgliedern von Interesse sein können. Neben den Berichten über unsere 
Versammlungen und deren Vortrags- und Berathungsprogramm wollen 
wir hier namentlich über unsere Erwerbungen Auskunft geben und 
damit das Interesse an dem Anwachsen unseres Museums rege 
erhalten und befeuern. Wir wollen zum Schluss unseren Mitgliedern und 
Mitarbeitern in einem letzten Fach der Vereinsnachrichten Gelegenheit 
bieten, durch Umfragen über volkskundliche Dinge, die aus dem Kreise 
unserer Leser ihre Beantwortung finden mögen, aus unserer Vereinigung 
directen Gewinn zu ziehen. 

So haben wir denn versucht, die Einzelheiten unseres Programms, 
mit dem wir vor unsere Freunde, vor die Freunde unserer Sache treten, 
zu rechtfertigen und die verschiedenen Arbeitsrichtungen, in welche sich 
unser Grundgedanke auseinanderfaltet, zu entwickeln. 

Der Grundgedanke selbst, der unserem Vereine und dieser Zeitschrift 
innewohnt, bedarf freilich erst keiner Begründung. Er ist unser Palladium, 
um welches nicht gefragt wird, um das man sich zusammenschaart. 
Mögen wir unter ihm der Wissenschaft und dem Vaterlande recht er- 
folgreich dienen! Dr. M, Haberlandf, 



Das VolksmäBige und die Gegenwart. 

Von Prof. Dr. Alois Riej^l, Wien. 

Das «Volk», dessen Studium sich der Verein für österreichische 
Volkskunde widmen will, ist nicht das Volk im politischen Sinne : weder 
der tiers-etat der Feudalzeit, noch der vierte Stand der modernen Ge- 
sellschaftsordnung ; aber auch nicht das Volk in streng ethnographischem 
Sinne, das alle Angehörigen eines und desselben Stammes, ohne Rück- 
sicht auf Gesellschaftsunterschiede, umfasst. Das Volk, dessen äußere 
Erscheinung wie inneres Leben, körperliche wie geistige Typen, Alltags- 
gebräuche wie künstlerisches Empfinden, — kurz dessen Leib und Seele 
zu erkunden unser Verein sich zur Aufgabe gestellt hat: dieses Volk 
begreift in sich alle diejenigen, deren ganze Lebenshaltung auf der bloßen 
Tradition, auf der lebendigen und in den wesentlichsten Dingen unge- 
brochenen und ungetrübten Familienüberlieferung beruht Der für unsere 
moderne städtische Cultur so bezeichnende Drang des AlleswissenwoUens 
existiert für dieses Volk nicht, und naturgemäß ebensowenig das unfehl- 
bare Mittel, mit dem wir Städter jenen Drang zu beschwichtigen bestrebt 
sind : die schulmäßige Bildung. Noch immer weist Österreich einen über- 
aus großen Procentsatz von Analphabeten in seiner Bevölkerung auf, 
und bei vielen von den Übrigen beschränkt sich der Zweck des Schul- 
besuches bloß auf die Erwerbung derjenigen primitivsten Kenntnisse, die ' 
im täglichen Kampfe ums Dasein unentbehrlich geworden sind. 

Alle die großen Fragen, welche die Gegenwart bewegen, lassen 
dieses Volk kalt, und die Aufgaben und Leistungen, die uns Städter 
täglich in Athem halten, gelangen spät oder gar nicht zu seinem Be- 
wusstsein, so wichtig, ja entscheidend dieselben auch für seine künftigen 
Geschicke sein mögen. Die weltumwälzenden technischen Erfindungen, 
das die Literatur völlig beherrschende Zeitungswesen, das in krampf- 
haften Anstrengungen sich äußernde Kunstschaffen, alles dies geschieht 
nicht durch und ebensowenig für jenes Volk, sondern nur für die Träger 
der modernen städtischen Cultur. 

Dieser Gegensatz zwischen der Lebenshaltung der städtischen und 
derjenigen der Landbevölkerung im allgemeinen ist nicht von heute, 
wenngleich er bisher niemals so schroffe Formen angenommen hatte als 
wie in unseren Tagen. Nur hat man ihn allezeit in früheren Jahrhunderten 
als etwas Selbstverständliches hingenommen ; den Städter interessierte die 
Landbevölkerung ledigUch als der für seinen materiellen Unterhalt noth- 
wendige Nährstand. Hinsichtlich der Äußerungen des Seelenlebens er- 
schien dem Städter doch nur einzig der städtische Culturmensch der Be- 
achtung wert. Die Entdeckung, dass auch das in urhergekommenen 
Traditionen befangene, aller Schulweisheit baare 5 Volk» eine Seele be- 
sitzt, welche die Aufmerksamkeit der «Gebildeten» in höchstem Maße 
verdient: diese Entdeckung blieb merkw^ürdigerweise unserer Zeit vor- 
behalten, — einer Zeit, in welcher sich die Kluft zwischen städtischer über- 
hitzter Bildung und ländlicher Einfalt mehr denn je vorher verbreitert hat. 



Das Volksmäfiige und die Gegenwart. c 

Die Erscheinung- ist höchst auffallend und fordert zu einer Er- 
klärung heraus. 

Man könnte eine solche in dem Bedürfnisse nach Weltflucht er- 
blicken, das den modernen Städter so häufig aus dem nervenaufregenden 
Allerlei seiner Berufsthätigkeit in die besänftigende Muße ländlicher Ab- 
geschiedenheit treibt. Auf solche Weise lernt der Städter das Landvolk 
erst aus egoistischen Gründen schätzen, und dann allmählich auch ver- 
stehen. Aber der wahre Grund unseres jungerwachten Interesses an dem 
ganzen — leiblichen wie geistigen ~ Leben des Landvolkes Hegt doch 
viel tiefer: es ist nicht bloß das flüchtige und oberflächliche Bedürfnis 
nach Belustigung und spielender Anregung, das uns dazu antreibt, 
sondern eine sehr ernste und hoch ethische Empfindung. 

Es wird wenige Menschen geben, deren Gemüth durch krankhafte 
Anlage und widrige Schicksale so verhärtet wäre, d^s sie in reiferen 
Jahren nicht mit Pietät an ihren Jugenderinnerungen — sei es freudigen, 
sei es selbst wehmüthigen — hängen würden. Gegenstände, deren ab- 
soluter Werth nahezu Null ist, gewinnen Bedeutung als Andenken aus 
der längstentschwundenen Jugendzeit. Und je mehr ein Individuum von 
den Stürmen des Lebens umhergeworfen wurde, je weiter und je länger 
es sich von der Stätte seines ersten leiblichen und geistigen Werdens 
entfernt hat, desto höher schätzt es, desto sorgsamer pflegt es die 
kümmerlichen geretteten Erinnerungen. So schafft sich der Mensch ein 
ideales Gut, das ihn erhebt, adelt, verklärt inmitten des Kampfes um die 
materiellen Güter dieser Erde. 

Was aber vom einzelnen Individuum, das gilt auch von ganzen 
Völkern in ethnographischem Sinne. Da sind es gerade die Gebildeten, 
die Städter, die die Härten und die gemein-egoistischen Seiten des 
modernen Kampfes ums Dasein so peinlich und unerträglich finden, und 
die sich daher sehnen nach der geistigen Anschauung eines goldenen 
Zeitalters, das sie genau so wie schon die Dichter des Alterthums, und 
mit vollem Rechte, in den kindlichen Entwicklungsstadien ihres Volkes 
vermuthen. Die Andenken an diese kindlichen Entwicklungsstadien aber : 
sie liegen vor in den Eigenthümlichkeiten unseres stadtentrückten Land- 
volkes, in seinen Gewohnheiten und Gebräuchen, in seiner Sprache 
und Kunst. 

Darin liegt der Grund unserer heutigen Begeisterung für alles 
Volksmäßige, ja bis zu einem gewissen Grade der antiquarischen Neigungen 
unseres Zeitalters überhaupt: man will sich neue Ideale schaffen, nach- 
dem so manche von den alten ihre wärmende Kraft eingebüßt haben. Je 
unwiderstehlicher die utilitarische Strömung der Gegenwart mit Natur- 
nothwendigkeit anwachsen muss, desto freudiger haben wir jede erlösende 
Erscheinung zu begrüßen, die uns zu selbstlosem Streben und reinem 
Genüsse fortreißt. 

Diese ethische Seite der modernen Begeisterung für das Volksmäßige 
ist es, die der Verein für österreichische Volkskunde zu stützen und zu 
pflegen sich anschickt. Die Gegenwart hat aber bereits in den letzten 



6 Riegl, 

Jahrzehnten in sehr verschiedenartiger Weise zum Volksmäßigen Stellung 
genommen, ja es hat auch nicht an sehr achtenswerten Versuchen gefehlt, 
das Volksmäßige in unmittelbar lebendige Beziehungen zur modernen 
Cultur zu setzen. Solchen Bestrebungen gegenüber dünkt es uns noth- 
wendig, von vornherein die diesbezügliche Auffassung des Vereines klar- 
zulegen, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen. 

Jean Jacques Rousseau hat das einzige Heil für den Städter, welcher 
der «Verbildung» der damaligen Zeit entrinnen wollte, in einer Flucht in 
die ländliche Einfalt erblicken zu müssen geglaubt, und er hat für diese 
Anschauung zahlreiche, wenn auch nur theoretische Anhänger gefunden. 
Heute möchte eine solche Lehre nur bei einigen Sonderlingen einer über- 
zeugten Aufnahme begegnen. Trotz aller Begeisterung für das Volks- 
mäßige würde kaum ein ernst zu nehmender Städter sich entschließen, 
auf seinen Antheil an der modernen Cultur zu verzichten, was ja selbst 
Graf Tolstoj nur in beschränktem Maße gethan hat. Aber das Volk selbst 
— so hört man manche gewichtige Stimmen sich äußern — dieses soll bei 
seiner ererbten Lebenshaltung verbleiben : bei seinen Sitten und Gebräuchen, 
seinen Sagen und Liedern, seinen Kunst- und Handfertigkeiten. Es läge 
im wohlverstandenen Interesse des Volkes selbst — so hört man argu- 
mentieren — wenn dasselbe dauernd auf der bisher erreichten Culturstufe 
beharrend bliebe. 

Indem der Verein für österreichische Volkskunde die Erforschung 
der Volksseele und aller ihrer Äußerungen auf breitester Basis in Angriff 
zu nehmen sich anschickt, wird man von ihm mit Recht eine Erklärung 
darüber verlangen dürfen, wie er sich zu den eben gekennzeichneten An- 
schauungen zu verhalten gedenkt. So sei denn sofort gesagt, dass diese 
Anschauungen nicht die unserigen sind. 

Wir glauben nicht das Recht dazu zu besitzen, das Volk künstlich 
und gewaltsam auf seiner heutigen Culturstufe (die sich ja z. B. auch in 
bestimmten abergläubischen Vorstellungen äußert) zurückhalten oder voll- 
ends dasselbe auf eine noch primitivere Stufe zurückschrauben zu dürfen. 
Wir brauchen uns den Nachtheilen städtischer Convenienz gegenüber 
ländlicher Einfachheit nicht zu verschließen, und müssen trotzdem an- 
erkennen, dass die Gebräuche und Gewohnheiten der Städter einer höheren 
Culturstufe entsprechen, und dass uns der Mangel derselben unglücklich 
machen würde. Wie vermöchten wir es zu rechtfertigen, wenn wir das 
Volk vom allmählichen Aufsteigen in diese höhere Culturstufe gewaltsam 
ausschließen wollten? 

Aber nicht allein künftiger Vergünstigungen würden wir das Volk 
auf die angedeutete Weise berauben: wir würden sogar Gefahr laufen, 
ihm bereits in der Gegenwart Schädigung seiner materiellen Interessen 
zuzufügen. Was uns z. B. an der Thätigkeit der Landbevölkerung heute 
mit so vielfachem Entzücken erfüllt, sind seine Handfertigkeiten. Aber 
gerade diese zeitraubenden und daher wenig lohnenden Handarbeiten ge- 
statten stellenweise und unter Umständen dem Landvolke keinen höheren 
wirtschaftlichen Aufschwung; wenn wir dem Landvolke in solchen Fällen 



Das Volksmäßige und die Gegenwart. y 

das Beharren dabei predigen und es dadurch an der Ergreifung lohnenderer 
Beschäftigungszweige hindern, so ermuntern wir es zu Dingen, die es in 
seiner Armuth und wirtschaftlichen Abhängigkeit dauernd erhalten sollen. 
Einem so verantwortungsvollen Grebahren wird unser Verein grundsätzlich 
allezeit ferne stehen müssen. 

Noch weniger aber denken wir daran, den unvermeidlichen Process 
der allmählichen Enteignung des Landvolkes von der Tradition künstlich 
zu beschleunigen. Es hieße nicht bloß wider unser eigenes Interesse — 
der bewundernden Freude der Städter am Volksmäßigen — sündigen, es 
hieße vielmehr geradezu in den entgegengesetzten Fehler verfallen, wenn 
wir gewaltsam Altäre stürzen wollten, die dem I^ndvolke heute glück- 
licherweise noch als solche gelten. 

Ja, es gibt sogar gewisse Bestrebungen nach Conservierung des Volks- 
mäßigen in lebendigem Gebrauche, die der Allgewalt des Naturlaufs nicht 
stracks widerstreiten, und die sich daher auch unseres Beifalls werden 
erfreuen dürfen. Solche unterstützungswürdige Bestrebungen erkennen 
wir z. B. darin, wenn man sich in den tirolischen Hochthälern bemüht 
zeigt, die altererbten Volkstrachten vor dem Untergange zu bewahren; 
oder wenn man seine Theilnahme den Passionsspielen zuwendet, für deren 
wahrhaft ergreifende Darstellung nur mehr die zugleich echte und naive 
religiöse Empfindung des Landvolkes auszureichen scheint ; oder wenn man 
die rutenischen Bauern aneifert, sich den farbenfrohen Luxus ihrer gobelin- 
gewebten Bettdecken und Banklaken nicht abzugewöhnen u. s. w. 

Wir glauben also mit unseren Anschauungen darüber, wie wir es 
mit dem Verhältnisse des Volksmäßigen zur lebendigen Gegenwart zu 
halten gedenken, nicht missverstanden werden zu können: keine künst- 
liche Stauung dort, wo sich dieselbe natumothwendig nur rächen müsste, 
zum Schaden des Landvolks, dem wir mit unserem doch so wohlgemeinten 
Schutze zu nützen glaubten! Aber auch keine Beschleunigung der Zer- 
störung, kein Vorschubleisten dem Processe, bei dem uns ohnehin mehr 
das Verfallende als das Künftige, das Werdende am Herzen liegt; ja selbst 
besonnenes Aufhalten auf solchen Gebieten, auf denen es ohne Wagnis 
geschehen kann! 

Zur österreichischen Sagengeschichte. 

Von Dr. Richard v. Kralik, Wien. 
I. 

Zu den Idealen, die eine auf die Volkskunde gerichtete Arbeit an- 
zustreben hat, scheint mir eine österreichische Sagengeschichte zu gehören. 
Dies ist nämlich das Gebiet, wo die Phantasie, die Aufnahmsfahigkeit und 
die Stellung des Volksgeistes zu den höchsten Interessen der nationalen 
Üichtung, zur Geschichtsauffassung und zum staatlichen Leben unmittelbar 
zum Ausdruck kommt. Bekanntlich ist das Bild, das sich das Volk im 
weitesten Sinn über die Vergangenheit, über die leitenden Mächte der 
Geschichte und Politik macht, ein ganz anderes, als das von der Historie 



3 Kralik, 

hergestellte. Aber selbst der Historiker kann kaum sagen, dass jenes 
weniger wahr und weniger wichtig sei, als das von ihm gesehene. Ja, der 
Philosoph darf, seit dem berühmten Ausspruch des Aristoteles, die Dichtung 
und Sage sogar für wesentlicher und lehrreicher halten als die kritische 
Geschichte. Nicht nur das, was wirklich geschehen und eds solches von 
der Kritik anerkannt ist, gehört zur Geschichte der Menschheit, sondern 
noch vielmehr das, was die Menschen selber als geschehen geglaubt haben. 
Denn jenes bringt nur zufallig'e, äußerliche Ereignisse, dies aber eröffnet 
uns die Seele des Volkes selbst mit seinen Bestrebungen, Gefühlen, (xe- 
danken. Darum darf die Volkssage als etwas, das einmal wirklich geglaubt 
und gesagt wurde, selbst vom Historiker nicht ignoriert werden, denn 
schon der Glaube und die Überlieferung ist eine historische Thatsache. 
Einer der bedeutendsten lebenden Historiker (Die Geschichtswissenschaft 
in ihren Hauptrichtungen und Aufgaben kritisch erörtert von Dr. Ottokar 
Lorenz) hat bedauert, dass bei dem Fortschreiten der historischen Kritik in 
den Geschichtswerken bald nichts mehr von dem zu finden sein wird, was 
als lebendige Überlieferung im Volk lebt und was ihm allein die Geschichte 
wissenswert macht, wenn es sich auch gerade nicht aus den Acten belegen 
lässt, ja wahrscheinlich oder gewiss sich nicht so ereignet hat. Aber mag 
immerhin der kritische Historiker Recht haben, nur dem aus gleichzeitigen 
Protokollen Belegten zu trauen, — hier muss dann eben die Sagenkunde 
eintreten und das, was der Historiker ausgeschieden hat, für das Bewusst- 
sein und die Überlieferung des Volkes retten. Sie wird damit nicht 
nur die historische Neugierde nach Curiositäten menschlichen Irrglaubens 
befriedigen, sondern sie wird dazu beitragen, die Psychologie des Volkes 
zu würdigen, sie wird durch Erhaltung und Pflege jener Elemente, die 
mit dem Phantasieleben zusammenhängen, die gesunde Harmonie aller 
Vermögen der Volksseele bewahren, sie wird der nationalen Dichtung den 
gesündesten und classischen Boden bereiten, ja sie wird noch mehr als 
die historischen und politischen Wissenschaften jenes historische und 
staatliche Bewusstsein tragen, ohne das kein Volk groß werden und groß 
bleiben kann. 

In diesem Sinne möchte ich hier zerstreute Materialien zu einer 
künftigen umfassenden österreichischen Sagengeschichte zusammentragen. , 

Ursagen. 

In der sogenannten Hagen'schen Chronik aus dem Ende des 14. Jahr- 
hunderts findet sich eine vollständige Urgeschichte von Österreich von 
der Mitte des zweiten Jahrtausends -vor unserer A'era bis auf Rüdiger von 
Bechlarn. Dass die Geschichte damit nichts zu thun haben kann, war 
von jeher klar. Es fragt sich nur, ob auch die Volkskunde daraus keinen 
Nutzen ziehen darf, ob deis Ganze nur etwa die Erfindung eines einzelnen 
gelehrten Fälschers ist. Dies ist wohl denkbar, aber nicht wahrscheinlich. 
Die größere Anzahl der Manuscripte spricht dagegen, noch mehr die 
bedeutenden Varianten, in verschiedenen Fassungen, lateinisch und deutsch. 
Man hat im 15. Jahrhundert fest daran geglaubt, so fest, dass Kaiser 
Friedrich III. in Wiener-Neustadt die bekannte und berühmte Wappen- 



Zur österreichischen Sagengeschichte. I. n 

wand zur Verherrlichung dieser Urgeschichten mit großem Aufwand her- 
richten ließ (Dr. Karl Lind, die St. Georgskirche zu Wiener-Neustadt in 
den Ber. des Alt-Vereins zu Wien, 1865). 

Ein noch viel stärkerer Grund für die Echtheit dieser Sage scheint 
mir die Analogie mit angelsächsischen und nordischen Geschichtsregistern 
zu sein, besonders mit der Inglingasage des Snorri und dem ihr zugrunde 
liegenden Gedicht des Thiodolf von Hvin «Inglingatab. Hier wird auch 
nur eine dürftige Aufzeichnung von langen dürren Geschlechtsregistern 
gegeben, die aber auf älteren ausführlicheren Sagen zu beruhen scheinen. 
Vor allem ist merkwürdig, dass in jenen nordischen Registern ebenso wie 
in unsern österreichischen die genaue Bestimmung des Begräbnisortes zur 
Hauptsache gemacht ist. Als solche Begräbnisorte sind bei uns angegeben ' 
Stockerau, TuUn, niederhalb TuUn zwei Meilen, Trautmannsdorf, bei Neu- 
stadt, Greifenstein, Nussdorf, Komeuburg, ober- und niederhalb Nussdorf, 
Kahlenberg, unter dem Kahlenberg, der Bühel bei St. I..azarus auf dem 
Feld, vor dem Werderthor, Klosterneuburg, vor dem Stubenthor, Lorch- 
Enns, Schneeberg, Petersdorf, ober der Enns, Kamerthor, Greitschenstein, 
Schottenthor, Bern in Lamparten u. s. w. Dies scheint mir am meisten 
zu beweisen, dass jene Fürstenregister nicht lediglich in der Gelehrtenstube 
ausgesonnen worden, sondern dass sie auf Sagen beruhen, die sich um 
damals, ja theilweise auch heute noch, bestehende prähistorische Grab- 
hügel in der Phantasie des Volkes gebildet und überliefert haben. So 
haben diese scheinbar in der Luft schwebenden Sagen einen festen Boden 
gefunden, ja ich glaube, die prähistorische Forschung würde nicht immer 
enttäuscht werden, wenn sie an der Hand dieser alten verachteten Grab- 
register einige der am häufigsten bezeichneten Stellen, z. B. den Kahlenberg 
und Nussberg absuchen würde. Dann würden wir vielleicht gar noch 
die Leiber unserer mythischen Urfursten mit ihren barbarisch klingenden 
Namen zu sehen bekommen, ungefähr so, wie Kimon den erstaunten 
Athenern die neuentdeckten Überreste des Theseus zubrachte. Ich selber 
glaube an manchen der angegebenen Stellen Spuren gesehen zu haben, 
die wohl entweder von einem alten Grabhügel herrühren, oder doch einst 
im Mittelalter für Grabhügel können gegolten haben; und das wäre, 
wenigstens für unseren näheren Zweck, schon genug. 

Wie gesagt, umfasst jene mythische Zeit, von der die Sage eine 
ununterbrochene Herrscherreihe anzugeben vermag, einen Umfang von 
mehr als zwei Jahrtausenden. Sie beginnt mit der Mitte des zweiten 
Jahrtausends vor Christus, also mit derselben Zeit, wo auch die mythische 
Erinnerung der Griechen beginnt, und sie geht bis etwa 900 nach Chr. 
Wenn auch alles andere mehr oder weniger auf Volksüberlieferungen 
beruhen mag, diese lückenlose Registrierung ist natürlich nur gelehrte 
Arbeit. Ich wage es nicht, anzunehmen, dass die erste Registrierung um 
jene Zeit gemacht wurde, oder bald nachher, wo das Register abschließt, 
obwohl dadurch die Analogie mit der Inglingasaga noch vollständiger 
würde, denn Thiodolf von Hvin, der Dichter von «Inglingatal» gehört 
eben jener Zeit, der Zeit Haralds des Schönhaarigen, an.» 



lO 



U. Kleine Mittheilungen. 



1. 

Der Samson-Umzug in Krakaudorf bei Murau. 

(Mit 2 Abbildungen.) Von E. Ei sie, Liezen. 

Alljährlich am Oswaldi - Sonntag (dem ersten Sonntag im August) findet in Krakaudorf 
bei Murau ein Umzug oder eine Procession gleich jener am Frohnleichnamsfeste statt, jedoch 
ist dieses Fest mit einem in Steiermark allein üblichen Samson-Umzug verbunden. Die dabei 
ausgeführte Sarason- Figur ist eine 5 Meter hohe Holzfigur, eigentlich ein Holzgerüst mit einem 
ungeheuren Kopfe, worauf eine Grenadiermütze, mit einem gelben Kittel bekleidet, der einen 
rothen Brustlatz mit Silberborten besitzt, in der einen Hand eine Lanze, in der anderen einen 
Eselskinnbacken haltend. In diesem Holzgerüst ist unten ein Brett mit Ausschnitt befestigt, durch 
welchen ein Mann den Kopf hindurchzustecken vermag, so dass die ganze I^st auf seinen Schultern 
ruht. Im Vordertheile des Kittels, der bis zur Erde reicht, befindet sich ein Loch, durch welches 
der Träger hindurchblicken und auch Erfrischungen zu sich nehmen kann. Zu Seiten des Trägers 
gehen je zwei Mann, um ihn beim Stehen, sowie auch beim Auf- und Abladen der Last zu unter- 
stützen. Es versteht sich, dass der stärkste Mann des Ortes das Amt des Samsonträgers übernimmt. 
(Vergl. Abbildung Fig. i.) 

Am Vorabend des obengenannten Sonntags nun wird das Holzgerüst mit der auf- 
bewahrten Montur bekleidet. Vor dem Gebetläuten stellen sich zwei Tambours am Standorte 
ein, worauf der Samson unter Trommelschlag und Begleitung der Dorfjugend auf den Kirchenplatz 
geleitet wird. Hier wartet man nun das Avemarialäuten ab, worauf eine Musikkapelle mit lustiger 
Weise voranzieht, nach deren Tact der Samson sich tanzend fortbewegt. Es ^werden nacheinander 
dem Pfarrhause, dem Schulhause und dem Bürgermeister Besuche abgestattet, wonach der Samson 
wieder auf seinen Ruheplatz zurückgebracht wird. 

Am Oswaldi-Sonntag selbst findet Nachmittags, nachdem bereits Vormittags eine kirch- 
liche Procession ganz ähnlich jener am Frohnleichnamstage stattgefunden hat, der eigentliche Samson- 
Umzug unter Begleitung des einheimischen Schützencorps statt. Dasselbe besteht aus ungefähr 60 
Mann, die Montur und Waffen anlegen. Sie tragen eine Grenadiermütze, dunkelgrünen Spitzfrack 
nach französischem Muster, weisse Hosen mit rothen Streifen und sind mit alten Vorderladern aus- 
gerüstet. Ihr Hauptmann trägt einen Säbel mit Porte-fep^, so auch der erste Lieutenant. Sobald 
der Nachmittagssegen vorüber ist, bildet sich der Umzug. Voran die Musik, dann das Schützen- 
corps, darauf der tanzende Samson. In dieser Ordnung bewegt sich die lärmende Procession unter 
häufigen Ehrensalven des Schützencorps am Pfarrhof, Schulhaus und Bürgermeisteramt vorüber bis 
an das Ortsende, woselbst sie sich auflöst. 

Dieser Umzug soll im Jahre 1809 von einem zurückgebliebenen Franzosen eingeführt 
worden sein. Auch erlaube ich mir zu bemerken, dass an diesem Tage weder Tanz noch anderer 
Unfug von den Ortsinsassen geduldet wird. 

[Das Werk: «Die Österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild», 
Band Steiermark, erwähnt p. 174 des Krakaudorfer Samson - Umzugs in ähnlicher Schilderung, 
nur trägt nach seinem Gewährsmann, Herrn Lehrer Johann Krainz, der Samson statt des Esel- 
kinnbackens in der Linken eine Keule. Die Leute des Schützencorps werden hier «Prangschützen» 
genannt. Vergl. auch J. Krainz: «Der Samson-Umzug in Krakaudorf», Graz. Tagesp. 1887, 
Beilage zu No. 207. 

Ein ganz analoger Samson- Aufzug fand nach J. v. Kürsinger, Lungau, p. 256 ff. in 
der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts noch an verschiedenen Orten des Lungau statt. Nach 
Kürsinger's Gewährsmännern, den Chronisten Kocher und Vogt, ist der Samson-Umzug im 18. 
Jahrhundert, neben dem Goliath-Umzug ein beliebtes Volksschauspiel des Lungau gewesen. Am 
vollständigsten erhalten war die Feierlichkeit zu Kürsinger's Zeiten (1853) in Tamsweg, woselbst 
sie nach dem Grewährsmann des Werkes: «Die Österreichisch - ungarische Monarchie in Wort und 
Bild», Band Oberösterreich und Salzburg, p. 448, noch heute alljährlich abgehalten wird. Der 
Tamsweger Samson-Umzug fallt auf den Frohnieich namstag. Kürsinger's Schilderung deckt sich 
vollständig mit der Zillner's. «Charakteristisch sind die zwei Edelfräuleins des Samson», zwei 
weibliche Zwerge mit ungeheuren Köpfen, die an den ehemaligen Passauer Tölpel erinnern. (Ver- 
gleiche Abbildung Fig. 2.) 



Kleine Mittheilungen. 



II 




Fig. I. Der Samsonumzug in Krakaudorf. Nach einer Photographie von E. Eislc. 

[Fr. Zillner bezeichnet den Samson wol mit Recht als eine aus den ligurenreichen 
Frohnleichnaroszügen des vorigen Jahrhunderts (nach dem Chronisten Kocher bei Kürsinger 1. c. 
p. 259: «Moise und Aron, Abraham und Isakh, Goliath und die Judith») herübergerettete Parade- 
tigur. Zusatz der Redaction.] 

2. 

Zur Arbeitstheilung auf volkskundilchem Gebiete. 

Von Maler Ludwig Hans Fischer, Wien. 

Der Verein für österreichische Volkskunde, dessen Gründung ich mit großer Freude 

begrüße, hat in seinen Statuten und in dem ausgesandten Aufruf in kurzen Zügen seine Wirk- 



Kleine Mittheilungen. 




Fig. 2. «Alljährlicher feierlicher Umzug des Samson in Tamsweg». 
Au5 J. von Kürsingers «Lungau», Salzburg 1853. (Vergl. S. 10.) 



samkeit skizziert. Mit dem Bestehen des Vereines tritt nun die Notwendigkeit heran, diese 
Grundideen praktisch durchzuführen, und es dürfte sich mit der Zeit ergeben, dass die riesige 
Arbeit, welche dem Vereine bevorsteht, nur dadurch erreicht werden kann, wenn sich einzelne 
Sectionen aus den Mitgliedern bilden, von denen jede einen bestimmten Arbeits- oder Forschungs- 
zweig übernimmt. 

Ich denke mir die Art der vorläufigen Arbeit mosaikartig, aber systematisch. Um ein 
klares Bild von der Bevölkerung eines Kronlandes zu erhalten, handelt es sich vor allem darum, 
von allen jenen Orten, welche sich wie immer von einander unterscheiden, ein vollständiges Bild 
seiner Bevölkerung, deren Industrie, Tracht, Spracheigenthümlichkeiten, Volkssagen und Bauart 
ihrer Häuser zu bekommen. Vorläufig möchte ich diesbezüglich dem Vereine zwei Vorschläge 
machen, Detailsammlungen anzulegen, welche dann seinerzeit dazu verhelfen können, die Gesammt- 
arbeit zu vervollständigen. 

I. Vorschlag: Eine Arbeit, welche thatsächlich erst zu beginnen hätte, wäre eine 
Sammlung photographischer Aufnahmen einzelner Volkstypen. 

Es wären beispielsweise in einem Orte, von welchem man annimmt, dass die Bevölkerung 
typisch für die Umgebung ist, von einigen Personen photographische Portraits aufzunehmen und 
zwar die ganze Figur sowohl, als auch, so groß es der Apparat zuläßt, der Kopf allein in zwei 



Kleine Mittheilungen. I -i 

Stellungen. Zu jedem Bilde wäre ein Schema auszufüllen, in welchem Auskunft ertheilt wird 
über NamCf Alter, Stand, Religion und namentlich über den Stammbaum, um zu erfahren, ob 
das fragliche Individuum auch als wirklicher Einwohner des betreffenden Ortes zu gelten hat. 

Es wäre freilich wünschenswert, wenn bei dieser Gelegenheit gleich in obgedachtem Sinne 
auf alles Rucksicht genommen werden könnte; ich bin aber überzeugt, dass gerade bei solch ein- 
seitiger Arbeit sich am leichtesten Amateure finden, die ihr kleines Gebiet genügend beherrschen 
werden. Eis mag dann andern Forschem vom Fache vorbehalten sein, das weitere hinzuzufügen. 

n. Vorschlag: Es wäre eine Sammlung von Greschirren anzulegen, namentlich von 
solchen primitivster Form, wie sie das Landvolk selbst erzeugt und gebraucht. 

Topfgeschirre und TopfTragmente werden wohl gesammelt, wenn sie prähistorisch oder 
romisch sind, was später gemacht wurde, wird weder gesammelt, noch überhaupt einer Beachtung 
wert gefunden. Es ist leicht begreiflich, dass gerade jene Geschirre, welche in spätrömischer Zeit 
erzeugt wurden, einen gewissen Einfluss auf die Keramik des Mittelalters ausübten; in manchen 
Gegenden besteht vielleicht noch eine Tradition aus noch früheren Zeiten, die sich wohl in ein- 
zelnen Dingen bis heute erhalten hat. 

An und für sich aber ist die Keramik wichtig und interessant genug, im Sinne unseres 
Vereines gesammelt zu werden, und ich glaube, dass namentlich die Frauen, welche dem Vereine 
angehören, auf diesem Gebiete sich sehr nützlich machen können; nur ist es auch hier nöthig, 
dass sie von einem Fachmanne über die zweckmäßige Art zu sammeln instruiert werden und 
namentlich sehr genau darauf achten, dass die Provenienz der einzelnen Objecte außer Zweifel 
stehe. Bei den heutigen Verkehrsmitteln kann man sich in dieser Beziehung aber leicht täuschen, 
da namentlich die Jahrmärkte von Händlern aus sehr entlegenen Orten besucht werden und Töpfer- 
waren in die Bauemstul)en gelangen, die mit der heimischen Keramik gar nichts zu thun haben. 
Also nur im Orte und von einheimischen Handwerkern erzeugte Ware erscheint zunächst 
sammelnswert. 

3. 

Das Ontias-Ei. 

Von Fr. Franziszi, Grafendorf im Gailthal. 

Am Gründonnerstag gelegte Eier heißen beim Volke Ontlas-Eier; sie sind, nach dem 
Volksglauben, schon von der Henne weg geweiht und sollen sich das ganze Jahr hindurch frisch 
erhalten. Man vergräbt sie in die durch Wassergefahr bedrohten Grundstücke und unter die Thüj-- 
schwelle der Stallungen. Ein Ontlas-Ei während des Ausklingens der fortziehenden Glocken am 
Gründonnerstag über dajs Hausdach geworfen, schützt, wie man im Gailthale glaubt, vor Feuersgefahr. 

Das Ontlas-Ei steht bei alten Leuten noch immer in hohen Ehren. Es darf mit der 
bloßen Hand nicht berührt, sondern muss mit einem Tuche vom Neste genommen werden. 

Gar sonderliche Aberglauben aus alten Zeiten knüpfen sich an dasselbe. 

Wenn eine Kuh im Stall verhext ist und keine Milch gibt, heißt es unter andern, so 
nimmt man von einem Ontlas-Ei den Dotter, brennt ihn mit einem glühenden Herznagel von 
einem Wagen, auf welchem eine Leiche auf den Friedhof geführt wurde, legt den gebrannten 
Dotter in eine Kanne mit Milch und gibt der Kuh davon zu trinken. So ist die Hexe gebrannt 
und kann nicht mehr schaden. 

Doch hüte man sich, einem alten Weibe, das bald darnach in das Haus kommen wird, 
um zu betteln, etwas zu geben. Es ist dies die Hexe, die sich mit dem empfangenen Almosen 
heilen und weiters noch schaden kann. 

in. Ethnographische Chronik aus Österreich. 

1894— 1895. 

Volksspiele in Krimmi (Pinzgau). Am 2. Februar 1894 wurden in Krimml das Hexenspiel 
und der Berchtentanz aufgeführt. Das Hexenspiel, welches sich bis auf ein von Hans Sachs im J. 1545 
geschriebenes Fastnachtsspiel zurückverfolgen lässt, wird im 2. Heft dieser Zeitschrift publiciert werden. 

Der Berchtentanz, von 3 Männern aufgeführt, ein Schuhplattler, und ein solennes Eis- 
schießen beschlossen festlich den Krimmler Fasching. (Auszug aus der ö. T.-Zeitung Nr. 15, p. 171.) 

Comitö zur Erhaltung der Volkstrachten in Tirol. In Tirol ist vom Tiroler 
Landesverband für Fremdenverkehr ein Co mit 6 zur Erhaltung der Volkstrachten eingesetzt worden. 
Gelegentlich des Anthropologen-Congresses, der Ende August 1894 in Innsbruck tagte, wurde von 



lA Ethnographische Chronik aas Österreich. 

diesem Comit* am Festabend der Stadt Innsbruck in der Ausstellungshalle eine Vorführung sämmtlicher 
tiroUscher Volkstrachten durch Originalgruppen aus den verschiedenen tirolischen Thälem dargeboten. 

Anthropologischer Congress in innsbruck. In Innsbruck tagte vom 24. bis 
28. August 1894 die gemeinsame Versammlung der Deutschen und der Wiener Anthropologischen 
Gesellschaft. Für die österreichische Volkskunde waren die nachfolgend verzeichneten Vorträge von 
Bedeutung: Hofrath Dr. C. Toi dt: «Zur Somatologie der Tiroler.» — Dr. Fei. v. Luschan: 
«Über Tiroler Gürtel.» x- Prof. Dr. Löbi^sch — Innsbruck besprach in seinem Vortrag: «Die 
Emährungsfirage in ihrer anthropologischen und ethnologischen Bedeutung» das Fehlen des Alkoho- 
lismus in verschiedenen Thälem Tirols. — Hofrath Ferd. Kaltenegger: «Über die geschichtliche 
Entwicklung der Rinderrassen.» (Publiciert im Correspondenzblatt der deutschen Gesellschaft für . 
Anthr., Ethnologie und Urgeschichte XXV, Nr. 9, Sept. 1894.) — Oberingenieur J. Ei gl: «Die 
Salzburger Rauchhäuser und die bauliche Entwicklung der Feuerungsanlage am Salzburger Bauern- 
hause.« — Prof. Dr. R. Meringer: «Über das volksthümliche Haus in den österreichischen Alpen.» 
— Oberst G. Bancalari: «Die Ergebnisse und die weiteren Ziele der Hausforschung in Österreich.» 

SlaviSChe Ausstellungen in MShren 1894. Die Ausstellung im Schulhause von 
Napajedl in den Tagen vom 12. — 15. August (in Verbindung mit dem Swatoplukfeste) bot eine 
reiche Menge von ethnographischen Objecten, vor allem die prächtigen slowakischen Stickereien, 
die einen höchst alterthümlichen Omamentenschatz von typischem Charakter bei reichster Variation 
aufweisen. Interessant und wertvoll war auch eine Reihe von Dialektproben aus den Dörfern der 
Umgebung, die an einer einzigen Erzählung die mundartlichen Eigenthümlichkeiten in rother 
Schrift hervorgehoben zeigten. 

Noch reicher bestellt war die Ausstellung in Kwassitz. Hier repräsentierte eine 
Bauernstube das intime Leben der Bewohner, Puppen mit Costümen deren alte und neue Tracht. 
Zwei mit Pfaufederkielen gestickte Gürtel, wie eine Anzahl von solchen aus bunten Lederstreifen 
weckten manche Erinnerung an Salzburg und Tirol. Mährische Stickereien in Fülle. Ein gewisses 
Interesse boten die Schülerarbeiten dadurch, dass sie zeigten, wie man bestrebt ist, der jungen 
Generation nur das Nationale vor Augen zu halten. 

In Schlapanitz überwog die Ausstellung von Stickereien der Frauen und Mädchen 
alles Andere. Interessant waren eiserne Feuerböcke, ein alterthümliches Herdgeräth, auf denen die 
Prügelkrapfen gebacken werden. In Schlapanitz selbst fallen die außen bemalten Häuser als 
Merkwürdigkeit auf, wobei, wie in der gesammten Slowakei, frische Erdäpfel, in die man das 
Muster eingeschnitten hat, als Patronen benützt werden. (Ö. T.-Z. XV. i, p. 61.) 

In Strutz bei Brunn fand am i. Juli 1894 eine slavische ethnographische Aussteilung 
statt, die ein getreues Bild der dortigen Trachten bot. Nachmittags wurden nationale Tänze, 
darunter ein höchst eigenthümlicher Schwerttanz, sowie verschiedene Feierlichkeiten: Hochzeit, 
Kirchweih, Hahnenköpfen und Königreiten aufgeführt. Ein besonderes Verdienst um das Zustande- 
kommen dieser Ausstellimg hat sich unser Vereinsmitglied Frau Lucia Bake§ erworben, (ö. T.- 
Z. XIV. Nr. 16, p. 185.) 

In Welka fand im Juli eine slowakische ethnographische Ausstellung 
statt, die mit der Aufführung von volksthümlichen Festlichkeiten verbunden war. Einer hübschen 
Idee zufolge wurden hiebe! die einzelnen Ortsinsassen bei der Arbeit in ihren Häusern vorgeführt. 
So hatte man Gelegenheit das Weben, Spinnen, Handschuhstricken u. dgl. zu beobachten. Ein äußerst 
farbenbuntes Bild bot der Ort selbst, in welchem sich die Bewohner der Umgebung in ihren National- 
costümen, die nach den Orten ganz verschieden sind, drängten. (Ö. T.-Z. XIV. Nr. 20., p. 230.) 

Voilesfeste in der öechoslavischen ethnographischen Ausstellung im 
Jahre 1896. Dieses Jahr wird die slavisch-ethnographische Ausstellung in Prag eröfihet, und 
die Arbeiten für dieselbe nähern sich ihrem Ende. Auf dem Ausstellungsplatze sieht man schon 
die Cechoslavische Dorfanlage, sowie das «Skelett» des alten Prag. Diese Bauten werden gewiss 
ein bedeutendes Anziehungsobject der Ausstellung bilden; aber noch anziehender wird sich das 
Ausstellungsleben durch die lange Reihe der Volksfeste gestalten, welche veranstaltet werden sollen. 
Das größte Fest wird dasjenige sein, welches die verschiedenen Gewohnheiten und Bräuche aus 
allen Gegenden Mährens veranschaulichen wird. Den Plan zu diesem Feste hat H. Director L. 
Jani^ek aus Brunn zusammengestellt, und er hat auch Vorsorge getroffen, dass alle die einzelnen 
Feste aus den verschiedenen Gegenden würdig beschickt werden; dieses Fest wird wahrscheinlich 
zwei Tage dauern und die Gruppen, welche dieses Fest bilden werden, kommen aus allen mährischen 
Gegenden und zwar: Aus der Slowakei: Die Hochzeit, der Wagen mit den Feder- 



Ethnographische Chronik aus Österreich. I e 

betten, das Königsreiten (zu Pferde), die Schnitter (mit den Sensen), die Schnitterinnen 
(mit Sicheln und Rechen), die Musikanten. Aus «Podhor4cko» (bedeutet «unter den Beigen») : 
Die Blumenfest- oder Blumen-Mädchen und die Hochzeit. Aus der Hanakei: 
«Stärk y» ^ ein Fest der Jugend (Jungfrauen oder Junggesellen). Aus der Walachei: Die 
Hochzeit, das Schnitterfest, Musikanten aus Polanka, eine Gruppe aus Koslowitz, Musi- 
kanten aus Tichau. 

Das Festprogramm ist das Folgende: 

J. Walachische Hochzeit (aus Polanka mit 27 Liedern); hanakische «starky» 
= Jungfrauen (aus Tobitschau) ; walachische Tänze, a) aus Polanko 18 Lieder, 6) aus Koslo- 
witz 18 Lieder; das Aufstellen des Mai-Baumes und Tänze um denselben (slowakisch, 
aus Welka mit 18 Liedern); Podhorakisches Osterfest («hody») aus Strutz, 19 Lieder, 
5 — 10 Lieder der. slowakischen Chorsänger aus Welka. 

IL Slowakische Hochzeit aus Welka, 15 Lieder; podhorakische Königinnen aus 
Strutz, II Lieder; das Katerjagen (aus Tobitschau), walachisches Schnitter fest (aus Polanka, 
9 Lieder); walachische Tänze (aus Koslowitz, 18 Lieder), der Gesang der Mädchen beim Kreuz 
(aus Welka, 5 — 10 Lieder). [Aus dem «V^stnlk» (= Anzeiger) der 6echoslavischen ethnographischen 
Ausstellung in Prag. (Jahrg. H, Nr. 14, Seite 138.)] 

Die ethnographische Abtheilung auf der Landes- Ausstellung zu Lemberg 
im Jahre 1894. Jedem Besucher, der die weitläufigen Anlagen der Ausstellung betrat, musste 
sofort die jenseits eines Thaies thronende rutenische Kirche mit ihrem merkwürdigeo Kuppelbaue 
auffallen, um die sich in wohlthuender Regellosigkeit verschiedene Ty{>en von aus Holz gezimmerten 
Bauernhäusern aus allen Theilen Galiziens schaarten. Eines dieser Häuser stammt aus dem wald- 
reichen Polesien und ist genau nach dem Muster einer Hütte des Dorfes Radwaiice, Bezirk Sokal, 
aus Baumstämmen erbaut. Im Innern ist rechts die Wohnung des Bauern aus dem Bezirke Sokal, 
links jene des Bauern aus dem Bezirke Brody dargestellt ; letztere bildet zugleich eine Art Museum, 
da sich in derselben eine Sammlung volksthümlicher Gegenstände aus der genannten Gegend befindet. 

Die mazurische Hütte, die mit Stroh gedeckt ist, wurde in Niwiska bei Kolbusz6w in 
West-Galizien gekauft und auf den Ausstellungsplatz überführt. 

Den Typus eines Hauses wohlhabender Bauern repräsentiert die Hütte von Zakopane 
in West-Galizien; sie ist aus Kiefernholz gebaut und hat geräumige Zimmer mit hohen Fenstern; 
im Wohnzimmer steht der Webstuhl, und im Gastzimmer sieht man mancherlei Gegenstände aus 
den Sammlungen des Herrn Dembowski und des Chalubitiski' sehen Museums. 

Interessant ist die podolische Hütte, welche den Typus aus der Gegend von Skalat und Tarno- 
pol darstellt, wegen ihrer Construction ; sie ist nämlich aus Lehm- oder Erdwalzen, die mit Weidenruthen 
umflochten sind, erbaut ; dieWände sind außen und innen mit Lehm verstrichen und mit Kalk getüncht. 

Die Hütte aus dem Bezirke Rudki (Dniestergegend), der alljährlich von Überschwemmungen 
heimgesucht wird, wurde auf Kosten des Grafen Lanckoroüski errichtet; aus Ruthen hergestellt, 
die mit Lehm verstrichen sind, und mit einem Grasdache versehen, entspricht sie vollkommen der 
Arrouth ihrer Bewohner, die sich durch Korbflechterei ernähren. 

In der huzulischen Hütte aus Jaworöw (Bezirk Kossöw), die aus Kieferstämmen ge- 
zimmert und mit Latten gedeckt ist, sieht man die berühmten HolzscJinitzer Wasyl und Mikotaj 
Szkryblak, deren Werke oftmals schon die Bewunderung der Sachverständigen erregt haben, bei 
ihrer Arbeit. Im Gastzimmer steht ein schöner Kachelofen, welchen der Töpfer Peter Koszak 
aus Pist)^! aufgestellt hat. 

Den Mittelpunkt des internationalen galizischen Dorfes, in dem man im Freien Kreuze und 
Bildsäulen aus allen Zeiten erblickt, bildet die hochragende Kirche, die von einem einfachen Zimmer- 
mann, Le^o Kobczuk aus Jaworöw, mit Unterstützung von sechs Gehilfen ohne Plan und ohne 
Gerüst erbaut wurde. Sie enthält eine Menge von Cultgegenständen und Schnitzarbeiten, welche 
deutlich den byzantinischen Einfluss verrathen. Neben der Kirche steht abseits der Glockenthurm. 

Beim Verlassen des Dorfes kommen wir an einer ehrwürdigen Bildsäule vorbei, an deren 
Fuß ein Greis sitzt, der einer violinartigen Drehorgel uns unverständliche Weisen entlockt. Ganz 
außerhalb des Dorfes steht der sogenannte ethnographische Pavillon, in dem das Hauptgewicht 
dieser Abtheilung der Ausstellung ruht. Er enthält im ersten Saale eine prähistorische Sammlung 
aus Ost-Galizien, eine ausgezeichnete Bibliothek von Werken der yolkskundlichen Literatur, zumeist 
in polnischer Sprache, Gewebe und Holzschnitzereien ; im zweiten Saale zieren die Wände mehrere 



l5 Ethnographische Chronik aus Österreich. 

Reihen von gelungenen Photographien, die ein Gesammtbild der mannigfaltigen Trachten geben; 
in den Pulten liegen lyoo bemalte Ostereier «pisanki»; das Hauptaugenmerk ziehen die huzulischen 
Gegenstände auf sich: Gewehre, lederne Taschen, Pulverbehälter, Pfeifen, Äxte und Messer. Be- 
sondere Beachtung verdienen die von Szkryblak verfertigten, mit eingelegten Perlen verzierten 
Hakenstöcke. Viele von den hier ausgestellten Objecten sind Eigenthum des vom Grafen Ed. 
StarzeAski gegründeten Museums in Kolomea^ 

In einem weiten Kreise sind 32 Figurinen in Lebensgröße mit getreu nach der Natur 
modellierten Gesichtern und mit Originalgewandung derart aufgestellt, dass man sie bequem von 
allen Seiten studieren kann. Es sind rutenische Volkstypen in Feiertagskleidung. Das Hochzeits- 
costüm unterscheidet sich von dieser nur dadurch, dass die Braut einen Kranz von vergoldetem 
Immergrün auf dem Haupte und der Bräutigam einen solchen auf der schwarzen "Widderfellmütze 
trägt. Zwei Huzulen -Figurinen stellen Bergbewohner aus dem Gebiete der Czemahora und zwar 
aus dem Dorfe Krzyworöwnia (Bezirk Kossöw) vor. Ihre Kleidung ist kurz, damit sie beim 
Bergsteigen nichts hindere ; ein kurzer rother Rock und rothe Beinkleider, über welche das Hemd 
herabhängt, charakterisieren die Tracht. In dem breiten Gürtel, der mit vielen Knöpfen und 
kurzen Ketten verziert ist, bewahrt der Huzule Geld, Messer, Pfeife, Feuerzeug, Pfeifenräumer, 
manchmal auch die Pistole. Über dem Rücken hängt die Tasche mit Brod und Tabak; ein 
großes Messingkreuz ziert die Brust; um den Hals ist ein großes Tuch geschlungen; den Kopf 
bedeckt im .Sommer ein schwerer, schwarzer Filzhut; an den Füßen haften kleine Sandalen. Ein 
unzertrennlicher Begleiter jedes erwachsenen Huzulen, selbst der Kinder, ist der «Keptar», ein 
kurzes, schön verziertes Pelzchen ohne Ärmel, das der Huzule im Regenwetter mit auswärts 
gekehrter Fellseite umhängt. Die Huzulin hat anstatt des Rockes zwei wollene, selbst verfertigte 
Schürzen, von denen sie die vordere bei der Arbeit weglegt; um den Hals hängt eine schwere 
Menge von Schnüren aus Glasperlen und eine Anzahl von Messingkreuzen, die von einheimischen 
Gelbgießem erzeugt werden. Ihr Haupt schmückt ein dicht mit .Schafwolle durchflochtener Zopf, 
in dem häufig auch Messingknöpfe und kleine weiße Schnecken eingefügt sind; Blumen und eine 
Stimbinde aus Messingplättchen vervollständigen den Kopfputz. Das Obergewand besteht aus dem 
vorerwähnten Pelzchen und einem grauen Tuchrock. 

Ganz anders ist die Bekleidung der Flachlandbewohner: sie ist lang und schwer, wie 
auch der Bauer selbst ernst und schwerfällig ist; ihre Arbeit ist eine mühevolle, weshalb das 
Antlitz der Frauen im Gegensatze zu dem der Huzulinnen frühzeitig sich in Falten legt. Fünf 
Figurinen stellen eine ganze Familie aus dem Dorfe Tyszkowce, Bezirk Horodenka, dar. Der Vater 
ist mit einem Schafpelz bekleidet, den er selbst bei der größten Hitze zu festlichen Gelegenheiten 
anlegt; an Werktagen trägt er einen langen, bis zu den Knieen reichenden, schwarzen Tuchrock, 
femer einen ledernen, nicht sehr breiten Gurt, der bei Festlichkeiten durch einen rothen wollenen 
ersetzt wird, den er mit einem schmalen Riemen befestigt. Die schweren Stiefel verleihen ihm 
einen langsamen, gewichtigen Gang. Die Mutter hat den Kopf mit einem weißen Tuch umwickelt, 
dessen gestickte Enden über die Schultern herabhängen ; über dem Hemd trägt sie ein langes Tuch, 
das sie vom Gürtel bis zu den Knöcheln um den Körper schlingt, die Enden durch eine Schürze 
verdeckend; dieses Tuch vertritt die Stelle eines Unterrocks. Um die Hüfte legt sie einen breiten 
wollenen Gürtel, den sie festbindet, damit Tuch und Schürze nicht herabfallen. Das Mädchen 
trägt ein mit Seide ausgenähtes Hemd, ein Kleid mit Goldlitzen und eine Schürze; um den Hals 
hängen Schnüre von Glasperlen und Bänder ; die Zöpfe sind kunstvoll mit Stickwolle durch flochten, 
und vom Hinterhaupte hängen viele Bänder herab, welche den Rücken bis zum Gürtel bedecken. 
Der Bursche, dessen Waden mit einer Art von Gamaschen bekleidet sind, trägt bei Festlichkeiten 
einen breiten Wollgurt, den er mit einem schmalen Riemen festhält; an Werktagen hat er bloß 
den Riemen, an welchem ein Messer und ein ledernes Geldtäschchen befestigt sind. Der Knabe 
ist ganz weiß gekleidet, auf dem Kopfe trägt er ein«n mit Pfauenfedern und gestickten Bändern 
reich verzierten Hut. 

Einen ebenso leichten Anzug wie die Huzulen tragen auch die Bergbewohner der Bezirke 
Bohorodczany, Dolina und Turka, wie die betreffenden Figurinen zeigen. 

Die Ärmel der Figurine aus Hince werden von Frauen gemacht und heißen «mereÄki» 
(Durchbrucharbeit). 

Der Oberrock der Figur aus Bieniawa fallt weniger durch seine grüne Farbe, als durch 
die Stickmuster auf, die in dieser Art nur aus diesem Dorfe bekannt sind. Auch die weiße 



Ethnographische Chronik aus Österreich. in 

Kopfbedeckung der verheirateten Frauen aus Stopczatöw, Bezirk Kolomea, ist wegen ihrer Stickerei 
beachtenswert; interessant ist die Faltenlegung der Zipfel. 

Die den Huzulen benachbarten Bewohner des Hügellandes tragen auch eine kurze Kleidung ; 
ihre Tracht ist leicht und malerisch. 

Die Tracht des Mädchens aus Zawale» Bezirk Sniatyn, deutet auf rumänischen Einfluss 
hin, der sich bereits ganz Bukowina unterworfen hat und in die benachbarten Dörfer Galiziens 
eindringt. Eine echte Rutenin schmückt ihr Haupt reich mit Blumen, Bändern und Wollgarn und 
stickt ihr Hemd gewöhnlich mit rother Wolle; die Rumänin dagegen verziert ihren Kopf mit 
allerlei buntem Flitter, den sie auch zur Ausschmückung des Hemdes verwendet. Bei dem erwähnten 
Mädchen bezeugen der seidene Rock und das ebenfalls seidene, unter dem Gürtel gesteckte Tuch 
diesen Einfluss. Das kurze, ärmellose Pelzchen hat einen rumänischen Namen: «curkanka». 

Das Mädchen aus dem Bezirke Rohatyn steht vollkommen unter dem modernen Mode- 
zwang ; die Muster seiner Schürze sind unverstandene, irgend einer Schulvorlage entnommene Motive. 

Die Figurinen der Städtebewohner aus Uhnow, Kamionka, Kulik6w, Trembowla und 
ZAlkiew geben ein Bild malerischer, ehrwürdiger Tracht. Ein langer Oberrock, an der Hüfte durch 
einen seidenen, häufiger jedoch durch einen wollenen Gürtel festgehalten, und eine hohe Mütze 
verleihen diesen Gestalten eine außergewöhnliche Würde. 

Außer den eben besprochenen ungemein lehrreichen Figurinen sind in dem zweiten Saale 
noch verschiedene einzelne Trachtenstücke, femer Teppiche, Tisch- und Bettdecken, Handtücher, 
Taschen u. s. w. ausgestellt, an denen man die typischen Stickereimuster studieren kann. Femer 
erregen die Aufmerksamkeit des Besuchers die Oster- und Hochzeitskuchen, namentlich letztere 
wegen ihrer altüberlieferten, symbolischen Formen und der mit ihnen vergesellschafteten, mannig- 
faltig aufgeputzten Bäumchen. 

Der dritte Saal ist einer kleinen Auslese von Musikinstrumenten, einer hübschen Sammlung 
von Pferdegeschirr, Fischfanggeräthen, Körben und sonstigen in der Wirtschaft gebräuchlichen 
Gegenständen, sowie einer prächtigen Reihe von keramischen Producten gewidmet. 

Im vierten Saale sieht man wieder einige Figurinen, darunter eine Bürgersfrau aus Saybusch 
mit goldenem Mieder und mit Groldhaube, zwei andere Frauen aus demselben Ort mit Silberhauben ; 
ferner eine reiche Sammlung von Trachtenstücken aus ganz Galizien und Gegenstände der Hausindustrie. 

Der «ethnographische Pavillon» ist der Glanzpunkt der ganzen Ausstellung. Außerdem 
gibt es noch einzelne Pavillons, in denen man polnische Ethnographie betreiben kann, wie in dem 
für weibliche Handarbeiten, der manches Ausgezeichnete bietet. Schließlich muss man noch die 
lebende Landbevölkerung als ein äußerst dankenswertes Studienobject bezeichnen, die allsonntäglich 
in starker und buntgemischter Vertretung die Ausstellung besucht. 

Ein gedruckter Führer «Katalog dziahi etnograficznego», dem ein Theil der obigen Details 
entnommen ist, erleichtert dem der Landessprache Kundigen die Orientiemng in dem farbenprächtigen 
Allerlei, das ihn in eine fremde und höchst interessante Welt versetzt. 

Adele Pfleger, Lehrerin in Trzebinia. 



rv. Literatur der österreichischen Volkskunde. 

1. Besprechungen. 
1. Adolf Häuften: Das deutsche Volkslied in Österreich- Ungarn. Aus der 

Zeitschrift des Vereines für Volkskunde. Heft I, 1894. 

Der erste Versuch einer zusammenfassenden Charakteristik des deutschen Volkliedes in 
Österreich-Ungarn, welcher hier vorliegt, ist mit großer .Sachkenntnis und feinsinnigem Verständnis 
unternommen. Das österreichische Volkslied hat ein ganz äußerliches Erkennungszeichen: die 
Mundart ; der Grund hiefür wird gewiss mit Recht in der größeren Abgeschiedenheit vom Verkehr 
gesucht. Eine Ausnahme hievon bildet die älteste und vornehmste Gruppe der Volkslieder, die 
Balladen und historischen Lieder, welche in schriftdeutscher Sprache aus dem Reich in die öster- 
reichischen Länder eingedrungen sind. In der vortrefflichen Übersicht des österreichischen Volks- 
liederschatzes, welche Verfasser gibt, werden die Almlieder, die Schnadahüpfeln und die Lieder der 
Sprachinseln als unserer Heimat eigenthümlich mit Recht hervorgehoben. Von letzteren sind die 
der Gottscheer Sprachinsel uns durch den Verfasser kürzlich in einem besonderen Werke zugäng- 

Zeitschrift für österr. Volkskunde. I, * 2 



l8 Literatur der österreichischen Volkskunde. 

lieh gemacht worden. (Die Besprechung folgt im zweiten H.). Höchst interessant sind auch die Aus- 
einandersetzungen über die historischen Lieder Österreichs, in deren Mittelpunkt die Türkenlieder 
stehen, die aber noch in den letzten Jahrzehnten ihre Triebkraft an den italienischen Ereignissen 
bewiesen, über welche zahlreiche schöne österreichische Soldatenlieder entstanden sind. Wir hoffen 
zu dieser Gruppe demnächst eine selbständige Materialsammlang aus der Mappe unseres verehrten 
Mitarbeiters Richard Kralik in unserer Zeitschrift bringen zu können. — Die angeschlossenen 
Ausführungen über das geistliche Volkslied, die Wcihnachtslieder, die Kinderlieder und Räthsel, 
die Haussprüche und Grabschriften zeigen in aller ihrer Kürze, wie fruchtbar ein eindringendes 
vergleichendes Studium aller dieser sympathischen reichentwickelten Volksäußerungen ausfallen 
müsste. Derartige Studien zu erleichtern ond anzuregen ist ein ausgesprochener Hauptzweck dieser 
Zeitschrift, weshalb wir es mit Freude begrüßen, dass wir den Verfasser der vorliegenden inhalt- 
reichen Studie künftig zu unseren Mitarbeitern zählen dürfen. Dr. M. Haberland t. 

2. Anton Vrbka: Schematische Anleitung zum Studium und zur Abfassung 
einer Orts- und Heimatskunde. Znaim 1894. Foumier 6c Haberler (Karl Bomemann). Preis 
mit Postversendung 22 kr. 8® 18 S. 

Im Jahre 1885 tauchte im Znaimer Landlehrervereine der Gedanke auf, an die Abfassung 
einer Bezirkskunde heranzutreten. Es wurden damals auch 35 Fragen zur Abfassung einer Orts- 
kunde im «Lehrerbote» vom i. December 1885 veröffentlicht. Dass diese geringe Zahl von 
Fragen, auch wenn sie gewissenhaft beantwortet wurden, nicht geeignet war, die Aufmerksamkeit 
auf das gesammte Gebiet des für eine Ortskunde wichtigen Stoffes zu lenken, liegt auf der Hand. 
Der Verfasser hat es nun übernommen, eine große Zahl von Fragen, nach gewissen Gesichts- 
punkten geordnet, zusammenzustellen und zwar in 18 Abschnitten : i. Der Ort und seine Umgebung 
(Topographie, Fluranlage, Hausforschung); 2. Orographie; 3. Hydrographie; 4. Klima; 5. Mineral- 
reich; 6. Pflanzenreich; 7. Thierreich; 8. Materielle Cultur; 9. Handel und Verkehr; 10. Communi- 
cation; ii. Geistige Cultur; 12. Politische Verwaltung ; 13. Kunst; 14. Wissenschaft ; 15. Vereine; 
16. Der Mensch; 17. Sanitäre Verhältnisse; 18. Schlussbemerkungen. Für den Ausbau der Volks- 
kunde würde die Beantwortung der Fragen im Abschnitte über den Menschen selbst in der Ver- 
gangenheit und Gegenwart, in seiner Tracht und seinen verschiedenartigen Anschauungen ein 
ziemlich reichhaltiges Materiale liefern, obwohl sich die hier gestellten Fragen noch um ein Er- 
hebliches vermehren ließen. Es muss noch bemerkt werden, dass der Mensch in seiner verschieden- 
artigen Wirksamkeit auch in den übrigen Abschnitten, besonders im ersten über den Ort und seine 
Umgebung eine gewichtige Rolle spielt. Dankenswert sind die verschiedenen Angaben über 
Hilfsbücher, die zu Rathe gezogen werden können. Dr. Wilhelm Hein. 

3. Fragebogen zur Sammlung der volksthUmlichen Oberlieferungen in Deutsch- 
Böhmen. Prag 1894. Verlag der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst 
und Literatur in Böhmen. 8** 14 S. 

Der vorliegende Fragebogen enthält eine ausgezeichnete Zusammenstellung von Fragen, 
die sich ausschließlich auf die volkstümlichen Überlieferungen beschränken; auf die Sammlung des 
sprachlichen Stoffes, sowie auf die speciell anthropologischen Verhältnisse wurde keine Rücksicht 
genommen. Der Stoff gliedert sich in folgende Abschnitte: i. Angabe des Ortes; 2. Namen; 
3. Die Anlage des Dorfes; 4. Bauernhaus und Bauernhof; 5. Volksnahrung; 6. Volkstracht; 7. 
Hausindustrie, volksthümliche Kunst; 8. Sitten und Gebräuche; 9. Volksrecht; 10. Märchen und 
Sagen; 11. Abergläubische Anschauungen; 12. Volksmedicin und Zaubersegen; 13. Volkslieder; 
14. Kinderlieder und Spiele; 15. Volksmusik; 16. Gereimte Inschriften und Sprüche; 17. Sprich- 
wörter; 18. Räthsel; 19. Ortsneckereien und 20. Volksschauspiele. 

Sehr praktisch sind die zwischen den einzelnen Seiten eingehefteten weißen Blätter, 
welche für die eigenen Anmerkungen der Sammler bestimmt sind. 

Die Antworten auf die in diesem Fragebogen gestellten Fragen, sowie Mittheilungen in 
Bezug auf das hier behandelte Gebiet sind an Herrn Dr. Adolf HaufFen in Prag, Elisabethstraße 3, 
zu richten, der mit der Sammlung der volksthümlichen Überlieferungen in Deutsch-Böhmen betraut 
wurde und als Vorarbeit im Laufe des Jahres 1895 ein Verzeichnis aller bisher in Zeitschriften 
oder in selbständiger Form erschienenen Arbeiten zur deutsch-böhmischen Volkskunde veröffent- 
lichen wird. Dr. Wilhelm Hein. 

4. Franz Bartos: MoravskA svatba (Mahrische Hochzeit). [Bibliothek des 
*:Cesky lid», 2. Heft.] In den letzten zwei Jahren sind mehrere Bücher und Abhandlungen in 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 



>9 



öechischer Sprache über nordslavische Hochzeitsgebräuche veröffentlicht worden. So hat Dir. 
Yäclavek die «walachische Hochzeit» (Teltsch 1892) beschrieben und hat unlängst Dr. J. Skarda 
«Die Hochzeitsgebräuche aus der Umgebung Pilsens» wieder herausgegeben. Dazu gehört auch 
in erster Linie das oben genannte Werk. 

Barto§ ist der tüchtigste und zugleich der älteste Pfleger der Ethnographie im j^chi- 
schen Mähren. An seinen Namen knüpft sich seit langen Jahren eine Reihe ethnographischer 
und dialektischer Studien über das «mährische» Volk, besonders über die Slowaken, Walachen und 
Lachen, abo die östlich von der March wohnenden Slaven. 

In der «Moravskd svatba» hat BartoS das Resultat langjähriger gewissenhafter Studien 
niedergel^, wobei er die ganze einschlägige Literatur (Skopalik, Kulda, Suäl) benützt hat. Da 
das Volk hierzulande noch viel Urwüchsiges besitzt, enthält das Buch sehr viele interessante Lieder 
und biblisch angehauchte Reden, die bei Gelegenheit der Hochzeit produciert werden. An Menge 
der Reden und schönen Lieder übertriißt die mährische Hochzeit sogar die fechische. 

Der eigentliche Vorgang bei der mährischen Hochzeit wird von BartoS mit allen Details aus- 
führlich geschildert. Auch erwähnt der Verfasser noch einige Gebräuche aus früherer Zeit und solche, die 
nur in gewissen Gegenden verbreitet sind, z. B. das Hahnköpfen. Dr. Josef Karisek. 

6. Prof. Vykoukal: {eskä svatba (Öechische Hochieit). Während Fr. Barto§ 
in dem oben angezeigten Werke sein ethnographisches Material selbst gesammelt hat, ist Prof. Vykoukal 
seit mehreren Jahren als Bearbeiter des von Andern aufgezeichneten Materiales bekannt. Vykoukal 
geht ganz richtig von der Vermutung Erben's aus, dass in Böhmen nur eine einzige Form der 
Hochzeitsgebräuche existiere. Natürlich lässt das Volk dies nicht gelten, da die Leute sich durch 
die verschiedene Reihenfolge der Hochzeitslieder oder andere Texte verwirren lassen. H. Vykoukal 
hat das ganze bisher gedruckte Material über die 5echischen Hochzeitsgebräuche durchgesehen und 
durch eigene Beobachtungen bereichert. Es begegnet ims hier eine eigenthümliche Erscheinung. 
Im vorigen Jahrhundert hat ein intelligenter Bauer, Vavdk aus Milcitz, ein Buch mit den bei 
Hochzeiten üblichen Liedern und Reden als eine Anleitung zur Veranstaltung von Hochzeitsfeieni 
veröffentlicht. Das Buch fand in Böhmen solche Verbreitung und wurde so beliebt, dass man heut- 
zutage die volksthümlichen Reden leider kaum von den künstlichen (die im volksthümlichen Tone 
gehalten sind) unterscheiden kann. Das vortreffliche Buch empfehlen wir wegen seines nüchternen, 
wissenschaftlichen Tones und zahlreichen Daten jedem Specialisten. Dr. J. Kardsek. 

6. H. A. ierny: Svatba u luilckj'ch Srbtt (Lausitz- wendische Hochzeit). 
Ein Ceche, der wendisch schreibt, dichtet, und als tüchtiger Kenner des lausitz-wendischen Lebens 
überhaupt bekannt ist, schildert die wendische Hochzeit, die er selbst bei den Ober- und Niederlausitz- 
Serben zu beobachten Gelegenheit hatte, in eingehender Weise. Der Verfasser beschreibt nicht nur 
die jetzigen Hochzeitsgebräuche ausführlich, sondern auch die alten, die bereits im Aussterben begriffen 
sind. Ausserdem führt er mehrere Lieder mit Singstimme an und liefert eine ausführliche Dar- 
stellung der Tracht der Braut, des Hochzeitsbitters (bra^a), welcher er mehrere Photographien 
beifügt. Obzwar das Werk auch recht interessante, nur der wendischen Hochzeit eigenthümliche 
Einzelnheiten bringt, so müssen wir dennoch gestehen, dass sie nicht nur in den Hauptzügen, sondern 
auch sogar in Kleinigkeiten, Ausdrücken etc. mit der cechischen ungemein große Ähnlichkeit besitzt. 

Wenn wir bedenken, dass viele bei Barto§ aufgezeichneten Hochzeitsgebräuche auch in 
einem großen Theile der Slowakei verbreitet sind,*) so können wir sagen, dass wir jetzt in den 
Besitz einer gründlichen Kenntnis der westslavischen Hoch Zeitsgebräuche gelangt sind. 

Für die Hochzeitsgebräuche sind die Cereraonien der katholischen Kirche von großer 
Wichtigkeit; in der heutigen Form der Hochzeit findet man nur mehr wenige Spuren uralter, 
origineller Gebräuche z. B. ko]ä£ (korovoj), de|>eni. Viele andere Züge hat sie mit den Bräuchen 
der Polen und der katholischen Deutschen gemeinsam, obzwar wir gleich constatieren müssen, 
dass die slavische Hochzeit viel mannigfaltiger und poetischer als die in den Alpenländem ist 
(cf. z. B. Rosegger*s Beschreibung der steiermärkischen Hochzeit). Aus dem Werke: «Die öster- 
reichisch-ungarische Monarchie» ersieht man, dass man in Nieder- und Ober-Österreich die Wahl 
des Hochzeitstages, das «Fürziehen», manche Reden des Brautführers, das Auslösen der Braut seitens 
des Bräuti^ms, nachdem ihm ein altes Weib als Braut vorgeführt wurde, das obligate Weinen 
der Braut, das Haubenaufsetzen etc. wie beim fechischen Volke wiederfindet. 

Dr. Josef Karisek. 

*) Unlängst ist auch «slezski svatba» (die schlesische Hochzeit) in der Siezski kronika erschienen. 



20 Literatur der österreichischen Volkskunde. 

Dr. Öenik Zibrt Jak se kdy v 6echAch tanoovalo (Wie man lu verschiedenen 
Zeiten in Böiimen getarnt iiat). V Praze Simäeek 1895; gr. 8«, XX, 391 u. XXXII S. 
Die Tanzlust, das Vergnügen und die Freude am Tanze, aber auch der Erfindungsgeist bei 
der von Gegend zu Gegend, mitunter selbst von Ort zu Ort wechselnden Pflege desselben 
gehören, nebst dem Volksliede, das sich vielfach mit dem Tanze verbindet, aus ihm hervorgeht 
und auf ihn zurückwirkt, zu den bezeichnenden Charakterzügen des ^hoslavischen Volksstammes 
in Böhmen, Mähren, fkhlesien und der Slowakei. Er unterscheidet sich dabei von anderen 
slavischen Stämmen, die gleich dem rusinischen, hervortretend nur eine Form des Gesanges, 
oder gleich dem serbischen nur eine Form des Tanzes kennen, während der Tanz und das 
Volklied des Cechoslaven eine in beiden Richtungen überraschende Mannigfaltigkeit aufweist. 
Was insbesondere den Tanz betrifft, mit welchem sich das Werk Z.*s beschäftigt, so ist der 
Verfasser in der Lage, als Schlussergebnis S. 349 — 378 aus Österr.-Schlesien 7, aus der Slowakei 17, 
aus Mähren 133, aus Böhmen 193 verschiedene Arten aufzuzählen. Einer dieser aus dem 
Volke selbst entsprungenen Tänze hat bekanntlich die Reise um die Welt gemacht und behauptet 
bis heute seinen Platz auf dem Tanzboden der Dorfschenke oder des Wirtshausgartens, sowie 
in den Tanzordnungen der feinsten Kreise. Es ist die Polka, die ihren Namen nicht von den 
Polen — die sich wohl auch den Tanz als ihr Eigen vindicieren wollten (S. 338), — sondern 
von dem dechischen Wort polo = halb, «tanec na polo» r= Tanz im Halbschritt herleitet. 
Als Erfinderin dieses Tanzes gilt Anna Chadim, Tochter eines Wirtshausbesitzers in Petrowitz 
bei Sel6in, in Diensten in Podol bei Melnik, dann in Elbekosteletz, zuletzt an einen Taglöhner 
Wenzel Slezäk verheiratet. Es haben aber andere behauptet, die Polka sei schon früher in 
verschiedenen Gegenden Böhmens getanzt worden, so dass dem genannten Mädchen die Erfindung oder 
vielmehr Einführung und erste Übung nur in ihrer heimatlichen Gegend zuzuschreiben wäre. Der 
erste Verarbeitei' der Melodie, die auf diese Weise in die musikalische Welt eingeführt wurde, 
war der Dorfschulmeister Josef Neruda in Elbekosteletz, wo die Anna Chadim 1830 vor der tanz- 
lustigen Jugend ihren Tanz zum erstenmale gezeigt und sie ihn gelehrt hat ; der erste, der die Polka 
in den Salon eingeführt hat, war der böhm. ständische Tanzmeister Raab in Prag, von wo er sie 
zuerst nach Paris brachte und von da ihren Weg nach London, nach Mailand, nach St. Petersburg 
und in die weite Welt finden ließ. Raab ist später als Tanzmeister in das Wiener Theresianum 
gekommen und ist, wenn ich nicht irre, im Ruhestande hochbetagt in Wien gestorben; 
Neruda ist sammt seinem Weibe 1876 in Wodolka, wohin er sich zurückgezogen, ermordet worden. 

Unser Verfasser verfolgt den böhmischen Tanz geschichtlich bis in die Chroniken zurück, 
in denen seiner zuerst Erwähnung gethan wird, zugleich mit den Musik-Instrumenten, die dort als 
führende Begleitung erwähnt werden: der Trommel, der Pfeife, der Fiedel, der Schalmei. Auch 
der Dudelsack kam früh in Übung und blieb bis in die erste Hälfte des zu Ende gehenden Jahr- 
hunderts in großer und beliebter Verbreitung unter dem Volke ; heute gehört er, mit wenig örtlichen 
Ausnahmen, der Geschichte an (S. 23 — 38). Der Volkstanz in seiner frühesten Erscheinung zeigt 
sich nicht in geschlossenen Räumen, sondern unter freiem Himmel auf dem Dorfplatze oder vor 
dem Dorfe, am liebsten um einen Bäum, unter der volksthümlichen Linde, und war darum meist 
Kreistanz, der slavische Kolo; allein auch der paarweise Tanz war schon in ältesten Zeiten im 
Gebrauch. Die Zeit des Tanzens waren die Ruhetage des arbeitenden Volkes, also die Sonn- und 
Feiertage, dann zum Maienfest, zur Jahrmarktzeit, zur Kirchweih, bei Schützenfeierlichkeiten, am 
Vorabend von St. Johann d. T., wo um das Feuer getanzt und über die Flamme gesprungen 
wurde, und regelmäßig bei Hochzeiten (S. 163 — 173). Als älteste Benennungen der Tänze finden 
sich außer dem Kolo der Taiiz Kotek oder Kot, der hie und da noch heute in Übung ist, der 
Kominik in Böhmen, der ovjäk in Mähren, die beide Drehtänze gewesen zu sein scheinen 
(S. 186 — 188). Vom 14. Jahrhundert an fließen für die Geschichte des böhmischen Tanzes die 
Quellen ergiebiger, der Tanz ist nicht bloß bei weltlichen, sondern selbst bei geistlichen Ständen 
beliebt; neben den Volkstänzen erfahren wir von Herrentänzen, bei welch* letzteren vielfach aus- 
ländische Einflüsse nachweisbar sind, die spanische Sarabande, der altfranzösische Courante, ital. 
Corrente, der Menuet; am merkbarsten war in Böhmen der italienische Einfluss, wie ja das 
italienische Element am Prager Hofe seit Karl IV. Zeiten sich geltend zu machen wusste. Und 
wie bezüglich vieler Volkstrachten längst nachgewiesen ist, dass sie auf ältere Herrenmoden, die 
in dem conservativen Volksleben gleichsam stecken geblieben, zurückzufuhren sind, so lassen sich 
auch bei vielen Volkstänzen Nach- und Umbildungen ursprünglicher Herrentänze nachweisen. 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 2 I 

Eben auch in der Karolingiächen Zeit stoßen wir neben der lebhaften Pflege des Tanzes auf die 
ersten großen Sittenprediger gegen den Tanz; seitens der Kirche wurde wohl seit jeher von 
der Kanzel herab über die Entheiligung des Sonntags durch weltliche Lustbarkeit, über die 
Lockerung von Ehrbarkeit und Anständigkeit durch frivole Tänze geklagt und geeifert. Unter 
Karl IV. und Wenzel IV. nun treten die großen Kanzelredner und moralisierenden Schriftsteller auf : 
Mili^, Waldhauser, Thomas §titn^, dann Huss selbst, nach ihm Rokycana u. a., sie alle waren 
gegen den Tanz (S. 44 — 49) ; am ausdauerndsten und heftigsten Cheläcky und die von ihm aus- 
gegangene Gemeinde der böhmischen Brüder, die mit Berufung auf die heilige Schrift, mit Citaten 
aus den Kirchenvätern, aber auch aus weltlichen Classikem, mit sittlichen Vorstellungen und Be- 
weggründen den Tanz zu einem Teufelswerk, zu einem Blendwerk der Hölle, einer Erftndung des 
.Satans stempelten, von der sich jedes christlich gestählte Gemüth fem halten sollte (S. 98 — 1 10; Simon 
Zomick^ von Bude(5 schrieb gegen den Tanz einen weitläufigen Tractat S. iio — 149). Selbst Land- 
tagsbeschlüsse ergiengen gegen die Tänre «ausgenommen ehrbare Lustbarkeit bei frohen Hochzeiten» 
(S. 161). Dieser geschlossenen und gewappneten Phalanx gegenüber finden wir einen einzigen 
Gegenkämpfer Albrecht Chanovsk^ von Langendorf, der 1645 mit der Behauptung hervortrat, 
dass ein ehrbarer Tanz keine Sünde sei, dass man ihn der Jugend gönnen soll, dass er von 
manchen sittlichen Verirrungcn abhalte, dass er zugleich eine der Gesundheit zuträgliche Leibes- 
übung und bei Hochzeiten, Kirchweih- und anderen Festen Ausdruck einer erlaubten Freude sei 
(S. 97 f.). Wenn auch, wie Zibrt ausdrücklich hervorhebt, dieser ChanovskJ* mit seiner Schutz- 
schrift in der älteren böhmischen Literatur allein steht, in der Praxis hat sich das Volk nach wie 
vor die Freude am Tanze nicht nehmen lassen und vorzüglich von der Zeit nach dem dreißig- 
jährigen Kriege jene Fruchtbarkeit in Erfindung stets neuer Formen einer ihm lieb, ja unent- 
behrlich gewordenen Ergötzlichkeit bekundet, von welcher eingangs dieser Besprechung die Rede 
war. Dem XIX. Jahrhunderte gehört eine vielfache Wechselwirkung zwischen Stadt und Land an, 
eine Aufnahme von Bauemtänzen in den Salon — denn die Polka ist nicht das einzige Beispiel 
dieser Art — und die Ummodelung herrischer Weisen in volksthümliche Gestalt, der unser 
Verfesser eine eingehende Aufmerksamkeit widmet. Das Mittel, durch welches diese Wechsel- 
wirkung im Gang erhalten wurde, waren die sog. merendy, von Studenten während der Ferien 
veranstaltete Tanzunterhaltungen auf dem Lande, bei welchen z. B. die Polka um etwa zehn 
Jahre früher heimisch wurde, ehe sie ihren Einzug in die hauptstädtischen Kreise feierte; dann 
vom Beginn der vierziger Jahre an die «böhmischen» Bälle — der erste «&sk^ bdl» 1840 — 
im Saale der Sophien-Insel zu Prag und die «slavischen Bälle» im Sophien-Saale zu Wien (der 
erste 1843), welche letzteren in der Reichshauptstadt großes und durchaus nicht unsympathisches 
Aufsehen machten und sich der Theilnahme aus den ersten Kreisen der Residenz erfreuten 

(S. 306—334) ... 

Es ließ sich hier nur eine kurze Übersicht aus dem reichen Inhalte des Zibrt*schen 
Werkes geben, an welchem zu rühmen ist, dass es der Verfasser nicht unterlässt, gelegenheitliche 
Seitenblicke auf das zu werfen, was sich gleichzeitig in anderen Ländern ausbildete und nicht 
immer ohne Rückwirkung auf das böhmische Tanzleben blieb. Man beachte z. B. S. 49 — 54 das 
Capitel über den St. Veitstanz und die Todtentänze, deren Ursprung aus den schrecklichen Zeiten 
des «schwarzen Todes» herzuleiten ist, und wovon sich ein Nachhall bis heute in der alljährlichen 
Spring-Procession zu Echtemach im Luxemburgischen erhalten hat; oder S. 195 — 203 den Ab- 
schnitt über «Modetänze, italienische Tänze, das Ballet», die im böhmischen Volksleben nicht ohne 
Nachbildung blieben. Ebenso reich und für das Studium dieser Seite des böhmischen Volks- 
lebens ergiebig ist die bildliche Ausstattung des Buches, dessen 136 theils Skizzen, theils zeichnerisch 
ausgeführte Darstellungen, mit Ausnahme weniger Phantasiestücke neuerer Künstler (Initialen und 
Schluss- Vignetten^, durchaus zeitgenössischen Quellen entnommen sind. Aus einer uns näher 
stehenden Periode werden das gelungene Portrait des Schullehrers Neruda (Vollbild S. 344), die 
Facsimile- Wiedergabe der in den vierziger Jahren üblichen, von einheimischen Künstlern jener 
Tage, Guido Manns, B. Havränek, A. Lhota, Karl Svoboda u. a. ausgeführten Balleinladungen und 
Tanzordnungen (S. 295 — 298, 336 f.), die Nachbildung Maixner'scher Aquarelle zu den Volks- 
tänzen «hutdn» (S. 353), «sko6na» und «Kov4?» (S. 360 f.), die Zeichnung A. Liebscher's zu 
einem mährischen Tanzliede (S. 368), jene Josef Manes* zu einem Dudelsackpfeifer- Liede (S. 376) 
und so vieles andere das lebhafte Interesse des Lesers^ erregen. 

Wien, Januar 1895. Fhr. v. Helfert. 



22 



V. Vereinsnachrichten. 



I. Chronik. 

1. Die Gründung des Vereins. 

Es war Mitte October 1894, ^^ der Unterzeichnete seinen Freunden und Collegen 
Dr. W. Hein, der damals eben von seiner volkskundlichen Rccognoscierungstour in den Alpen- 
ländem und sodann in Mähren, Böhmen und Galizien zurückgekommen war, und Dr. Moriz 
Hernes zum ersten Male in den Grundlinien die Idee der Gründung eines Vereins für 
österreichische Volkskunde entwickelte. Die Dringlichkeit und Ersprießlichkeit eines der- 
artigen Unternehmens, mit dem unser Österreich gegenüber den andern europäischeh Culturländem 
im Rückstande war, leuchtete uns damals von vornherein ein; es fragte sich nur, wie ein solches 
Unternehmen ins Werk zu setzen wäre. Dabei die Anlehnung an bereits bestehende, verwandte 
Aufgaben verfolgende Gesellschaften zu suchen, schien uns, so bequem es gewesen wäre, nicht 
zweckmäßig, weil nur durch die Specialisierung und Concentration auf die österreichische Volkskunde 
eine umfassende Betheiligung der Bevölkerung zu erhoffen war. Und auf diese allseitige Betheiligung 
der gebildeten Kreise in allen österreichischen Ländern musste in erster Linie gerechnet werden. Es 
war uns daher gleich anfangs klar, dass wir im Gegensatz zu anderen gelehrten Gesellschaften 
nur einen höchst bescheidenen Beitrag von unseren Gesinnungsgenossen einfordern dürften. Die 
Mittel zur Pflege der österreichischen Volkskunde erkannten wir in der Herausgabe einer möglichst 
oft erscheinenden Zeitschrift und in der Anlegung von Sammlungen volksthümlicher Gegenstände 
aus allen Gauen Österreichs. 

Diese ersten Grundlinien unseres Verein sprojectes fanden den Beifall einer kleinen Zahl 
engerer Berufscollegen, der Herrn Prof. Dr. A. Riegl, Dr. Robert Sieger und Dr. Karl 
M a s n e r. Durch Herrn Präparator Fr. X. G r ö ß 1, der unsere Idee sogleich mit wärmstem 
Eifer in weitere bürgerliche Kreise trug, erhielten wir die Gewissheit, dass unser Unternehmen 
nicht nur in den höheren und gelehrten Kreisen, sondern vor allem auch in den breitesten 
Schichten der Bevölkerung auf lebhafte .Sympathien trefien werde. Wir traten sonach mit 
den genannten Herren zu einem vorbereitenden Comitö zusammen, welches sich die Gründung 
eines Vereines für österreichische Volkskunde zur möglichst bald und energisch durchzuführenden 
Aufgabe machte. Unschätzbare Förderung und Unterstützung fand das Comiti zum Glück bei 
Sr. Excellenz dem Herrn Gehcimrath Dr. Paul Freiherr Gautsch von Frankenthurn, 
der mit bedeutsamem Rath und wichtiger That für unsere werdende Sache eintrat und das- 
Vertrauen aller neu zutretenden Persönlichkeiten auf ein sicheres Gelingen unseres Unter 
nehmens in einer Weise festigte, die uns allein wohl unerreichbar gewesen wäre. Das Comit^ 
berieth die von Dr. W. Hein entworfenen Statuten (Anhang j) des Vereins und reichte 
dieselben am 20. November 1894 zur behördlichen Genehmigung bei der hohen k. k. nö. Statt- 
halterei ein. Es redigierte einen vom Unterzeichneten concipierten Aufruf (Anhang 3), mit 
welchem die Bevölkerung der österreichischen Königreiche und Länder auf unsem Verein auf- 
merksam gemacht und zum Beitritt in denselben aufgefordert werden sollte. Zur Unterfertigung 
des Aufrufes wurde auf mündlichem und brieflichem Wege an eine große Zahl der her\'or- 
ragendsten Persönlichkeiten Österreichs aus wissenschaftlichen, aristokratischen, amtlichen und 
bürgerlichen Kreisen appelliert; und dem Glanz von circa 140 ausgezeichneten Namen, die für den 
Aufruf geliehen wurden, danken wir die erfreuliche, durch die Presse in dankenswertester Weise 
verstärkte Wirkung desselben, welche, nach der am 12. December durch das hohe Wohlwollen 
Sr. Excellenz des Herrn Statthalters Grafen Erich Kielmannsegg beschleunigt erfolgten 
Genehmigung der eingereichten Statuten, am 20. December zur Constituierung des «Vereins 
für österreichische Volkskunde» mit einem Stande von 320 Mitgliedern führte. 

Dr. Michael Haberland t. 

Anhang a. 
Statuten des Vereins für österreichische Volkskunde. 

§ I. Der Verein führt den Namen «Verein für österreichische Volkskunde» 
und hat seinen Sitz in Wien. 



VCTtitunachrichttn. 23 

§ 2. Der Zweck des Vereines ist die Erforschung aller Äußerungen des Volkslebens in 
den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern und in Verbindung damit die Weckung 
des Verständnisses für altüberlieferte Sitten und Gebräuche beim Volke selbst. 
§ 3. Dieser Zweck soll erreicht werden durch: 

a) Anlegung von Sammlungen, welche im I^ufe der Zeit zu einem Museum für 

österreichische Volkskunde auszugestalten wären; 
l) Herausgabe einer Zeitschrift und erforderlichen Falles von Monographien; 
c) periodische Versammlungen, und zwar Monats-, Jahres- und Wanderversammlungen ; 
(f) öffentliche Veranstaltungen und Vorträge. 
§ 4. Die Monatsversammlungen haben zur Erstattung eines monatlichen Geschäfts- 
berichtes und zur Abhaltung von Vorträgen und Discussionen zu dienen. 

§ 5. Die Jahresversammlungen, welche in den ersten Wintermonaten des Kalender- 
jahres stattzufinden haben, dienen vornehmlich zur Erstattung des Jahres- und Rechenschafts- 
berichtes und zur Vornahme der Wahlen in die Vereinsleitung. Der Rechenschaftsbericht ist 
von zwei ad hoc gewählten Revisoren zu prüfen. 

§ 6. Die Wanderversarorolungen haben womöglich alljährlich abwechselnd in einem der 
österreichischen Königreiche und Länder, und zwar in den Sommermonaten stattzufinden. 
§ 7. Die pecuniären Mittel bringt der Verein auf durch : 
o) Beiträge der Mitglieder; 

/) freiwillige Zuwendungen von Anstalten und Privaten ; 
c) anderweitige Einnahmen. 
§ 8. Mitglied kann Jedermann werden, der sich verpflichtet, die Vereinszwecke zu 
fördern und den Jahresbeitrag zu zahlen. 

§ 9. Die Anmeldung der Mitglieder erfolgt direct oder indirect bei der Vereinsleitung, 
welche die Aufnahme vollzieht. 

§ 10. Persönlichkeiten, welche sich um den Verein hervorragende Verdienste erworben 
haben, können von der Jahresversammlung zu Ehrenmitgliedern gewählt werden. 

§ II. Die Mitglieder sind berechtigt, allen Vereinsversammlungen beizuwohnen und die 
Sammlungen unentgeltlich zu benützen. Sie haben bei allen Versammlungen eine persönlich aus- 
zuübende Stimme und activos sowie passives Wahlrecht für die Vereinsleitung. 

§ 12. Die Mitglieder sind verpflichtet, einen Jahresbeitrag von mindestens einem 
Gulden (zwei Kronen) zu entrichten. Für jene Mitglieder, welche die Zeitschrift beziehen, 
beträgt der Jahresbeitrag drei Gulden (sechs Kronen). 

§ 13. Der Mitgliedsbeitrag ist in den ersten drei Monaten des Kalenderjahres zu erlegen, 
widrigenfalls derselbe durch Postauftrag auf Kosten des betrefienden Mitgliedes eingehoben wird. 
§ 14. Hat ein Mitglied ein Jahr lang den Beitrag nicht geleistet, so wird es als ausge- 
treten betrachtet. Der Austritt aus dem Verein ist vor Ablauf des Jahres anzumelden, doch hat 
das Mitglied für das letzte Jahr noch den Mitgliedsbeitrag zu leisten. 

§ 1 5. Die Vereinsleitung wird auf drei Jahre in den Jahresversammlungen gewählt ; 
für einen innerhalb der Functionszeit erfolgten Abgang ist in der nächsten Jahresversammlung ein 
Ersatz ebenfalls auf drei Jahre zu wählen. 

§ 16. Die Wahlen erfolgen durch Stimmzettel oder auf speciellen Antrag durch Acclamation. 
§ 17. Die Vereinsleitung besteht aus 
a) einem Präsidenten; 

6) einem ersten und einem zweiten Vicepräsidenten ; 
c) einem Schriftführer und dessen Stellvertreter; 
ä) einem Geschäftsführer und dessen Stellvertreter; 
e) einem Cassier; 
/) zwanzig Ausschussräthen. 
§ 18. Ist eines der Mitglieder der Vereinsleitung an der Ausübung seiner Function ver- 
hindert, so tritt das im § 17 nächst genannte an dessen Stelle. 

§ 19. Der Präsident vertritt den Verein nach Außen, hat alle Versammlungen einzu- 
berufen und in denselben den Vorsitz zu führen. 

• § 20. Der Schriftführer oder dessen Stellvertreter hat die Protokolle der Vorstands- 
sitzungen und der Vereinsversammlungen zu führen und die Redaction der Zeitschrift zu leiten. 



24 Vercinsnachrichtcn. 

§ 21. Der Geschäftsführer oder dessen Stellvertreter hat die Geschäftsgebarung und die 
Aufsicht über die Sammlungen zu besorgen. 

§ 22. Rechtskräftige Schriftstücke müssen, wenn sie den Behörden gegenüber verpflichtend 
sein sollen, vom Präsidenten oder einem der Vicepräsidenten, vom Schriftführer und vom Geschäfts- 
führer unterzeichnet sein. 

§ 23. Zahlungen des Vereins sind vom Cassier über Anweisung des Präsidenten zu leisten. 

§ 24. Die Geschäfte des Vereins werden in von Fall zu Fall einzuberufenden Sitzungen 
der Vereinsleitung erledigt. 

§ 25. Zur Beschlussfähigkeit einer Vorstandssitzung ist die Anwesenheit von sechs Mit- 
gliedern der Leitung erforderlich. 

§ 26. Jede Jahresversammlung ist beschlussfahig, sobald 30 Mitglieder anwesend sind. 

§ 27. In allen Versammlungen können von den Mitgliedern Anträge gestellt werden, die 
entweder sofort oder längstens in der nächsten Jahresversammlung zur Abstimmung kommen 
müssen. Es entscheidet bei allen Anträgen mit Ausnahme von solchen, die eine Statutenänderung 
oder die Auflösung des Vereins bezwecken, die absolute Majorität der Anwesenden, bei Stimmen- 
gleichheit das Votum des Präsidenten. 

§ 28. Anträge auf Statutenänderung können nur in Jahresversammlungen entschieden 
werden, wenn zwei Drittel der Anwesenden dafür stimmen. 

§ 29. Ein Antrag auf Auflösung des Vereins kann nur in einer zu diesem Zwecke 
einberufenen außerordentlichen Versammlung erledigt werden, wobei das Votum der Hälfte aller 
Vereinsmitglieder, das auch schriftlich abgegeben werden kann, entscheidet. 

§ 30. Bei einer etwaigen Auflösung des Vereins entscheidet das Votum der Mitglieder 
über die Verwendung des Vereinsvermögens. 

§ 31. Differenzen, die sich auf Erreichung des Vereinszweckes beziehen, sind vor ein 
Schiedsgericht zu bringen, das dadurch gebildet wird, dass jede der streitenden Parteien zwei 
Mitglieder in dasselbe entsendet. Diese wählen einen Fünften als Obmann. Sollten sich dieselben 
auf einen Obmann nicht einigen, so entscheidet das Los unter den Vorgeschlagenen. 

Genehmigt mit hohem Erlass der k. k. n.-ö. Statthalterei vom 12. Dccember 1894, Z. 92.496. 

In Vertretung: 

Oter. 
Anhang b. 

Aufruf lum Eintritt in den Verein für österreichische Voilcslcunde. 

Die Unterzeichneten haben beschlossen, zu einem «Verein für österreichische 
Volkskunde» zusammenzutreten, und laden jeden Österreicher herzlich und dringend zum 
Beitritt ein. 

Alle culturellen Güter, Wissenschaft und Kunst, Schule und Nationalität genießen Schutz 
und Pflege seitens Staat und Gesellschaft, nur die Grundlage jeder Cultur und Nationalität, das 
naturwüchsige Volksthum selbst, hat in unserem Österreich bisher nicht die entsprechende 
Würdigung und Pflege gefunden. Während in anderen Ländern: Deutschland und Frankreich, 
in Russland, Schweden und Nor^'egen die öffentliche Aufmerksamkeit längst in großartigem Stile 
den volksthümlichen Gütern der Nationen zugewendet wird und in der Anlegung eigener Museen 
ihren Ausdruck gefunden hat, muss in unserem Vaterlande erst durch die Schaffung einer 
centralen Pflegestelle für Erforschung und Darstellung unseres volksthümlichen Culturbesitzes 
Vorsorge getroffen werden. 

Es ist mit lebhaftem Danke anzuerkennen, dass die erfreulich aufblühenden Landes- 
und Ortsmuseen mit wachsendem Eifer der ihnen gestellten Aufgabe nächkommen. Aber diese 
Aufgaben sind universeller Natur, dabei von local begrenztem Charakter "und entheben somit nicht 
der dringenden Noth wendigkeit, die Völker Österreichs in umfassender und systematischer 
Weise zum Gegenstande liebevollen Studiums, ihre Erzeugnisse zum Object eifriger Sammel- 
thätigkeit zu machen. Gerade Österreich mit seinem urwüchsigen nationalen Reichthum, mit 
seinen weit zahlreicher als anderswo erhaltenen Überresten volksthümlicher Schöpfungen wird eine 
solche Thätigkeit mit ungeahnt reichen Ergebnissen belohnen. 

Es ist aber dazu spät genug geworden. Die wachsende Ausdehnung des Eisenbahrmetzes, 
die Expansivkraft unserer Industrie und der gesteigerte Verkehr verdrängen überall die Erzeugnisse 
des primitiven Hausfleißes und nehmen allmählich Stück um Stück von der angestammten Eigenart 



Vercinsnachrichten. 



25 



unserer Bevölkerung hinweg. Die ländlichen Trachten verschwinden, die bäurischen Hausformen 
verstädteln, Sage und Volkslied, Spruch und Sang, Spiel und Tanz, die alten Sitten, Bräuche und 
Gewohnheiten sterben in ihrer Originalität aus und die städtische Cultur dringt unaufhaltsam 
nivellierend ins Dorf leben ein. Es ist hohe Zeit, zu forschen und zu sammeln, zu retten und zu 
erhalten, damit der Zukunft wenigstens ein treues Erinnerungsbild und der Forschung die Documente 
der Vergangenheit aufbewahrt bleiben. 

Hier einzutreten muss der gebildeten österreichischen Bevölkerung ihr historischer Sinn, 
die Selbstachtung, das Heimatsgefnhl in gleicher Stärke gebieten. Nur durch das zielbewusste 
Zusammenarbeiten vieler Theilnehmer, die ein Beobachtungs- und Sammelnetz über alle Länder 
Österreichs ausbreiten helfen, lässt sich diese große und umfassende Aufgabe lösen. 

Der «Verein für österreichische Volkskunde» stellt sich freudig in den Dienst 
dieser Aufgabe als der Vorarbeiter für kommende staatliche Fürsorge. Es gilt, in gemeinsamer Sammel- 
thätigkeit der Mitglieder alle Documente des volksthümlichen I^bens der österreichischen Nationali- 
täten für ein künftiges österreichisches Völkermuseum aufzusammeln und ein solches 
inzwischen zu ersetzen, und es gilt, in literarisch-wissenschaftlicher Thätigkeit durch die Heraus- 
gabe einer Zeitschrift für österreichische Volkskunde ein umfassendes Verständnis des 
Volksthums zu gewinnen und zu vermitteln. 

Wir bitten also alle Freunde unserer Sache innerhalb der im Reichs- 
rathe vertretenen Königreiche und Länder, die hohen Behörden, die wissenschaftlichen 
Institute und Museen, die Schulen und geistlichen Stifte, alle Vereine und Corporationen, welche 
sich mit verwandten Aufgaben beschäftigen, wir bitten jeden denkenden Freund seiner Heimat 
und seines Volksstamms, die Zwecke unseres Vereines fördern zu wollen: 

zunächst durch den Beitritt zu unserem Vereine, der einen jährlichen 
Mitgliedsbeitrag von i fl. (bei Bezug der Zeitschrift 3 fl.) einhebt; 

durch Zuwendung von Subventionen und Unterstützungen behufsmaterieller 
Sicherung seines Bestandes; 

sodann durch geschenk- oder leihweise Zuwendung von öster- 
reichisch-volksthümlichen Gegenständen jeder Art, die stets mit dem 
Namen des Eigenthümers oder Spenders zur Ausstellung gebracht werden sollen; 

und endlich durch Mitarbeiterschaft an unserer Zeitschrift, die 
ein Vereinigungspunkt aller volksthümlichen Forschungsthätigkeit in Österreich zu 
werden bezweckt. 
In unserer Zeit, wo nationale und sociale Fragen eine so lebhafte Vorherrschaft im 
öffentlichen Interesse behaupten, gewinnt eine Thätigkeit wie diejenige, welche unser Verein sich 
vorgesetzt hat, über ihre wissenschaftliche und vaterländische Wichtigkeit hinaus auch ungewollt 
und ungesucht eine ganz besondere Bedeutung. Sich kennen lernen, heißt sich verstehen, heißt 
Interesse an einander finden. Sicherlich ist die Wahrnehmung der vielfach so verwandten Grund- 
lagen und Äußerungen unserer Nationalitäten geeignet, beruhigend und verbindend zu wirken. Im 
Ganzen aber liegt das Unternehmen, an das wir herantreten, so innig im warmen Heimat s- 
gcfühle des Österreichers begründet, dass wir zuversichtlich auf Erfolg und Gelingen durch 
die allgemeine Mitwirkung der österreichischen Bevölkerung hoffen dürfen. 
Wien, Mitte December 1894. 



Dr. P. Ars. Aidyn, Erzbischof von Salamina, 
Generalabt der Mechitharisten - Congregation, 
Wien. 

Dr. Eduard Albert, k. k. Hofrath, Universitäts- 
Professor, Wien. 

Ferdinand Freiherr v. Adrian- Wcrburg, k. k. 
Ministerialrath a. D., Präsident der Anthro- 
pologischen Gesellschaft, Wien. 

Alfred Ritter v. Ameth, k. u. k. wirkl. Geh. Rath, 
Dir. des Haus-, Hof- u. Staatsarchivs, Wien. 

Frau Lucia Bake)?, Großgrundbesitzerin und 
Schriflstellcrin in Klein-Urhau. 



Gustav Bancalari, k. u. k. Oberst i. R., Linz. 

Dr. Otto Benndorf, k. k. Hofrath, Universitäts- 
professor, Wien. 

Julius Botstiber, Privatbeamter, Wien. 

Dr. Rudolf Botstiber, Gemeindearzt, Donaufeld. 

Anton Breitner, Schriftsteller, Obmann des 
Scheffelbundes, Mattsee. 

Joachim Freiherr v. Brenner-Felsach, k. u. k. 
Kämmerer, Gainfahm. 

Bruno Bucher, k. k. Regierungsrath, Vice- 
Director des k. k. österr. Museums für Kunst 
und Industrie, Wien. 



26 



Vttreintnachrichten . 



Msgr. Franz Buliö, Gymnasial- und Museal- 
director, Spalato. 

Dr. Max Eugen Burckhard, Director des k. k. 
Hofburgtheaters, Wien. 

Gustav Calliano, I. Präsident des Museums- 
vereines, Baden. 

L. A. Canaval, kais. Rath, Klagenfurt. 

Clemens Öermdk, k. k. Conservator, £aslau. 

Hugo Charlemont, akad. Maler, Wien. 

Franz Graf Coronini-Cronberg, k. u. k. Mrirkl. 
Geh. Rath, Oberst a. D., Reichsraths-Ab- 
geordneter, Landeshauptmann in Görz und 
Gradisca, Görz.. 

Josef Freiherr von Doblhoff, Schriftsteller, Cor- 
respondent der k. k. Central-Commission, 
Salzburg. 

C. Dorasil, kais. Rath, Präsident der Handels- 
und Gewcrbekamraer, Troppau. 

Christian Ritter d'Elvcit, k. k. Hofrath, Brunn. 

Dr. Wilhelm Franz Ezner, k. k. Hofrath, Pro- 
fessor an der k. k. techn. Hochschule, Director 
des technolog. Gewerbemuseums, Reichsraths- 
Abgeordneter, Wien. 

Ladislaus von Fedorowicz, Großgrundbesitzer, 
Okno. 

Dr. Sigmund Fessler, Hof- u. Gerichts-Advocat, 
Wien. 

Ludwig Hans Fischer, akad. Maler, Wien. 

R. Freisauff v. Neudegg, Redacteur, Salzburg. 

Georg Frejrtag, Inhaber der Verlagsbuchhand- 
lung F. Tempsky, Wien. 

Franz Gaul, Historienmaler, k. u. k. Oberin- 
spector der Hofoper, Wien. 

Dr. Paul Freiherr Gautsch v. Frankenthurn, 
k. u. k. wirkl. Geheimer Rath, Wien. 

Karl Oerlich, Lehre?, Prerau. 

Anton von Globo^nik, k. k. Regierungsrath, 
Wien. 

Dr. Karl Glossy, Director der Bibliothek und 
des historischen Museums der Stadt Wien. 

Dr. August Göttinger, Primararzt, Salzburg. 

Hans Grasberger, Schriftsteller, Wien. 

Alois Grill, Director-Stellvertreter der Versiche- 
rungs-Gesellschaft «Janus», Wien. 

Karl Grill, k. u. k. Hauptmann, Erlau. 

Anton Gröger, Leiter der Hilfsämter der k. k. 
Direction der Staatsschuld, Wien. 

Dr. Raimund Grfibl, Bürgermeister von Wien. 

P. Heinrich Grünbeck, Prälat des Stiftes 
Heiligenkreuz und Neukloster. 

Dr. Eduard Hanslick, k. k. Hofrath, Univer- 
sitätsprofessor, Wien. 

Dr. Wilhelm Ritter v. Hartel, k. u. k. wirkl. 
Hofrath, Director der k. k. Hofbibliothek, 
k. k. Universitätsprofessor, Wieit. 



Dr. Franz Ritter von Hauer, k. u. k. Hofrath, 
Intendant des k. k. naturhistorischen Hof- 
museums, Mitglied des' Herrenhauses, Wien. 

Dr. Ernst Hauswirth, Abt des Benedictiner- 
Ordensstiftes zu den Schotten, Mitglied des 
Herrenhauses, Wien. 

Frau Vlasta Havelka, Professorswitwe, Olmütz. 

W. Hecke, k. k. Regierungsrath, Professor an 
der k. k. Hochschule für Bodencultur, Wien. 

Franz Heger, Custos, Abtheilungsleiter am k. k. 
naturhistorischen Hofmuseum, Secretär der 
Anthropologischen Gesellschaft, Wien. 

Adalbert Hein, Bürgerschuldirector, Wien. 

Alois Raimund Hein, k. k. Professor, akad. 
Maler, Wien. 

Josef Alexander Freiherr v. Helfert, k. u. k. 
wirkl. Geh. Rath, Mitglied des Herrenhauses, 
Präsident der Central-Commission f. K. u. 
h. D. etc., Wien. 

Dr. Emanuel Herrmann, k. k. Ministerialrath, 
Professor an der techn. Hochschule, Wien. 

Hugo H. Hitschniann, Herausgeber und Re- 
dacteur der «Wiener Landwirtschaftlichen 
Zeitung», Wien. 

Anton Hl&vka, k. k. Baurath, Präsident der 
bohm. Akademie der Wissenschaften, Prag. 

Oscar Hoefft, k. k. Commercialrath, Fabriks- 
director, Wien. 

Dr. Ludwig v. Hörmann, Director der k. k. 
Universitätsbibliothek, Innsbruck. 

Dr. Rudolf Hoemes, k. k. Umversitätsprof.,Graz. 

Adolf Holzhausen, Buchdruckereibesitzer, Wien. 

Victor Houdek, k. k. Ministerial-Secretär, Wien. 

Dr. Albert Hg, k. u. k. Regierungsrath, Director 
der Kunstsammlungen des Allerhöchsten 
Kaiserhauses, Wien. 

Dr. Vatroslav Jagi6, Mitglied des Herrenhauses, 
k. k. Hofrath, Universitätsprofessor, Wien. 

Dr. Samuel Jenny, kais. Rath, k. k. Conser- 
vator, Fabriksbesitzer, Hard. 

Dr. Raimund Friedrick Kaind), Privatdocent an 
der k. k. Universität in Czemowitz. 

Ferd. Kaltenegger, k. k. Hofrath, Brixen. 

Dr. Josef Karäsek, Wien. 

P. Alexander Karl, Abt des Benedictinerstiftes 
Melk, Mitglied des Herrenhauses, kais. Rath, 
fürsterzbischöfl. Consistorialrath, Melk. 

Felix Karrer, kgl. Rath, I. Secretär des wissen- 
schaftlichen Club, Wien. 

Adolf Kettner, Centralvorstand des mähr.-schles. 
Sudetengebirgs- Vereins, Freiwaldau. 

Karl Kolbenheyer, k. k. Professor, Bielitz. 

Ubald Kostersitz, inful. Propst u. lat. Abt des 
.Stiftes Klostemeuburg, kais. Rath, Mitglied 
des Herrenhauses, Klostemeuburg. 



Vtreinsnmchrichten. 



27 



Dr. Richard Kralik Ritter v. Meyrswalden, 
Wico. 

Franz Kraus, k. k. Regienmgsrath, Wien. 

Eduard Kremser, Chormeister des Wiener 
Männergesangvereines, Wien. 

Bertha Gräfin v. Kuenburg-StolberST, Aigen. 

Moriz Edler v. Kuffner, Realitfitenbesitzer, Wien. 

Dr. Richard Kulka, Wien. 

Karl Lacher, Director des steierm. culturhist. 
Kunstgewerbemuseoms, Gras. 

Karl Graf Lanckoroüski - BrzeÜe, k. u. k. 
Kämmerer, Wien. 

Adalbert Ritter v. Lanna, Herrenhausmitglied, 
Prag. 

Simon Laschltzer, Custos der k. k. Stadien- 
bibliothek, Klagenfort. 

Julius Leisching, Architect, Director des Mähri- 
schen Gewerbemoseums, Brunn. 

Alezander Makowsky, Professor an der k. k. 
technischen Hochschule, Brunn. 

Karl Jaroslav Maäka, Oberrealschuldirector, k. k. 
Conservator, Teltsch. 

Dr. Anton Matosch, Bibliothekar der k. k. geo- 
logischen Reichsanstalt, Wien. 

Dr. Julius Mattem, Secretär der Handels- und 
Gewerbekamme», Troppau. 

Josef Matzura, Professor an der deutschen Staats- 
Gewerbeschule, Brunn. 

Julius Meurer, Präsident des österr. Touristen- 
Club, Wien. 

Dr. Matthäus Much, Mitglied und Conservator 
der k. k. Central-Commission zur Erforschung 
und Erhaltung der Kunst- und historischen 
Denkmale, Wien. 

Dr. Laurenz Müllner, Rector der k. k. Univer- 
sität, Wien. 

Nikolaus J. Baron Mustatza, Landesausschuss- 
beisitzer, Czemowitz. 

Wilhelm Neuber, kais. Rath, k. k. Commer- 
dalrath, Reichsrathsabgeordneter, Wien. 

Dr. Wilhelm Anton Neumann, k. k. Univer- 
sitätsprofessor, Capitular des Cisterdenser- 
stiftes Heiligenkreuz, fursterzbischöfl. geistl. 
Rath, Wien. 
Dr. Lubor Niederle, k. k. Conservator, Privat- 
docent an der k. k. böhm. Universität, Prag. 

Jaroslav Palliardi, Notariatscandidat, Znaim. 
Dr. Albrecht Penck, k. k. Universitätsprofessor, 
Präsident der Central-Commission für wissen- 
schaftliche Landeskunde von Deutschland, 
Wien. 
Anton Peter, k. k. Schulrath, Teschen. 
Anton Petermandl, Custos der Messersammlung, 

Steyr. 
Dr. Alexander Petter, kais. Rath, Director des 



städtischen Museums Carolino-Augusteum, Salz- 
burg. 
Dr. Alois Plöchl, k. u. k. Regimentsarzt, städt. 

Arzt, Wien. 
Julius Pollak, Obmann des Gewerbevereins, 
Jägemdorf. 

Dr. Josef Pommer^ Obergymnasial-Professor, 
Wien. 

Hugo V. Preen, akad. Maler, Gutsbesitzer, 
Ostemberg. 

August Prokop, Architect, Professor an der k. k. 
technischen Hochschule, Wien. 

Andreas Reischek, Naturforscher, Käfemmarkt. 

Dr. Eduard Richter, k. k. Universitätsprof., Graz . 

Dr. 'Alexander Rigler, Landesgerichtsrath, L 
Präsident des Centralausschusses des Deut- 
schen und Österreichischen Alpenvereins für 
1895— 1897, Graz. 

Eugen Ritter Freiherr v. Zdhony, Präsident 
der Handelskammer, Görz. 

Karl A. Romstorfer, Architekt, k. k. Conser- 
vator, Professor an der k. k. Staatsgewerbe- 
schule, Czemowitz. 

Peter K. Rosegger, Schriftsteller, Graz. 

Mathias Salcher, Fabriksbesitzer, Wien. 

Josef Salzer, Fabriksbesitzer, Wien. 

August Schaeffer, Director der'^Gemäldegallerie 
des Allerhöchsten Kaiserhauses, Wien. 

Franz Schaumann, k. u. k. Rittmeister, Bürger- 
meister von Korneuburg. 

HansSchreiber,Landwirtschaftslehrer,Trautenau. 

Arthur Schwäger Freih. v. Hohenbruck^ k. k. 
Ministerialrath im Ackerbauministerium, Wien. 

Josef Freiherr v. Schvtregelf k. u. k. Geheimer 
Rath, Reichsrathsabgeordneter etc., Wien. 

Dr. Wenzel Sedlitzky, k.u. k. Hofapotheker, 
Salzburg. 

Camillo Sitte, k. u. k. Regierungsrath, Archi- 
tekt, Director der Staatsgewerbeschule, Wien. 

Dr. Conwall Spatzier, Apotheker, Jägemdorf. 

Johann Stdckl, k. k. Bezirkshauptmann, 2^11 
am See. 

Dr. Eduard Suess, k. k. Universitätsprofessor, 
Vicepräsident der Akademie der Wissen- 
schaften, Wien. 

Josef Suman, k. k. Landesschulinspector für 
Krain, Laibach. 

Josef Szombathy, Custos am k. k. natur- 
historischen Hofmuseum, Wien. 

Dr. Franz Tappeiner, k. k. Conservator, Cur- 

arzt, Meran. 

Dr. Kari Toldt, k. k. Hofrath, Universitäts- 
professor, Wien. 

Dr. Wilhelm Tomaschek, k. k. Universitäts- 
professor, Wien. 



2 8 Vereinsnachrichten. 

Moriz Trapp, Custos des Museums «Francis- ' Roman Zawilinski, k. k. Gymnasialprofessor, 



ceum», Brunn. 
P. Leo Maria Treuinfels, Prälat des Benedic- 
tinerstiftes Marienberg, Reichsrathsabgeord- 



Secretär der ethnologischen Abtheilung der 
Akademie der Wissenschaften, Krakau. 
Dr. Karl Zehden, k. k. Professor an der 



neter, Marienberg. j Handelsakademie, Wien. 

Dr. Friedrich Umlauft, k. k. Gymnasialprofessor, Dr. Heinrich Ritter von Zeissberg, k. k. Hof- 



Wien. 
Dr. M. Urban, Plan. 

Dr. Heinrich Wankel, k. k. Conservator, Olmütz. 
Josef Wichner, k. k. Professor, Krems. 



rath, Universitätsprofessor, Wien. 
Gustav Zeller, Bürgermeister von Salzburg. 
Josef Zeller, Controlor bei der k. u. k. Direc- 

tion der Hofapotheke, Wien. 



Georg Wieninger, Gutsbesitzer, Schärding. Dr. Anton v. Zingerle, k. k. Universitätspro 



Dr. Franz Wieser Ritter v. Wiesenhort, k. k. 

Universitätsprofessor, Präsident des «Fer- 

dinandeum», Innsbruck. 
Hans Graf Wilczek, k. u. k. Geheimer Rath, 

Wien. 
P. Ignaz Wurm, Consistorialrath, Olmütz. 
Alois Wustl, Fabriksbesitzer, Wien. 



fessor, Innsbruck. 
Karl Ziwsa, Director des Gymnasiums und 

Vicedirector der Theresianischen Akademie, 

Wien. 
Dr. Otto Zsigmondy, Zahnarzt, Wien. 
Dr. Emil Zuckerkandl, k. k. Universitäts-* 

Professor, Wien. 



2. Die Constitulrung des Vereins. 

1 . Am 20. December 1 894 fand im Sitzungssaale des alten Rathhauses zu Wien, I,. Wipp- 
lingerstraße 8, die constituierendeVersammlung des Vereins für österreichische Volkskunde 
unter zahlreicher Betheiligung der besten Gesellschaftskreise statt. Ihre Excellenzen, die Herren 
Minister Olivier Marquis von Bacquehem und Präsident Joh. Frhr. von Chlumecky schickten 
Zustimmungserklärungen und ließen ihre Abwesenheit von der Sitzung entschuldigen. Femer trafen 
eine Reihe anderer Zustimmungskundgebungen ein, so von Sr. Excellenz dem Herrn Handels- 
minister Graf G. Wurmbrand, von Hofrath Baron v. P i d o 1 1 , Reichsrathsabgeordneten Dr. 
A. Peez, Prof. Bar wiüski , R. Au spitz, Sectionschef Bazant und zahlreichen anderen her- 
vorragenden Persönlichkeiten. 

2. Der Verein für Volkskunde in Berlin sendete durch Herrn Prof. W. Wein- 
hold das nachfolgende Begrüßungstelegramm: «Verein für Volkskunde Berlin begrüßt die junge 
österreichische Gesellschaft brüderlich.» 

Ebenso übermittelte der Vorstand des Deutschen Volkstrachtenmuseums in Berlin durch 
Herrn Geheimrath Prof. Dr. Rudolf Virchow eine telegraphische Gratulation des Wortlautes: 

«Der Vorstand des Deutschen Volkstrachtenmuseums begrüßt die Begründung des Museums 
für österreichische Völkerkunde auf das Herzlichste und wünscht besten Erfolg. Virchow.» 

Beide liebenswürdigen Grüße der deutschen Fachgenossen verpflichten den Verein zu 
innigstem Danke. 

3. Der Obmann des vorbereitenden Comil^s, Dr. Michael Haberlandt begrüßte die 
Versammlung in längerer Ansprache, in welcher die Ziele und Aufgaben des Vereins besprochen 
und seine wissenschaftliche wie vaterländische Bedeutung gekennzeichnet wurden. 

4. Nach Verlesung der behördlich genehmigten Statuten erfolgte die Constituierung durch 
Vornahme der Wahlen in die Vereinsleitung. 

a) Die Stelle des Präsidenten blieb vorläufig unbesetzt. 

b) Nach kurzer Debatte, an welcher sich die Herren Director Th. Fuchs, Hofrath Dr. 
V. Jagic, Geheimrath J. A. Frh. v. H eifert, Custos J. Szombathy und Dr. W. Hein 
bet heiligten, wurde nach dem Antrage des Herrn Director Th. Fuchs die Vereinsleitung per 
acclamationem in nachfolgender Zusammensetzung gewählt: 

Erster Vicepräsident: Se. Excellenz Josef Freiherr von Helfert. 
Zweiter Vicepräsident: Se, Excellenz Graf Franz von Coronini-Cronberg. 
Schriftführer: Dr. Michael Haberlandt. 
Schriftführer-Stellvertreter: Dr. Robert Sieger. 
Geschäftsführer: Dr. Wilhelm Hein. 
Geschäftsführer-Stellvertreter: Julius Botstiber. 
C assier: K. und k. Präparator Franz X. Größl. 



Vereinsnachrichten. 



29 



Ausschussrithe. 

a) In Wien. 

1. Ferdinand Freiherr von Andrian-Werburg. 

2. Dr. Sigismund Pesaleff Hof- und Gerichtsadvokat. 

3. Hofrath Dr. Wilhelm Ritter von Hartel. 

4. Univ.-Docent Dr. Moriz Hoemes. 

5. Regiemngsrath Dr. Albert Ilg. 

6. Hofrath Dr. Vatroslav Jagiö. 

7. Cnstosadjunct Dr. Carl Masner. 

8. Professor Dr. Alois RiegL 

9. Chorherr Jakob Schindler 

10. Hofrath Dr. Heinrich Ritter von Zeissberg. 

b) In den Königreichen und Ländern: 

1 1. Gustav Bancalari, k. und k. Oberst a. D., Linz. 

12. Carl Lacher, Director des Landesmuseums, Graz. 

13. Simon Laachitzer, Custos der k. k. Studienbibliothek, Klagenfurt. 

14. Alexander Makowsky, k. k. Professor, Brunn. 

15. Dr. Lubor Niederle, k. k. Conservator, Prag. 

16. Jaroslav Palliardi, Redacteur, Znaim. 

17. Dr. Alexander Fetter, kaiserl. Rath, Salzburg. 

18. Carl A. Romstorfer, k. k. Professor, Czernowitz. 

19. Dr. Franz Ritter von Wieser, k. k. Univ.-Professor, Innsbruck. 

20. Roman ZawüiAski k. k. Professor, Krakau. 

5. Der neugewählte erste Herr Vicepräsident J. Frh. v. Helfert übernahm nun- 
mehr den Vorsitz mit einer Ansprache, in welcher er nebst dem Dank für seine Wahl daran 
erinnerte, dass er bereits vor mehreren Jahren ein ähnliches Unternehmen, wie das soeben ins 
Werk gesetzte, geplant habe, welches aber seinerzeit nicht zur Verwirklichung kam. Er dankt 
namens der Versammlung dem Actionscomit^ für seine aufopfernde Mühewaltung und erklärt das- 
selbe für aufgelost. 

6. Zum Schlüsse der .Sitzung hielt Herr Geschäftsführer Dr. Wilh. Hein einen Vortrag 
über das nordische Museum in Stockholm, eine Schöpfung des Herrn Prof. Hazelius, welche 
er als vorbildlich und mustergiltig für unsere Bestrebungen bezeichnete. Er schloss mit einem 
warmen Appell an die Öffentlichkeit, das bevorstehende Regierungsjubiläum seiner Majestät des 
Kaisers zum willkommenen Anlass zu nehmen, durch Begründung eines österr. Völker- 
museums der glorreichen Regierung des Monarchen das schönste und angemessenste Dankes- 
monument zu errichten. 

3. Obernahme des Protektorates durch Seine kaiserl. Und königl. Hoheit, 
den Herrn Erzherzog Ludwig Victor. 

Der durchlauchtigste Herr Erzherzog Ludwig Victor hat mit Decret vom 
26. December 1894 (Nr. 504) das Protectorat über den «Verein für österr. Volkskunde» gnädigst 
zu übernehmen geruht. 

Von dieser höchsten, für den jungen Verein so überaus ehrenvollen und erfreulichen 
Entschließung wurde die Vereinsleitung durch eine hohe Zuschrift des Herrn k. u. k. Oberst- 
hofmeisters Seiner kais. u. königl. Hoheit, Sr. Excellenz Baron Wimpffen, verständigt, in 
welcher es heisst: 

« Seine k. u. k. Hoheit, der durchhiuchtigste Herr Erzherzog Ludwig Victor nehmen das 
vom Ausschusse des zu bildenden Vereines für österreichische Volkskunde erbetene Protectorat gerne 
an und freuen Höchstsich, dieses patriotische Unternehmen unterstützen zu können.» 

4. Erste Ausschusssitzung am 12. Januar 1806. 

Anwesende: Die Herren: J. Botstiber, Dr. .S. Feßler, F. X. Größl, Dr. M. 
Haberlandt, Hofr. Dr. W. v. Hartel, Dr. W. Hein, J. Frh. v. Helfert, Dr. M. Hörnes, 
Reg.-R. Dr. A. Ilg, Hofr. Dr. V. Jagid, Dr. K. Masner, Prof. Dr. A. Riegl, Chorh. J. 
Schindler, Dr. R. Sieger, Hofr. H. v. Zeißberg. 



30 



Vereinsnachrichten . 



Ihre Abwesenheit haben entschuldigt : Director K. L a c h e r in Graz, Custos S. Laschitzer 
in Klagenfurt, Dr. L. Niederle in Prag. 
Vorsitzender: J. Frh. v. H eifert. 
Protokollführer: Dr. R. Sieger. 

1. Mittheilung von der Übernahme des Protectorates durch Seine kais. u. k. Hoheit, 
Herrn Erzherzog Ludwig Victor. 

Der Ausschuss nimmt diese Mittheilung mit tiefster Dankbarkeit zur erfreulichen Kenntnis 
und beschließt, unserm Mitgliede, Frau Bertha Gräfin Kuenburg-Stolbergin Aigen bei Salzburg 
für ihre gütige Intervention in dieser Angelegenheit den Dank schriftlich zum Ausdruck zu bringen. 

2. Wahl des Präsidenten. 

Der Ausschuss beschließt auf Antrag des Präsidiums einstimmig, der statutenmäßig 
demnächst einzuberufenden Jahresversammlung Se. Excellenz Herrn Dr. Paul Freiherrn 
Gautsch von Frankenthurn für die Wahl zum Präsidenten vorzuschlagen. 

Desgleichen beschließt der Ausschuss einstimmig, die in der constituirenden Versammlung 
vom 20. December vorgenommenen Wahlen in die Vereinsleitung und den Ausschuss statuten- 
mäßig bestätigen zu lassen. 

3. Anberaumung der Jahresversammlung. 

Ort und Zeitpimkt derselben zu bestimmen wird dem Bureau überlassen. 

4. Tagesordnung der Jahresversammlung. 

Über Antrag des Schriftführers wird die Tagesordnung, wie. folgt, festgesetzt: 

a) Verlesung des Protokolls der constituierenden Versammlung vom 20. Decbr. 1894. 
6) Wahlen. 

c) Geschäftsbericht. 

d) Vortrag des Herrn Prof. Dr. E. Zuckerkandl: «Über bemalte Todtenschädel». 
f) Recitation des «Hexenspiels», aufgeführt am 2. Februar 1894 zu Krimml in 

den Tauem. 

5. Der Schriftführer macht dem Ausschusse Mittheilung von der Überreichung eines 
Subventionsgesuches an das hohe k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht 
und das hohe k. k. Ministerium des Innern, sowie über die wohlwollenden Gesinnungen 
für das Vereinsuntemehmen, welche Ihre Excellenzen, die beiden Herren Ressortminister, in dies- 
bezüglichen Audienzen dem Schriftführer gegenüber zum Ausdruck zu bringen die Güte hatten. 

6. Der Schriftführer theilt mit, dass die Verlagsbuchhandlung F. Tempsky in Wien-Prag 
durch Herrn Verlagsinhaber G. Freytag sich bereit erklärt hat, den Verlag der Zeitschrift des 
Vereins gegen Abführung des Abonnementsbetrages per 2 fl. für jedes die Zeitschrift beziehende 
Mitglied zu übernehmen. 

Der Titel der Zeitschrift wird auf Antrag des Schriftführers nach einstimmigem Ausschuss- 
bcschluss lauten : 

«Zeitschrift für österreichische Volkskunde». 

Sie erscheint allmonatlich in der Stärke von je 2 Druckbogen und wird in jedem Hefte 
mit durchschnittlich 4 Illustrationen ausgestattet sein. 

Im Anschluss an diese Mittheilungen gibt der Schriftführer, welcher statutenmäßig als 
Redacteur der Zeitschrift fungirt, dem Ausschuss das Programm für dieselbe bekannt. 

Reg.-R. Dr. A. Ilg betont mit Bezug auf dies Programm die Nothwendigkeit einer 
inneren Organisation des Vereins. Die darüber gepflogene Debatte endigt mit der Annahme des 
Antrages von Hofrath Dr. W. R. v. Hartel, ein Subcomitö zur Vorberathung der Frage nach 
der inneren Organisation des Vereines einzusetzen, in welches der Schriftführer, der Geschäftsführer 
Reg.-R. Dr. Ilg und Prof. Dr. A. Riegl entsendet werden. Das Subcomitö hat das Recht 
der Cooptation. 

7. Der Geschäftsführer beantragt die Veianstaltung einer zweiten Auflage des Aufrufes, 
für welche eine große Reihe neuer Unterzeichner gewonnen worden ist. Die Höhe der Auflage 
wird auf Antrag des Geschäftsführers mit lO.OOO Exemplaren festgesetzt. 

8. Der Geschäftsführer theilt mit, dass sich bisher 440 Mitglieder angemeldet haben. 
Über specielle Anfrage gibt derselbe bekannt, dass bereits 24 ethnographische Gegenstände, 1 3 Druck- 
schriften und 37 Photographien vom Vereine erworben worden sind. (Näheres siehe unten, unter 
Erwerbimgen p. 31) 



Vereinsnachrichten. 7 j 

9. Einlaufe. Von der Anthropologischen Gesellschaft in Wien ist eine Einladung 
zu ihrer Festsitzung am 12. Februar 1895 eingelaufen. Der Verein wird bei dieser Jubiläums- 
feier vertreten sein. 

Ausschussrath Prof. Dr. Fr. R. v. Wiesner in Innsbruck theilt mit, dass er über 
spccielle Aufforderung jedesmal bereit sei, den Ausschusssitzungen beizuwohnen. Diese Mittheilung 
wird vom Ausschusse zur erfreulichen Kenntnis genommen. 

6. Stand der Mitglieder. 

Bis zum Tage des Redactionsschlusses (20. Januar 1895) haben ihren Beitritt 502 Mitglieder 
angezeigt. 

IL Erwerbungen: 

I. Sammlung: 
Auszug aus dem Inventar: 

1. Frauentasche, aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, aus Iglau. 

2. Frauentasche mit Perlstickerei, aus Hrubschitz in Mähren. 

3. Umhängtuch der Frauen, von Seide, aus Hrubschitz. 

4. Umhängtuch der Frauen, aus Kaschmirgewebe, mit Aufdruck verziert, aus Hrubschitz. 

5. Messingschloss von einer Paradethür, aus Oslawan in Mähren. 

6. Wochenbettvorhang mit Stickerei, aus Merklowitz in Biihmen. 

7. Brauthaube, aus Topusko, Croatien. 

8 — 9. Verzierte Kürbisflaschen für Jkhnaps, aus Moslavina, Croatien. Geschenk von 

Fr. Mu^njak in Wien. 
10 — 17. Acht Votivfiguren ailis Wachs, Linz. 

18. Schreckstein aus Thon mit Marienbild. Geschenk der Frau Laura Hein in Wien. 

19. Gesichtsmaske aus Holz für ein Bauernspiel, aus dem Rauristhal. Geschenk des 
Frl. M. Eysn in Salzburg. 

20. Pelzmütze mit Bondl, aus der Gegend von Hallwang bei Salzburg. Geschenk des 
Frl. M. Eysn. 

21. Haube aus Linz. 

22. Krainer Krug. Geschenk des Herrn Prof. A. R. Hein in Wien. 

23. Kerbholz der Schneefuhrleute, dreitheilig, aus Wien. 

24. «Maxikarten», aus Klostemeuburg. Geschenk des Herrn Wirtschaftsbesitzers P>. 
Steingruber in Klostemeuburg. 

2. Bibliothek: 
o) Bücher, Broschüren und Zeitschriften: 

1. Dr. Adolf Hauffen: Die deutsche Sprachinsel Gottschee. {III. Bd. der Quellen 

und Forschungen zur Geschichte, Literatur und Sprache Österreichs und seiner Kron- 
länder.) Geschenk der Verlagsbuchhandlung «Styria» in Graz. 

2. Dr. Adolf Hauffen: Das Höritzer Passionsspiel. Geschenk des Verfassers. 

3. Fragebogen zur Sammlung der volksthümlichen Überlieferungen in Deutsch- 
Böhmen. Geschenk der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst 
und Literatur in Böhmen. 

4. A. Vrbka: Schematische Anleitung zum Studium und zur Abfassung einer Orts- 
und Heimathskunde. Geschenk der Verlagshandlung Foumier & Haberler in Znaira. 

5. Dr. W. Hein: Die geographische Verbreitung der Todtenbretter. (Sep. aus den 

Mitth. der Anthr. Gesellschaft in Wien, 24. Bd.) Geschenk des Verfassers. 

6. Hecksch A. : Illustrierter Führer auf der Donau. Geschenk der Verlagshandlung 
A. Hartleben, Wien. 

7. Carl B. Swoboda: Grundriss der Thonwaren-Industrie. Geschenk der Verlags- 

handlung A. Hartleben. 

8. Dr. M. Bück: Oberdeutsches Flumamenbuch. Geschenk des Herrn Dr. M. 
H ab er 1 an dt in Wien. 



3 2 Vereinsnachrichten . 

9. A. Riegl: Volkskunst, Hansfleiß und Hansindustrie. Geschenk des Herrn Dr. M. 
Haberlandt. 

10. Fr. S. Krauß: Sreöa. (Sep. aus den Mittheil, der Anthr. Gesellschaft in Wien. 
16. Bd.) Geschenk des Herrn Dr. M. Haberlandt. 

11. G. Bancalari: Vorgang bei der Hausforschung. (Sep. aus den Mittheil, der Anthr- 
Gesellschaft in Wien. 22. Bd.) Geschenk des Herrn Dr. M. Haberlandt. 

12. Fr. Heger: Die Ethnographie auf der Landesausstellung in Krakau 1887. (Sep. 
aus den Mittheil, der Anthr. Gesellschaft in Wien, 18. Bd.) Geschenk des Herrn 
Dr. M. Haberiandt. 

13. J. Soukup: Chozeni s Klibnou. (Sep. aus dem Casopis spolein. pHtel staroXitn. 
ifesk. V. Praze, U. Bd.) Geschenk des Herrn Custos J. Szombathy in Wien. 

h) Photographien : 

1. 36 Aufnahmen von Dorf- und Hausansichten, Volkstypen und Straßenscenen aus der 
Bukowina, aufg. von Herrn Custos J. Szombathy, Sommer 1894. Geschenk des 
Herrn J. Szombathy. 

2. Samson-Umzug in Krakaudorf bei Murau in Steiermark, aufg. vom Photogr. E. Eisle 
in Liezen. Geschenk des Herrn Reg. R. F. Kraus in Wien. 

Sämmtlichen Spendern wird hiemit der verbindlichste Dank des Vereins ausgesprochen. 
Wir knüpfen hieran die Hoffnung, dass ihr schönes Beispiel in den Reihen unserer Mitglieder 
freundliche Nachahmung finden werde. 

Sammlung und Bibliothek befinden sich derzeit im Vereinslocal IX, Liechtensteinstraße 
No. Ol, das von unserem Cassier, Herrn Fr. X. Größl , in dankenswerther Weise unentgeltlich 
zur Verfügung gestellt worden ist. 

III. Verkehr: 

a) Nach außen: 

1. Der Anthropologischen Gesellschaft, dem Verein für Landeskunde 
von Niederösterreich und dem Alterthumsverein in Wien wurden Schreiben der Vereins- 
leitung zugemittelt, welche die Bildung des Vereines für österreichische Volkskunde anzeigten und 
um coUegiales Einvernehmen im gegenseitigen Verkehr ersuchten. 

2. Dem Vereine für Volkskunde in Berlin wurde zu Händen des Herrn Ge- 
heimraths Prof. Dr. K. Weinhold in Berlin der Dank für die telegraphische Begrüßung der 
constituierenden Versammlung zum Ausdruck gebracht. 

3. Dem Vorstande des Deutschen Volkstrachtenmuseums in Berlin 
wurde zu Händen des Herrn Geheimraths Prof. Dr. R. Virchow ebenfalls ein Dankschreiben 
für seine telegraphischen Glückwünsche übermittelt. 

b) Sprechsaal : 

(In dieser Rubrik finden Umfragen der Mitglieder und Mitarbeiter über volkskundliche 
Dinge und deren Beantwortungen aus dem Kreise unserer Mitglieder jederzeit Platz. Diesbe- 
zügliche Einsendungen sind an die Redaction zu adressieren. Die Red.) 

Fr. Siebenrock in Wien: Wer ertheilt nähere Auskünfte über die eigenartigen 
Filigran-Knöpfe an Bauemwämmsen in Oberösterreich? — Dr. W. Hein in Wien: Mit- 
theilungen über das Vorkommen von Todtenbrettern mit genauen Angaben über Form und 
Bemalung derselben, sowie die Abschrift von Reimsprüchen, wenn sie auf solchen Brettern vor- 
kommen, endlich Berichte über Sagen, in welchen die Leichladen eine Rolle spielen, werden 
behufs Veröffentlichung einer umfassenden Studie erbeten. — Dr. W. Hein in Wien: Da ich in 
kurzer Zeit den Text eines vollkommenen Nicolaus-Spieles in dieser Zeitschrift zu veröffent- 
lichen gedenke, erbitte ich mir Nachrichten über dieses Spiel, namentlich (zum Zwecke der Ver- 
gleichung) die Einsendung von Texten. Literaturnachweise sind ebenfalls sehr willkommen. — 
Marie Eysn in Salzburg: Nachrichten über Sühnkreuze, Zeichnungen von solchen mit eventuellen 
Inschriften und ganz genauen Ortsangaben werden erbeten. 

5>chluss der Redaction: 20. Januar 1895. 

Druck von Gebrüder Stiepol in Reichenberg. 



33 

I. Abhandlungen. 

Über den Gegensatz zwischen Stadt- und Landdialekt in 

unseren Alpenländem. 

Von Dr. J. W. NagK Wien. 

Die wenigsten Gebildeten haben heute eine Ahnung*, welche 
Reibung-en und Kämpfe es g-ekostet hat, ehe wir eine gemeinsame 
deutsche Sprache für die verschiedenen deutschen Stämme zustande 
brachten. 

Vordem gab es nur Dialekte, aber schon seit den frühesten Zeiten 
bestanden Abstufung*en. Der bodenständige Bauemdialekt — für die 
deutsche Sprachforschung ein äußerst wichtiges und verlässliches Element 
— entwickelte die Stammsprache nach den ihr innewohnenden Gesetzen 
ohne alle Rücksicht auf andere Stände oder Stammgruppen. Die Bürger 
in den Städten und vielfach auch die Herren auf den Schlössern sammt 
ihrem Anhange suchten von den Bauern sich zu unterscheiden: ein leb- 
hafterer Verkehr mit stammfremden Personen, die sich häufig als die 
Besseren ^^ aufspielten, verleitete sie, gewisseEigenthümlichkeiten 
anzunehmen und auch in ihren F'amilien zu vererben, 
welche der Bauemsprache fremd waren. So begegnen wir schon 
frühe dem Gegensatze zwischen jbäurisch; und ^herrisch^. Endlich ver- 
rathen noch Schriftsteller und Gelehrte besondere sprachliche Züge, 
welche aber im Mittelalter meist nur Personaleigenthum blieben und auf 
die Familie, weil sie eine gewisse Schulung voraussetzten, nicht über- 
giengen. Ich glaube fast, dass die höfische Sprache des Minnesangs - 
wenigstens in ihrer Gesammtheit — unter die letztere Rubrik fallt. 

Der sprachliche Kampf zwischen herrisch ^ und bäurisch» ist — 
ganz abgesehen von der Schriftsprache — noch bis heute nicht zu Ende : 
an die Stelle der «Herren > ist freilich das städtische Fabriksvolk getreten, 
welches sich ursprünglich an die Sprache der Bürger anschloss und heute 
— nachdem letztere sich größtentheils der Schriftsprache nähern, — durch 
das Gewicht des eigenen Beharrungsvermögens den Kampf als herrisch 
gegen die Bauernsprache fortsetzt. 

Einen Streitpunkt bildet vor allem die Aussprache des ahd. mhd. 
ei. Die «Herrischen» sprechen zwä, 'träd, lad, iwas, gas, die Bauern 
zw 6a, troad, load, i woas, goas (hd. zwei, Getreide, leid, ich weiß, 
(jeiß). Zwischen beiden Aussprachen besteht ein unversöhnlicher Gegen- 
satz: der Bauemsohn, der vom Dorfe herein die Marktschule besucht, 
der ländliche Lehrling, der in der Stadt ein Gewerbe sich aneignen 
will, kurz jeder, der sich dauernd in der Stadt oder dem Fabriksorte 
niederlassen will, würde verhöhnt und als <dumm» gemieden werden, 
wollte er .seine bäurischen 6a beibehalten. Wo mehr und größere Städte 
sind, ist diese Censur gegen das 6a strenger als in stadtarmen 
I^ndstrichen. Umgekehrt wird der Herrische , wenn er draußen auf 

Zeitschhlt für ikte-rr. Volkskunde. 1. 3 



34 ^'*ß*' 

dem Dorfe mit seinen städtischen a in der gewohnten unverdutzten 
Weise auftritt, hinter dem Rücken als öde und schal bewitzelt, und wäre 
er gar ein aus der Stadt zu Besuch heimkehrendes Dorfkind, — dann 
sät er mit diesem ä sogar Misstrauen gegen seinen moralischen Charakter. 

Der Schreiber dieser Zeilen spricht da aus eigener Erfahrung; im 
letzten Bauernhause vor dem Markte Neunkirchen geboren, hat er an 
sich selbst alle Leiden dieses Kampfes schon seit der X'^olksschule durch- 
gekostet: heute spricht er, um nirgend^ anzustoßen, mit seinen Angehörigen 
und den andern Dorfbewohnern seine 6a, im Verkehre mit seinen alten 
Bekannten im Markte und selbst in Wien oft die herrischen* ä, — die 
Schule und die gebildete Gesellschaft verlangen wieder das ei, — das 
sind eigentlich dreierlei deutsche Sprachen. 

Das a und das oa sind einander also vollkommen fremd; es geht 
nicht an, sie beide als heimisch zu betrachten oder eines aus dem andern 
herzuleiten, wie ungeschickte Sprachforscher dies gerade für unser Stcimm- 
gebiet versuchen möchten: das a ist mit Ausnahme einiger gemischter 
Colonien in Kärnten hier nirgends bauernmäßig und bodenständig. 
I leimisch und auch bei den Bauern üblich ist es hingegen an der Pegnitz, 
am obern Main und im südwestlichen Theile des Obersächsischen, also im 
Erzgebirge bis Görkau und Brüx, somit durchwegs in nördlichen Strichen. 
Wohl mag auch das Egerländer ^ Fränkisch > diese a gesprochen haben, 
bevor die breiten bairischen oi und oa sich einlagerten. 

Zwei Orte sind in den genannten I-andstrichen für die Cultur 
Baierns und speciell Österreichs von Bedeutung: das Vorbild deutscher 
Städte — Nürnberg, und die Heimat unserer Markgrafen und Herzoge 
— Bamberg (Babenberg). 

Dort in den erwähnten Strichen Mitteldeutschlands kommt das 
hohe ä in zwä, Sta", an er (zwei, Stein, einer) auch in solcher lautlicher 
Umgebung vor, dass sein bodenständiges Emporkommen gerade dort am 
(erklärlichsten ist: sowohl östlich als westlich von den ä-Gegenden wird 
das alte ei wie ein breites, offenes e gesprochen (^) und es ist leicht er- 
klärlich, dass man auf zw^, StQn, ^ner durch weitere Öffnung der 
Articulation strichweise zur Aussprache zwa, Stä", äner gekommen ist: 
ja die beiden Aussprachen sind in manchen hochfränkischen Gegenden 
in einem und demselben Worte auf verschiedene Formen vertheilt: 
klä", kl^ner (klein, kleiner), b r ä <* und b r ^ d e r. — Ähnlich ist ja auch aus 
einem andern ^ in KnQcht (Knecht) obersächsisch K nacht ge- 
worden (K nacht, rächt, lab'n etc.), während in unseren Alpenländern 
oa (oi) und das «herrische a sich schroff gegenüberstehen und Zwischen- 
formen gar nicht vorkommen. 

Wir werden überhaupt finden, dass Lautwerte, welche aus den 
Städten erst aufs Land hinaus vordringen, als importiert und unecht 
zu betrachten sind. Und so könnten wir nach den heute vorliegenden 
Verhältnissen auch wirklich sofort den Schluss ziehen, die städtische Aus- 
sprache zwa, Stä", äner u. s. w. ist von dorther in unsere Städte über- 



über den (iegensatz zwischen Stadt- und Landdialekt. jz 

» 

tragen worden, wo sie bodenständig ist. Bamberg hat uns die Mark- 
grafen und Herzoge geliefert; Bamberger sind sicher mitgekommen und 
noch Leopold VI. hat Bamberger berufen. Sie werden hier in der Um- 
gebung des I^ndesherrn als vornehm gegolten haben, und so dürften — 
da die bairische Kehle im Mittela. ohnehin wegen ihrer rauhen, gedehnten 
I^ute bis zur Rheinmündung verhöhnt wurde (wstridula bavarico gutture 
verba liquens* c. 1146) — nicht nur die bambergischen Ankömmlinge und 
ihre Nachkommen das ä gegenüber dem bairischen ki, oi behalten, sondern 
auch in den vornehmeren einheimischen Familien Nachahmer gefunden 
haben. Die Städte waren klein, die Babenberger anfangs nirgends dauernd 
sesshaft: so dauert es noch etwa 100 Jahre (976 — c. iioo), bis die ersten 
Schreibungen mit a statt ei in österreichischen Urkunden sich zeigen 
(vgl. meinen «Vocalismus der bair.-öst. M.-A.» in den Bl. d. Vereins f. 
I^ndeskunde f. N.-Ö.). Ohnehin muss man annehipen, dass die geborenen 
Bamberger zuhause ihr ä schulgerecht mit ei hatten schreiben gelernt: 
erst ihre Söhne und Nachahmer vermischten Bambergisches mit Öster- 
reichischem, konnten die nunmehr * herrischen» a (= ei) von den alten 
bairischen ä (z. B. in Sagl, Säglein, Häs&l, Häslein) nicht mehr unter- 
scheiden und begiengen daher durch Verwechslung allerhand Schreibfehler : 
diese Schreibfehler sind aber heute für den vSprachforscher wichtige 
Anhaltspunkte. 

Für Osterreich hätte wohl schon das Vorbild des Regentenhauses 
und seiner Umgebung hingereicht, um das a vornehm zu machen: die 
kleinen Städte jener Zeit waren ja leicht von der fremden Einwirkung 
durchdrungen. Anders in Baiern. Zwar war Heinrich IL kurze Zeit 
auch im Besitze dieses Landes: aber tiefergehende sprachliche Ein- 
wirkungen kann man davon allein nicht ableiten. Wohl aber mag es 
für die bairischen Städte maßgeblich geworden sein, dass das nahe Nürn- 
berg im Norden und Wien im Osten das ä eingeführt haben: der im 
Mittela. berühmte «Nürnberger Witz ^ wurde sicherlich auch mit der Nürn- 
berger Sprache verknüpft, und bei der Gewohnheit des Reisens, wie sie 
die bürgerlichen Handwerker pflegten, ist eine stete Berührung der 
bairischen Städte mit Nürnberg und Wien und ein Aufnehmen des vor- 
nehmeren Sprachgebrauches gegeyiüber dem bairischen bäurischen o i und 
oa wahrscheinlich genug. Langsamer hat aber sicher diese Neuerung 
in Baiem Boden gefunden als in Österreich, speciell in Wien, und noch 
heute ist das ländliche oa aus den bairischen und oberösterreichischen 
Städten nicht vollständig verdrängt. 

Interessant ist es, in welchen Wörtern diese fremden ä statt e i zu- 
erst eingedrungen sind. Zunächst sind es (s. ^Vocalismus», 1. c.) amtliche 
Schreibungen von Personen und Ortsnamen. H a n r i c u s für H e i n r i c u s, 
oder Wolfpassing statt Wolfbeissing u. dgl. Dann amtliche Aus- 
drücke wie Bantatüng statt Bannteiding, Gejat statt Gejeide; 
damit hängt zusammen, dass die amtlichen Schreiber die echt bairischen 
Ortsnamen nicht verstehen : statt Gumplaha (dial. Geanplft) haben sie 
Gruoninbach geschrieben, als ob es dial. (Tr,ea"bu hieße, daher bis 

3* 



i5 Schreiber, 

heute <^ Grünbach». Es waren wohl viele Fremde mit den Schreibgeschäften 
betraut und ihre einheimischen Schüler waren nicht über die Meister. 
Erst allmählich treten die a statt e i in breiterer Verwendung auf. Aber 
ein ganz «herrisches» Schriftstück weiß ich erst aus späten Zeiten zu 
nennen: etwa das Tagebuch der steirischen Industriellen Stampf er in, 
einer geborenen Dellatorre (c. 1700). Ihr sind alle ei zu ä geworden 
(ä geschrieben): selbst der Kässer (d. i. Kasser = Kaiser) macht keine 
Ausnahme. (Vöc. § 9). 

(Fortsetzung folgt.) 



Die Wichtigkeit des Sammeins volksthümlicher 
Pflanzennamen. 

Von Hans Schreiber, Trautenau. 

Als Linne in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in das Wirrsal 
von Pflanzennamen Ordnung brachte und Tausenden von Pflanzen zu 
Pathe stand, indem er ihnen zu einem ehrlichen Art- und Gattungsnamen 
verhalf, da schien es, als ob durch die lateinisch-griechische Bezeichnungs- 
weise für alle Ewigkeit eine internationale Pflanzenbenennung 
geschaffen worden wäre. Aber schon nach Linnes Tode wurde (nicht 
zum mindesten durch dessen Sohn) die großartige Schöpfung einheitlicher 
Pflanzennamen über den Haufen geworfen, und die Naturforscher aller 
Völker haben sich seit dieser Zeit redHch bemüht, die Einheit vollständig 
in das (regen theil zu verkehren. Es ist wohl richtig, dass viele Namen 
Linnes mit der fortschreitenden Erkenntnis der Pflanzen und mit der 
Durchforschung neuer Pflanzengebiete aufgegeben werden mussten, dass 
manche Art in mehrere zerfallt oder auch mehrere in eine einzige zusammen- 
gezogen werden mussten. Insofern war ja eine Änderung nicht nur er- 
laubt, sondern nothwendig. 

Hiebei blieb es aber nicht, viele Forscher setzten eine Ehre darein, 
soviel Pflanzen als möglich umzutaufen. Die verschiedene Auffassung 
des Artbegriffs bot hiezu willkommene Gelegenheit, der Grund aber war 
in vielen Fällen der falsche Ehrgeiz, den Namen des lieben Ichs hinter 
den Pflanzennamen setzen zu können, oder das Streben, einem persön- 
lichen Gönner ein billiges Denkmal zu setzen. Auf diese Weise wurde 
die Pflanzenkunde mit einerMenge Synonyma bereichert (?), 
und leicht abändernde Pflanzenarten in eine Menge selb- 
ständiger Pflanzenarten zerlegt: beides Umstände, welche der 
allgemeinen Verbreitung der Pflanzenkenntnis und dem Ein- 
dringen derselben in das Volk unüberwindliche Hindernisse 
in den Weg legten. 

Ein weiterer Grund, warum die sogenannten technischen Namen 
der Pflanzen sehr viele Synonyma aufweisen, ist ein nationaler. Die 



Die Wichtigkeit des Sammelns volksthümlicher Pflanzennaraen. \n 

Pflanzenforscher des einen Volkes kannten oft die Arbeiten ihrer Fach- 
Genossen anderer Völker nicht, oder wollten deren Fachgröße nicht an- 
erkennen. Thatsache ist, dass sehr vielen lateinisch-griechi- 
schen Namen gegenwärtige die alldeutsche wie die inter- 
nationale Anerkennung mangelt. Alles was man bisher zu Gunsten 
der technischen Namen gesprochen und geschrieben hat, ist aber gerade 
ihre internationale Anerkennung, wodurch sie angeblich himmelhoch über 
den Volksnamen stehen. Indessen haften den technischen Namen, deren 
unbedingte Nothwendigkeit in der Wissenschaft selbstver- 
ständlich außer Frage steht, Mängel an, die man in weiteren 
Kreisen der Bevölkerung nicht kennt. Daher ist man geneigt, die tech- 
nischen Namen in allen Mittelschulen — und in Volksschulen die deutsche 
Übersetzung derselben — zu lehren, über die Volksnamen aber zur Tages- 
ordnung überzugehen. So nachsichtig man sonst gegen Fremdwörter ist, 
so unduldsam ist man anderseits gegen die von der Mundart aufzu- 
nehmenden Ausdrücke. Die wenigen sogenannten deutschen Pflanzen- 
namen, die in manchen Schulen den Kindern geboten werden, sind in 
Wirklichkeit nur verdeutschte lateinisch-griechische. Als mit der Hebung 
der Volksbildung den Schülern auch naturwissenschaftliche Kenntnisse 
beigebracht werden sollten, mussten sich die Gelehrten — wohl oder übel — 
herbeilassen, deutsche Pflanzennamen einzuführen. Da sie aber weder 
Volkskenner noch deutsche Sprachforscher waren, so begnügten sie sich 
in der Regel damit, die technischen Namen — so gut es angfieng — zu 
übersetzen. Bei den Artnamen, die durch lateinische Eigenschafts- 
wörter ausgedrückt werden, gieng es leicht, nicht so mit den griechischen 
Gattungsnamen. Wie schwerverständlich und irreführend diese Namen 
sind, mag daraus erhellen, dass einerseits nur wenige Pflanzen Griechen- 
lands und Italiens bei uns wachsen, so dass wir die alten Namen, von 
denen wir meist nicht einmal wissen, auf welche Pflanzen sie angewandt 
wurden, auf ganz andere Arten Mitteleuropas beziehen, dass anderseits 
die Religfions- und Naturanschauung, welche für die Namengebung von 
größter Bedeutung ist, bei den alten Culturvölkern von Grund aus eine 
andere war, als bei den Germanen. Kaum ein Drittel der Gattungen 
fuhren bezeichnende technische Namen, welche eine Übersetzung verlohnen 
würden. Wer sich davon überzeugen will, der lese in der Synopsis der 
Pflanzenkunde von Leunis nach, der sich die, wie ich glaube, zwecklose 
Mühe nahm, die Gattungsnamen zu erklären. Zu Gunsten der tech- 
nischen Gattungsnamen für den deutschen Volksgebrauch» 
von dem allein hier die Rede ist, spricht also gar nichts: sie 
sind so wenig als die deutschen Volksnamen international, 
dafür aber weit schwieriger zu verstehen und zu merken. 
«Ja!», wird man mir sagen, .. zugestanden, dass die Volksnamen im 
allgemeinen kürzer, schöner, bezeichnender und, wie ich hinzusetze, gegen- 
wärtig noch mehr im Gebrauch sind, als die wissenschaftlichen, gibt es 
aber für jede Pflanze einen Volksnamen und ist es denn nicht wahr 
dass für ein und dieselbe Pflanze zu viele Volksnamen bekannt sind, ja, 



T^^ Schreiber. 

dass die verschiedensten Pflanzen von dem Volke mit demselben Namen 
belegt werden?* Darauf ist Folgendes zu sagen: 

Alle Pflanzen, welche dem Auge auffallen oder sich 
durch Nutzen oder Schaden auszeichnen, besitzen Volks- 
namen. Sind es nun nicht gerade diese Pflanzen, über welche die 
Schüler und das Volk belehrt werden sollen? Die seltenefn und auslän- 
dischen Gewächse, welche das Volk nicht schon kennt, braucht es auch 
nicht kennen zu lernen; den Gelehrten genügen aber die technischen 
Namen vollständig. Es unterliegt keinem Zweifel, dass ein und dieselbe 
Pflanze in verschiedenen Gegenden verschiedene Namen fuhrt. Die deutsche 
Sprache müsste sehr arm sein, wenn das nicht der Fall wäre, aber man irrt, 
wenn man glaubt, die Zahl der Synonyma sei eine sehr große. Sie erreicht 
in der Regel keineswegs die Zahl der vSynonyma der technischen Pflanzen- 
namen, wobei vorausgesetzt wird, dass nur die hochdeutsche Übersetzung 
der mundartlichen Namen in Betracht kommt. Der Nichtkenner der Mund- 
arten ist geneigt, jede mundartliche Färbung eines Namens schon als einen 
besonderen aufzufassen, weil er ihn nicht versteht, oder aus Volksver- 
achtung nicht verstehen will. Die mundartliche Form eines Namens als 
eigenen Namen anzuführen, ist ebenso thöricht, als die Behauptung, dass 
ein Mensch mit jedem Wechsel seines Kleides ein anderes Geschöpf werde. 
Der Schachtelhalm (Equisetunt) heißt im Riesengebirge: Kotza-zorl, 
-zerl, -zejl, -zai, -zahl; im Böhmerwald: -zogl, -zagl; althochdeutsch «zagih ; 
neuhochdeutsch Zagel = Schweif. — Der Bärlapp (LycopodiufH) im 
Böhmerwalde Kroftfßass, Krofihaxn, im Riesengebirge Kroafuss, Kroa- 
pfute (Pfote), also hochdeutsch Krähenfuss. — Binse, Simse (luncus) im 
Böhmerwalde: Pumoissn, Bimoissn, Pimeissl, Binessn; im Riesengebirge: 
Semme, Semde, Sende u. s. w. Man entkleide die mundartlichen 
Ausdrücke ihrer Sprachfärbung und spreche sie hoch- 
deutsch aus, so werden sie eine allgemeine Anwendung wohl ver- 
tragen. Fügt man diesen Namen die Mundart oder die Gegend bei, in 
welcher sie verbreitet sind, so hat man damit auch die gemeinsten Fund- 
orte angegeben, z. B.: 

Kronawitstrauch B. heißt luniperus communis L. beim baiwarischen 

Volksstamme (B.); 
Sanikel b. r. heißt Dentoria enneaphylla L, im Böhmerwalde (b.) und 

im Riesengebirge (r.); 
(jliederkraut r. heißt die Gattung Galtum im Riesengebirge (r.); 
(ylog atzer b. heißt Vaccinium uliginosum L, im Böhmerwalde (b.). 

Die beigesetzten Buchstaben haben mit ehrgeizigen Bestre- 
bungen der Namensammler nichts zu thun, sie sind nicht nichtssagend wie 
selbst die schönsten Forschernamen, wohl aber verbirgt sich in ihnen ein 
Stückchen Culturgeschichte des Volkes und ein Stückchen 
Pflanzengeographie. 

Dass verschiedene Pflanzen vom Volke mit demselben Namen belegt 
werden, ist ebenso wahr, als dies bei den lateinisch-griechischen Namen 
der Fall ist. (jewöhnlich werden nur nahe verwandte Pflanzen mit dem- 



Die Wichtigkeit des Sammelns volksthümlicher PflanzennaTnen. ^g 

selben Namen bezeichnet, so wird z. B. der Volksname «xvSchmiele» b. r. 
für die ganze Familie der Gräser gebraucht, der Name «NagerU b. für 
die Gattung Dianthus^ Nelke. So wie heute der technische Name erst 
mit der Beigabe des Erfinders eine bestimmte Pflanze kennzeichnet, so ist 
bei den Volksnamen gegenwärtig die Beigabe des Volksstammes oder 
der Gegend von Bedeutung. Sind schließlich alle deutschen Gegenden 
erforscht, so wird es möglich sein, die örtlichen oder nur strichweise vor- 
kommenden Namen, die unschönen, zweifelhaften und nichtssagenden aus- 
zumerzen, kurz eine Auswahl zu treffen. Eine einheitliche Benennujig 
wird dann in den deutschen Ländern ebenso möglich sein, wie in Ungarn, 
wo von den Sprach- und Naturforschem die Pflanzennamen für Schul- 
zwecke officiell festgesetzt wurden. 

Hier ist der Ort, auch auf die falsche Auffassung der «Volks-» 
Namen einzugehen. Pflanzennamen, welche blos in einzelnen Orten be- 
kannt sind, haben nur ein örtliches Interesse. Volksnamen sind nur die, 
welche sich beim Volke einer weiten (nicht blos örtlichen) Ver- 
breitung erfreuen. Die falsche Meinung, dass es eine unermesslich 
große Zahl von Volksnamen gebe, ist nicht nur die Folge der unrichtigen 
Beurtheilung der Mundart, sondern auch des Begriffes «Volk». Die Ver- 
breitungsgebiete der Volksnamen sind bisher nicht festgestellt worden 
und vielen Namensammlem genügte als Prüfstein für die Echtheit eines 
Volksnamens der zweifelhafte Umstand, dass sie ihn aus dem Munde 
eines Mannes aus dem Volke hörten. Nun ist der gemeine Mann be- 
kanntlich nicht wählerisch mit Ausdrücken, und wer wahllos sammelt, 
bringt nur Verwirrung, statt Aufklärung in die Pflanzen- 
benamsung. Das gilt leider von sehr vielen, sonst vorzüglichen Pflanzen- 
Hand- und Bestimmungsbüchem. Manche Verfasser nehmen mit der 
größten Willkür deutsche Namen auf: selbsterfundene. Übersetzungen der 
technischen und Volksnamen zweifelhaftester Herkunft. Da das Volk die 
Manzen nach Äußerlichkeiten erkennt, so sind Irrthümer um so 
leichter möglich, je weniger der Namensammler die Mund- 
art, die Pflanzen und deren Verwendung kennt. Übrigens 
muss schon hier hervorgehoben werden, dass nicht jede beliebige Person 
aus dem Volke Auskunft geben kann, sondern nur die unten namhaft 
gemachten Volkskreise. 

Die Frage, ob die deutschen Volksnamen mindestens eines Theiles 
unseres Vaterlandes erforscht seien, ist leider zu verneinen. Es ist eine 
traurige Thatsache, dass sich unsere Gelehrten bisher vom 
Volke soviel als möglich abschlössen und ihm lieber fremde 
Namen aufdrängten, als den längst üblichen dcis allgemeine Sprachrecht 
zuzuerkennen. Wohl ist mancherlei praktische Belehrung in den Büchern 
unserer Forscher und unendlich viel Wissen aufgespeichert, aber nur die 
geringe Zahl der Gebildeten zieht daraus Nutzen. So ist es gekommen, 
dass trotz der ungeheuren Errungenschaften der Neuzeit das Volk größten- 
theils noch dieselben abergläubischen Ansichten über die Heilmittel hat, 
wie vor looo Jahren. 



AQ Schreiber, 

In den meisten bisher veröffentlichten Werken über Volksnamen 
(z. B. Nemnich, Holl, Walpert, Salomon, Rehling u. s. w.) fehlt die Angabe 
der Orte, wo die Namen gesammelt wurden. Andere Werke bringen sie 
wohl, aber nur allgemein und ohne Unterschied, ob sie weit verbreitet 
oder nur in einzelnen Ortschaften bekannt sind. Auch waren es nicht 
die Naturkundigen, sondern die Sprachforscher, die sich bisher der 
Volksnamen annahmen, so Schmeller, Lexer, Höfer, Dieifenbach, Grimm, 
Perger u. s. w. Da den genannten ausgezeichneten Sprachkennern genaue 
Pflanzenkenntnisse mangelten, so sind ihre Angaben meist dürftig und 
wenig verlässlich. Erst in neuester Zeit haben sich Pflanzen- und Sprach- 
forscher vereinigt und — so weit dies bei dem gegenwärtigen Stande 
der Dinge möglich ist — Vorzügliches geleistet. Ich denke hier an 
Pritzel und Jessen, namentlich an Höfer und Kronfeld. Offenbar 
ist der Naturforscher in erster Linie berufen, die Sprach- 
schätze auszugraben, der Sprachforscher mag sie dann 
sichten und münzen, bevor sie in den allgemeinen Umlauf 
kommen. Was uns gegenwärtig noch vollständig abgeht, ist die grund- 
legende Arbeit des Sammeins der Volksnamen von Ort zu Ort durch der 
Mundart vollständig kundige Pflanzenkenner. Diese Arbeit ist die wich- 
tigste: wir müssen erst die Buchstaben kennen, bevor wir 
lesen wollen. Mit kleinen Gebieten müssen wir anfangen, sie aber 
gründlich absuchen, dann werden wir uns nach und nach die Kenntnis der 
Pflanzennamen der deutschen Stämme und schließlich des deutschen Volkes 
zu eigen machen. Nur wenn wir von Dorf zu Dorf gehen (in den Städten 
kennt man die Volksnamen nicht mehr), ist es möglich, die örtlichen von 
den Volksnamen zu sondern. 

Ich sammle seit vielen Jahren die Pflanzennamen des Riesen- 
gebirges und Böhm er Waldes, also zweier Gebiete, die von zwei ver- 
schiedenen deutschen Völkerschaften bewohnt werden und politisch drei 
lindem angehören. Obwohl meine Arbeit noch lange nicht zum Ab- 
schlüsse gediehen ist, so kann ich doch jetzt schon behaupten, dass bei- 
läufig 80^ der Volksnamen in beiden Gebieten gleich sind, dass alle 
wichtigen und auffallenden Pflanzen dem Volke bekannt sind (ich habe 
beiläufig für 800 Arten Namen), und dass eine große Anzahl Pflanzennamen 
sich von der altheidnischen Zeit bis auf unsere Tage erhalten hat, wodurch 
mancher Aberglaube und manche Volkssitte eine Erklärung findet. Ich 
habe ferner gefunden, dass die pflanzlichen Hausmittel beim Volke noch 
immer eine weit größere Rolle bei Krankheiten spielen, als die theuren 
Arzneien der Apotheken ; ich habe mit Hilfe der Volksnamen die Grenzen 
der Mundarten bestimmen und den Einfluss der Tschechen auf die Deutschen 
verfolgen können, und — was ich besonders betonen möchte — ich habe 
bei den landwirtschaftlichen Wanderv^orträgen die Bauern über Nutzen 
und Schaden, Pflege und Vertilgung der Pflanzen zu belehren vermocht. 
Kaum eine landwirtschaftliche Versammlung gieng vorüber, in welcher 
ich nicht über diese oder jene Pflanze befragt worden wäre. 



Die Wichtigkeit des Sammeln» volksthümlicher Pflanzennamen. aj 

yisLTi darf nicht vergessen, dass unsere ländliche Be('ölkerung- 
thatsächlich viele Pflanzen kennt, was man von unseren «Ge- 
bildeten* nur selten behaupten kann. Bei Wiesenbesprechungen, die ich 
mit Landwirten hatte, kannten sie selten weniger als loo Wiesen- 
pflanzen mit Namen. Es kann auch kaum anders sein. Schon das 
Kind des Landwirtes, das sich in den Wiesen und Heiden herumtummelt, 
lernt die Blummen kennen und lieben. Die Mutter bringt ihm nicht 
Naschwerk, wenn sie außer Hause war, sondern einen Strauß Feldblumen. 
Des Kindes erste Frage ist dann: «Mutter, was ist das? wie heißt diese 
Blume?* Dem Bauer selbst, der im Schweiße seines Angesichts der Natur 
ihre Gaben abringt, dem kann es nicht gleichgiltig sein, was für Pflanzen 
auf seiner Wiese wachsen, was für Unkräuter auf seinem Felde sind. 
Er muss sich mit ihnen bekannt machen, will er sich vor Nachtheilen 
bewahren. Es kann ihm nicht nebensächlich erscheinen wie dem Städter, 
ob die Pflanzen genießbar oder giftig sind, denn das Wohl und Wehe 
seines Viehstandes hängt damit zusammen. Die Erfahrungen der Bauern 
vererben sich von Geschlecht zu Geschlecht. Mögen sie auch meist in 
abergläubischen Kleidern stecken, so sind sie doch meist, wie ich mich 
überzeugte, richtig. Es knüpft sich Erfahrung an Erfahrung (trotzdem 
der innere Zusammenhang unbekannt bleibt), weil die lebendige Wechsel- 
beziehung zwischen der Natur und der Bevölkerung weiter besteht, auch 
wenn die Menschen in ihr wechseln. 

An wen man sich beim Sammeln von Pflanzennamen wird wenden 
müssen, ist nach dem schon Gesagten War. 

Die Holzgewächse kennen: Jäger, Heger, Holzarbeiter (Binder, 
Tischler, Drechsler u. s. w.); 

Acker- und Wiesenpflanzen: Bäuerinnnen, arme Häusler, 
Mägde, Jäterinnen, Graserinnen; 

Arznei- und Giftpflanzen: Naturheilkünstler, Curpftischer, 
weise Frauen; 

Gemüse- und Zierpflanzen: Blumenliebhaber, Grünzeugweiber, 
Marktweiber. 

Studierte oder vielgereiste Leute sind bei der Sammlung der Volks- 
namen nicht zu befragen, weil — sie nichts oder nur Falsches darüber 
wissen, ausgenommen, wenn sie zu den w'eißen Raben gehören, welche volks- 
kundliche Studien treiben: kurz, man muss sich an jene Menschen 
wenden, welche mittelbar oder unmittelbar mit den Pflanzen 
zu thun haben. Nothwendig ist es ferner, an Ort und Stelle Er- 
kundigungen einzuziehen, denn der Bauer erkennt die Pflanzen 
nicht infolge näherer Betrachtung, sondern infolge des Auftretens in der 
Natur, in einer ganz bestimmten Umgebung, zu einer bestimmten Zeit. 
Reißt man die Pflanzen aus, oder zeigt man sie gepresst, so kann sich 
der gemeine Mann nur schwer den natürlichen Standort hinzudenken und 
erkennt die Pflanze nicht mehr. Einfarbige Abbildungen und Pflanzen- 
beschreibungen sind aus gleichen Gründen für das Sanmieln der Namen 
ohne den geringsten Wert. 



42 



5H:hreibcr, 



Mit den Erhebungen der Volksnamen muss bald begonnen werden, 
weil die Neuzeit aus vielen Gründen der Erhaltung alter Überlieferungen 
feindlich ist. Die meiste Gefahr droht den Volksnamen von der Schule, 
da durch die Lehrer allerlei künstliche, nur nicht die gemeinen Volksnamen 
gelehrt werden. Damit will ich der Lehrerschaft, der ich ja selbst angehöre, 
keinen Vorwurf machen; es ist nicht ihre Schuld, dass wir leider noch 
über die Volksnamen der Pflanzen im Unklaren sind. Vor allem muss es 
Aufgabe der Pflanzen- und Volkskundigen des allgemeinen deutschen 
Sprachvereins und der Vereine fürVolkskunde sein, die Sprachen- 
frage in der Pflanzenkunde einer baldigen, glücklichen Lösung zuzuführen 
und das fremdländische und unvolksthümliche Sprachengesindel zu ver- 
treiben, um dafür den Volksnamen zu ihrem lange vorenthaltenen Rechte 
zu verhelfen. Möge gesammelt werden, bevor es zu spät ist! 

Die Wichtigkeit des Sammeins der Volksnamen lässt sich nach dem 
Vorhergehenden kurz wie folgt zusammenfassen: 

1. Sprachlich. Da sich die Masse des Volkes niemals der lateinisch- 
griechischen Pflanzenbenennungen bedienen kann, und die Übersetzung 
derselben theils unmöglich, theils schleppend und (weil nicht volks- 
thümlich) unverständlich ist, so sind die Volksnamen in hochdeutscher 
Prägung in den Schulen zu lehren, wodurch die deutsche Sprache 
nicht nur bereichert, sondern auch von unnöthigen Fremd- 
wörtern gesäubert wird. Die Volksnamen bieten überdies dem 
Sprachforscher wichtige Aufschlüsse über die Entwickelung der 
Sprache. Indem die Schule* im Einklänge mit dem Volksbrauche 
die Pflanzen benennt, wird der neue, größtentheils poetische Sprach- 
schatz bald Gemeingut des Volkes werden. 

2. Volklich. Da die Pflanzennamen des Volkes größtentheils uraltes 
Sprachgut vorstellen, das mit dem alten Heidenthum in Verbindung 
steht, so ist die Sammlung der Volksnamen geeignet, nicht nur Sitten, 
Gebräuche und Aberglauben des Volkes der Gegenwart 
zu beleuchten, sondern auch über den Glauben der Vorfahren 
wichtige Aufschlüsse zu geben und die Grenzen der Mundarten 
und der Völkerschaften sowie ihren gegenseitigen Ein- 
fluss zu bestimmen. 

3. Wirtschaftlich. Der Aberglaube, der sich an viele Pflanzen 
knüpft, wird nur durch den Volksnamenkundigen erfolgreich be- 
kämpft werden können, und das Volk wie die Schüler werden über 
Nutzen und Schaden der Pflanzen leicht aufzuklären sein. 
Da die Volksnamen den Vorstellungen und Empfindungen des gemeinen 
Mannes entsprechen, so ist ihr Erlernen und Behalten leichter 
als das wissenschaftlicher Namen. 

4. Pflanzenkundlich. Die Erforschung der Volksnamen fördert auch 
die Pflanzenkunde selbst, besonders in Bezug auf die Pflanzen Ver- 
breitung und Verwertung. Am meisten gewinnt jedoch die 
Naturwissenschaft dadurch, dass sie nicht — wie gegenwärtig — 
der Alleinbesitz einiger Studierter» sondern allgemeinesBildungs- 
mittel des ganzen Volkes wird. 



Die Wichtigkeit der Sammeins volksthümlicher Pflanzcnnamen. \\ 

,5. Medicinis>ch. Man mag über die Volksheilkunde denken wie man will, 
Thatsache ist» dass das Volk manche heilkräftige Pflanze kennt, die 
auch in der wissenschaftlichen Medicin angewandt zu werden verdiente. 
Im Vorstehenden habe ich nur die Bedeutung der Volksnamen für 
das deutsche Volk besprochen, selbstverständlich gestatten meine Er- 
läuterungen auch für jedes andere Volk eine sinngemäße Anwendung. 
In unserem vielsprachigen Österreich ist die Erhebung der Pflanzennamen 
des Volkes von weit größerer Bedeutung, als dies in einem sprachlich 
einheitlichen Staate der Fall wäre, denn die Volks n amen sind nicht 
nur sprachliche, sondern kulturgeschichtliche Urkunden, 
welche geeigTiet sind, über die ehemaligen Völkergrenzen und Cultur- 
zustände licht zu verbreiten. Zu diesem Zwecke dürfen bei der Samm- 
lung der Volksnamen die politischen Grenzen keine Schranken bilden, 
wie es leider bei den bisherigen Untersuchungen fast stets der Fall war. 
Die Angabe eines Volksnamens beispielsweise für Böhmen ist geradezu 
sinnlos, da bekanntlich in Böhmen 4 deutsche und mehrere tschechische 
Mundarten gesprochen werden. 

Glücklicherweise ist in der neuesten Zeit mit dem Stammesbewusst- 
sein auch der Sinn für das Volksthum erwacht, und die lang ver- 
schmähten Mundarten kommen immer mehr zu Ehren. Das lässt mich 
hoffen, dass meine Anregung zu einer Verbesserung der Pflanzenbenamsung 
kein frommer Wunsch bleiben wird. 

Hexenspiel. 

Ein salzburgisches Bauernstück. 

Herausgegeben von Dr. Wilheljn Hein. 

Als ich im Jahre 1893 eine Wanderung durch die Thäler Salzburgs und Tirols machte, 
um nach hölzernen Gesichtslarven für alte Volkstänze und Volksschauspiele zu fahnden, gelang es 
mir in der Prettau und in Krimml auf Textbücher zu stoßen, welche noch in der letzten Zeit 
Verwendung gefunden hatten. In Krimml ist es R u p e r t W e c h s e 1 b e r g e r, welcher die tirolischen 
Spiele in das Salzburgische verpflanzte und eine Anzahl von Krimmler Ortsinsassen zu einer 
Schaospielertruppe vereinigte, die sich aber bald auflöste, da die Spieler zum Militär einrücken 
mussten. Gelegentlich einer Bergtour erhielt Herr Dr. JosefPatzau in Wien von Wechselbcrger 
die Texte zum Nikolaus- und zum Hexenspiel. Auf mein Ansuchen überließ mir Herr Dr. Patzau 
die Texte, von denen der des Nikolausspieles eine ziemlich alte Handschrift zeigt und auch nicht 
vollständig ist, während jener des Hexenspieles von Wechselberger selbst nach einer Vorlage 
geschrieben ist. Da Wechselberger behauptete, das Nikolausspiel Herrn Dr. Patzau trotz gegen- 
theiliger Mittheilung nur geliehen zu haben, so stellte ich dieses dem angeblichen Eigenthümer 
zurück, nachdem ich den Text genau copiert hatte. Das Hexenspiel wollte Wechselberger selbst 
gedichtet haben, was vielleicht für das Hexen-Nachspiel richtig sein mag. 

Auf mein Ersuchen wurde das ganze Hexenspiel am 2. Februar 1894 in Johann Auer's 
Gasthaus zu Oberkrimml aufgeführt. 

Die Schauspieler trugen Holzmasken, welche ein Krimmler Holzschnitzer verfertigt hatte; 
nur der Darsteller der Bäuerin zog es vor, eine gekaufte Papierlarve zu verwenden, da ihm, wie 
er meinte, diese besser stehe. Gespielt wurde Abends nach acht Uhr im Flur des Oberstockes 
mitten im Publikum, das zum Theile auf improvisierten Brettersitzen, denen Bierfässer den nöthigen 
Halt gaben, Platz nahm, zum Theile aber dichtgedrängt den engen Bühnenraum umstand, der 
durch eine Decke gekennzeichnet wurde, welche der Vorläufer auf den Boden breitete. Als An- 
kleideraum diente das nächstgelegene Zimmer, das durch einen Vorhang verschlossen wurde. Spär- 
liche Öllämpchen erhellten die Bühne, in deren Mitte ein Tisch und zwei Stühle standen. 



44 



Hein, 



Rupert Wechselberger, der Leiter tles Spieles, gab den Bajalz und den Steffl; Franz 
Kaserer die Hexe; Bergführer Johann Scharr den Bauer und den Natz; Peter Wechselberger, ein 
jugendlicher Bursche, die Bäuerin und die Nani ; Maximilian StröU den Teufel und den Bettelrichter. 

Die Holzlarven, welche zur Verwendung kamen, sind mittlerweile Eigenthum des k. k. 
natur historischen Hofmuseums geworden. Abgebildet sind hier die Nase des Vor- 
läufers und die Masken des Bauern, Teufels und Bajazzos, sowie der Hexe mit dem Kopftuch 
(vgl. Abb. 3—7). 

Es sei noch darauf verwiesen, dass unser Hexenspiel in dem Fastnachtsspiel von Hans 
Sachs «Der Teufel und das alte Weib» (datiert vom 15. Nov. 1545) einen engen Verwandten hat. 
Auch Nestroy venvendete denselben Stoff in dem Zauberspiel «Der gemüthliche Teufel, oder die 
fieschichte vom Bauer und von der Bäuerin» [Joh. Neslroy's gesammelte Werke, hsg. v. Chiavacci . 
u. Ganghofer, Stuttgart 1891, S. 261—287]. 





Fig. 3. Nase des «Vorlei fers >. Fig. 4. «Bejatz.^ 

Was den Text anbelangt, so ist derselbe ganz genau nach der Wechselberger'schen Hand- 
schrift abgedruckt. Hie und da standen mir Varianten zur Verfügung und zwar vom Bajatz und 
von der Hexe, da ich deren Rollenzettel in die Hand bekam; doch sind diese Varianten, die ich 
mir sorgfaltig notierte, nur orthographischer Natur. Bloss an einer Stelle habe ich die Variante, 
weil sachlich verschieden, angegeben. 

Die scenischen Bemerkungen sind zur Erleichterung des Verständnisses gegel>en worden, 
linden sich aber in der Handschrift nicht. Dass ich den Text vollständig unl)earbeitet der Öffent- 
lichkeit übergebe, hat seinen Grund darin, dass ich Änderungen, welcher Art immer sie sein 
mögen, jederzeit im Interesse einer späteren, vielleicht von anderen Gesichtspunkten, als heute 
üblich, ausgehenden Forschung vermieden sehen will; es kann ja später einmal leicht etwas von 
Bedeutung werden, was man heute vornehm übergeht. Ich fühle mich eben hier nur als 
Material lieferant. 

V o r 1 e i f e r 
Lieben Leit 

steht auf die Seit 

Weil ich die decken aufbeiten*) wil 

wier brauchn den Boden zu Unseren Spiel (ab.) 

2. Bejatz (tritt auf). 
Heit bin amal i. Herr im Haus 

Wen die Katz nit daheim ist, so Riert sie die Maus 
Wen der Bauer nit daheim u. die Bäurin bei der Ruha 



*) verschrieben statt «ausbreiten» 



Hexenspiel. 



45 



dan dekt die diern die Muas Pfann zua. 
jezt hat mir einer was i. läng'st hu g*wolt san^^n, 
heit kan i selber mein Noht amal klagn, 
Es sind beileifig- schon 6. Wochn dahin, 
das i zu Mein Vötter daher komen bin. 
Aber Himl Kreitz donerweter 
das wa mir a. feiner Veter, 
zwei zehner zum Lohn das Tag* Geld u. a. Gwand, 
g-enuag- zu Essen u. an Guln auft Hand, 
aber mein Gott genug zu Essen 
wen man vor lauter Hunger thuats schlofh vergesn 
der Bauer u. die Bäurin dö sitzn beim Tisch, 
As eins eba nit an Löfl vol zufil dawischt, 
sie laufn den ganzn Tag, das Speis gan aus u. ein, 
be\n Tisch woln sie dan das Muster der Mesig- 
keit sein. 





Bauer. 




Fig. 6. *Teifl». 



}*\. ;. 'Hex*. 



46 Hei", 

Es heist alweil die Ehaltn 

sant wol decht g-ar nimer austerhalten, 

Kost u. Kleit kriagn sie den Lohn Stekn sie ein, 

ja wisat i. nicht bösas wia Ehalte sein, 

aber i sag* a so a Bauer zu eirien Knecht hats almal leicht bracht, 

aber nit gschwint ist a Knecht zu an Bauan g-emacht. (Ab.) 

(Die Bäuerin tritt auf; der Bauer sitzt am Tische und liest.) 

3 B ä u r i n. 

was lesest du mein liaber Mann das du so in Andacht bist 

4. Baua. 

Die hegende wie du wiest das mir das liebste ist 

jezt bin i. fertig mit den Heiligen Isidor, 

Er war auch von unsern Stand u. weist uns den Weg schön vor» 

wie wier zufriden Lehn, u. gelangen nach den Todt, 

zu unsern lieben Gott. 

5. Bäurin. 

Wer sol an meirfer Stell unzufriden sein 

Ich liab alle Menschn besonders dich allein, 

die Leite nehmens zwar Kindisch wen ich zu ihnen sag, 

das Du mir jezt vil lieber bist, als an unsern Hochzeits Tag, 

wier leben in einen Garten, wo lauter Blumen Blühn, 

wo Rosen ohne Domen wo Friden ohne Mühn. 

6. Bauer 
Meine liebe kent keine Grenzn, mein Herz denkt nur an dich, 
nichts sol mich betrüben, solang Du Habest mich, 
doch scheint mir Verdächtig ein unferdintes Glück, 
Wen ich auf unsern Wohlstant auf unsre liebe blick, 
sol uns Gott Heimsuchen mit Krig u. I^eiden vill, 
wier wollen es ertragen u. schweigen dazu still, 
Dan wan wier alles Gutte von seiner Hand Empfang, 
So derf uns auch von schlechtn, auch nicht werden Bang. 

7. Bäurin. 
Wir wollen Gott dankn in bitten imer dar, 
Das er uns den Friden u. die Ewigkeit bewahr, 
jezt woln wier hin komen vor unsern Haus Alter. ') 

H. Bauer 
Gut ich bin bereit 

es sol geschehn allezeit. (Bauer und Bäuerin ab.) 

g. Teifl (tritt auf). 
Verflucht ist dises Haus, 
mein Verstand reicht nichtmer aus, 
ihab browiert um alle List, 
was imer zu erdenken ist. 
Ihab gereizt zur Ungedult 
zur Hoifahrt u. zur Nachbars schult, 

•) statt Hausaltar. 



Hexenspiel. a^ 

hab zwitracht gesetzt u. Eifersucht 

ist als umsonst es bringt kein F'rucht, 

mein Kunst geht ganz verlorn 

möcht fast zersprüng, vor zom, 

meine Schande sehr grosz thut sein, 

wen ich vor meinen Meister musz erschein, 

doch halt, doch halt, 

mir noch ein Mitel jezt einfalt, 

schägt') mir auch dises Vel, 

So ferzicht ich auf dise Seel. 

Xantiqo lo Xantippo Hex. aritt auf). 
Da bin i ho ho 
ist gar mein Vötta da. 

11. Teifl 
Alte i hör deiiTe Klugheit Preisn, 

heit kanst du mir eiiTen groszsen Dinst erweisen 
wier sind schon lang u. gut bekant, 
Drum Rete mich vor spoht u. schand. 

12. Hex. 
So las nur hern 

worin besteht dein begern 

13. Teifl. 

Du kenst wol dises Haus u. was darin für I^it, 

mir ist fast unerträglich Ihr Liab u. Einigkeit, 

ich hab zwar als browiert Doch will mir nichts geling, 

mit meiner Kunst u. Wissenschaft, ich nicht zu stände bring, 

Drum Ersuch ich dich, gib mir ein Mitl an, 

wie man diese 2 Ehleit hinter einant bringen kan. 

14. Hex. 
hi hi mus i dechta Lachn 

das Du Dier nicht zu helfen weist, in so leichtn Sachn, 

das ist mir a Kindarei, 

aba sag Du mir, ist der Lohn a dabei. 

15 Teifl 
Rechn nur auf mein Dank, u. auf meine Erkentlichkeit, 
wen es Dier gelungen ist anzusteln Zank u Streit. 

16. Hex. 
Auf Dein Dank halt i nit fiU, 
w^en Du mir sonst nicht geben wilst 
so ist unser Handl aus 
nachdem geh i schönstaht nach Haus. 

17. Teifl 
halt u. sag mir woll 
Xas ich Dier geben soll. 

M verschrieben statt ^»schlägt». 



48 Hein, 

18. Hex. 

was ich zum Lohn verlang- ist mit kurzen Wortn g'sagt 
ein pahr Neie Schuh, u. 3 Pfund Schnupftawack. 

19. Teifl. 
Tap ich schlage ein, 

Die Schuh sind schon Dein 
nun leb Wohl u. mach es g-ut, 

U. blas Den funken an zur Glut. (Teufel und Hexe ab.) 

20. Bei atz. (tritt auf;. 
jezt Meine liam Leit 

last enk erzehln wie es mir g'ang-a ist heit, 
wie i hu g-ewölt das 6te mal von Bett aufstehn, 
hör ich druntn die Hausthier g*ehn, 

i stök den Kopf untas Fensta so weit mein Hals thuat reichn, 
da sichi a. Weibas Mensch von Hause schleichn, 
da hab ich mir g^edacht das ist g-ewis die Knolpa Antl, 
dö ist gewisz kema mit mir Schweblhöltzl zu handln, 
i fang an zu laufn u zu springa 
u. zu Pfeifn u zu Singa 
nu also hab i mir denkt, 
wen mir der Himl Vatta a solchani schenkt 
so willi lieba ledig bleim, 
u. die Zeit mit Haarr ausreiszn vertreim, 
was öba dö Alte im Haus hat gethan, 
wen dö öfter kumt geh i auf u. dafon. (Ab.; 

21. Beirin (tritt auf). 
Wie Öehde ist es hier Wen mein Mann nicht zu Haus, 
heit bleibt er vil länger als gewönlich aus, 
der Herr seine Schritte leite, 
vor Unglück in bewahr, 
ein Engel in begleite, 
u. schüzt vor jeder Gfahr 

22 Hex (kommt). 
(). liebe Frau Mutta i Wünsch Dier an gutn Tag, 
jezt muas i die bittn, das i aweng Ra.st mag. 

•23. Beirin. 
Um das Rastn derfst du bitn nicht, 
das ist jeden Christn Pflicht 

24. Hex. 
Ihab feil allerhant Wahr, Kartn Haftl u Spitz, 
Hasl Nusn geröstete Hufnägl u Pinza*) Witz, 
Anis Öehl u Himlbrant, 
das bring i als von Englland. 

') Piiuj^jauer; Var. : Salfeldna 



Hexenspiel. *q 

25. Beirin 
Dises sind nur Sachn die ich nicht brauchn kan, 
thu nur abisl Rastn, vileicht kumt halt mein Mann. 

26 Hex 
Der Man wird noch nicht komen Er ist = = 
aber Nein i sag es nicht 

27. Beirin 
Was du Alti was redest Du, 
ist ihn villeicht ein Unglük Gstoszen zu. 

28 Hex 
Nein Nein Er ist seh*) Glüklich 
Wen es für in war schicklich 

29. Beirin 
Gottlob wen im nichts ist geschehn, 
so brauch ichs auch nicht zuwüssen wo du in hast gesehn. 

30. Hex. 
Weil Du nicht wüssn wilst so will ich dier auch nicht erzählen 
Die I^ite sol man Redn lassn u. die Hunde Bein. 

31. Beirin 
Mutter Deine Rede spahr 
Dein geheimnis gut bewahr 
bleibe hier u. Rast daweil 
Ich werde meim lieben Mann entgegen Eill 

32 Hex (allein). 

Bleib nur hier u wart daweil, 
ich darf die Sach nicht übereil, 
a gute weil braucht gutes Ding, 
ich hof du wierst bald a anders Liadl Sing. 

33. Bauer (triu auf). 
Alti sich i Die schon mer, 
was für gscheft fiehrn dich daher. 

34. Hex 
Ich hab feil allerhant wahr 

gehts kauft mir ebas ab. i gib als bilig das i wer balt gar, 
Musgatnusn Jungfraun Kränz grosz u. klein, 
etliche Bandl gib ich drein. 

35. Bauer 
Mit disen Sachn 

werden wir freilich keinen Handl machn, 
da köiien sich nur die Weiber aus 
Ich weis nicht warum sie heite nicht zu Haus. 

36. Hex. 
Sobalt der Fugs ins Loch versözt, 
alsdan die Gans den Kräng wözt 

*) verschrieben statt »sehr». 

4 
Zettschrift für üsterr. Volkskunde. 



50 



Hein, 



wan a die Katz nicht zu Haus, 

so schleicht die Maus von Loch heraus 

Jugn Weiba u. Alti Uhm 

haben fast die gleichn Naturn, 

sie g-ehn recht u zeing* schlecht, 

Das man sie fast verwundern mächt. 

37. Bauer 
Alti weist du was, 
nochamal sag* mir das 
fiehr mir noch ein solches Beispiel an, 
dan krigst a Maultasch sogleich zum Lohn 
Jezt bak dein Krann*) u. Marsch hinaus, 
u. betrit mir nichtmer unser Haus (Hexe ab.) 
was den heint mein Weib noch macht, ' 
noch nicht da u schon halb Acht. 

38 Beirin (tritt auf). 
Ist den mein Mann noch nicht. 

39 Bauer 
Wol ich war schon frücher da, 
da kam ein Altes Weib, 

u wolt mir a Bredig haltn dasz ich nicht zu Hause bleib, 
die Gall lif mir über i Jagsi dafon, 
Komt sie wida so Brügl i sie schon 

40. Beirin 

Das war gewisz die nämliche, die bei mir auch war, 
sie trug an klein Korb u. drin allerhant wahr 
aber lieber Mann, verachte nicht Armi Leit, 
gewis ist sie Arm u die gröste Dürftigkeit 
wier sollen uns erbarmmen anstat uns zu erziern 
den Gott siht auf uns ich möcht es nicht browiern 

41. Bauer 

Du magst sang was du wilst mir geht es doch nicht ein, 

das diese Gatung I^eit recht zu Erbahrmen sein 

sie laufn Berg auf u. Berg ab, im ganzn Land herum 

Studiern Trug u List damit sie vill bekommen 

es war schon oft der fall, dasz durch ihre Nascharei, 

der Fridn oft gewichn, die Leite sich Entzweien 

42. Beirin 

O Mein Heber Mann pasz auf was ich Dier sag 

mit Die Alte Leit hatman ifner a Plag, 

aber wo da nit mehr drinstekt das ist Die frag 

*) verschrieben statt «Kram». 



Hexenspiel. 5 1 

43 Bauer 
Jezt wolln wier zum Essen gehn, 

U. Dan im Hause g'lei nachsehn. (Beide ab; der Bauer lässt seinen Hut auf dem 

Tische liegen.) 

44. Hex (tritt auf). 

Husch Husch hab ich heit zu kah, 

abisl Wahrma muasi, i bin a schon hibsch Ah, 

ist Doch a andres Gscheft, 

als ich anfans hab verhoft 

Doch will ich nicht aufgebn 

u. ein anderes Köder leng-, 

Eins daher — — — U das ist ß*uat, (legt einen offenen Brief auf den Tisch und einen 
U. eins Unter dem Huat, Zettel unter des Bauern Hut) 

jezt will ich gern sehn wias mit Der Wierkung* thut (ab). 

45. Beirin (tritt auf). 
Gottlob schon wida da 
was für ein Schrift ligt den da, 
Sofil i sehen kan, 
gehört sie meiiien Mann, 
weil er sie da ligen last, 
ist es gewis nicht wichtiges. 
Brief aso a Brief. 

lieber Jakob, Ich machdier zu wissen das uns der Bauer ganz bald übe- 
rascht häte darum sei vorsichtiger u. geh das Nägstmal bei der hintern 
Thier herein kome nur halt wider u. schau, dasz Du vondeiner Gans 
wekkomst 
Ach Gott was ist das für ein schrift, die ich jezt las bin ich verhext, 

oder ist es nur ein Traum. 
Meine Augen kan ich Glauben kaum, 
wen Der Blitz bei hellen Sonen schein 
vor mir nider vöhrt in Die Erd hinein, 
Ich nicht so erschrickt, 
jezt mus ich hinaus, ich weis mir zuhelfen nicht. (Ab). 

46. Bauer (triu auf). 
Heite könte mich schon Der Regen abnetzen 
ich mus schon den Hut aufsetzn, 
aber ligt a Zötl, 

was ist das für ein Lumppenbetl 
iazt les den Brief 

«Gelibte Maria. Ich hab gehört das Den Alter Jogi heit sol weiter Reisn 
Kom um 10 Uhr in den Rosn Gartn, 
da thu ich deiiier Wartn, 
Ja Ja Das ist mir recht, 
das ist die schrift von meinen Nachbars Knecht. 

4* 



-2 Hein, 

47. Hex (kommt). 

Vatterle Vatterle, 

ihab an Fuasz a blätterte 

Darum bitt ich um a, Pflaster 

u. abisl Rastn 

48. Bauer 

Alti sötz Dich nider, u sag- mir auf Der stell, 

was Du von Meinen Weibe weist, das kanst Du mir erzehln, 

als Du Neilich hier warst, da wierst Du wüssen schon, 

woltest Du mir etwas sag-n u. ich Jagte Dich Dafon 

aber Glaube sicherlich wen Du mir die Wahrheit nicht sag-st So will ich 

Dier — die Nasn einschlag*en, 
u. das andre mal von Hause Jang-. 

49. Hexe. 
Vatter sei nit wundala 

vergfis an söllan Blunderla, 
Es thuat Die doch nicht nutzn, 
Wen dier thuat Dein Weibl druzn. 

50. Bauer. 
Ich sag- Dirs auf der StöU 

was Du von Weibl weist Das kanst Du mir Erzähln 

51. Hex. 

Dein Weib hat Federn wie a Ginnjifl,*) 
u sie haltet Dich für ein Limpl 
sie streicht dier schön zu Deine Aug-n, 
das du ihr Valschheit nicht kanst schaun 

52. Bauer 
Ach mein Gott das kan ich Glauben nicht, 
das Dein Mund die Warheit spricht, 
das mein Weib mich hinterg-eht, 
u über Gottes g-ebote gfeht. 

53. Hex. 
Ja a anders Kachei 

hat a andas Gschmachei 

a. andas Köpfl hat an andan Sinn, 

in a fremda Taschn ist was andas Drin. 

54. Baua 
Wen es so ist so halte Deinen Mund, 
sagfe nichts u machs kein Menschen kund, 

ich hoff Diser wSach kom ich auf den Grund. (Ab.) 

55. Hex (allein). 

Viktoria Viktoria der Handl ist g-ewohnen, die Schuhe sind .schon mein 
villeicht in wenig-en Tag'en werde ich — — — — — — — 

*) verschiieben statt ^Gimpl». 



Hexenspiel. c -^ 

56 Beirin (tritt auf). 
Alti Mutter las mir an Ruh, 
u sag-e mir was wilst Den Du 

57 Hex. 
Ich hab nur woln sagn 

Das ich in wenigen Tagn 
werde sein begraben 

58 Beirin 
(). Das Wünsch ich auch, Mutter (xlaub es mir. 
Er hat sich vill verändert seidem du das lezte mal warst hier 

59. Hex. 
Die Zeitn sind veränderlich 
Die Mäner sind verblendarisch 
Die Weiber die in Traun 
sind als betrogni Fraun 

60. Beirin 
Leider ist es wahr, 
ich hab es selbst erfahrn 
Eine dike Wolkebedekt die Sonne -- 
Fortuna, flügt nun gar dafon 
mein Mann den ich so sehr gelibt, 
weil er mir jezt kein freintliches Wort mehr gibt. 

(Fortsetzung folgt.) 



II. Kleine Mittheilungen. 



Ober das Volkslied von der Schlacht bei Belgrad 1717. 

Von Dr. Rieh. R. v. Kralik. 

Sir. 8. «Prinz Eugenius wohl auf der Rechten, 
Thät wie als ein Lowe fechten, 
Als General und Feldmarschall. 
Prinz Ludewig ritt auf und nieder: 
Haltet euch brav, ihr deutschen Brüder, 
Greift den Feind nur herzhaft an!» 

9. «Prinz Ludewig der musst* aufgeben 
Seinen Geist und junges Leben, 
Ward getroffen von dem Blei. 
Prinz Eugenius war sehr betrübet, 
Weil er ihn so sehr geliebet; 
Liess ihn bringen nach Peterwardein.v 

Wer war Prinz Ludwig, von welchem die Strophen 8 und 9 des Liedes handeln? 
Nach den Verlustausweisen fiel in der Schlacht bei Belgrad kein einziges Mitglied aus einem 
fürstlichen Geschlechte als der Feldmarschall - Lieutenant Fürst Joseph Anton Lobkowitz und der 
Oberstlieutenant Prinz Lamoral Taxis vom Regimente Viard. Und doch sagt das Lied, dass 



54 



Kleine Mittheilungen. 



Eugen die Leiche des Prinzen Lud-wig »weil er ihn so sehr geliebet« nach Peterwardein bringen 
Hess. So Arneth S. 530 des 2. Bandes seiner Eugen biographie. Ich möchte über die Person 
dieses fraglichen Prinzen Ludwig eine Vermuthung äußern, die, wenn sie richtig ist, für die 
Ökonomie der Volksdichtung nicht unwichtig wäre. Ich glaube, dass man unter dem Prinzen 
Ludwig, den der Prinz Eugen «so sehr geliebet», und über dessen Tod er »so sehr betrübet« war, 
am natürlichsten den älteren Bruder Eugens zu verstehen haben wird, jenen Prinzen Ludwig Julius 
von Savoyen, dessen Tod Eugen allerdings schon im Jahre 1683 bei seiner ersten Waffenthat im 
Gefecht zu Petronell zu beklagen hatte. Es wäre sehr bezeichnend, wenn das Volk seinen Lieb- 
lingshelden dadurch besingen wollte, dass es in ein kurzes Lied sein tragischestes Erlebnis und 
seinen berühmtesten Sieg zusammenfasste, und also auf allerdings sehr willkürliche Weise die ab- 
gekürzteste Biogragraphie des Helden erreichte. Oder hat es vielleicht gar zwei oder mehrere 
Lieder vom Prinzen Eugen gegeben, die dann zusammengesungen worden sind? In beiden Fällen 
würde man daraus ersehen, dass ein kostbarer Keim, aus dem sich unter günstigen Verhältnissen 
ein Volksepos, wie jenes vom Cid hätte entwickeln können, durch die Ungunst der Zeit, durch die 
grosse Kluft, die gerade damals die Volks|x>esie von der gelehrten Poesie trennte, unfruchtbar 
geblieben ist. 

Kerbhölzer in Wien. 

Von Dr. M. Haber 1 an dt, Wien. (Mit Abbildung.) 

Gelegentlich der letzten bedeutenden Schneeabfuhren im Monat Januar 1895 konnte man an 
zahlreichen Orten in der Großstadt Wien den Gebrauch von Kerbhölzern beobachten, wie sie 
analog in weitester Verbreitung unter dem Volk in Österreich, Ungarn, Deutschland u. s. w. zur 
Zählung benützt werden. Sie treten überall in Gebrauch, wo leichte und genaue Controle über 
Arbeitsleistungen zwischen mehreren Personen gefuhrt werden soll. Das Wiener Kerbholz für die 
Schneefuhren (Abbild. Fig. 8) besteht aus drei in einander gepassten Theilen, von denen den mittleren 
der Kutscher, den einen Seitentheil der Aufseher des Aufladeplatzes, den zweiten der Aufseher des 
Abladeplatzes erhält. Die absolvierte Fuhre wird an den Seitenflächen eingekerbt. Der Kutscher 
steckt sein Kerbholz in den Stiefelschaft, die Aufseher reihen ihre Theile an einer Schnur auf 
und tragen das ganze Bündel um den Hals gehängt Der Kutscher erhält das «Weibl», der andere 
complementäre Theil heißt das «Manndl». Im Wiener Munde heißt das ganze Kerbholz «Robisch», 
vom slav. rovu5. 

Neben dem dreitheiligen Kerbholz erscheint sehr häufig 
das gewöhnliche zweitheilige, das ganz ähnlich wie jenes einge- 
richtet ist und dieselbe Terminologie und Verwendungsweise besitzt. 

Der Gebrauch derartiger Kerbhölzer ist ein weit verbreiteter. 
Bezüglich der Südslaven handelt darüber Dr. Fr. S. Krauss in den Mit- 
theilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Bd. XV, p. [85] 
und weiters in den Verhandlungen der Berliner Gesellschaft f. A., E. u. 
Urg. 1886 (p. 384), wo über die Nomenclatur ausführliche Mittheilungen 
gegeben sind. Desgleichen finden wir analoge Kerbhölzer beschrieben 
von Delic in den Wissenschaftlichen Mittheilungen aus Bosnien und 
der Herzegowina: «Das Kerbholz (ravo§) in der Umgebung von 
Cajnica.» Hier dienen die beiden Theile, auf welchen die Einkerbungen 
in gut in einander gefügtem Zustande vorgenommen werden, als Be- 
weisstücke zwischen Schuldner und Gläubiger. Auf die gleiche Art faßt 
der türkische Soldat sein Brot, liefern die Bäuerinnen, welche Lein- 
wand färben, die fertigen Stücke an die Eigenthümer. Der Haupttheil 
heißt hier «kokoS» oder «kvo^ka» = die Henne, der kleinere «pile» 
= Hühnchen. 

Auf nordslavischem Gebiet verzeichnet Dr. R. F. Kaindl 
Ähnliches von den Huzulen. Siehe das Werk: «Die Huzulen» dieses 
Autors p. 64 (Fig. 23). Die srawaszi« genannten Kerbhölzer weisen 
hier in der Almenwirthschaft die jedem Viehbesitzer gebührende Menge 
der Milch producte aus. 



■i':l 



i t 



l 



If 



: I 



.111 



Fig. 8, 
Kerbholz aus Wien (* 5). 
Nach Herrn Hauptmann M o r e 1 1 i ' s gefalliger mündlicher Mittheilung besteht der Gebrauch 
ähnlicher Kerbholzrechnung in Südtirol bei der Ablieferung der Trauben für die Weinbereitung. 



Kleine Mittheilungen. cc 

Aus Deutschland liegt unter Anderen das Zeugnis E. Handtmann*s über «Rechnung 
nach Kerbholz» in Seedorf (Westpriegnitz) vor. [Verhandlungen der Berliner Ges. f. A., E. u. U. 
1889, (p. 763).] Es handelte sich hier um regelmäßige Ablieferung von Fischen. Eine weitere 
Nachricht aus Norddeutschland verzeichnet W. v. Schulehburg. [Verhandlungen der Berliner 
Gesellschaft 1886 (p. 384); die Einkerbung dient hier zur Anmerkung des Tagelohnes. 

Für Siebenbürgen ist ein analoger Gebrauch von Kerbhölzern (rovis, sächsisch ruosch) zur 
Feststellung der Robotleistungen (meistens Fuhren) von A. Treic hei, Verhandlungen der Ber- 
liner Gesellschaft 1888, p. (172), constatiert. 

Sicherlich ist die Verwendung von Kerbhölzern unter dem illiteraten Theil der Völker 
keineswegs als ein bloßes «Überlebsei» (survival) aufzufassen, sondern als eine notwendige und 
praktische Einrichtung, für welche die Schrift nicht so leicht einen Ersatz zu bieten vermag. Unter 
diesen Gesichtspunkt fallt wahrscheinlich noch manche volksthümliche Gepflogenheit, die nur vom 
Standpunkt der einseitigen Gewöhnung des Bildungsmenschen als obsolete — besser zu verlassende 
— alterthümliche Übung erscheint. 



III. Ethnographische Chronik aus Österreich. 

1894— 1895. 

Verein «Die Schuhplattler». In Wien hat sich aus dem Schöße des «Nieder- 
österreichischen Gebirgsvereines» eine Gesellschaft zur Pflege der nationalen Tänze (allerdings vor- 
wiegend bayrischer Art) unter dem Namen «Die Schuhplattler» (Obmann R. John, Wien I., 
Naglergasse 13), gebildet. 

Museums- OeselltOhaft in TeplitZ. Am 3. November v. J. hat sich in Te plitz 
eine Museums-Gesellschaft constituiert. Dieselbe appelliert an alle Bewohner des Teplitzer und 
Biala-Thales und an alle jene, die in der Feme noch ihrer Heimat gedenken, mit der Bitte, die 
Bestrebungen der Gesellschaft zu unterstützen. Ihre Ziele gehen dahin, die Kenntnis der Land- 
schaft zwischen dem böhmischen Mittel- und dem Erzgebirge dadurch zu fördern, dass man die 
ganze Landschaft planmäßig durchforscht und durch Vereinigung sämmtlicher Ergebnisse dieser 
Forschung in einem Mittelpunkte es jedem Einzelnen ermöglicht, sich ein genaues Bild der 
Heimat, wie sie ist und war, zu vergegenwärtigen. Beitrittserklärungen sind zu richten an die 
Geschäftsleitung der Museums-Gesellschaft Teplitz, als Sammelstelle für Maseums-Gegenstände 
fungiert vorläufig das Real- und Ober-Gymnasium in Teplitz. 

Verein zur Erhaltung der steirischen Vollcstrachten. In Graz ist dem 
Vernehmen nach ein Verein zur Erhaltung der streirischen Volkstrachten unter den Auspiden 
unseres Mitgliedes, des Herrn Grafen Dr. Johann v. Meran, in Bildung begriffen. Unsere 
Stellung gegenüber derartigen, jetzt auch in den Alpenländem mehr und mehr hervortretenden 
Bestrebungen, mit welchen die Cechoslaven in Böhmen und Mähren schon seit längerer Zeit 
den Anfang gemacht haben, ist in dem Aufsatze des Herrn Prof. Dr. Alois Riegl in Heft I 
dieser Zeitschrift p. 6. genau präcisiert und begründet. 

Weihnächte- und Drell(önigttplel in Wien. In den ersten Tagen dieses Jahres 
fand im großen Musikvereinssaale in Wien eine Wiederaufführung (über die vorigjährige Vor- 
stellung siehe Zeitschrift d. Vereins für Volksk. Berlin 1894, P* 93) ^^ ^^^ unserm Mitgliede 
Herrn Dr. Rieh. R. v. Kralik nach alten Volksüberlieferungen und mittelalterlichen Weihnachts- 
spielen gedichteten «Mysteriums von der Geburt des Heilands» (1894. Verlag von C. Konegen) 
durch die Leo-Gesellschaft statt. Ein Verein zur Sicherung der regelmäßigen Aufführung geistlicher 
Dichtung und Volksschauspiele (Dreikönigsspiel, Passionsspiel u. s. w.) ist in Wien in Bildung 
begriffen. Näheres darüber ist einem in der «Neuen freien Presse» veröffentlichten Aufruf zu 
entnehmen. 

Schmucicautttellung in Brunn. Im Monate December 1 894 fand in den Räumen des 
Mährischen Gewerbemuseums zu Brunn eine Schmuckausstellung statt, welche der neue 
Director dieses Institutes, Herr Architect JuliusLeisching,in rastloser Thätigkeit zustande brachte. 



r5 Ethnographische Chronik aus Österreich. 

Sie sollte ein Bild geben, wie der Mensch an allen Orten und zu allen Zeiten sich schmückte 
and noch schmäckt. Leider war eine Vollständigkeit nicht zu erzielen, da sich die Mehrzahl der 
Museen und Privatpersonen nicht entschlieSen konnte, ihren wertvollen Besitz den Gefahren des 
Transportes und der Behandlung durch fremde Hände auszusetzen. Diese Zurückhaltung wäre 
im Interesse der Objecte nur billigenswert, wenn sie ausnahmslos beobachtet würde; dann kämen 
aber wissenschaftliche Ausstellungen, deren Hauptaufgabe die Ermoglichung vergleichender Studien 
bildet, niemals zustande. 

Besonders gut war der prähistorische Schmuck vertreten dank der schätzenswerten Unter- 
stützung der gräflich Dietrichstein'chen Verwaltung in Nikolsburg und des Herrn Forrer in Strassburg. 
Dagegen fehlte fast ganz der einheimische Bauemschmuck, der besonders in Mähren in schönster Blüte 
steht. Wenn zwei Brautkronen, einige Schnallen und Haarnadeln, dazu ein Tiroler Bauchranzen 
und ein Thränentuchlein, welche letzteren Herr Director Leisching selbst er^'orben hat, erwähnt 
werden, so ist damit der Schmuck der Landbevölkerung vollständig aufgezählt. Dagegen war der 
Bürgerstand sehr gut durch ausgezeichnete, mitunter prächtige Arbeiten vertreten, die jedoch aus- 
schließlich den Kunsthistoriker zu beschäftigen haben. Nicht unerwähnt darf eine hübsche CoUection 
der schönen norwegischen Filigranarbeiten bleiben, sowie die reiche Sammlung alter, schöner Fächer. 

Sehr vermisste der Berichterstatter einen erläuternden Katalog, der allerdings bei der 
guten Etikettierung der Gegenstände dem gewöhnlichen Durchschnittsbesucher nicht unbedingt 
nothwendig war, aber ein einigermaßen genaueres Studium ermöglicht hätte. Namentlich bei einer 
bloß temporären Ausstellung, deren Objecte aus den verschiedensten Sammlungen stammen oder 
von einzelnen Persönlichkeiten geliehen werden, ist der Katalog der einzige Behelf, in späteren 
Zeiten manches wkhtige Stück wieder auffinden zu können. Aus diesem Grunde würde der 
Berichterstatter, der unter der liebenswürdigen Führung des Herrn Director Leisching die Aus- 
stellung besichtigte, auch noch nach Schluss derselben die Herausgabe eines wissenschaftlk:hen 
Katalogs für wünschenswert halten. 

Aus Anlass der Ausstellung fanden im Museum einige Vorträge statt, welche den Schmuck 
nach verschiedenen Richtungen hin beleuchteten. 

Zum Schlüsse sei noch erwähnt, dass sich im Mährischen Gewerbemuseum eine hübsche 
Sammlung von bäuerlichen Stickereien und Spitzen befindet, die ein dankenswertes Appendix zur 
Schmuck- Ausstellung bildete. Dr. Wilhelm Hein. 

Slowakisch-ethnographische Versammlung. Am 6. Januar 1. J. tagte in Ung.- 
Hradisch eine vom Abg. Herrn J. Stand einberufene Versammlung von Freunden der Ethno- 
graphie, wekhc hauptsächlich die Beschickung der ^hoslavischen ethnographischen Ausstellung 
in Prag aus der Slowakei zum Berathungsgegenstande hatte. Es wurde zu diesem Zwecke in 
Ung.-Hradisch ein Centralausschuss eingesetzt. (V^stnik H, 15, p. 155.) 

Ethnographische Ausstellungen in Böhmen. Vom 1—4. Februar 1. J. fand zu 
P i I g r a m in Böhmen eine ethnographische Ausstellung statt, bei der insbesonders die Fülle alter- 
thümlicher Goldhauben und Stickereien bemerkenswert war. 

(Mittheilung des Herrn Alois Ziskal in Milotitz bei Pilgram.) 

Vom 6 — 13. Januar 1. J. war zu Chlumelz a. d. C. eine slavisch-ethnographische 
Ausstellung, die der dortige Bezirksauschuss veranstaltet hatte, zu sehen. Eine größere Reihe 
der dortigen Ausstellungobsjecte ist für die ^echoslavische Ausstellung in Prag bestimmt. 

(V&tnflc n, 16.) 

Personalnachrichten. Unser Mitglied, Herr Moriz Trapp, k. k. Conservator 
und Gustos des Museums «Francisceum» in Brunn, feierte am 24. Januar seinen 70. Geburtstag. 
Der Verein hat dem verdienten Jubilar in einem Schreiben seine Glückwünsche ausgesprochen. — 
Unser Mitglied, Herr Prof. Dr. Franz Hannin Klagenfurt und Herr P. Anselm Ach atz, 
Capitular des Stiftes St. Paul im Lavantthale, wurden zu k. k. Conservatoren der Centralcommission 
ernannt — In Triest starb der k. k. Conservator und Realitätenbesitzer Herr Dr. Peter 
Pervanoglü. 



Literatur der österreichischen Volkskunde. s^n 

IV. Literatur der österreichischen Volkskunde. 

1. Besprechungen: 

8. Alexander Hecktoh: Illustrierter Führer auf der Donau von Regens- 
burg bis Sullna. Mit 50 Abbildungen und 5 Stromkarten. Revidiert und theilweise neu l>c- 
arbeitet von Josef Kahn. Dritte Auflage. W, Hartleben's Verlag 1894. 

Die Donaustrafie ist für Touristen, welche von Land und Leuten mehr als im raschen 
Flug der Eisenbahnen möglich ist, sehen wollen, seit jeher eine sehr beliebte Fahrbahn. Auf der 
geschichtlich wie durch malerische Naturreize geweihten Strecke von Regensburg bis zur Sulina- 
mündung bietet sich dem Reisenden im voranstehenden Handbüchlein ein zuverlässiger und 
bequemer Führer an, der ihm über das geschichtliche und gegenwärtige Dasein der anwohnenden 
Bevölkerung erwünschte Auskunft gibt. Gelegentlich finden sich direct für die Volkskunde interes- 
sante Bemerkungen in dankenswerther Weise eingestreut. So über die auf der Donau fahrenden 
gebräuchlichsten Ruderschiffe und deren volksthümliche Namen: «Kehl heim er Plätto, 
mit stark aufgezogenem Bug und Heck, die «Wach au er Gams» mit stark aufgezogenem Bug 
und schwachem, stumpfem Heck; die «SiebenerZille», schlank gebaut, mit stark aufgezogenem, 
spitzem Bug und stumpfem, schwach aufgezogenem Heck, die «Regensburger Gams», die 
«Schwabenplättev, mit bauchigem Rumpf, die «Trauner Plätte» («Traunerl»), die «Salz- 
burger Plätte», die «Essig-Weid-Zille», wie die Traunerin u. s. w. Es wäre wünschens- 
wert, wenn darüber von unterrichteter Seite einmal ausführlich, womöglich unter Beigabe von 
Zeichnungen, gehandelt würde (etwa nach dem Muster des Aufsatzes : Die vorgeschichtlichen Schifte 
Nordeuropas, von Dr. J. H. ; Globus 1894, LXV, p. 219—225). Dr. M. Haberlandt. 

9. Dr. Adolf Häuften: Ober das Höritzer Passionsspiei. (Nebst einer Einleitung 
über die Geschichte unseres geistlichen Schauspiels und einem kurzen Bericht über andere deutsch- 
böhmische Volksschauspiele.) (Sammlung gemeinnütziger Vorträge. Herausgegeben vom Deutschen 
Vereine zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag. Nr. 192, Juli 1894.) 20 S. Preis 
15 kr. (Zu beziehen bei Fr. Härpfer, Buch-Kunsthandlung und Antiquariat, Prag, Große Karlsg. 174). 

Ein bürgerlicher I^newebermeister im Markte Höritz (Böhmerwald) schrieb im Jahre 1816 
den Text des seither allgemein bekannt gewordenen Passionsspieles nieder. Er hieß Paul G r ö 1 1 h e s 1 , 
war ein aufgeweckter, phantasievoller Mensch, hat aber den Text wohl schwerlich vollständig er- 
funden, sondern das Spiel auf ^ der Grundlage alter heimischer Überlieferungen aufgebaut. Im 
Jahre 1887 wurde es zum letzten Male in seiner unbearbeiteten Form in dem Saale eines Wirts- 
hauses bei Lampenschein und verdeckten Fenstcmaufge führt. Durch eine Publication P. Va 1 e n t i n 
Schmidt's wurden weitere Kreise auf dieses Volksschauspiel aufmerksam; die Leitung des Böhmer- 
waldbundes nahm eine Neuschöpfung des Spieles vor und Professor Josef johann Ammann 
in Krummau bearbeitete den Text, In der neuen Kleidung begannen die Aufführungen am 25. Juni 
1893. Seither wurde der Text von Landesprälat K a r 1 Land steiner neu durchgesehen, da Pro- 
fessor J. J. Ammann seine Bearbeitung zurückgezogen hatte. Der großartige Erfolg, den sich 
die Darsteller im Höritzer Passionsspiel errangen, ist allgemein bekannt. 

Wer sich mit den Einzelheiten näher vertraut machen will, sei nachdrücklich auf die 
vorliegende Arbeit verwiesen, die in schwungvoller und dabei doch sachlicher Sprache die ver- 
schiedenen Schauspieler, die sich diu-chwegs aus den Einheimischen rekrutieren, in ihren wichtigsten 
Rollen vorführt. 

Ausgezeichnet ist die historische Einleitung, die in großen Zügen die Entwicklung der 
Volksschauspiele aus den geistlichen Spielen behandelt. Außer dem von Dr. Hauffen genannten 
Werk von Creizenach, Geschichte des neueren Dramas, sei auch noch auf Gervinus Meisterwerk 
über die deutsche Literatur verwiesen, das eine genuss- und lehrreiche Behandlung des Bauem- 
dramas enthält. 

Erwähnt mag noch werden, dass in den nächsten Jahren eine Pause oder Abwechslung 
in den Aufführungen des Höritzer Passionsspiels geplant ist. Dr. Hauffen macht den Vorschlag, 
das Weihnachtsspiel nebst Volksscenen aus dem Böhmerwald zur Darstellung zu bringen. Sehr 
befürworten würde ich den Gedanken, das Schwerttanzspiel mit Hilfe alter Schwerttänzer neu zu beleben. 

Das Büchlein ist mit zwei Illustrationen nach Photographien: Maria und das letzte 
Abendmahl ausgestattet, die niu- einen schwachen Begriff von der kraftvollen Wirkung der lebendigen 
Bilder geben können. Dr. Wilhelm Hein. 



rg Literatur der österreichischen Volkskunde. 

10. Adolf Häuften: Die deutsche Sprachinsel Ootschee. Geschichte und Mund- 
art, Lebensverhältnisse, Sitten und Gebräuche, Sagen, Märchen und Lieder. Mit vier Abbildungen 
und einer Sprachkarte. Graz, ,StyriaS 1895 (III. B. von «Quellen und Forschungen zur Geschichte, 
Literatur und Sprache Österreichs und seiner Kronländer.» Durch die Leo-Gesellschaft heraus" 
gegeben von J. Hirn und J. E. Wackerneil.) 8**. XI und 466 S. 

Eine hochwichtige Bereicherung der österreichischen und deutschen Volkskunde, zugleich 
nach seiner inneren Einrichtung ein nachahmenswertes Vorbild für ähnliche spätere Arbeiten. Das 
Hauptgewicht liegt freilich — wie der Verfasser S. X andeutet — auf der Sammlung, phonetisch 
genauen Aufzeichnung und kritischen Behandlung der Gottscheer Volkslieder. Und diese lohnen 
auch in vollem Maße die Mühe, welche Hauffen auf sie verwendet hat: sind es doch uralte 
religiöse wie weltliche Lieder, welche, wie die Nachweise S. 336 ff. darthun, zahhreiche Motive mit 
den Liedern der verschiedensten deutschen Stämme gemein haben; nicht wenige zeigen allerdings 
auch auf die slowenische Umgebung, aber man wird dabei nicht sofort überall auf Abhängigkeit 
voQ der letzteren schließen dürfen : oft wird dem Gottscheer Gesänge die Priorität zuzuerkennen sein. 
Unter den «Balladen und Liebesliedem» steht die (schon von K. J. .Schröer, Ger- 
mania XIV 323 — 337 und im Wb. der M. A. v. Gottschee S. 177 als solche erkannte) Reminiscenz 
aus dem Kudrunliede XXV «Von der schönen Meererin» mit Recht an erster Stelle. Hauffen 
weist S. 405 Martins Ansicht, dass dieses Lied mit «Kudmn» nichts gemein habe, zurück, und 
stützt sich hiebei, um Altdeutsches vom Slowenischen zu scheiden, auf weitere Balladen, die alle 
denselben oder einen ähnlichen Stoff behandeln, und von denen die nachweisbar älteste mit 
Kudrun XXV am ähnlichsten ist. 

Von anderen Liedern, welche entweder ganz oder mit einzelnen Motiven dem alten 
gemeinsamen Liederschatze des deutschen Volkes entnommen sind, heute aber zum Theile nur 
noch selten oder nirgends im Stammlande vom eigentlichen Volke gesungen werden, erwähne ich 
femer: «Der todte Freier» (Bürgers «Lenore», ein übrigens internationaler Stoff, S. 412), die 
Lieder vom Gatten, der als Bettler heimkehrt und seine Frau eben beim Hochzeitsmale trifft (der 
«edle Moringer» S. 415), das Lied «vom jungen Töchterlein», welches von drei Freiem zerstückelt 
wird (im Stammlande : «von der Wirtin Töchterlein» S. 425) u. s. f. Ein weihevoller alter- 
thümlicher Dialekt klingt aus diesen merkwürdigen, reimlosen Versen: 

Bis wrio ischt auf da m^rarin, 

Dai scheans, dai jungd m^rarin 

(Wie früeh ist auf die Meererin, 

die schöne, die junge Meererin.) 

Shi schteanot schmoaronsch guer wria auf, 

Shi geanot baschn dai baisa bascha 

(Sie stehet s'Morgens gar früeh auf, 

sie gehet waschen die weisse Wäsche.) 

Zan proitan m£r, zan tidfen sheaba, 

Shi hdwdt uan, shi baschat schean. 

(Zum breiten Meer, zum tiefen See-e, 

sie hebet an; sie waschet schön) u. s. w. 
Von großem Werte sind aber auch die «Lieder zu Sitte und Brauch» 335. Ich erwähne 
nebst^den Hochzeitsliedem, dem Liede von der «heiligen Faschingszeit», dem drastischen Liedchen 
von der «Pfarrersköchin» einen charakteristischen Kettenspruch «Mein Kittelchen» und den 
allbekannten Kinder-Neckspruch: 

Ragn, ragn, trupfn, 
da diarna brnt drklupfen (erschrecken). 
Da puabm llgnt in wddrpetn, 
da diarna llgnt in shaudrekn. 
wo die zweite Zeile wegen mhd. erklupfen (= erschrecken) offenbar älter ist als in unserer 
österr. Wendung: «die Dirndl muass ma klopfn». 

Es sei noch erwähnt, dass als diesen Balladen, Liedern und Sprüchen auch die Melodien 
in Noten wo irgend möglich beigegeben sind. 

Durch die Sammlung der Lieder wurde Hauffen auch auf die «'Märchen, Sagen und 
Volkserzählungen» (S. 96) geführt, denen ein eigener Abschnitt gewidmet ist. Das Märchenmotiv 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 



59 



vom Siedelstein, einem glückbringenden Edelsteine in der Schlangenkrone, geht bis auf den Stricker 
und die Thidreksage zurück, es lebt noch heute auf den Farocr-Inseln. Sagen vom Grafen 
Friedrich, dem Grunder des Gottscheer Schlosses Friedrichstein, von der Jungfrau Else und ihrer 
Monstranze, Volkslegenden von Jesus und Petrus — deren eine auch beiRosegger in «Tannenharz 
und Fichtennadeln ^ (Die droschnen Drescha) — und Nacherzählungen aus dem 1 597 veröffentlichten 
und seither immer wieder neu bearbeiteten Schildbürgerbuch, übertragen auf die Reifnitzer und 
Hornberger, bieten des» Ergötzlichen übergenug für jeden Freund des Volksthümlichen. — Die 
(jrenzen des begonnenen Themas rückten für Hauffen von selbst immer weiter hinaus: auch ül>er 
Aberglauben und Mythen, und im Zusammenhange damit über Sitten und Gebräuche 
(S. 62) mnsste er seine Arbeit ausdehnen. Schließlich wurden auch die Lebensverhältnisse, 
Erwerbsquellen und öffentlichen Zustände (S. 33) sowie Tracht und Hausbau 
mit einbezogen. 

Interessant ist der Abschnitt über die Herkunft der Gottscheer und ihre Geschichte 
(S. 8) und Mundart (S. 19). Noch 1263 ist das Gottscheer Ländchen urkundlich namenlos: «Das 
Schloss Reivenz (Reifnitz) mit Leuten, Gütern und allen Zugehörungen bis zum Wasser, 
welches man insgemein Chulp heisst». Und 1363 nennt eine Urkunde des Patriarchen Ludwig IL 
von Aquileja zum erstenmale Gotsche, Pölan, Costel, Ossiwniz und Goteniz, mit dem ausdrück- 
lichen Hinweis auf die noch junge Colonisation. — Dass auch Schwaben mit einwanderten, 
weist Hauflfen S. 1 3 nach ; dass 300 Familien Franken und Thüringer von Karl IV. nach Gottchee 
vermittelt worden seien, will HaufTen (S. 14) dem Gewährsmanne Va 1 v a s o r nicht in vollem Um- 
fange glauben. Hauffen hält eben dafür, dass die Mundart der Gottscheer vorwiegend b airisch sei. 
Für heute mag man das gelten lassen : doch sind die ai = mhd. iu (Ablaut von u) gewiss nicht 
ursprünglich bairisch, weil die conservativen Mundarten des bairischen Gebietes das ai nur für den 
Umlaut von au (mhd. ö) gebräiKhen, für den Ablaut iu aber ui und oi setzen: das ai dringt 
daneben von den Städten über das Land vor, zuerst in den Wörtern Lait und daitsch (in Tirol 
noch Loit, doitsch); aber noi, Toifl, i gois (neu, Teufel, ich gieße) sind noch in altdialek- 
tischen Familien allgemein gebräuchlich. Auch der Mangel einer Nasalfarbung bei den Vocalen 
ist unbairisch, und auch der Wortschatz verräth fremde, sei es fränkisch-mitteldeutsche, sei es 
schwäbisch-alemannische Spuren. Darauf will ich noch anderwärts ausfuhrlicher eingehen. 

Hauffen leitet das Wort Gottschee — zweifelsohne mit Grund — vom slov. ko^a, 
Hütte ab. Ich vermuthe aber, dass koia selbst von deutschem kot (DWb. V Sp. 1882) 
stamme: ob in 6 ein slav. Mouillierungsverhältnis vorliege oder ob ein md. Deminutiv kotcho 
voraufgehe, mit welchem siebenb. nägaltscha, Nägelchen (Nelke) zu vergleichen ist, kann ich vor- 
läufig nicht entscheiden; im Heanzenlande kommt eine Ableitung von kot, nämlich küting vor 
und bedeutet ein gemauertes, separates Häuschen gegenüber dem eigentlichen Wohnhause. 

Dr. J. W. Nagl. 

11. Prof. Dr. J..E. WackerneU: Ober die altdeutschen Pattlonttpiele 
in Tirol. (Abhandlungen aus dem Jahrbuch der Leo-Gesellschaft 1893.) Wien 1894. 8® 18 S. 

Das Stadtarchiv von Sterzing enthält die meisten Handschriften altdeutscher Volksdramcn, 
die man an einem Orte beisammen finden kann. Der Schulmeister Benedict Debs (tlS'S) und 
der Maler Vigil Raber (f 1552) haben in Bozen diese kostbare Sammlung angelegt, die dann 
nach dem Tode Raber's an die Stadt Sterzing kam. Der Verfasser stellt drei übereinander liegende 
Schichten von Passionsspielen fest, von welchen die älteste in drei Handschriften (Sterzinger, 
Pfarrkircher und Haller Passion) vertreten ist ; diese drei Spiele gehen auf ein gemeinsames Original 
zurück, welches der Verfasser den «Tiroler Passion» nennt. Für die Aufführung des Passions in 
Bozen, bei welcher der Schulmeister Debs als Salvator mitwirkte, fanden sich noch weiters zwei 
Handschriften, die als Ordnungsbücher gedient haben, die eine im Bozener Franciscanerkloster, die 
andere im Besitze des Herrn Dr. Schmidt- Wartenberg in — Salt Lake City, Utah, U. S. A. 
Beide gehen auf den Sterzinger Passion zurück. Femer entdeckte Custos Fischnaler in der 
Innsbrucker Museums-Bibliothek einen Brixener Passion aus dem Jahre 1551; endlich fand sich 
eine Handschrift, die den vollständigen Haller Passion enthält. Es lassen sich im Ganzen 13 Be- 
arbeitungen des ursprünglichen Tiroler Passions nachweisen, von welchen sieben noch erhalten 
sind. Der Tiroler Passion muss am Ende des XIV. oder am Anfange des XV. Jahrhunderts, 
wahrscheinlich in Sterzing, entstanden sein. Nach Inhalt und Form gehört er der Blüthezeit des 



6o Literatur der österreichischen Volkskunde. 

altdeutschen Drama's an, was sich in der Einfachheit, Gliederung, dramatischen Gestaltung, 
Charakterzeichnung und Sprache darthut. 

Der Passion war in drei fast gleich große Spiele gegliedert; das erste wurde am Grün- 
donnerstag aufgeführt und schloss mit der Einkerkerung Christi; es war in vier Acte getheilt. 
Dieselbe Eintheilung hatte das zweite Spiel für den Charfreitag, welches mit der Kreuzigung endete. 
Das dritte Spiel zerfiel in zwei Theile, in die Darstellung der Auferstehung (5 Acte) und in eine 
Teufelskomödie (2 Acte) und wurde am Ostertag aufgeführt. 

Bemerkenswert ist, dass im Haller Passion, wie auch im Ordnungsbuch bei Raber 
Frauen die weiblichen Rollen spielten, während sonst nur Männer als Spieler zugelassen waren, 
wie dies bei weltlichen Spielen bis in unsere Tage üblich scheint, da z. B. im Hexenspiel, das im 
Vorjahre in Krimml aufgeführt wurde, die Bäuerin sowol, als auch die Hexe von Männern 
dargestellt wurden. 

Den Text zum Tiroler Passion hätten wir also in sieben Bearbeitungen glücklich erhalten ; 
wie und was die Darsteller gesprochen haben, wissen wir ; aber das, was das Wort lebendig macht, 
das Kostümmateriale fehlt uns. Die alten Rechnungsbücher in Hall verzeichnen für das Jahr 1471 
eine Ausgabe für den «rock, so man dem Salvator kauflft hat zum Spil in der marterwoch . . . ,v 
Vielleicht ist noch in einer oder der anderen Stadt Tirols das Kostüm zu den Passionen aufbewahrt, 
vielleicht auch ist es möglich, einzelne Stücke in Privatsammlungen aufzufinden. Das Museum 
«Ferdinandeum» in Innsbruck ist im glücklichen Besitze einer Teufelslarve, angeblich aus dem 
XVI. oder XVII. Jahrhundert, die in Sterzing, der wahrscheinlichen Wiege des Tiroler Passions, 
aufgefunden wurde. .Sollte da nicht ein Zusammenhang auffindbar sein ? Ich möchte femer noch 
auf die prächtige Teufelsmaske mit Doppelkopf aufmerksam machen, die aus dem Ötzthale stammt 
und sich ebenfalls im Innsbrucker Museum befindet; eine ähnliche Teufelsmaske mit Flügeln, 
Doppelkopf und beweglichem Rachen, als deren Heimat wieder Tirol genannt wird, ist im Besitze 
Seiner Excellenz des Herrn Hans Graf Wilczek in Wien. 

Im zweiten Theil des dritten Spieles (in der Teufelskomödie) mögen die bezeichneten 
Masken eine vorzügliche Verwendung gefunden haben. Noch heute werden bei den Bauemspielen 
in Tirol, die ja doch aus den geistlichen Dramen hervorgegangen sind, hölzerne Gesichtslarven zur 
Charakterisierung der einzelnen Rollen getragen; ich möchte nicht bezweifeln, dass dies beim 
Tiroler Passion auch der Fall war, und halte es für außerordentlich wichtig, wenn neben der 
TextfoTschung auch die Suche nach den Kostümen eifrig betrieben wird. 

Zur Vervollständigung will ich erwähnen, dass sich auch im Germanischen National- 
muscum zu Nürnberg, sowie im k. k. naturhistorischen Hofmuseum zu Wien phantastisch aus- 
gestaltete Gesichtslarven befinden, die in einem, wenn auch nicht unmittelbaren Verwandtschafls- 
vcrhältnis zu den oben angeführten Teufelsmasken stehen dürften. Dr. Wilhelm Hein. 

12. Carl B. Swoboda: Orundriss der Thon waren- Industrie oder Keramik. 

Mit 36 Abbildungen. Wien. Pest. Leipzig. A. Hartleben's Verlag. 1895. 8°. VIII, 196 S. (Preis 
1 11. 65 kr.) 

Dem Sammler volksthümlicher Erzeugnisse sind gute Bücher über einzelne Industriezweige 
besonders wertvoll, wenn er aus ihnen die Art der Technik und die wissenschaftliche Eintheilung 
der in das betreffende Gebiet gehörigen Gegenstände kennen lernt. Das vorliegende Werk gibt 
namentlich für die Bestimmung und Eintheilung der Thonwaren sichere Merkmale nach Scherben, 
Bruch und Glasur, so dass es nicht schwer fällt, irgend ein Object der sogenannten «Bauemkeramikv 
in eine der neun aufgestellten Classen einzureihen. 

Außer dem geschichtlichen Überblick, der sich, was Europa betrifft, leider nur mit der 

kunstmäßig betriebenen Thonwaren-Industrie beschäftigt und die Töpferkunst erst im 8. Jahrhunderte 

durch die Araber nach Europa bringen lässt, während sie doch von allen Völkern, denen der 

bildsame Thon zur Verfügung stand, und zu allen Zeiten gekannt und geübt wurde, bringt das 

Werk eine lehrreiche Capitelfolge über die Rohmaterialien nnd deren Behandlung, über die Glasuren 

und en<ilich die Erzeugung der einzelnen keramischen Waren-Gattungen. Den Schluss bilden ein 

ausführlicher Führer durch die keramische Literatur und ein Register. ^ -„r.,, , xt • 

^ Dr. Wilhelm Hein. 

13. Vor- und frUhgeschichtiiche DenkmVIer aus Österreich - Ungarn. Im 

Auftrage des hohen k. k. Ministeriums furCultus uud Unterricht herausgegeben von der 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 5l 

k. k. Central-Commission für Kunst- und historische Denkmale. — Entworfen 
und erläutert von Dr. M. Much. — Aquarelle von Ludwig Hans Fischer. Verlag von 
Ed. Hölzel in Wien. 

Die Anzeige dieses trefflichen Lehrmittels zur Einführung in die erste Kenntnis vorge- 
schichtlicher Geräth- und Zierformen mag uns nebenher dazu dienen, das Verhältnis der Pr3- 
historie zu den Zielen dieser neuen Zeitschrift auseinanderzusetzen. Die österreichische Volkskunde 
hat mit der Vorgeschichte der österreichischen Länder insoferne nichts zu thun, als die prähi- 
storische Archäologie, trotz des Namens «Paläoethnologie», der in romanischen Ländern häufig auf 
sie angewendet wird, eine eigentliche Kunde von den alten Völkern nicht sein will oder richtiger 
gesprochen, nicht sein kann, so sehr auch immer versucht wird, ihre Zeugnisse gerade nach dieser 
beliebten Richtung hin zu wenden und zu drehen. Sie ist ein für sich bestehender Theil der 
allgemeinen Cultiu^eschichte, und am richtigsten verhält sich in ihr wohl derjenige Forscher, 
welcher, taub für die Sirenenklänge der Sprachgeologie, sein Material mit den eigenen Mitteln in 
Ordnung zu bringen sucht und die stets wieder auftauchenden Fragen nach der Rassen- und 
Volkszugehörigkeit prähistorischer Denkmäler, vorläufig wenigstens, soweit als möglich hinaus- 
schiebt. Wen diese Denkmäler dann so wenig interessieren, wie etwa ein erster oder allgemeiner 
Theil der physischen Anthropologie, auf dessen ^Theilnahme muss die Prahistorie eben bis auf 
Weiteres verzichten. 

Wenn sonach methodisch kein Grund vorhanden wäre, die oben genannte Wand- 
tafel der Central-Commission hier anzuzeigen, so darf andererseits wohl auf die praktische 
Bedeutung hingewiesen werden, welche die Kenntnis der einheimischen vorgeschichtlichen Alter- 
thumer für jeden Freund und Erforscher seines vaterländischen Volksthums besitzt. Sie wird 
nur noch öbertroflfen von dem praktischen Werte, welchen umgekehrt ethnologische Kenntnisse 
für den Prähistoriker haben, ohne ihn deshalb von seinen bekannten Zielen abwendig zu machen. 
Die prähistorischen Formen haben ja, oft unberührt durch gewaltige historische Verändenmgen, 
im Dunkel des Volkslebens ihre Fortpflanzung gefunden und, was mehr ist, sie erzeugen sich, 
wenn auch nicht als prähistorische, aber als primitive überhaupt, immer wieder von neuem auf 
dem ihnen zusagenden Boden. Sie können uralt-überliefert, spontan entstanden oder irgendwie 
von außen hereingebracht sein, und schon solche Fragen, die sich in jedem Augenblick einstellen, 
nöthigen den volkskundigen Mann seine Blicke weit rückwärts zu werfen in die sogenannte «Nacht 
der Zeiten», wo jetzt in Beziehung auf manche Seite der materiellen Cultiu- helleres Licht herrscht, 
als in verschiedenen historischen Perioden. 

Die Publication der Central-Commission besteht aus einer Wandtafel von 77 : 97 cm 
in drei nach der Ausstattung verschiedenen Ausgaben) und 4 pp. Text in 4*. Sie zeigt in sechs 
Columnen von ungleicher Größe (ältere und jüngere Steinzeit — Bronzezeit — Hallstattperiode 
— La T6ne-Periode — Zeit der Römerherrschaft — Christliche Zeit) im Auszuge Ziel und 
Richtung, welche die Prähistorie in allen Ländern verfolgt, d i. einen möglichst verständlichen 
Aufbau der Vorstufen der literarisch bezeugten Geschichte und den Anschluss an die letztere, 
sowie eine Zugabe dessen, was in älteren historischen Perioden der schriftlichen Überlieferung ge- 
wöhnlich fehlt und nur aus archäologischen Quellen ergänzt werden kann. 

Die Abbildungen sind gut gewählt, schön und charakteristisch ausgeführt; damit ent- 
sprechen sie dem praktischen Zweck, der Urgeschichte unserer Heimat neue Freunde zuzuführen 
und die alten auf den richtigen Weg zu leiten oder darin zu bestärken. Über diese Seite des 
Unternehmens braucht weiter nichts gesagt zu werden; auch von ihr gilt das Wort «an ihren 
Früchten sollt ihr sie erkennen». Diese Denkmäler gehören zur Natur des Bodens, den wir 
bewohnen, und das, worauf uns die Natur selbst immer wieder hinfuhrt, kann doch nicht als 
Ausfluss einer geistigen Moderichtung bezeichnet werden, wie man früher wohl geringschätzig 
gethan hat. Von dem eigenthümlichen . Gehalt der prähistorischen Archäologie gibt auch diese 
wortkarge Tafel ein zutreffendes kleines Abbild, indem sie den Beschauer zwingt, nicht zwischen 
den Zeilen zu lesen, sondern zwischen den Objecten zu denken. Möge dieser Zwang einerseits 
nicht als Mangel, andererseits aber als Aufforderung empfunden werden, diese Gedanken mit allen 
zu Gebote stehenden Mitteln immer reicher, logischer und unangreifbarer zu gestalten. 

Dr. M. Hü er n es. 



62 

V, Vereinsnachrichten« 



I. Chronik. 

1. Jahresversammlung: 

Freitag, den i. Februar fand im Sitzungssäle des alten Rathhauses, I., Wipplinger- 
straße 8, die Jahresversammlung unseres Vereins mit einem Besuche von nahezu 300 Mit- 
gliedern statt. Den Vorsitz führte der erste Vicepräsident, Se. Excellenz Herr Josef Alex. Freiherr 
V. Helfert. Nach Genehmigimg des Protocolls der constituierenden Versammlung gab 
der Vorsitzende bekannt, dass Se. k. u. k. Hoheiti der durchlauchtichste Herr Erz- 
herzog Ludwig Victor das Protectorat des Vereins gnVdigst zu übernehmen ge- 
ruht hat. Diese Mittheilung wurde von der Versammlung stehend angehört. 

Unter lebhaftem Beifall erfolgte darauf über einstimmigen Vorschlag des Ausschusses 
per acclamationem die Wahl Sr. Excellenz des Herrn Geheimraths Dr. Paul Freiherm Gautsch 
V. Frankenthurn zum Präsidenten des Vereins. 

Der Schriftführer Dr. M. Haberlandt gab der Versammlung das demnächstige Er- 
scheinen der Zeitschrift und deren Einrichtung bekannt und legte die eingelangten Druckschriften 
und Photographien (siehe den Ausweis pag. 31) vor. Herr Geschäftsführer Dr. W. Hein demon- 
strierte die bisher erworbenen Sammlungsgegenstände und berichtete über die unten mitgetheilten 
Vereinsangelegenheiten. Herr Universitätsprofessor Dr. Emil Zuckerkandl hielt unter Vor- 
weisung reichen Demonstrationsmaterials den angekündigten Vortrag «über bemalte Todtenschädel 
aus Salzburg und Oberösterreich». 

Zum Schluss las Herr Rudolf Stagl ein Bauemschauspiel, das «Hexenspiel», wel- 
ches am 2. Februar 1894 zu Krimml in den Tauern aufgeführt worden ist. Herr Dr. W. Hein, 
welcher dieser Vorführung seinerzeit beigewohnt hatte, schickte einige erläuternde Bemerkungen 
voraus, wobei er besonders auf den Zusammenhang des «Hexenspiels» mit dem Hans Sachs- 
schen Fastnachtsspiel «Der Teufel mit dem alten Weib» hinwies. 

2. Sitzung des Subcomit6s zur Berathung der inneren Organisation des Vereins. 

Dieses aus den Herren Dr. M. Haberlandt, Dr. W. Hein, Dr. A. Ilg, Dr. K. 
Masner und Dr. A. Riegl gebildete Comit^ einigte sich nach eingehender Berathung auf das 
Ergebnis, dem Gesammtausschuss nachfolgende Vorschläge zu unterbreiten: 

1. Bildung eines Museumscomit^s, das den Aufsammlungsplan für ein «Museum 
für österreichische Volkskunde» festzustellen, die dazu erforderlichen Kräfte heranzuziehen 
und zu instruieren haben wird. 

2. Bildung eines Bibliothekscomit^s, das die Anlegung einer volkskundlichen 
Bibliothek und einer Bibliographie der österreichischen Volkskunde zu seiner Auf- 
gabe hat. 

3. Bildung eines Finanzcomit^s, welches für die Beschaffung möglichst au^iebiger 
Mittel zur Bestreitung der Vereinsthätigkeit und zur Schaffung eines Museumsfonds Vorsorge treffen soll. 

Außerdem wird vom Subcomit^ empfohlen, eine Gruppentheilung der activ mitarbeitenden 
Vereinsmitglicder anzustreben. Die zu bildenden Gruppen, deren einer (oder auch mehreren) sich 
anzuschließen jedem Mitgliede freistünde, wären die folgenden: i. Dialektforschung. 2. Volks- 
dichtung. 3. Sage und Aberglaube. 4, Volksmusik und Tanz. 5. Hausforschung. 6. Hausrath. 
7. Trachten und Schmuck. 8. Recht und Sitte. 9. Privatleben, Familie, Feste. 10. Handwerke. 
II. Kunst. 12. Volkswissen und Volksdenken. 

Die Einrichtung einer derartigen Arbeitstheilung wird in Verbindung mit einer anzu- 
strebenden Organisierung des Vereins nach den einzelnen Ländern zu versuchen sein. 

3. Subventionen und Spenden. 

Das hohe k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht hat mit hohem Erlass vom 
28. Januar, Z. 30.116 dem Vereine zur Förderung seiner Zwecke für das Jahr 1895 eine Subvention 
von 500 fl. bewilligt. 

Unser Mitglied Herr Moriz Edler von Kuffner hat dem Verein einen Gründungs- 
beitrag von 100 fl. gespendet. 

4. Mitgliederstand. 

Bei Schluss dieses Heftes betrug die Zahl der Mitglieder 620. 



Vereinsnachrichten. 5? 

n. Erwerbungen. 

I. Sammlung: 

25. Siegelring aus Stahl, mit der Aufschrift «Geduld». Aus dem 18. Jahrh. Geschenk 
des Herrn Dr. M. Hoernes. 

26. Bauchranzen, aus Leder mit Pfaufederkielen ansgestickt. Aus dem Pusterthal. 
Erworben von Frau Anna Auer in Oberkrimml, Ober-Pinzgau. 

27. Menschenschädel, mit Lotterienummem beschrieben. Aus dem Beinhaus von 
Maria Wörth. Geschenk des Herrn Prof. Dr. Emil Zuckerkandl. 

28. Siegelring aus Silber. Von MUotitz bei Pilgram. Geschenk des Herrn J oh. Ziskal. 

29. Sonnenschirm mit Fischbeingestell. Aus dem Anfang des 18. Jahrh., von Linz. 
Geschenk des Herrn A. M. Pac hinger. 

30. Bratspießvorrichtung mit Drehmaschine, aus dem Anfang dieses Jahrh. 
Ischl. Geschenk des Herrn Baron Arth. von Hohenbruck in Wien. 

31. »Handzöger«, aus Schilfrohr mit Lederbesatz verziert. Aus dem Jahre 1793, von 
Frankenberg in Oberosterreich. 

2. Bibliothek: 
a) Bücher und Broschüren: 

14. Deutsche Puppenspiele, von R. Kralik und J. Winter. Geschenk der Ver- 
lags-Buchhandlung K. Konegen. 

Wiener Neudrucke: 

15. Heft 6. Der Wiener Hanswurst, L Theil. Stranitzky J. A. Lustige 
Reisebeschreibung aus .Salzburg in verschiedene Länder. 

16. Heft 8. Vier dramatische Spiele über die zweite Türkenbelagerung. 

17. Heft 9. Sterzinger Spiele, i. Bändchen. 

18. Heft 10. Der Wiener Hanswurst, IL Theil. Strani-tzky J. A. Ollapatrida. 

19. Heft II. Sterzinger Spiele, 2. Bändchen. Sämmtlich Geschenke der Verlags- 
buchhandlung K. Konegen. 

20. Weihnachtsspiel, von R. Kralik, dazu der musikalische Anhang; 

21. Osterspiel, von Rieh. Kralik, dazu der musikalische Anhang. Von der Ver- 
lags-Buchhandlung Karl Konegen. 

22. Wackernell, Prof. Dr. J. E. Über die altdeutschen Passionsspiele in Tirol. Ge- 
schenk des Verfassers. 

23. J. Wisnar. Das Neujahr. Geschenk des Verfassers. 

24. Umlauft, Prof. Dr. Fr. Namenbuch der Stadt Wien, von der Verlags - Buch- 
handlung A. Hartleben. 

/) Photographien: 

18 photographische Aufnahmen von Volkstypen und Hausansichten aus der Bukowina. 
Geschenk unseres Herrn Ausschussmitgliedes Prof. Carl Romstor fer in 
Czernowitz. 
Sämmtlichen Spendern gebührt der wärmste Dank des Vereins; möge ihr Beispiel Nach- 
folge wecken! 

m. Verkehr. 

a) Nach außen: 

1. Der wissenschaftliche Verein «Skioptikon» in Wien hat unter dem 
22. Januar 1. J. ein Begrüßungsschreiben gesendet, in welchem er seine Bereitwilligkeit ausspricht, 
unser Unternehmen durch die Anlegung einer Sammlung von ethnographischen Bildern für Pro- 
jectionszwecke fordern zu wollen. 

2. Chefredacteur OttoTippel in Schweidnitz (Schlesien) sendet ein in warmen Aus- 
drücken abgefasstes Begrüßungsschreiben. 

3. Die Anthropologische Gesellschaft in Wien sendet in Beantwortimg unseres 
Ankündigungsschreibens eine freundliche Begrüßung, in welcher der Wunsch nach collegialcm 
Zusammenwirken zum Ausdruck gebracht ist. 



6i Vereinsnachrichten. 

An der fünfundzwanzigjährigen Stiftungsfeier dieser Gesellschaft am 12. Februar 
betheiligte sich unser Verein mit einem Glückwunschschreiben des Präsidiums und durch die An- 
wesenheit unseres Herrn Präsidenten bei der Festsitzung. 

/;) Sprechsaal: 
I. Anfragen. 

Die Hillebille. Im V. Bande der «Zeitschrift der Gesellschaft für Volkskunde» 
(Berlin, 1895), S. 103 — 106, bespricht Dr. Richard Andree ein alterthümliches Signalgeräth der 
Köhler, das vor wenigen Jahrzehnten noch im Harz gebraucht wurde. «Die Hillebille», so hieß 
diese Vorrichtung, «besteht aus einem fingerdicken, ungefähr 75 cm langen und 20 cm breiten 
glatten Brette aus hartem Buchenholze, das an zwei Schnüren oder Lederriemen an einer Stange 
hängt, die in ein paar gegabelten, im Boden stehenden Ästen befestigt ist. Sie wird mit einem 
hammcrförmigen Klöppel aus Hainebuchenholz geschlagen und giebt dann einen hellen Ton, der 
mindestens auf eine halbe Stunde weit, l>ei gutem Wind und Wetter noch weiter gehört werden 
kapn». Andree weist an der Hand von Chroniken nach, dass die Hillebille im 15. Jahrhundert 
im Erzgebirge gebräuchlich war und zwar in der Form einer Axt «Bille», die mit einem Stiele 
«Helle» geschlagen wurde (nach einem Zeugnis des Ursinus); die Sache ist damit aber noch nicht 
ganz aufgeklärt. Es wäre höchst wünschenswert, wenn uns Berichte über ähnliche Signalapparate, 
die für Anzeigen von Gefahr, für Hilfe- und Speiserufe, sowie für Meldungen an die Jäger über 
das Wild nach verabredeten und herkömmlichen Schlägen verwendet werden, zukommen würden. 
Besonderen Wert legen wir auf die Namen und die Formen, wie sie speciell in unseren Alpengegenden 
üblich waren oder sind, falls die Köhler sich bei uns derartiger Instrumente bedient haben sollten. 

Gemeindesiegel. Durch Herrn k. k. Ministerialrath Arth. Freiherr von Hohen- 
bruck wurden wir angeregt, eine .Sammlung und Untersuchung der Gemeindesiegel in den 
verschiedenen österreichischen T^ändern zu veranlassen, insoweit dieselben irgend eine bildliche 
Darstellung enthalten. Aus der Bukowina erhielten wir durch die Güte des Herrn Frh. v. H o h e n- 
bruck Kenntnis von 78 Gemeindesiegeln mit bildlichen Darstellungen, so 5 mit Hausabbildungen, 
12 mit Thierfiguren, 4 mit Emblemen des Ackerbaues, 4 mit Menschenfiguren, 2 mit Bäumen, 
4 mit Sternen, 1 mit Frucht, I mit Brief u. s. w. Wir bitten nun um freundliche Einsendung 
von diesbezüglichen Bemerkungen (womöglich mit einem guten Abdruck) über ähnliche Ge- 
mcindesiegcl aus allen österreichischen Ländern, wobei wir auf die Mittheilung der örtlichen 
Tradition bezüglich der Deutung jener Siegeldarstellungen besonderes Gewicht legen. Unsere Mit- 
glieder würden durch gefällige Nachrichten darüber gemeinsam zur Aufhellung eines gewiß 
interressanten volkskundlichen Problems beitragen. Gefl. Einsendungen werden an die Redaction 
dieser Zeitschrift erbeten. 

2. Antworten. 

Todtenbretter. Nach einer Mittheilung von Oberbuchhalter LudwigKirchnerin 
Gleiwitz kommen Todtenbretter im Thale der Steine zwischen Braunau und Glatz vor und zwar 
in den Ortschaften Tuntschendorf, Scharfeneck, Ober-, Mittel- und Nieder-Steine. — Nähere 
Angaben über Form, Bemalung, Inschriften, Art der Befestigung, Ort der Aufbewahrung u. s. w. 
fehlen, wären al>er sehr erwünscht. 

Dr. Wilhelm Hein theilt uns mit, dass er im Sommer 1894 ^^n Zell am See aus 
in das Glemmthal ging, um dort den Todtenbrettem nachzuspüren ; er fand aber nur einige wenige 
Bretter wagrecht an eine Scheune bei der Luftmühle, nahe dem Thalausgange, angenagelt, auf 
welchen Eingebornc von Maurach, die im Jahre 1864 am «Nervenfieber» starben, aufgebahrt waren. 
Seit diesem Jahre wurden im Glemmthale keine Todtenbretter an der Straße ausgesetzt. Als 
Beispiel der fast verwitterten Inschriften mögen folgende zwei dienen: 

I. t I^uchenbret der Anna Koller gewesene Beierin zu Maurach alhier, welche gestorben 
den 20. August im Jahre 1864 in ihrem 30. Lebensjahre. Herr gib ihr die ewige Ruhe, f Nach 
viellen bangen Leidensstunden Hab ich endlich Ruh gefunden. Nun das mein Leib in dem Grabe 
ruth Bis die Posaune rufen thut. 

II. f Leuchenbret des Thomas Bachbichlcr gewesener Dinstknecht zu Maurach alhier, 
welcher gestorben im Jahr 1864 den 26 September in seinem 18. Lebensjahr. Herr gib ihm die 
ewige Ruh. f Menschen lebet fromm macht euch von Sinden frei Rechnet nicht auf lange Zeit 
denkt dabei Dass jede Stunde die letzte seL 

Schluss der Redaction: 20. Februar 1894. 

Druck von Gebrüder Stiepel in Reichcnberij. 



65 

L Abhandlungen. 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes 

in Steiermark. 

Von Johann Krainz, Graz. 

Die im vorlieg-enden und in nachfolgenden Heften dieser Zeitschrift 
veröffentlichten Beiträge zur Kenntnis der «Sitten, Bräuche und Meinungen 
in der deutschen Steiermark» habe ich in einem Zeiträume von mehr als 
25 Jahren gesammelt. Wer derartige Studien betreiben will, kann dies 
nicht am grünen Tische, nicht vom Studier- oder Bibliothekszimmer aus 
thun; er muss mitten unter dem Volke leben, wenigstens eine geraume 
Zeit, muss mit offenen Augen das Thun und Treiben des Volkes be- 
obachten und mit empfanglichem Herzen sich ganz den Eindrücken hin- 
geben, welche sich ihm nach dieser Richtung hin darbieten. 

Meine lehrämtliche Thätigkeit in verschiedenen Theilen des Landes, 
ZHmal meine anfangliche Stellung als Schul-, Messner- und Organisten- 
gehilfe, ermöglichte es mir, mit den Bewohnern der einzelnen Gegenden 
in näheren Verkehr zu treten. Wie ich die biederen I:-andleute bald 
recht lieb gewann, so fassten auch sie zu mir Vertrauen. Es wich das 
Misstrauen, welches bekanntlich der Landmann dem Fremdling, zumal 
dem Städter, entgegenbringt, und die anfangliche Verschlossenheit machte 
bald einer öfters vertraulichen Mittheilsamkeit Platz. So lernte ich denn 
in der Seele des Volkes lesen. Meine eigenen Erfahrungen und Erleb- 
nisse suchte ich zu ergänzen durch Mittheilungen mir befreundeter Forscher 
und Fieobachter des Volkslebens, sowie durch das Studium einschlägiger 
Literatur. Es reicht eben ein Menschenleben nicht aus, ein ganzes Land, 
zumal ein solches wie die Steiermark, nach allen Richtungen des Volks- 
thümlichen hin kennen zu lernen; nur vereintes Wirken kann auch in 
dieser Hinsicht nennenswerte Resultate ermöglichen. Selbstverständlich 
kann auch bezüglich dieser Ergänzungen dermalen noch von einer Voll- 
ständigkeit keine Rede sein, es konnten damit nur vereinzelt mehr oder 
minder große Lücken ausgefüllt werden, und dürfte es noch geraume 
Zeit dauern bis zu einer erschöpfenden Vervollständigung des bisher 
gesammelten und zum Theile auch schon durch den Druck bekannt ge- 
gebenen einschlägigen Materiales.*) 

') Von meinen bisher mit Bezug auf die steirische Volkskunde publiderten Arbeiten 
seien als die wesentlichsten hier genannt: «Sitten, Bräuche und Sagen der Deutschen». Band (V) 
«Steiermark» des Kronprinzenwerkes «Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild.»» 

— «Weihnachten im steirischen Hochlande.» Graz. Zeit. 1879, Nr. 293 — 299, und 1880, Nr. i — 3. 

— «Obersteirische Weihnachtsgebräuche.» Deutsche Zeit. 188 1, Nr. 3580. — «Nach Weihnacht 
im Oberlande.» Deutsche Zeit. 1881, Nr. 3587. — «Die Osterfcier im Oberlande.» Graz. Tages- 
post, 1882, Nr, 95, 96, 98. — «Das obersteirische Goneßspiel am Ostermontag.» Wiener Abend- 
post. 1880, Nr. 71, Beilage. — «Pfingsten im Oberlande.» Obersteirerblatt 1885, Nr. 21. — 
«Die Sonnenwendfeier in Steiermark.» Graz. Tagespost, 1887, Nr. 172. — «Die Sonnenwendfeier 
in der grünen Mark.» Graz. Wochenblatt, 1893, Nr. 25. — «Das Schiffsetzen.» Wiener Zeit. 

Zdtodmft fiir östcrr. Volkskunde. I. 5 



66 , Krainz, 

Infolge der rasch fortschreitenden Cultur und einer nicht selten 
mit blindem Eifer von der Schule aus ins Volk getragenen Aufklärung 
werden nebst abergläubischen Anschauungen und Meinungen leider 
auch interessante, erhaltenswerte Sitten und Volksgebräuche ausgerottet. 
Es macht, wie in andern IJindem auch in der Steiermark, zumal in den 
an Eisenbahnen gelegenen und mit Fabriksorten gesegneten Gegenden 
das Verschwinden des Volksthümliclien riesengroße Fortschritte. Infolge 
dessen dürften auch so manche der hier mitgetheilten Sitten und Bräuche, 
welche ich als noch bestehend angeführt, in Wirklichkeit nicht mehr 
geübt werden. Eine diesbezügliche Controle ist eben für den Autor 
häufig geradezu ein Ding der Unmöglichkeit, wenn er nicht seine For- 
schungen frischweg von vorne an wieder beginnen wollte. Im übrigen 
habe ich die Bemerkung gemacht, dass nicht selten einzelne Sitten, 
Bräuche, Spiele u. s. w. in Vergessenheit gerathen zu sein scheinen, was 
jedoch in Wirklichkeit nicht immer der Fall ist, da dieselben plötzlich 
wieder auftauchen, oft genug zur Verwunderung des Nachwuchses, der 
davon keine Kenntnis hatte. 

Die meisten Sitten und Bräuche knüpfen sich noch an die kirch- 
lichen Feste sowie an die wichtigsten Begebenheiten im Familienleben, 
und damit stehen im Zusammenhange auch zahlreiche Sagen und aber- 
gläubische Meinungen. Eine reichliche Lese in dieser Richtung bieten 
dem Forscher die 

Weihnachten. 

Da zeigt sich das Volksleben noch immer reich an auffallenden 
Erscheinungen und interessanten Zügen, und es malt uns gleichsam die 
Formen, in denen die Gemüths- und Gedankenwelt der Bewohner unseres 
Alpenlandes sich äußert. Die hohe Bedeutung der Feier, der passende 
Zeitpunkt, auf den selbe fallt — sowohl hinsichtlich der Versinnlichung 
des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, als auch seiner herkömm- 
lichen Wichtigkeit halber — der ausgedehnte Festcyklus mit seinen selt- 
samen Mythen und Sagen, aus alter Zeit herstammendem Aberglauben und 
Meinungen, — dies alles verleiht dem Weihnachtsfeste, wie es in der grünen 
Mark gefeiert wurde und noch gefeiert wird, einen ganz eigenen Reiz. Das 
Weihnachtsfest und mit ihm noch andere Festtage und Gelegenheiten 



1887, Nr. 4. — «Der St. Nikolaus- Abend in Obersteier.« Graz. Tagesiiost, 1888, Nr. 338 
ad 338. — uDer Samson-Umzug in Krakaudorf.» Graz. Tagespost, 1887, Beilage zu Nr. 207. 
— «Niederwelz und die Freiung auf dem Maximilians-Markte daselbst«. Graz. Zeit., 1877, Nr. 189, 
190» — ««Steirische Rechtsgebräuche. I. Grenzbegehungen oder Rainungen.» Graz. Tagespost, 1887, 
Beilage zu Nr. 309, 310; «II. Das Gmoanhalten und Richtersetzen.»» Graz. Tagespost, 1888, Bei- 
lage zu Nr, 218. — «Hochzeitsgebräuche in .Steiermark.»» Die Heimat, 1892. Nr. 36, 37. — 
«Steirische Hochzeitsgebräuche.« Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereines, 1889. — 
«Eine obersteirische Bauernhochzeit vor hundert Jahren.« Heimgarten, 1892 (XVI. Jahrgang), 
Nr. 6. — «Hochzeitsgebräuche in der Umgebung von Graz.« Abdruck aus der Monographie 
«Andritz und Umgebung» (Graz 1892). ~ «Alt stein sehe Trachten.» Sonderabdruck aus dem Grazer 
Wochenblatt 1891. 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. 5? 

zeigen, wie — nach P. K. Rosegger — der Steirer die Sitten der Vor- 
väter mit dem Cultus der Christen vereinigt, dass er nebst dem Sacramente 
auf dem Altare seine Hausgötter hat, die er feiert und denen er opfert 
durch alle Zeiten des Jahres und des Lebens. 
Weihnachten voran geht der 

Advent. 

Dieser beginnt mit dem vierten Sonntage vor dem Christtage und 
gilt als eine Vorfeier des Weihnachtsfestes, als eine Zeit, in der man sich 
durch fleißiges Beten, durch Fasten und sittsamen Lebenswandel auf die 
Ankunft des Erlösers vorbereiten soll. Allgemein verbreitet.«) 

In der Adventzeit ist der Himmel offen. Wem das Glück wohl 
will, kann in dieser Zeit manches erfahren, was sonst gewöhnlichen 
Menschen verborgen bleibt. Doch muss man sich darauf würdig vor- 
bereiten. (Aus Eisenerz.) *** 

Bezüglich der Witterung im Advent herrscht ziemlich allgemein 
der Glaube, dass, wenn das Wetter kalt und streng, es so dreimal sechs 
Wochen anhalten soll; dann wird ein gesegnetes Jahr. 

(Aus Eisenerz u. a. O.) *♦* 

In der Adventzeit soll man keine «Rorate>^ (Frühmesse) versäumen, 
auch wenn der Weg und das Wetter noch so schlecht sind. 

(Ebendaselbst.) ♦♦* 

Wenn die Haus- und Dienstleute am ersten Adventsonntage in 
die Rorate gehen, erhalten sie gewöhnlich ein besseres Frühstück als 
sonst. In den Gegenden des oberen Murthaies erhalten die Leute statt 
der gewöhnlichen « Schottsuppen ^^ einen Kaffee, sogenannten <rRorate- 
kaffee^. Im steirischen Mittellande gibt es eine eigene < Roratesuppe « . *** 

Im Hinterberg (d. i. das Thal zwischen dem Grimming und zwischen 
Aussee) und in manchen Gegenden des Ennsthales ist es Brauch, am 
ersten Adventsonntage eine Wurstmahlzeit abzuhalten; man nennt die 
hiebei verzehrten Würste <? Rorate wurste^.*) 

In vielen Gegenden des Oberlandes, z. B. zu Kallwang im Liesing- 
thale u. a. O. ist es Sitte, in der Adventzeit zwei Bildwerke oder (jemälde, 
darstellend den hl. Josef und die hl. Maria, ersteres von Jünglingen 
letzteres von Jungfrauen getragen und begleitet, von Haus zu Haus zu 
bringen; es geschieht dies die ganze Adventzeit hindurch. Jeden Tag 
werden die Bilder in ein anderes Haus gebracht, da wird alsdann gebetet 
und des Nachts über eine brennende Lampe davorgestellt. Am letzten 
Adventtage wird das betreffende Bild in das Haus eines Wohlhabenden 
gebracht und daselbst die Andacht mit einem Schmause beendet. *** 

Manchen Orts bestehet eine eigene Muttergottes-Bruderschaft, deren 
Mitglieder in der Adventzeit über eine Nacht das Bildnis der hl. Mutter- 
gottes bei sich beherbergen. In Eisenerz begeben sich der Träger des 

') Die hier mit **♦ bezeichneten Mittheilungen beruhen auf persönlichen Beobachtungen, 
beziehungsweise wurden dieselben direct aus dem Volksmunde übernommen. 
*) Ferd. Krauß, «Die eherne Mark.»» I. B. 

5* 



68 Krainz, 

Bildnisses und seine Begleiter zum Hause, in dem <die Muttergottes auf 
ihrer Reise nach Bethlehem über die Nacht Unterstand finden soll». Vor 
der Zimmerthüre der betreffenden Familie spricht der Träger: 

uSei gegrüsst, o guter Freund! 
Ich komme her in dieser kalten Winterszeit 
Und bitte dich, von heut auf morgen 
Der Mutter Gottes die Ehre zu versorgen !» 
Darauf wird von innen geantwortet: 

«Sei gegrüsst, Maria rein, 

Mit Freuden nehm' ich dich in meine Wohnung herein! 

Ich bitte dich vom Herzensgrund, 

Steh* mir bei in meiner letzten Stund!» *** 

In die Adventzeit fallt der Tag der hl. Lu c i a, das ist der 13. December. 
Im Sulmthale, besonders bei Gleinstätten, war es früher allgemein üblich 
und ist es noch in vereinzelten alten Häusern, am Vortage des Festes 
der hl. Lucia ungesäuerte Brote aus reinem Kukurutz-(Mais-)Mehl zu 
backen, sogenanntes «Luciabrot*. Dieses besteht aus kleinen, dünnen 
Laibchen und wird auf «nüchternem Magen» verzehrt. Dieser Brauch soll 
daher stammen, dass einst eine ganze Viehherde von einem wüthenden 
Hunde gebissen wurde, jedoch kein Stück Vieh dabei zugrunde gieng, 
weil die hl. Lucia dasselbe beschützt liatte. Die Heilige, welche sich nur 
von solchem ungesäuerten Brote aus türkischem Weizenmehle genährt 
haben soll, wird als Beschützerin gegen wüthende Hunde verehrt. Ihr 
zu Ehren backen nun die Leute solche Brote und verzehren es an diesem 
Tage.') 

Der wichtigste Tag in der Adventzeit ist der 21. December, und 
die zu diesem, vom 20. auf den 21. herüberleitende Nacht, die Thomas- 
nacht, gilt als eine <^Lös* oder Löß'lnacht», in welcher man durch allerlei 
gewisse Mittel die Zukunft befragen kann über Lebensglück und Unglück, 
sowie über die Lebensdauer, über Bräutigam und Braut, über Mädchen 
und Geliebten, über das Wetter im kommenden Jahre u. dgl. mehr. 

Die gewöhnlichen, auch allgemein verbreiteten Löß'larten in der 
Thomasnacht sind das < Blei-» oder < Eiergießen» und das < Zaunprügelzählen». 

Das Blei- oder Eier^eßen wird in der Regel nur von Mädchen 
vorgenommen, und geschieht ersteres auf die Weise, dass ein Stückchen 
Blei gewöhnlich in einem Löffel über dem Herdfeuer oder der Lampen- 
flamme zum Schmelzen gebracht und dann in ein Glas Wasser gegossen 
wird; beim < Eiergießen» nimmt man nur das Eiweiß (^Klar») und schüttet 
es ins Wasser. Aus den verschiedenen Formen, welche das Blei oder 
das Eiweiß im Wasser bildet, ^schließt man auf Glück oder Unglück, 
Leben oder Tod; ein Stern bedeutet Glück, ein Kreuz Unglück, eine 
männliche Figur Reichthum, eine weibliche hingegen Armuth, ein Schwert 
einen Soldaten zum Manne, ein Gewehr einen Jäger, ein Thier zeigt den 

Tod an U. S. W. (Aus Kallwang.) *** 

') Aufzeichnung des H. Pfarrers Anton Meixner nach Erzählung des H. Josef Pansi in 
Gleinstätten. 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. 6q 

Das iZaunprügelzählen» wird von der männlichen Jugend gern 
versucht. Zuerst bestimmt man sich eine Zahl, geht dann zu einem Zaune 
und zählt von einem beliebigen Punkte aus die selbst bestimmte Zahl der 
aufrecht stehenden Zaunprügel ab. Dieser ist nun das Conterfei der Zu- 
künftigen. Ist der Stock frisch und glatt, so bekommt man eine schöne 
junge Frau, ist er aber alt, knorrig und rauh, so kann man sich auf eine 
mit ähnlichen Eigenschaften behaftete Ehehälfte gefasst machen. 

Der scherzhaften Unterhaltung halber wird diese Lößlart oft von 
mehreren jungen Männern gemeinsam vorgenommen. 

(Aus dem Murboden.) *** 

In den an das Kärntnerland angrenzenden Gegenden von Ober- 
steiermark wandten die Mädchen, welche noch keinen Liebhaber hatten, 
ehemals gerne eine ganz seltsame Lößlart an. Sie entkleideten sich am 
Thomasabende vollständig ihres Gewandes und kehrten dann so, im 
nackten Zustande, nach rückwärts die Stube aus. Da sollte dann der 
Zukünftige zum Mädchen ins Zimmer kommen und sie um ein Stückchen 
Brot bitten.*) 

Wenn man in der Thomasnacht auf das Geklapper der Mühlen 
oder das Geräusch der Sägen genau achtet, kann man Zukünftiges er- 
fahren. Klingt dcis Klappern der Mühle oder das Schnarren der Bretter- 
säge hell, so geht Einem das, woran man eben gedacht, in angenehme 
Erfüllung ; klingt es dumpf und schaurig, steht dem Horcher oder einem 
seiner Liebsten «aus der Freundschaft» der Tod bevor. (Aus Kallwang.) ♦♦* 

Die eigentliche Weihnachtsfeier beginnt mit dem 

hl. Abend, 

auch Christabend genannt. Dieser wird in allen strenggläubigen 
Familien mit Fasten eingeleitet. Herrnleute wie auch die Dienstboten 
erhalten zu Mittag wen ig oder gar nichts zu essen mit der Aussicht auf 
ein desto reichlicheres Nachtmahl. *** 

Der hl. Abend ist eine <v Rauchnacht». In den meisten Gegenden 
Steiermarks, im oberen und unteren Murthale, im Liesing-, Enns- und 
Mürzthal, sowie in den Seitenthälern wird an diesem Abend das ganze 
Haus geräuchert und der böse Feind beschworen. 

Bei Anbruch der Dämmerung versehen sich der Bauer oder Haus- 
besitzer und ein männlicher Sprosse der Familie oder ein Knecht mit 
einem Kohlenbecken, mit Weihwasser und Sprengreisig. Ersterer trägt 
das Becken, aus welchem Weihrauchwolken emporqualmen, letzterer die 
beiden andern Gegenstände. Schweigend und ernst durchschreiten die 
Beiden alle Räume des Hauses, auch die Wirtschaftsgebäude und Stallungen. 
Alles, was da liegt und steht, die Menschen und Thiere, werden besprengt 
und beräuchert; häufig werden auch die Grundstücke umgangen und auf 
solche Weise eingesegnet. 



*) Nach Mittheilung des H. pens. Pfarrers J. Koffler in Stadl ob Murau. 



^Q Krainz, 

Damit soll gleichsam von allem Hab und Gut, von Menschen und 
Thieren der böse Geist fern gehalten und der Segen des Himmels darauf 
herabgefleht werden. 

Bei dieser Ceremonie hat man sich stille zu verhalten, kein leises 
Wörtchen darf dabei, selbst von allfallig Anwesenden nicht, gesprochen 
werden. Auch darf man dabei den Kopf nicht nach rückwärts wenden; 
denn um diese Zeit hat der Teufel freies Spiel. *** 

Im Kainachthaie, von Hitzendorf bis über Voitsberg, und auch 
anderwärts wird die Räucherung am hl. Abende (und auch am Sylvester- 
und hl. Dreikönigsabende) in folgender Weise vorgenommen. In der 
Dämmerung,, wenn schon das Feuer am Herde brennt, nimmt der Haus- 
vater eine Glühpfanne, legt in dieselbe glühende Kohlen vom Herde und 
darauf Weihrauch und Holz von Palmweiden, die am Palmsonntage ge- 
weiht worden. Die nächst angesehene Person der Familie oder des 
Hauses nimmt ein Gefäß mit Weihbrunnen, worin ein Tannen- oder 
Fichtenreis steckt. Während die übrigen Familienglieder in der Küche 
um den Herd oder in der Wohnstube um den Tisch versammelt bleiben 
und Gott um seinen Segen bitten, gehen der Hausvater und sein Begleiter 
mit der Glutpfanne und dem Weihwasser in alle Räume des Hauses, 
selbst in die Ställe und Scheunen, räuchern daselbst und besprengen alles 
mit dem Weihwasser. (Bei den Scheunen wird der Feuersgefahr wegen 
gewöhnlich nur über die Thürschwelle hineingeräuchert.) Haben Beide 
ihren Rundgang beendet, so kehren sie in die Küche zurück und schütten 
die Glut auf den Herd, wo sie ganz verbrennen muss, es darf keine 
einzige Kohle anders wohin verstreut oder sonst ausgelöscht werden. 
Während der Hausvater so die Glut in die Feuergrube schüttet, ent- 
blößen alle Anwesenden ihr Haupt und sehen mit ehrfurchtsvollem 
Schweigen dem Thun des Hausvaters zu; denn dadurch wurde das Feuer 
für das ganze Jahr geweiht, damit es < fromm und nicht schädlich werde .^) 

Die Räucherung am hl. Christabende wird nicht nur in den 
Häusern der Landleute, sondern auch vielfach in denen der bürgerlichen 
Bevölkerung kleinerer Städte und Märkte vorgenommen, z. B. in Ober- 
Wölz, Knittelfeld, Eisenerz u. dgl. *** 

Nach der Räucherung pflegt man allgemein vor einem Hausaltare, 
der sich fast in allen, namentlich älteren Wohnhäusern befindet, geweihte 
Kerzen anzuzünden, worauf dann von den gesammten Hausinsassen ge- 
meinschaftlich der Rosenkranz gebetet wird. *** 

Nach dem Rosenkranz wird das Nachtmahl eingenommen. In 
Familien, die am Althergebrachten hängen, pflegt man hiebei Brot, Butter, 
Honig, Nüsse, Apfel, Kietzen (gedörrte Birnen), Zwetschken und Brannt- 
wein aufzutischen, ein scheinbar frugales Mahl, das aber den genügsamen 
l^andleuten als ein großer Leckerbissen gilt; gerne vertröstet sich das 
Gesinde mit seinem Appetit vom Mittage her bei der Aussicht auf ein 
derartiges Weihnachtsmahl. Ist der letzte Bissen verzehrt, wird alles 

*) Aufzeichnung des H. Pfarrers Anton Meixner. Manuscript im steierm. Landesarchive. 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. » | 

zum Kirchgänge . hergerichtet v (bereitet), mit dem es aber noch eine gute 
Weile hat; bis dahin wird die Zeit mit Gebet und dem Singen sogenannter 
Krippenlieder, dann aber auch mit dem Erzählen von Sagen und Meinungen 
ausgefüllt. *** 

Die schöne Sitte des Aufstellens des Christbaumes kennt der am 
Althergebrachten hängende steirische Landmann nicht; man trifft selbe 
nur bei den gebildeten Ständen, doch hat sie bereits auch in den Häusern 
bescheidener Bürgersfamilien Eingang gefunden. Dagegen liebt man in 
einzelnen Bauernhäusern das Aufstellen von Krippenfiguren ; wo dies der 
Fall, brennt bis zur beendigten Christmette ein geweihtes Licht vor den- 
selben, und es werden die Andachten der Hausbewohner gemeinschaft- 
lich davor abgehalten. Übrigens finden sich wohl in allen Pfarr- und 
Klosterkirchen derartige Krippen-Darstellungen stets auf einem Seiten- 
altare aufgestellt ; sie versinnlichen nicht nur die Geburt Christi, sondern 
auch einige andere biblische, auf Christi Geburt folgende Begeben- 
heiten, z. B. die Anbetung der hl. drei Könige u. s. w. Vor diesen 
Krippen werden nun von den gutherzigen Leuten milde Gaben, als: 
Butter, Honig, Flachs, Eier, verschiedenes (Jebäck, selbst Brotlaibe, 
Schinken und Würste zum Opfer dargebracht, welches dann, je nach der 
althergebrachten Sitte, dem Pfarrherrn, dem Organisten oder dem Messner 
zutheil wird. *** 

Die Weihnachts- oder Krippenlieder, deren es eine Unzahl gibt,^) 
sind in der Regel urwüchsige Erzeugnisse schlichtderber Volkspoesie und 
stammen meist aus älterer Zeit. Die Melodien sind sehr einfach und 
ungekünstelt, und eben die Natürlichkeit verleiht diesen Gesängen einen 
wunderlieben Reiz. Nachfolgend sollen zur Probe einige Strophen eines 
solchen Weihnachtsliedes, das vor Jahren im Liesingthale, besonders in 
Kallwang, gerne gesungen wurde, hier mitgetheilt werden: 

I^sl's, lost's, liabi Buabna, i sog enk jrzt an (ispoaß! 

Als i heunt Nocht wullt schlofn im Bett, wirds ma recht hoaß; 

Is a fuiriga Schab {Bund Siroh) hergflogn, der hot mi recht daschreckt; 

I hon mei Hill gschwind außerzogn und schliaf dann inta d'Deck. 

Als i a Wal that schnöl'n {ziiiern) bamachia inta d'Hill, 

AVos wird er denn anstell'n? denk i ma in da Still, — 

Fangt er on zu gagaz'n (reden)^ is eam das Maul entleind {entUeri); 

Er that gar liabli gagaz*n: «d bin dei guata Freund.« 

Endli that i ihn frog'n: «Ha, Ketzer, sag, wer bist?» 

Aft'a thät er ma glei sog'n, doß er a Kreisbot ist; 

Hot an Busch 'n Briaf herzoagt, er mocht dodraus an G'sang. 

I han mi wull statt nachigreit: «Suldot'n wem*s fang.» 

Er hat mit Hända gaiblt, er schlagt mir bald ins Gfries {Gesicht)y 

I han ihn frei dahaiblt {durckgeprügeli\ dass d*Rock schier obizriess. 

Wia er mas recht deutsch daklärt, hon i jo wull brav glacht, 

Hat si mei Lau {Zorn) in Freid vakehrt, weil er die Botschaft bracht. 

Er sagt ma, dass gebum zu Bethlehem im Stall 



*) Siehe Dr. A. Schlossar: «Österreischische Cultur- und Literaturbilder.» Wien 1879, 
und «Deutsche Volkslieder aus Steiermark». Innsbruck 1881. [Grundlegend ist: K. Wein hold, 
Weihnachtsspiele und -Lieder aus Süddeutschland und Schlesien. Red.] 



72 



Krainz, 



Das Kind, das auserkuhrcn, uns zu dalösn all; 

Jnsa Gott war Voda, die Muatta Maria rein, 

Scppl hoaßt sei Gvater, beim Vieh drinn suUt'ns sein. 

Hirzt gehts na, meine Buabna, gehts, nehmts enk a Gspill, 

Mir geh'n flux hinunta, mir brauchen ja nit viel; 

I nimm halt mei Leier, dar LippI nimmt den Bass, 

Das Schneider! nimmt die Geign, vielleicht gfallt dem Kind das. 

u. s. w. . **♦ 

Sind Gebet und Gesang zu ende, so werden dann von den in der 
Stube versammelten Hausinsassen gewöhnlich auf die Weihnachtsfeier 
bezughabende Gespräche geführt und dabei die Geheimnisse der heiligen 
Nacht erörtert. Insbesondere wird hiebei von älteren I^euten auf die 
Weihe des Christabends hingewiesen. Wehe dem, der diesen durch 
schwere Arbeit oder gar durch eine schlechte That entheiligt; ihn trifft 
die Rache des Himmels, wenn er seine Frevel nicht sühnt durch Reue 
und Buße! Zahlreiche Sagen, wie die von der Christnachtschicht im 
Erzberge, vom Teufel als Gaisbock, von der eingebrannten Hand im 
Schlosse Neudau u. a., worüber seinerzeit an anderer Stelle der «Zeit- 
schrift» gehandelt werden soll, dienen zur Bekräftigung des Gesagten. 

*** 

Die Christnacht ist eine Los- und Löß'lnacht, u. zw. eine viel 
wichtigere als die Thomasnacht. Da werden die in der letzteren gebräuch- 
lichen Löß'larten nicht nur wiederholt, sondern auch neue Orakel befragt. 

Eine ganz eigenthümliche Löß'lart ist das «Hackbruckenschauen», 
welches noch hie und da in den Gegenden an der Mur, insbesondere am 
Murboden, in Übung ist. Die «Hackbrucken» ist ein der Länge nach 
durchsägter Holzhackstock, der mit der ebenen Fläche nach oben, mit der 
runden Seite aber nach unten gekehrt ist und auf vier hölzernen Füßen 
ruht. Dieses Hausgeräth wird fast in allen Häusern gefunden, wo es in 
einem Winkel des Vorhauses oder der Küche seinen Platz hat und als 
Unterlage beim Hacken von Fleisch, von Viehfutter u. dgl. dient. Hat 
man sich nebst einem sittlichen Lebenswandel in der Adventzeit durch 
Fasten und bestimmte Gebete vorbereitet, so kann man in der Christnacht 
während des ersten und letzten Schlages der Mitternachtsstunde die Zu- 
kunft erschauen, wenn man auf die obere Fläche der Hackbrücke blickt. 
Dieses Orakel wird insbesondere von den Mädchen gerne befragt. 

(Aus Knittelfeld.) *** 

Eine in den verschiedenen Gegenden des Landes beliebte Löß'lart 
ist das <' Scheitertragen», das von den Mägden und Knechten gerne vor- 
genommen wird. Man nimmt am hl. Abend aus dem Holzschlage auf 
geradewohl einen Arm voll Brennholz, trägt es in die Küche und zählt 
nun die einzelnen Holzstücke. Ist die Zahl eine gerade, so bedeutet es 
Glück, ist sie aber eine ungerade, so kommt Unglück über die betreffende 

Person. (Aus dem Wölzer-, Mur- und Liesingthale.) *** 

Bei Burschen ist an diesem Abende das «Schuhe- oder «Pantoffel- 
werfen» üblich, wobei der Lößelnde sich mit einem Schuh oder Stiefel, 
beziehungsweise Pantoffel in der Hand und mit dem Rücken gegen die 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. y ^ 

geöffnete Thür des Zimmers kehrt und die Fußbekleidung kopfüber zur 
Thür hinauswirft. Ist die Spitze des Schuhes nach einwärts gerichtet, so 
bleibt man bis zum nächsten Christabend im Hause; im entgegengesetzten 
Falle muss man bald aus dem Hause wandern. Bursche, die im kommenden 
Jahre zur Stellung kommen, wollen auf diese Weise erfahren, ob sie be- 
halten würden oder nicht. Bei Mädchen, wenn sie dieses Orakel befragen» 
bedeutet die Auswärtsrichtung des geworfenen Schuhes oder Pantoffels, 
dass sie noch binnen Jahresfrist unter die Haube kommen. 

(Aus dem Liesingthalc.) *** 

Auch sonst gibt es in der Christnacht eine Menge Mittel, um die 
Zukunft zu erfahren. Wenn man in der Mitternachtsstunde, genau zwischen 
dem ersten und letzten Schlage der Kirchthurmuhr, ins Waisser schaut, 
etwa in einen Brunnen, einen Teich oder auch nur in ein volles Wasser- 
schaff, so erblickt man im Spiegel des Wassers das Bild des oder der 

Zukünftigen. (Aus St. Gallen.) *** 

Wenn man in der Christnacht bei dem Schlage der Mittemachts- 
stunde rücklings aus dem Hause geht und dabei unverwandt auf das 
Dach des Hauses blickt, kann man auf diesem alles sehen, was sich im 
kommenden Jahre ereignen wird. Hiezu bedarf es aber gewisser Vor- 
bereitungen, und durch die ganze Adventzeit muss man bestimmte Gebete 
zur richtigen Zeit (was und welche wieder nur begnadete Personen, die 
ihr Geheimnis wohl behüten, wissen) und mit größter Andacht verrichtet 
haben; war man dabei nur einmal ein wenig zerstreut, so ist alles um- 
sonst, man sieht dann nichts. (Aus Kallwang.) *♦♦ 

Wenn man um Mitternacht den Kopf verkehrt zum Fenster hinaus- 
steckt, so dass er aufwärts schaut, so sieht man alle Häuser des Ortes 
und auf dem Giebel desjenigen, in welchem im nächsten Jahr jemand 
stirbt, eine Todtentruhe. 

Ein Halterbub probierte dies einmal, aber, o weh ! Er sah auf dem 
eigenen Hause, in. welchem niemand als er allein wohnte, den verhängnis- 
vollen Sarg. Darüber wurde er trübsinnig und siech, und bald hatte sich 
auch das prophetische Zeichen an ihm erfüllt; er starb wirklich, kaum 
dass noch der Frühling gekommen war.*) 

Will einer einen Todten sehen, so muss er den ganzen Advent 
hindurch bis Weihnachten einen Stuhl aus mehreren Holzgattungen an- 
fertigen, dann mit demselben in der Christnacht auf einen Kreuzgang 
gehen und darauf steigen. Dann sieht er alle Todten ohne Kopf. 

Wenn es am Christabende Ave Maria läutet, so laufen die Leute 
unter einen Zwetschkenbaum und beten; hören sie dann in der Scheune 
etwas poltern, so stirbt jemand. 

Wenn man um die eilfte Stunde der Christnacht auf dem Friedhofe 
unter einem Kreuze steht, so sieht man alle diejenigen, welche im Laufe 
des Jahres sterben. 2) (Fortseuung folgt.) 

*) Dr. Anton Schlossar: «Cultur- und Sittenbilder aus Steiermark.» Graz, 1885. 

*) P. K. Rosegger's «Ausgewählte Schriften». 4. Band (Das Volksleben in Steiermark) 188 1. 



74 



Hein, 



Hexenspiel. 

Ein salzburgisches Bauernstück. 

Herausgegeben von Dr. Wilhelm Hein. 

(Schluss.) * 

6i. Hex. 
Mutta tröst Dich nur 
das gibt schon die Natur, 
das ist der MäHer brauch 
ich habs erfahrn auch. 
Mein Man so tröst in Gott, 
solang ich Jung u Roht, 
solang ich Jung u frisch, 
hab ich inn erwischt 
aber hernach als ich das 19. Kind zur Weld gebracht, da hat mein Man 

Verdrus bekunn, 
u. am Leib auch abgenohmen 
zum Glück ging ich zur klugen Frau, 
u klagt ihr alles ganz genau, 
die Frau gab mir ein Mitl an, 
was ich sol thun mit meinen Man, 
Dises hat geholfen ich mus es Sagen, 
seit den hab ich nichtmer zuklagen. 

62. Beirin 
Liebe Mutta sag mir woll, 
was ich Dier geben soll, 
sag mir das Mitl an, 
was ich soll thun mit meinen Man 

63. Hex. 
Weil Du eine gute Beirin bist, 
u. mir etwas zu gebn versprichst, 
wil ich Dier eine Sach offenbam, 
die noch nie ein Mensch erfahrn, 

sobald Der Man in tifFen = Schlaf, so nim ein =^ Pahlwier Messer dazu, 
so störest Du in nicht in seiner Ruh 
Dan wierst Du Wunder sehn, 
weil Du mir guten Lohn hast geben. 

64. Bäurin 
(xott wol es Dier vergältn nim dise kleine Gab 
weil ich in disen Augenblik nichtsmer bei mir hab, 
ich wil nun gehn zu beten das mir das Werk gelüngt 
Das mir das Herz des Mans Und seiiie liebe wider bringt (Ab). 



Hcxcnspicl. 7 5 

63. Hex. 
I. 2. 3. 4- 5- ^- 7- ^• 
heint habi a guts Tag-werch gemacht 
O. dan wil ich lachn, 
was das Weib für a Gsicht thut machn, 
wan sie Rasiern geht 
u der Man von schlaf aufsteht, 
O dan will ich _ _ 

66. Bauer (tritt auf) 
Alti Muatta bleib in Ruh, 
u. sing mir an schlaf dazua. 

67 Hex. 
Ich hab nur Gott woln bitn, das er dich bewahr 
den dein leben steht in grosszer gfahr. 

68. Bauer 
wen du solst wissn drum 
so sag mir warum. 

69. Hex. 
So gib jezt acht was i Dier sag, 
Weil Dich Dein Weib nit leidn mag, 
sie will Dier wen Du schläfst = Den Kopf abschneiden 
dan kan sie genüssen mehr Weidliche Freidn 

70. Bauer 
Alti Du machest mir vor an Dunst an Blaun 
Du kanst selber auf Dein Graun Scheedl schau n. 

71. Hex 
Nun wegen mein, es geht mich zwar als nichts an, 
ich geh jezt auf u davon, (ab) 

72. Bauer (sitzt.) 
Jezt geh hin du Alti Zigeinerin, komt sie mir noch ins Haus, 
so schmeis is bei der Thier in Drek hinaus. 

73 Beirin (tritt auO 
Mein lieber Man was wilst du zu Essen. 

74. Bauer 
Das Essn war besser i Dat es vergesvsen, 
ich bin a so schon überfoU, 
das das ich gar nichtmer Essen soll. 

75. Beirin (setzt sich neben ihn, er rückt weg, sie ihm nach — uro den Tisch herum.) 

Man soll auf die Gesundheit schaun, ich will für Dich zum Arzte gehn 

der wierd es schon verstehn 

Sag mir nur wohin 

Du bekomst sogleich Die Medizim. 

76. Bauer. 
Mich kan kein Arzt kurrieren. 
Die Mitl mus ich noch selbst brobieren 



76 Hein, 

77. Weib 
Lieber Man was wilst du dan, 
oder hab ich Dier sonst was zu leit ^ethan, 
Weis Dier nicht recht ist sage mir. 
ja allen Willen volg ich Dir 

77. Bauer 
Von Schulkind bis zum Greis 

alles von uns zu Reden weis, 
will ich unter Die Leite gehn 
So glaubt man ein Wunder zusehn. 

78. Weib 
die Leite solman Reden lassen, 

Allen recht kan kan mans doch nie machn 

79. Bauer 
ohne Grund redet man nicht lang, 

das ist ein Alter Weiber Gsang 

ob aber Grund ist wil ich sehn 

das wierd die Nägste zukunpft Lehren. 

80 Weib 
Lieber Man ums Himls willen, 
wo sollen Deine Wort hinzillen 

81. Bauer 
Ja heite, nicht, Mogn sag is dier gern 

82 Weib. 
Lieber Man was hast Du im Sinn 

83 Bauer 

zu SChlafn weil ich Schläfrig bin — (Bauer legt sich auf den Boden und schläft scheinbar ein.) 

84. Weib (mit dem Messer) 
Ach Gott erbarme Dich Dise Nacht (setzt dem Bauer das Messer an den Hals) 

für meinen Man Gottes Engl Wacht. 

85. Bauer (erwacht und springt auf.) 

Verfluchtes Weib was magst du hier, 
weiche nicht kom her zu mir 
Befehl dein Seel u stürb als Cchrist, 

wen du noch fehig bist (sticht ihr einen federnden aus Holz verfertigten Dolch an die Brust). 

86 Beirin ifällt in die Knie) 
Ach Gott mein Man 
warum hast Du mir das gethan, 
ich bit Dier alles ab 
Weil ich Dich so geliebet hab; 
Maria kom zu meinen End 
Und nim mein Seel in Deine Hand (sinkt um und stirbt.) 



Hezenspiel. -j 7 

87. Bauer. 
Der Mord ist schon volbracht, 
aber Unheil ist noch nicht vol gemach 

Morder Morder von hier, 

Warte Weib ich folge Dier. (Ersticht sich selbst.) 

88 Hex. (tritt auf.) 
Hü, Hü, da is nir') fein 
da Schlafh ja Die Kinderlein, 
Schlaft, nur in sLser Ruh 

ich Dek Dich mit an — Schleier zu (breitet über die Leichen den Teppich.) 

je?t mein Bruder kom herbei 
Schau zu was ich im stände .sei, 
ich hof du wierst zufrieden sein 
u. mir Die Schuhe lifern ein 

89 Teifl (tritt auf mit langer Stange, woran Schuhe und Tabak.) 

Alte weich zurük u Riehre mich nicht an, 

ich selbst vor Dier erschrök u Dier nicht thrauen kan, 

du bragst die Sach zu stände die mir Unmöglich war 

Die Teifl magst zu schandn mich u. Die ganze Schar 

mein Fierst last dich grüszsen, u. Wünscht Dir fiU gesunde Jahr, 

er last für Dich ein eigens Zimer bauen, sonst bringst du die ganze Holl in Gfahr. 

Er schickt Dier seinen Schnupftuwak gewisz ausgezeichnet guat, (reicht ihr 

aus der Entfernung an der Stange den Tabak und die Schuhe.) 

wie in seine eigene Nase selber schnupfen thut, 

die Schuhe seind geschnitn, von Deiner Groszmuter Haut, 

die war vor villen Jahren wie Du auch meiile = Braut, 

nim hin dise Gaben, die redlich verdinest Du 

ich bitt wen ich kom in Verlegenheit, das ich kan sprächen zu. 

90. Hex 
Ja Ja mein Herr auf jeden fall, 
sprich nur zu, ein anders Mal 
solang mein Grauer Kopf hier fest steht 
das mir kein Sach verlohren geht, 
eine gute Nacht u. lebe Wohl 
u. Grüsz mir Deirien Fiersten erfurchtsfoll 
wart ich will dich begleiten, 
den hier kan^ warten auf böse Zeiten 
mit Dein Füsen mit die bloszen 
kontest Du dier Deiiie Kloh abstosn (Teufel und Hexe ab.) 

91. Beiatz (tritt auf). 
Jezt wierst ^a mir a a. amal sein, 
wen die ganze Weld aus stierbt, ist a ebas mein, 



*) verschrieben statt «das is mir». *) = kanst. 



78 He»"» 

wen die Mander verzweifln u. Weiber umbring-a 

da wern die Madl auf den Kirchweg den Buaman nach springa-, 

O Heirat Geist du heiliges Öhl 

man sol dich in ein Nacht Geschier thun u in vor den Vakn Stall stäln 

Dich soll man verstekn 

wie a Giftiges Kraut 

Ja ich werd dich bedekn 

mit a alta Weiba haut, 

aber ihab den Bratn schon gschmökt 

wen die Bäurin u das Alte Hexn Maul beinander war gstökt, 

wans mi wa ebas Ung-ang-a, 

hiati schon gwist w^as unfanga, 

ich hat ihr vor der Hauthier den Kräng umdraht, 

u hat ihr die Augn foU Pfeffa angstraht, 

O in mein Kopf wa verschidenes Drin, 

bald Walzer balt Polga u a Lump*) Maschin, 

so einer sagt der Dokter kumt selln einer her, 

aso schön lange Ohrn, u so a feins kehr. 

Ja euch Ehleitn mus schon a ebas sang 

wants a Wahrheit wölt wisn künt mi um Raht frang, 

i Dat Die Altn Weiber Vergiftn u. Den Hexna dati u^) Kopf abschlang. 

Die^ dat i ausbrechn u Die Zung ausreiszn 

u. als mitnander in Ohfn schmeisn, 

den Aschn dafon in Den Wind verstrein, 

dan werdet ihr in Ehstand Glücklich sein, 

isags nich thut mich nicht vergessen, was i önk hab aufgtrang, 

wen i mehr amal kim wer önk was andas sang 

92. Hex. (ist während der letzten Worte eingetreten.) 

Hab Dank hab Dank Her Prediger, 
für Deine hochgelehrte Cchristn lehr, 
für deine Honig siszsen Wort, 
ja wen der Mensch nicht geborn War, 
da käme kein Seel ins rechte Ort 

93. Beijatz 
schau schau 

Kömst schon wider du Alte zagl Frau, 

wen i. hat gwust das mein Bredig eine so vornehme Frau hört, 
so hiati no fill a. schöneri zama Studiert. 

94. Hex. 
Sie an Dein Lohn Der Dier gebiert 
den Neigebohrnen Schweifiehiert, 
trag in mit Dier ins Narn Haus, 
u. mach Dier a Neie Kapm Draus 

*) = Lungen. ') verschrieben statt «den». •) ausgelassen ist «zent» (Zähne). 



Hexenspiel. v g 

95 Beijatz 
O du Heilige Lehn 

jezt habi das rechte Muster von der Misgeburt gseng, 
das Gott Erbarm wa das a lebn, 
as wan der Schneida auf den Geisbok falt. 

96. Hex. 
halt Dein Goschn verfluchtes Afngsicht 
u. Reitze mich zu einen Zorn nicht, 
sonst') Du sehen meinen Gwalt 
Ich zereisze Dich du Esels Gstallt 

97. Bejatz 
Was Dem Schwein von hinten falt, 
u. was die Heen von Mist auskralt, 
auch hob den Esl den Scheif empohr, 
dan komt ein Altes Weib hervor 

98. Hex. 
Ich bin Dumer als^) 

das ich wegen den halb Narm so aufgebracht, 
unser Streit hat aufgehört 
aso a depp ist kein Antwort werbt. 

99 Beijaz 
O du Hochgnädige Vuchtl u. Wetterhex, 
du schmierst Dich an mit disen Vegs, 
Ich wils allen I^itn sagn, 
was du thust für Titl tragn, 
du Höllische Rindfleisch Supn 
Gschtwaun Ffeisch^) Pekl u MuUi Tudn 
du Ofngabl Besn Geister Vikar, 
Hexn Sabl, u Dokta kahtar 
du Trutn Fuasz 
u Asl Ruas, 
Fugs u Afn Braut, 
a Teifs Vut u Zigeiner Kraut. 
Wolkn Fuhrman u. Luft trabant. 
Blitz u Hagl Kuinidant 

O Du auswurf der Menschheit, du. h schände der Natur 
du Zirde der Hölle, du Belzebubs Hurr 

ach sei mir Doch Gnädig u. schau mich mit Deine Katzn Augn an. 
Ich hab Dier mein Lebtag zu leit nichts gethan 

100 Hex. 
Nun gut Nun Gut Du solst nicht nur die Katzn Augn 
sondern auch meine Kral anschaun. 

Ende 
geschribn den i April 1889. Rup. Wechselberg 

Gott sei Dank. 



*) ausgelassen ist ^ wirst'. *) ergänze '^wie die Nachts. ^) in der Variante ^Gstaunfleisch» 



gQ Kleine Mittheilungen. 

n. Kleine Mittheiluogeo« 



Bemalte TodtenschXdel aus Oberösterreich und Salzburg. 

Nach dem Vortrage des Herrn Prof. Dr. Emil Zuckerkandl. 
(Mit 4 Abbildungen.) 
Der Herr Vortragende, welcher über ein ziemlich reichhaltiges Demonstrationsmaterial 
aus den Sammlungen des k. k. anatomischen Institutes und des k. k. naturhistorischen Hofmuseums 
(zusammen 12 bemalte Schädel) verfügte, knüpfte in seinen Mitteilungen an die von der Ethnologie 
unter vielen tiefstehenden Völkern verbreitete Sitte des Schädelcultes') an, welcher mit dem 
Besitz des sorgfältig conservierten und häufig verzierten Craniums abergläubische Vorstellungen von 
Geisterschutz und medicinischer Wirksamkeit verbindet. Als einen abgeschwächten Überrest 
derartiger Schädelverehrung haben wir die in einigen Alpenländern verbreitete und bis auf den 
heutigen Tag erhaltene Sitte der Bemalung des Schädels verstorbener Angehörigen zur Auf- 
bewahrung im Beinhause aufzufassen. Redner fand diesen Brauch bei seinen zahlreichen Besuchen 
und Durchmusterungen der Beinhäuser in Oberösterreich und Salzburg häufig, vereinzelt in Kärnten 





^ 



Fig. 9. Bemalter Schädel aus Hallstatt. Fig. 10. Bemalter Schädel aus Hallstatt. 

Vorderansicht. Seitenansicht. 



und Steiermark, dagegen niemals in Tirol. Er bezeichnet es als wünschenswert, dass die geographische 
Verbreitung dieser Sitte — ähnlich wie bei den Leichenbrettern, einer verwandten Äußerung des 
Seelencultus — durch gemeinsame Erhebungen der Vereinsmitglieder festgelegt werde, — ein. Wunsch, 
der hiemit dem freundlichen Interesse unserer Leser angelegentlichst empfohlen sei. Wegen des 
geringen Fassungsraumes der meisten ländlichen Friedhöfe müssen etwa alle 8 — 10 Jahre Um- 
grabungen derselben erfolgen, wobei die bevorstehende Bloßlegung der Skelettheile den Angehörigen 
gewöhnlich angesagt wird, um für die Reinigung, Bergung und Beisetzung der Knochen im 
Beinhause Vorsorge treffen zu können. Bei diesem Anlasse wird dann manchmal der Schädel 
vom Ortstischler mit verschiedenartigen Zieraten und Emblemen bemalt. Am häufigsten ist der 
Blumen- oder Rosenkranz, der ganz in jenem Stile, wie er die Alpenniarterln, Leichenbretter u. s. w. 
kennzeichnet, gehalten ist. Ein häufiges Motiv ist auch die .Schlange, die sich um den Schädel 
windet und gewöhnlich aus einer Augenhöhle kriechend dargestellt wird. Redner fasst sie als 
Symbol des Todes, in Übereinstimmung mit der biblischen Symbolik. In anderen Fällen ist der 
Name des Verstorbenen in farbigen Buchstaben aufgemalt, oder wenigstens die Initialen des 
Namens. Die beigegebenen Abbildungen Fig. 9 — 12, welche drei bemalte Schädel aus dem Bein- 
haus von Hallstatt (im Besitz des k. k. naturhistorischen Hofmuseums zu Wien) darstellen, 
repräsentieren die erwähnten Decorationsarten. 

Einen eigenartigen Fall fand der Herr Vortragende in den Beinhäusern von Maria W ort h 
in Kärnten und A d r i a c h in Steiermark. In jedem dieser Karner fand sich ein Schädel, der gänzlich 
mit Nummern beschrieben war, die sich alle streng in der ZifFernreihe von I — 90 hielten. Es ist 

*) Siehe darüber R. Andree: Schädelcult. 



Kleine Mittheilungen. 



Öl 



dadurch höchst wahrscheinlich, dass es Lotterienummem sind, die man in abergläubischer Meinung 
auf den Schädel schreibt, in der Hoflfnung, dass sie dann gezogen werden. Diesen interessanten 
Schädel machte der Vortragende dem Verein für österreichische Volkskunde zum Geschenke. 



pm Anschluss an diese Mittheilungen erhielt die Redaction einige Bemerkungen von 
Mitgliedern, die hier im Anhang zur Veröffentlichung gelangen. Der Red.] 

Fräulein Marie Eysn in Salzburg: Ich sah bemalte Schädel in Eben au (Salzburg) 
mit einem Blätterkranz, der sich vorne auf der Stirn vereinigte und mit einer gemalten blauen 
Schleife zusammengehalten war, deren Enden rechts und links vom Nasenbein herabhiengen. 
Ahnliche fand ich in St. Koloma nn (Taugl), Salzburg. Auch Namen und Todestag findet man 
öfters aufgeschrieben. 





Fig. II. Bemalter Schädel aus Ilallstatt. Fig. 12. Bemaller Schädel aus Hallstatt. 

Herr Stud. phil. Fritz Minkus in Wien: Bezugnehmend auf die Bemerkung des 
Herrn Professors Dr. Zuckerkandl, er sei in Tirol nirgends der Sitte der 5>chädelbemalung 
begegnet, theile ich mit, dass ich trotz ziemlicher genauer Kenntnis speciell Nordtirols nur an einem 
einzigen Orte .Schädelbemalung gefunden hal)e, und zwar im Beinhause des Friedhofes zu Kössen, 
einem Dorfe in der Nähe von St. Johann (Tirol), woselbst sich, offenbar unter Einfluss des 
benachbarten Salzburgischen, eine groläe Menge hauptsächlich mit dem bekannten Schlangenmotiv, 
Blumen und Kränzen bemalter, mit Namen und Todesjahr des Verstorbenen und dem Aus- 
grabungsjahre bezeichneter Schädel befinden, von denen die spätesten die Jahreszahl 1894 tragen, 
ein Beweis, dass die Sitte der Schädelbemalung in Kössen nach wie vor in Übung steht. 

Herr Dr. Fr. \V. Roll ig: Die Beinhäuser, in welchen Schädel und Knochen auf- 
bewahrt werden, nennt man «Karner». Ein solcher befindet sich z. B. gegenwärtig noch in 
Gars bei Hom. In Wr.- Neustadt stand bis vor Kurzem ebenfalls einer. In Gars steht er 
zwischen Kirche und Friedhof und ist vollgefüllt mit Gebeinen. Bemalte Schädel finden sich 
dort jedoch keine. 

Die hl. drei Könige. 

Ein Volksspiel aus der Ödenburger Gegend.') 

Mitgetheilt von J. R. Bunker, Ödenburg. 

(Die drei Könige, welche sich nach der Einleitung eigentlich «Engel» nennen, treten angethan mit 

weißen Hemden, die über den Lenden durch Gurte aus starker Pappe, überklebt mit Gold- und 

') Mittheilungen, welche ethnographische Grenzgebiete betreflen, glauben wir von dieser 
Zeitschrift, welche sich allerdings in erster Linie mit der Volkskunde Österreichs befasst, nicht 
ausschließen zu dürfen. Wir gel)en den nachfolgenden Text eines Dreikönigsspieles umso lieber, 
als er sich in vieler Beziehung von bereits bekannt gemachten Texten unterscheidet. Man ver- 
gleiche diesbezüglich die von Aug. Hofer mitgetheilten Dreikönigslieder XLIII und XLIV. 
(17 Jahresber. des N.-Ö. Landes- Lehrersem. in W.-Neustadt 1889 — 90, p. 49 f.), sowie die voraus- 

Zeitschrift fiir österr. Volkskunde. I. O 



32 Kleine Mittbeilungen. 

Silberpapier, zusammengehalten werden, ein. Auf dem Kopfe trägt jeder eine zackige Krone aus 
mit Goldpapier überklebter Pappe. Sie stellen sich nebeneinander auf. Der in der Mitte stehende 
hält auf einer Streckschere einen sechsstrahligen Stern. Redtierend sagt nun als Einleitung 

jeder seinen Spruch.) 
Der Erste: 
Ich tritt herein ganz schneewerlweiß, 
Ich bin der Eng*l von Paradeis. 

Der Zweite: 
Ich bin der Eng*l von Silber und Gold, 
Dass ich Herrn und Fraun gefallen sollt. 

Der Dritte: 
Ich tritt herein ganz unbekannt, 
Die Sonn* hat mich so schwarz gebrannt, 
Drum bin ich der König von Morgenland. 

Der Erste (den Stern hebend): 
Kaschburthans bin ich genannt, 
Für mein Stern zur rechten Hand, 
Für mein Stern zum Namen Jesu Christ, 
Der aller Welt zur Heiland ist. 
(Nach dieser Einleitung oder Vorstellung folgt das zweistimmig gesungene Lied; die Melodie 
desselben wiederholt sich nach jeder zweiten Zeile.) 
Alle drei: 
Im Namen Gottes da fangen wir an. 
Die heiligen drei König' aus Morgenland. 

Sie ziehen daher in ganz schneller Reis' 
Von dreizehn Tage vierhundert Meil'n. 

Sie zieh'n vom Hemrodes sein Haus vorbei, 
Herodes schauet beim Fenster heraus, 
Herodes sprach mit falschem Sinn: 
«Meine lieb'n drei Herr'n, wo wollet ihr hin ? 
Meine lieb'n drei Herr'n, kehrt ein bei mir. 
Ich will Euch geb'n Wein und Bier, 

Ich will Euch geb'n Wildbrett und Fisch, 
Zeigt mir den neuen König gewiss.» 

Die heilig'n drei König*, sie thäten si' b'sinnen, 
Sie sag'n, sie müssen noch weiter herzu. 

Sie zieh'n wohl über den Berg herauf. (Der Stern wird gehoben.) 
Es scheinet der Stern wohl über dem Haus. 

Sie zieh'n wohl in das Haus hinein, 
Da fanden's Maria und 's Jesulein, 

Dabei ein Eselein, dabei ein Rind, 
Da hat uns Maria geboren ein Kind. 

Es heißet mit Nam': Herr Jesu Christ, 
Der aller Welt zur Heiland ist. (Knieen nieder.) 

Mir fallen gleich nieder auf unsere Knie 
Und tragen dem Kindlein das Opfer herfür. (Stehen auf.) 

Auf, auf, ihr Hirten, was schlaft ihr so lang? 
Die Nacht ist vergangen, es scheinet die Sonn'. (Der Stern wird gehoben.) 

Es scheinet die Sonne so heiter und rein, 
Derd aller Welt zur Heiland soll sein. 
Ei, wollt ihr was geben, so gebet uns bald, 
Mir müssen marschiren durch finsteren Wald, 



geschickten Bemerkungen über die N.-Ö. Dreikönigsspieie überhaupt (1. c. p. 9); über die st einsehen 
Entsprechungen wird Herr J. Krainz in der Fortsetzung seiner Arbeit: «Sitten, Bräuche und 
Meinungen etc.» handeln. Der Red. 



Kleine Mittheilungen. 3^ 

Durch finsteren Wald und finsteren Stall, 
AUwo sich Maria und Josef aufhält. 
(Dem Liede folgt zum Schlüsse der Abschied, wieder reciticrt.) 
Der Erste: 
Ich bin der Engel, i tritt voraus. 
Mein Gesang is jetzt wohl aus. 
Ich schieb die Riegl vor die Thür, 
Gott Vater mach* das heilige Kreuz darfür. 

Der Zweite: 
Ich hab' mein geistlich Spiel vollbracht, 
Drum wünsch ich Herrn und Fraun gute Nacht. 

Der Dritte: 
Ich hab* mein geistlich Spiel vollent, 
Drum küss* i Herrn und Fraun die Hand*. 
(Das Lied wird in der Schriftsprache gesungen, die Mundart schlägt jedoch sehr häufig durch. 
Die Sänger sind 13 — 15 jährige Knaben, welche diese Singspiele von einem Manne in Ödenburg 

gelernt haben.) 

Dem geistlichen Spiel wird meist noch ein anderes angefügt. Der Stemträger vertauscht 
dabei seinen Stern mit einem hölzernen Schwert, das mit rothem Papier umwunden ist, welches 
Blut vorstellt. Das Spiel heißt: 

Türken und Husar. 
Mitgetheilt von J. R. Bunker, Ödenburg. 
(Der mit dem Schwert Bewaffnete stellt sich als Husar den beiden Türken gegenüber.) 

Husar (ruft) : 
Ei lusti wohlan, Husaren, Husaren 
Sind ausgefahren 
Mit Stiefl und Sparen»). 
Nur ein Husar ist hier. 
In unsem Quartier. 
Kommt herein, ihr zwei Türken, 
Und kämpft mit mir. 

Die zwei Türken: 
Hier sind wir 
In unsem Quartier. 

Husar: 
(Für sich): Zwei, schwarz wie Teufeln. 
(Laut): Wollt ihr kein Pardon geben? 

Die zwei Türken: 
Nein, wir geben keinen Pardon, 
SolPs kosten unser Leben. 

Husar : 
Ich kann mich nicht schwer enthalten 
Und kunnt den Türken den Kopf zerspalten 
Und möcht' den Türken massacrieren 
Und den Kopf zenanderkliabn 
Auf tausend Stück, der Kopf soll unser sein. 
Ein Soldat hat nur Säb*l und Gewehr 
S'ist kein Aufenthar. 
(Während der Husar dies spricht, schlägt er dem einen auf die Brust; dieser sinkt ins Knie; 
dem andern schlägt er die Krone, die jetzt als Czako anzusehen ist, vom Kopfe; der sinkt und 
legt sich als todt auf den Rücken. Der Husar singt nun mit dem Knieenden das folgende Lied.) 

Lied: 
Ach Gott, wie geht's im Kriege zu, 
Was wird für Blut vergossen. 
Wie manch so reicher Unterthan 
Wird jetzt gemacht zum armen Mann 
I : Und manches Land zerstöret. : | 
'; Mehrzahl von «Sparn* = Sporn. 9* 



Sa Ethnographische Chronik aus Österreich. 

Stell* dich an, Geist, und schlag dorthin, 
Du lang verschuldeter Sünder, 
Bedenk', dass heißt in temproliern, 
Ihr stolzen Menschenkinder. 
Legt euren Stolz zur Bosheit an. 
Bedenkt, dass euch der Tod 
Im Grrab bei so viel Tausend Leichen 
Kein Unversühn erreiche. 

Hier liegt verwundet ein Kriegersmann, 
Ein Krieger auf der Erden. 
Ein fehlt der Fuß, 
Ein ist der Kopf zerspalten. 
Er möcht sich gern verbimden sein 
I : Und kann es leicht nit werden. : | 

Mit tausend Stunden und Schmerz und Ruh' 
Will er sein Blut gebunden zu, 
Er mocht von d'r Welt gern scheiden 
Und muss noch länger leiden. 
(Nachdem das Lied, das leider mehrere unverständliche Stellen enthält, beendet ist, schlägt der 
Husar mit seinem Schwert auf den Gurt des am Boden liegenden Türken und weckt ihn mit 

folgenden Worten.) 
Husar (ruft): 
Bruder, stand auf. 
Die Schlacht ist vorbei. 
Bekommst ein gutes Glas Wein 
Und Schanpanjen drein. 
(Die beiden Türken erheben sich, das Spiel ist beendet.) 

in. Ethnographische Chronik aus Österreich, 

1894—1895. 

Ein deutscher Altertumsverein. In der «Ostdeutschen Rundschau» vom 24. Febr. 
1895 ^s^ ^^^ Aufruf zur Bildung eines «Deutschen Altertumsvereines» auf deutsch-volk- 
licher Grundlage enthalten. 

Zur amtlichen Förderung der Volkskunde. Als eine erfreuliche Wirkung des unten 
(Seite 91) mitgetheilten hohen Erlasses des k. k. Ministeriums des Innern dürfen wir eine Action 
zu Gunsten der heimischen Volkskunde, die Herr Bezirkshauptmann Joh. Stück 1, ein Mitglied 
unseres Vereines, in Zell am See in*s Werk setzt, betrachten. Im «Amtsblatt der k. k. Bezirks- 
hauptmannschaft Zell am See» vom 9. März 1895 (II. Jahrg. Nr. 10) ist unter der Aufschrift 
«An alle Gemeinde- Vorstehungen, betreffend den Verein für österr. Volkskunde» die Aufforderung 
enthalten, «dem Verein als solchem, sowie den gehörig legitimierten Mitgliedern desselben nach 
jeder Richtung thunlichste Unterstützung angedeihen zu lassen, insbesonders aber die eigentümlichen 
Sitten und Gebräuche, an denen der Gau so reich ist. Sagen, Gesänge, Sprichwörter, Urkunden 
u. dgl. nach Thunlichkeit zu meiner Kenntnis zu bringen und besonders ältere Leute namhaft zu 
machen, die noch unter dem Einfluss der alten Anschauungen und Überlieferungen aufgewachsen 
und im Stande sind, ihre Erfahrungen und Erinnerungen mitzutheilen. Auch wären die Orte, wo 
äußere Zeichen des vergangenen Volkslebens, besonders Aufschreibungen, Inschriften, Einrichtungen, 
Geräthe, Bilder u. dgl. vorhanden sind, bekannt zu geben.» 

Der Verein ist für diese Aufforderung Herrn Bezirkshauptmann Joh. Stück 1 zu be- 
sonderem Dank verpflichtet und knüpft daran die Hoffnung, dass dieses Vorgehen, welchem ein 
schöner Erfolg beschieden sein möge, auch von anderen amtlichen Stellen befolgt werden wird. 

Hausindustrie In ISChl und Umgebung. Die volksthümlichen Hausindustrien unseres 
Alpengebietes — die letzten Ausläufer der technologischen Besonderheiten, welche alle Gebirgs- 
völker charakterisieren — sind in Folge des gesteigerten Veirkchrs von vollständiger Auflösung 
bedroht. Der HausfleiO der Frauen und Mädchen, welcher sich beispielsweise im Ausseer Ländchen , 
in Ischl und Umgebung, mit der Anfertigung von reizenden Hausaltardeckchen, prächtigen Alm- 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 85 

tuchem, selbstgeknüpften Fransen auf Bettbezügen so schöne Zeugnisse ausstellte, bedarf unter 
solchen Umständen ausdrücklicher Ermunterung und sachverständiger Pflege, um sich nicht zum 
Schaden der Volksentwicklung mehr und mehr zu verlieren. Zum Glück tindcn sich hier und dort 
einsichtige Persönlichkeiten, welche für die Erhaltung und zweckmäßige Weiterbildung alter volks- 
mäßiger Kunstübungen uneigennützige Sorge tragen. Für den Hausfleiß der weiblichen Bevölkerung 
von Ischl und Umgebung wirkt in diesem Sinne die Leiterin der Frauen- Erwerbschule in Ischl, 
Frl. Maria Spanitz in aufopferungsvoller Weise. In einem Aufsatz: «Die Haus-Industrie als 
Erwerbsquelle der Älplerin» (Beilage zu Nr. 5 des «Ischler Wochenblatt», i. Februar 1895), 
dessen Gedanken und Tendenzen vollständig in Einklang mit unseren von Prof. Dr. A. Riegl 
p. 6 dieser Zeitschrift gekennzeichneten Anschauungen stehen, befürwortet die verdienstvolle Ver- 
fasserin die Pflege der natürlichen Kunstfertigkeit und des Hausfleißes, welche die Alpenbewohnerin 
auszeichnet und «in denen ein mächtiges Erziehungsmittel, ein Segen der Familie, sowie ein nicht 
hoch genug anzuschlagender Factor zur Erreichung des Volkswohlstandes» zu erkennen ist. Zur 
kralligen Förderung dieser Bestrebungen hat sich in Ischl ein Verein gebildet, an dessen Spitze 
sich Herr Bezirkshauptmann Baron Aichelburg- Labia gestellt hat. Wir wünschen ihm eine 
gedeihliche Wirksamkeit. 

Hausforschung in Österreich. Der Verband deutscher Architekten- 
und Ingenieur -Vereine hat sich auf besondere Anregung des Herrn Geh. Rath Dr. A. 
Meitzen in Berlin zu einer allgemeinen Aufnahme der deutschen Hausformen — insbesondere des 
ländlichen Hauses — entschlossen. In Verfolgung dieser Aufgabe beabsichtigt der Wiener Ingenieur- 
und Architekten- Verein die einschlägigen Erhebungen für Österreich durchzuführen und tritt zu diesem 
Zwecke mit verwandte Bestrebungen verfolgenden Gesellschaften in Verbindung. Ein Circulär mit 
den Gesichtspunkten für die Sammlung des Materials steht jedem Interessenten zur Verfügung. 

Der Ausschuss der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, welche seit 
mehreren Jahren der Erforschung des Bauernhauses in der Monarchie ihre besondere Aufmerksamkeit 
zuwendet, einen diesbezüglichen Fragebogen ausgesendet, mehrere Untersuchimgen in verschiedenen 
Ländern veranlasst und in ihren Mittheilungen veröffentlicht hat, wird auch in diesem Jahre durch Sub- 
ventionierung von Hausbauforschungen die genannte Sache fördern. Im Auftrage der Anthropologischen 
Gesellschaft wird unser Ausschussrath, Herr Oberst i. R., Gustav Bancalari, eine Untersuchung 
der Typenschwankungen des volkstümlichen Hauses an den Nationalitäten-Grenzen des Alpen- 
gebietes und Herr Lehrer J. R. B ü n k e r die Erforschung der Hausformen an der steirisch-ungarischen 
Grenze vornehmen. Wir werden über den Erfolg dieser Arbeiten seinerzeit berichten. 

VoJIcsliedersammlüng in Westböhmen. Unser Mitglied Herr Dr. Michael 
Urban in Plan veranstaltet eine Sammlung deutscher Volkslieder in Westböhmen und erließ zu 
diesem Zweck in dem Wochenblatt «Deutsche Wacht an der Miesa», Nr. 142 vom 9. Februar 
1895 einen Aufruf an die Deutschen Westböhmens, «namentlich an die Herren Lehrer, alles, was 
sie als Volkslied erachten, so aufzuzeichnen, wie es der Volksmund singt und sagt». Diese Auf- 
sammlung, der wir besten Erfolg wünschen, ist umso dankenswerter, als in der vom «Verein für 
gemeinnützige Kenntnisse in Prag» jüngst herausgegebenen Sammlung von Volksliedern Deutsch- 
böhmens das westliche Böhmen keineswegs erschöpfend vertreten ist. 

Sammlung der volIcstUmlichen Oberlieferungen in Deutsch-Böhmen. Die 

Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und I-iteratur in Böhmen veranstaltet 
eine Aufsammlung der volkstümlichen Überlieferungen der deutsch-böhmischen Bevölkerung, welche 
sie in die Hände unseres Mitgliedes, des Herrn Univ.-Doc. Dr. Adolf Häuf fen gelegt hat. Dieser 
bewährte Fachmann hat im Juli 1894 Fragebogen zusammengestellt, die sich in ausführlicher 
Weise auf alle Gebiete der Volkskunde mit Ausnahme der Mundart und der physischen Anthro- 
pologie erstrecken. Dr. A. Hauffen eröffnete die Sammlung zunächst auf einem kleineren 
Gebiete, um die später umfassendere Thätigkeit nach den im Anfange gewonnenen Erfahrungen 
einzurichten, in den Bezirken Prachatitz und Schüttenhofen. Im Herbst 1894 wurde die Sammlung 
auch auf die Bezirke Friedland und Landskron erstreckt und allmälig ist die Durchforschung seither 
auf 16 deutsch-böhmische Bezirke ausgedehnt worden. Die reichste Ausbeute gieng bisher aus 
dem Böhmerwald ein, aus welchem zumeist Lehrpersonen eine Menge volkskundlichen Stoffes, 
von alten Hirten, Holzhauern, Bauern und Bäuerinnen erfragt, eingeliefert haben. In der nächsten 
Zeit soll die Vertheilung der Fragebogen in den südlichen und westlichen Schulbezirken vorge- 
nommen werden, während die nördlichen und östlichen Bezirke im Jahre 1896 zur Durchforschung 
gelangen werden. 



36 Literatur der Österreichischen Volkskunde. 

Öechische ethnographische Ausstellungen In Böhmen. In Turn au fand zu 
Beginn des Februar 1895 eine 6echische volkskundliche Ausstellung statt, in der besonders die 
Volkstrachten des Bezirkes, schöne Handstickereien der Frauen und Mädchen, eingelegte und 
bemalte Bauernmöbel u. s. w. bemerkenswert waren. Von den Stickereien allein waren über 
450 Stück vorhanden, die sich im Besitz des Tumauer städtischen Museums befinden und zur 
5echoslawischen Ausstellung nach Prag kommen werden. Auch eine Anzahl guter Modelle war 
von Interesse, wie das Modell eines Sägewerks und eines Dachstuhles. Ein alter Pflug, die merk- 
würdigen Tische der Dorfrichter, Gürtel, Spinnräder, femer Repräsentanten des alten Zierglas- 
Gewerbes von Tumau vervollständigten die volkstümliche Sammlung. Die Ausstellung war sehr 
gut besucht, was das lebhafte Interesse der Bevölkerung an der heimischen Volkskunde beweist. 
(V^stnik, II, Nr. 17.) 

Ebenfalls im Anfang des Februar 1895 wurde zi> Wodftan eine ähnliche Ausstellung 
abgehalten, auf welcher eine große Menge v<5n den bekannten Stickereien, femer über 150 Gold- 
und Silberhauben der Weiber zur Ansicht gebracht waren. Gelegentlich der Ausstellung wurde 
eine Anzahl nationaler Tänze mit den dazugehörigen Liedem in der Volkstracht abgehalten. Auch 
der Besuch dieser Ausstellung war ein höchst befriedigender. (VSstnik, II, Nr. 18.) 

Der Musealverein in Neu-Bidschow veranstaltete vom 2. bis 10. Februar d. J. 
eine volkskundliche Ausstellung, in der eine reiche Auswahl alter Stickereien, Gold- und Silber- 
hauben, Leibchen, Jacken, ferner eingelegte und bemalte Bauernschränke und -Truhen, bäuerliche 
Schmucksachen, alte Uhren und dgl. m., besonders aber eine vollständig eingerichtete Bauernstube 
von Interesse waren. (Vdstnik, II, Nr. 17.) 



IV. Literatur der österreichischen Volkskunde. 



1. Besprechungen. 
14. Dr. Wilhelm Hein: Die geographische Verbreitung der Todtenbretter. 

(Sonderabdruck aus Band XXIV [der neuen Folge Band XIV] der Mittheilungen der Anthro- 
pologischen Gesellschaft in Wien, S. 56 — 71), Wien 1894, 4®. 

Der Verfasser hat bereits vor einigen Jahren in dem Aufsatze cDie Todtenbretter im 
Böhmerwalde» (Mitth. der Anthrop. Ges. XXI, 85 — 100) die Ergebnisse eigener Wanderungen 
im Böhmerwalde, Mittheilungen dort ansäßiger Persönlichkeiten und verstreut gedruckte Berichte 
zu einer eingehenden Darstellung über die Verbreitung und die Gebrauchsweise der Todtenbretter 
(auch Leichbretter, Leichladen, Rechbretter genannt) in diesem Landstrich verwertet. Wir erfahren 
da Näheres über die Sitten beim Todesfall, über die Form, den malerischen (vielfach sinnbildlichen) 
Schmuck, die Reime der Inschriften auf Todtenbrettern und über die Abweichungen der Ver- 
wendungen in den verschiedenen Theilen des Böhmerwaldes. 

Die vorliegende anregende und belehrende Studie, die Nachträge und Berichtigungen zu 
dem älteren Aufsatz enthält, und wie dieser mit hübschen Abbildungen und einer Bibliographie 
über diesen Gegenstand versehen ist, liefert als neues Ergebnis fortgesetzten Sammeleifers eine 
Übersicht über die Verbreitung der Todtenbretter mit genauer Angabe der Grenzen. Damach ist 
dieser höchst beachtenswerte Seelencultus über ein weites Gebiet des bajuvarischcn Stammes verbreitet. 
Von der Oberpfalz im Norden an über die Donau herab bis ins Tirolische. Im Westen bildet 
der Lech die Grenze. Ferner im bayerischen Wald, in Salzburg, Oberösterreich, im Böhmerwald, 
in Westböhmen (Pilsen) und im nordöstlichen Winkel Böhmens (Braunau). Für Salzburg hat 
der Verfasser — eifrig in den Nachforschungen von Frl. Marie Eysn unterstützt — die genauesten 
Nachweise erbracht. 

Über die Sprüche und die Gedichte auf den Todtenbrettern wird man erst urtheilen 
können, bis eine größere Masse aus verschiedenen Landstrichen davon vorliegt. Kein Zw^eifel, 
dass sie sich auf einem Mischgebiet zwischen Volks- und Kunstpoesie bewegen. Vielfach sind 
sie von Geistlichen und Lehrern verfasst, die hiefür begreiflicher Weise von kirchlichen und 
weltlichen Erzeugnissen bekannter Dichter angeregt wurden. Diese künstlicheren Gedichte wurden 
in schlichter Weise nachgeahmt von Ungebildeten, die besonders in außerordentlichen Ereignissen 
für ihre nächsten Angehörigen oder im vorhinein für sich selbst Gedenkverse verfassten. Doch 
auch uralte volksthümliche von Ort zu Ort wandernde Spruchweisheit der Grabpoesie wird häufig 
für die Zwecke einer Todtenbrett-Inschrift verwertet oder umgemodelt. Es ist inzwischen ein 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 3? 

reichhaltiger Aufsatz von Otto Wieder über unseren Gegenstand erschienen («Todtenbretter im 
bayrischen Walde mit Berücksichtigung der Todtenbretter überhaupt». Zeitschrift für Cultur- 
geschichte, Band 2, S. 97 — 134), ein Aufsatz, der unter anderem zahlreiche hübsche Todtenbrett- 
sprüche mit vergleichenden Anmerkungen beibringt. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich einige kleine Nachrichten über die Verwendung von 
Todtenbrettern anschließen, die mir bei meiner Sammlung deutsch-böhmischer Volksüberlieferungen 
bisher zugekommen sind. Herr Lehrer Josef Schramek im Stubenbach im nördlichen Böhmerwald 
schreibt mir: «Nachdem des Todtengräbers Weib den Leichnam gewaschen und umgezogen hat, 
wird er in einer Kammer auf einem Brette (das auf zwei Stühlen oder einer Bank aufliegt) auf- 
gebahrt. Das ist das Todtenbrett, das später auf dem Wege zum Friedhof hingelegt 
oder hingestellt wird und in der Gegend von Stubenbach keinerlei Aufschriften trägt. Dem auf 
dem Brette liegenden Todten gibt man ein Crucilix, ein Heiligenbild oder einen Rosenkranz in die 
Hände und ein Vierkreuzerstück auf die Augen, doch nur um sie zu schließen, nicht etwa , auf 
den Weg*. Dieses Vierkreuzerstück erhält der erste Bettler, der nach der Einsargung ins Haus 
kommt.» Herr Lehrer Andrea^ LöfTelmann in Eisenstein schreibt: «Die Aufbahrung findet bei 
Ärmeren auf einem Leichenbrette über zwei Stühlen, bei Reicheren im Bette statt. Der 
Todte erhält zumeist einen Rosenkranz in die Hand. Nach der Beerdigung werden in das 
Leichenbrett drei Kreuze geritzt; sodann wird es an einer belebten Straße an ein Wegkreuz 
gelehnt oder daneben aufgestellt, in letzterem Falle auch mit einer Inschrift versehen.» Herr 
cand. jur. Anton Kahler in Weckersdorf bei Braunau schreibt: «Die Sitte der Leichenbretter 
wird in der Umgebung von Braunau bald ganz verschwinden. Früher musste man den Sarg erst 
beim Tischler t)estellen und inzwischen, bis er fertig wurde, legte man die Leiche auf ein Brett. 
Jetzt, da in Braunau zwei Leichenbestattungsanstalten bestehen, ist der Sarg schon fertig zu haben 
und rasch herbeizuschaffen. Die Verwendung von Leichenbrettem findet man daher jetzt nur 
noch bei solchen Personen, die ohne Vermittlung der städtischen Anstalten beerdigt werden. Die 
Leichenbretter werden nach dem Begräbnis mit drei vertical übereinander stehenden Kreuzen und 
dazwischen mit dem Namen und den Daten des Verstorbenen (in Fractur oder Antiqua) versehen. 
Gedichte enthalten sie nie, höchstens einen kurzer Spruch wie ,Ruhe sanft!' Die Schriftseite ist 
glatt gehobelt, doch ohne Anstrich oder bildlichen Schmuck. Die Leichenbretter werden auf Fuß- 
steigen, besonders auf dem Wege zur Kirche, meist über Gräben, gelegt. Unter dem Einflüsse 
von Regen und Schmutz schwindet bald die Schrift, so dass der Uneingeweihte nicht vermuthen 
würde, dass er über ein Leichenbrett geht.» 

Hein hat, was sehr erfreulich ist, die Absicht, diese Studien nachdrücklich fortzusetzen, in 
der Hoffnung, einmal entscheidende Schlüsse auf ethnologische Verhältnisse daraus folgern zu können. 
Gerade auf einem Gebiete, wie der Böhmerwald, dessen Besiedlungsgeschichte vielfach unerforscht ist, 
muss jedes Mittel, das zur Erhellung dienen kann, dankbar begrüßt werden. Es ist sicher, dass 
eine umfassende, auf einer möglichst großen Stoffsammlung beruhende Arbeit über die Todtenbretter, 
deren Ursprung wir im Heidenthum werden suchen müssen, für wichtige Fragen der Ethnographie, 
Mythologie und Geschichte sich überaus fruchtbar gestalten wird. Dr. A. Hauffen. 

16. Umlauft Prof. Dr. Friedrich; Namenbuch der Stadt Wien. Wien. Pest. 
Leipzig. A. Hartlebens Verlag, 1895. ^^' 206 S. Preis geheftet 2 fl., elegant gebunden 2 fl. 50 kr. 

Ein Buch, das zu jeder Zeit sehr willkommen wäre, nun aber, nach der großen Straßen- 
umtaufe des vorigen Jahres, ganz besonders erwünscht ist. Der Verfasser beginnt mit einem Excurs 
über die Namen Vindobona und Wien, in welchem die alten und die neuen Ansichten über 
die Entstehung derselben kurz dargelegt werden. Am annehmbarsten erscheint ihm die Deutung 
Grienbergers, wonach zwischen Vindobona und Wien gar kein sprachlicher Zusammenhang besteht, 
das kellische Vindobona die Bedeutung «Lichtenschlag» oder «Lichtenfeld» hat, Wien dagegen, 
von dem Flüsschen auf die Stadt übertragen, slawischen Ursprungs ist Hierauf gibt er ein Ver- 
zeichnis der ältesten Straßennamen der Stadt mit dem Datum ihres ersten urkundlichen Auftretens. 
Dann folgt eine Zusammenstellung der älteren Straßennamen der inneren Stadt, geordnet nach 
ihrem Bezeichnungsgrunde (nach Feilschaften, Handwerken und Gewerben, Lage, örtlicher 
Beschaffenheit, Gebäuden, Monumenten, Steinbildern, Hausschildern, nach Bürger- und Adels- 
geschlechtem, nach besonderen Ereignissen und Eigenheiten). Hieran schließt sich eine Erklärung 
der Namen der alten Vorstädte und der ehemaligen Vororte, und endlich werden die neuen 
Straßennamen von 1862 und 1894 nach bestimmten Gruppen übersichtlich vorgeführt. Dies alles 



gg Literatur der österreichischen Volkskunde. 

ist Einleitung und umfasst nur 28 Seiten, den Haupttheil bildet ein alphabetisch geordnetes Verzeichnis 
der Localnamcn in sämmtlichen 19 Bezirken Wiens, und zwar sowohl der heutigen, wie der ehemaligen, 
heute nicht mehr bestehenden. Den meisten Namen ist eine kurze Erklärung beigefügt; wo dies 
nicht der Fall ist, gelang es dem Verfasser nicht, eine Deutung des Namens zu finden ; doch ist 
die Zahl der unerklärt gebliebenen Bezeichnungen sehr gering, im ersten Bezirk sind alle Namen 
erklärt, von den Straßen, Plätzen etc. der übrigen 18 Bezirke die weitaus überragende Mehrzahl. 
Der Verfasser nimmt Gelegenheit sich ül)er die Principien der letzten großen Straßen- 
benennung auszusprechen: mit Recht ist er voll Lobes über sie, sie bedeutet gegenüber der von 
1862 einen entschiedenen Fortschritt. Doch auch diesmal ist einiges Unbegreifliche geschehen. 
Was soll z.B. die Schopenhauerstraße im XVIII. Bezirke? Sie erinnert an die Kant-, Fichte-, 
Schelling-, Hegelgassen von 1862: auf solche Namen sollte man nicht verfallen, so lange noch 
locale Bezeichnungen zur Verfügung stehen. Um beim 18. Bezirke zu bleiben; die Namen Berg- 
hofgasse, Am luckichten Stein, zum Biersack, vom Ref. in einem Feuilleton der «Wiener Zeitung» 
(6. Jänner 1892) vorgeschlagen, wurden nicht benützt. Ferner im IV. Bezirke wurde die alte 
Hungelbrunngasse gänzlich entfernt und in Schönburggasse umgewandelt! Sollte das Unglaubliche 
wahr sein, dass diese Umänderung bloß deshalb erfolgt sei, weil einem vornehmen Hausbesitzer 
dieser Straße der alte Name nicht geffel? — Zum Schluss noch ein frommer Wunsch. In Brunn 
sind in den Straßen, die nach verdienten Persönlichkeiten benannt sind, Tafeln angebracht, die 
sagen, warum die Straße diesen Namen trägt. Eine Menge von Straßennamen in Wien bedürfen 
der Erklärung, für das Volk sowohl wie für den Gebildeten; sie sollten auf solchen Tafeln 
gegeben werden; das wäre Volkspädagogik im besten Sinne. Es müssten ja nicht mit einem 
Schlage alle Tafeln angebracht werden, man werfe jedes Jahr eine kleine Summe dafür aus und 
in zwanzig Jahren wird man in Wien einen großen Theil seiner Geschichte von den Mauern 
ablesen können. Prof. Dr. Eugen Guglia. 

16. J. Eigl: Die Salzburger RauchhSuser und dfe bauliche Entwidmung 
der Feuerungs- Anlagen am Salzburger Bauernhause. [Separat- Abdruck aus den Mit- 
theilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Nr. 4. 1894. S. [165] — [168]. (Zweite 
Gemeinsame Versammlung der Deutschen und der Wiener anthropol. Gesellschaft in Innsbruck.)] 

Der Verfasser stellt sechs Typen von Feuerungs- Anlagen fest: 1. das Rauchhaus primi- 
tivster Art, in welchem das offene Herdfeuer in irgend einem Hauptraume ohne künstliche Rauch- 
ableitung brennt (Alm- und llolzknechthütten) ; 2. das Rauchhaus mit Herd im «Hause» (Flur, 
Mittelraum) ohne Rauchschlot (im «Vorlande», d. h. im Flach- und Hügellande gebräuchlich); 
3. das Rauch haus mit unter Dach endendem Rauch schlot, bei welchem der Herd in der Regel 
bereits in einen eigenen Raum, die Küche, verlegt ist; 4. das Haus mit Rauchableitung über das 
Dach hinaus vermittelst eines Holzschlotes (im Vorlande sehr selten; fast nur im Gebirge); 5. das 
Haus mit gemauertem Schlot (Schornstein) und endlich 6. neuere Feuerungs- Anlagen. 

Als Hauptmerkmal kann festgehalten werden, dass der «Vorlandtypus» dem Gebirgs- 
(Pinzgauer) Hause gegenüber die ältere Entwicklungsstufe darstellt, die sich nicht nur in der 
Feuerungs-Anlage (im Fehlen einer eigenen Küche), sondern auch in der Hofanlage verräth; das 
Haus im Flachgau vereinigt Wohn- und Wirtschaftsräume unter einem Dach, ist also nach 
Bancalari ein «Einheitshaus» oder zeigt nach Zillner die «vereinte Bauart>, während in den 
Gebirgsgauen (Pinzgau, Pongau) die «Gruppenhof-Anlage» vorherrscht. Selbst wenn das Vorlandhaus 
einen Schornstein besitzt, der theilweise auf dem BLauchmantel («Feuerhut») und zugleich theilweise 
auf dem Feuerboden selbst aufgemauert ist (eine für das Vorlandhaus typische Schlotanlage), so 
bleibt die Anlage für Feuerungen selbst (des Herdes und der Öien) die im Flachgau allgemein 
übliche. Es ist gewiss eine bemerkenswerte Erscheinung, dass sich im flachen Lande die ältere 
Bauart bis heute erhalten hat. Dr. W. Hein. 

17. Julius Wisnar: Das Neujahr. Eine folkloristische Plauderei. Znaim 1895. 
Foumier Sc Haberler. (Karl Bomemann.) 8®. 48 S. 

Herr Professor Wisnar stellt in diesem Büchlein auf Grund eines ziemlich eingehenden 
Literaturstudiums, das sich freilich manchmal auf Autoritäten zweiten oder dritten Ranges — ich 
nenne nur Hellwald — stützt, die Neujahrsgebräuche bei verschiedenen Völkern zusammen. Da 
der Verfasser seine Studie eine «Plauderei» nennt, so können ihm die Zunftgclehrten naturgemäß 
nichts anhaben; denn für solche schreibt man eben keine Plauderei. Abgesehen davon möchte 
ich aber doch bemerken, dass der Begriff «Neujahr» in der Volkskunde kein kalendermäßig fest- 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 89 

zulegender ist, dass er vielmehr mit dem ganzen Zeiträume von der Wintersonnenwende bis zur 
Frühlings - Tag- und Nachtgleiche und sogar darüber hinaus zusammenfallt, was sich aus der 
Wesensgleichheit der Gebräuche in dieser Zeit bei den verschiedensten Völkern — auch bei den 
Indianern Nordamerikas — ergibt. Wenn also das «Neujahr» einer volkskundlichen Untersuchung 
zu Grunde gelegt werden soll, müssen auch die Ostergebräuche als wesensgleich herangezogen werden. 
Um nur dn Beispiel anzuführen, verweise ich auf die Stelle: «Die Mädchen schlagen oder, wie 
es heisst, »pfeffern* an diesem Tage in Baiem die Knaben mit Gerten und stellen an sie die 
Frage: »Schmeckt das neue Jahr gut?* Die Knaben haben dasselbe schon vor Neujahr gethan.» 
(S. 29.) Der Vergleich mit dem häutig anzutreffenden «Schmeckostem» liegt hier ungemein nahe ; 
man vergleiche z. B. bei Knothe (Wörterbuch der schlesischen Mundart in Nordböhmen, S. 129 
s. V. «pfeffern») die Bemerkung über das Schlagen mit Wachholderruten, eine schwäbische Sitte 
am Unschuldigenkindertage, und die daran geschlossene Vergleichung mit dem bayrischen «Fitzeln», 
sowie ebenfalls bei Knothe den Artikel über «Schmeckostem» (a. a. O. S. 482). Femer spricht 
Sepp (Internationale Hochzeits-, Tauf- und Todtengebräuche, (S. 102) über das «Auf kindein oder 
Fitzeln am Pfeffertag». Ein anderer Ausdruck für «Fitzeln» (das vermuthlich mit «Fut» zusammen- 
hängt) ist «nussen». Da die Nuss mit ihrem Kerne Sinnbild der Mutter ist, der Wachholder 
aber als kinderbringende I^ebensrute (juveniperus) verwendet wird (vgl. Höfler, Wald- und Baum- 
kult, S. 115), so haben wir in diesem Brauch, der nur von unverheirateten Burschen und Mädchen 
geübt wird, einen Hinweis auf die befruchtende Wirkung, welche die aufsteigende Sonne auf alle 
Wesen übt. Dieser Brauch ist aber nicht, wie Knothe (a. a. O. S. 482) meint, ganz deutsch, 
sondern ist auch bei den Slawen üblich (vgl. unter Anderen Ewald Müller, Das Wendenthum in 
der Niederlausitz, S. 145); übrigens dürfte das Wort «schmeckostem», das ein Beispiel von Volks- 
etymologie bildet, aus dem Slawischen entlehnt sein, wie Knothe selbst vermuthet. Hieher gehört 
auch das «Schöntrinken», welches die Burschen im Egerlande zu Neujahr für die Mädchen bezahlen, 
und das «Starktrinken», welches am Dreikönigstage die* Mädchen den Burschen veranstalten 
(Wisnar, S. 39). Auch der «Julblock» und der Weihnachtsbaum, der sein Analogon im Maibaum hat, 
stehen mit den eben behandelten Vorstellungen im engsten Zusammenhange und verdienen keines- 
wegs als Gefährten des Aberglaubens behandelt zu werden (vgl. Mannhardt, Wald- und Baumkult). 

Sehr ansprechend schildert der Verfasser die Neujahrsbräuche, wenn man sie mit diesem 
unrichtigen Namen schon belegen will, bei den alten Germanen und Slawen, wie auch den Einfluss 
des Christenthums auf dieselben (S. 8 — 12); die letzten Seiten (34 — 43) sind den Völkern Öster- 
reichs gewidmet, bei welchen dem Verfasser besonders auffallt, dass auch sie zum Theile, so wie 
die Engländer und Andere, das «Schweinsrüsselessen» am Neujahrstage üben, um Glück zu haben. 
Es muss jedoch bemerkt werden, dass hier das Schwein nicht als «Thier von guter Vorbedeutung» 
im allgemeinen (wie der Verfasser meint) aufzufassen ist, sondern ebenfalls wie die früher erwähnten 
Bräuche (Fitzeln, Schmeckostem, Julblock) als Symbol der Fruchtbarkeit: der Eber war der 
Sonne geweiht ; zur Zeit der Winter- und der Sommersonnenwende wurde der Sühneber geopfert. 
Adolph Schlieben schreibt (Das Schwein, Wiesbaden, S. 30): «Der wirkliche Eber wurde am 
Julfeste durch ein Gebäck von Kuchen in Form eines Ebers nachgebildet, welches Juleback hieß. 
Nach einiger Zeit wurde es zerrieben und unter das Saatgetreide gemischt oder den Pferden über 
das Futter gestreut und sollte befruchtend und nährend wirken.» (Wisnar selbst spricht auf 
S. 9 vom Schweine als Attribut des Gottes der Fruchtbarkeit.) Deshalb wird ja noch heute bei 
Hochzeiten in manchen hessischen Dörfern ein mit Rosmarin bekränzter Schweinskopf in 
feierlichem Aufzuge umhergetragen; der Eberkopf wurde selbst auch mit Ruten (vgl. das Fitzeln) 
geschlagen (Schlieben a. a. O. S. 22 u. 23). Es ließe sich noch ungemein viel beibringen, um 
den Nachweis zu führen, dass die sämmtlichen Bräuche in der Zeit von der Winter- bis zur 
Sommersonnenwende im Wesen zusammengehören und die befruchtende Wirkung der aufsteigenden 
Sonne versinnbildlichen. 

Die Zusammenstellung, die Herr Professor Wisnar in dem besprochenen Büchlein gegeben 
hat, liefert dazu ein gutes Material; nur Schade, dass der Verfasser die Literaturangaben nur auf 
die Automamen beschränkt. Ein Verzeichnis der benützten Werke am Schlüsse wäre sehr wün- 
schenswert gewesen. Auch die Übersetzung des polnischen Spruches auf S. 23 wird von Lesern, 
die irgend einer slawischen Sprache nicht mächtig sind, vermisst. Dr. Wilh. Hein. 

18. J. Vyhiidal: Slezski svatba (Die schlesische Hochzeit). Aus der Siezski 
kronika (c Schlesischen Chronik») für das Jahr 1894, Nr. 8 und 9. Troppau, Verlag von Dr. Fr. 
Slima. 83 pp. 8®. 



QO Literatur, der österreichischen Volkskunde. 

Das ohne lange Erörterungen, theilweise in volksthümlichem Dialect geschriebene Büchlein 
umfasst 14 Capitel, in deren jedem die Liedertexte (beziehungsweise nur die ersten Zeilen) an- 
geführt sind, welche in dem betreffenden Abschnitt der Hochzeitsceremonien zur Verwendung 
gelangen. Der Titel ist etwas irreführend: die Hochzeitsgebräuche der schlesischen Slawen 
sind es allein, die hier ihre Schilderung ünden. Ihre enge Verwandtschaft mit den westslawischen 
Hochzeitsformen überhaupt springt in die Augen: die Trennung der Hochzeitsgesellschaft nach 
dem Anhang des Bräutigams und der Braut in den ersten Einleitungsacten der Hochzeit, die 
feierliche Bitte um Verzeihung, welche Bräutigam und Braut vor der Hochzeit an ihre Eltern 
richten, die mehrmalige Vertauschung der Braut und manche andere Züge erinnern an allgemein 
slawische Formen (vgl. den Aufsatz: c Walachische Hochzeit in Polanka» von Josef V 41 ek im 
Vöstnik L und die S. 18 f. dieser Zeitschrift von Dr. J. Karäsek angezeigten Schriften). 

Dr. M. Haberlandt. 



V. Vereinsnachrichten. 
I. Chronik. 

1. Zweite Ausschussitzung am 16. Februar. 

Vorsitzender: Der Präsident Se. Excellenz Dr. P. Freiherr Gautsch von 
Frankenthurn. 

Protocollführcr : Dr. R. Sieger. 

Anwesende: Präsident Frh. v. Gautsch, Vicepräsident Josef AI. Frh. v. Helfert, die 
Herren : J. Botstiber, Dr. S. Feßler, F. Größl, Dr. M. Haberlandt, Hofrath Dr. W. R. v. Hartel, 
Dr. W. Hein, Dr. M. Hömes, Hofrath Dr. V. Jagi<*, Dr. K. Masner, Professor Dr. A. Riegl, 
Chorherr J. Schindler, Dr. R. Sieger, Prof. Dr. v. Wieser. 

Ihre Abwesenheit hatten entschuldigt die Herren Frh. v. Andrian, Reg.-R. Dr. A. Ilg, 
Hofrath v. Zeißberg. 

1. Der Herr Präsident dankt in seiner Begrüßungsansprache dem Ersten Herrn Vice- 
präsidenten Josef Frh. v. Helfert für seine bisherige Mühewaltung bei der Leitung des Vereins 
und berichtet über seine Audienz bei Sr. k. u. k. Hoheit, dem durchlauchtigsten Herrn Protector 
des Vereines. 

2. Der Ausschuss beschließt, sämmtliche Beiträge für die Zeitschrift für österreichische 
Volkskunde mit dem Satz von 20 fl. per Druckbogen zu honoriren. 

3. Dem Präsidium wird die Vollmacht zur Versendung der zweiten Auflage des Aufrufes, 
sowie die Ermächtigung ertheilt, jene Maßregeln zu ergreifen, welche zur möglichsten Verbreitung 
der Vereinszwecke entsprechend erscheinen. 

4. Namens des Subcomitis für die Organisation des Vereins legt der Schriftführer die 
im 2. Hefte, p. 62, mitgetheilten Anträge vor. 

5. Auf Einladung des Herrn Präsidenten entwickelt hierauf Herr Ausschussrath Prof. 
Dr. Fr. R. v. W i e s e r (Innsbruck) seine Anschauungen über die Organisation der Vereinsthätigkeit. 
Ausgehend von den Grundsätzen, die sich in der Praxis des Innsbrucker Landesmuseums bewährt 
haben, empfiehlt Prof. Dr. v. Wieser die Einsetzung von Mandataren, die zugleich Mitglieder 
des Vereines sind, in den einzelnen Orten. Ihre Aufgabe wäre insbesondere die Beschaffung und 
Controle des Materials. Der Redner hebt hervor, dass er als Museums vorstand keine Besorgnis 
vor einer Concurrenz zwischen unserem Vereine und den provinzialen Verbänden hege. Auf volks- 
kundlichem Gebiete sei eine Centralstelle durchaus wünschenswert und die Landesmuseen können 
neben der Erfüllung ihrer speciellen Aufgabe auch für die Centralstelle wirken. Redner bittet den 
Ausschuss um nähere Directiven über die Wirksamkeit, welche von den in den Ländern wohnenden 
Mitgliedern erwartet wird. 

Der Herr Präsident ersucht Prof. v. Wieser, seine Vorschläge dem Ausschusse 
schriftlich zu unterbreiten ; indem diese der Berathung unterzogen und eventuell ähnliche Gutachten 
von anderer Seite aus andern Ländern eingeholt werden, bietet sich dadurch die Gelegenheit, den 
verschiedenartigen Verhältnissen der einzelnen Länder Rechnung zu tragen. Die auf die Organisation 
des Centralorgans bezüglichen Vorschläge des Subcomit^ werden dann damit zugleich in Berathung 
genommen werden. 



Vereinsnachrichtcn. g i 

Herr Ausscbussrath Prof. v. Wieser erklärt sich zu solchen schriftlichen Vor- 
schlägen bereit. 

2. Monatsversammlung vom 16. MXrz. 

Unter dem Vorsitze Sr. Excellenz, des Herrn Präsidenten Dr. Paul Freiherrn 
Gaatsch von Frankenthurn fand am i6. März die erste von über 300 Mitgliedern besuchte 
Monatsversammlung statt, in welcher Freiherr von Gautsch dem jüngst verblichenen 
Herrn Feldmarschall Erzherzog Albrecht den folgenden Nachruf hielt, der von 
der Versammlung stehend angehört wurde: 

Geehrte Anwesende! 

»Bevor wir zur Tagesordnung der heutigen Sitzung schreiten, wollen wir jenes schmerz- 
lichen Ereignisses gedenken, das seit unserer letzten Versammlung eingetreten ist und das Seine 
k. und k. Apostolische Majestät, unseren Allergnädigsten Herrn und Kaiser, das Allerhöchste 
Kaiserhaus, die Armee und die Monarchie in tiefe Trauer versetzt hat. Am 18. Februar ist zu Arco 
Seine k. und k. Hoheit, der durchlauchtigste Herr Erzherzog Feldmarschall 
Albrecht verschieden. 

Mit den stolzesten Erinnerungen unseres Heeres bleibt der Name des siegreichen Feld- 
herm immerdar verbunden, Höchstseine Thaten wird die Geschichte unseres Vaterlandes einer 
fernen Nachwelt rühmend künden, in den dankbaren Her^n aller Patrioten wird Höchstsein 
Andenken fortleben allezeit! 

Den Gefühlen der Trauer, die uns erfüllen, wollen wir durch die Aufnahme dieser Kund- 
gebung im Protocolle der heutigen Sitzung Ausdruck leihen.« 

In dem hierauf erstatteten Geschäftsbericht (s. unten) erläuterte Herr Dr. W. Hein auch 
eine zur Ausstellung gelangte Sammlung slowakischer und hannakischer Costümestücke und 
Stickereien aus dem Besitze unseres Mitgliedes Herrn Wilhelm Grünbaum in Brunn. 

Herr Universitätsprofessor Dr. Alfred Freiherr von Berger hielt sodann den 
angekündigten Vortrag über die Puppenspiele vom Doctor Faust, der von der Ver- 
sammlung mit langanhaltendem Beifall aufgenommen wurde. Derselbe gelangt demnächst in dieser 
Zeitschrift zum Abdruck. 

3. Erlass des h. k. k. Ministeriums des innern in Angelegenheit unseres Vereines. 

Über unsere Bitte, die Bestrebungen unseres Vereines staatlich unterstützen zu wollen, 
hat sich das hohe k. k. Ministerium des Innern bestimmt gefunden, nachfolgend mitgetheilte 
Verfügungen zu treffen, von welchen die Vereinsleiturig durch eine Zuschrift Sr. Excellenz des 
Herrn Statthalters Erich Graf Kielmannsegg in Kenntnis gesetzt wurde (Z. 1211, Pr. d. 
25. Februari895), worin es heißt: 

«Über Aufhag des hohen k. k. Ministeriums des Innern vom 16. Februar 1895, Z. 70 
M. I., mache ich unter Einem die mir unterstehenden politischen Behörden auf die Bildung des 
Vereines mit der Aufforderung aufmerksam, diesem letzteren als solchen, sowie den entsprechend 
legitimierten Mitgliedern desselben nach jeder Richtung thunlichste Unterstützung in Absicht auf 
Verwirklichung der angestrebten Ziele angedeihen zu lassen, beziehungsweise auch auf die Ge- 
meinden der betreffenden Amtsbezirke in dem Sinne einzuwirken, damit dieselben dem Vereine 
überhaupt und den einzelnen Functionären desselben die thunlichste Förderung und das möglichste 
Entgegenkommen erweisen. 

Meinerseits werde ich nicht ermangeln, auch in Hinkunft dem Unternehmen volle Auf- 
merksamkeit und Unterstützung zutheil werden zu lassen. 

Die übrigen Herren Landeschefs haben seitens des h. k. k. Ministeriums des Innern 
unter Einem gleichfalls entsprechende Weisungen erhalten». (Gez.) Kielmansegg. 

Es wird Gegenstand der Berathung des Ausschusses sein, in welcher Weise von diesen 
hohen, so überaus wol wollenden Verfügungen, die uns zu größtem Danke verpflichten, am zweck- 
entsprechendsten Gebrauch gemacht werden könne. 

4. Subvention. 

Seine Excellenz der Herr Minister des Innern Olivier Marquis Bacquehem hat dem 
Herrn Präsidenten den Betrag von 300 fl. für die Zwecke des Vereines übersendet. 

6. Aufruf zum Beitritt in den Verein. 

Nachfolgend benannte Herren und Damen haben (außer den bereits Seite 25 ff. genannten 
Unterzeichnern der ersten Auflage dieses Aufrufes) die Fertigung desselben gestattet: 



92 



Vereinsnachrichten. 



Karl Ritter v. Adatnek, k. k. Ober-Landes- 
gerichtsrath, Wien. 

Josef Johann Amxnann, k. k. Gymnasial-Professor, 
Krumau. 

Anton Andresek, k. k. Rechnungsrath i. P., Brunn. 

Bernard Appel, kais. Rath, Consistorialrath, 
Probst und later. Abt des reg. later. Chor- 
herren-Stiftes Reichersberg, Ob.-Österreich. 

Friedrich Ritter v. Arbter^ k. k. Oberlandes- 
gerichtsrath, Brunn. 

Olivier Marquis Bacquehem, k. u. k. wirkl. Ge- 
heimer Rath und Kämmerer, k. k. Minister 
des Innern, Wien. 

Franz Baitos, k. k. Schulrath, Gymnasial- 
director, Brunn. 

Alexander Barwiüski, Professor an der k. k. 
Lehrerbildungsanstalt , Reichsrath- Abgeord- 
neter, Lemberg. 

Dr. Johann Ritter v. Bazant, k. k. Sectionschef 
i. R., Wien. 

Karl Bearzi, Gutsbesitzer, Wien. 

Dr. Moritz Benedikt, k. k. Universitätsprof.,Wien. 

Dr. Alfred Freiherr v. Berger, k. k. Universitäts- 
professor, Wien. 

Dr. Josef Freiherr v. Bezecny, k. u. k. Geh. 
Rath, Leiter der k. u. k. General -Intendanz 
der k. k. Hoftheater, Wien. 

Gustav Ritter Bofosini von Hohenstem, k. u. k. 
Feldmarschall-Lieutenant a. D., Wien. 

Dr. Karl Ritter Bninner v. Wattenwyl, k. k. 
Ministeriabath i. P., Wien. 

Vincenz Chiavacci, Schriftsteller, Wien. 

Rudolf Graf Chorinsky, k. k. Ministerial- 
Condpist, Wien. 

Ada Christen (Christiane Breden), Schrift- 
stellerin, Wien. 

Karl Costenoble, Bildhauer, Mitglied der Aka- 
demie der bildenden Künste, Wien. 

Augustin Duda, Consistorialrath, inful. Abt des 
Benedictinerstiftes St. Paul, Kärnten. 

Nikolaus Dumba, Guts- und Realitätenbesitzer, 
Mitglied des Herrenhauses, Wien. 

Dr. Adalbert Dungel, kais. Rath, k. k. Con- 
servator, inful. Abt des Stiftes Götlweig, 
N. -Österreich. 

Dr. Alois Ritter Egger v. Möllwald, k. k. 
Regierungsrath, Vice-Director der k. k. The- 
resianischen Akademie i. P., Wien. 

Josef Eigl, k. k. Regierungs - Oberingenieur, 
Salzburg. 

August Eisenmenger, k. k. Professor an der 
k. k. Akademie der bildenden Künste, Wien. 

Jeanette Eitelberger von Edelberg, Hofraths- 
witwe, Präsidentin des Wiener Frauen- 
Erwerbvereines, Wien. 



Dr. Arthur Graf von Enzenberg zum Freyen- 

und Jöchlsthum, k. u. k. Geheimer Rath 

und Kämmerer, k. k. Sectionschef a. D., 

Innsbruck. 
Julius Graf Falkenhayn, k. u. k. Geheimer 

Rath und Kämmerer, k. k. Ackerbauminister, 

Wien. 
Moriz Felicetti v. Liebenfels, k. k. Ober-Post- 

rath, Graz. 
Franz Franziszi, Dechant und Consistorialrath, 

Grafendorf im Gailthale. 
Dr. Eugen Frischauf, Notariats-Candidat, Wien. 
Eberhard Fugger, k. k. Professor, Salzburg. 
Josef Fux, akademischer Maler, Vorstand des 

Ausstattungswesens des k. k. Hofburgtheaters, 

Wien. 
Josef Gelcich, k. k. Professor, Conscrvator, 

Ragusa. 
Dr. Ferdinand Grassauer, k. k. Regierungsrath, 

Vorstand der k. k. Universitätsbibliothek, 

Wien. 
Augustin Grüniger, Prälat in Muri, Prior des 

Benedictiner-Stiftes Gries bei Bozen. 
Dr. Eugen Guglia, Professor am k. k. Gym- 
nasium der Theresianischen Akademie, Wien. 
Dr. Karl Gussenbauer, k. k. Universitäts- 
professor, Wien. 
Dr. Wilhelm Haas, k. k. Custqs der k. k. 

Universitätsbibliothek, Wien. 
Leopold Ritter v. Haberler, Znaim. 
Dr. Josef Habermann, Professor an der k. k. 

techn. Hochschule, Reichsraths- Abgeordneter, * 

Brunn. 
Dr. Franz Hann, k. k. Gymnasialprofessor und 

Conservator, Klagen fürt. 
Dr. Emanuel Hannak, Director des städtischen 

Pädagogiums, Wien. 
Johann Franz Graf Harrach zu Rohrau, Prugg 

und Tannhausen, k. u. k. Geheimer Rath, 

Kämmerer, Major a. D., Mitglied des Henen- 

hauses, Wien. 
Dr. Adolf Hauffen, Privatdocent, Prag. 
Dr. Franz Josef Ritter v. Haymerle, k. k. 

Ministerialrath, Wien. 
Victor Heeger, Schriftsteller, Redacteur, Brunn. 
Dr. Alberik Heidmann, kais. Rath, inful. Abt 

des Cistercienserstiftes Lilicnfeld. 
Hermann Heller, Chefredacteur des Mährisch- 

schlesischen Correspondenten, Brunn. 
Hermann Herdtle, Architekt, Professor an der 

Kunstgewerbeschule des Museums für Kunst 

und Industrie, Wien. 
Heinrich Hess, Schriftleiter der c Zeitschrift» und 

der «Mittheilungen» des Deutschen und öster- 
reichischen Alpen- Vereins, Wien. 



Vereittsnacbrichten. 



93 



Dr. Josef Hirn, k. k. Universitätsprofessor, 

Innsbruck. 
Dominik Hönigl, kais. Rath, inful. Abt des 

Stiftes Seitenstetten. 
Cajetan Hoffmann, forsterzbischofl. Consistorial- 

rath, Abt des Benedictiner-Stiftes Admont. 
Ernst Graf Hoyos-Sprinzenstdn, k. u. k. Ge- 
heimer Rath» Kämmerer, Gutsbesitzer etc., 

Wien. 
Dr. Franx Ilwof, k. k. Regietungsrath , em. 

Landes-Oberrealschuldirector, Graz. 
Bfetislav Jelinek, Custos am städt. Museum, 

k. k. Conservator, Prag. 
Dr. Edmund Jelinek, Assistent des städt. Stadt- 

physikates, Wien. 
Dr. Josef Constantin Jlre^k, k. k. Universitäts- 
professor, ehemal. Unterrichtsminister im 

Fürstenthum Bulgarien, Wien. 
Josef Kemer, k. k. Hofrath, Landesgerichts- 

präsident, Salzburg. 
Josef Klvaüa, k. k. Gymnasialprofessor, Ungarisch- 

H radisch. 
Dr. Philipp KnoU, k. k. Universitätsprofessor, 

Prag. 
Erich Kolbenheyer, Professor an der k. k. 

Staatsgewerbeschule in Czemowitz. 
Dr. Emanuel KovÄf, Universitäts-Privatdocent, 

Prag. 
Dr. Richard Freiherr v. Krafft-Ebing, k. k. 

Hofrath, Universitätsprofessor, Wien. 
Johann Krainz, Schriftsteller, Graz. 
Ferdinand Krauss, k. k. Rechnungsrath, Graz. 
Dr. Martin IQFß, k. k. Notar, Steinitz. 
Guido Freiherr v. Kübeck zu Kübau, k. k. 

Statthalter von Steiermark, Graz. 
Vinccnz Graf v. Latour-Baillet, k. u. k. Käm- 
merer, k. k. Sectionschef im Minist, f. Cult. 

u. Unt., Wien. 
Friedrich Lauseker, k. k. Hofrath beim obersten 

Gerichts- und Cassationshofe, Wien. 
Anton Carl Lemacb, Vicepräsident der schles. 

Handels- und Gewerbekammer, Troppau. 
Dr. Stefan Licht, Advocat, Brunn. 
Dr. Karl Lind, k. k. Ministerialrath, Wien. 
Franz Freiherr v. Lipperheide, Schloss Matzen 

bei Brixiegg. 
Guido List, Schriftsteller, Präsident der litera- 
rischen Donaugesellschaft, Wien. 
Dr. Karl v. Lützow, Professor an der k. k. 

technischen Hochschule, Bibliothekar, Custos 

und Docent an der k. k. Akademie der bild. 

Künste etc., Wien. 
Dr. Stanislaus Ritter Madeyski v. Poraj, k. u. k. 

wirklicher Geheimer Rath, k. k. Minister für 

Cultus und Unterricht, Wien. 



P. Hugo MareU, k. k. Schuhrath, Gymnasial- 
professor, Wien. 

Dr. Johann Graf v. Meran, Freiherr v. Brand- 
hofen, Herr und Landmann in Tirol, Mit- 
glied des Herrenhauses etc. etc., Stainz. 

Dr. Rudolf Meringer, k. k. Universitätsprofessor, 
Wien. 

Dr. Jacob Minor, k. k. Universitätsprofessor, 
Wien. 

Dr. David Heinrich Mfiller, k. k. Universitäts- 
professor, Wien. 

Willibald Müller, Custos der k. k. Studien- 
bibliothek, Olmütz. ■ 
I Dr. Johann Willibald Nagl, Universitätsdocent, 

Wien. 
I Dr. Hermann Nothnagel, k. k. Hofrath, Uni- 
I versitätsprofessor, Wien. 

I Franz Ogradi, inful. Abt, fürsterzbischöfl. Con- 
I sistorialrath, Stadtpfarrer und Dechant, Cilli. 

! Dr. Eduard Parma, Bürgermeister von Frank- 
I Stadt a. Radhost. 

Dr. Alexander Pcez, Realitätenbesitzer, Reichs- 
rathsabgeordneter, Wien. 

Dr. Michael Freiherr v. Pidoll zu Quintenbach, 
k. k. Hofrath, Director der k. k. Theresia- 
nischen und der k. u. k. Orientalischen Aka- 
demie, Wien. 

Dr. Josef Graf Pötting und Persing, k. u. k. 
Kämmerer, k. k. Statthaltereirath, Brunn. 

Eduard PÖtzl, Schriftsteller, Redacteurdes Neuen 
Wiener Tagblatt, Wien. 

Dr. Valentin Pogatschnigg, k. k. Gewerbe- 
Insi>ector, Graz. 

Dr. Johann Polek, Custos an der k. k. Uni- 
versitätsbibliothek, Czernowitz. 

Dr. Alois Freiherr v. Praiäk, k. u. k. wirkl. 
Geheimer Rath, Minister a. D., Mitglied des 
Herrenhauses, Wien. 

Wladimir Baron Pradik, k. k. Bezirkshauptmann, 
Wien. 

P. Franz PHkryl, Cooperator, Correspondent der 
k.k. Central-Commission zur Erforschung und 
Erhaltung der Kunst- und historischen Denk- 
male, Sobiechleb bei Leipnik. 

Karl Probst, akademischer Maler, Wien. 

Hans Prosl, Chefredacteur des Tagesboten, Brunn. 

Josef Rab], Redacteur der Österr. Touristen- 
Zeitung, Wien. 

Dr. Emil Reisch, k. k. Universitätsprofessor, 
Innsbruck. 

Carl Reiterer, Schulleiter, Donnersbachwald bei 
Irdning. 

Theodor Ritter von Rinaldini, k. u. k. Geheimer 
Rath, k. k. Statthalter im Küstenlande, 
Triest. 



94 



Vereinsnachrichten. 



Dr. Eduard Rittner, k. u. k. Geheimer Rath, 
k. k. Sectionschef im Minist, f. Cult. u. Unt., 
Wien. 

Stephan Rössler, kais. Rath, inful. Abt des 
Cistercienser-Ordensstiftes Zwettl. 

Simon Rutar, k. k. Gymnasialprofessor, Conser- 
vator, Laibach. 

Dr. Benedictus Sauter, inful. Prälat und Abt 
des königl. Benedictinerstiftes Emaus, Prag. 

Johann Scheiniggf, k. k. Gymnasialprofessor, 
Klagenfurt. 

Dr. Anton Schlossar, Custos der k. k. Uni- 
versitätsbibliothek, Graz. 

Gustav Schlumberger Edler v. Goldeck, Wien. 

Dr. Franz Schnürer, k. u. k. Scriptor der Aller- 
höchsten Privat- und Familienbibliothek Sr. 
Majestät, Wien. 

Dr. Karl Schober, k. k. Landesschulinspector, 
Brunn. 

Dr. Friedrich Ghraf Schönborn, k. u. k. wirkl. 
Geheimer Rath und Kämmerer, k. k. Justiz- 
minister, Wien. 

Eduard Freiherr Schwartz von Meiller, Feld- 
marschall-Lieutenant i. R., Wien. 

Anton Freiherr von äcudier, k. u. k. Geheimer 
Rath, Feldzeugmeister i. R., Wien. 

Dr. August Silberatein, Schriftsteller, Wien. 

Dr. Leo SmoUe, k. k. Gymnasialprofessor, Wien. 

Edgar Spiegl Edler v. Thumsee, Herausgeber 
und Chefredacteur des Illustr. Wr. Extra- 
blatt, Vicepräsident der Concordia, Wien. 

Josef Straberger, k. k. Ober-Postcontrolor, Con- 
servator, Linz. 

Cari Graf Stürgkh, k. k. Ministerialrath, Guts- 
besitzer, Landtagsabgeordneter, Wien. 

Alex. Suchanek, Edler v. Hasenau, jun., Ban- 
quier, Brunn. 

Franz Suklje, k. k. Hofrath, Centraldirector der 



Sigmund Graf Thun und Hohenstein, k. u. k. 
Geheimer Rath und Kämmerer, k. k. Statt- 
halter von Salzburg. 

Dr. Wenzel Tille, k. k. Scriptor, Olmütz. 

Dr. Gustav Trautenberger, Senior und evang. 
Pfarrer, Brunn. 

Dr. Natalis Trojanis, Erzpriester, k. k. Con- 
servator, Curzola. 

Johann Varrone, Landschaftsmaler, Wien. 

Leopold Wackafz, Generalabt, inful. Prälat, 
bischöfl. Notar, Consistorialrath, Abt des 
Cistercienserstiftes Hohen fürt. 

Dr. Josef E. Wackemell, k. k. Universitäts- 
professor, Innsbruck. 

Dr. Sigmund Wahrmann, prakt. Arzt, Wien. 

Rudolf Waizer, k. k. Haupt-Steuereinnehmer, 
Schriftsteller, Klagenfurt. 

Friedrich Wannieck, Reichsrathsabgeordneter, 
Obmann des «Deutschen Hauses», Brunn. 

Remigius Weissteiner, inful. Propst des regul. 
Chorherrenstiftes Neustift bei Brixen. 

Franz Freiherr v. Wimpffen, k. u. k. wirkl. 
Geheimer Rath, Feldmarschall - Lieutenant, 
Obersthofmeister Sr. k. u. k. Hoheit Erz- 
herzog Ludwig Victor, Wien. 

Julius Wisnar, k. k. Gymnasialprofessor, Znaim. 

Laurenz Wocher, Abt von Wettingen, inful. 
Abt-Prior des Cistercienserstiftes Mehrerau 
bei Bregenz. 

Dr. Johann Nep. WoldHch, k. k. Universitäts- 
professor, Prag. 

Karl Wolf, Schriftsteller, Meran. 

Gundaker Ghraf Wurmbrand-Stuppach, k. u. k. 
Geheimer Rath, Kämmerer, k. k. Handels- 
minister, Gutsbesitzer, Wien. 

Ludwig Zeller, Präsident der Handels- und 
Gewerbekammer, Salzburg. 

Dr. Johann Ritter v. Zotta, Großgrundbesitzer, 
Österr.-Nowosielitza. 



k. k. Schulbücherverläge, Wien. 

6. Mitgliederstand. 

Bei Schluss dieses Heftes. (20. März) betrug die Zahl der Mitglieder 700. 

IL Erwerbungen. 

I. Sammlung: 

32. Fächer, aus Holz geschnitzt. Von Ebensee. Geschenk des Herrn Anton Max 
Pachinger in Wien. 

33. Spanleuchter aus Eisen. Von Schlesien. 

34. Bauernschüssel aus Craquel^-Steingut mit Handmalerei verziert. Von Alt- Aussee. 
Geschenk der Frau Marietta Thirring in Wien. 

35. Zinnteller von Tirol (Siehe nebenstehende Abbildung Fig. 13) mit gravierter 
Darstellung des heiligen Johannes, auf der Unterseite drei Meistermarken. Geschenk 
der Frau Marietta Thirring in Wien. 

36—41. Sechs bemalte Spindeln aus der Bukowina. Geschenk des Herrn Ministerialrathes 
Arth. Fr. v. Hohenbruck in Wien. 
42. Hochzeitstuch mit Handspitzen besetzt. Aus der Bud weiser Gegend. 



Vereinsnachrichten. 



43. Haubendeckel, mit Wolle ge- 
stickt, von Wallach. Meseritsch. 
Winterhaube für Frauen, 
mit Silberkaninchenfels verbrämt. 
Von Braunsdorf bei Troppau in 
Öst.-Schlesien. Geliehen von Dr. 
Richard Kulka in Wien. 
Hexenmaske für ein Bauern- 
spiel, von Kitzbühel. Geliehen 
von Herrn Stud. phil. Fritz 
Minkus in Wien. 

2. Bibliothek: 

a) Bücher, Broschüren und 

Zeitschriften : 

24. Denkstätten deutscher 
Vorzeit im nied.-osterr. Wald- 
viertel. Volksgeschichtliche Be- 
trachtungen. Von F. X. Kg. 
Verlag des «Deutschen Volks- 
vereins in Wien». Geschenk des 
Herrn F. X. Kiessling. 




Fig. 13. Zinnteller von Tirol. 



25. Dr. Otto Jiriczek: Anleitung zur Mitarbeit an volkskundlichen Sammlungen. 
Brunn, 1894. Geschenk des Herrn Friedrich Wannieck. 

26. F. X. Kiessling: Über germanische Opfersteine in Niederöst erreich (Sep. aus «Der 
Bote aus dem Wienerwald» HI). Geschenk des Verfassers. 

27. Achtung der Mundart. Von Kg. Sep. aus dem «Kyffhäuser», 9. Aug. 1892. 
Geschenk des Herrn Kiessling. 

28. Eine Wanderung durch den Tafagau. I. Hom und Umgebung. Von Kg. Ars »Der 
Bote aus dem Wald-Viertel», 15. Jänner 1895. Geschenk des Herrn Kiessling. 

29. Richard Kralik: Das Volksbuch von Dr. Faust, erneuert von R. K. 1895. 
Verlag von K. Konegen. Geschenk des Verfassers. 

30 — 32. Rechenschaftsberichte des BukowinerLandes-Museums für die Jahre 

1892, 1893» 1894- 
33—34« Jahrbücher des Bukowiner Landes-Museums, I. und IL Jahrgang. 

35. Carl A. Romstorfer: Das Bauernhaus in der Bukowina. 1890. 

36. Carl A. Romstorfer: Typen der landwirtschaftlichen Bauten im Herzogthume 
Bukowina. (Sep. aus den Mittheilungen der Anthrop. Gesellschaft in Wien. 22. Bd.) 

Nr. 30 — 34 sind Geschenke des Bukowiner Landes-Museums, Nr. 35 — 36 des Verfassers. 

37. Dr. Michael Urban: «As da Haimat.» Eine Sammlung deutscher Volkslieder 
aus dem ostfränk. Sprachgebiete Böhmens. Plan 1894. Geschenk des Verfassers. 

38. Dr. Michael Urban: Geschichte der Städte Königswart und Sandau. Geschenk 
des Verfassers. 

39. Dr. Michael Urban: Eger im Jahre 1848. Geschenk des Verfassers. 

40. Dr. Michael Urban: «Frohe Klänge aus der Rockenstube und a Sträußl 
Hanabuttn-Räisla». 1890. Geschenk des Verfassers. 

41. Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Fünfter Jahrgang, 1895. Heft I. 
Geschenk des Vereins für Volkskunde in Berlin. 

42. Der Niederösterreichische Landes freund. Blätter zur I^ndeskunde. 
IV. Jahrg. Jänner- und Februar-Heft. Geschenk des Vereins «Niederösterreichische 
Landesfreunde» in Baden. 

43. TfXt und Erklärung der lebenden Bilder zum Oberammergauer 
Passionsspiele. Oberammergau. 1890. Geschenk des Redacteurs. 

44. MittheilungNr.IIIderGesellschaftzurFörderungdeutscherWissen- 
schaft, KunstundLiteraturin Böhmen (in 5 Expl.). Geschenk dieser Gesellschaft. 



96 



Vereinsnachrichten . 

6) Photographien: 
4. Fünf photographische Ansichten von Haus- und Volkstypen aus der Bukowina, 
aufgenommen von Herrn J. Srombathy. Geschenk des Herrn J. Szombathy 
in Wien. 
Den freundlichen Spendern wird der wärmste Dank des Vereins ausgesprochen. 



m. Verkehr. 

d) Nach Außen: 

1. Der Ausschuss des »Wiener Alterthums- Vereins« sendete unter dem 15. d. M. 
in Erwiderung unserer Kundgebung (siehe S. 32) eine freundliche Begrüßung. 

2. Der Vorstand der »Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, 
Kunst und Literatur in Böhmen« übermittelte durch seinen Vorsitzenden, Herrn Prof. Dr. 
Ph. Knoll in Prag, ein Schreiben, in welchem die Bereitwilligkeit ausgesprochen wird, die • 
Bestrebungen unseres Vereines nach Thunlichkeit zu fördern. Zugleich erhielten wir von der 
Gesellschaft 5 Exemplare des III. Berichtes über ihre Aufsammlung der volksthüm liehen Über- 
lieferungen in Deutsch-Böhmen (S. p.). 

Wir sprechen der genannten Gesellschaft unseren wärmsten Dank für ihr Entgegenkommen 
aus und hoffen auf einen recht angenehmen und fruchtbaren Verkehr im Interesse der österr. 
Volkskunde. 

3. Herr Geheimrath Dr. K. Weinhold, der Vorstand des Vereines für Volks- 
kunde in Berlin, sendete anlässlich des Erscheinens der Zeitschrift ein freundliches Schreiben, 
in welchem er mittheilt, dass die Zeitschrift des Vereines für Volkskunde in Berlin künftighin 
-kostenlos übersendet werden wird. Das collegiale Wohlwollen der Berliner Gesellschaft verpflichtet 
uns zu verbindlichstem Dank. 

b) Sprechsaal: 
I. Anfragen. 
Dr. M. Haberland t, Wien: Eine sonderbare Sitte: das Anspucken des erstverein- 
nahmten Geldes herrscht bei Personen der untersten Volksschichten in Wien. Ich erbitte mir 
frdl. nähere Nachrichten darüber — womöglich auch bezüglich der Verbreitung dieser Sitte. — M. 
Thirring, Wien: Wer mag freundlichst über die Meistermarken auf den altcrthümlichen Zinn- 
tellern unserer Bauembevölkerung Auskunft geben? 

2. Antworten. 

Todtenbretter. Herr Anton Dorne r, in Qualisch bei Trautenau : In Nordböhmen 
ist der Gebrauch von Todtenbrettern auf den Braunauer Bezirk beschränkt und bei den Dorfbe- 
wohnern noch ziemlich lebendig, besonders in der Umgebung der Stadt Braunau selbst. Die 
Todtenbretter, dort «Leichenbretter» genannt, sind etwa 30 cm breit und 150 — 180 cm lang, ab- 
gehobelt; auf ihnen sind drei Kreuze, die Anfangsbuchstaben der Namen des Verstorbenen und 
das Todesjahr eingeschnitten, seltener mit schwarzer Farbe aufgemalt. Reimsprüche zeigen sie nicht. 

Sobald Jemand gestorben ist, wird das Brett beim Tischler bestellt,* der es mitbringt, 
wenn er zum Massnehmen des Sarges kommt. Die Leiche wird in irgend einer Kammer darauf 
gelegt und bleibt bis zu der gegen Abend des dritten Tages erfolgenden Einsargung auf ihm liegen. 
Darnach wird es auf einen viel begangenen Feldweg, auf Fusssteige, welche über nasse Wiesen 
führen, hinausgelegt, wo es verbleibt, bis es verfault ist. Jedermann soll, wenn er über ein Leichen- 
brett geht, für das Seelenheil des Verstorbenen beten. — Herr Hauptm. i. R. M. H. sendet die 
Mittheilung, dass in Aug. Silberstein' s Erzählung: »Der Laden des Natz« (Coli. Speraann, 
15. Bd.) einschlägiges Material über den Gebrauch der Todtenbretter enthalten ist. 

Gemeindesiegel. Herr Ministerialrath Arthur Freiherr von Hohenbruck 
hat Herrn Landesrath Ant. Zachar in Czemowitz veranlasst, uns aus der Bukowina eine möglichst 
vollständige CoUection von Gemeindesiegeln zur Verfügung zu stellen. Die Siegelabdrücke werden 
für jede Gemeinde abgesondert auf Zetteln, die Herr Zachar herumgesendet, gemacht, und werden 
überall, soweit dies thunlich ist, die 2^it, seit der man sich des Siegels bedient, dessen Entstehung 
und die sich an dasselbe allenfalls knüpfenden sagenhaften und historischen Traditionen ver- 
zeichnet werden. 

Schluss der Redaction: 20. März. 

Dnick von Gebrüder Sdepel in Reicbenberg. 



97 



I. Abhandlungen; 



Die Puppenspiele vom Doktor Paust. 

Vortrag, gehalten im Verein für österreichische Volkskunde, am i6. März 1895. 
Von Dr. Alfred Frhr. v. Berger. 

Ein Faustspiel, welches zu Prettau in Tirol, im oberen Ahmthal 
gelegen, von den Einheimischen aufgeführt wurde, gibt mir den will- 
kommenen Anlass und Ausgangspunkt für die folgenden Betrachtungen. 
Herr Dr. Wilhelm Hein war so gütig, mir eine von ihm mit großer 
Sorgfalt angefertigte Abschrift des Textes jenes Prettauerfaustspieles 
anzuvertrauen. Dass auch dieses Faustspiel von dem alten deutschen 
Volksschauspiel vom Doctor Faustus abstammt, ist kein Zweifel Über 
das Alter desselben, sowie über die Zwischenglieder, welche seine Ab- 
kunft von dem dramatischen Urfaust vermitteln mögen, will ich ebenso- 
wenig Untersuchungen anstellen und Vermuthungen äußern, als ich etwa 
versuchen will, die darin enthaltenen alten, dem Urfaust angehörigen 
Elemente von späteren Zuthaten, Umformungen und Weglassungen zu 
sondern. Ich sage absichtlich «die alten Elemente», nicht die «echten». 
Denn unecht sind auch die Veränderungen nicht, die im Laufe der Zeiten 
das Volk an Dichtungen, die mit seinem Leben wirklich verwachsen, die 
wahre Volksstücke sind, bewusst oder unbewusst vornimmt. Die ver- 
schiedenen localen Formen einer Volksdichtung verhalten sich zueinander, 
wie die einzelnen Mundarten einer Sprache, von deren keiner man be- 
haupten kann, sie sei die betreffende Sprache selbst, während die übrigen 
mehr oder minder Fälschungen derselben seien. Die Wandlungen oder 
Entwicklungen, die eine Volksdichtung durch das Volk erfährt, beweisen 
nur, dass sie noch lebendig ist. Die Unähnlichkeiten des Prettauer- 
spieles mit älteren Formen des Faustspieles, namentlich mit solchen, die 
dem protestantischen deutschen Norden angehören, sind starke und auf- 
fällige. Durch dasjenige, was fehlt, wie durch dasjenige,, was entweder 
ganz neu hinzugewachsen oder aus flüchtigen Andeutungen zu breiter 
Ausführlichkeit entwickelt ist, weicht es von dem Typus der meisten 
bekannten Faustspiele stark ab. Das Weltleben Faust's, seine Abenteuer 
am Hofe des Herzogs von Parma, sind ganz weggefallen. Faustus er- 
scheint in eine niedrigere Sphäre herabgezogen. In den meisten Ver- 
sionen des Faustspieles ist das Motiv, welches den Helden dem Teufel 
zuführt, außer dem Mangel an Gut und Geld, außer der Sucht nach Ehr' 
und Herrlichkeit der Welt, auch geistige Hoffahrt, der titanische Drang 
nach Erkenntnis der Geheimnisse des Daseins und der Welt. Wie es 
im Volksbuch von 1587 heißt: «Faust name an sich Adlers Flügel, wollte 
alle Grund am Himmel vnd Erden erforschen, denn sein Fürwitz, Frech- 
heit vnd Leichtfertigkeit stäche und reizt jhn cdso . . . > Dieses Motiv ist 

Zeitschrift für österr. Volkskunde. I. 7 



q8 V. Berger, 

beibehalten in den dem Typus nahestehenden Faustspielen. Er hat alle 
Facultäten durchstudiert und nirgends Befriedigung gefunden, die er 
doch über alles ersehnt. Über das gemein Menschliche trachtet er 
hinaus, kein Wort 'klingt ihm herrlicher, als das Wort «Vollkommenheit», 
womit der Teufel ihn ködert ; wovon er nur gehört, das möchte er sehen 
und mit Händen greifen. Der geistige Gehalt und Drang, der in den 
Goethe'schen Faustmonologen pulsiert, lebt auch im Faust des Puppen- 
spiels, wenn auch oft in pedantisch-nüchterner Sprache geäußert, die von 
jemand herzurühren scheint, der diesen gefährlichen Drang nicht versteht 
und theilt, ja sogar als thöricht und unfromm verurtheilt. Im Prettauer 
Spiel nun sind die «Adlers Flügel« dem Faustus so gründlich beschnitten, 
dass kaum Stummel davon übrig geblieben sind. Drückende, peinliche 
Geldnoth steht im Vordergrunde als das Motiv, das Faustus dem Teufel 
zuführt. Seine Baarschaft, die aus fünf Gulden besteht, überzählend, 
meint er, sie reiche kaum aus, seine Schnupftabakschulden zu bezahlen, 
und in einer weitläufigen Unterhaltung zählt ihm der «Bajatz», sein 
Diener, all' die Kauf- und Gewerbsleute auf, deren Rechnungen er nicht 
zu bezahlen vermag. Ihm bleibe keine Wahl, meint er, als ein Pistolen- 
schuss oder, sich dem Teufel zu verschreiben. 

Gewiss hat der Dr. Faustus durch diese Entadelung des Helden 
an dichterischer Großartigkeit eingebüßt. Er erscheint nicht mehr als 
die volksthümliche Verkörperung des titanischen Aufschwunges des 
Menschengeistes, des Triebes nach übermenschlicher Vollkommenheit, 
welche einerseits die Ebenbildlichkeit des Menschen mit der Gottheit 
bezeugt und ihn befähigt, der Anschauung Gottes in einem anderen 
Leben theilhaftig zu werden, und welche anderseits denjenigen, in dem 
dieser Trieb nach oben mächtig wirkt, der Gefahr eines Sturzes in den 
Abgrund, in welchen die hoffärtigen Engel geschleudert wurden, aussetzt, 
mehr aussetzt, als gewöhnliche Sterbliche, welche sich mit ihren Gedanken 
und Wünschen auf den engen Kreis des Menschlichen und Alltäglichen 
beschränken. Die derbkomische Verkörperung dieser Alltagsmenschlich- 
keit ist der dem Dr. Faustus als Famulus beigegebene Hanswurst In 
den typischen Faustspielen hat sich das Gefühl lebhaft erhalten, dass 
Faust*s Fall und Höllenfahrt die tragische Folge seiner höheren An- 
lagen ist, durch welche er die gewöhnlichen Sterblichen überragt. Schon 
in dem Vorspiel in der Hölle, welches das typische Faustspiel einleitet, 
offenbart sich die starke Empfindung der Größe der Seele, die in Dr. 
Faustus wohnt, durch die großen Anstalten und Anstrengungen der 
Höllenmächte, um dieser Seele habhaft zu werden, in deren Fang sie 
einen Triumpf über die himmlischen Gewalten erblicken. In dem Prettauer- 
spiel fehlt dieses Vorspiel. Faustus erscheint in demselben als der ge- 
wöhnliche Mensch, der in den Tag hinein lebt, und, von augenblicklicher 
Noth bedrängt, sich leichtsinnig dem Teufel verpflichtet; den Gedanken 
an die Zahlung seiner Schuld schlägt er sich, wie andere Schuldenmacher, 
aus dem Kopf durch die Erwägung, dass der Verfallstermin des Scheines 
ja noch weit ist. 



Die Puppenspiele vom Doktor Faust. ng 

Mit dem Wegfall der Übermenschlickeit des Dr. Faustus verliert 
ein anderes dichterisches Motiv seinen tiefen Sinn und seine typische 
Bedeutsamkeit, auf welches ältere Faustspiele gebaut sind: nämlich das 
des Contrastes zwischen Faustus und Hanswurst, zwischen dem höheren 
Menschen und dem gewöhnlichen Menschen. Was Hanswurst mit dem 
Teufel passiert, das ist einerseits die komisch-parodistische Parallelhandlung 
zu Faust*s ernstem tragischen Handel mit dem Satan. Anderseits lacht 
aus den Hanswurstscenen der lustige, echt volksthümliche Gedanke, dass 
gesunder, derber Bauernverstand, wenn auch sein behäbiger Besitzer 
thöricht und lächerlich aussieht und allerlei dummes Zeug daherschwatzt, 
wie Hanswurst, in mancher Hinsicht der tiefsten Weisheit hoher Geister 
überlegen sei. Namentlich im Verkehr mit dem Teufel. Dr. Faustus, der 
große hochgelehrte Denker, bezahlt des Teufels Dienste mit seiner Seele 
ewigem Heil, der bauernschlaue Hanswurst prellt sogar den listigen Erb- 
feind, profitiert von ihm so viel als möglich, geht aber nicht in die Falle. 
Durch diese begleitende Parodie, deren lustiges Schellengeklingel die 
ernste fuhrende Melodie verspottet, wird das Eintreten jener allzuschweren 
Ernsthaftigkeit verhütet, welche die dionysische Freiheit der Spiel- 
stimmung beeinträchtigt, und wird das ganze Faustspiel erst zum getreuen 
Weltspiegel. 

In dem Prettauer Spiel ist dieses Motiv verdunkelt und ver- 
kümmert. Der Bajatz erscheint darin nur als ein Qiorus, der die ent- 
scheidenden Momente in Fausts Leben mit derbkomischer Moral 
commentiert, führt hin und wieder mit ihm ein burleskes Gespräch, aber 
der Tiefsinn ist aus der Figur entschwunden. 

In dem Prettauer Spiel erscheint eben der ursprüngliche Sinn der 
Faustgestalt in Vergessenheit gerathen. Wie bekannt, hat Dr. Faustus 
wirklich gelebt. Er war ein ruhmrediger Charlatan, der sich den Bei- 
namen Hemitheus Hedebergensis beilegte, sich den Besitz magischer 
Künste zuschrieb und sich vermaß, die Wunder Christi zu wiederholen. 
Er führte ein unruhiges Wanderleben, musste den Aufenthalt oft und 
heimlich wechseln, um den Folgen seiner Schwindeleien zu entgehen, er 
war bogleitet von einem abgerichteten Hunde und einem eben solchen 
Pferde, die alles verrichten konnten und die der protestantische Theologe 
Johann Gast für Teufel hielt, trieb Alchymie, Wahrsagerei u. dgl. und 
fand schließlich in Knittlingen in Württemberg einen jähen Tod, der zu 
der Sage Anlass gab, der Teufel habe ihn erwürgt. Sein I^ichnam soll 
auf der Bahre immer auf dem Gesicht gelegen sein, wiewohl man ihn 
fünfmal umwendete. Kurz, der historische Faust war ein in allerlei 
Künsten erfahrener Schwindler, die Carricatur des humanistischen, mit 
allerlei Naturwnssen ausgestatteten Renaissancegelehrten, welcher Typus 
damals mehr und mehr im europäischen Culturleben auftauchte. Der 
Dr. P^austus der Sage, auf welchen das Volk allmählich alle Geschichten 
und Anekdoten, die von anderen Schwarzkünstlern im Schwange waren, 
vereinigte, ist nichts anderes als die sagenhafte Verkörperung, welche 
der Typus des Renaissancegelehrten, der das Alterthum ins Bewusstsein 

7* 



lOO V. Berger, 

der Gegenwart heraufzubeschwören und die Geheimnisse der Natur wissen- 
schaftlich zu ergründen suchte, mit Anschluss an den geschichtlichen 
Faust in der Phantasie des christlichgläubigen Volkes gefunden hat. 
Die Beziehung, in welcher er zur griechischen Helena steht, sowie die 
Anekdote, dass er vor Studenten und fürstlichen Personen die Gestalten 
der antiken Heroensage habe erscheinen lassen, und seine magische 
Beherrschung der Natur zeigen deutlich an, dass Dr. Faustus erwachsen 
ist aus dem unheimlichen, aus Bewunderung und abergläubischer Scheu 
gemischten Eindruck, welchen die neu aufkommende weltliche, humanistisch- 
naturwissenschaftliche Renaissancebildung auf Phantasie und Gemüth des 
im alten Glauben lebenden christlichen Volkes machte. 

Im Jahre 1587 erschien die historia von Dr. Johann Fausten zu 
Frankfurt am Main bei dem Buchdrucker Johann Spies; etwa fünfzig 
Jahre nach Faust's Tod. Aus diesem Volksbuche ist das Volksschauspiel 
von Dr. Faust geschöpft, welches sich als Puppenspiel in ungezählten 
Variationen erhalten hat, aber ursprünglich für wirkliche Schauspieler 
geschrieben war. Über die Beziehung, in welcher das deutsche Volks- 
schauspiel zu dem «Faust» des englischen Dichters Christoph Mario we 
steht, dessen erste nachweisbare Aufführung in England am 30. September 
1594 stattgefunden hat, will ich mich nicht verbreiten. Das gleichzeitige 
Auftreten der englischen Comödianten in deutschen Landen legt Manchen 
die Annahme nahe, dass das deutsche Volksschauspiel aus dem Mar- 
lowe'schen Schauspiel entstanden sei, woran ich nicht glaube. Das deutsche 
Volksschauspiel, soweit wir uns aus den erhaltenen Puppenspielen dessen 
Urgestalt aufzubauen vermögen, ist der Marlowe'schen Dichtung jeden- 
falls an poetischem Wert, wie an theatralischer Mache bedeutend über- 
legen. Namentlich der Schluss, Faust's letzte Erdennacht vor der Höllen- 
fahrt, in welcher der Hanswurst, der die Gretel geheiratet hat und Nacht- 
wächter geworden ist, die Stunden ausruft, die Faust in verzweifelnder 
Angst durchwacht, während eine himmlische Stimme ihm, wie die Zeit 
vorschreitet, mit ehernem Glockenschlage verkündigt: Fauste, Fauste, 
accusatus es, Fauste, Fauste, judicatus es. Fauste, Fauste, in aeternum 
damnatus es, gehört zum Großartigsten, was ich in der dramatischen 
Dichtung überhaupt kenne. Das lässt sich nur mit Shakespeare ver- 
gleichen. Die Größe dieses Schlusses ist im Prettauer Spiel stark ge- 
mindert : lehrhaftes Moralisieren drängt sich vor und fallt der furcht- 
baren tragischen Beredsamkeit der Thatsachen abschwächend ins Wort. 

Doch steht den mannigffaltigen Eiabußen, welche der dichterische 
Gehalt des alten Faustusspieles in der Prettauer Spielart erlitten hat, auch 
ein ergiebiger dichterischer Gewinn gegenüber. Dieser ist erblüht aus 
dem Eindringen katholischen Geistes in die Dichtung. In den Um- 
änderungen, welche das Spiel erfahren hat, spürt man Sinn und Hand 
eines geistlichen Bearbeiters. In der Gestalt eines frommen Klausners, 
welcher dem Faustus ins Gewissen redet und ihn zu Reue und Buße er- 
mahnt, greift der katholisch-kirchliche Gedanke, zweimal leibhaftig er- 
scheinend, thätig in Faust's Schicksal und in die Handlung des Stückes 



Die Puppenspiele vom Doktor Faust. lOi 

ein. Charakteristisch steht dem entg^eg^en die AuflFassung des vom pro- 
testantischen Geiste erfüllten Spies'schen Volksbuches, in welchem Mephi- 
stophiles in der Gestalt eines Franziskanermönches den Faustus begleitet. 
Doch liegen die Vorzüge, welche die katholische Auffassung in das Spiel 
gebracht hat, nicht gerade in der Figur des Klausners. Die Aufklärungen, 
welche dieser Faustus, der sich durch den Contract mit dem Bösen un- 
rettbar verloren wähnt, darüber ertheilt, dctss und wie er doch noch der 
Gewalt des Bösen zu entreißen sei, wahren gegenüber einem naheliegenden 
unchristlichen Mißverständnis den richtigen Standpunkt der kirchlichen 
Lehre. Faust schließt mit dem Teufel einen Pakt und verschreibt ihm 
für vierundzwanzigjährigen Dienst seine Seele. Der oberflächliche Zu- 
schauer hat nun den Eindruck, als ob der Teufel dadurch ein klagbares 
Recht auf Faust's Seele erlangt habe, und als ob dieser unter allen Um- 
ständen schuldig sei, ihm am Verfallstermin seine Seele zu entrichten, als 
ob die göttliche Gnade selbst nichts mehr machen könnte und das gött- 
liche Gericht genöthigt wäre, dem Teufel Faust's Seele unbedingt zuzu- 
erkennen auf Grund des geschlossenen Paktes. Das ist nun eine durch- 
aus unchristliche, an und für sich niedrig stehende, mechanisch-juristische 
Auffassung des Verhältnisses. Merkwürdigerweise wird es auch vielen 
Erklärern des Goethe'schen Faust, in welchem der Held auch dem Pakt 
zum Trotz gerettet wird, schwierig, um dieselbe herumzukommen. Indem 
Faust seine Seele dem Teufel verschrieb, hat er gesündigt. Wenn er 
seine Sünde als solche erkennt, bereut, beichtet, büßt und die kirchliche 
Vergebung empfangt, hat der Teufel keine Gewalt mehr über ihn, denn 
es ist absurd, dass der Mensch im Stande sein sollte, durch eigenmäch- 
tigen Entschluss, Verzicht und dem Satan geleistetes sündhaftes Ver- 
sprechen die Wirkung der göttlichen Gnade für seine Person abzu- 
schneiden. Allerdings hat er dem Teufel versprochen, nicht zu bereuen, 
zu beichten, zu büßen und die kirchlich vermittelte Versöhnung mit 
Gott zu suchen, und man könnte daher sagen : wenn er 's doch thut, bricht 
er dem Teufel sein gegebenes Wort. Aber, ganz abgesehen davon, dass 
er nicht versprechen kann, dass nicht Gottes Gnade Reue in seiner Seele 
erwecke, ist ein derartiges Versprechen Sünde wider Gottes Gebot und 
kann daher nie und nimmer verbindlich sein. Diese kirchliche, mensch- 
lich geläuterte Auffassung vertritt im Prettauer Spiel der Klausner gegen- 
über. Faust. Dadurch büßt der Pakt seine mechanisch zwingende Gewalt 
ein und vergeistigt sich zu einem bloßen Symbol. Spuren dieser höheren, 
kirchlich correkten Auffassung des Paktes finden sich nun, mehr oder 
minder deutlich, in den meisten Faustspielen. Der Höllenfürst Pluto 
spottet im Vorspiel des Thoren Faust, der nur durch Beschwörung und 
Vertrag sich den Höllenmächten nähern zu können wähne, «während er 
schon durch seine Gesinnung der unsrige ist». Auf die Gesinnung also 
kommt es an, nicht auf den an und für sich wirkungslosen Pakt, der nur 
durch die Gesinnung, die er symbolisiert, Kraft empfangt. Die Hölle 
selbst weiß das ganz genau. Die Gottesfeindliche Gesinnung weiht 
Faust der Hölle, die Gottsuchende entreißt ihn der Hölle, der Pakt ist 



102 V. Bergcr, 

nur ein Mittel, um dem verblendeten Faust diesen Umschwung* vom Bösen 
zu Gott durch den trügerischen Anschein der Nutz- und Hoffnungslosig- 
keit desselben zu erschweren. Dieser Gedanke kommt in den erhaltenen 
Faustspielen auch in der Handlung mehr oder minder zur Geltung. Faust 
stellt, von Angst ergriffen, an Mephistopheles die Frage, ob es für ihn 
noch eine Rückkehr zu Gott gebe. Er stellt diese Frage, erschüttert von 
der grenzenlosen Sehnsucht nach der Himmelsfreude, der Anschauung 
Gottes, die der Satan verräth. Auf Grund des Paktes, der den Teufel 
zu jedem Dienst verpflichte, heischt er gebieterisch Antwort. Der Teufel 
weicht aus und entflieht endlich, ohne Antwort zu geben. Nun w^eiß 
Faust, was er wissen will, dass der Pakt ihn nicht bindet. Er sinkt auf 
die Knie, bereut, betet. Schon ist er, da seine Gesinnung sich verwandelt 
hat, im Begriffe, sich vom Teufel zu lösen, als dieser mit der Truggestalt 
der griechischen Helena kommt, des schönsten Weibes der Welt, und 
den Betenden verleitet, sie anzublicken. Von heftiger Begierde ergriffen, 
vergisst Faust alsbald Gott und seine Reue, um das schöne Weib zu 
umarmen. Doch in seinen Armen verwandelt sie sich in eine gräuliche 
Höllenfurie, und Faust geräth in wüste, unbußfertige Verzweiflung und 
verfallt dem Satan. Man sieht hieraus, wie sehr es dem Dichter des 
Faustspieles darum zu thun war, Faust's Verdammnis nicht als mechanische 
Wirkung des Paktes, sondern als gerechte Folge seines Beharrens in der 
Sünde erscheinen zu lassen. Im letzten Moment thut er das Nämliche, 
was er im ersten gethan hat: er zieht den Teufel Gott vor. Man sieht 
auch hieraus, dass der Gedanke der Rettung Faust's, den willkürlich als 
ein fremdes Element in die Faustsage hineingetragen zu haben, man Goethe 
beschuldigt hat, nur die Ausgestaltung und Durchführung eines schon im 
Puppenspiel von Dr. Faustus liegenden Keimes ist. Von jeher hat das 
Volksgemüth auch ohne Rücksicht auf die kirchliche Dogmatik, die Frage 
erwogen, ob und wie Faust doch noch zu retten wäre, und daher wurde 
dem Unseligen, kurz vor seinem schrecklichen Ende, die Pforte zur Selig- 
keit noch einmal aufgethan. Wenn er, statt durch sie hindurch zu schreiten, 
sich von den höllischen Mächten noch einmal verlocken ließ, so wirkte 
sein Ende nicht als unerbittliche (Grausamkeit, welche den innerlich Be- 
kehrten zur Bestrafung schleppt wegen einer im Leichtsinn begangenen 
Sünde, sondern erschien als Faust's eigenes Werk. 

Diese Gedanken im Faustspiel kräftig unterstrichen und plastisch 
herausgearbeitet zu haben, ist ein Verdienst des Prettauer Faustspieles. 

Der Verfasser desselben setzt an dem Punkt des alten Faustspieles 
dichterisch ein, an welchem Faust bereuend und betend niedersinkt. Dass 
sich die Rückkehr zu dem durch den Teufelspakt verleugneten und ab- 
geschworenen Gott nur unsichtbar im Gemüthe des bereuenden und 
betenden Faust zutrage, genügte dem katholischen, nach bildlicher, sicht- 
barer und greifbarer Anschaulichkeit verlangenden Dichter nicht. Der 
welterlösende Heiland, durch dessen Opfertod der gefallene Mensch zur 
Wiedervereinigung mit seinem Schöpfer gelangen kann, durfte nicht nur 
in den Gedanken Faust's anwesend sein und wirken, der gläubige Sinn 



Die Puppenspiele vom Doktor Faust. 103 

forderte, dass er leibhaftig und gleichsam persönlich, als erschütternde 
Mahnung, dem Sünder auf seinem Wege zur Hölle begegne. Aus diesem 
Bestreben erwuchs eine nach meiner Empfindung geniale Erfindung, welche 
im Prettauer Spiel aus einer bloßen Episode zum Kern der ganzen Fabel 
entwickelt ist und, breit ausgeführt, die mittleren Theile der Dichtung 
ausfüllt. Sie rührt eben, wie schon der derbe Dorfpredigerton vermuthen 
lässt, von einem Priester her, dem das Verhältnis des Faustschicksals zur 
fundamentalen Lehre der Kirche die Hauptsache war. Er hatte Grund 
genug, dieses Verhältnis zu erwägen. c.Dr. Faustus > Leben und Schicksal 
trat an die Stelle der mehr und mehr verschwindenden Mysterienspiele. 
Unwillkürlich forderte man von dem neuen weltlichen Spiel, was das alte 
geistliche geboten hatte, sah in dem Helden desselben den modernisierten, 
im Leben der Gegenwart stehenden Ersatzmann der menschlichen Haupt- 
gestalt der Mysterien. Diese war Adam gewesen, der wider Gottes 
Verbot, dem vom Teufel verführten Weibe nachgebend, die Frucht des 
Baumes gegessen hatte, die ihn wissend machen sollte wie Gott. Es 
lag nahe, Faust's Hingabe seiner Seele an den Teufel, um Wissen und 
Macht zu erlangen, mit Adams Sündenfall zu vergleichen, in jener nur 
eine neue Incarnation desjenigen zu erblicken was das Wesen von Adams 
Fall ausmachte. Nun beruht aber auf Adams Sünde, durch welche er 
und seine Nachkommen dem leiblichen und geistigen Tode verfallen, die 
Erlösungsidee. Dachte man bei Faust's Schuld an Adams Sünde, so war 
es anstößig, wenn der weitere Verlauf der Dinge so entschieden dem 
Verlauf widersprach, welcher die metaphysische Fabel der Mysterien 
gewesen war. Durch Jesu Christi stellvertretenden Opfertod wird ja der 
gefallene Mensch erlöst und der göttlichen Gnade wieder theilhaftig. 
Wenn aber Faust auf Grund des Contraktes mit dem Satan diesem rettungs- 
los verfallen ist, so musste das gläubige Menschen, für welche Faust mit 
dem Menschen an sich, mit Adam zusammenfloss, wie eine Leugnung der 
fundamentalen Wahrheit der christlichen Lehre peinlich berühren. Ein 
geistlicher Dichter musste also das Abweichen der Faustfabel von dem 
Verlauf der Begebenheiten in den Mysterien triftig motivieren. Dies 
bewerkstelligte unser Dichter auf folgende Weise : Der Teufel hat Faust 
Geld in Hülle und Fülle gespendet, so dass dieser gar nicht weiß, was 
er noch wünschen soll. In seinem Übermuth beschließt er denn, seinem 
teuflischen Diener einen Auftrag zu geben, der «ihm recht schwer mocht' 
sein», . . . denn «wenn er sich recht ärgert, so ist es für mich ein 
Gspass>^>. Dieser, nur aus Übermuth dem Teufel ertheilte Auftrag lautet: 

«Nun, so gehe hin und bring* mir Jesu Christ 

In der Gestalt, wie er am Kalfarienberg gestorben ist». 

Der Teufel selbst hat Faust vorher versichert, dass er durch den 
Contrakt ohne Ausnahme zu jeder Leistung verpflichtet sei. Nun wehrt 
er sich mit allen Kräften, stellt sich an, als ob Faust nur Scherz treibe, 
warnt ihn davor, noch eine so schwere Sünde auf seine große Schuld zu 
häufen, fragt, wozu ihm denn das Crucifix nütze sei, bietet ihm endlich, 
um loszukommen, die Lösung des Contractes an und versichert sogar, er 



I04 ^- Berger, 

könne das nicht leisten. Faust aber ist unerbittlich und besteht auf 
seinem Schein. Drohend entfernt sich der Teufel, um das Befohlene aus- 
zufuhren. Im nächsten Theil, da Faust sich gerade im Selbstgespräch 
seiner tiefen Kenntnis der Kräfte der Gewächse und Gesteine rühmt, 
erscheint auf seinen Ruf der Teufel und bringt ein lebensähnliches Schein- 
bild des gekreuzigten Christus. Er keucht unter der Last, die ihn schier 
zerdrückt — «Himmel und Erde ist nicht so schwer». Er setzt das Bild 
in der Stube nieder und entfernt sich mit der Warnung, Faust möge das 
Bild nur nicht betrachten . . . 

«Behalt es nicht zu lang im Haus, 
Sonst wird die größte Dummheit draus.» 

Das Motiv, dass der Teufel Faust ein Scheinbild des gekreuzigten 
Christus schaffen muss, kommt in manchen Variationen des Faustspieles 
vor. Zuweilen mit der Zuthat, dass der Teufel das von ihm Geforderte 
nicht ganz leisten kann und Faust ihn auf den Fehler aufmerksam macht. 
Die Überschrift I. N. R. I. fehlt. «Ja, mein Faust», sagt Mephistopheles, 
«wenn wir diese paar Buchstaben noch aussprechen dürften, dann könnten 
wir noch Gnade hoffen». 

Wir stoßen hier auf das Motiv einer Grenze der teuflischen Macht, 
welche unter Umständen, da sie die genaue Einhaltung des Paktes von 
Seiten des Teufels unmöglich macht, Faust einen Ausweg aus dem 
Teufelsbündnis eröffnen kann. Im letzten Grunde hat Goethe dieses Motiv 
zur Rettung seines Faust benützt. Volle Befriedigung verspricht ihm 
Mephistopheles, ohne sie dem ewig Unbefriedigten gewähren zu können. 
Auch dieses Motiv hat Goethe nicht nur seiner eigenen Subjectivität ent- 
nommen, sondern er hat einen Trieb, der schon im Puppenspiel steckt, 
zur vollen Entwicklung gebracht. Wie sehr die katholische Auffassung 
eine derartige Entwicklung des P'auststoffes begünstigt, beweist Calderon. 
Sein «wunderthätiger Magus», Cyprianus, an der Erkenntnis Gottes ver- 
zweifelnd, hat sich dem Satan verschrieben. Von wahnsinniger Leiden- 
schaft für die holde, keusche Christin Justina entbrannt, heißt er den 
Teufel alle Macht aufbieten, um die Jungfrau zu Falle zu bringen. Doch 
alles höllische Bemühen ist vergebens. Um Cyprians Seele nicht zu ver- 
lieren, sucht ihn der Böse mit einem Trugbild Justinsis zu täuschen. Da 
Cyprian dieses in die Arme schließen will, umfangt er einen Leichnam, 
dessen todte Lippen die Worte sprechen: «Also, Cyprian, vergeht alle 
Herrlichkeit der Erde!» Nun muss der Satan den Betrug gestehen und 
zugeben, dass seine Macht eine Grenze hat, dass der Gott, an den Justina 
glaubt, stärker ist, als die gesammte Macht der Hölle. Nun hat Cyprian 
den Gott gefunden, den er suchte. Der Teufel selbst hat ihm zu dieser 
Erkenntnis und damit zur Rettung verholfen. Cyprianus wird Christ und 
erleidet mit Justina gemeinsam den Märtyrertod. Den ersten Ansatz zu 
dieser Entwicklung, welche der Fauststoff von der himmelhoch lodernden 
Phantasie Calderons ergriffen, genommen hat, begegnet uns in dem 
Motiv, dass der Teufel selbst Faust dasjenige schaffen und bringen muss, 
was Paust von seiner Macht erlösen könnte. Diese kühne, geniale 



Die Puppenspiele vom Doktor Faust. I05 

Wendung, der Goethe nahe kam, ist durch den Katholicismus in den 
Stoff gelangt. 

Die Scene, in welcher Faust, der Mensch, der sich dem Bösen er- 
geben hat, Gott, der sich am Kreuz für die Menschen geopfert hat, um 
sie vom Bösen zu erlösen, allein von Angesicht zu Angesicht gegenüber- 
steht, ist die schönste und tiefsinnigste in dem Prettauer Faustspiel. So 
schlicht die Worte sind, so tief gehen sie, weil sie aus der Tiefe auf- 
richtigen Gefühls kommen. Die Abschiedswamung des Teufels hat Faust 
nachdenklich gemacht. Warum kommt ihm das Crucifix verdächtig vor? 

«Ich bin studiert und hochgelehrt, 

Der einen Holzblock nicht verehrt .... 



Und hier das Bild, was sagt es mir? 

Etwa, Faustus ich verzeihe dir? 

Ach nein, so sagt es nicht. 

Zornig ist sein Angesicht. — 

Nein, die Welt hat viel mehr Reize, 

Als dieser Gottmensch dort am Kreuze. 



Aber das versteh' ich nicht, 

"Warum ein Gott so grausam zugericht't! 

Sein ganzer Leib ist so voll Wund', 

Kein einziges Glied mehr gesund. 

Das meiste macht ihm wohl mein Leben, 

Kann mir kein andern Aufschluss geben. 

Schrecklich ist's, wenn man bedenkt, 

Wie ihn vielleicht mein Leben kränkt. 

Doch was ich bisher hab' gethan. 

Ihn und den Himmel abgeschworen, 

Ist so viel wie schon verloren! 

Ich jetzt nicht mehr ändern kann.» 

Diese Zwiesprache Faust*s mit dem Gekreuzigten ist in dem nämlichen 
Geist gedichtet, wie der von Ludwig Speidel mitgetheilte Spruch unter 
einem Christus bei Mattighofen, der mit den Worten anhebt: 

Hier halte still, o Wandersmann, 
Und schau' dir meine Wunden an, 
Die Wunden stehen, . 
Die Stunden gehen . . . 

Dann kommt der Klausner, der Kräuter bringt und Faust aufklärt, dass 
er noch zu retten sei, und ihn zu Reue und Buße bewegt. Am nächsten 
Morgen nach einer schlimm verbrachten Nacht beruft Faust den Teufel, 
um ihm den Abschied zu geben. Doch als der Teufel erklärt, er wolle 
ihm die schöne Helena bringen, verwehrt er's ihm nicht. Nun erscheint 
die Schöne, schmeichelt der Eitelkeit Faust's und gesteht ihm ihre Liebe, 
sodass er schwach wird und sich verführen lässt Helena bleibt bei ihm, 
verlässt ihn aber, wie alle Freunde und der Bajatzo, da er alt wird und 
es mit ihm zu Ende geht. Noch einmal ermahnt ihn der Klausner, aber 
es ist zu spät und der Teufel führt ihn zur Hölle. 

Das Prettauer Faustspiel macht in seelsorgerisch moralisierendem 
Geist die Episode mit dem Crucifix und der schönen Helena zur Hauptsache. 



Iq5 Hauffen, 

Die Geschichte Faust's wird vorwiegend benützt, um an ihm den typischen 
Sünder zu demonstrieren, der sich aus Leichtsinn, um drückender Noth zu 
entgehen, dem Bösen ergibt, sich zum Bessern wendet, aber, von Eitelkeit 
und Begierde verfuhrt, den guten Vorsatz nicht festhalten kann und in 
Verzweiflung endet. 

Es ist symbolisch bedeutsam, dass die alten deutschen Volksschau- 
spiele, welche einst von lebendigen erwachsenen Menschen gespielt wurden, 
sich zu Puppenspielen verjüngt haben. Ohne die verheerenden Glaubens- 
kriege hätte sich aus diesen wild wachsenden Schößlingen, vom schöpfe- 
rischen Hauch der Renaissancebildung befruchtet und veredelt, ein herr- 
liches nationales Drama entwickeln können, wie dies in Spanien und in 
England geschah. In Deutschland waren diese Sprößlinge zum größten 
Theile schon ausgerodet, verkümmert, verdorrt, zur Kinderei geworden, 
als im i8. Jahrhundert die Renaissancebildung in unseren Classikern ver- 
spätet auferstand. Doch noch als Puppenspiel regte das Volksdrama vom 
Doctor Faust Goethe zu seiner größten Dichtung an. Aber sonst hat die 
deutsche Poesie bitter darunter zu leiden bis zum heutigen Tage, dass die 
gebildeten Kunstdichter keine volksthümlichen Spiele mehr vorfanden, an 
die sie schöpferisch anknüpfen konnten. Die Folge ist, dass unsere Dichtung 
zum größten Theile eine wurzellose Bildungsdichtung ist. Das gilt von 
der humanistisch antikisirenden Weimarer Poesie und von der Romantik 
nicht minder als von der neuesten, modernsten Literatur. Auch diese ist 
Gelehrtendichtung, nur entspringt sie nicht humanistischer, sondern natur- 
wissenschaftlicher, psychologischer, philosophischer, sociologischer oder 
sonstiger Gelehrsamkeit. Volksthümlich wird die Poesie nicht dadurch, 
dass sie das Volk darstellt, sondern dass sie im Volke wurzelt und lebt. 
Das «Käthchen von Heilbronn» ist volksthümlicher als die « Weber ->. Darum 
ist es gut, die alten Spiele, die Reste des in seinen Keimen verschütteten 
deutschen Volksdramas zu sammeln und zu bewahren, denn wenn die 
deutsche Bühnendichtung jemals eine Erneuerung erleben soll, so wird 
sie an diese Volksspiele anknüpfen müssen ; denn alle lebendige Kunst- 
poesie ist immer nur veredelte Volksdichtung. 



Bericht über die landschaftlichen Sammlungen deutscher 
Volksüberlieferungen. 

Von Dr. A. Hauffen, Prag. 
I. 

Die Volkskunde, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die äußeren 
Erscheinungen, die Lebensweise, die Sprache, Sitte und Poesie eines 
Volkes zu sammeln, zu schildern, in ihren historischen Entwicklungen 
und ihren Beziehungen zu verwandten und fremden Stämmen zu verfolgen, 
ist in dieser abgerundeten, auf die Erforschung alles Volksmäßigen ge- 
richteten Thätigkeit eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. Freilich im 



Bericht über die landschaftlichen Sammlungen deutscher Volksüberliefeningen. 107 

Rahmen der Anthropologie, der Ethnog^raphie, der Cultur- und Litteratur- 
geschichte sind einzelne Zweige dieser Wissenschaft schon lange gepflegt 
worden. Die Erforschung der Volkspoesie insbesondere wurde von jeher 
cds ein Theil der Germanistik betrachtet. Die Begründer dieser Wissen- 
schaft, die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, haben innerhalb ihrer 
nachhaltigen und vielseitigen Wirksamkeit, die zum Theil aus den 
nationalen Bestrebungen der Romantiker erwachsen war, auch die ersten 
Werke über germanische Sagen, Märchen, Lieder, Mythen und Volks- 
anschauungen geschaffen. 

Seit den grundlegenden Arbeiten der Brüder Grimm ist die Thätig- 
keit auf dem Gebiete der deutschen Volkskunde nicht mehr abgebrochen 
worden. Wenn wir in PauTs «Grundriss der germanischen Philologie» 
(II I, S. 750 — 836) die Zusammenstellungen von John Meier über 
die deutsche Volkspoesie (Lieder, Sagen, Märchen, Sprichwörter, Räthsel, 
Volksschauspiele) oder die umfangereich «Bibliographie der deutschen 
Mundartenforschung» von Ferdinand Mentz (Leipzig 1892) ansehen, 
dann müssen wir staunen über diese zahllosen Sammlungen, Mono- 
graphien und Abhandlungen. Und wenn die Klage über das Ver- 
löschen volksthümlicher Überlieferungen immer lauter wird, diese in jedem 
Jahrzehnte reichhaltigeren Arbeiten scheinen eine pessimistische An- 
schauung nicht zuzulassen. In der That harrt eine Überfülle volksthüm- 
lichen Gutes des Finders und Sammlers, und noch heute ist unsere Kennt- 
nis von den Schätzen des Volksthums sehr lückenhaft. Die erste und 
wichtigste Aufgabe der Volkskunde, die Veranstaltung groß angelegter, 
möglichst erschöpfender, planmäßiger Sammlungen volksthümlicher Über- 
lieferungen in allen Landschaften ist noch zum größten Theile unerfüllt. 

In dieser fruchtbaren Sammelthätigkeit im großen sind uns andere 
Nationen bereits zuvorgekommen. Die im Jahre 1878 in London ge- 
gründete Folklore-Society hat sich die Sammlung, Erforschung und 
Veröffentlichung der Volksüberlieferungen in Groß-Britannien zur Auf- 
gabe gesetzt. Mit welcher Genauigkeit dabei vorgegangen wurde, be- 
weist das von dem Director der Gesellschaft George Lawrence 
Gomme verfasste Handbook of Folklore (London 1890). Auch die 
Franzosen, Holländer, Skandinavier haben eigene Vereine, Zeitschriften, 
Museen u. s. w. zur Förderung der Volkskunde*) mit reichen Mitteln und 
großen Erfolgen ins Leben gerufen. 

Besonders betriebsam auf dem Gebiete der Volkskunde waren alle 
slawischen Stämme in und außerhalb von Österreich. W. Nehring hat in 
einer reichhaltigen Übersicht die ethnographischen Arbeiten der Slawen 
besprochen (Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1, [1891] S. 250 — 279 
und 431 — 443). Seit diesem Berichte ist wieder viel geschehen; vor allem 
haben die Bulgfaren eine auf mehrere Bände berechnete volkskundliche 
Sammlung angelegt, und der cechoslawische Stamm hat in der seit 1892 

♦) Man vgl. unter anderem die Schriften: Instructions et Questionnaires von P. S^billot 
(Paris 1878). Questionnaire de Folklore von E. Monseur (Li^ge 1890) und das Vraagboek tot het 
zamelen van Vlaamsche Folklore von A. Gitt^e (Gand 1888). 



io8 



HaufTen, 



erscheinenden, von C. Zibrt und L. Niederle herausgeg^ebenen Zeitschrift 
6esky Lid (Volk) einen Mittelpunkt für culturhistorisch-ethnographische 
und anthropologisch-archäologische Arbeiten erhalten. 

Erst seit wenigen Jahren hat man auch in deutschen Ländern be- 
gonnen, volkskundliche Sammlungen in größerem Maßstabe unter Heran- 
ziehung weiterer Kreise ins Werk zu setzen. Diese Arbeiten sind heute 
an verschiedenen Orten in vollem Gange, ohne dass noch ein oder das 
andere Unternehmen seinen Abschluss gefunden hätte, was ja bei der 
kurzen Zeit der Vorbereitungen auch noch nicht möglich war. Älteren 
Datums sind nur die Fragebogen, die im J. 1881 Archiv-Director Dr. H. 
Pfannenschmid in Colmar behufs eines geplanten Werkes: «Sagen, 
Sitten, Gebräuche und Volksmeinungen in Elsass-Lothringen» heraus- 
gegeben hat. Die anderen Unternehmen sind erst in diesem Jahrzehnte 
begonnen worden. Zuerst hat im Beginne des J. 1891 Gymnasiallehrer 
Wossidlo in Waren im Auftrage des Vereins für mecklenburgische Ge- 
schichte und Alterthumskunde eine Sammlung mecklenburgischer 
Volksüberlieferungen eröffnet Er hat (zu diesem Zwecke theilweise be- 
urlaubt) das ganze Land durchwandert und in den letzten Jahren, wie 
seine in der Rostocker Zeitung veröffentlichten Berichte zeigen, eine reiche 
Ernte gehcdten. Mehrere tausend Nummern von Liedern, Sagen, Räthseln, 
Sprüchen sind jetzt beisammen. Der mecklenburgische Landtag bewilligte 
dem aufopfernden Sammler 7000 Mark für die Drucklegung eines dreibän- 
digen Werkes und 1000 Mark zur Anschaffung einer Handbibliothek. 

In Baden haben die Professoren J. Kluge, E. H. Meyer und 
Bibliothekar F. Pf äff eine ähnliche Sammlung eröffnet und mehrere 
tausend Stück Fragebogen vertheilt. Der großherzogliche Oberschulrath 
in Baden Hess, «von der hohen Nützlichkeit dieses Unternehmens über- 
zeugte, mittelst eines Erlasses durch die Kreisschul visitatoren die Volks- 
schullehrer zur Mitarbeit auffordern. In der kleinen Schrift «Badische 
Volkskunde» (Bonn 1894, Sonderabdruck aus der Alemannia, XXII) gibt 
E. H. Meyer eine Erläuterung zu den Fragebogen. Nach den in der 
Alemannia veröffentlichten Berichten zu schließen, schreiten auch die 
badischen Arbeiten rasch vorwärts. In Bayern hat sich unter der Lei- 
tung von Prof. Dr. Oskar Brenner in Würzburg ein Verein für bay- 
rische Volkskunde und Mundartenforschung, in Schlesien eine schle- 
sische Gesellschaft für Volkskunde gebildet, die beide in rascher Folge 
Mittheilungen herausgeben. Für die schl,esischen Sammlungen leitet 
Prof. H. Vogt die deutsche, Prof. W. Ne bring die polnische Volks- 
kunde. In ähnlicher Weise haben im Königreich Sachsen Prof. Mogk 
die Behandlung des deutschen, Prof. Wollner jene des wendischen Volks- 
thums übernommen. Femer regt sich die volkskundliche Forschung in 
Pommern, Posen, am Niederrhein (Archivar Dr. L. Korth in Aachen), in 
Bonn (Prof J. Franck) und anderwärts in Deutschland. 

In Österreich-Ungarn sind vor allem die Siebenbürger 
Sachsen nach dieser Richtung thätig. Im Auftrage des Vereins für sieben- 
bürgische Landeskunde haben Dr. H. SchuUerus und O. Wittstock 



Bericht über die landschaftlichen Sammlungen deutscher Volksüberlieferungen. loo 

im J. 1893 Fragebogen ausgehen lassen und im vorigen Jahre eine 
von Johann Wagner für Draas ausgezeichnet und reichhaltig ertheilte 
Beantwortung als Probe und Vorbild veröffentlicht. Das allmonatlich 
erscheinende Correspondenzblatt des Vereins bringt Mittheilungen und 
Beiträge zur siebenbürgisch-sächsischen Volkskunde. Auf Anregung des 
deutschen Hauses in Brunn hat der Breslauer Universitäts- Dozent 
Dr. O. Jiriczek eine treffliche «Anleitung zur Mitarbeit an volks- 
kundlichen Sammlungen» verfasst, die in ihrer Ausführung zunächst 
für die deutsche Volksforschung in Mähren bestimmt, doch auch für 
andere Gegenden sehr gut verwendbar ist. In Steiermark sammelt 
Custos Dr. Anton Schlossar, der schon mehrere reichhaltige volks- 
kundliche Arbeiten, so besonders Ausgaben steierischer Volkslieder und 
Schauspiele veröffentlicht hat. Schlossar besitzt, wie er mir freundlichst 
mittheilte, schon eine umfangreiche handschriftliche Sammlung von Über- 
lieferungen, deren (von einem älteren Sammler übernommener) Grundstock 
auf die Sechziger Jahre zurückgeht. Eigene Nachforschungen, sowie 
Mittheilungen von Lehrern und Pfarrern haben die Sammlung immer 
mehr vergrößert und besonders aus der abgelegenen Gegend der Fisch- 
bacher Alpen ist viel altes, echtes Gut gewonnen worden. Seit vier 
Jahren versendet Schlossar 347 in alle Einzelheiten eingehende «Fragen, 
betreffend die Volkskunde der Steiermark»*) mit den Abschnitten: der 
Jahreslauf; der Lebenslauf; Gespenstergfestalten, Teufel und Hexen; Volks- 
aberglaube, die Thierwelt, die Pflanzenwelt, Elementares betreiFend ; Ver- 
schiedenes. 

2. 

Nach dieser kurzen Rundschau sei es mir gestattet, noch über die 
von mir eröffnete Sammlung volksthümlicher Überlieferungen in Deutsch- 
Böhmen einige Worte zu sagen. Auf dem Gebiete der deutschen Volks- 
kunde ist in Böhmen viel gearbeitet worden. Der im Jahre 1862 ge- 
gründete Verein für die Geschichte der Deutschen in Böhmen 
hat gleich in den ersten Jahren seines Bestandes unter den noch zu er- 
füllenden Aufgaben auch die Sammlung und Erforschung von Volksüber- 
lieferungen ins Auge gefasst. Einen Theil dieser Pläne hat damals 
Dr. JosefGrohmann durch seine « Sagen aus Böhmen » 1. 1 863 und « Aber- 
glauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren» L 1864 erfüllt, wurde 
aber an der Fortsetzung und Vollendung durch wichtige Berufsgeschäfte 
behindert. In den letzten Jahrzehnten hat der am 3. März d. J. verstorbene 
Egerer Stadteirchivar Heinrich Gradl das Egerland nach allen Rich- 
tungen durchforscht, die Geschichte, Mundart, Sagen, Sitten und Bräuche 
seiner engeren Heimat in zahlreichen wertvollen Arbeiten behandelt. Neben 
ihm haben auch Habermann, Neubauer, Trölscher und Andere die 
egerländer Volkskunde nachhaltig gefördert.**) Im Böhmerwalde wurden 



*) Sie sind nicht gedrnckt, sondern durch chemische Tinte vervielfältigt. 
**) Ich vermeide es, hier die genauen Titel anzugeben, weil ich demnächst eine Bibliographie 
der deutsch-böhmischen Volkskunde zu veröffentlichen gedenke. 



HO Hauffen, Bericht über die landschaftlichen Sammlungen deutscher Volksüberlieferungen. 

durch J. J. Am mann Gebräuche, Zaubersegen, weltliche und geistliche 
Spiele gesammelt. In Nordwestböhmen waren F. Wilhelm, G. Laube 
und J. Stocklöw, in Nordböhmen: A. Paudler, J. Peters, in Nord- 
ostböhmen F. Hübler, J. Knothe (von dem wir auch ein Wörterbuch 
der schlesischen Mundart in Böhmen besitzen) und J. Fiedler besonders 
rührig. Zahllose kleinere Abhandlungen und Nachrichten sind in den 
deutsch-böhmischen Zeitschriften: Riesengebirge, Erzgebirgszeitung, Mit- 
theilungen des nordböhmischen Excursionsclubs, in Kalendern, Tages- 
blättem u. s. w. niedergelegt. Vor kurzem ist der Band Böhmen (i. Ab- 
theilung) der österreichisch-ungarischen Monarchie in Wort und Bild 
erschienen. Hier hat J. Rank mit der Feder des Novellisten und aus 
reichen Jugenderinnerungen heraus ein frisches Bild vom Volksleben der 
Deutschen im Böhmerwalde entworfen. Die Volkskunde der übrigen Theile 
Deutschböhmens wurde von A. Naaff behandelt. Da ihm ein verhältnis- 
mäßig großer Raum zur Verfügung stand, konnte er viel Material bei- 
bringen, namentlich über die Gebräuche und den Hausbau. Dürftiger 
sind die Abschnitte über die Sagen und Lieder, eigentlich geben sie nur 
Proben, keine scharfe Charakterisierung und manche unerwiesene Behaup- 
tung. Der Ausspruch (S. 548), dass eine deutsch-böhmische Volkslieder- 
sammlung «bis jetzt freilich nicht in der wünschenswerten Form zustande 
kam», muss entschieden zurückgewiesen werden. Die überaus reichhal- 
tige Sammlung von Hruschka und Toischer wurde von berufeneren Kriti- 
kern, so von Karl Weinhold u. A. als eine der besten Volkslieder- 
ausgaben bezeichnet. Meisterhaft hat es Gradl verstanden, den von der 
Redaction allzu knapp bemessenen Raum zu einer lichtvollen Darstellung 
der deutschen Mundarten in Böhmen auszunützen. 

An Vorarbeiten zu einer umfassenden deutsch-böhmischen Volks- 
kunde ist also kein Mangel. Einzelne Leistungen darunter sind vortrefflich, 
aber sie erstrecken sich nicht über das ganze Gebiet, so dass manche Landes- 
theile, manche wichtige Zweige der Volkskunde nur wenig oder gar nicht 
berücksichtigt worden sind. Von verschiedenen Gesichtspunkten aus 
angelegt, sind all* diese Arbeiten verstreut gedruckt und auch innerlich 
nicht zusammenhängend. Es war darum kein überflüssiger Vorgang, dass 
die Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, 
Kunst und Litteratur in Böhmen eine möglichst erschöpfende, 
systematisch angelegte Aufzeichnung und Verarbeitung der volksthümlichen 
Überlieferungen von ganz Deutsch-Böhmen nach dem Muster älterer 
Sammlungen in Angriffgenommen hat. Mit der Durchführung dieser Auf- 
gabe betraut, habe ich im Sommer 1894 Fragebogen zusammengestellt, die 
auf alle Zweige der Volkskunde ausführlich eingehen mit Ausnahme des 
mundartlichen Wortschatzes, der demnächst vom Vereine für Geschichte der 
Deutschen in Böhmen gesammelt werden wird, und mit Ausnahme der an- 
thropologischen Messungen, die ja zum großen Theile durch die statistische 
Centralcommission und durch die anthropologische Gesellschaft in Wien für 
das ganze Reich veranlasst werden. Da die erwünschte Reichhaltigkeit einer 
Sammelarbeit nur durch einen möglichst ausgedehnten Kreis von Mitarbeitern 



V. Kralik, Zur österreichischen Sagengeschichte. j 1 1 

erreicht werden kann, so sollen diese Fragebogen in möglichst großer Zahl 
über das ganze Gebiet vertheilt werden. Gemäß meinem der Gesellschaft 
vorgelegten Arbeitsplane habe ich die Sammlung zunächst auf einem 
kleineren Gebiete eröffnet, damit die später in größerem Maßstabe vorzu- 
nehmende Sammlung nach den im Anfang erworbenen Erfahrungen ein- 
gerichtet werden könnte. Bis jetzt habe ich die Fragebogen im ganzen 
Böhmerwalde vertheilt, ferner in den Bezirken Friedland und Landskron. 
Von Anfang an konnte ich mich der freundlichen Unterstützung der 
Herren Bezirksschulinspectoren und der bereitwilligsten Mitarbeit zahl- 
reicher Persönlichkeiten erfreuen. Aus den genannten Bezirken sind auch 
(zumeist von VolksschuUehrem) zahlreiche Antworten, darunter einzelne 
sehr umfangreiche und wertvolle Beiträge eingelaufen: Sagen und 
Märchen, Lieder und Sprüche, Zaubersegen und Räthsel, ein Weihnachts- 
spiel aus Wallern, Schilderungen der Häuser und Volkstrachten zum Theil 
versehen mit Zeichnungen oder photographischen Abbildungen, Sitten, 
Gebräuche und manches Andere. Im Jahre 1895 soll die Vertheilung der 
Fragebogen in den südlichen und westlichen, im Jahre 18^6 in den nörd- 
lichen und östlichen Bezirken Böhmens fortgesetzt werden. 

Wie die Sammelthätigkeit, so soll auch die seinerzeitige Vereirbeitung 
nicht überstürzt werden. Der hoffentlich einmal sehr reichlich vorliegende 
Stoff wird jedenfalls gesondert nach den vier deutsch-böhmischen Stämmen, 
den Baiern, Oberpfälzern (Nordgauischen), Sachsen und Schlesiern erfolgen 
müssen. Die Einzelheiten der Verarbeitung werden sich natürlich erst 
aus dem Wesen der einzulaufenden Beiträge ergeben. Übrigens werden 
auch in dieser Hinsicht die (oben besprochenen) verwandten Unternehmen 
einander in fruchtbarer Wechselwirkung fördern, denn von der Art und 
Weise des Betriebes, von den Ergebnissen der Mitstrebenden wird man 
gegenseitig lernen können. Und wenn nach Jahren alle jetzt unter- 
nommenen Sammlungen ihren Abschluss finden werden, dann wird das 
Verdienst des zu erwartenden schönen Ergebnisses nicht den einzelnen 
Leitern allein, sondern allen Arbeitern auf dem Gobiete der Volkskunde 
gleichzeitig zukommen. 

Auch von diesem Gesichtspunkte aus ist die Begründung des Vereins 
für österreichische Volkskunde freudig zu begrüßen. Denn der 
Verein ist dazu bestimmt, durch sein vorbildliches Vorgehen und seine Zeit- 
schrift eine Stätte der Anleitung und der Aufmunterung für den volkskund- 
lichen Sammeleifer in ganz Österreich zu bilden. 



Zur österreichischen Sagengeschichte. 

Von Dr. Richard R. v. Kralik. 
II. 

Nach meinen einleitenden Bemerkungen (p. 7 ff dieser Zeitschrift) 
will ich versuchen, das erste Capitel der österreichischen SagengescWchte zu 
skizzieren, in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf diese genealogischen 
Stammtafeln zu lenken. Vielleicht wird die Zusammenstellung mit den ahn- 



112 V. Kralik, 

liehen Reihen bei Jordanes und mit angelsächsischen und altnordischen Ana- 
logien allmählich mehr Licht in diese wundersamen Erzählungen bringen. 
Durch biblisch und lateinisch klingende Namen darf man sich nicht sogleich ab- 
schrecken lassen ; denn gar leicht nehmen unverstandene Namen eine andere 
Form an. So ist z. B., um ein ferner liegendes Gebiet zu berühren, aus 
«Garel» von dem blühenden Thal ein «Daniel» von Blumenthal geworden. 
Namen und Geschichte dieser beiden Artusritter sind, nebenbei bemerkt, 
nur Varianten derselben Sache. 

Ich habe daher versucht, die meisten dieser Namen aus dem alt- 
deutschen Namenbuch von Förstemann zu belegen. Von den Wappen 
habe ich nur solche hie und da erwähnt, die eine sagenhafte Bedeutung 
zu haben schienen. Zu bemerken ist, dass Helmzimier und Schildzeichen 
immer ganz verschieden sind. Eine sorgfältige Ausgabe nach Vergleichung 
aller Handschriften wird noch manches sicherstellen können. In dieser 
Vorprüfiing habe ich mich auf den Abdruck bei Fuhrmann, österr. Chronik, 
Wien 1737, auf das Verzeichnis des Schräm, Qironic. Mellic. P. i. p. 8. 
1702, abgedruckt bei Fuhrmann, und den Auszug nach einer anderen 
Handschrift bei Lind im 8. Bd. der Ber. d. Alt.-Ver. zu Wien beschränkt. 

So also beginnt unser Auszug der alten Sagen -Chronik : Es war gesessen in diesem 
Land über Meer, das da heißt Terra ammirationis (Wunderland? oder vielleicht = Termerinda, 
wie Plinius 6, 7 den mäotischen See nennt, was Mutter des Meeres*) bedeuten soll), ein Graf Sathan 
(Odhin?; von Alligemorum (Alfheim? Asaheim?), unter dem ward geboren ein edler Mann, der 
hieß Abraham von Theomanaria. Dieser Stammvater muss ungefähr dem Amala oder Berig des 
Jordanes entsprechen. Der Name hat natürlich nichts mit dem biblischen Abraham zu thun, zu dem er 
auch chronologisch nicht passt. Es gibt einen deutschen Stamm Abar, der mit Avar imd Ebar 
wechselt. (Aberram, Avarwan bei Förstemann S. 4). Auf diesen würde dann nicht nur unser 
Abraham, sondern auch die Benennung seines Landes c Auratim, Avarata, Avara», wie sie an 
verschiedenen Stellen der Chronik lautet, zurückgehen. Hier darf auch der fabelhafte Hyper- 
boreer Abaris (Herodot 4» 36, Eudocia Viol. p. 20) nicht übergangen werden, der durch eint 
Hungersnoth gezwungen, sein Land verließ, nach Hellas kam, von ApoUondie Wahrsagekunst 
lernte, mit dem Pfeile als dem Symbol des Schützengottes Apollon weissagend die ganze Erde 
durchwanderte und Orakelsprüche hinterließ. Dieser Abaris mag auf irgend eine Weise unseren 
Abraham erläutern, obwohl er nach Harpokration in eine viel spätere Zeit versetzt wurde. Auch 
Ibor, der Stammheld der Langobarden, sowie Ambri, der der Wandalen (bei Paulus Diaconus), 
klingen an unsem Abraham an. Aventinus kennt einen Stammkönig Eber, der gleich von Babel 
her nach Österreich kommt und die Stadt Ebersau (Eburodoeum) um Krems gründet. Theomanaria 
wird wohl identisch sein mit dem ersten geographischen Namen, Terra ammirationis, den ich zu 
Termerinda oder Temerinda gestellt habe. Dorthin, in den Norden des schwarzen Meeres, weisen 
die meisten Stammsagen, womit andere, die von Skandinavien ausgehen, vielleicht nur scheinbar 
im Widerspruch stehen. Jener «Abraham»nimmt zum Weib Susanna (altd. Osanna oder Sunna ?)**;, 
die Tochter des Terremont (Thrasamimt ?) von dem Reich Saniamorum. In letzterem Namen, der 
offenbar den Gegensatz zu Alligem[orum] bildet, vermuthe ich eine Analogie von Wanaheim 
(Jnglingasaga i). «Abraham», der ein Rosshaupt als Wappen hat, wird von seinem Oberherm, 
gegen den er sich aufgelehnt hat, vertrieben und kommt 859 Jahre nach der Sündflut am 
12. Juni nach Auratim oder Aratim, das jetzt Stockerau heißt. Das Land heißt Judeisapta (vgl. 
Gothiskandza bei Jordanes, oder das auf die Juten, Juthunge zurückgehende Idungespiuge aus 
einer österr. Urkunde bei Grimm, Gesch. d. d. Spr. 350, heute Jedenspeigen an der March). 
Aiiratim war 70 Meilen von den nächsten Leuten entfernt. Diese ersten Stammeltcrn liegen zu 
Stockerau begraben. 

*) Jordanes nennt ähnlich die Insel Skandzia die Mutter der Nationen. 
**) Ihr Wappen ist ein rother Knopf! 



Zur österreichischen Sagengeschichte. nx 

Sie hatten zwei Söhne und zwei Töchter. Ihr ältester Sohn Athaim (altd. Atto, Adhelm) 
vermählt sich mit Manaim (vgl. altd. Menia), der Tochter des ungarischen Grafen Rachan (altd. 
Rachant), der zwei schwarze Elstern im Wappen hat. Sie sind zu Tulln begraben. 

Nach ihnen regiert zuerst ihre Tochter Volim (altd. Wola), und deren Gemahl, der 
Böhme Rabar oder Babai (altd. Hraban, Babo), und darnach ein jüngerer Sohn Laptan (vgl. altn. 
Halfdan), der eine ungarische Gräfin Samar (vgl. altd. Samdrud) zur Frau hat. Er nennt das 
Land Sauritz und stiftet das Land Steier. Er ist zu Trautmannsdorf begraben. 

Ihm folgte zuerst sein älterer Sohn Rimmer (altd. Rimmo, Rimher), dann dessen Bruder 
Ninter (altd. Nither, Nanther), der die Sinna (altd. -sinna, -sinda) zum Weibe nahm. Sie sind 
begraben eine drittel Meile von Neustadt. 

Ihr Sohn Lynal (altd. Lino) nannte das Land Sannas, sein Weib hieß Sinna und war 
eine Ungarin, die einen goldenen Ring mit einem Raben im Wappen führte (Corvinus). Sie sind 
zu Stockerau begraben. 

Ihnen folgte zuerst ihr ältester Sohn Rantan (altd. Rando, Randoin), dann dessen 
Bruder Pyna (altd. Pipin ?), der die böhmische Königin Sanna (altd. Sania) freite, die rot he Rosen 
im Schilde trug. Sie sind zu Tulln begraben. Hier ist ein Widerspruch in der Überlieferung, 
indem eine Version diese letzteren Generationen überspringt und an ihrer Stelle einen Ungarn 
Aminad (altd. Amino, Amanold), einen Schwiegersohn Laptans, einschiebt. 

Nun folgen wieder drei Brüder nacheinander: Pyna, Liptan und RJmman und deren 
Schwester Synna, die einen ungarischen Herzog Zawan oder Saban (tgl. den Sahen der deutschen 
Heldensage) zum Gemahl hat. Die beiden letzten sind zu Greifenstein, nach anderer Version 
Greitschenstein oder Caphenpheil begraben. 

Ihr Sohn Ratan (altd. Ratan) freit die böhmische Herzogin Sanna. Beide sind zu 
Nussdorf begraben. Ihnen folgen nacheinander ihre beiden Söhne Rimmer oder Rymmar und 
Nero (vgl. den altnord. «Neri» und den altd. Neriolf). Nero*s Weib ist die Kärntnerin Limma. 
Beider Grab ist zu Nussdorf. 

Ihr Sohn ist Amys oder Antz (vgl. die Ansen des Jordanes oder die altd. Namen 
Anso und Anzo, den König Anzius des Hugdietrich). Er nennt das Land Pannans (Pannonien) 
und heiratet die böhmische Herzogin Lenna (altd. Lenda, Lanna), deren Vater einen Widder mit 
goldenem Haupt im Wappen führt. Sie sind zu Komeuburg begraben. 

Ihr Sohn Nonas (altd. Nono) vermählt sich mit Lenna, einer Gräfin von Sannas oder 
Lanazz, deren Vater eine Eule im Wappen führte. Sie sind niederhalb Nussdorf begraben. 

Ihre Tochter Synna nahm einen Graf von Pantig, der hieß Tanton (altd. Tanto). Seine 
Grafschaft lag in Pannans. Er führte eine Weintraube im Wappen. Das Paar ist begraben 
unter dem Kahlenberg. 

Ihr Sohn Taton (altd. Tatto) freit die Böhmin Sinna. Er liegt mit seinem Weibe be- 
graben «niederhalb Nussdorf, wo sich jetzt der Arm der Donau gen Wien scheidet». 

Deren Tochter Lanns oder Lanus (altd. Lanza) freit den böhmischen Herzog Mathan 
(vgl. altd. Matto, Matuvin). Ihre Gräber sind zu Tulln. 

Ihr Sohn Mannan (altd. Manno, gen. Mannanis) freit die Ungarin Lenna. Beide sind 
begraben, wo Kloster Neuburg liegt. 

Deren Sohn Mannaym oder Nannaym (altd. Mannewin oder Nantwin) hat die Ungarin 
Menna (vgl. altd. Meina, altn. Menja) zur Frau, deren Vater ein «Eingehüm» im Wappen hat. 
Sie sind begraben «in dem Bühel bei S. Lazarus auf dem Feld». 

Ihr Sohn Ramaym ivgl. altd. Raming) starb schon ein Jahr nach dem Vater. Die 
Herrschaft fiel also an eine Tochter, Zema mit Namen (vgl. altd. Zamila, Zemidrud), und an deren 
Gemahl, den Ungarherzog Magaus oder Mangais (vgl. altd. Mago, Megizo). Er soll dem Lande 
den neuen Namen Tantanio oder Tantamo gegeben haben. Er führte von hausaus ein Aglaster 
(Elster) im Wappen. Mit seinem Weibe liegt er vor dem Werderthor zu Wien begraben. Sein 
Sohn Mannan und dessen Frau Synna von Böhmen sind oberhalb Nussdorf begraben. Deren 
Tochter Senna (altd. Senda) und ihr Gemahl Laptan von Ungarn sind begraben in oder unter dem 
Kahlenberg. Ihr Sohn Lavan oder Lanan (altd. Lewan, Lanno?) und dessen Frau Senna von 
Böheim liegen vor dem Werderthor begraben. 

Zeitschrift lur österr. Volkskunde. I. 8 



11^ V. Kralik, 

Ein Sohn dieses Paares, Maran (altd. Maro) hat nur ein halbes Jahr regiert, und ihm 
folgte seine Schwester Senna und deren Gemahl Mannan von Böheim, die oberhalb Nussdorf 
begraben liegen. 

Es folgt deren Sohn Tanton II., der Gemahl der Ungarin Malon oder Malan. Ihr Vater hat 
einen Kürbis im Wappen. Ihren Namen kann ich nicht erklären ;*) er erinnert aber an ein schönes 
Märchen (N. 198 bei Grimm) von der Jungfrau Maleen, einer Königstochter, um die ein Prinz, 
also vielleicht unser Tanton, der Sohn des Mannan und der Senna, wirbt. Ihr Vater will sie 
aber einem anderen geben und, da sie nicht gehorcht, sperrt er sie in einen finstem Thurm sammt 
ihrer Kammerjungfer und der Speise für sieben Jahre. Als nach sieben Jahren aller Vorrath auf- 
gezehrt ist und keine Erlösung kommt, durchbrechen die beiden Jungfrauen mit dem Brotmesser 
den Thurm. Sie finden das Schloss des Vaters in Trümmern, das Land vom Feind zerstört und 
menschenleer. Sie müssen ihren Hunger an Brennesseln stillen und kommen endUch in eine große 
Stadt, wo eben der geliebte Prinz mit einer anderen hässlichen Braut hochzeiten soll. Maleen 
wird die Magd der Hässlichen und muss sie bei der Trauung vertreten. In der Nacht aber 
verräth sich die Hässliche, Jungfrau Maleen wird als die rechte Braut anerkannt, und der Falschen 
der Kopf abgeschlagen. Maleen erzählt ihrem Bräutigam von dem Thurme, darin sie gefangen 
gesessen hatte. Davon sang man noch lange das Lied : 

Kling, klang, Gloria, 

Wer sitzt in diesem Thurme da ? 

Da sitzt eine Königstochter drinnen. 

Die kann ich nicht zu sehen kriegen. 

Die Mauer will nicht brechen. 

Der Stein der will nicht stechen. 

Häuschen mit der bunten Jack, 

Komm und folg' mir hintennach ! 
Solche oder ähnliche Sagen hat man sich zu allen Namen dieser Re- 
gentenreihe hinzuzudenken. Namen und Sagen haben sich aber, wie es 
scheint, im Laufe der Zeit getrennt. Die Sagen sind zu unsern, meist namen- 
losen, Kindermärchen geworden, die Namen zu dürren, sagenlosen Registern. 
In der Zeit des Saxo Grammaticus ist noch beides vereinigt gewesen. 

Das Grab Tantons und der Frau Malon ist gleich dem Mannans oberhalb Nussdorf. 
Ihnen folgen zwei Söhne : der ältere Danan (altd. Dano) stirbt erblos nach drei Monaten, 
der jüngere Reymann (altd. Raginman, Raynraan) und dessen Frau Senna von Ungarn sind be- 
graben, da jetzt das Kloster Neuburg liegt. 

Bis hieher zählt die Chronik 34, nach anderer Version 27 Herrschaften, aber nur 
23 Generationen. Die verschiedenen Versionen geben auch die Regierungszahlen an, aber nicht 
ganz übereinstimmend. 

In diese Zeit nun, die ungefähr in das siebente Jahrhundert vor Chr. also in die durch 
die Skythenzüge gekennzeichnete Völkerbewegung fällt, setzt die Sage ein wunderliches Ereignis. 
Bis hieher waren nämlich die Herrscher und das Volk Heiden und glaubten an die Abgötter. 
Raymans Sohn Sennan oder Gennan (altd. Sanno, Gando) ward aber bezwungen von einetn 
jüdischen Volk, so dass er sich beschneiden lassen musste, und er nahm an sich die jüdische 
Ehe und thät die Abgötter hin und glaubte an jüdischen Glauben. Um dieses Räthsel aufzulösen, 
wird man wohl weniger an die Juden selber oder an irgend ein anderes Volk zu denken haben, 
das sich durch die Sitte der Beschneidung auszeichnete und das sich in neuer Völkerwelle von 
den Küsten des schwarzen Meeres her ergoss; vielmehr werden diese Juden wohl nur aus den 
Juten und Juthungen hervorgegangen sein, die auch dem Lande den ältesten Namen Judeisapta ge- 
schöpft haben. «Die Juthunge waren eigentliche Sueven, die noch neben den Alamannen ihren alten 
Namen behaupteten imd deren Einfälle in Rhätien und Italien die Geschichte kennt» (Griram's 
Gesch. d. d. Spr. 350). J. Grimm vermuthet die Juten unter den Vithones des Tacitus (c. 40), 
Zeuss hat sie mit den Teutonen und Ziuwasi, Rask mit den Goten, andere haben sie mit den 
nordischen Jötnar, was soviel wie Riesen bedeutet, zusammengestellt. Dass ihr Andenken in 
Österreich noch lange nicht erlosch, beweist der oben angeführte Ortsname Idungespiuge (Jeden- 
speigen) und der Personenname Jedunc bei dem Minnesänger Xcidhard (Grimm a. a. C). In der 
*) vgl. weiter unten Magalin. 



Zur österreichischen Sagengeschichte. . 11 = 

Peutingcr'schen Tafel sind die «Jutugi» zwischen die «Qoadi» hineingeschrieben gerade über Vindo- 
bona jenseits der Donau. Ihr Name wird auch mit den Jazygen zusammengestellt. Man ver- 
muthet darunter verbündete quadische und sarmatische Stämme, also einen Bund, der sich ansieht «wie 
ein eingelebter Vorläufer der späteren bayrisch-magyarischen Verbindungen und der heutigen österreichisch- 
ungarischen Monarchie» (Kirchmayr, die Quaden I, 16). Diese prophetische Mischung 
von Österreichern, Ungarn und Böhmen ist auch unserer Chronik eigen. 

Sennan starb ohne Erben imd liegt, wie nach unserer Sage alle, die erblos sterben, bei 
seinem Vater begraben. Seine beiden Brüder Mannan und Saptan (Sabdan) theilen das Land; 
jenem fallt der niedere Theil an, diesem der obere Theil. Mannans Weib war die Ungarin Meynin 
(vgl. altd. Maganya). Sein Bruder Saptan aber überwältigte ihn und nannte das ganze Reich mit 
neuem Namen Mittanans. Mit seiner Gemahlin, der «Jüdin» Salym (altd. Solimia) von Böheim, 
ruht er vor dem Stubenthor. 

Dessen Sohn Rippan (altd. Ripo, Riphuni) nahm eine Gräfin von Pennator oder 
Pennaw (= Fannawe ?), das in seinem Land gelegen war, die hieß Menna. Sie sind zu Tulln begraben. 

Deren Tochter Rathaym oder Rachaym (altd. Radivina, Ragina) nahm den Herzog 
Salon oder Salant (altd. Salo, Salado) von Ungarn. Als er starb und oberhalb Nussdorf begraben 
wurde, nahm Herzogin Rathaim einen andern Mann, Ghraf Laptan von Böheim. Dieser nannte 
das Land Fannawe, wie es scheint, nach dem Stammgut der Mutter seiner Frau. Er und sein 
Weib ruhen vor dem Werderthor zu Wien. Da ward das Land ledig und war weder Fürst 
noch Fürstin; denn Laptan verschied ohne Erben. 

Eine neue Dynastie begründet der «jüdische» Herzog Altmantan (= Altman oder Altmund) 
von Ungarn. Derselbe besammelte sich mit Macht und gewann das Herzogthum Fannawe. Sein 
Weib war Salamin oder Flamyn von Böheim. Er und sie sind begraben bei der Neuen Stadt. 
Von dessen Söhnen erbte der jüngere Salman das Stammland des Vaters, Ungarn; der ältere 
Ranthannes oder Rantanais (vgl. altd. Randung, Randuin) ward Herzog zu Fannawe, verkehrte 
aber des Landes Name und hieß es Avarata oder Anarata. Mit seinem Weibe Sanum (altd. 
Sanila) von Böhmen liegt er begraben in der großen Stadt Lorch, die nun Enns heißt. 

Deren Tochter Leuna nahm zum Gemahl den Ungarn Raptan oder Rettan. Der nannte 
das Land Filan. Er und sie liegen begraben zu Greifenstein. 

Deren Sohn Mantan oder Montan (altd. Manto oder Mundo) nahm eine Herzogin von 
Bayern, die hieß Sanna. Ihr Vater führte einen schwarzen Widder als Helmzeichen. Dies 
Fürstenpaar liegt in dem Kahlenberg begraben. 

Deren Tochter Semyn oder Sennyn ist mit ihrem Mann Retan von Ungarn vorm 
Schottenthor begraben. 

Deren Sohn Attaion (altd. Attalo) freite die Prinzessin Magalin (vgl. altd. Magilind 
oder das romanisierte Magelone) von Böheim, deren Vater 5 blaue Lilien auf dem Helm und eine 
weiße Rose im Schild trug. Das Paar ist begraben zu Lorch, in der großen Stadt, die nun 
Enns heißt. 

Deren Sohn Raban (altd. Hraban) ist mit seiner Frau Santla (vgl. Sandhild) von Böheim 
zu Stockerau begraben. Ihm folgte, da er kein Kind hatte, sein jüngerer Bruder Effra (vgl. altd. 
Efurhard, Efurwin), der die Ungarin Samaym freite. Ihr Vater führte auf dem Helm ein 
schwarzes gekröntes Widderhaupt. Beide sind vor dem Werderthor zu Wien begraben. 

Deren Sohn Nabon (vgl. altd. Nawin, Nebo) liegt mit Frau Saromana von Ungarn zu 
Tulln. Sie hatten eine Tochter Sygna (altn. Signy), die unverheiratet starb. 

Nabons Sohn Roland nannte das Land Rarasina oder Raymarina und führte einen 
Lindwurm im Wappen mit zwei goldnen Kronen. Mit seiner Frau Sanna von Ungarn, die eine 
Natter im Wappen führte, ist er unter dem Kahlenberg begraben. 

Deren Tochter Sanna ist mit ihrem Gemahl Reinar von Böheim unter dem 5khneeberg 
bestattet. In das zehnte Jahr dieser Regierung soll Christi Geburt fallen. 

Deren Sohn Nathan (altd. Nato) und dessen Frau Sathin (vgl. altd. Adal-sada) liegen zu Tulln. 

Ihnen folgte zuerst die ältere Tochter Masira (altd. Masa), dann als diese erblos starb, 
die jüngere Rathim oder Rachym; mit ihrem Mann Baban (altd. Babo, Babenberg) von B(")heim 
liegt sie begraben unterhalb Nussdorf, das nun heißt die Heiligenstadt. 

Ihnen folgte ihr Sohn Samech (Diminutio von Samo) und Frau Enna (altd. ebenso). Sie 
liegen oberhalb Nussdorf. 

8* 



I l5 V. Kralik, 

Ihre Tochter Rathan und deren Gatte Saptan von Böhmen haben dieselbe Begräbnisstätte, 

Deren Tochter Senna liegt mit ihrem Gatten Rolant von Böhmen zu Perchtoldsdorf. 

Deren Sohn Jannet (vgl. altd. Jani-pert) benannte das Land Corrodancia ; mit seiner Frau 
Sammana von Böheim liegt er oberhalb Lorch oder Enns begraben. 

Unter seinem Sohn Mantan oder Montan (II » erzählt die Sage wieder von einer Glaubens- 
veränderung. Die Heiden in dem Land zu Ungern und anderswo machten sich da auf, zogen 
mit Gewalt in das Land und bezwangen Herzog Mantan, dass er ein Heide werden musste und 
die Abgötter anbeten und jüdischen Glauben verläugnen. Das ereignet sich im zweiten Jahrhundert 
nach Chr., etwa zur Zeit der dacischen Kriege Trajans. Mantan und seine Frau Herzogin Signa 
von Ungarn ruhen zu Stockerau. > 

Deren Sohn Mathon (altd. Matto) und seine Frau Salmina oder Salymna sind begraben 
in der Festung Greifenstein. 

Von seinen Söhnen Salanata und Hemma regierte der erstere mit Frau Alamyn (vgl. 
altd. Alaman) von Böheim. Er und sie sind oberhalb Nussdorf begraben. 

Ihr Sohn Rathan und dessen Frau Sympna oder Sypna (vgl. altd. Sibia, altn. Sif ) von 
Böheim sind begraben vor dem Kämtnerthor mit ihrem Sohn Salkan (altd. Salaco), der ohne 
Erben vor dem Vater starb. 

Da nun das Land ledig war, setzten die Römer als die Oberherrn des Landes den 
Rottand (altd. Hruodant), einen Herzog von Ungarn, zum Herrn des Landes ein. Er ruht mit 
seinem Weib Salymna von Böheim zu TuUn. 

Deren Sohn Sathan (vgl. altd. Sando?) mit seiner Frau Sam3ma (vgl. altd. Samanildis) 
sind begraben zu Neuburg-Klosterhalb. 

Mit diesem endet die Reihe der heidnischen und «jüdischen» Herrscherreiche, welche 
durch 1482 Jahre vor und durch 384 Jahre nach Chr. das Land an der Donau beherrscht haben, 
und es beginnt die Herrschaft der christlichen Herzöge. Die Römer setzten einen edlen Graf von 
Rom in das Land, der hieß Aman oder Amand. Er war ein Freund des heiligen Alexius, der 
als der Sohn eines reichen Römers seine Braut am Hochzeitstage verlassen hatte, viele Jahre 
in der Fremde als Bettler umherzog und zuletzt unerkannt von seinen Eltern im Hause des 
Vaters zu Rom in einem Kämmerlein unter der Stiege im Jahre 391 oder 417 gestorben ist. 
Er liegt auf dem Aventin begraben und wurde besonders von Kaiser Otto III. sehr verehrt. Durch 
diesen Alexius wurde Amand bekehrt. Er nannte das Land Avara oder Anara, im Wappen führte 
er ein schwarzes Kreuz. Seine Frau war die edle Römerin Helena. Sie bekehrten ein Viertheil 
des Landes zum christlichen Glauben. Dafür wurde Amand und sein getreues Landvolk von den 
Römern gemartert. Er und seine Frau liegen begraben zu Rom in S. Peters Münster unter 
S. Peters Altar als große Heilige. 

Ihnen folgten ihre drei Söhne Johannes, Albrecht und Dietrich. Sie nannten das ganze 
Land Osterland und theilten es unter sich. Dem Dietrich gefiel das Land von der Neuenstadt 
bis gen Pressburg, Albrechten gefiel das Land von der Enns bis gen Schärding, Johannes das 
Land zwischen beiden. Johannes und seine Frau, die Römerin Anna, stifteten die Pfarrkirche 
S. Stephan zu Wien; sie sind begraben zu Neuburg-Klosterhalb, wo ein kleines Kirchlein war. 
Albrecht vereinigte das Land wieder nach dem Tode seiner Brüder und hieß es Österreich. Seine 
Frau war die Böhmin Katharin oder Katrei, die ein goldenes Rad als Wappen führt. Sie sind 
zu S. Stephan begraben. 

Ihr Sohn Eberhart nahm eine Herzogin von Bayern, die hieß Osanna (altd. Osanna, 
Förstemann S. 112). So wurde er auch Herzog zu Bayern., Von Österreich nannte er sich aber 
nur Markgraf aus Schmerz über den Tod seiner Kinder. Sie sind allesamt begraben zu St. Peter 
bei Straubing in Bayern. 

Da ließ der römische Kaiser die Markgrafschaft dem Herzog Hainrich von Böheim mit 
seinem Weib Ursula von Ungarn. Auch sie starben kinderlos und ruhen zu Glataw (Klattau) 
in Böhmen. 

Kaiser Hainrich lässt nun die Markgrafschaft dem Herzog Otto von Ungarn und seiner 
Frau Elisabet. Beide hegen zu Prag in S. Johannis-Kirche. 

Ihr Sohn Chunrat wird römischer König und zugleich wieder Herzog in Österreich. Er 
und seine Frau Anna sind auch zu Prag begraben. 



Zur österreichischen Sagengeschichte. 1 1 •? 

Sie hatten drei Söhne: dem ältesten, Hainrich, fiel Böhmen zu. Sein Weib war 
Osanna, Tochter des Ungamkönigs Nicias. Dem Stefan fiel das Land oberhalb der Enns wi; 
dem Albrecht Niederösterreich. 

Des letzteren Söhne Ludwig und Friedrich theilten wieder ihr Erbe. 

Ludwigs Sohn ist Johannes, der bei St. Martin zu Klostemeuburg begraben ist. 

Dessen Sohn ist Hainrich, vermählt mit Ursula von Böheim. 

Dessen Sohn ist Hans, vermählt mit Margret von Böheim. 

Ihm folgt sein Sohn Ludwig, der begraben ist oberhalb Bern in Lambarden. 

Dessen Sohn Albrecht und seine Frau Osanna von Böheim vererben das Land wieder 
einem Sohne Hainrich. Dem folgen dessen Söhne Peter und Johannes. Als sie ohne Erben 
sterben, wird das Land im Jahre 883 nach Chr. wieder ledig, und der hochberühmte Rüdiger von 
Pöchlarn kommt in den Besitz der Mark. 

Dies ist der dürftige Auszug aus der großen Chronika zu Österreich. 
Er bietet uns nur Namen, Genealogien, Wappen und JahreszaWen; das 
wichtigste, die Sagen selber, die ihn einst belebt haben, sind todt. Es 
ist so, als wenn wir von der dänischen Sagengeschichte des Saxo Gram- 
maticus nur die Namenfolgen erhalten hätten, also gerade nur den durch 
gelehrte Fictionen hergestellten Zusammenhang, nicht aber die echten 
volksthümlichen Sagen, die dem Werke allein seinen Wert geben. Trotz- 
dem müssen wir auch in diesem armseligsten Zustande die Spuren einer, 
wie ich glaube, einst wirklich vorhandenen Sagengeschichte von Österreich 
schätzen, prüfen und so viel als möglich ausbeuten. 

Die Namen haben sich meist trotz ihrer scheinbaren Fremdartigkeit 
als deutsch erwiesen. Was das auslautende -n betrifft, das so auffallend 
häufig vorkommt, verweise ich auf Förstemann altd. Namenbuch, S. 947, 
wo ähnliche Erscheinungen in fränkischen und gothischen Urkunden durch 
den casus obliquus erklärt werden. 

Was die verschiedenen Namen des Landes betrifft, so haben wir 
in ludeisapta schon einen Ausdruck vermuthet, der etwa das Land der 
Juthungen bedeutet. Corrodancia erinnert sehr an das Gothiscandza des 
Jordanes, das man als Gothenschanze erklärt. Auratim, Avarata, Avara 
weisen weniger auf das Volk der Awaren, das geschichtlich erst viel 
später in diesen Gegenden auftritt, als auf den Stammvater Abar = 
Abraham. Pannans geht auf Pannonien zurück, vielleicht auch Fannawe 
und das verderbte Sannas. Tantanio hängt mit dem Herrschernamen 
Tanton zusammen; Rarasina oder besser Raymarina, mit dem Namen 
Rainer oder einem ähnlichen. Mittanans bezeichnet ein Mittel-, Mark- 
oder Grenzland, entweder in der Bedeutung des eddischen Midgard oder 
des romanischen Metz, Mezzo. Die übrigen müssen einstweilen unerklärt 
bleiben. Vielleicht werden andere damit glücklicher sein. Nur das eine, 
glaub' ich, wird man dabei festhalten müssen, dass diese Namenreihen 
nicht, aller Erfahrung zum Trotz, willkürlich erfunden und aus den 
Fingern gesogen sind, wie man bis hieher geglaubt hat, sondern nach 
der Analogie ähnlicher Erscheinungen des Mittelalters bei Gothen, Lango- 
barden, Skandinaviern, Dänen und Angelsachsen auf alten volksthüm- 
lichen Traditionen beruhen, die irgend einmal mit mehr oder minderem 
Aufwand an combinirender Gelehrsamkeit schriftlich fixiert worden sind. 

(Fortsetzung folgt.) 



H g Kleine Mittheilungen. 



n. Kleine Mittheilungen. 



Burg Barwald und Ihre Sagen. 

Von Karl Wilh. HaUama, Saybusch. 

Gelegentlich meines Aufenthaltes im Sommer 1 890 zu Barw^aM görny bei Kalwarya besuchte 
ich die in nächster Nähe gelegenen Schlossruinen von Landskron (Lanckorona) und Barwald. 
Erstere von Kasimir dem Großen im Jahre 1361 als eine Feste erbaut, ist noch, wenngleich sie 
nur einen Trümmerhaufen bildet, weithin dem Auge sichtbar und wird auch ziemlich häutig von 
Touristen aufgesucht. Letztere dagegen auf dem gegenüberliegenden Berge Zajarek, an dessen 
Fuße die berühmte Wallfahrtskirche von Kalwarya liegt, ist durch den herangewachsenen Hoch- 
wald den Blicken entzogen und ganz unbekannt. Nur der tiefe Graben und einzelne Mauerreste 
deuten auf die einstige Burg. 

Wenig bekannt dürften die beim dortigen Landvolke verbreiteten, an die Zerstörung der 
Burg sich anknüpfenden Sagen sein : 

«Die letzte Herrin auf der Burg Barwald war in weiter Umgebung als eine mächtige 
Zauberin bekannt; schon ihre Blicke konnten einen ihr Unangenehmen gänzlich vernichten. Sie 
besaß drei Töchter, zu welchen sie junge Adelige aus nächster Gegend heranlockte, dann aber 
tödtete und ihrer Kostbarkeiten beraubte. Es gelang schließlich einem Ritter die Sache zu durch- 
schauen und die Gefahr, in der er schwebte, zu erkennen. Um also vor jeglichen Angriffen ge- 
sichert zu sein, kleidete er sich in ein eisernes Panzerhemd, über welches er wollene Kleidung 
anlegte, um nicht zu verrathen, dass er bereits die Pläne der Herrin auf Barwald erkannt habe. 

Am Abend begab er sich in die Burg. Nach der Mahlzeit verblieb er über Einladung 
der Gastgeberin im Schlosse. Spät begab er sich zur Ruhe, legte sich aber völlig gekleidet zu 
Bette und stellte sich, als ob er schlafen würde, indes er aber wachte und das Treiben im Schlosse 
beobachtete. Bereits eine Stunde verbrachte er in diesem Zustand, als sich plötzlich die Thüre 
seines Schlafgemaches öffnete und leise die Herrin hereintrat. — Sie näherte sich seinem Bette, 
etwas in ihren Händen verbergend, betrachtete den Schlummernden und als sie sich überzeugt 
hatte, dass der Ritter fest schlafe, zog sie blitzschnell einen Dolch und stieß mit diesem auf die 
Brust ihres Opfers. Doch die beabsichtigte Wirkung blieb aus, der Dolch wurde durch den 
Brustpanzer aufgehalten und zerbrach in Stücke. — Jetzt raffte sich der Ritter auf, zog sein 
Schwert und hieb mit diesem auf den Kopf der Herrin auf Barwald, so dass ihr ein Ohr ab- 
geschnitten wurde, dann floh er. — Sie rächte sich aber an ihren drei Töchtern, warf dieselben 
in die Kellerräume des Schlosses und verdammte sie zu ewiger Pein. 

Nun wurde inzwischen durch den Ritter ihr verbrecherisches Treiben in der ganzen Umgebung 
bekannt; man beschloss sie zu strafen und es gelang auch mit Hilfe von Soldaten sie gefangen 
zu nehmen. Als Gefangene wurde sie nach Krakau abgeführt. — Unterwegs, als man die An- 
höhen von Izdebnik erreicht, erbat sie sich von ihren Führern, noch einmal auf ihren einstigen 
Sitz zu schauen ; man willigte es ihr ein, doch kaum schweifte ihr Blick auf den Schauplatz ihrer 
Verbrechen, da stürzte die Burg unter einem donner ähnlichen Getöse ein. — Sie wurde sodann 
in Krakau zum Tode verurtheilt und lebendig verbrannt.» 

Mit dieser Sage steht auch die folgende im Zusammenhang: 

«Die drei Töchter, welche von ihrer Mutter verdammt wurden, befinden sich noch heute 
unter den Trümmern und warten auf ihre Erlösung. Einst zeigten sie sich einem Bauer, während 
er in der Nähe der Schlossruine mit Holzfällen beschäftigt war, in einer Maueröffnung und 
baten ihn, er möge ihnen den Mittelfinger reichen. Es würden ihm zwar dabei abschreckende 
Hindernisse in den Weg treten, er möge aber nichts fürchten, denn es geschehe ihm nichts, sie 
aber würden dadurch gerettet werden, und ihm zum Danke das Glück verschaflen. Er entschloss 
sich hiezu, reichte ihnen den gewünschten Mittelfinger entgegen, aber in diesem Augenblicke 
sprang ein feuriger Hahn aus einer Mauerspalte und hackte so heftig auf die Finger des Bauers, 
dass dieser sie aus Furcht und Schmerz zurückzog. Der Hahn verschwand jetzt, mit ihm aber 
auch die drei Burgtöchter, die ihm nur noch zuriefen: «Unglücklicher, wir dachten in dir unseren 
Erretter zu finden, so aber müssen wir noch weiterhin leiden.» 



Kleine Mittheilungen. 1 1 g 

Das „Sommer- und Winter-Splei" und andere Spiele. 

Von Karl Reitcrer, Donnersbachwald. 

Auch in der nordwestlichsten Steiermark lebt ein originelles Völklein, welches traditionelle 
Anschauungen und Bräuche sehsamster Art kennt, weshalb ich im Laufe der Zeit aus diesem 
Gebiete Einiges bringen werde, was der Aufzeichnung wert ist. 

Vor allem sei der Volkskomödianten im Gebirgsdorfe Donnersbach bei Irdning 
gedacht. Es sind dies urwüchsige bäuerliche Schauspieler, die geistliche und weltliche Komödien 
bis vor kurzem aufführten, wie folgende Einladung, die ich erhielt, besagt: 

Einladung 
zu dem am 2. Februar 1892 stattfindenden Paradeis- und Schäferspiel in Hofer*s Gasthaus in 
Donnersbach. Anfang '/g8 Uhr. Freundlichst einladend empfiehlt sich das Comit^. 

Acte: 

(Paradeisspiel.) i. Erschaffung der Menschen. 2. Sündenfall der Menschen. 3. Streit 
zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. (Schäferspiel.) 4. Gott Sohn sucht das Schäfiein. 
5. Schäferspiel. Zuletzt ein Nachspiel: «Gesandter und Halter>. 

Personen: 

MaßnerAnton Gott Vater, Pilger. 

Ägid Luidpld Gott Sohn, guter Hirt, Halter. 

Simon Egger Lucifer, Tod. 

JosefaAdelwöhrer Eva, Schäferin. 

u. s. w. 

Der begabteste dieser Spieler, wie wir sie sonst in Steiermark nirgends mehr treffen, ist 
Agidius L u i d o I d, ein schlichter, aber talentierter Bauemknecht, derzeit beim vulgo Berghammer 
in Alt-Irdning. Dieser Dorfkomödiant originellster Art, welcher nicht nur seine Rollen, sondern 
die ganzen ihm zur Verfügung stehenden Volkskomödien memoriert hat, besitzt auch das Talent, 
komische Predigten zu halten, ähnliche, wie wir sie unter den Brechlbräuchen in Roseggers cVolks- 
leben in Steiermark 9 treffen. 

Von den Spielen, welche man in Donnersbach aufführte, interessierten mich vor allem 
»Das Sommer> und Winter-SpieU, «Die vier Landständ*», «Das Schuster- und 
Schneider-» resp. «Handwerksspiel» und das oben angedeutete derbe geistliche Nachspiel 
«Gesandter und Halter».*) 

Auf das «Sommer- und Winter-SpieU übergehend, will ich vor allem erwähnen, dass 
es sehr alten Ursprunges ist und um Georgi aufgeführt wird. St. Georg kann, eine heidnische 
Gottheit verdrängend, als Frühlingsherold angenommen werden. Wenn Donar, der alte Frühlings- 
gott, wie die deutsche Göttersage lehrt, die hässlichen Winterriesen mit seinen Hammerwürfen 
vertrieben hat, dann ist St. Georg der Held des Tages. So mancher Volksbrauch erinnert an die 
Bedeutung des Georgitages beim Volke; unter anderem trägt man eine Strohpuppe, den Winter 
vorstellend, im Dorfe herum und verbrennt sie zuletzt. Der Frühling, ein mit Blumen geschmücktes 
Mädchen, hält seinen Einzug. Die symbolische Befehdung des Winterriesen durch den Sommer 
wird auch durch das erwähnte «Sommer- und Winter-Spiel» angedeutet. Nicht die Art der Auf- 
führung, sondern die Costümierung und der Originaltext des Spieles kann uns interessieren, und 
dies um so mehr, da derlei Volksbräuche im Aussterben begriffen sind. Derjenige Komödiant, 
welcher den «Winter» darstellt, ist eine lange, hagere Gestalt, mit Pelz und Moos bedeckt. Die 
Hände hat er im Busen verborgen. Der «Sommer» dagegen ist ein junges, bartloses Bürschlein, 
das in Tricotkleidem einherhüpft. Ein Gürtel von Weinreben oder Immergrün schließt sich um 
seine Lenden. Der mit beiden auftretende Bajazzo bildet den «Präcursor» («Vorleifer») des Stückes, 
und er belustigt die Zuseher mit allerlei landläufigen Spässen. In der Schlusscene prügelt er im 
Vereine mit dem «Sommer» den «Winter» davon, was stets Heiterkeit erregt ; denn solche ländliche 
Prügelscenen sind der minder sensiblen Volksseele stets der Kernpunkt des «Gspieles». 

Das Spiel «Die vier Landständ'» wurde gewöhnlich am Faschingsdienstage aufgeführt. 
Die vier Landstände: Bauer, Bürger, Soldat und Edelmann streiten sich, wer von ihnen dem 

*) Herr Rechnungsrath und Schriftsteller Ferdinand Krauß in Graz n^achte von den 
Dorfschauspielem, auf die wir aufmerksam machten, photographische Aufnahmen. 



I20 Kleine Mittheilungen. 

• 

Staate am nützlichsten sei. Außer diesen vieren ist beim Spiel auch wieder ein Bajazzo thätig, 
der es mit dem «Bauer» hält und beifällig nickt oder Glossen macht, wenn der «Bauer> dem 
Bürger oder Edelmann derbe Lectionen ertheilt. 
Der Bajazzo spricht folgenden Prolog: 

Wir bringen Euch ein lustiges Faschingsspiel, 
Es höre, Ihr Herren und Frauen, zu — wer will. 
Die vier Landständ*, potztausend, sie treten nun auf, 
Wir wollen dem Spiel jetzt lassen freien Lauf; 
Bauer, Bürger, Soldat und Adelmann,*] 
Beginnt Euer fröhliches Spiel alsdann! 
Zuletzt einigen sich die vier Landstände. Der Bauer sagt: 
Also sind wir alle gleiche Leut\ 
Mit allem zufrieden, so ist's gescheit. 
Weil jetzt der Fasching thut sein, 
So wollen wir trinken Vivat! fein. 
So wollen wir trinken auf ein gut Glück 
Und wünschen, dass es der Himmel schick*, 
Dass alles lebt in Fried' und Freud*, 
Jetzt und in jeder Jahreszeit. 
Was die Costümierung der vier Landstände betrifft, sei bemerkt, dass dieselbe eine 
möglichst altvaterische und volksthümliche ist. 

Das «Handwerkspiel» ist keine eigentlich dramatische Bauernkomödie, sondern vielmehr 
nur eine Duoscene, in der zwei Personen, ein Schneidermeister und ein Schuhmacher, auftreten. 
Letzterer zeigt sich als schlichter Handwerker, während der Schneider geschniegelt und gebügelt in 
geckenhafter Haltung die Bühne betritt, beginnend: 

Ich bin ein wahres Kunstgenie, 
Das bringt mir viele Neider, 
Ich liefre alle Arbeit hier. 
Wie ein echt französischer Schneider. 
Es kommt jedermann zu mir. 
Steht auf und suchet meine Zier! 
Das Zimmer voll mit Kunden 
Hab ich zu allen Stunden. 
Beim geistlichen Nachspiel «Gesandter und Halter» treten König Herodes und der 
«Halter» (ein Hirte) eingangs auf. Der Judenkönig ist in «Purpur» gehüllt. Herodes befiehlt her- 
nach dem «Gesandten», dass er das Jesuskind suche. Nach einer Pause kehrt der abgegangene 
«Gesandte» wieder auf die Bühne zurück, klagend: 

Ich geh schon lang* und bin weit vom Haus 
Und kenn* mich nimmer aus. 
Aus dem Hintergrunde kommt der Hirte und ruft seine Schafe. Es entspinnt sich 
zwischen dem «Gesandten und dem Halter» ein Zwiegespräch, das ergötzlich wird, weil der Hirte 
taub ist. Eine Stichprobe: 

Gesandter: Du bist wohl ein dummer Schlegel! 
Halter: Ich bin kein Flegel. 
Gesandter: Du bist ein gemachter Fex. 
Halter: Ich hab* noch nie gesehen eine Hex*. 
Eine Weile dauert dieser derbe komische Dialog. Aus dem Vorgeführten ist bereits 
ersichtlich, an welchen Wortspielen sich die Zuhörer ergötzen sollen. Ebenso zu entnehmen ist, 
dass der Alpler unleugbar Talent hat, Volkskomödien von schlichter Einfachheit zu dichten und 
diese «Gspiele» aufzuführen. Man sitzt im Dorfwirtshause. Die Bühne ist in der Schenke. Es 
wird ohne vielen scenischen Apparat gespielt. Hinter den Maßkrügen verschanzt, sitzen die 
Zuhörer, denen die reinen Reime und die Unklarheit des Textes Nebensache sind. Hauptsache ist, 
dass sich die Leute unterhalten, und in dieser Beziehung erfüllen die Volkskomödien völlig 
ihre Aufgabe. 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 1 2 l 

III, Ethnographische Chronik aus Österreich, 

1894— 1895. 



Verein für Volkskunde In Gallzien. In Galizien hat sich im Februar d. J. ein 
«Verein für Volkskunde» (Towarzystwo ludoznawcze) mit dem Sitz in Lemberg gebildet, an 
dessen Spitze die Herren k. k. Universitätsprofessor Dr. Anton Kaiina (Pole) und Großgrund- 
besitzer Dr. Wladislaw Fedorowicz (Rutene) stehen. Das Forschungsgebiet des Vereines er- 
streckt sich auf das polnische Volk und dessen Xachbarstämme, ein Gebiet, welches bislang noch 
wenig von der volkskundlichen Forschung berührt worden ist. Die Ergebnisse dieser Forschungen 
werden in einer Vereinszeitschrift veröffentlicht werden. Indem wir dem jungen Verein bestes 
Gedeihen wünschen, sprechen wir den Wunsch und die Hoffnung eines recht angenehmen und 
gewinnbringenden Verkehrs aus. 

Öechoslawlsche Ausstellung In Prag. In Neustadt a. d. Mettau (Böhmen) fand 
vom 2. — 6. Februar eine ethnographische Bezirksausstellung statt. Außer local- 
historisch bemerkenswerthen Gegenständen bot dieselbe eine Anzahl schöner Volksstickereien, Braut- 
kranze, alterthümliche bemalte und geschnitzte Möbel nebst anderem Hausrath und Küchengeräth. 

[Vestnik II, Nr. 19.] 

In Datschitz (Mähren) wurde am 2. — 3. Februar eine volksthüraliche Ausstellung ver- 
anstaltet. Inhalt: Stickereien, Gold- und Silberhauben; eine getreu nachgebildete Bauernstube 
mit bemalten Kasten, bemalter Truhe und Bett. [V&itnik II, Nr. 19.] 

Nach einer Mittheilung unseres Mitgliedes Herrn Custos Trapp hatte auch der Ort Teltsch 
gegen Ende März seine volksthümliche Ausstellung, deren Gegenstände wie die aller übrigen Aus- 
stellungen für die Prager Exposition bestimmt sind. In Mähren isj der Vorschlag aufgetaucht, 
die mährischen volkskundlichen Gegenstände, welche zur Cechoslawischen Ausstellung in Prag in 
so überaus großer Zahl zusammengeströmt sind, nach Schluß derselben in B r ü n n zu einem eigenen 
Museum zu vereinigen, welches der Verein «Vesna» in seinem neuen Hause begründen soll. 

[Mittheilung des Herrn Custos M. Trapp in Brunn.] 

Im Programm der Prager Ausstellung ist der «&chischen Frau* eine eigene Abtheilung 
gewidmet, zu deren Beschaffung und Anordnung ein eigener Fragebogen ausgegeben worden ist, 
dessen umsichtig zusammengestellter Inhalt mitgetheilt zu werden verdient. Er kann für ähnliche 
Veranstaltungen auf anderen Gebieten vorbildlich werden. 

A. Die Frau auf dem Lande. I. Die Frau als Mutter. Die Kinderpflege: 
Das Baden und Waschen (in welchen Gefäßen und womit?) Kindercure n. (Kinderarzneien, 
Aberglauben.) Kindernahrung. (Gegenstände und Gefässe zur Verabreichung derselben.) Ein- 
wickeln, Tragen und Wiegen des Kindes (Wiegen); Gehschulen, Spielzeug. II. Die Frau als 
Wirthschafterin. a) Kochgeschirr, Speisen; b) Brotbacken; c) Butterbereitung mit den dazu 
gehörigen Behelfen ; d) die Erzeugung aller Gattungen von Hauskäsen ; e) die Aufbewahrung der 
Nahrungsmittel in den verschiedenen Jahreszeiten; f) das Trocknen des Obstes, der Beeren, 
Schwämme; g) Werkzeuge zur Reinigung der Wohnung, der Kleider; h) das Waschen und die 
dazu nöthigen Geräthe; i) das Bügeln und Glätten der Wäsche; k) das Rollen und Zusammen- 
legen der Wäsche; 1) die Verarbeitung des Flachses und Hanfes; das Spinnen, Weben und 
Bleichen der Leinwand. III. Frauen schmuck: a) das Kämmen und Ordnen des Haares 
Toilettemittel (Pomade, Parfüms, Salben) ; b) das Binden des Kopftuches, Kränze und Verfertigung 
von Kunstblumen. IV. Die Handarbeiten der Frauen: a) Stickerei: die verschiedenen 
Ornamente, der Vorgang beim Zeichnen und Sticken derselben; b) die Spitzenerzeugung mit 
allen dazu gehörigen Gegenständen ; c) das Stricken von^Strümpfen und Handschuhen (angefangene 
Arbeiten); d) das Weben von Bändern (angefangene Arbeiten); e)' das Haubennähen; f) Schnitte 
für Wäsche und Trachtstücke; g) alle Arten von weiblicher Hausindustrie, als Flechten von 
Strohmatten u. s. w. 

Eine Section für Volkskunde Im österreichischen Touristen -Club. Am 
29. März d. J. hielt unser Mitglied Herr Josef Rabl im Österreichischen Touristen-Club einen 
Vortrag: «Die Bedeutung der Volkskunde und der Volkseigenthümlichkeiten für Touristik und 
Fremdenverkehr», in dessen Verlaufe er auch des Vereines für österreichische Volkskunde gedachte. 
Er bezeichnete seine Gründung «unter den gegenwärtigen für die Erhaltung der nationalen Besitz- 



122 Litcratar der österreichischen Volkskunde. 

thümer an Trachten, Sitten und Bräuchen so ungünstigen Verhältnissen geradezu als eine rettende 
That und empfahl zum Schlüsse der Versammlung die Erwägung des Gedankens, «ob es nicht 
im Interesse der Sache und des österreichischen Touristen-Club gelegen wäre, den um den Club 
so hochverdienten Vereinigungen «Section für Naturkunde» und «Gesellschaft der Kunstfreunde» 
auch eine Section oder Gesellschaft für Volkskunde anzureihen. Der Zweck dieser Vereinigung 
wäre vor Allem die Erforschung der Volkseigenthümlichkeiten des Alpenlandes; die touristischen 
Kreise sollten zu derartigen Forschungen angeregt und angeeifert werden, wobei insbesondere die 
Mithilfe unserer alpinen Sectionen heranzuziehen wäre. Ausserdem wäre es die Aufgabe dieser 
Vereinigung, in den Alpenländem, speciell aber in den Gebieten unserer Sectionen, Anregung und 
Anleitung zur Veranstaltung von Volksfesten und Volksspielen altherkömmlicher Art zu geben, 
um dadurch möglicherweise den Fremdenverkehr zu heben und zu beleben. Dass eine solche Ver- 
einigung zugleich ein höchst wichtiges Mittelglied zwischen der Touristik und dem neu entstandenen 
Verein für österr. Volkskunde bilden würde, versteht sich von selbst, und der Ö. T-C. könnte das 
Interesse, welches er an der Erforschung des alpinen Volkslebens nothwendiger Weise nehmen 
muss, nicht würdiger manifestiren.» [Österreichische Touristen-Zeitung, XV. (1895), S. 95 — 96.] 
Wir würden die Begründung einer derartigen Section für Volkskunde freudigst begrüßen 
und darin eine dankenswerthe Förderung unserer Zwecke erblicken. 

Das Landes- Museum in Linz. Im Laufe des Mai wird das neue Landesmuseum 
in Linz durch Se. Majestät den Kaiser in feierlicher Weise eröffnet werden. 

Das Werk einer mehr als fünfzigjährigen Bemühung, die Frucht einer ersprießlichen Ge- 
sellschaftsthätigkeit gelangt damit zur erfreulichen Reife. Indem wir uns vorbehalten, über die der 
oberösterreichischen Volkskunde gewidmete Abtheilung des Landesmuseums, deren Reichhaltigkeit 
und vortreffliche Anordnung ausführlich zu berichten, sei schon an dieser Stelle der anheimelnd 
eingerichteten oberösterreichischen Bauernstuben im Souterrain des schönen Museumsbaus gedacht, 
welche bis auf Tauben verschlag und Gimpelkäfig kein typisches Stück des alterthümlichen Haus- 
rathes vermissen lassen. Die typologische Sammlung, welche vortreffliche Darstellungen der 
bäuerlichen Keramik und der heimischen Glasindustrie, des Zinngeschirrs, der Trachtenstücke, 
wie der bräutiichen Filzcylinder aus dem Mühlviertel, der Gold- und Silberhauben, der Mieder 
enthält, ist im ersten Stockwerk in vortrefflicher Aufstellung untergebracht. Ein ausführlich ge- 
haltener Führer, der bis zur Eröffnung des Museums vorliegen soll, wird in erwünschtester 
Weise eine volkskundliche Museographie vorbereiten helfen, deren Anlegung eine dringende 
Aufgabe unseres Vereins ist. 



IV. Literatur der österreichischen Volkskunde. 



1. Besprechungen. 

19. J. Doblhoff : Beiträge zum Quellenstudium salzburgischer Landeskunde 

nebst Hinweis auf die wichtigsten Quellenwerke. I. — VII. Heft. Salzburg 1893 — 1895. In 
Commission der Mayrischen Buchhandlung (Ed. Geiger), Ludwig Victor-Platz Nr. 5. VIII, 366 S. 8*. 
Der bekannte Salzburger Schriftsteller Josef Freiherr von Doblhoff bietet in den 
vorliegenden «Beiträgen* ein Werk, das für jedermann, der sich mit dem Studium des Herzog- 
thums Salzburg befassen will, eine außerordentlich wichtige Unterstützung bedeutet. Mit einem 
bewunderungswürdigen Fleiße sind aus selbständigen Werken und verstreuten Zeitschriften, die 
zum Theile sehr schwer zugänglich sind, alle Salisburgensia einestheils nach Materien, anderentheils 
innerhalb der Materien in chronologischer Reihenfolge angeordnet und zusammengestellt worden. 
Der VI. Abschnitt ist der Volkskunde im engeren Sinne gewidmet (§. 61 — 77) und enthält folgende 
Abtheilungen: i. Allgemeines. 2. Stammverhältnisse. 3. Volkssprache. 4. Namen, Ortsverzeich- 
nisse und Ortsnamen. 5. Krankheiten, Heilweise. 6. Volkssagen, Aberglaube (darunter nach- 
stehende einzelne Sagengruppen : Heilige Sagen ; Zur Riesen- und Drachensage ; Theophrastus Para- 
celsus; Elfen, Bergmännchen, Zwerge (Venediger Mand In) ; Bestrafung des Übermuthes; Perchten; 



Vereinsnachrichten. I23 

Hörselberg, Tannhäuser-Sage ; Der wilde Jäger; Herzog Ernst; Zu den Untersberg-Sagen; Walser 
Birnbaum ; Geisterversammlungen, Geisterheere). 7. Haus und Wohnung. 8. Volkstracht. 9. Volks- 
sitte und Gebrauch. 10. Volksbildung und Unterricht. Eine höchst willkommene Ergänzung ist 
in den Nachträgen S. 289 — 298 geliefert. Aus dieser kurzen Übersicht ergibt sich, dass der Ver- 
fasser im vorliegenden Buche ein grundlegendes Werk geschaffen hat, das in keiner volkskimd- 
lichen Bibliothek fehlen sollte imd den Wunsch erregt, auch für andere Gebiete unseres Kaiser- 
staates ähnliche umfassende und gründliche Bibliographien zu besiuen. Dr. Wilhelm Hein. 



V. Vereinsnachrichten. 



I. Chronik. 

1. Dritt« Ausschussitzung 4im 4. April. 

Vorsitzender: Der Herr Präsident Dr. P. Frh. Gautsch von Fra nkenthurn. 

Anwesende: Dr. S. Fessler, F. Grössl, Dr. M. Haberlandt, Dr. W. Hein, Dr. M. 
Hoernes, Hofrath Dr. V. Jagid, Dr. K. Masner, Chorhen J. Schindler, Hofrath von Zeißberg. 

Ihre Abwesenheit hatten entschuldigt die Herren Reg.-R. Dr. A. Ilg, Prof. Dr. K. Riegl, 
J. Botstiber und Dr. R. Sieger. 

1. Prof. Dr. Fr. v. Wieser (Innsbruck) erstattet schriftliche Vorschläge bezüglich der 
Vereinsorganisation in den Königreichen und Ländern. 

2. Nach dem Antrag des Subcomit^s wird die Einsetzung eines Finanzcomit^s 
zur Beschaffung ausgedehnterer Mittel für die Durchführung der Vereinsausgaben vorgenommen. 

3. Im Sinne des hohen Erlasses des Ministeriums des Innern (s. p. 91) wird 
beschlossen, an sämmtliche Statthaltereien und Landespräsidien, sowie an die Herren Kirchen fürsten 
und Bischöfe das Ersuchen zu richten, dem Aufrufe zum Beitritt in den Verein in den Landes- 
blättem, sowie in den Diöcesanblättem die möglichste Verbreitung verschaffen zu wollen. 

4. Bei der bevorstehenden Eröffnung des Landesmuseums in Linz beschließt der Ausschuss 
den Verein durch eine Deputation, der sich möglichst zahlreiche Vereinsmitglieder anschließen 
mögen, vertreten zu lassen. 

2. Monatsversammiung am 20. April. 

Unter dem Vorsitze Sr. Excellenz, des Herrn Präsidenten Dr. Paul Frh. Gautsch 
von Frankenthurn fand am 20. April die letzte Monatsversammlung des Winterhalbjahres 
statt, bei welcher die neuen Erwerbungen, Nr. 44 bis Nr. 1 1 8 (s. Ausweis p. 123 — 125) zur Aus- 
stellung gelangten. 

Herr Dr. Anton Matosch las eine im steirischcn Dialect abgefasste Gespenster- 
crzählung «D* Aniweigt», die von unserem. Mitgliede Frl. Maria Spanitz, der Leiterin der 
Frauen-Erwerbschule in Ischl (s. p. 85) aus dem Munde einer Bäuerin wortgetreu aufgezeichnet 
worden ist, «D* Aniweigt», ein umgehender, imerlöster Geist, erscheint hier als eine Art länd- 
licher Ahnfrau, welche die Inwohnerschaft eines einsamen Hofes von Alt-Außee — es ist das Haus 
des David Geisberger, Puchen Nr. 9 — quält und mit Missgeschick und Tod heimsucht, bis sie 
mit dem Tode der Hausmutter wieder verschwindet. 

3. Mitgliederstand. 

Bei Schluss dieses Heftes (20. April) betrug die Zahl der Mitglieder 734. 

IL Erwerbungen: 

I. Sammlung: 
44 — 45. 2 Hutnadeln aus Stahl und Messing; von Linz. 

46. Hutschachtel mit färbigem Papier überzogen; von Linz. 

47. Kerbholz «Robisch», zweitheilig; von Donaufeld. Geschenk der Frau Julie 
Hein. 



124 Vereinsnachrichten. 

48. Schüssel aus Bronze, patiniert. Geschenk von Dr. Michael Haberlandt. 

49. Lichtputzscheere aus Stahl sammt Untertasse» Geschenk von Franz X. 
G r ö s s l. 

50. Zweizinkige Gabel aus Eisen, ohne Heft; von Garns, Steiermark. Geschenk 
von Regierungsrath Franz Kraus. 

51. Handtasche aus Leder, mit Seidenstickerei besetzt; letztere von der Geschenk- 
geberin in ihrer Jugend in Keznowitz (Mähren) gearbeitet; die Tasche in Eiben- 
schitz gemacht. Geschenk der Frau Antonie Gross l. 

52. Zweizinkige Gabel aus Eisen mit verziertem Hefte aus Hom in gravierter 
Silbereinfassung. Stammt aus dem Besitze des Frl. Theresia Grössl in Oberösterreich. 
Geschenk von Franz X. Grössl. 

53. Dose für Schnupftabak aus Holz mit Silberplatte. Stammt aus dem Besitze des 
Gastwirtes Thomas Stic in Hrubschitz bei Kromau (Mähren). Geschenk der Frau 
Antonie Grössl. 

54. Perlhaube; von Linz. 

55. Silberbortenhaube; von Linz. 

56. Bauernhäubchen, mit Goldfaden verziert; von Oberösterreich. 

57. Haubennadel mit Filigran aus Messing, zur vorigen Haube gehörig. 

58. Bauern-Frauenleib, bunt gestickt; von Oberösterreich. 

59. Seiden-Busentuch aus Halbseide mit eingewebten Mustern. 

60. Bock sbeutclpfeife aus Holz mit Silberbeschlägen; von Oberösterreich. 

61. Maschenpfeife aus Holz mit Silberbeschlägen; von Oberösterreich. 

62. Pfeifenköpfchen aus Holz; von Kärnten. 

63. Pfeifenköpfchen mit Perlmuttereinlage; von Kärnten. 

64. Pfeife mit Rohr, mit eingelegten Verzierungen; von Steiermark. 

65. Brust fleck (Vorleib) aus Seide, gestickt; wurde um 1820 von Frauen in Gries- 
kirchen (Oberösterreich) getragen. 

66. Kamm aus Hörn; wurde um 1820 — 30 von Frauen in Linz getragen; erzeugt 
vom Linzer Kamm- und Bürstenmacher Fröhlich, der nach 1860 als letzter Zunft- 
meister starb. 

67. Bauernspindeluhr mit zwei Gehäusen. 

68. Kleid aus Battist mit Silberflinserln besetzt; wurde im Jahre 1807 von Frau 
Seraphine Köhrer (geb. 1800, gest. 1870) in Linz getragen. 

69. Seidentuch, reich gestickt; von Grieskirchen (Oberösterreich). 

70. Leinenbattist-Tuch, aus dem Anfange des 19. Jhd. ; von Oberösterreich. 

71. Kreuzchen aus Silber mit Anhängseln; von einem Bauernmädchen in Hohenfurth 
(Böhmen). 

72. Salzburger Goldhaube; wurde in Salzburg und in den angrenzenden Gebieten 
Oberösterreichs bis 1840 getragen. 

73. Küchenhammer aus Holz mit Messer, «Schnitzer», im Stiel; stammt aus der 
Ausstattung von Henn Anton Max Pachinger*s Grossmutter in Linz. 1820. 

74. Steigeisen aus der Mitte des 19. Jhd.; von Herrn A. Max Pachinger im GeröUam 
Untersberg bei Salzburg gefunden. 

75. Schachtel aus Holz mit Strohmosaik; österreichische Sträflingsarbeit. 

76. cGodenbüchse» aus Holz, bunt bemalt; von Oberösterreich. 

']'], Manger aus dunkelgrünem, sg. «Smaragdglas»; böhmisches Erzeugnis. 
78. OUämpchen aus Messing. 
79 — 80. 2 Tischzeugscheiden aus Leder; von Salzburg. 

81. Tischzeugscheide aus Leder; eingeschnitten die Jahreszahl 1831 und eine Gemse. 
Von Marienbad bei Salzburg. 

82. Bauernbild: St. Florian auf Pergament gemalt; wurde gegen Brandgefahr in den 
Stuben aufgehängt; von Leonding bei Linz. 

83. Thonreliefbild (hl. Maria) in Zinnrahmen; von Freistadt (Oberösterreich). 

84. Heiligenbild (St. Nikolaus) ; von Oberösterreich. 

85. Zündholzbüchse, in Form eines gothischen Bucheinbandes; von Leonding bei Linz. 



Vereinsnachrichten. 



125 



86. Geldbeutel mit Perlenarbeit (Empirezeit). 

87. Siegel in Holzkapsel; von Linz. 

88 — 99. 12 Abdrücke von Handwerker-Siegeln von Linz. 
100—104. 5 Ausrüstungsgegenstände der Nationalgarde von Linz; 1848. 

105. Hauben Spanner aus Holz; von Linz. 

106. Uhrbeutel aus Rehleder; von Oberösterreich. 

107. «Krampfring»; von Oberösterreich. 

108. Heiligenbild (Mutter Gottes mit Jesukind) in Zinnrahmen; von Freistadt (Ober- 
österrdch). 

109. Wallfahrtsbild mit Maria Piain; von Piain bei Salzburg. 

HO. Heiligenbild (hl. Dreifaltigkeit) in Spiegelrahmen ; Klosterarbeit aus dem 18. Jhd. 

111. Frauenhut; von Linz; 1848. 

112. Öllampe; von Oberösterreich. 

113. Backmodel; von Oberösterreich. 

114. Stall-Laterne aus Drahtgeflecht; von Oberösterreich; 18. Jhd. 

Die Nummern 71 — 114 sind Geschenke von Herrn Anton Max Pachinger. 

115. Ring aus Packfong mit gravierter Platte. Geschenk von Franz X. Gross 1. 

116 — 118. 3 bemalte Ostereier; von Oslawan (Mähren). Geschenk vom Maler Ludwig 
Hans Fischer. 

2. Bibliothek. 
a) Bücher, Broschüren und Zeitschriften: 

45. Martin May: Der Antheil der Keltgermanen an der europäischen Bildung im 
Alterthum. Vortrag. Geschenk des Herrn Fr. X. Kiessling. 

46. Cesk^ Lid. 1895. 4. Heft. Geschenk des Herrn Dr. C. Zibrt. 

47 — 49* Alois John: Literarisches Jahrbuch. 1893 — 1895. 3 Bände. Geschenke 
des Herausgebers. 

50. Alois John: Schildereien aus dem Egerland. Geschenk des Verfassers. 

51. Alois John: Der Böhmerwald in Literatur und Kunst. Geschenk des Verfassers. 

52. Alois John: Über deutsches Volksthum im Egerlande. Geschenk des Verfassers. 

53. Alois John: Dorf und Haus im Egerland. Geschenk des Verfassers. 

54. Josef Rabl: Illustrierter Führer auf den k. k. österreichischen Staatsbahnen. 
Geschenk des Zweigvereins Drosendorf des nö. Volksbildungsvereins. 

55. Aug. Hof er: Über Thier- und Pflanzennamen (7. Jahresb. des nö. Landes-Lehrer- 
seminars zu Wiener-Neustadt). 2 Exemplare. Geschenk des Verfassers. 

56. Aug. Hof er: Weihnachtslieder aus Niederösterreich (17. Jahresbericht des nö. 
Landes-Lehrerseminars zu Wiener-Neustadt). 4 Exemplare. Geschenk des Verfassers. 

57 — 65. Neun Heftchen mit alten Drucken geistlicher Lieder. Geschenk des Herrn 
Joh. Krainz in Graz. 

66. Zeitschrift für Ethnologie 1895. I. Heft. Geschenk der Berhner Gesellschaft für 
Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

67. Greg. Kupcanko: Bukovina i ei russki 2iteli. 2 Exemplare. Geschenk des 
Verfassers. 

68. L Jahresbericht des Museal -Vereins für Enns und Umgebung 1892 — 1893. Geschenk 
des Vereins. 

69. Catalog über die Erwerbungen für die Anton Petermandrsche Messer-Sammlung. 
1882, 1891/92, 1892/93. Geschenke des Herrn Custos Anton Petermandl. 

70. M. Viclavek: ValaSske pohädky a pov^sti. Geschenk des Verfassers. 

71. M. Väclavek: Obrazy 2e iivota byvalych <5echü zemelnickych na VsetinS. Geschenk 
des Verfassers. 

72. M. Vaclav ek: Moravskd Vala§§ko. Geschenk des Verfassers. 

73. J. Doblhoff: Beiträge zum Quellenstudium Salzburgischer Landeskunde nebst 
Hinweis auf die wichtigsten Quellenwerke I. — VII. Salzburg 1893 — 95. 



120 Vereinsnachrichten. 

b) Photographien: 

2 Photographien typischer Häuser von Herrn Joh. Krainz in Graz, i Photographie 
eines Elgerer Hofes von Herrn Alois John in Eger, 2 Photographien von Drosendorf, Geschenk 
des Zweigvereins Drosendorf des nö. Volksbildungsvereins, 24 Photographien von oberoster- 
reichischen Typen und Costümen, Geschenk des Herrn Photographen A. Nunwarz in Urfahr 
bei Linz. 

Wir sprechen den freundlichen Spendern den wärmsten Dank des Vereins aus. 

ni. Verkehr: 

Sprechsaal: 
I. Anfragen. 
Dr. Moritz Hoernes in Wien: Ich proponire zur sommerlichen Reisezeit l. die 
Anfertigung und Sammlung photographischer Aufnahmen sogenannter «Marterln», und zwar 

a) der Tafeln in möglichster Grröße, 

b) der Tafeln sammt der landschaftlichen Umgebung zur Veranschaulichung der 
Unglücksstellen, mit handschriftlicher Ergänzung unleserlicher Inschriften. 

2. Denselben Vorgang (mutatis mutandis) für Votivbilder und Votivgegenstände 
in Wallfahrts- und sonstigen Kirchen. — Beides soll vorläufig nur als Materialsammlimg dienen, 
welche gelegentlich kundigen Personen zur Bearbeitimg übergeben werden kann. Die Redaction 
bittet alle Amateurphotographen unter unsem Mitgliedern, diesen Gegenständen ihre besondere 
Beachtung schenken und Abdrücke ihrer Aufnahmen freundlichst einsenden zu wollen. 

Ostereier. Herr J. Soukup, Prag, Komgasse 607, 2. Stock, veröffentlicht im 
«VÖstnik» der 5echoslawischen ethnographischen Ausstellung in Prag, U. Jahrg., S. 195, folgende 
Fragen über die Ostereier: i. Welche besonderen Namen haben die Ostereier? — 2. Wann 
und womit wird die Verzierung der Eier hergestellt ; wer beschäftigt sich damit : Mann oder Weib, 
jung oder alt? — 3. Befasst sich mit dieser Arbeit nur eine bestimmte Person oder eine einzige 
Familie für das ganze Dorf und seine Umgebung? Wenn dies der Fall ist, wie ist deren Name, 
Stand und Wohnung ? Ist das Ostereierfärben in der beireffenden Familie traditionell ? — 4. Wie 
werden die verwendeten Farben und die übrigen Verzierungsmittel genannt? Wie ist der genaue 
Vorgang beim Verzieren? — .5. Wer theilt die Eier aus, wann und in welcher Absicht? 
— 6. Wann, wo (auf welchem Orte im Dorfe) und wie spielen die Burschen und Mädchen 
mit den Eiern? — 7. Zur Vervollständigung des Bildes ist die Angabe der sonstigen Bräuche in 
der Osterzeit sehr erwünscht — 8. Was berichten die alten Leute darüber ; war es immer derselbe 
Brauch, oder bürgerte sich von anderen Orten ein neuer ein? — 9. Unerlässlich ist die genaue 
Angabe des Dorfnamens, sehr erwünscht die Beibringung von Zeichnungen. 

Die Redaction knüpft an die eben gestellten Fragen die Bitte, ihr soviel als möglich 
erschöpfende Antworten aus allen Gauen der Monarchie zukommen lassen zu wollen. Sehr wichtig 
wären gemalte Zeichnungen und schließlich die Ostereier selbst, da unser Museum eine vollständige 
Sammlung von solchen besitzen sollte. 

2. Antworten. 
Todtenbretter. Herr Heinrich Jelinek in Wien schreibt: Westwärts von 
Neugedein findet man die ersten Todtenbretter im deutschen Sprachgebiet bei Braunbusch. 
Im Nachbarorte Viertl steht der Cultus mit den Todtenbrettem schon in Blüthe. Unter ver- 
schiedenen Aufschriften finden sich manche — bei schlechtester Orthographie — von vielem 
Sinn, z. B. : 

*0 Mensch, bedenke, was du bist, 
Und wie kurz dein Leben ist. 
Ein Todtenbrett, ein Leichenkleid, 
Bleibt dir von deiner Herrlichkeit.» 
Hier herrscht der Glaube, dass die umgefallenen Todtenbretter nur von den Verwandten 
des Verstorbenen aufgerichtet werden dürfen; wenn es ein Fremder thut, so stirbt entweder er 
selbst oder Jemand aus seiner Familie. 



Vereiusnachrichten. 



127 



Je weiter man von Viertl gegen die bayrische Grenze zu geht, desto häufiger trifft man 
diese Bretter um eine KapelJe oder Kreuze herumgestellt. So in der Ortschaft Donau, im Markt- 
flecken Neu mark, femer in der Richtung gegen Eisenstein; in Bistritz an der Angel fehlen 
bemalte Bretter vollständig, tauchen dagegen bei Neuern, 15 Minuten davon entfernt, wieder auf. 

Hillebille. Herr Prof. Dr. Rudolf Hoernes in Graz: 
Ich erinnere mich, einen ganz ähnlichen Signalapparat vor mehr 
denn dreißig Jahren bei in ungarischen Dorfern (Oedenburger Comitat) 
einquartirter Cavallerie in Verwendung gesehen zu haben. Jeder 
Soldat hatte vor dem Bauernhaus, in dem er wohnte, zwei verticale, 
2 — 3 tn hohe Stangen aufgestellt, deren längere in der Regel einen 
Strohwisch trug. Beide Stangen waren in Brusthöhe durch eine 
horizontale kürzere verbunden, an welcher ein etwa 60 cnt langes 
und 20 cm breites Brett hing, das mit zwei hölzernen Hämmerchen 
geschlagen wurde, sobald der Soldat bei gcMrissen Gelegenheiten 
(Zapfenstreich, Fütterung) seine Anwesenheit zu melden hatte. 
(Siehe Abbildung Fig. 14). Der dadurch verursachte Lärm war 
stundenweit hörbar. 

Wenn es sich hier auch nicht um einen volksthüm liehen 
Signalapparat im vollen Sinne des Wortes handelt, so dürfte doch 
die Art seiner Anwendung bei in ausgedehnten Dörfern dislocirten 
Truppen darauf hinweisen, dass ähnliche Apparate früher eine recht 
weite Verbreitung besaßen, und dass es leicht möglich ist, dass sie 
heute noch in Gegenden vorkommen, w^o sie nicht ursprünglich in 
Gebrauch standen, sondern durch einquartirte Soldaten eingebürgert 
wurden. 

Herr Johann Krainz in Graz: Die Hillebille ist iden- 
tisch mit der so genannten «Klopf», wie sie in E i s e n e r z und gewiss 
auch in anderen Bergwerksorten besteht oder doch bestand. In 
Eisenerz, am Erzberge, befand sich früher, als ich noch dort wohnte, 
beim sogenannten Grubenhause und der nun nicht mehr bestehenden Gloriette, welche mitsammt dem 
Grubenhause dem vorschreitenden Abbaue der Eisensteinlager weichen musste, eine Vorrichtung, 
nämlich eine (so viel ich mich erinnere) ungefähr 0*4 — 0*6 nt lange und etwas minder hohe. 




Fig. 14. 
Signalapparat der Soldaten 
im Oedenburger Comitat. 




I*ig' 15' ^*^ «Klopf» in Eisenerz. 



einen oder zwei Finger dicke, frei herabhängende Metallplatte aus, wie ich glaube, einer Art Bronze 
(ähnlich dem Glockenmetalle). Wenn es Zeit zum Laden der Spreng- oder Bohrlöcher war und 
eben so zum Anbrennen der Zünder^ wurde mit einem metallenen Hammer eine Anzahl Schläge 



128 Vcreinsnachrichtcn. 

auf die schwebende Platte gemacht, worauf dann die Knappen das Anbrennen der Zünder vor- 
nahmen, und sich sodann in die Stollen und andern Verstecke flüchteten, um hier das Auffliegen 
der Minen abzuwarten. Abermals eine Anzahl Schläge bezeichnete, dass eine weitere Gefahr nicht 
mehr zu befurchten, worauf dann die Bergleute wieder aus ihren Verstecken hervorkamen und sich 
auf ihre Posten begaben. 

Insoweit sind also die «Hillebille» und die «Klopf» ein und dasselbe, als letztere ebenso 
als erstere als Signalapparat dient und zwar in gleicher Weise durch «verabredete und herkömmliche 
Schläge» gehandhabt wird. Der Ton dieser Klopfschläge wurde bei Windstille zumal auf dem 
ganzen Berge (Nordseite}, ebenso weit ins Neunnichthai hinabgehort, z. B. bis zum sogenannten 
Kriechbaumhof. 

Dass die am Erzberge bestehende «Klopf» weit in das Alterthum zurückreicht, liegt auf 
der Hand, d^a man sich ja in der Vorzeit wohl nicht leicht wird eines anderen, complicierten Apparates 
bedient haben zu obgedachten Zwecken. 

Wo nun dermalen, nach Abtragung des Grubenhauses und der Gloriette, die uKlopf» 
steht, vermag ich nicht zu sagen, da ich seit meiner Ernennung zum Oberlehrer in Andritz (seit 
Aiigust 1890) nicht mehr in Eisenerz war. Eine Anfrage an die Bergdirection in Eisenerz (d. öst. 
alp. Montan-Gesellschaft) dürfte sicheren Aufschluss erbringen. 

Die «Klopf» findet aber in Eisenerz noch in einer anderen, der Hillebille ähnlicheren 
Form und bei einem anderen Anlasse Verwendung. Und zwar ist selbe hiebei dem Materiale nach 
nicht aus Metall, sondern aus Holz. 

Die Leichenbegängnisse von Bergwerksoffideren (Beamten) finden in Eisenerz nach uraltem 
Brauche in später Abendstunde statt, wobei die Bergmannschaft in ihrer alten maximilianischen 
Bergmannstracht mit brennenden Grubenlampen (die Hüttenleute mit Fackeln) ausrücken. Wenn 
nun solch ein Begräbnis bevorsteht, wird am Abhänge des Vogelbihals, an dessen Fuße der Friedhof 
liegt, die «Klopf» aufgestellt. Es werden zwei Holzsäulen in den Boden eingegraben und die- 
selben oben durch einen Querbalken mit einander so verbunden, dass das Gestelle dem eines 
Trapezes bezw. Reckstockes gleicht. Von dieser Querstange herab hängen nun zwei glattgehobelte 
Bretter von verschiedener Dicke und zwar derart, dass dieselben frei schweben und sich sonach 
nach vorne und rückwärts schwebend bewegen. (Die Holzart dieser Bretter vermag ich leider 
nicht mehr anzugeben.) Sobald der Leichenzug sich dem Friedhofe nähert, verstummt das Geläute 
der Glocken der Pfarrkirche, und nun wird abwechselnd mit hölzernen Hämmern auf die beiden 
schwebenden Bretter «geklopft». Dies geschieht so lange, bis der Sarg in die Grube gesenkt 
worden; dann verstummt auch die Klopf. Diese Schläge mit hölzernen Handhaben auf die 
Bretter haben verschiedene Töne. Ihre Bedeutung ist, wie mir oft ältere Bergleute erzählt, die, 
dass sie gleichsam das «Schicht aus» des zur Grube gefahrenen Bergmannes anzeigen; desgleichen 
sollen ihre monotonen Schläge andeuten, dass der Holzwurm seine Arbeit nun am Sarge zu be- 
ginnen sich anschicke. (Unter Holzwurm glaubt das Volk den Todtenwurm zu verstehen, wie sich 
die Leute mir gegenüber ausdrückten.) 



Schluss der Redaction : 20. April. 



Druck von Gebrüder Stiepel in Reicbenberg. 



129 



L Abhandlungen. 



Deutsche Volkslieder aus Steiermark. 

Mitgctheilt vom k. k. Umvers.-Bibl.-Ciistos Dr. Anton Schlossar in Graz. 

Die nachstehenden echt volksthümlichen Liedertexte aus ver- 
schiedenen Gebieten der Steiermark sind der handschriftlichen Sammlung* 
deutscher Volkslieder jenes Landes entnommen, welche ich seit dem 
Erscheinen meines größeren Werkes: «Deutsche Volkslieder aus Steier- 
mark .... mit Einleitung, Anmerkungen und ausgewählten Melodien» 
(Innsbruck, Wagner 1881) fortzuführen nicht unterlassen habe. Diese 
fortgesetzte Sammlung in meinen Händen erweist, dass der mit Auf- 
merksamkeit und Überlegung Nachforschende noch immer manches 
schone, selbst alte Stück des Volksliederschatzes findet, ja sogar manchen 
ganz überraschenden Fund macht. Es sind einige der bemerkenswerthesten 
Stücke, die ich für die Publication an dieser Stelle ausgewählt habe, 
allerdings nicht alle in der Mundart, aber dabei ist zu bedenken, dass 
manche Elemente des Volkes nicht dem reinen Bauernstande angehören, 
wie etwa die Handwerker. Einen diabetischen Stich weisen übrigens 
nahezu alle diese Lieder auf, wie es ja nicht anders sein kann ; wenn 
einmal das Lied wirklich ganz Eigenthum des Volkes geworden ist, formt 
sich letzteres das Wort seines Gesanges mundgerecht. 

Für das steirische deutsche Volkslied ist seit dem Erscheinen meines 
erwähnten Buches, also seit etwa 15 Jahren so Manches geschehen, ins- 
besondere in musikalischer Hinsicht; die Texte sind freilich oft die be- 
kannten geblieben, auch wohl von dem Herausgeber selbst willkürlich 
geändert worden. Sehr alten Texten hat man fast gar keine Beachtung 
geschenkt oder eigentlich gar nicht nach denselben gefahndet, und gerade 
sie bieten ein höchst wertvolles culturgeschichtliches Material. Die auch 
von mir mit soviel Freude begrüßte Gründung eines allumfassenden 
Vereins für österreichische Volkskunde, welcher in der vorliegenden Zeit- 
schrift ein Organ zur Mittheilung für den weitesten Kreis der Antheil- 
nehmer bietet, wird auch in dieser Richtung gewiss so manches neue 
«Alte» zu Tage fördern helfen und die Aufmerksamkeit auf den Wert 
solcher alter Liedertexte lenken. 

An dieser Stelle muss ich bemerken, dass ich es als ein wichtiges 
Kriterium des echten Volksliedes ansehe, wenn der Verfasser desselben 
überhaupt nicht bekannt ist und mit Rücksicht darauf ist auch meine 
nachstehende kleine Zusammenstellung erfolgt. Allerdings wird manches 
Kunstlied, wenn es so recht das Wesen des Volksthums erfasst, unter 
dessen Banne es entstanden ist, auch wohl volksthümlich und es wäre 
irrig, ein solches Lied nicht dem volksthümlichen Liederschatze beizu- 
zählen. Aber eine gewisse Grenze muss gezogen werden und schon 

Zeitschrift für östenr. Volkskunde. I. n 



I30 



Schlossar. 



Meister Ludwig Erk, dessen prächtigen, großartig angelegten ^Deutschen 
Liederhort» Franz M. Böhme in drei gewaltigen Bänden wahrhaft muster- 
giltig vor kurzem (Leipzig 1893 — 94) neu herausgegeben hat, nimmt, wie 
ja überhaupt die eingehenden Volksliederforscher aller Gebiete denselben 
Standpunkt ein. Böhme lässt soeben ein neues Werk auf Grundlage 
von Erks unendlich reichhaltig gesammeltem Material folgen, das nur 
jene volksthümlichen Lieder enthalten wird, deren Verfasser bekannt 
geworden sind. Die Scheidung ist freilich keine leichte, sie erfordert zu- 
nächst eine außerordentliche Literaturkenntnis, und doch wird der Forscher, 
welcher zum ersten Male das vergilbte Blatt mit dem von einem Bauern- 
burschen oder einer liederfrohen Bauerndirne jämmerlich orthographisch 
verzeichnetem Liede in die Hand bekommt, noch irre geführt, da sich ihm 
ein bekanntes Stück der Kunstpoesie häufig so verändert und umgemodelt 
darstellt, dass es kaum als das Lied des Poeten N. N. zu erkennen ist. 
Ein interessanter Beleg hiefür ist z. B. das Lied «*s Hamweh» («Wo 
i geh und steh, thuat mir 's Herz so weh», welches A. Schosser, der 
oberösterreichische Dialectdichter in seinen «Naturbildern» (Steyr, 1850) 
veröffentlicht hat') und dcis wie überhaupt so manche Lieder dieses 
ursprünglichen Poetentalentes in der oberen Steiermark sich als Volkslied 
so eingebürgert hat, dass keine jener Personen, welche das Lied singen, 
heute auch nur eine Ahnung davon haben, wer der Verfasser sein könnte. 
Nicht einmal Sammler wissen dies, so ist vor kurzem ein zierliches kleines 
Büchlein : «Volkslieder aus der Steiermark, ausgewählt und herausgegeben 
von J. N. Fuchs und Franz Kieslinger» (Augsburg, Lampart, 1895) er- 
schienen, in dem wir dem Liede (S. 2) ebenfalls begegnen. Wie aber 
der Text daselbst, den die Herausgeber jedenfalls nach dem Volksmunde 
aufgezeichnet haben, verändert worden, ja kaum zu erkennen ist, davon 
möge sich der Leser, welcher Interesse dafür hat, selbst überzeugen. 
Ähnlich geht es mit so manchen Liedern; es gibt solche in Steiermark, 
die von J. G. Seidl, Castelli und Anderen herrühren und mehr oder 
weniger umgeformt zum volksthümlichen Sänge im Lande geworden sind, 
obgleich sie wie auch vSchossers Lieder weder im Lande noch von Landes- 
kindern gedichtet wurden. Um ein Volkslied als echt zu erkennen, dazu 
gehört überhaupt eine gewisse Übung und Feinfuhligkeit, denn das Ent- 
stehen des echten Volksliedes kann Niemand ergründen, weder die Zeit, 
wann es ins Leben getreten, noch den Dichter, der es verfasst hat. Ins- 
besondere zeigen sich bei solchen Stücken, die man echt nennen kann, 
manche Fehler in Reim und Rhythmus, woran aber gewiss noch kein 
Sänger derselben Anstand genommen hat. 

Natürlich wird man deshalb das im Volke eingebürgerte Kunstlied, 
wie schon erwähnt, immer noch echt volksthümlich und in diesem Sinne 
auch «Volkslied» nennen müssen. Als Beispiel eines von diesem Stand- 
punkte aus «verdächtigen» Liedes gilt etwa das hier mitgetheilte «Früh- 
lingslied» Nr. II, welches so manche gezierte Wendung und vom Gebirgs- 

*) Dieses Lied habe ich in meiner erwähnten Volksliedersammlung von 1881, jedoch nur 
in der Einleitung S. XXXI genau nach Schossers Texte zum Abdrucke gebracht. 



Deutsche Volkslieder ans Steiermark. 



131 



Volke selten angewendete hochdeutsche Reime aufweist (Ziegen, liegen; 
Vieh, Müh; schön, Höhn; Kräuter, heiter), sodass ich einen Kunstpoeten 
als Verfasser vermuthe, den ausfindig zu machen mir aber nicht gelungen 
ist. Thatsächlich ist dieses Lied schon seit langer Zeit in weltabgeschiedenen 
Alpengegenden Steiermarks verbreitet, gern gesungen und von der Auf- 
zeichnerin, einer bäuerlichen Magd als volksthümlich beglaubigt. 

Die Auswahl der nachstehenden Lieder ist derartig getroffen, dass 
dieselben theilweise das Gebirgsleben in der oberen Steiermark (Ennsthal) 
charakterisieren, andemtheils einige der überhaupt seltenen Handwerker- 
lieder sowie die besondere steiermärkische Version einer alten Lieder- 
romanze bieten, und da manche, z.B. das <? Spinnlied», oder das «Müller- 
lied» dem mittleren Theile des Landes entstammen, zugleich als Probe 
solcher Gesänge dienen, in denen die Mundart nur wenig vorwaltet. 
Allerdings ist letzteres auch in der erwähnten Romanze vom «Zeug- 
machergesellen» der Fall, welche wohl auch kaum im obersteirischen 
Gebiet ihre Gestaltung erfahren hat, obwohl sie mir aus demselben be- 
glaubigt zukam. 

In der Wiedergabe der Texte habe ich mich genau an die Original- 
aufzeichnungen gehalten, welche mir vorgelegen, doch versuchte ich 
innerhalb jedes einzelnen Liedes einigermaßen einheitliche Gestaltung fiir 
das Auge, allerdings nur in Fällen, wo es sich um kleine unzweifelhafte 
Worte handelt (z. B. mi (mich), hiazt (jetzt) u. dgl., da die Originale öfter 
dasselbe Wort verschieden geschrieben enthalten). Manches, was absolut 
unleserlich war, habe ich natürlich sinngemäß herstellen müssen. Auch 
dessen ist übrigens sehr wenig. Zur Auskunft über einzelne mundartliche 
Ausdrücke empfiehlt sich am besten «M. Lexers Kärntisches Wörterbuch» 
(Leipzig, 1862), da der Kärntische Dialect der steirischen Mundart viel- 
fach sehr nahe kommt und leider noch keine lexicalische größere Arbeit 
über die Dialecte der Steiermark, eine so bedeutende wie Lexers Werk 
aber selbst nicht über die Mundarten der weiter etwa in Frage kommen- 
den Grenzgebiete Steiermarks: Salzburg, Ober- und selbst Niederöster- 
reich vorhanden ist. 

1. Die Almfahrt. 



Is der Winter gar, kommt schon s Frühjahr, 

G 'freut sich Alles auf die hoche Alma schon, 

Is die liebe Zeit nimma gar so weit, 

Wo man wieder auf die Alm fahr*n kon. Jodler. 

Und an Ruah hat unser Spinnrod, 

*s wird das ewig Sitzen in der Stub'n a gor, 

Hob mi lang schon g'freut auf die liebe Zeit, 

Wo i wiederum der Alm zufohr. 

Alle Tag schier vor der Stallthür 

Schaut die Schwoagerin in hochen Schlag voran. 



Ob die Wiesen grün und die Bäume blühn, 
Dass man wieder bald auf d'Alm fahr*n kann. 
Kommt dann 's Frühjahr erst hübsch ins Auswärts*) 
Schaut die Sonn dann wieder her durchs Thal, 
Kommt die Schwolbn on, singt die Lerche schon, 
Wirds zum Almfahrn endlich doch einmal. 
Gehts na fort ös drei mitanonder glei, 
Nehmts enk Haken, Nägel und a Spansag') mit, 
Schauts beim Hüttendoch nur recht fleißig nach 
Und aufn Galtviehstall •) vageßt ma nit. 

*) Auswärts ist in Steiermark wie in Kärnten die mundartliche Bezeichnung des Früh- 
lings, in dieser Zusammenstellung also Pleonasmus. 

*) Spansag d. i. die Säge zum Späne schlagen. 

^) Galtvieh ist jenes Vieh, welches «galt geht», d. h. nicht mehr trächtig wird. 

9* 



132 



Schlossar. 



Richts fein Alles her, helfts z'samm enkra mehr, 
Dass ma ja koan Tog versama thean, 
Und beim Almkogl dort schauts nur a noch, 
Dass 's koa Unglück habn oft mit den Küahn. 

Gegend 

Anpaerkung. Dieses Lied war früher 
wird heute noch in jenem Gebiete gesungen. 



Fohrts nun fort schön in Gottes Namen, 
Sammelts Schoten,^) Kas und Futter z'samm, 
Gebts fein Acht auf Alls, dass nichts obnwalzt, 
Bringts nur Alles glücklich wieder ham. 

bei Donnersbachwald. Aufzeichnung von 1891. 

in den Bergen des Ennsthales sehr verbreitet und 



2. Dar arme KQahbua. 



Is kein schlechters Leben auf Erden 
Als wie armer Küahbua werden. 
Früh und spat muaß ma laufen 
Und a blaue Milli saufen, 
Voller Hunger, voller Durst 
Muaß der Küahbua wieder fort. 
A losi Suppen, alti Brocka 
Und stoanharti Millinoka,') 
Holz und "Wasser muaß hertrogen, 
Wie'r a Hund muaß er si plogen. 
Dös dauert die ganze Sommerszeit, 
Hat der Küahbua nia kan Freud. 
Das Liegerstadl ist nicht kapabel 
Und das Gwandl miserabel,*) 
Vor lauter Frost kann er nit schlofen. 
Olliweil hams mit ihm was z*schoffen. 
Oft hoaßts glei wieder in der Fruah 
Du hoasata*) Teufelsbua. 



d*Schwoagrinna, ders nit siecht, glaubts nimma, 
D5s san erst die rechten Trümma, 
In Schotta sitz'n und Mal trummeln,^) 
Unseran derfs brav umaschummeln, 
Wonn a Rindl follt in Grobn 
Muaß die Schuld der Küahbua hobn. 
Nix als putzen, sauber gwanden,*) 
Hintn aufschupfn als wia d' Anten, 
d'Oarm zsammbinden, sich zsammschoppen. 
Und den Buabma 's Greld obfoppen. 
Aller Teuxel fallt ean ein, 
A jede will die Schönre sein. 
Kemman d'Holzknecht oder Knoppen') 
Homs den Küahbub für an Loppen, 
Brod und Brandtwein d'grössten Fuada 
Bringts daher, das Teufelsluada; 
Is das nit a Teufelsleb'n, 



Mir thatens ja ka Bröckerl geb'n. 
Kemman d'Bauembuam oder Schützen, 
Thoans d' ganz Nacht beinanda sitzen, 
's Trinkgeld schiabn's in ihre Toschen, 
Unserana muaß brav umaposchen, 
Alles schiabn's in ihren Krogen, 
Warts, i wirs dem Baua sogen. 
Was i g'sagt hon, das is All's wohr, 
Do feil i um koa halbs Hör, 
A Küahbua hat halt nia was zMacha, 
I wir mi wieda wegga macha; 
Auf der Alm, da mog i nimma bleib'n, 
Bald thuats regnen, bald thuats schneib'n. 

Geschrieb. Liederbuch aus der Gegend von Irdning. 

Anmerkung. Dies dem Kühjungen in den Mund gelegte Lied zeichnet recht drastisch 
die Leiden desselben und führt zugleich eine typische Figur der Berge vor. 



1880. 



') Schoten, eine Art Käse, aus dem die auf der Alm übliche Schotensuppe bereitet wird. 

*) Die losi Suppen ist natürlich eine dünne schlechte Suppe, die alten Brocken und 
Milchnocken bedürfen wohl keiner Erklärung. 

■) Fremdwörter, welche sich in den Dialect eingeschlichen haben, sind bekanntlich nichts 
Seltenes. 

*) Der hoasata d. h. hosete, der in Hosen gekleidete Junge im Gegensatz zu den weib- 
lichen «Schwagerinnen», welche ihm daher den Spottnamen geben. 

*) Die Maultrommel spielen, vielleicht auch übertragen auf die Schwatzhaftigkeit zu beziehen. 

•) Sauber gewanden d. h. sich hübsche Kleider anziehen. 

') Natürlich suchen die Knappen der umliegenden Bergwerke die Schwagerin auch gern auf. 



Deutsche Volkslieder aus Steiermark. 



133 



3. Wlldsohützanlled. 

Und wia lustig auf der Alma und wia lustig auf der Höh', 

Da giebt's brav Küah* und Kaibma, da giebt's viel Garns und Reh; 

Laß i mein Stutzerl kracha, mein Herz in Leib thuat lacha, 

Wia lustig in dem Wald, wenns Hirscherl niederfallt. 

Wia lustig in den Wäldern, wo*s grüne Bäumerl giebt. 

Ein Wildschütz will i bleiben, so lang i hon das Glück, 

Elin Wildschütz will i bleiben, will mir die Zeit vertreiben 

Im Sommer in dem Wald nimm i mein' Aufenthalt. 

Jetzt steig i auf das Gamsgebirg, hei wo das Gammel pfeift, 

Wann i oan Gamserl niederschiaß, so ist's mein* Herz ein Freud', 

I thu's aufn Buckel nehma, sollt' glei a Jaga kemma, 

Und trog's mit mir nach Haus; Bua dorten weid' i's aus. 

Begegnet mir der Jager Toni, er fragt mi, was i thue trag'n, 

A Gamserl g'schossen hon i, das g'hört dem Herrn Grafn. 

Kein' Jager thu i scheucha, kein* Jager thue i weicha. 

Du bist ja grad allein, du magst ma ja nix thain.') 

Ei du verfluchter Wildpratschütz, sagt jetzt der Jager zu mir, 

Gib du nur her dein* Kugelbüchs, sonst kemmant unsera vier. 

ös kennts ja wohl glei kemma und mir mei Büchserl nemma, 

I bin a frischer Bua, i vier nit scheuchen thua. 

Und i bin der Tiroler Franzel,*) hei gar a frischer Bua, 

Mein Kamerad heißt Hansel, hat a a Schneid dazua, 

SoH'n die Jager nur herkemma und unser Büchserl nemma, 

So schlagen mir's ja z'samm, und wir gehn schön stat davon. 

Und wia lustig auf der Alma, wo*s viele Gamseln hat. 

Ein Wildschütz will i bleiben bei Tag und bei der Nacht, 

Und sollte ich glei müaßn mein Leben hier einbüaßn, 

Juche, es bleibt dabei, ich liab die Jagerei! 

Altes Liederbuch. Aufzeichnimg ca. 1848 aus Donnersbachwald. 
Anmerkung. Eines jener Wildschützenlieder, wie sie in früherer Zeit sehr häufig vor- 
kamen, auch wohl heutzutage noch neu entstehen und dann sich in den Kreisen der Wilderer 
rasch verbreiten. 

4. Dar Oams Urbarl. 

Und daß i von Haus aus nix hon und drum bin i veracht, 
I bin kam a weng groß muß i wem a Soldat. 
In der Augsburger Stadt, da is ma übel ganga 
Und da hams mich in einer Wochen a dreimal g'fanga. 
Ham mich dreimal g'fanga, ham mich kreuzweis g'schlossen. 
Und so sein voller Freuden und mi hats verdrossen. 
Wie 's mi fort g'liefert ham, steht mein Schatz auf der Brück, 
Schöner Schatz thue nit wein*, i bin glei wieder z*ruck. 
Und zwei Stund bin i ganga, kanns nimmer g'rathen, 
B'hüet euch hin, b'hüet euch her, meine Herren Soldaten. 
Und aft han i ma denkt: was soll i mi a so scher*n, 
Wonn i aufs Ort*) kom so kostet's denno mei Lebe. 

*) Du magst ma ja nix thain = du kannst (nicht du willst) mir nichts thun, auf den 
vereinzelten Jäger bezogen. • 

•) Nach diesem Vulgamamcn könnte das Lied von Tirol her eingeführt sein, doch ist 
dies nicht ganz bestimmt anzunehmen, da auch in Steiermark ähnliche Namen, die auf Ab- 
stammung etc. des Trägers deuten, vorzukommen pflegen. 

■) Aufs Ort, d. h. an den Ort der Bestimmung. 



U4 



Schlossar. 

Und das Büchserl von der Achsel und so spannen den Hahn, 
Feh In die Schlösser wegg*schlag'n, und i geh stat davon. 

Wie i auf Passau bin kemma, san die Steckbrief schon da 
Und so kennant ma 's an, daß i bin von Nikola. 

Und der Wachzettel Schreiber, er that mi kenna 
Und er wollt* mi glei ganz allein g'fanga nehma. 

Und mit dir thu i nit gehn — hat ihn schiach verdrossen — 
Schliffl schubst das Geld ein, und i wurd daschossen. 

Auf denselbigen G'spaß bin i vogelfrei wom, 

Wer mi fangt oder schießt, kann fünfzig Guld'n habn. 

I schwing hin übern See und mein Threserl zua. 

Und sie gwandt mi von Fuß auf und Geld giebts ma gnua. 

Und ein* Stund übers Wasser, auf dem Lond drei, san vier 
Und an einzige Stund han i g'schlafen bei ihr. 

Und so süaß han i g*schlafen, i kunts enk nit b*schreiben. 
Und i wollt* ja a Wochen, a drei, a vier bleiben. 

Und so bhüat die Gott, Threserl, jetzt bin i dahin, 

Und da kann i nit mehr bleibn, es geht*s StreifFa*) auf mi. 

I geh aussi durch Baierland dem Österreich zua. 
Und da begegnet mir a frischer, a Tirolerischer Bua. 

Und oft hon i ma denkt, und jetz geht*s ma schon gut, 
Und jetz han i an G'sfwin') und der hat a frisch Blut. 

Und die Sennrin und der Hüather, die ham verrathen mi. 
Und da hon i *s dafahrn, daß i vogelfrei bin. 

Und von dort geh* i weg und wohl auf die grüne Alm, 
Dort han mi schon wieder die Jager Überfall *n. 

Dort kemman die Jager und i han ja schön g*lacht, 
Und aft hat halt mein Büchserl an Knalleza g*macht. 

Und zwa han i blessiert und vier san davon g*rennt, 
Und a ja meine Jager, habts mi a no nie kennt. 

Und jetz hacken die Holzknecht die Baumla all her. 
Und aft ham halt die Hirschin kan Unterstand mehr. 

Und wenn kein* Almhütten war und kein steinernes Wandl, 
So hält der Garns Urberl kein Unterstandel. 

Und das Nachterl is schön finster und Gott vills a so habn. 
Und drum gib i mi g*fangen, kein Wort thuans ma sagn. 

Und das Nachterl is wohl finster, das ich leichtlich zu sagn, 
Und jetz bin i aus der Festung, kein Wort derft*s ma sagn. 

Und daß i amal han ausdient und dies thut ma wohl taug*n. 
Aber long dauert hat*s und dies derfts ma wohl glaub'n. 

Ham die Leut schon long g*sagt und i war schon lang g*storben 
Und i bin in der Festung glei no nit verdorben. 

Und weil i *s beim Jagasein mag a nit daleid*n, 
Jetz muß i bei die Bauern gar a Küchel bua bleib'n. 



') Streiflfa = die Streifung der Soldaten nach dem Entflohenen. 
•) G*span = Kamerad. 



Deutsche Volkslieder aus Steiennark. 



135 



Und in der Festung, da mag i mich a k)ng nimmer scher'n. 
Und i mocht doch viel lieber a Jager selbst wem. 
Und das Liedl is aus und wird aft nimma länger, 
Und der Gams Urberl, der is enk doch wieder kemma. 

Altes Liederbuch. Aufzeichnung ca. 1848 aus Donnersbachwald. 
Anmerkung. Es scheint nach dem Inhalte, dass dieses Lied aus dem oberbayrischen 
Gebiete stammt und sich in den steirischen Bergen des Ennsthales, wo es häufig vorkam, einge- 
bürgert hat, da es die drastische Verherrlichung der Thaten eines kecken Wildschützen enthält. 

5. Der Zeugmaohargesell. 

Es war einmal ein Zeugmacherg*sell, Ja, wenn er so verwegen ist, 

Der hatte ein jung, frisch Bluat, Gehangen muss er sein, 

Er webt für die junge gnädige Frau Ein* Galgen lass ich erbauen. 

Ein seidenes Tafeltuch. Kost*s Gold und Edelstein. 

Und als das Tuch ganz fertig war, Und als der Galgen fertig war, 

Da legt er sich nieder und schlief. Da führten sie ihn hinaus, 

Da kam zur Thür die gnädige Frau Da kam das Urtheil vom Hochgericht: 

Und ihm ganz leise rief: Man soll ihn lassen aus. 

Wach auf, o lieber Zeugmacherg' seil Als er auf freiem Fuße war 

Und lass mich zur dir hinein, Begab er sich auf die Reis, 

Es bringt mir ein großes Vergnügen Da begegnet ihm die gnädige Frau 

Wenn ich bei dir kann sein. In einem Kleide schneeweiß. 

Und als sie nun beisammen war'n. Wo aus, mein lieber junger Mann, 

Sie glaubten, sie wären allein. Wohin steht jetzt dein Sinn? — 

Da führte der Teuxel das Kuchelmensch her, Nach Ungarn oder Polenland, 

Beim Schlüsselloch schaut sie hinein. Da will ich wandern hin. 

Dann schlich sie sich zum gnäd'gen Herrn: Nun denn, mein lieber Zeugmacherg*sell, 

Hört was ich euch vertrau. Bleib du mir lieb und hold. 

Es schlaft der fesche Zeugmacherg*sell Dann zog sie aus der Tasche hervor 

Bei eurer gnädigen Frau. Ein' Beutel mit blanken Gold. 

Nimm dieses Gold mit auf die Reis, 

I^ss gut geschehen dir, 

Und wenn du das Gold all's verzehret hast. 

Dann kommst halt wieder zu mir. 

Aufgeschrieben 1890 v. Agnes Stock, Donnersbach wald. 
Anmerkung. Eine beachtenswerte steirische Fassung des seit Jahrhunderten weit ver- 
breiteten Liedes vom «Zimmergesellen», worüber Erk-Böhme's : Deutscher Liederhort (Leipzig, 1893) 
I. S. 446 ff. und insbesondere die Anmerkung S. 448 daselbst zu vergleichen ist, welche die 
Literaturzusammenstellung des Liedes auf den verschiedenen deutschen Gebieten enthält und die 
Wandlungen desselben andeutet. 

6. Das erbetene Kind. 

Mein Vata und Muata sind Kloanhäusler Leut, 

Und dö hat halt das Leb'n ohne Kind nimmer g'freut. Hidri dio! 

Aft habn's halt den Himmel in ganz schlaflose Nacht' 

Gar recht inständig bitt, daß er mi schicken möcht. 

Damit daß da Himmel an Ruah hat von sie^) 

Und aft sagt halt Gott Vater: geh na abi zu die! 

Aft bin i halt kemma af d' Welt mit on Geschroa, 

Daß d' Nachbarsleut gemoant ham, es san unsra zwoa. 

Hiazt kimmts halt da Muata viel lustiga für, 

Hiazt hat's all' Tag die schönst' Unterhaltung mit mir. 



*) von sie, d. h. von ihnen in der mundartlichen Construction. 



Ii5 Schlossar. 

Mein Vata der hat hiazt a narrische Freud, 
Und er sagt halt hiazt allwcil: der Bua, der wird g*scheidt. 
Hiazt muß ma*s erst sehn, wos aus mir no All's wird, 
Ob meine Gscheidheit *n Vätern nit dena anschmiert. 

Gegend v. Irdning. Aufzeichnung v. 1891. 

Anmerkung. Ein Scherzlied, das wohl nicht sehr alten Ursprungs, aber gern gesungen ist. 

7. Der Orabler. 

A grablata*) Mensch is mein* Pein und mein* Plog, 
A solcha Trenza') vaload ma an Tog, 
Da kimmt a, da siachst*n, da maunlt') er um, 
Lochalt*) außa ins Haus und aft wieda in d* Stubm. 
Da bastelt er uma als wia die alt* Hen, 
Es hilft ja koa Netta,*) koa Treibn und koa Zen, 
A so is a allweil wiast *n do siagst, 
Er wurd* da nit g'schwinda und wannst *n daschliagst. 
Wannst *n ausmachst zum Zfoln oft giebt a da Red*: 
I los ma *s ja eh g'schlein,*) schau klagst es denn net. 
Wia r a bandelt und steht und glei olleweil goftt, 
Und schön langsam ummaunlt, daß a völlig einschloß. 
Beim Essen is anders, dort is a nit fal, 
Denn man laßt eam zum Maunln ban Tisch nit da Wal, 
Da hoast's: magst a Suppen, da host es, da schlück*s; 
Und wann a nit trochtat, aft kriagat a nix. 
Dös nimmt a eam z* Herzen und woaß akarat. 
Drum hat a vorn Gschwindsein beim Tisch an Regat, 
Aba kam wischens d* Löffel und beten danach. 
Is da Maunia, da langsam wia z*erst wieda da. 
Wia wird*s mit eam ausschaun am jüngesten Tag, 
« Wann er seine Boana nit g*schwind z*sammbringa mag, 

Und wenn*s nit auf eam warten, g*schieht*s heilig und g*wiß, 
Daß a lang nach*n G*richt no im Z*sammsuach*n is. 

Aufgeschr. 1890 v. Agnes Stock, Donnersbach wald. 

Anmerkung. Auch dieses Scherzlied führt eine volksthümliche typische Gestalt vor, wie 
sie gerade in Steiermark nicht selten is. 

8. Spinnlied. 

Spinn, spinn, mein liabi Tochter, Spinn, spinn mein liabi Tochter, 

I kaf dir an schüen Huet. — I kaf dir a schüeni Haube. — 

Ja, ja, mein liabi Muetter, Ja, ja mein liabi Muetter, 

Der stang mir wühl guet; Dö thut mir wühl taugen; 

I kann halt nit spinnen, I kann halt nit spinnen. 

Schwellt mir allweil mein Finger, Schwellt mir allweil mein Finger, 

Schwellt mir allweil mehr mehr, Schwellt mir allweil mehr mehr, 

Thuet mir allweil mehr weh. Thuet mir allweil mehr weh. 



*) Der Grabler, der grablate Mensch ist ein langsamer, alles langweilig anfassender, der 
nie mit etwas fertig wird. 

•) Trenza, d. h. eben&lls einer, der zum Angreifen der Arbeit und zur Vollendung eine 
lange Zeit braucht. 

') Maunl'n = zaudern, langweilig arbeiten. 

*) Lochalt = geht schleppend, langsam. 

*) Netta, d. h. das Nöthigen, Antreiben. 

^) G schiein = schleunig, rasch sein. 



Deutsche Volkslieder aus Steiennark. y^y 

Spinn, spinn, mein liabi Tochter, 
I kaf dir an schüen Mann, — 
Ja, ja mein liabi Muetter 
Der steht mir wühl an. 
I kann halt schoa spinnen. 
Schwellt mir nix mehr mein Finger, 
Schwellt hiaz nimmermehr, 
Thuat mir goar nix mehr weh. 

St. Georgen a. d. Stiefing. Aufgezeichnet etwa 1874, 

9. Blnderllad. 

Ich bin der Binder, 

Ich binde das Fass, 

Wohl wird mir vom Binden 

Die Stime oft nass; 

Doch hurtig und munter die Reifen herum 

Und dann mit dem Hammer gewandelt rundum, rundum, rundum! 

Ich bin der Binder, 

Ich binde das Fass, 

So fröhlich und flink 

Als war' es nur Spass; 

Und mach ich dabei den Rücken oft krumm, 

So ist es doch lustig zu wandeln rundum, rundum, rundum! 

Älteres geschr. Liederbuch aus Kienach (Ennsthal). 

Anmerkung. Dieses Lied dürfte, wie schon seine hochdeutsche Fassung andeutet, nicht 
im Lande entstanden, sondern eingebürgert worden sein, doch ist es, wie auch das folgende, ein 
beachtenswerter Beitrag zur Gruppe der Handwerkerlieder, welche jetzt schon selten vorkommen. 
Vielleicht ist es einem der werten Leser in dieser oder ähnlicher Fassung bekannt, ich wäre in 
diesem Falle für Mittheilung des bezüglichen Textes sehr dankbar. 

10. Müllarlied. 

Herr Müller und Frau Müllerin, Herr Müller und Frau Müllerin, 

Der Lohn ist mir zu klein, Die Kost ist mir zu schlecht. 

Ich mag bei eurer Mühle Ich bin bei euch geworden 

Kein MüUerbursche sein. So dünn schon wie ein Hecht. 

Herr Müller und Frau Müllerin, 
Ich hab' schon einen Platz, 
Und eure schöne Dirne 
Kriegt wieder einen Schatz. 

Josef Kulmer auf dem Kulm bei Weiz 1889. 

Anmerkung. In den Thälern um den Kulm bei Weiz finden sich der wasserreichen 
Gegend wegen besonders viele Mühlen. 

11. Frühlingsllad. 

Auf, es kommt das Frühjahr an. Mach dich auf, mein liebes Vieh, 

Bauer, geh bald aus dem Haus, Fahm mir auf die Alm hinauf. 

Denn es pfalzt der Auerhahn Steigen macht zwar eine Müh 

Und die Bäume schlagen aus! Über Stein und hohen Stauf. 

Küh und Kälber, Schaf und Ziegen Aber kommt man zu der Hütten, 

Fressen jetzt nur Heu und Halm, Kann man grünen Rasen sehn, 

Mussten stets im Stalle liegen. Und auf Fluren, Blum' und Blüten 

Aber jetzt heisst's auf die Alm. Jodler. Kann man hin und wieder gehn. Jodler. 



138 



Petak. 

Auf der Alm ist's gar so schön 

Und so frisch und wunderbar, 

Man fühlt dort sich auf den Höhn 

Nah' dem Himmel schon fürwahr. 

Andre Blumen, sclt'ne Kräuter 

Wie in einem Zauberreich, 

Alles stimmt das G'müth so heiter, 

Preist und dankt dem Herrn zugleich. Jodler. 

Aufgeschr. 1890 v. Agnes Stock, Donnersbach wald. 



Friedhofverse in Salzburg. 

Von Arthur Petak, Floridsdorf, 

Über den Eingang^sthoren von Friedhöfen, wie auf den einzelnen 
Grabsteinen und Grabkreuztafeln, finden sich bekanntlich allerorten Verse 
erbauenden oder klagenden Inhaltes. Etwas ganz anderes aber hat man 
vor sich, wenn man die speciell im Salzburgischen vorkommenden Fried- 
hofverse betrachtet. In mehrfacher Beziehung unterscheiden sich dieselben 
auffallend von ähnlichen Inschriften und offenbaren sich zugleich als etwas 
echt Volksthümliches, dessen Betrachtung sicherlich in den Rahmen der 
Volkskunde gehört. 

Schon die Art und Weise, wie diese salzburgischen Grabverse an- 
gebracht sind, ist ungewöhnlich. Die Tafel des Grabkreuzes — wenn ein 
solches überhaupt vorhanden ist — trägt bloß Namen, Stand, Alter, 
ev. Sterbetag des Todten und nur in sehr wenigen Ausnahmsfallen einen 
Grabvers. Um den Grabhügel herum aber befinden sich vier Bretter, 
meist unten etwas nach innen geneigt, sodass der Bau ganz das Aus- 
sehen eines wirklichen Sarges gewinnt. Auf diesen vier Brettern stehen 
die Inschriften. Ob es vielleicht ursprünglich Sitte war, auf den Wänden 
des Sarges selbst die Inschriften anzubringen und dieser Gebrauch sich 
dann auf das dem Sarge nachgebildete Grab übertragen hat, lässt sich 
kurzweg nicht entscheiden; ebensowenig, wie alt dieser Gebrauch sein 
mag, da begreiflicherweise diese Inschriften nicht allzuweit zurückreichen, 
indem die einfache, allen Unbilden der Witterung ausgesetzte Schrift bald 
verwittert und die Bretterwände selbst im Laufe der Jahre immer tiefer 
ins Erdreich einsinken. 

Noch etwas anderes kommt hinzu. Während nämlich der Besucher 
anderer deutscher Friedhöfe zwar häufig auf den vornehmen Grabsteinen, 
aber selten auf den einfachen Grabkreuztafeln einen Spruch entdeckt, hat 
auf verschiedenen Friedhöfen im Salzburgischen fast jedes noch so ein- 
fache und ärmliche Grab seine Sprüchlein. Und während ferner die 
verschiedenen Inschriften anderer Friedhöfe — von den Salzburg benach- 
barten Alpenländern abgesehen — fast immer Citate berühmter oder 
minder berühmter deutscher Autoren sind, enthalten die salzburgischen 
Friedhofverse echte und beachtenswerte Volkspoesie. Und so ist es eben 



Friedhofverse In Salzburg. Ißn 

erklärlich, wieso auch die Gräber der Armen Sprüche tragen. Denn eine 
einfache und treuherzige Volksdichtung ist auch den Ärmsten zugänglich, 
wenn sie Sinn und Interesse dafür haben. Beides aber besitzen die öster- 
reichischen Alpenvölker ohne Zweifel. 

Es wäre nun für die Volkskunde jener Gegenden äußerst wertvoll, 
über diese salzburgische Friedhofpoesie zusammenfassende Betrachtungen 
anzustellen. Das könnte nur auf Grund einer ausreichenden Sammlung 
geschehen. Eine solche besitzen wir aber bis jetzt nicht. 

Ludwig von Hörmann hat vor einigen Jahren^) eine Sammlung 
von Grabschriften herausgegeben und sich damit ein nicht genug schätzens- 
wertes Verdienst um dieses vorher so wenig beachtete Gebiet der Volks- 
poesie erworben. Der Herausgeber bemerkt aber selbst in der Vorrede, 
dass seine eigenen und die ihm zur Verfügung gestellten Sammlungen 
hauptsächlich über Tirol, Kärnten und den bsiirischen Wald sich erstrecken. 
In der That findet man unter den i8o — 200 Grabschriften seiner Samm- 
lung (I. Theil S. I — 67) nur ganz wenige aus dem Salzburgischen. Ebenso 
ist die eingangs besprochene Holzverkleidung der salzburgischen Gräber 
dem Herausgeber wahrscheinlich nicht bekannt gewesen. 

Sollte aber, wie man hoffen darf, in einigen Jahren eine bis jetzt 
vermisste umfassende Sammlung der salzburgischen Friedhofverse zustande 
kommen, so müsste von vornherein darauf Bedacht genommen werden, 
diese Sammlung nach Verlauf je einiger Jahre zu ergänzen, da wir es 
hier nicht mit einer abgeschlossenen Volksdichtung zu thun haben, sondern 
dieselbe auch in unseren Tagen, wie ich mich mehrfach überzeugte, 
keineswegs ausgestorben ist, sondern noch immer fortdauert. 

Im I^ufe zweier Sommer, die ich im Salzkammergute verbrachte, 
habe ich ungefähr 70 salzburgische Grabschriften gesammelt und will an 
der Hand derselben versuchen, einen kurzen Überblick über diese eigen- 
thümliche Erscheinung zu geben, wobei ich vorausschicke, dass ich infolge 
des kleinen Umfanges meiner Sammlung und des eben erwähnten fort- 
währenden Zuwachses aus der Gcgenw^art auf eine Vollständigkeit und 
Fehlerlosigkeit dieser Ausfuhrungen natürlich keinen Anspruch erhebe, 
wie ich aus demselben Grunde auch über die zeitliche und locale Aus- 
breitung dieser Erscheinung kein zuverlässiges Resultat bekanntzugeben 
vermag. 

Von den vier Wänden eines solchen salzburgischen Sarggrabes, 
wie man es nennen könnte, sind gewöhnlich nicht alle mit Inschriften 
bedeckt. In der Regel ist — wenn man sich zu Füßen des Grabes auf- 
stellt — die hintere Wand unbeschrieben, vorne, links und rechts stehen 
Sprüche. Dies ist der regelmäßige Typus, welchen etwa 80 Percent der 
Gräber zeigen. Sehr selten sind alle vier Wände beschrieben, was w^ohl 
schon darum nicht gebräuchlich wurde, weil sehr viele Gräber mit der 
hinteren Wand an die Kirchen- oder Friedhofsmauer stoßen. Es finden 



*) «Grabschriften und Marterin.» Gesammelt und herausgegeben von Ludwig von Hör- 
mann. Leipzig (Liebeskind) 1890. 24®. 2 Theile. 



1 40 Petak. 

sich aber auch Gräber, bei denen bloß die hintere (Wand) oder bloß 
die vordere Wand eine Inschrift trägt. Und schließlich gibt es Sarg- 
gräber, welche nur an den beiden Längsseiten Sprüche zeigen. 

Von einer Technik dieser Friedhofverse kann man natürlich nicht 
reden. Doch überwiegen die vierzeiligen Sprüche ; der Reim ist meistens 
gekreuzt und seltener gepaart. Dass der Metrik und Grammatik auch 
manchmal Gewalt angethan wird, mag folgendes Beispiel zeigen: 

O meine Freunde, sucht mir 

In Grab hier, 

Und bct'.fur mich und ich für Euch; 

Wir seh'n einander im Himmelreich. 

Über den Inhalt dieser Friedhofverse, gilt dasselbe, was bereits 
Ludwig von Hörmann in der Vorrede zu seiner genannten Sammlung 
verschiedener Grabschriften gesagt hat: «Ihr Inhalt ist entweder allge- 
meiner Natur und behandelt in allen nur denkbaren Spielarten das Capitel 
von Tod und Ewigkeit, daneben Schmerz über den Verlust theurer An- 
gehörigen mit der Hoffnung auf Wiedersehen. Manche dieser Verse sind 
von einer Tiefe und Innigkeit, wie man sie auf solchen Landfriedhöfen 
gar nicht erwarten möchte etc.» Hinzuzufügen wäre, dass man zwei 
Arten von Inschriften unterscheiden muss; solche, in welchen die Hinter- 
bliebenen sich an den Verstorbenen und die Vorbeigehenden wenden, 
dann solche, in welchen der Todte sprechend eingeführt wird. Letztere 
sind in der Minderzahl. 

Übrigens steht auch die Gruppierung mit dem Inhalte in einer 
gewissen Beziehung. 

Vorne finden sich, wie es der Raum gebietet, gewöhnlich nur 
kurze Sprüche. Sie sind oft gar nicht gereimt, z. B. «Der größte Verlust 
auf Erden ist der eines edlen Weibes», «Ruhe unter dem Kreuze ist der 
Eingang zum Leben», «Liebe kann nicht untergehen». Sehr häufig sind 
statt solcher allgemeiner Betrachtungen Glaubenssätze aus der Bibel zu 
finden. Nicht selten aber begegnet man auf dieser vorderen Wand kurzen 
Sprüchen, die sich auf vielen Gräbern, oft in ganz verschiedenen Gegen- 
den, wiederholen. So der bekannte Reim, den schon «des Knaben Wunder- 
hom» verzeichnet: 

«Hier in diesem Rosengarten 
Thu ich auf Vater und Mutter warten», 
oder: 

«So wandelt man in seinem Leben fort, 

Bis man ermüdet kommt an den bestimmten Ort.» 

Da die hintere Wand, wie erwähnt, selten beschrieben wird, so 
lässt sich auch wenig sagen. Die Sprüche sind hier natürlich ebenfalls 
kurz, weil der Platz sonst nicht ausreichen würde. Ich führe bloß einen 
an, der darum interessant ist, weil die 3 anderen Wände dieses Grabes 
leer sind. Es ist das Grab einer 61jährigen Frau. Der Spruch auf der 
hinteren Wand lautet: 



Friedhofverse in Salzburg. I^I 

Meine Jalire smd «u Ende, 
Ich mvLSs in das kühle Grab. 
Es richten Gottes Hände, 
Was ich mir verdienet hab*. 

Auf der rechten und linken Seitenwand stehen dann die längeren 
Sprüche, welche bisweilen sogar (statt vierzeilig) sechs- und achtzeilig 
sind. Inhaltlich hängen oft die Inschriften beider Wände zusammen, so- 
dass die eine die Fortsetzung der anderen enthält. So auf einem Kinder- 
grab aus dem Jahre 1893 auf dem weltverlassenen Friedhof des kleinen 
Ortes Feuchten (eine Wegstunde vom Hintersee, in der Nähe des 
Faistenauer Schafberges) : 

(links) Leb wohl, o Welt; ich muss nun fort 
Hin in die Ewigkeit; 
Gott hat mir einen besseren Ort 
Auf immer zubereit*, 
(rechts) Ihr Eltern und Göthenleut, 
Was Ihr mir Gutes gethan, 
Für dieses sei in der Ewigkeit 
Dort Euch der schönste Lohn. 

In anderen Fällen, aber seltener, tritt eine Mischung ein, sodass 
nur die eine Wand Worte des Todten enthält, die andere eine allgemeine 
Betrachtung, z. B. 

(links) Ich lieg schon in der Todtenbahr, 

Vielleicht kommst aucH noch drein dies Jahr. 
Kein Tag noch Stund du sicher bist. 
Merk auf und wach zu jeder Frist. 

(rechts) Des Menschen Tod ist unbestimmt 
Für alle hier auf Erden. 
Wann Gott der Herr die Seele nimmt. 
Kann nicht ermittelt werden. 
Drum Menschen! bleibet gut und rein. 
Nur dieses kann Euch nützlich sein. 

(Grab eines verunglückten Bauemsohnes in St. Gilgen.) 

In den meisten Fällen jedoch findet sich auf der einen Wand eine 
Betrachtung über den Trennungsschmerz der Überlebenden oder eine 
Bemerkung über den Beruf oder Stand des Begrabenen, auf der anderen 
Wand eine directe Ansprache an den Todten. Als Beispiel diene: 

(links) Sanft bist du hingegangen zu Gottes Herrlichkeit, 
Hast glücklich überwunden die Leiden dieser Zeit. 
Die Liebe deiner Freunde streut Blumen auf dein Grab, 
Und weinet stille Thränen in deine Gruft hinab. 

(rechts) Die Mutter war gesund, 

Sie trug des Tages Lasten; 

So lang sich regt' ihr Mund, 

Könnt' sie nicht ruhen, rasten. 

Und war etwas noch nicht gethan, 

So griff sie muthig selber an^ 

Und diese edle Mutter ist nun von uns geschieden. 



1^2 ▼. Doblhoff. 

Ob und inwiefern diese sargartigen Gräberhügel Salzburgs — 
denen man übrigens auch eine gewisse praktische Seite nicht absprechen 
kann, da sie das Zerfallen und Zerstören der Gräber hintanhalten — und 
ihre Inschriften mit den sogenannten Leichen- oder Todtenbrettem des 
bayrisch-salzburgischen Gebietes vielleicht in historischer Beziehun gstehen, 
das zu beurtheilen fehlt bis jetzt jeder Anhaltspunkt. 



Altes und Neues vom „Tatzelwurm", 

mit einem Schlussworte über vergleichende Sagenforschung in Österreich-Ungarn. 

Von Josef Frh. v. Doblhoff, Salzburg. 

Motto: «Doch weise Mftnner sah*n noch nie 

Den Taaelwnrm .» 

Sck*ff«t, 

Das «gelahrte Haus», welches in Scheffels «Gaudeamus» obige 
heitere Verse spricht, ward allerdings vom Dichter nur auf das «Gasthaus 
zum feurigen Tazzelwurm» in der «Rehau» bei den <Audorfer- Almen» ver- 
wiesen,*) ohne dass die Sage als solche gründlicher beleuchtet wurde. Dort 
ist der Wurm ein Lindwurm, wie ihn auch Dietz in einer Abbildung^) 
dargestellt, nur noch eine Pfeife im Munde. Steubs prächtige Schilde- 
rung frischte in den Mittheilungen des D. u. ö. Alpenvereines Dr. Julius 
Mayr (Rosenheim) zum «25. Tauffeste ^ auf, mit markigen Worten der 
Stelle gedenkend, wo Lieblinge des Volkes fröhliche Stunden verlebt. 
Neue Gesichtspunkte finden wir auch hier nicht, wie ja überhaupt in den 
letzten Jahren der Verbreitung der Drachensage nur in sporadischen Mit- 
theilungen gedacht wurde. Wenn so oft die heitere Seite des Phantasie- 
gebildes hervorgehoben wurde, so ist die Anlehnung an den Poeten Ursache, 
warum ernsteres Eingehen in den StoflF nur mehr von Wenigen versucht wird. 

Die Rücksicht auf andere Forschungen, welche resultatlos verlaufen 
sind, sollte man nicht gelten lassen, denn unter dem «Popularisiren» der 
Sage leidet diese selbst, die ja an sich schon das populärste Gebilde ist, 
weil aus dem Volke stammend. — Vergleichende Beobachtungen 
dürfen niemals aufgegeben werden, denn aus den oft überraschenden 
Parallelen und Varianten einer über ein größeres Gebiet 
verbreiteten Sage lässt sich am ehesten auf deren Ursprung und 
die Ursachen des Fortbestehens schließen. 

Die älteren sagenliterarischen Quellen für den «Tatzelwurm» 
sind in der Schweiz zu suchen. Nach Kohlrusch^) glaubt man zwischen 

*) Oberaudorf ao der Strecke Rosenheim — Kufsteio. 

•) Illustration zu K. Stieler (n. v. Pausingers Mittheilung). 

') Kohlrusch «Schweizerisches Sagenbuch» Leipzig (Rob. Hoffmann) 1854. — 
K. schöpfte aus Königs: «Alpen-Reisen» (Bern 18 14) und Wyss' «Reise ins bernerische Ober- 
land.» — Dass der «Stollenwurm» nicht bloß im Canton Bern vorkommt, dafür spricht R o c h h o 1 z 
(Aargauer Sagen), femer ein 55chreiben von B. Reber in Genf (v. 8. Mai 1895), in dem es heißt, 
dass die Sage im Canton Waadt, besonders aber im Canton Wallis erscheint. Der Name 
«Tatzelwurm» findet sich in der Schweiz nicht. — «Wurm» bedeutet auch im Aargau (nach Rochholz) 
eine Schlange und «Stollen» einen kurzen, dicken Fuß. 



Altes und Neues vom «Tatzelwurm». . 141 

Unterseen und der Grimsel, auf einer Strecke von 10 — 12 Stunden (bis 
gegen Gadmen) in einem Gebiete, welches zuerst Agassiz und Carl Vogt 
wissenschaftlich geschildert haben/) an die Existenz von sogenannten 
«Stollenwürmern», d. i. Schlangen mit kurzen, stollenartigen Füßen. 
Sie erscheinen nach schwülen Tagen oder bei Wetterwechsel. Die Zahl 
der Füße wird mit 2, 4 oder 6 angegeben; alle Berichte aus der Schweiz 
stimmen darin überein, dass die «wStollenwürmer» dicke, katzenartige 
Köpfe haben. «Wo sie daheim sind, hat man nie von Drachen oder Lind- 
würmern gehört. > Schon Wagner, dann Scheuchzer haben über diese 
Dinge geschrieben, später Studer in Königs «Reise in den Alpen» 
(«Etwas vom Stollenwurm»). Keiner von ihnen aber sah das Thier. 
Hier einige Berichte: 

SchulmeisterHeinrichim «Dorf» im Guttanenthale (Oberhasli) 
erblickte im Jahre 1 8 1 1 einen «Stollenwurm». Derselbe war «eine Klafter 
lang und dick wie eines Mannes Schenkel». — Hans Kehrli sah einen 
«Stollen wurm», welcher 10 Junge im Leibe hatte, von denen eines ganz 
weiß war. — Im <r Boden» an der Grimselstraße wurde auch ein trächtiger 
Stollenwurm gesehen, den Knaben erschlugen. 

Die «Stollen Würmer», heißt es weiter, stellen besonders den «Erd- 
männchen» nach, schädigen aber auch Thier e und sogar Menschen: 
Sie stürzen sich hochaufgebäumt und die pfeilformig zugespitzte Zunge 
weit aus dem giftigen Rachen streckend, auf den Feind und suchen ihn 
nach Schlangenart mit ihrem langen Schweife zu umschlingen und zu er- 
drücken. Oft saugen sie den Kühen die Milch aus. Wer jedoch einen 
weißen Hahn auf der Alpe hält, kann sich gegen sie schützen.^) Es 
ist sicher, dass es weiße und schwarze Stollenwürmer gibt, die 
ersten haben «ein Krönlein und sind selten». 

Auch gute Stollenwürmer gibt es: So fand ein armes Hirten- 
mädchen einst auf der Heubühne ihrer Hütte einen kranken Stollenwurm 
und reichte ihm Milch. Das Thier zeigte sich dankbar, verwandelte das 
goldene Krönlein auf seinem Haupte in die «Schlangenkönigin» und gab 
sie dem Hirtenmädchen zum Dank für die Rettung. Bei Freiburg (Schweiz) 
vertrieb ein Arbeiter den Schlangen eine Spinne ; er wurde dafür belohnt. 

Nach Alpenburg saß ein Tiroler, welcher kinderlos war, am Ufer 
des «Piller Sees» und dachte, wie schön es wäre, wenn er Kinder hätte. 
Zwei Nattern kamen und legten ihre Krönlein in seinen Schoß. Dann 
kam jedes Jahr ein Zwillingspaar im Hause des Mannes.^) 

Mit der «wSchlangenkönigin» sind sehr wohlthätige Kräfte verbunden, 
ebenso wie mit der Krone des «Schlangenkönigs» der deutschen Berge. 

*) Agassiz* und seiner Freunde geologische Alpenreisen (unter Mitwirkung 
von Studer und Desor) von C. Vogt (2. Auflage, Frankfurt a. Main 1847). 

') «Weißer Hahn»: Wenn der Hahnenschrei erschallt, werden die davon überraschten 
Hexen oder Riesen verscheucht, oder zu Stein (Xork, Mythologie der Volkssage p. 379, Henne 
am Rhyn 131). Auf dem Stein felde bei St. Polten floh der Teufel den Hahnenschrei ; in Roznau 
vertreibt ihn weder ein weißer noch ein schwarzer, nur ein rother Hahn. — (Henne am Rhyn 
391 — 39^» Vernaleken, Mythen und Bräuche 369 — 370.) 

') In den Mecklenburger Sagen Niederhöffers, besonders in der vom «Mückenkrug», 
erscheint ebenfalls der cSchlangenkönig». 



1^4 ^' Doblhoff. 

Der « Wurmkonig» erscheint auch in Tirol und Vorarlberg. ^) Der «Ottern- 
könig», der besonders in der Nähe von Grochwitz bei Weida spuckt, ist 
schwarz und weiß gesprenkelt. Er schenkt oft armen Mädchen die Krone. ^) 
— Häufiger jedoch verfolgt das m3rthische Thier die Menschen. An 
der Eisak soll ein «fahrender Schüler» den «weißen Haselwurm» und eine 
Menge «Beißwürmer» ins Feuer gezaubert haben, bis der «Wurmkönig» 
(Schlangenkönig mit der Krone) ihn «mitten durchbohrte». Ganz dasselbe 
erzählt man im Bemer Oberlande. Paracelsus soll den «Haselwurm» 
gegessen und viel Weisheit in sich aufgenommen haben. — Eine andere 
Tiroler Sage lässt den Zauberer pfeifen, dass alle Schlangen ins Feuer 
kriechen, nur der «Wurmkönig» ahmt das Pfeifen nach, umschlingt den 
Zauberer und rollt ihn ins Feuer. — Ein Theologe aus Brixen wollte den 
«Beißwürmem» das Handwerk legen. Es kostete ihm das Leben, weil ein 
weißer dabei war. (Siehe Zingerle, iSgi.p. 182 — 185; femer Schnellers 
Sagen aus Wälschtirol, Innsbruck 1867, wo die Heiligen genannt sind, 
welche derartiges Ungeziefer unschädlich machen.) — In Vorarlberg und 
Salzburg ist dieser Zauberer ein Bergmännchen. — Auch Grimms Sagen 
und Märchen deuten auf den «Wurmkönig». Das Volk glaubt seit 
uralten Zeiten an die «Schlangenkönige mit der göttlichen Krone». Wenn 
sie erzürnt werden, sollen sie «einenMenschen wie einPfeil oder 
Speer» durchbohren. In Steiermark hat das Thier einen Katzenkopf, nur 
in Oberbayern und den angrenzenden Gebieten mehrere Füße, daher der 
Name «Tatzelwurm». Dieser Name hat sich neben dem «Bergstutzen» 
auch im Salzburgischen erhalten. Im Ennsthal heißt das mythische Thier 
oft «Büffel», im übrigen Steiermark «Bergstutz»,') ebenso im Salzkammer- 
gute; in Niederösterreich auch «Kraulnatter» (n. Leeb). 

Den gediegensten Aufsatz aus dem letzten Jahrzehnt finden wir im 
18. Bande des Jahrganges 1887 der Zeitschrift des D. u. ö. Alpen Vereines : 
«Die Drachensage im Alpengebiete» von Universitäts-Pro- 
fessor Dr. von Dalla Torre in Innsbruck.*) Auf Seite 213 u. ff. 
behandelt der Autor auch den «Tatzelwurm» als letztes Überbleibsel 



*) In Zingerle (2. Aufl. 1891) finden wir (p. 180 u. fF.) die c weiße Schlange», (Nr. 303) 
den «weißen Wurm» von der «Flaggeralm». Auch Dörler erwähnt die Schlangen-Sage in 
, seinem neuen Werke : «Sagen aus Innsbrucks Umgebung» (mit besonderer Berücksichtigung 
des Zillerthales) Innsbruck (Wagner) 1895 (Nr. 115, 116, 117). Nach Vonbun (p. 173 — 176) 
ist die «gekrönte Schlange» im Bregenzerwald eine verwünschte Königstochter. — Auch von 
Frastanz und der «Alpe Schadauna» geht die Sage von einer «gekrönten Schlange». In Feldkirch: 
«Schlangenkönig und Krondieb» (nach Vemaleken). Die Schlange von Nüziders schenkt eine 
Krone. Im Walserthale schenkte eine Schlange, welche Milch erhielt, ihre Krone. In Tirol und 
Vorarlberg heißt die Ringelnatter allgemein «Krönelnatter». Auch in Niederösterreich bringt 
sie Glück: Sie hat Hände (mündliche Mittheilung V. U. W. Wald.). 

') Henne am Rhyn (p. 116, Nr. 152), nicht zu verwechseln mit dem «König Otter» 
(Leeb, Sagen Niederösterreichs 1892, pag. i), welcher dem «Kaiser Karl» (oder Friedrich) vom 
Untersberge («Kyffhäuser») entspricht. 

•) In Dr. A. Schlossars Cultur- und Sittenbilder aus Steiermark (Graz 1885) wird im 
Capitel: «Gespenstergestalten im steirischen Volksglauben» (p. 113) der «Bergstutz» nicht besprochen. 

♦) Herr Universitäts-Professor Dr. von DallaTorre schrieb mir auf eine Anfrage, dass 
er die «Tatzelwurm-Sage» seit 1887 nicht mehr weiter verfolgt habe und darum nicht in der Lage 
sei, neuere Mittheilungen zu machen. • 



Altes und Neues vom «Tatzelwurm». 14c 

aus der Drachenzeit, welches wenigstens in der Phantasie des Volkes nicht 
aussterben will. Prof. v. Dalla Torre geht von einer Betrachtung der zoolo- 
gischen Kenntnisse in älterer Zeit aus, nennt die Gelehrten, welche sich 
mit den mystischen Thieren befassten und bringt einzelne Beispiele, so 
das Wunderthier von Ruhpolding, das der Forstwart in Seehaus sah und 
wie ein «kleines Krokodil» schilderte, femer das Skelet von Admont (1865 
im Kloster verbrannt, ein Ichthyosaurus) dann die große Eidechse, 
welche der Botaniker Schultes sah und die Nachricht vom Wundarzte 
Wattmann von Ebensee, welcher von dem Skelette einer 1781 geschossenen, 
5 Schuh langen Eidechse (mit dem Kopf einer Ziege, schwerem Schwänze, 
4 Füßen, ohne Ohren, dick wie ein 3jähriges Kind, bräunlichschwarz, 
Bauch weiß gefleckt mit ^4 Zoll langen, dünnen, stechenden Haaren) er- 
wähnte. Eine Rippe maß 7 Zoll; Wattmann sah nur diese, alles Übrige 
aber war von den Bauern erzählt worden. — Dieses «vom Hörensagen» 
«Weitertragen» nützte ebenso wenig, wie Studers «Etwas vom 
Stollenwurm» (bei König) für die genauere Kenntnis der natur- 
historischen Grundlagen dieser Sage. — Dalla Torre erwähnt auch 
den Aufsatz aus der Feder des Forstmannes Schultes, der im «Neuen 
Jahrbuche für Natur-, Forst- und Jagdfreunde» bei Voigt in Weimar (1836) 
erschien. Hier kommt wohl auch etwas «Jägerlatein» dazu. Die einem 
(1864 in der Leipziger Illustrierten Zeitung erschienenen) Artikel beigefügte 
Abbildung des «Tatzelwurmes oder Bergstutzen» reproduciert Dalla 
Torre auf p. 217, aber nennt sie mit Recht ein «Phantasiegemälde». Das 
Thier sieht auf dem Bilde wie ein geschuppter Fisch (mit 4 Füßen ohne 
Schwanz und Ohren) aus. Es hat 3 längliche Flecken auf dem Rücken, 
das Auge ist besonders klar, wie ein Menschenauge. Im Hintergrunde 
zeigt sich ein von Wolken durchzogenes, zackiges Gebirge. — Schultes' 
Vergleich mit dem «Schnabelthiere» könnte wohl eher passen, als der mit 
dem «Rackelhuhn» ; er schildert den Bergstutz hell, silbergrau und glänzend 
mit 3 Längsflecken auf dem Rücken (Kopf einer Schlange, Leib manns- 
armdick, 2 Schuh lang, nach hinten abgestumpft, 4 kurze Füße), rasch sich 
bewegend; der Biss erzeugte eine Wunde, die vergiftet war und große 
Schmerzen verursachte. Der Forstmann war nahe der Amputation. 

Mit Hübners «Beschreibung des Fürstenthums Salzburg» (1796) 
tritt der «Bergstutz» auch in die salzburgische Literatur. Hübner spricht 
von der «I^certa Seps». Er sagt: «Die Alpenbewohner erzählen von 
diesen Thieren allerlei Märchen, welche vermuthlich größtentheils Kinder 
des Schreckens sind». Er nimmt den «Birgstutz n» für ein Mittelding 
zwischen Eidechse und Schlange, genau so schilderte Wyss 20 Jahre 
später den «Stollenwurm» des Bemer Oberlandes. Vierthaler bespricht 
in «Meine Wanderungen durch Salzburg», Wien 1816 (I, 91) die Berg- 
stutzen: »Sie sollen die Länge von 2*/$ Fuß und die Dicke eines starken 
«männlichen Armes erreichen. Ihre Geschwindigkeit und der Schrecken 
«vor denselben haben sie bisher der Untersuchung der Naturforscher 
«entzogen.» In der salzburgischen Sagensammlung R. von Fr ei sauf fs^) 

*) R. V. F r e i s a u f f, Salzburger Volkssagen (illustr.), pag. 37 1 — 372. Wien, Hartleben 1 880. 
Zeitschrift fiir österr. Volkskunde. I. 10 



146 V. Doblhoff. 

sind die localen Berichte zusammengefasst. Wir finden dort, dass der 
«Birgstutzen» ein äußerst gefährliches Unthier sei, das den 
Lämmern und Ziegen, aber auch den Menschen gefährlich wird. Er 
soll die Gestalt eines Wurmes mit Füßen haben, 3 — 5 Fuß Länge messen 
und (wie Steub sagt), die Dicke eines «Bierkrügels» haben. — Die 
Anzahl der Füße ist verschieden angegeben (2, 4 auch 6). — Er richtet 
sich beim Angriffe empor und pfeift. Sein Hauch ist giftig, weshalb sich 
auch Jedermann entsetzt, wenn er den «Birgstutzen» zu Gesichte bekommt. 
Seine wurmähnliche Gestalt endigt in einem Schwänze, der plötzlich 
abbricht, sodass er wie abgehackt aussieht, daher auch sein Name. Wo 
der «Speik» blüht, soll er nicht weit sein. 

In einigen Gegenden saugt er nur den Kühen die Milch aus. — 
Ob.-Bergrath Prinzinger erfuhr im Jahre 1850 auf derTännenalm,^) ein Wurm 
von der Länge eines Vorderarmes, vorne 2 Füßel, habe dort gelebt. Als 
er alt geworden, hätte er ein Krön chen bekommen. Diese Thiere seien 
so stark, dass sie durch den Leib springen. Auf besagter Alpe soll er 
nur eine Kuh gemolken haben. ^) Später kam allerdings auf, es sei ein 
Bursche gewesen, welcher die Kuh täglich abmolk und den Milchdiebstahl 
dem Bergstutz «in die Schuhe» schob, wenn er überhaupt Füße besitzt. 
Bei Freisauff (Salzb. Sagen, p. 372) heißt es auch in einer Anmer- 
kung: «Bei Unken befindet sich auf einem Bildstöcklein eine merkwürdige 
Tafel, welche einen Bauer darstellt, der, von zwei «Birgstutzen» verfolgt, 
dem Tode verfallt. — Kobell hat in seinem «Wildanger» (Stuttgart, 1859) 
die Kunde von dem «Marterl» auf dem Wege zur Schwarzbachklamm 
benützt. Dort heißt es, dass anno 1779 ein Tiroler Bauer beim Beeren- 
sammeln in der «Mösener Leitstube» von zwei « Spring würmern» angefallen 
worden sei. Er lief bis in das «Heuthal». Der Körper der Thiere ist 
braunschwarz und grünlich, ein Strahl dringt aus dem Rachen des hunde- 
ähnlichen Kopfes, auch der Schwanz gleicht dem eines Hundes.^) 

Näheres über das Unkener «Marterl» erfuhr ich aus einer Hand- 
schrift, welche mir Herr kais. Rath, Dr. Alex. Petter, mit mehreren anderen 
Sagenhandschriften zusandte. In diesem Manuscripte*) des Museums 
«Carolino Augusteum» in Salzburg heißt es bezüglich des <^ Marterl» bei 
Unken: «Aus der Schnautzen beider Unthiere sprüht es roth (Feuer?). 
Hoch oben in den Wolken erscheint die Mutter-Gottes von Kirchenthal». 
Von der Inschrift unten am Gemälde ist nicht viel mehr zu lesen, als: 
«Erbarmet euch meiner armen Seele.» An der Marmorsäule selbst sind, 
gut ausgemeißelt, die Buchstaben zu lesen: «H. L M. R. I. F.» (wahr- 
scheinlich die Namen der Familie des «Fuchsbauer» = Friedl ist der Ge- 
schlechtsname, andeutend. Unten die Jahrzahl 1779.*) Die Anwohner 

*) Tännengebirge bei Golling im Salzburgischen. Auch Vierthaler nennt diese Gegend. 

') Der Vampyr saugt Pferden und Kühen das Blut aus. — Schlangen lieben die Milch. 

•) Bei V. DallaTorre («Z. d. d. u. ö. A.-V.» 1887, p. 223), wo auch eines Böcklin'schen 
Bildes in der Schack'schen Gallerie Erwähnung geschieht, welches an jenes «Marterl» erinnert. 

*) Gezeichnet «Norik». — «1852 im Wochenblatt v. R.-hall» (Reichenhall) von Ober- 
rain aus. 

*) Wortstellung und Intcrpunction wurden genau nach dem Manuscripte copiert. 



Altes und Neues vom «Tatzelwurm». ja^ 

erzählen nun von diesem «Marterl», «dass einst ein Bettelmann, im Heukar- 
thaie und bis hieher, eine Strecke von drei Stunden, von zwei Spring- 
würmern verfolgt,» (aus Schrecken?) «da todt umgefallen sey. Ein älteres 
Gremälde sey, vor vielen Jahren durch das dermalige ersetzt worden. Andere 
Leute wollen wissen, dass einst auch unfern Reut, am Gebirge ein solcher 
Springwurm, die Gegend unsicher machte : auch dort habe ein Bettelmann 
öfter davor die Flucht ergreifen müssen. Noch mehr: Erst vor ungefähr 
zwei Jahren^) hätten Weiber am Achberg jenseits Oberrain im Moos- 
Beeren brocken begriffen, plötzlich einen Springwurm gesehen; davor 
fliehend. Nun ist bekannt, dass die Sage von dem so sehr gefiirchteten 
Gebirgsstutzen, hier Springwürmer genannt, gleich der von L i n t- 
würmern, in allen Thälem des innern Gebirges herrscht: aber noch nie 
ist es gelungen, von diesen räthselhaften Überresten der Vorwelt, und 
selbst nicht für bedeutende Preise, ein Exemplar, todt oder lebend, zu 
erhalten. Den Naturforschern und Psychologen bleibt überlassen, Erschei- 
nungen und Art sich und andern weiter zu erklären. Die Erinnerung und 
die Phantasie des Gebirgsbewohners: sie sind etwas ganz anderes, als die 
des Flach- und Tiefländers: hier spinnt sich die trockene Prosa ab; dort 
lebt und webt allenthalben das Epos 

«Norik» 
1852 im Wochenblatt von R.-hall von Oberrain aus.» 

Eine Anmerkung von anderer Hand ist dem Manuscripte unten 
beigefügt; dieselbe lautet: «So eben kömmt uns aus sicherer Quelle die 
merkwürdige Notiz von Ruhpolding^) herzu, dass der gefürchtete Spring- 
wurm in der dortigen Umgegend mehrmalen auch in der jüngsten Zeit 
gesehen wurde. Es ist der Mühe werth, sich dort näher zu erkundigen.» 

Wohl dürfte die bei Freisauff (Salzb. Sagen, p. 371) erwähnte Be- 
gebenheit mit obiger Anmerkung, welche wahrscheinlich von der Hand 
Nicolaus Hubers herrührt, zusammenfallen. Bei der Bearbeitung der 
«Salzburger Sagen» benützte nämlich v. Freisauff auch Aufschreibungen 
des unermüdlichen Verfassers der «Literatur der Salzburger Mundart.» — 
Wir lesen bei Freisauff: «Ein Jäger pürschte einmal planlos durch die 
Ur seh lau,') als er plötzlich neben sich etwas rascheln hörte und zur Seite 
schauend einen Birgstutzen erblickt, der, sich um einen Baum schmiegend, 
ihn mit giftigem Blicke betrachtet. Überrascht und geängstigt, fuhr der 
Jäger zurück und nahm, sich sorgsam umschauend, seinen Weg in den 
lichten Wald hinaus, wo er bald darauf einen Rehbock schoss. Das Glück 
gab ihm neuen Muth, so dass er es nun auch mit dem Birgstutzen auf- 
nehmen wollte; er fand ihn aber nicht mehr.*) 

») Also 1850. 

') Dorf hinter Traunstein in Oberbayem an der Einmündung der «Ur seh lauer Ache» 
in die Traun. 

*) Der bei Dalla Torre erwähnte Rupoldinger Forstwart in Seehaus dürfte mit diesem 
Jäger identisch sein. Herr Dr. J. Mayr in Rosenheim schrieb mir 8. Mai 1895: € Vielleicht 
interessiert es Sie, dass der vor drca i ^ Jahren verstorbene Förster Sandtner von Nussdorf mir selbst 
erzählte, er habe als Forstgehilfe in Ruhpolding zweimal einen ,Tazzelwurm* gesehen.» (Derselbe 
wurde als Molch ohne Füße beschrieben, also ganz das Gegenstück der «Schlange mit Füßen».) 

10* 



148 



V. Doblhoff. 



Alle diese Darstellungen sind älteren Mittheilungen entnommen. 
Es sei nun auch neuerer, theils schriftlicher, theils mündlicher Berichte 
gedacht, welche beweisen, dass der Aberglaube in unseren Hochthälem 
seinen Einfluss auf den Menschen nicht verloren hat. 

Ich erkundigte mich vorerst nach den Namen solcher Personen, 
welche bei verschiedenen Gelegenheiten die Frage berührten und da war 
es besonders Herr Professor Kastner an der Salzburger Oberreal- 
schule, welcher deren mehrere kannte. Der Zufall brachte mich auch an 
einen Jägertisch; die Gespräche an demselben sind mir, auf Grund der 
Äußerungen von «Augenzeugen» gefuhrt, sehr wertvoll gewesen. Ich 
notirte Alles. Auf verschiedene schriftliche Anfragen im Lande erhielt 
ich jedoch nur wenige Antworten. 

Ich stelle nun hier neuere Mittheilungen über die Sage chronologisch, 
wie sie mir zugekommen sind, zusammen: 

Herr Prof Kastner, k. k. Oberrealschulprofessor zu Salzburg, 
erzählte, man habe ihm zu Bramberg (Oberpinzgau) den Hintertheil des 
Schädels und einen Theil der Wirbelsäule eines Rehes, welches von einer 
Lawine ins HoUersbachthal getragen worden war, gezeigt. Lange wurden 
diese Knochenreste als Skelett eines «Tazzelwurmes» angesehen, 
bis er durch Demonstriren an einem Rehcadaver die Leute von ihrem 
Irrthume befreite.*) 

Oberförster Lidl v. Lidlsheim, ein geborener Ischler, am 
Fuße des Untersberges wohnend, schrieb unter dem 24. April 1895' 
«Speciell vom Tazzelwurm wird hier das nämliche erzählt, wie anderwärts; 
auch hier wird er «Stutzen» genannt, wie im Salzkammergute.» 

Herr Forstverwalter i. Pens. C. Vogl zu Brück (Pinzgau) 
schreibt am 28. April: «Die meiste Aussicht, einen Tazzelwurm zu erhalten, 
ist in Obersteiermark, da ich dort am Lackenberg anno 1847 auf Geheiß 
meines vorgesetzten Districtsförsters Ramsauer einen solchen Tazzelwurm 
oder Birgstutzen über einen Stock, wo er aufrecht stand und ähnlich einer 
Gemse pfiff, mit dem Bergstock hinabschlug, dann aber im Himbeergesträuch 
nichts mehr weiteres sah. Dort wurden solche Thiere auch von den 
Senderinnen öfters wahrgenommen und als sehr gefährlich geschildert. 
Hier sind nur sehr vereinzelte Fälle in Fusch, Rauris und am Retten- 
stein bekannt und diese auch schon älteren Datums. Am sichersten werden 
solche Thiere in dem zerklüfteten Terrain vom Lackenberg, Griming etc. des 
Forstverwaltungsbezirkes Hinterberg zu treffen sein, d. h. sich erhalten haben. 
Nachdem ich nun in Ruhestand bin, ist mir über mehrseitige Anregung 
selbst darum zu thun, heuer im Juli- August weitere Umschau zu halten und 
mich eingehender mit solchen Leuten zu befassen, denen am ersten Gelegen- 
heit geboten ist, um sie auch über Fang, Behandlung etc. zu informiren.» 

*) So mag auch der 1828 in einem vertrockneten Sumpfe bei Biel gefundene «Stollen- 
wurm», dessen Skelett zu Professor Hugi nach Solothum, dann nach Heidelberg wanderte, 
(Kohlrusch, Tschudi Thierleben der Alpen weit, p. 153), und das Gerippe, welches nach Leipzig 
kam (Dalla Torre) etwas Gewöhnliches gewesen sein. 



Altes lind Neues vom cTatzelwurm». jAq 

Herr Anderl, kgl. bayr. Forstmeister^) zu Leogang hält Berg- 
stutz und Tatzelwurm für zwei verschiedene Thiere. Der Bergstutz 
schien meistens eine Kupfernatter gewesen zu sein, «von denen, die roth- 
braun aussehen, als wäre der Schweif abgestutzt». Anderl sah Kupfer- 
nattern im höchsten Gebirge. — Einen Tatzelwurm, welcher eine 
«Schlangenart mit Füßen» sein soll, hat Herr Anderl nicht gesehen. Dieser 
Gewährsmann erzählt folgendes: «Als ich im November 1850 als Forst- 
gehilfe nach Ruhpolding versetzt worden war, hörte ich, dass mein 
■Dienstesvorfahr Engelbert Sandtner etliche Monate früher im Wald- 
orte Sulzemoos einen Tatzelwurm gesehen habe. Sandtner erzählte, dass 
er auf der Seite eines Baumstockes ein eidechsenähnliches Thier gesehen, 
welches 2 — 3 Schuh lang war, kurze Füße hatte, mit welchen es 
sich am Stockrande einhielt; es war über den Rücken hinaus 
dunkel, ähnlich der Stockrinde, und gegen den Bauch heller.» Anderl 
sah (1850 — 51) wohl Kupfernattem und Salamander auf Sulzemoos, das 
von Sandtner beschriebene Thier aber niemals. — Ein zweiter Fall trug 
sich im Leogangthale zu (schreibt Anderl): «Vor ungefähr 9 Jahren war 
ein Hüter auf der Reichenspielberg- Alpe (Mathias Bacher), angeblich 
in der Absicht, um Edelweiß zu pflücken, hoch hinauf in's Spielberghom 
gestiegen. Da hörte er plötzlich über sich ein sonderbar zischendes Pfeifen 
und sah einen großen schwarzen Wurm von starker Armeslänge und auch 
Armesdicke — über den Rücken hinaus in schwarzer Farbe, so ähnlich 
wie eine Natter schillernd — in der Richtung auf ihn zu herabkommen. 
— Bacher glaubte sich von dem Thiere verfolgt und sprang schnell 
auf die Seite, der «Wurm» aber gerieth auf eine schiefliegende Stein- 
platte, auf welcher er sich überdrehte und unterhalb der Platte auf 
dem Rücken liegend, einige Zeit zappelte, wobei Bacher auf die kurze 
Entfernung von etwa zehn Schritten genau sah, dass das Thier am Bauche 
von heller Farbe war und vier kurze, kleine Pratzen, ungefähr 
von Gestalt und Größe eines Zeigefingernagels hatte. Nachdem das Thier 
nach mehrmaligen Windungen wieder auf seine Füße gekommen war 
und ihn anschaute, eilte Bacher möglichst schnell seitwärts an dem steilen 
Gehänge hinaus, wo ihm dasselbe nicht wohl nachfolgen konnte ; übrigens 
habe er dasselbe, während es, am Rücken liegend, sich krümmte und 
zappelte, genau betrachtet und sich nicht getäuscht ; der Kopf schien ihm 
faustgroß, breit und rund wie ein Katzenkopf; derselbe steckte kurz 
und beinahe ohne Hals gleich dick am Leibe ; der Bauch war gut 2 — 3 Spannen 
lang (zwischen Vorder- und Hinterpratzen). Der Schweif fieng breit und 
flach vom Körper an, war eine starke Spanne (ca. 20 Centimeter) lang 
und spitz zulaufend. Kupfernattern kennt Bacher wohl, aber das oben 
beschriebene Thier hat Bacher weder vorher noch nachher wieder gesehen. 
Am darauffolgenden Tage (hob Bacher hervor) hub ein außerordentlich 
schlechtes Wetter an, welches lange Zeit anhielt. Bacher ist zur Zeit 
Knecht beim Hinterriedbauer und ungefähr 50 Jahre alt.» 

*) Zuschrift ddto. Leogang 4. Juni 1895. 



j CQ "^* Doblhoff. 

Von Jagdherren, welche häufig mit ihren Jägern über solche 
Dinge sprechen, habe ich folgende Mittheilungen erhalten: Graf Galen, 
Gutsbesitzer im Pongau, horte von Jägern, dass der «Tazzelwurm» vier 
Füße hat, aber er soll «auf den Hinterfüßen schlecht gehen». Das Ent- 
kommen ist dem Menschen darum leichter, meinen die Jäger, wenn man 
an einer Wand schief abwärts laufen kann, denn dann «wirfts den Wurm». 
«Aufwärts hat er Einen gleich». Einer der schneidigsten Gemsjäger, mit 
dem Graf G. sprach, fand es ganz natürlich, dass man Reißaus nehmen 
müsse. Er erzählte von einem Mädchen im Pinzgau, das beim. Heu-, 
machen den Tazzelwurm mit dem Rechen aufstöberte, so dass das Un- 
thier auf sie sprang und sie tödtete. Der erwähnte Jäger hatte den Wurm 
selbst erblickt, die Flucht ergriffen und war dabei weit hinunter gesprungen, 
um zu entgehen. Auch sprach er von 3 Burschen, die im Kaprunerthale 
viele Tazzelwürmer sahen und schnell Kehrt machten, um den Platz mit 
einem großen Umwege zu vermeiden. — Der Jäger sagte zu Graf G. : 
«Im Sommer zeig' ich Ihnen den Platz, dort sind viele beisammen, dort 
können S' schießen». 

Graf Platz, Gutsbesitzer bei Radstadt, schrieb mir am Tage, an 
dem ich das Schreiben vom Forstverwalter Vogl erhalten hatte: 

«Vom Tazzelwurm weiß ich folgendes: Ein Kutscher, der bei 
mir im Dienste war, ein gebürtiger Öberweißburger aus dem Lungau, 
erzählte mir, sein Vater und sein Bruder seien an einem Berghang, als 
sie Aststreu gewinnen wollten, von einem solchen Thier — er nannte es 
Springwurm — sprungweise verfolgt worden. (Ich muss dieser Nach- 
richt zur Ergänzung beifügen, dass der Betreffende es mit der Wahrheit 
nicht genau nahm.) Leider stand meine zweite Quelle, der nunmehr 
selige Steuereinnehmer B., ebenfalls nicht im Rufe voller Glaubwikdig- 
keit ; dieser erzählte mir wieder, dass einst ein Bauer im Pinzgau, (meines 
Erinnems bei Saalfelden), ein solches Thier mit der Spitze des Bergstockes 
aufgespießt und nach Hause gebracht habe; er habe den Stock sammt 
seiner Beute vor der Hausthür angelehnt, dort habe jedoch der Cadaver 
so entsetzlich gerochen, dass die Bäuerin denselben auf den Misthaufen 
warf und damit der Wissenschaft einen schweren Verlust beibrachte. 
Meine dritte Quelle ist Hanns Lackner, bis April 1894 Jäger in meinen 
Diensten. Seine Nachricht ist aber auch keine unmittelbare. Ein alter 
Holzknecht seiner Bekanntschaft, welcher angeblich noch in Werfen 
leben soll*), habe einmal im Tännengebirge in einer Wand — einem 
sogenannten «Kamin» — gepürscht und habe in dem Augenblicke, als 
er über den Rand der Wand das Wild erblickte, hinter sich einen 
«Pfeifer» gehört, fast so wie von einer Gams. Er sieht sich um und 
erblickt auf wenige Klafter Entfernung einen «Tazzelwurm», zum 
Sprunge aufgerichtet ; er schießt auf ihn und die Kugel schlägt zwischen 
den Vorderfüßen ein; ringsum seien die Felsen mit grünem Gift be- 
sprengt gewesen, worauf den Schützen Grauen ergriffen habe und er, 

*) Er heißt: «Bankl Roepp» (Rupert Eder) und lebt in Bischofshofcn (Brieflich Ende 
Mai 1895). 



Altes und Neues vom cTatzelwunn». irj 

ohne die Beute aufzuheben, getrachtet habe, weiter zu kommen. Dieser 
Jäg-er erzählte mir übrigens noch folgendes Interessante: i. Dass die 
Kröten und die «Heckwürm'» in dem ganz merkwürdigen Verhält- 
nisse zu einander stehen, dass in einem Monat die Kröte den Heck- 
wurm und im anderen wieder der Heckwurm die Kröte fresse. 
Nach der Beschreibung ist der «Heckwurm» die Ringelnatter oder 
eine andere Wasser liebende Natter, gewiss nicht die Kreuzotter. 
Das Wort «Monat:> hat auch nicht die Bedeutung, wie wir sie verstehen, 
sondern heißt «Mond». Die Leute sagen: «Der kranke Monat2> und 
«Der gute Monat» für abnehmenden und aufnehmenden Mond und legen 
dem hauptsächlich bei Aussaat und Pflanzungen sehr großen Wert bei. 
Dieser Jäger erzählte mir übrigens 2. noch folgendes eigene Erlebnis: 
Er näherte sich einmal einem mir wohlbekannten schmalen Stege über 
die Enns, als er bemerkte, dass vom gegenüberliegenden Ufer ein Wiesel 
gleichfalls dem Stege sich näherte. Wie dasselbe aber den Weg betrat, 
stutzte es; als Ursache davon bemerkte Hanns einen ^rHeckwurm», 
welcher mitten auf dem Stege zusammengerollt lag. Das Wiesel hüpfte 
auf die nahe Wiese, dort sah es Hanns hin und wieder Sprünge machen, 
dann wieder zum Steg zurückkehren mit einer Wurzel im Maule; diese 
Wurzel warf es auf die Natter, welche davon in Stücke zerfiel. Auf 
meine Aufforderung, mir doch die Wahrheit zu sagen, versicherte er 
auf Ehr' und Seligkeit, dass er mich nicht belüge. Natürlich ist das 
doch echtes Jägerlatein ; aber ich zweifle nicht, dass dieser Erzählung ein 
thatsächlich bestehender Volksglaube zu Grunde liege». 

Die letzte Mittheilung wurde hier beigegeben, um zu zeigen, wie 
trotz aller Versuche, die Leute von ihrem Aberglauben abzubringen, den- 
noch die Tradition mächtiger wirkt, als der Einfluss des Gebildeten. So 
geht es auch mit dem «Bergstutzglauben». Sie gehen nicht ab 
von ihrem Glauben an dieses Thier und reden sich ein, es gesehen zu 
haben, wenn dies auch natürlich nicht der Fall war. Immer und immer 
bleibt das Wahrwort aufrecht: 

«Und weise Männer sah'n noch nie 
den Tazzelwurm!» .... 

Der Aberglaube ist nicht auszurotten. Besonders Jäger und Almer, 
welche die Nähe der Berge mit ihrer geheimnisvollen Ruhe und ihren 
drohenden Gefahren empfänglicher macht, werden noch lange daran 
festhalten. 

Der «Tazzelwurm» erscheint oft als Unglücksverkünder*) bei Trocken- 
heit, bei Wetterwechsel, wenn die Nerven der Menschen besonders erregt 
sind, also zu Wahnvorstellungen Anlass geben. Für Alles suchen die 
Leute in solcher Stimmung übernatürliche Ursachen : Der üppige Pflanzen- 
wuchs einer Stelle bei Admont rühre davon her,^ dass dort ein Tazzel- 
wurm verendete; eine zwei Schuh breite Spur im Innthale galt für die 

*) Der «Bergstutz» soll auch «Muren» in Tirol angekündigt haben, so 1804 bei Inzing 
dann 1856 (Dalla Torre). 

•) Dalla Torre 222. 



1^2 V. Doblhoff. 

Spur des Tazzelwurmes, wenn sie auch der eines geschleppten Baum- 
stammes glich. 

Ein Umstand ist hervorzuheben, den Kohlrusch betont: «Wo die 
Stollenwürmer daheim sind, hat man nie von Drachen und 
Lindwürmern gehört». Wir sehen aus diesen Worten klar, dass der 
Aberglaube nur einer Verkörperung bedarf, um befriedigt zu sein und 
dass bei den meisten mystischen Gestalten einfach die Sucht nach 
übernatürlichen Eindrücken die Ursache, die Erscheinung 
aber nur die Folge ist. Wir sehen an dem Falle in Brcmiberg, dass 
jeder natürlichen Erklärung gerne aus dem Wege gegangen 
wird. Es ist daher begreiflich, wenn weder der Preis, welcher auf den 
Stollenwurm von der natiu^orschenden Gesellschaft in Bern, noch der 
Skelettfund von Solothum,*) auch nicht das Gerippe, welches Doctor 
Schwägrichen in Leipzig besessen haben soll, auf die richtige Spur führten. 
Auch Erzherzog Johann soll vor mehr als 50 Jahren einen Preis von 
30 Ducaten ausgeschrieben haben. Herr Dr. Wiedermann in Graz, einst 
Erzieher des verstorbenen Graf Meran, einer der wenigen noch Lebenden 
aus der nächsten Umgebung Erzherzog Johanns, weiß jedoch nichts von 
diesem Preise. 

Abgeschlossen kann mit negativen Resultaten die Frage nicht 
sein, weil immer wieder neue Berichte auftauchen : Bei den so verschiedenen 
Angaben aber müssen wir uns fragen, ob es nicht besser sei, vorerst 
gegenwärtig zu halten, was darin Übereinstimmendes zu finden sei. 
Ich weise hier auf das Werk über die Seeschlang e,^) welches Herr 
Director Hofrath Dr. von Steindachner mir im Jahre 1893 lieh und über 
welches Dr. Emil von Marenzeller einen interessanten Vortrag hielt. ^) 
Bei der «See seh lange» ist es gelungen, gerade aus den vagen Aus- 
sagen verschiedener Leute an von einander entfernten Orten und zu ver- 
schiedenen Zeiten dennoch zu einem gewissen Resultate zu kommen,*) 
indem man aus den gemeinsamen Berührungspunkten der Berichte eine 
riesige Robbe construierte. 

*) Siehe Neujahrsblatt der Züricher naturforschenden Gesellschaft 1832. 

•) €The great Sea serpent. An historical and critical treatise.» — Das 
Buch ist englisch geschrieben und verfasst von dem Director des zoologischen und botanischen 
Gartens im Haag, Dr. Oudemans (Leiden 1892). 

■) Dr. E. V. Marenzeller: «Die große Seeschlange», Vortrag, gehalten am 13. Dec. 
1893 im Ver. z. Verbreitimg naturw. Kenntnisse (34. Band, 4. Heft). 

*) An die riesigen «Kraken» wurde auch früher nicht geglaubt und doch hat man die 
«Pieuvre» Victor Hugo's (Travailleurs de la mer) bei Toulon, im Atlantischen Ocean und an 
anderen Stellen gefunden : Zimmergroße Octopus mit bis 1 2 Meter langen Saugarmen ! Man fand 
Riesentintenfische, die 18 Meter maßen! Potwale sind ihre Gegner. Wir sehen, dass ältere 
Angaben in diesem Falle der Wahrheit nahekommen. Siehe auch über die dänischen Urkunden 
von 1546, 1639 und 1790 in Dr. E. v. Marenzellers: «Die große Seeschlange». In Brehms 
«Thierleben» schreibt O. Schmidt in «Die Niederen Thiere» p. 261 (v. 1874 — 75): «Noch in 
der neuesten Zeit sind an der Ostküste von Nordamerika «Calmare» («Calamari») gefangen worden, 
deren Arme 9, respective 10 Meter maßen, 30. November 1861 wurde ein Octopus bei Teneriffa 
gesehen, der ohne Fangarme 5 — 6 Meter Länge hatte!» 



Altes und Neues vom «Tatzelwurm». 



153 



Wenn uns die Jagdherren die Versicherung geben, viele Jäger 
schwören bei Allem, was heilig ist: «Es is' was dVan» und staunen, 
wenn man glaube, es gäbe keinen «Tazzelwurm», so denken wir 
doch, dass Etwas existieren müsse, was den Glauben an den «Berg- 
stutzen» immer wieder wach erhielt. Wir haben die Abweichungen von 
J^ bis 2 Meter Länge; die Dicke des Thieres wechselt in den Angaben, 
der Kopf ist bald dick, bald schmal, bald der einer Katze, bald der einer 
Schlange; die Zahl der Füße 2—6;') wir hören von «einer Krone», einem 
Icingen oder einem abgestutzten Schweife; übereinstimmend geschildert 
wird also fast nur der Angriff, das Aufbäumen und Losstürzen, das 
Pfeifen, Schnauben und Tödtenl 

Aber einige Jäger wollen ja doch den Muth gehabt haben, das 
Thier anzugreifen. Wairum dann immer nur ausweichende Reden? Nie 
ward es gesehen von einem «weisen Manne». Doch, was gesehen 
wird, ist sicherlich ein lebendes Wesen. 

Fragen wir uns nun, welches Thier besonders durch seine 
Eigenschaften zur Erhaltung der Tazzelwurmsage im Volksmunde 
beitragen mochte, so haben wir verschiedene Annahmen. Das Bild aus 
der «Leipziger Illustrierten Zeitung» (1864), welches Dalla Torre repro- 
ducirte, bringt uns allerdings wenig Aufschluss, kaum mehr als die ver- 
schiedenen N^men: «Büffel» im Ennsthale, neben «Spring wurm» 
(Bayern, Lungau), «Schmeckender Wurm» und «Kraulwurm» 
(Niederösterreich) neben «Stollwurm» (Paznaun, Passer, Westtirol)*) 
und «Stollenwurm» (Schweiz).^) 

Vor Allem prüfen wir die Schlange: In vielen Punkten passen 
die Beschreibungen vom Tazzelwurm auf diese. Dalla Torre meint, 
den Anlass gab eine Schlange, welche mit abergläubischer Furcht 
betrachtet, in den Augen des Beschauers wächst. Die gelbliche Aeskul ap- 
Schlange*) oder die «Schlangenbader-Natter», «Coluber aescu- 
lapii» wird nach Brehm oft i^ Meter lang, der Kopf ist schmal aber 
der Körper oft sehr dick. Schulte s' Schilderung zeigt uns deutlich. 



*) Unter dem 13. Juni theilte mir Herr Forstmeister Anderl mit: c Vorgestern sprach ich 
ccinen alten Holzarbeiter, welcher mir von einem Tiroler erzählte, der sich zufällig gleichfalls 
cBacher» schreibt und vor beiläufig 40 Jahren Schafhirt auf der Tirolerseite des Spielberges, 
«über welchen die Grenze zwischen Salzburg und Tirol geht, gewesen ist und damals einen solchen 
«Tatzlwurm» erschlagen haben soll. Dieser Wurm soll aber mehr als vier Füße — «viel 
«T atz In» — gehabt haben. Auf meine Frage, «was derselbe denn mit diesem merkwürdigen 
«Thiere gethan hätte», sagte er mir, «derselbe habe das Thier zu einem Apotheker gebracht und 
«von diesem dafür 8 fl. erhalten. Fraglicher Bacher lebt noch. Sobald es meine Dienstgeschäfte 
»gestatten, werde ich denselben aufsuchen und Ihnen das Resultat noch mittheilen.» 

^) Dalla Torre. 

•) Im «Handbuche der deutschen Mythologie» von Simrock (Bonn 1869) erscheint er 
als «Stahl wurm». Dalla Torre fragt, ob dieses «Stahl» nur ein Druckfehler sei? Ich glaube, die 
Aussprache führte zu dieser Variation. Hört man im Berner Oberlande doch oft das o wie a 
ausgesprochen (z. B. «aoba» statt oben); auch der Tiroler sagt «wäll, wäll» statt wohl, wohl 
An einen Stahlpanzer zu denken wäre ebenso phantastisch, wie das Bild selbst, umsomehr, als 
unser «Stutz» dem Begriffe «Stollen» entspricht. 

■•) Die Aesculap-Schlange, wie auch eine schwarze Natter, gleichen beinahe der Viper. 



ICA V. Doblhoff. 

dass ihn eine große Schlange gebissen habe, sagt er doch, das Thier sei 
hell, silbergrau und glänzend gewesen, mit 3 Längsflecken auf dem Rücken, 
Kopf einer Schlange, Leib mannsarmdick (mit etwas Übertreibung); be- 
sonders nach einem Fräße, sehen wir auch Nattern von bedeutender Fülle.*) 
Die «Krönelnatter» in Tirol hat schwefelgelbe, halbmondförmige Flecken. 
Ober-Bergrath Prinzinger (Salzburg) meint, das Weibchen der Kupfer- 
natter, wenn trächtig, erscheine sehr dick. Auf einer Alm, erzählte er 
(19. Mai 1895), habe er einmal eine schwarze Natter erschlagen. Die 
Sennerinnen schrieen: «Jetzt hab'n S* den Tazzelwurm erschlagen!» Ferner 
rief in seiner Gegenwart ein alter Forstwart bei dem Anblicke einer zu- 
santmengeroUten Kupfematter aus: «Dort sitzt*s!» Die Leute glauben, 
dass die Schlangen sich verwandeln und dass die schwarze Natter das 
Weibchen der Kupfernatter sei. Wohl mag das Thier im trächtigen Zu- 
stande auch gereizter sein. Die Viper, mit ihrer aufgestülpten Nase mit 
großen seitlichen Löchern, dem schmalen, nach hinten plötzlich verbreiterten 
Kopfe hat etwas für den Schlangenfeind Schauerliches. «Vipera 
aspis» ist unten hellbraun, gelb und hat auf dem Rücken vier Reihen 
dunkler Flecken, die an das Bild des «Bergstutzen» bei Dalla Torre er- 
innern. Sie wird 60 Centimeter lang (Brehm VII. 412). Sie hat 12 — 15 
etwa 20 Centimeter lange Junge. Vierthaler weist direct auf die Viper: 
«Auf dem Tännengebirge gibt es eine Art Vipern, welche von den 
Aelplern Bergstutzen genannt werden» (L, 91.) (nach der Mittheilung 
des Herrn Professors Dr. H. Widmann-Salzburg). 

Der bekannte Thiermaler Franz von Pausinger in Salzburg, 
ein erfahrener Jäger und Kenner des Thierlebens, hat sich viel mit den 
Schlangen befasst. Er meint, die Sage vom «Schlangenkönige» stamme 
von der sich häufig wiederholenden biologischen Curiosität, wenn ein 
Vipemweibchen in der Begattungszeit von den Männchen umringelt wird : 
Die Thiere bilden dann einen Knäuel, welcher an das Medusenhaupt er- 
innert. Die Vipern sehen am Tage schlecht und schleudern sich daher 
unsicher, sprungweise über die Hindernisse weg (Springwurm). Sie zischen 
sehr laut und rollen sich förmlich zusammen, schnellen sich dann mit 
Blitzeseile vor und zurück. Vipern saugen auch den Kühen in den 
Bauernställen die Milch aus; auch soll das Vieh von Vipern oft in die 
Zunge gestochen werden. Vieles spricht für die Vipern: Nicht bloß der 
«Hauch» des «Tazzelwurmes», der «vergiftet» ist, könnte so erklärt werden, 
sondern auch der Name «Haselwurm» passt auf die Viper, da diese gerne 
unter dürrem Gestrüppe und Haselstauden lagert.^) Ob man von den 
Vipern gerade die Kreuzottern in diesem Falle besonders zu betrachten 
habe, ist eine Frage : «Wurm» nennt man im Salzburgischen jede Schlange, 
«a böser Wurm» aber heißt nur die Kreuzotter «Vipera Pelias berus», 
zu deutsch «Haselnatter», «Höllen- oder Feuematter». Sie ist ziem- 

*) Ich selbst besitze die abgestreifte Haut einer Ringelnatter von anderthalb Meter Länge. 
Ich fand sie am 9. Sept. 1891 auf dem «Gosleierfelsen» ober Grrödig. 

') In der Naturgeschichte heißt die Blindschleiche (Anguis fragiüs): «Hasel wurm» (oder 
«Glasschlange») und diese ist eine Echse. Die Kreuzotter heißt «Haselnatter». 



Altes und Neues vom cTatzelwurm». jec 

lieh groß, das Weibchen bis 8i Centimeter lang. Das große, runde 
feurige Auge erhält durch die vorspringenden Oberaugen- 
schilder etwas Tückisches und Trotziges. Die Färbung der 
Regenbogenhaut ist gewöhnlich ein lebhaftes Feuerroth. (Basi- 
liskenblick). Auch die Kreuzotter ist ein «Nachtthier*, nicht, wie Lenz 
meint, ein Tagthier. Die Vorliebe für das «Sonnen» stimmt mit ihrer 
Liebe zum Feuer. Die Kreuzotter ist als träge und stumpfsinnig aus- 
geschrieen. Sie kann aber in sinnlose Wuth gerathen, stößt dann mit 
der Schnauze an Alles, bis sie blutig ist und zischt vor jedem Angriffe 
laut. Das «Fauchen» ist tiefer beim Ausstoßen der Luft. Sie bläst sich 
auch stark auf, so dass selbst abgemagerte Exemplare voll und fett aus- 
sehen. Lenz bestreitet, dass die Kreuzotter springe, sie richte sich nur 
auf und werfe den Kopf vor (s. Brehm VIL 392 — 411). Die Kreuzotter 
wird also im Grebirge mit Recht der «böse Wurm» oder «Beiß wurm» 
genannt. Ein genauer Kenner der Naturgeschichte unseres Landes, der 
k. k. Gymnasial-Professor Simon zu Salzburg, hält den «Stützen» für 
eine Kreuzotter. Die oft geschilderte, pfeilförmige Zunge des 
«TazzelwiuTnes» konnte wohl auch noch auf die «Sandotter» passen. 
Diese «Vipera ammodytes» ist ein vollkommenes Nachtthier und erscheint 
bei Tage meist nur nach Gewittern, wenn die Sonne aus den Wolken bricht 
Sie ähnelt der Kreuzotter, aber wird größer (bis i Meter) und ist träger. 
Sie ist gegen Kälte unempfindlich und wird daher auch über 1100 Meter 
absoluter Höhe gefunden (Brehm, VIL 417). Auch der «lange Schwanz», 
den die « Stollen würmer» der Schweiz haben, spricht für die Schlange. 
Dieser Annahme gibt auch Kohlrusch Ausdruck, indem er treffend 
bemerkt: «Der angeborene Widerwille vor allen Reptilien, welcher eine 
nähere Betrachtung und Untersuchung nicht zulässt», sei die Ursache, 
dass die Phantasie aus irgend einer Schlange den «Stollcnwurm» bildete. 
Gegen die Schlange spricht der häufig beschriebene dicke, katzen- 
artige Kopf (Steiermark, Schweiz etc.) und der Name «Büffel» (Enns- 
thal). Betrachten wir uns die Echsen. Der Blick des wilden Tazzel- 
wurmes soll ja gefährlich sein; Kröten, Schlangen und Eidechsen 
haben alle einen «verzaubernden Blick». Das klare, ausdrucksvolle Auge 
der Eidechse ist gewiss nicht ohne Wirkung*) auf abergläubische Leute. 
Auffallend ist die Bemerkung Studers zum Stollenwurm «cannellöe», 
und sein Hinweis auf die mexikanische Eidechse «Bipes caniculatus» 
«Handwühle», eine Ringelechse, nach Brehm (VIL, 128, Abbildung 129) 
20 Centimeter lang, unten weißlich, oben bräunlich fleischfarben (gegen 
300 Ringe), hat 2 Vorderfüße mit 4 stummelhaften, Krallen 
tragenden Zehen, keine Hinterfüße.^) Die Füßchen sitzen dicht 
am Kopfe, sonst gleicht das Thier ganz einer starken Schlange. «Ge- 
furcht, gerieft» mag wohl auch mit «geschuppt» zusammengelegt 

*) Schilderung der 70jährigen Frey vom Oberhof (bei Rochhok). 

') In Mexico, Califomien, am Platteflusse. Rochholz behauptete auch, es gebe in der 
Schweiz eine schwarzgraue Schlangen- oder Eidechsenart, 3 — 6 Fuß lang, dick, mit 2 Spitzohren 
und 2 kurzen Vorderfüßen. 



156 



V. Doblhoff. 



werden, ohne dass wir damit den «Stahlwurm» Simrocks besonders pro- 
tegieren möchten. Hübners (1796) «Lacerta seps» heißt eigentlich: 
«Seps» (caeruleus, argus, ruber etc.). Es ist die «Lacerta agilis» 
(Brehm VII. 145), die «Zauneidechse», bis 25 Centimeter lang. Andere 
riethen auf «Lacerta vivipara», welche im Thale hell, höher oben 
dunkel gefärbt ist. Diese Echse erreicht im Gebirge, wie man sagt, 
manchmal eine Lange von y^ Meter. (?) Nach Brehm hat sie nur 18 Centi- 
meter Länge ; der Kopf ist allerdings dick, aber das Thier ist schmal und 
unscheinbar. Es ist wohl anzunehmen, dass noch in historischen Zeiten 
in den Alpen größere Saurier gelebt haben und der Schrecken davor den 
späteren Generationen im Blute geblieben ist. Der breite Katzenkopf 
ließe wohl auch an einen Salamander denken, auf den der Name «Büffel» 
nicht übel passen würde. Megalobatrachus^) (Riesensalamander) wird 
I Meter 14 Centimeter lang. Vielleicht leben von diesem ausgestorbenen 
Geschlechte noch einzelne Exemplare? Die Schilderung des Ruh- 
poldinger Jägers würde auf eine Echse hinweisen.*) Nach der Mittheilung 
Dr. Mayrs in Rosenheim vom 14. Mai 1895 hatSantner den «Tazzel- 
wurm» zweimal bei Ruhpolding gesehen und als Molch be- 
schrieben, «aber ohne sichtbare Füße». Einmal sei er ihm «über 
den Weg gelaufen» und einmal hätte «das Vieh unter einem Baumstrunk, 
auf dem er (Santner) zum Rehblatten stand, hervorgeschaut». «Bemerkt 
sei, dass Santner bei allen, die ihn kannten, als der Typus eines ehrlichen, 
aufs Strengste bei der Wahrheit bleibenden Mannes geachtet wurde. Ich 
kannte den Mann längere Jahre.» 

Peter Lechner in Rauris, (der ehemalige Beobachter auf dem 
«Sonnblick») schreibt unter dem 9. Juni 1895: «Der Tatzelwurm ist eine 
«Art Eidechse; von Touristen wird derselbe «die sdte Eidechse» 
«genannt. — Die Beschreibung stimmt nicht genau mit den Erzählern 
«überein, welche den Tatzelwurm gesehen haben, denn die meisten oder 
«beinahe alle sind aus Furcht vor diesem außergewöhnlichen Thiere ent- 
« rönnen. Dass es die Gestalt einer ungewöhnlich großen Eidechse hat, 
«ist so viel sds sicher, wie viel es aber Füße («Bratzen, Tatzen») haben soll, 
«da ist die Ansicht verschieden». — 

Wir müssen aber alle Eventualitäten zu prüfen suchen und da 
führt der «dicke Katzenkopf» und der Name «BüiFel», dann der kurze 
Schwanz doch wieder auf ein Säugethier. Der Iltis ist wohl ausgeschlossen, 
jedoch nicht das in Schaaren auftretende Murmelthier (die «Murmentl» 



*) «Haze-koi» 'in Japan. 

*) In Ägypten sah ich sehr große Eidechsen (17 Meter Länge), welche als «junge 
Krokodile» verkauft wurden. Wir nannten sie die «falschen Krokodile». «Varanus nilo- 
ticus» («Nilwaran«) bis i^ Meter lang (Brehm, VII. 115). Auch den «Binde waran» 
(bis 2*2 Meter lang) sah ich, (bei Brehm, VII. 117, in Farben abgebildet). Als das Thier das 
Dickicht verließ, dachte ich auch an ein kleines Krokodil. Es war bei einer Postfahrt in Ceylon 
halbwegs zwischen P o i n t e de Galle und Colombo am 4. December 1873; man nannte das 
Thier in Bentotte: «Karabakoya». Das plötzliche, unheimliche Auftauchen und mühsame 
Kriechen erregte Abscheu. 



Altes und Neues vom «Tatzelwurm». ic^ 

sagen sie in Tirol). Das Bild bei Dalla Torre erinnert fast an ein Miirmel- 
thier. Die Erzählung des Jägers des Grafen G . . . . und dieser Aus- 
spruch: «Dort sind viele beisammen, dort können S' schießen», weist 
daraufhin. Das «Alpen-Murmelthier» («Arctomys marmota») wird 
62 Centimeter lang und 15 Centimeter hoch. Seine Oberseite ist dunkler. 
Es sucht die einsamsten Stellen auf, viel an Abhängen. Es verschläft 
fünf Sechstel des Jahres, erscheint darum seltener. Oft setzt es sich auf 
die Hinterbeine und pfeift tief und laut; manche kläffen. Der Gang 
ist ein höchst eigenthümliches Watscheln, wobei der Bauch 
fast auf der Erde schleift, aber springen kann es nicht. Herr 
Professor Fugger (Salzburg) theilte mir mit, dass er im Ober-Pinzgau 
deren viele gesehen habe, wo sie «Mankai» (oder «Mirimankai») 
heißen, allerdings nur in jenen Thälerh, welche gegen Tirol führen. Es 
wäre also schon möglich, dass einzelne Murmelthiere im Pongau, Unter- 
Pinzgau und Ennsthale durch ihr Pfeifen und ihre neuartige Erscheinung 
den Glauben erweckten, der Bergstutz sei erschienen.^) 

Herr F. von Pausinger sieht in dem Umstände, dass in Steier- 
mark, wo die Sage vom «Bergstutz» sehr tief wurzelt, keine Murmelthiere 
vorkommen, einen Beweis gegen das Murmelthier. Vielleicht sind sie 
dort nur eine seltene Erscheinung und werden doch für den «Stutz'n» 
genommen? Wo der «Speik» blüht, soll er nicht weit sein, heißt es bei 
Freisauff: Das ließe sich wohl auf das Murmelthier anwenden. 

Halten wir noch Umschau unter den Thieren, welche durch ihre 
Beweglichkeit und ihr blitzartiges Kommen und Gehen sich genauerer 
Prüfung entziehen und den Aberglauben wecken könnten, so bleiben uns 
noch zwei: Der Fischotter und das Wiesel. 

Ein passionirter Jagdliebhaber und Freund des Studiimis der Biologie 
jagdbarer Thiere, Gen.-Maj. Ritter von P 1 5 n i e s, wies darauf hin, dass 
die Fischottern oft in bedeutenden Höhen auftauchen, da sie über Berg- 
kämme wechseln, um zu anderem Wasser zu gelangen. Dieses Thier 
erreicht über i Meter Länge; die Ohren sind ganz versteckt. Ottern 
pfeifen ; wie sie gefangen werden, dann zischen und pfauchen sie fürchter- 
lich und vertheidigen sich bis zum letzen Lebenshauche. Sie zerbeißen 
den Hunden die Beinknochen. Bei den Alten glaubte man, dass der 

*) Der Jäger Michl Klabacher schrieb dem Gutsbesitzer Freiherrn A. von Schwarz 
in Käsern bei Salzburg, 20. Mai d J. : «Ich kann mich noch ganz gut erinnern wegen den 
«Tazzelwurm, was ich auf der Seekarspitze gesehen habe. Das Thier hat 4 Branken, sind sehr 
«kurz, ähnlich einem Feuer-Salamander, aber stärker, femers einen breiten Kopf, so ähnlich wie 
«frisch geworfene Hunde, sehr kurze «Loser» (Ohren) abgerundet, eine borstige Schnauze, graue 
«Lichter» (Augen) 4 Fangzähne spitzige, Körperbau plump, gefärbt ganz schwarz, eine abgc- 
« stumpfte Ruthe, wie bei einem Dachs. — Über den Rücken ein kleiner Streifen haarbewachsen 
«ist die Farbe, so wie Murmelthier; der übrige Körpertheil ist wieder einen Wurm 
«gleich schwarz glänzend, das ist jetzt Alles von dem Thiere angeführt. Das Thier war 
«ganz zahm und fromm, denn ich das arme Thier ganz und gar besichtigt habe. Ich habe das 
«Thier mit einem kurzen Stöckerl herumgedreht, wie wenn es todt war*; ich hätte dem gut- 
«willigen Thier nicht das mindeste zu Leid thun können. Es hat sich über meine Untersuchung 
«gar nicht geflüchtet. Wie ich es heißen soll, das weiß ich nicht. Überhaupt hat ein Bratzen- 
Vieh kein Gift.» (Dieses Thier war also sicher kein Murmelthier.) 



158 



V. Doblhoff. 



Otter selbst Menschen anfalle. Der Gang ist wegen der kurzen Beine, 
schlangenartig kriechend, aber keineswegs langsam; auf 
Eis und Schnee gleitet der Fischotter. Das Thier richtet 
sich auch oft lange Zeit auf. 

Der polnische Edelmann Chrysostomus Passek besaß (1686) 
einen Otter der zahm und abgerichtet war und den er «Wurm» nannte^), 
wohl wegen der Ähnlichkeit in seinen Bewegungen mit denen eines 
Wurmes. 

Die Erzählung des früher erwähnten Jägers und seine Erklärung: 
«Schief hinunter muss man laufen, da kann der Birgstutz*n nicht nach* 
könnte wohl auf den Otter passen. Auch diese Erklärung hat viel für 
sich. — 

Das Wiesel bietet noch mehr Möglichkeit, uns den «Tazzelwurm» 
zu ersetzen. Im Canton Glarus giebt es die Sage vom «Gulder Stock». In 
derselben wird ein Jäger von einer Unzahl von Hermelinen umgeben 
und sein Gewehr sprang in Stücke.^) Diese Thiere waren verwandelte Hexen. 
Schwarze Katzen, Füchse und «Hermein» stehen immer in Ver- 
bindung mit Hexen ; schon den Römern galt das Wiesel als übelberüchtigt.') 
In Tirol heißt es «Harmele». — «Das kleine Wiesel hat 20 Centi- 
me t er Länge, ein Schwänzchen von nur 4 Centimetern. Der außer- 
ordentlich gestreckte Leib sieht wegen des gleichgebauten Halses und 
Kopfes noch schlanker aus, als er ist, vom Kopfe an bis zum 
Schwänze fast überall gleich dick. Es ruht auf sehr kurzen 
und dünnen Beinen mit äußerst zarten Pfoten. Die breiten 
und abgerundeten Ohren stehen seitlich und weit hinten; die schief- 
liegenden Augen sind klein, aber sehr feurig. Wenn man 
dem Wiesel dicht an den Leib kömmt, ist es auch wohl so 
dreist, sich dem Störenfriede selbst zu nähern und ihn mit 
einer unbeschreiblichen Unverschämtheit anzusehen. Mehr 
als einmal ist es vorgekommen, dass das kühne Geschöpf 
sogar den Menschen angegriffen und von ihm erst nach 
langem Streite abgelassen hat.*) Das große Wiesel (Putorius 

*) Brehm, I. 670, 671, 679. 

*) Kohlrusch p. 234 (8). Auch in Tirol ist der Glaube verbreitet, wenn man auf 
«Hermele» und «Beißwürmer» schieße, gehe der Schuss zurück oder gebe es ein anderes 
Unglück. — Baron St. . . schoss einmal bei Sterzing auf ein Wiesel. Eine alte Frau rief ihm zu, er 
solle das nicht thun, da gäb's ein Unglück. (Mündliche Mittheilung, Mai 1895.) 

*) Siehe dazu oben die Erzählung des Radstädter Jägers, des Grafen PI. . . . Nach dieser 
wäre das Wiesel der Feind der Schlange, während es in der Sage meist als Anführer an Stelle 
des Schlangenkönigs auftritt. (Siehe bei Dalla Torre 221.) 

*) Brehm, I. 613, 614. Auch in den Beinen von vorübergehenden Pferden hat es sich 
festgebissen und konnte nur durch vereinte Anstrengung von Ross und Reiter abgeschüttelt werden. 
Bei größeren Thieren begnügt es sich mit dem Blute, welches es aufleckt, ohne das Fleisch zu 
berühren (I. 614). Wie das Wiesel springen kann, das wissen die Jäger: dieses kleine Raubthier 
beschleicht die ruhenden Vögel (besonders gern Fasanen) und verbeißt sich in den Hals der auf- 
fliegenden Beute so stark, dass es mitgetragen wird. Es ist raubgierig und muthig, gewandt und 
listig und so gleicht es dem Vampyr der Sage. 



Altes und Neues vom «Tatzelwunn». I cg 

erminea) ist 32 — 33 Centimeter lang, also Vs Meter, röthlichbraun, die 
ganze Unterseite und die Innenseiten der Beine sind weiß. Im Winter 
wird es ganz weiß, nur bleibt die Endhälfte des Schwanzes immer schwarz. 
Es hat ein Katzenköpfl. — Prof. Käst ner schilderte seine Art: «Es springt 
hin und her, richtet sich aus Neugierde, wenn es etwas Seltsames sieht, 
auf, springt, wenn eingeengt, an und pfeift.» Herr Professor Kastner 
erinnert sich aus seiner Jugendzeit (in Tirol), dass die «Harmele» oft 
ein «Grasl» (Gras) aufsuchen, das sie im Mund halten. Sie springen 
Einem entgegen. — Auch der «Stollwurm» versucht «Einen anzu- 
blasen», worauf man in der Mitte abspringt (Zingerle). Das große Berg- 
wiesel geht ins Gebirge oft bis zur Schneeregion. Wenn es 
zwischen den Steinen dahinspringt, so könnte man seine Bewegungen 
wurmartige^) nennen. Prof. Kastner wies darauf hin, dass «bei der 
Schnelligkeit des Thieres die Hinterfüße für das beobach- 
tende Auge mit dem Schwänzchen verschmelzen: Da sie 
ziemlich gleich lang sind, wie die Vorderfüße, scheinen sie schwächer, 
weil wir bei Springthieren an einen größeren Unterschied gewöhnt sind.» 
— Für das Wiesel würde auch sprechen, dass oft viele beisammen sind. 
(«^Eine ganze Schaar «Birgstutz'n, alte und junge» sind auf 
dem Platze in Kaprun.» «Da können S' schieß'n», sagte der 

Jäger des Gf. G ) Das Wiesel «trinkt auch Milch mit Begier» 

(Grrill, bei Brehm). Eine Dame hatte ein zahmes Wiesel, das trank aus 
der hohlen Hand Milch. Wer im Gebirge eine Schüssel voll Milch im 
Freien lässt, kann sicher sein, dass sie über Nacht ausgetrunken wird. 
Auch der Pfiff ist nicht schwächer, als der des Murmelthieres. — Auch 
bei diesem Thiere treffen mehrere, dem Stutz oder «Tazzel- 
wurme» (Springwurme) zugeschriebene Eigenschaften zusammen. 

Sehr bemerkenswert ist bei Dalla Torre (p. 221) die Stelle, wo es 
heißt, dass verschiedene Tiroler Sagen darin übereinstimmen, dass die 
«Beißwürmer» von einem größeren Thiere geleitet werden, das 
ist «bald ein weißer Wurm, bald ein Wisele»: Zusammengehalten 
mit der Sage vom Schlangenbeschwörer, der das Gewürm zu- 
sammenpfeift (Vernaleken, Henne am Rhyn, Zingerle u. a. a. O.) erscheint 
auch ein besonders dicker Wurm, der den Kühnen tödtet. 



*) «Bald windet es sich wie ein Aal» (sagtBrehm I. 617 u. flF.) «zwischen den Steinen und 
Schösslingen des Unterholzes hindurch; bald sitzt es da, den schlanken Leib hoch aufgebogen, 
bald bleibt es stehen. Es läuft und springt mit der größten Gewandtheit, klettert vortrefflich und 
schwimmt unter Umständen rasch. Es besitzt denselben M uth, wie sein kleiner Vetter 
und eine nicht zu bändigende Mordlust, verbunden mit dem Blu tdurste seiner 
Gattung. Selbst auf den Menschen geht es unter Umständen tolldreist los. 
Nach Wood wurde ein Mann wegen eines Steinwurfes von einem Wiesel an- 
gefallen. Das Thier suchte sich im Halse des A ngreifers einzubeißen. Auf 
das Kriegsgeschrei kamen andere Wiesel herbei und der Mann hatte Mühe, 
den Hals zu schützen. Hände und Gesicht waren mit Wunden bedeckt. — 
Auch Kreisphysikus Hengstenberg schrieb (8. August 1869) an Brehm von 
einem Angriffe des Wiesels auf ein Kind: «M it Blitzesschnelle schoss das 
Thier auf und biss». 



l6o V- Doblhoff. 

Der «Haselwurm» oder eine «weiße Natter»!*) «Weißer Wurm» 
und «Wisele»: Also ist das «Wisele» allerdings schon- in älteren 
Zeiten in die Sagen vom Stollwurm und den Schlangen aufgenommen 
worden. Wir sehen aber, dass die Sage selbst variiert, vermengt und 
es nicht klar ist, welchem Wesen die Rolle des «Schlangenkönigs» 
einzuräumen sei. 

Hier sei noch eine andere Erklärung eingefügt, die mir von Herrn 
Apotheker C. Hinterhuber, d. Z. Präsident der Section Scdzburg des 
d. u. ö. Alpenvereins, einem vielerfahrenen Jäger gegeben wurde. Der- 
selbe schrieb unter dem 8. Mai 1895: «Nach meiner Erfahrung bezeichnet 
das Volk im Gebirge und der Jäger kein wirklich existierendes Thier 
mit dem Namen «Tazzelwurm», «Bergstutz» etc. Das Thier ist 
vollkommen sagenhaft. Der ziemlich übereinstimmenden Beschreibung 
nach ist der Tazzelwurm beiläufig armdick, eine Elle lang, mit 4 ganz 
kurzen Füßen, kurzer Kopf mit stumpfer Schnauze. Nach Einigen stößt 
er einen feurigen, nach anderen einen giftigen Dampf aus dem Maule. 
Nach anderen soll sein Blick schon tödtlich sein. In dieser und auch 
anderen Beziehungen erinnern die ihm zugeschriebenen Eigenschaften 
vielfach an die Basilisken-Sage des Mittelsdters. Ich glaube, dass 
die Angabe, das Thier gesehen zu haben, mit der Erscheinung der Pro- 
cessions-Raupe^) zusammenhängt und sich dadurch erklären lässt. 
Ich selbst habe vor Jahren einen solchen Zug beobachtet und 
hätte auf 20 Schritte Entfernung geschworen, eine große 
Schlange vor mir zu haben.» 

Ein beherzter Schütze könnte cdlerdings einmad mit einem wohl- 
gezielten Schusse Klarheit in das ganze räthselhafte Phantasieproduct 
des Bergstutzn bringen. — Wir wollen aber weder auf diesen Zufall, 
noch auf die Stunde warten, in welcher einmal der eines «natürlichen 
Todes» verblichene «Tazzelwurm» gefunden wird, denn wir erleben 
weder das eine, noch das andere. — Wir wollen lieber fragen: «Muss 
denn ein bestimmtes Thier die Ursache der Aufrechterhaltung des 
Glaubens an den Tazzelwiuin, des Fortlebens der Drachen-Sage im Volke 
sein? Wenn Santner zu Ruhpolding einen «Molch ohne sichtbare 
Füße» sah, so stimmte das wenig zur «Schlange mit Füßen» und 
nicht einmal mit der friiheren Angabe, dass man «einkleinesKrokodil» 
zu sehen glaubte. Wir können dabei höchstens vermuthen, dass in der 
Umgebung von Ruhpolding noch größere Saurier existierten, die vielleicht 
im Ennsthale und bei Ebensee (etc.) früher ebenso gesehen worden sind. 
Etwa ein Thier, wie Bipes oder Seps, aber im Aussterben. 

*) In Alpenburgs Sagen (Wien, 1861) im Anhange finden wir Beschwörungsformeln 
gegen den «Haselwurm» nach Hausaufschreibungen von Wolfgang Heckenbleikner aus dem 
Jahre 1661. 

•) «Die gefährlichen »Brennhaare* der Raupe des «Chetocampa processionea» 
(»Eichen-Processions-Spinner*) schädigen den Körper der Menschen und Thiere; sie verursachen 
bedenkliche Entzündungen der Schleimhäute, bei Vernachlässigung sogar den Tod. Kinder zeigten 
vollständige Tollwuth^. — Und an anderer Stelle : «Wie ein dunklesBand, eine Schlange 
windet sich der Zug dahin»! Brehm (3. Aufl.) IX. Band (428 — 429). 



Altes und Neues vom »Tatzelwurra». l5l 

Dr. V. Marenzeller meint ebenfalls, es könnte ein größeres Thier 
erst ausgerottet worden sein. Lacerta viridis sei ja eine ganz große 
Eidechse, allerdings nur im Süden vorkommend. Warum sollte es nicht 
besonders große Exemplare in früherer Zeit bei uns gegeben haben ? Wenn 
aber ein Anderer einen langen, dünnen, ein Dritter einen «Katzenkopf», 
ein Vierter ein haariges Fell, ein Fünfter glatte Haut mit spärlichen 
Borsten, Dieser den <r Stutz» schwarzbraun, Jener rothscheckig» schilderte, 
so bleibt uns Nichts übrig, als zu vermuthen, dass je nach dem Grade 
der Nervenabspannung in großen Höhen, nach langen 
Märschen, im Zustande von Hunger und Durst, je nach der 
Beleuchtung, den meteorologischen Verhältnissen, der 
Überraschte jedesmal mit mehr oder weniger Übertreibung 
irgend ein bewegliches Thier zum mystischen Wesen macht.') 
Wir behaupten nicht, es müsse ein Wiesel, eine Kreuzotter, ein Molch, 
ein Murmelthier oder ein Fischotter etc. sein; in vielen Fällen kann 
eines dieser Thiere vermöge seiner Eigenschaften, im Halbdunkel sich 
vom Boden plötzlich abhebend, für den «Tatzelwurm» gehalten worden 
sein. Es gibt im Gebirge auch genug helle Köpfe, aber sie sind meist 
unruhige Geister; kommen sie in die Lage, uns zu berichten, dann 
fehlt die ruhige Beobachtung, denn mit dem Unternehmungsgeiste hängt 
eben oft auch die leidenschaftliche Erregbarkeit zusammen und bei leb- 
hafter Phantasie bricht die in den Tiefen der Seele schlummernde Todes- 
angst, wie aus einem «Accumulator* der elektrische Strom, mit elemen- 
tarer Gewalt hervor. Die Hülle äußerer Ruhe ist oft nur Schein;^) zur 
Erregung genügt schon ein rasch dahineilendes Lebewesen, ja selbst ein 
vom Winde bewegter Latschen-Ast, eine sonderbare, vom Monde be- 
leuchtete Wurzel, um alle Märchen der Bergwelt zu wecken und die 
männliche Kraft des Älplers in die hilflose Schwäche eines zitternden 
Kindes umzuwandeln. Erregte Phantasie ist wie ein Rausch: Die kühnsten 
Jäger, die verwegensten Wilderer, die ruhig «in die Wandt steigen», er- 
griffen beim Anblicke des vermeintlichen «Birgstutzn», ohne sich weiter 
zu vergewissern, schmählich die Flucht und stürmten fort, wie gejagte 

') Forstmeister Andcrl in Leogang schrieb unter dem 3. Juni 1895: »Wenn 
irgend ein ungewöhnliches Thier so plötzlich gesehen wird, verschärft die Furcht meistens auch 
die Einbildungskraft, woher wohl die verschiedenen Angaben über Farbe und Gestalt rühren.« 

•) Der Blick macht einen tiefen Eindruck auf den Naturmenschen. Man höre nur, was 
die Jäger, welche nach dem tödtlichen Schusse zu dem verendenden Hirsche traten, von dem 
vorwurfsvollen Blicke, den das Thier auf seinen Mörder wirft, übereinstimmend berichten: «Als 
wollt' er sagen, was hab* ich Dir gethan, Du grausamer Mensch»?! — Der Ekel selbst vor 
todten Reptilien wirkt auf den Naturmenschen wie lähmend, wie ein Erlebnis des Malers 
F. V. Pausinger in der «oberen Gramai-Alp* unter dem «Sonnenjoch» bei der Pertisau am 
Achen-See beweist: J. v. Pausinger hatte eine Viper gefangen, ihr den Kopf abgeschnitten und 
diesen, in Papier gewickelt, in der Gilet-Tasche verborgen gehalten. Ein baumstarker, sechs Schuh 
hoher Bauer verlangte das Ding zu sehen; als ihm jedoch der zerquetschte Kopf des Thieres 
vorgewiesen wurde, da gerieth der Kraftmensch dermaßen in Angst, dass er in die Ecke der Stube 
floh. «Aus Tirol hätt* ich den Mann damit treiben können», meinte der Erzähler lachend. — 
«Früher», schloss er, «herrschte eine solche Furcht vor Schlangen, dass man 
selbst Blindschleichen wegen ihrer Schlangenähnlichkeit tödtete». 

Zeitschrift für österr. Vtilkskundo. I. 1 1 



l62 V- Doblhoff. 

Sperlinge. Wussten sie doch, dass der Wurm den «Herzstich» macht 
«Zwar sieht man die Wunde nicht, aber man stirbt davon.» Das subjective 
Gefühl wird zur Thatsache, denn was ist dieser «Herzstich» anderes, 
als die Empfindung des Erschreckens? «Er springet ihm durch 
den Leib»; fühlt man bei plötzlicher Überraschung nicht fast so Etwas? 
Es ist der Schreck, der durch die Glieder fahrt. Vielleicht starben auch 
schon Manche bei der anstrengenden Bergarbeit am Herzschlage? 
Natürlich konnte da nur der sBirgstutz*n» der Schuldige sein, nichts 
anderes. 

Fragen wir nun: Wie verhalten sich die Verbreiter der Kunde gegen- 
über dem Einheimischen und dem «Städtischen»? Auf der Flucht 
verkleinert sich der Eindruck, die Scham wirkt; um das Lächerliche des 
Ausreißens zu bemänteln, braucht nun der Berichterstatter die Über- 
treibung und macht ein Schlänglein von 50 Centimetem zu einem 
«Wurm», «so hoch wie ein Hund und lang wie die Stube». — 
Ältere Jäger halten meist auch den Fremden gegenüber fest an 
dem Wurme; die Schulbildung macht bei den Jüngeren viel. Michael 
Klabacher schrieb auch an Baron Schwarz: »Gebirgsstutz gibt es über- 
haupt keinen, was die Sage ist, dass die so giftig sein sollen, das ist 
nur von die Altväter das Geschwätz.» Sie sind überhaupt sehr ver- 
schlossen : Als Herr St seine Jäger fragte, warum sie ihm nicht vom 

«Bergstutzen» erzählen, sagten sie: «Sie thäten's jo do' not glaub'n.» 

— Begreiflich ist es aber, wenn der skeptische «Stadtlapp» nach dem 
Grundsatze: «Wer nicht für mich ist, ist wider mich» behandelt wird; 
auch fürchten die Bauern, von dem Fremden, der auf ihre Wahn- 
vorstellungen nicht eingeht, als Ungebildete behandelt zu werden. 

— Es ist vergeblich, das Ung-ereimte in den widersprechenden Berichten 
ihnen vorzuhalten, umsonst wird man sagen, es sei ein gewöhnliches Thier, 
d£is man aus Furcht vor dem Bisse nicht genau betrachtet und, anstatt 
zu tödten, flieht. — Wenn es einmal vorkam, dass Einer so ein Thier, 
das er für den «Tazzelwurm» hielt, verfolgte und erlegte, dann sah 
er seinen Irrthum und hütete sich erst recht, von seiner Täuschung zu 
erzählen. Oft kam es schon zu lebhaften Discussionen, die Geister platzten 
aufeinander, es gab Funken, aber die Mittheilsamkeit gegenüber den 
Ungläubigen schwindet. — Wir aber dürfen die Quellen nicht 
versiegen lassen; die Volksphantasie hat sich einmal dieses 
Steckenpferd geschnitzt, und, trotzend wie ein kleines Kind, reitet sie auf 
ihrem Spielzeuge herum. — Selbst Solche, welche nicht lügen und betrügen 
wollen, übertreiben, um eine Ausrede zu haben, wenn ihr Muth ange- 
zweifelt wurde und abfällige Äußerungen die weniger Gewandten in die 
Enge trieben. Wir aber müssen nicht schroff, sondern nachsichtig 
uns der Denkweise des Volkes anpassen, denn «Tazzelwurm» 
heißt ein Stück Psychologie der Bergbewohner, ebenso, wie 
das «wilde G*jaid», die «Wildfrauen», die «Bergmandln», der «Kaiser 
Karl», an den noch so Viele glauben, und viele der hervorragenden 
Berg-Sagen^ — 



Schlusswort über vergleichende Sagenforschung in Österreich-Ungarn. 163 

Das bis hieher verfolgte Thema, den Überresten der Drachen-Sage 
in unseren Bergen entnommen, gehört sicher ebenso in das Gebiet der 
volkskundlichen Forschung, wie die pathologischen Erscheinungen am 
Menschenleibe dem Anthropologen zum Studium dienen müssen: Wir 
dürfen darum nicht an allen bezüglichen Mittheilungen vorübergehen, wir 
müssen sammeln, so lange es zu sammeln gibt und gut machen, was 
bisher versäumt worden. — 

So rufe ich denn Allen, die von dieser und anderen Sagen wissen 
und noch hören, die Worte Montaigne's zu : «Je vouldrois, que chas'cun 
es'crivist ce qu*il scait, et autant qu*il en scait.» (Ich möchte haben, 
dass Jeder schreibe, was er weiß und so viel, cds er dav^on weiß.) — 



Schlusswort übr veregleichende Sagenforschung in Österreich- 
Ungarn. 

An der weitverbreiteten und vielbesprochenen Sage vom «Tazzel- 
wurme*, welche nur als Ausgangspunkt diente, habe ich zu zeigen ver- 
sucht, wie mannigfaltig und theilweise sehr anregend die Arbeit ist, wenn 
es sich darum handelt, Blüten der Volksphantasie zu zerpflücken und 
aus den Wurzeln die Verbreitung der Pflanze zu beurtheilen. — Wenn wir 
ganz allein nur von der österreichischen Alpen-Sage ausgehen 
und nicht zurückgreifen, nur Umschau halten, wie weit die 
Forschungauf diesemGebiete bis zum heutigen Tage gekommen 
ist, so wäre das schon sehr viel. Es handelt sich hiebei in erster Linie 
noch nicht um die Untersuchung der Ascendenz oder Descendenz, 
oder um Feststellung der Urbilder, sondern vorläufig nur um die 
Vergleichung des Vorhandenen durch Sichtung des dem 
Forscher thatsächlich vorliegenden Stoffes. — Es ist gewiss 
(wie ich schon im Anfange erwähnt habe), dass die populäre Darstellung 
und der belletristische Aufputz der Sage (oft in Vers und Reim), ferner 
die Sucht, interessant zu erzählen, Ursachen der Entstellung vsind, wohl 
die tiefgreifendsten von jenen, welche Dr. Zillner als gefahrbringend 
für die reine Überlieferung anführt. — Dazu kommt auf der 
anderen Seite die moderne Polemik auf dem Gebiete der Alter- 
thumsforschung, welche die Sagen oft als Nebendinge behandelt und das 
Ursprüngliche, Unmittelbare, das naiv Kindliche • der Volksmythe mit der 
kritischen Sonde verletzt, oder den gefährlichen Weg betritt, alle Sagen 
direct von den alten Göttermythen abzuleiten, wo dies auch nicht ganz 
sicher ist. — Dringend nothwendig ist es wohl, bei jeder 
Sagengruppe den ursprünglichen Kern festzustellen, aber nur 
aus der verstärkten Kenntnis der Parallelen und Varianten. Dieses 
Resultat kann jedoch allein durch gemeinsame Arbeit erreicht werden : 
Irrwege werden durch dieselbe vermieden, die Sagenforschung wäre dann 
mehr concentrirt, rascher und vielseitiger, denn sie könnte aus viel 

II* 



164 



V. Doblhoff. 



längeren Reihen, viel abwechslungsreicheren Ab Stufungen 
der Sagen -Stoffe schöpfen; besonders aber würde die Übersicht- 
lichkeit zum Gegengifte gegen die Zerstörung durch die zersetzende 
Polemik und Rechthaberei. Grimm undSimrock, Henne am Rhyn 
und Vonbun, Zingerle und Alpenburg, Vernaleken und viele 
Andere sammelten und sammelten auch bei uns; in Salzburg haben 
sich Prinzinger, Storch, Wallmann und Zillner u. A. schon vor 
über 30 Jahren große Verdienste erworben; NikolausHuber ordnete, 
V. Frei sauf f brachte die Sagen in weitere Kreise; aber es fehlte 
hier, wie anderswo, an dem gegenseitigen Contacte; es wurde zu 
sehr abgeschlossen gearbeitet. — Meines Wissens ist es noch niemals 
versucht worden, von den einheimischen Alpen-Sagen aus- 
gehend, alle Parallelen und Varianten im ganzen weiteren 
Sagen-Gebiete aufzuspüren: Es fehlt daher der kritische Zug in 
den Sagen-Sammlungen. Vorbereitende Arbeiten zu solchen Zu- 
sammenstellungen und Vergleichen liegen allerdings vor. Die Ruh- 
mann'sche Übersetzung der < Alpen-Sagen» von Savi-Lopez (Stuttgart, 
1893) hat wohl einen Schritt gethan, um auf congeniale AufF£issung der 
Sagen-Arbeiten hinzuweisen; aber wieviel fehlt noch! Was liegt noch in 
den Museen, Archiven, Bibliotheken an Vergleichs -Material 
begraben und was stirbt mit den letzten Originalmenschen aus älterer 
Zeit! Was wird uns vom Volksmunde verschwiegen!*) — 

Im Anhange von Zillners «^Untersberg-Sagen» lesen wir (unter 
Nr. 30): «Die Schweizer werden einst unvermuthet in Salz- 
burg einbrechen». Nehmen wir diese prophetischen Worte doch 
bildlich: Die Schweizer-Sage soll eindringen, um ihre Schwester, die 
österreichische Alpen-Sage zu besuchen. Salzburg wachte 
über seine Sagen, darum habe ich auch gerne wissen wollen, ob 
meine alten Schweizer-Freunde nicht auch als Verwandte, nicht aber 
als Feinde einmal in Salzburg eindringen möchten? Ich fand dabei 
so viele Familienähnlichkeiten, dass ich nicht aufhören konnte mit Ver- 
gleichen der lieben, von Poesie erhaltenen Alpenblumen, bis ich einen 
stattlichen Strauß beisammen hatte. Die Beredsamkeit der Thatsachen 
ist zu lebendig, um zurückzuschrecken, nur vermag nicht eine Kraft 
allein das Alles zu bezwingen. Als der «Verein für österreichische 
Volkskunde» gegründet wurde, nahm ich den Faden wieder auf, 
lieferte einige Beispiele und weise hier an der Hand der Reste der 
«Drachen-Sage» (welche Dalla Torre vor 8 Jahren so geistvoll be- 
arbeitet hat) nach, dass nunmehr in dem Vereins-Organe Gelegenheit ge- 
boten wäre, alles, die österreichische Alpen-Sage betreffende 
Material, alle neueren Beobachtungen und Erfahrungen 
in einen Rahmen zu fassen, damit die Arbeit desEinzelnen 
nicht zersplittere. 



>) Am 16. Mai sagte mir Herr Conservator Dr. Much: «Die Mythenbildung im Volke 
ist eine andauernde; an die Stelle alter Sagen treten jedoch neue». 



Schlusswort über vergleichende Sagenforschung in Österreich-Ungarn. i5c 

Der Germanist und der Naturforscher sollen ebenso für diese 
Arbeit interessiert werden, wie der Culturhistoriker und der Vertreter 
der «Volkskunde im engeren Sinne*, wie ja auch die Freunde 
des Volkes lebhaften Antheil nehmen müssen: Werden so alle der 
Sagenforschung nahestehenden Forscher gleichmäßig 
herangezogen, dann könnte die Sagenkunde einen mäch- 
tigen Schritt vorwärts machen! — Wer ist mehr dazu berufen, 
diese Idee aufzugreifen, als der Verein für österreichische Volks- 
kunde?! Er könnte uns die Einsendung neuerer Mittheilungen aus 
allen Gegenden der Monarchie sichern, wenn er in seiner Zeit- 
schrift dafür einträte. 

Eine ständige Rubrik für vergleichende Sagenkunde in der Zeit- 
schrift für österreichische Volkskunde würde vorerst helfen, die Paral- 
lelen und Varianten der Alpen-Sagen genau festzustellen 
und könnte durch die Mannigfaltigkeit ihres Inhaltes als Centrum für 
alle ähnlichen Bestrebungen in unserem Vaterlande dienen. 
— Wir wissen es ja, dass, wie in der Schweiz der «Cantönligeist» 
der geistigen Arbeit manches Hindernis bereitete; auch bei uns die 
sprachliche Trennung manchen Übelstand im Gefolge hatte. Verglei- 
chende Sagen-Studien sind es, welche uns gänzlich mangeln und von 
Jahr zu Jahr schwieriger werden, denn gleich den Volksgebräuchen, den Haus- 
formen wird auch die Erinnerung an die Überbleibsel uralten Volksglaubens 
cdlmählich schwinden und wir würden damit den einzigen zum Ziele führen- 
den Pfad verlieren. Darum besser jetzt, cds bis es zu spät geworden ist! 

So schließe ich denn mit dem Wunsche, es mögen durch eine 
Aufforderung seitens der geehrten Schriftleitung an die Sagenforscher 
Österreich-Ungarns für ein später ins Auge zu fassendes großes, 
vergleichendes Sagen-Werk jetzt schon in der ^Zeitschrift 
für österreichische Volkskunde» die Wege gebahnt werden. 
Der Ausgangspunkt sei die österreichische Alpen-Sage ent- 
gegengehalten der Gebirgs-Sage im Allgemeinen. 

Nur auf diesem Wege lässt sich die Volks-Sage, aller Zuthaten 
entkleidet, im schlichten Gewände in ihrer vollen Reinheit und Ursprüng- 
lichkeit wieder darstellen. 

Es wäre eine des jungen Vereines und der durch ihn vertretenen 
Disciplin würdige Aufgabe! 

Die Sage darf nicht verschwinden! Wir wollen sie durch das 
Eindringen fremder Elemente nicht zerstören lassen ; wir wollen sie klären 
schützen und erhalten, denn sie ist, wie das Lied, ein echtes ICind der 
Gestsdtungskraft des Volksgeistes. 

Wie ergreifend sind die Verse des Naturfreundes Alois We i ß e n- 
bach in seinem schönsten Gedichte, welches den Park von Aigen bei 
Salzburg verherrlicht: 

«Denn in des Volkes Lied und Sage 
Lebt Alles bis zum jüngsten Tage!» 

Salzburg, Ende Mai 1895. 



l66 Nagl, Über den Gegensatz zwischen Stadt- und Landdialect in unseren Alpenländern. 

Über den Gegensatz zwischen Stadt- und Landdialect 
in unseren Alpenländem. 

Von Dr. J. W. Nagl, Wien. 
(Fortsetzung.) 

Wir haben das herrische a (= ahd. ei) im Gegensatze zum bäurischen 
oa, älter oi, bis ca, iioo hinauf verfolgt. Zweierlei Fragen treten uns 
nun entgegen. 

Die eine Frage ist, ob denn jenes a (= ahd. ei) lediglich in 
unser Stammgebiet aus Ostfranken importiert wurde, oder ob vielleicht 
doch auch der bayrische Dialect selbst Anknüpfungspunkte 
bot, mit welchen sich die fränkische Lautinvasion verband, um das bekannte 
herrische a allgemein zur Durchführung zu bringen. Und es scheint mir 
das letztere der Fall zu sein. 

Ich getraue mich nicht zu behaupten, dass die bayrischen äi (aus 
welchen sich oi und oa entwickelte) bis in die älteste Zeit ohne Unter- 
brechung zurückreichen. Eine solche Unterbrechung scheinen mir die alt- 
bayrischen Schreibungen mit e statt ei zu sein (heli, arteltun [sie!], 
renidu statt heili, arteiltun, reinidu etc. Wh., Bair. Gr. § 45; 
Braune, Ahd. Gr. § 44, Anm. 4). So lange dieses e mit ä wechselte, 
konnten wir es als Umdeutung auf den Umlaut von a seitens der Schreiber 
auffassen (diese Ztschr. I. S. 35). So lange jedoch nur ei und solches e 
allein wechseln, bleibt die Deutung auf hohes a ausgeschlossen und wur 
können nur an dessen Vorstufe ^ (offenes e) denken : ähnlich wie nun auch 
das neue ei in Wiener Vororten und im Böhmerwalde (Schm., Gr. § 252) 
gesprochen wird: drf, w?t, gsch^t statt drei, weit, gesclieit. Ob ein 
solches f aus ahd. ei allgemein bayrisch war oder nur in einzelnen Gauen 
durchgedrungen war, lässt sich nicht entscheiden. In Franken ist es weit 
verbreitet (Schm. § 149, hiezu auch §§ 150 und 151); als bloß fränkische 
Schreibung werden wir aber dieses f auf baierischcm Gebiete nicht 
annehmen dürfen, weil der Dial. einzelne ä hat, welche das f als Vorstufe 
voraussetzen : in a'n (= mhd. eide, Egge) könnte der Name mit dem Gegen- 
stande von Franken importiert sein; schwerer ist es, anzunehmen, dass 
na° (= nein) aus den Städten mit herrischem ä aufs Land vorgedrungen 
sei; adaxl für Eidechse ist ebenfalls kaum importiert; und auch Namen 
wie «Wolfpassing», die mit a auf altes ei ( Wolf beizo) hinweisen, werden 
schwerlich als fränkische Colonien nachzuweisen sein. Nun kommen aber 
fast in allen Gegenden, wo man sonst oa statt ahd. ei spricht, solche 
vereinzelte ä vor: sind sie echt, so hat im Bayrischen ganz der gleiche 
Vorgang (ai>ae>f >ä) wenigstens begonnen, wie wir ihn fürs Frän- 
kische allgemeiner annehmen mussten (diese Ztschr. S. 34). Wirkte nun 
das nümbergisch-babenbergische a (aus ei) noch dazu von außen ein, so 
hat sich der Process in den Kreisen, welche solcher Einwirkung unter- 
lagen (die «Herrischen») beschleunigt: das bäurische Element aber ist 
anfänglich zurückgeblieben, ein immer schärferer Gegensatz musste sich 
herausbilden, und so haben denn die Bauern jene ä bis auf die wenigen 



V. Helfert, Böhmische Wcihnachts- und Passions-Spiele. i^-j 

genannten Fälle rückgängig gemacht und, der bayrischen Diphthongierungs- 
neigiing frohnend, das ältere a^>f wieder mit großer Entschiedenheit 
in ä + i>oi>oa ausgebaut. Daneben ist nicht ausgeschlossen, dass in 
vielen bayrischen Gegenden ahd. ai direct ohne die Zwischenstufe aö>f 
über äi, oi zu oa sich fortentwickelt habe. (Vgl. meinen «Vocalismus» § 46.) 

Die £mdere Frage ist, ob das Ostfränkische, speciell um Bamberg 
und Nürnberg schon so frühe den Process ai<;ae<;f<abis zum letzten 
Gliede durchgeführt habe. Diese Frage ist nach dem heutigen Stande 
der Dialectforschung noch nicht zu beantworten. 

Das Bayrisch - Österreichische a (=ai) geht bis c. iioo*) und setzt 
fremde Einwirkung voraus: sie kann laut Zeugnis der heutigen Mund- 
arten nur ostfr.-mitteldeutsch gewesen sein. Alte Schreibfehler (a für ai) 
müssten sporadisch auch in Ostfr. nachgewiesen werden, obwohl sie dort 
ungemein selten sein müssen, da, wenigstens nach Schm. Fr. jene Gau- 
dialekte, die a < a_i kennen, das a für keinen andern historischen Laut- 
wert gebrauchen : somit m u s s t e jeder ostfränkische Schreiber wissen, 
dass ein solches a mit ei, ai zu schreiben sei. 

Jener fränkische Forscher, der seine alten Urkunden auf diese Laut- 
erscheinung hin prüfen wollte, würde eine verdienstvolle Arbeit verrichten. 

(Fortsetzung folgt.) 



Böhmische Weihnachts- und Passions-Spiele. 

Von Jos. A. Frh. v. Helfert, Wien. 

Darstellungen und Aufführungen kirchlicher Geheimnislehren, so- 
genannter Mysterien, beim böhmischen Volke musterye oder masterye,*) 
reichen in sehr frühe Zeiten des Mittelalters zurück. Hirtenumzüge zur 
Weihnachtzeit und Dreikönigsgänge zum 6. Januar waren auf dem Lande 
seit undenklichen Zeiten in Übung und haben sich in entlegeneren, von 
der Cultur minder beleckten Gegenden bis heute erhalten. Sie lassen sich 
nicht Spiele nennen, worunter man sich Aufführungen auf einem dazu 
gewählten Schauplatze vorzustellen pflegt, während jene Darstellungen 
wandernd durch die Dorfgassen oder von Haus zu Haus stattfinden. 
Wenn es am Weihnachtsabend zu dunkeln anfangt, erschallt der Weckruf 
der Engel: 

Hirten erhebt euch, 

in Bethlehem ist ein Licht aufgegangen, 

Christus der Herr ist geboren, 

Dort wird nun hingegangen. 

Jetzt ertönen frohe Hirtengesänge, oft mit Musikbegleitung, und erfolgt 
ein Umzug durch das Dorf. In manchen Orten ist es thatsächlich der 

*) Vergl. meinen «Vocalismus der bayr.-ostr. Mundart», deren I. Capitel über tdas hohe A» 
als I. Lieferung in wenigen Tagen bei F. Jasper in Wien (Verlag des Ver. f. Landk. Von N.-0.) 
erscheinen wird. 

•) Ein Ausdruck, der heutzutage außer Übung gekommen zu sein scheint. 



l68 V. Helfert. 

Gremeindehirt (pastucha), der als Solosänger die Runde bei den einzelnen 
Gehöften macht. Letzteres, die Wanderung von Haus zu Haus, ist am 
Dreikönigsfeste, wie anderthalb Monate früher am Nicolotage, noch heute 
fast ausnahmsloser Gebrauch. Drei Knaben oder junge Burschen in 
buntem Gewand, der eine am Ende eines Stabes den führenden Stern, eine 
Krone aus Goldpapier auf dem Haupte, der Baltasar als Mohr mit ge- 
schwärztem Gesicht, in der Hand irgend ein Gefäß oder Kästchen, halten 
einen Umzug im Orte, koleda genannt, indem sie in den einzelnen Häusern, 
wo die Familie sammt dem Gesinde das Publicum bilden, Lieder singen, 
die in einen Appell an die Freigebigkeit der Anwesenden auslaufen. 

Eigentlich gespielte Mysterien, d. h. theatralische Aufführungen 
scheinen erst durch die Jesuiten nach Böhmen und Mähren gebracht worden 
zu sein, wie es überhaupt im Geiste dieses Ordens lag, namentlich in der 
harten Periode der Gegen-Reformation, auf die Sinne des gläubigen Volkes 
zu wirken. Die erste beglaubigte Nachricht datiert aus dem Jahre 1566, 
was aber nicht hindert, vielmehr daizu auffordert, die Einführung solcher 
Spiele um ein paar Jahre früher anzusetzen. Sie wurden in lateinischer 
Sprache anfänglich für ein geschlossenes Publicum aufgeführt und waren 
also nur für die Gebildeten berechnet; so erfahren wir von Hirtenspielen 
mit der Erzählung von der Geburt des Herrn, die am St. Thomastage zu 
Prag und zu Olmütz im bischöflichen Palaste aufgeführt wurden. Ähnliche 
Spiele, immer in lateinischer Sprache, veranstalteten die Jesuiten in jedem 
ihrer Collegien und fanden bald Nachahmung in I^ndstädten, wo keine 
Jesuiten waren, und allmählich weiter in Dörfern, hier natürlich nicht 
lateinisch, sondern in der Muttersprache, wobei Weihnachtslieder, die zahl- 
reich beim Volke in Umlauf waren, zu erbaulicher Verwendung kamen. 

Spiele dieser Art wurden in der Kirche aufgeführt, und ohne 
Zweifel waren es anfangs Geistliche und Schulmeister, welche sie einrich- 
teten und leiteten. Mit der Zeit begann das Volk selbst zu dichten ; denn 
der einzelne Verfasser blieb meist ebenso unbekannt wie bei dem 
Volksliede. Wir erfahren zwar von einem Wenzel Kozmanek, der 1627 
Schullehrer in Deutschbrod war und dann nach Prag als Schulrector zu St. 
Peter kam ; cdlein es fragt sich, ob er Verfasser oder Zusammensteller oder 
bloß Aufzeichner der handschriftlichen Stücke war, die sich durch ihn erhalten 
haben. Thatsache ist, dass die musterye in Böhmen und Mähren mehr 
und mehr Verbreitung fanden und sich in einigen Gegenden des lindes 
förmlich in den Volksgeist einlebten. Sie wurden noch lange Zeit in der 
Kirche aufgeführt, bis bei dem mächtigeren Einschieben des weltlichen 
Elements in die ursprünglich streng heiligen Handlungen manche profanere 
Seiten desselben hervortraten und vieles von dem, was, in der Theater- 
sprache zu reden, hinter den Coulissen vorgieng, zu der Heiligkeit des 
Ortes nicht wohl passte. So wurde denn das Gotteshaus den weiteren 
Aufführungen der Mysterien verschlossen und es mussten andere Orte für 
sie gewählt werden. Für die Weihnachts- und Dreikönigsspiele, die in 
die rauhe Jahreszeit fielen, ließen sich niu* geschlossene Räume benützen, 
also meistens das Gemeindewirtshaus, vielmehr der Tanzboden darin; die 



Böhmische Weihnachts- und Passions-Spiele. j^g 

Passionsspiele fanden vor der Kirche, auf dem Friedhof, später meist an 
einer passend gelegenen Stelle außerhalb des Dorfes statt. 

Prof. Ferd. M e n c i k hat vor Jahr und Tag die gebirgigen und oft 
malerischen Gegenden von Eisenbrod und wSemil im nordöstlichen Böhmen 
besucht, wo Mysterienspiele lang in Übung waren. Aufführungen, die sich 
einen gewissen Ruf begründet hatten, wurden aus der Nachbarschaft auf 
mehrere Meilen weit besucht, aus Turnau, aus Münchengrätz ; anderseits 
kam es vor, dass bewährte Truppen Kunstreisen in andere Orte, wohin 
man sie erbeten hatte, unternahmen und sich dort vor einem ^^hohen 
Publicum?^ producierten. Die Spiele selbst hat M e n c i k nicht mehr gesehen, 
sie sind in den letzten Jahren eingegangen. In Haratic bei Eisenbrod 
wurde noch 1874 ein Weihnachtspiel aufgeführt, in Lastibof noch 1891 
ein Passionsspiel ; als aber darnach in der Schenke Herr Jesus mit dem 
Petrus, und der Landpfleger Pilatus mit dem Hohenpriester Kaiphas in Hader 
geriethen, wobei sie zu den Messern griffen, sodass zuletzt Blut floss, 
wurden die Spiele von polizeiwegen eingestellt. Allein der Wunsch nach 
ihrer Wiederbelebung findet im Volke vielfachen Ausdruck, und frisch 
und lebhaft sind die Erinnerungen an sie, aus denen uns Mencik ein an- 
schauliches Bild des gewesenen vorzuführen in der Lage ist.') 



Die Erlaubnis zur Abhaltung der Spiele musste in der sogenannten 
vormärzlichen Zeit auf dem I^nde beim obrigkeitlichen Wirtschaftsamte, 
in Städten beim Magistrate eingeholt werden und wurde in der Regel 
im Einvernehmen mit dem Pfarrer ertheilt. Nun kamen die Vorbereitungen, 
die von einem erfahrenen Director geleitet wurden. Seine mühevollste 
Arbeit war die Einübung der agierenden Personen, die Erlernung der 
ihnen zugetheilten Rollen, was besonders dann Schwierigkeiten bot, wenn 
der Auserlesene nicht lesen und schreiben konnte, wo ihm daher die 
Reden vorgesagt und förmlich eingepaukt werden mussten. Diese Ein- 
übungen konnten nur des Abends stattfinden, nachdem die Arbeit in der 
Werkstatt oder auf dem Felde gethan war ; im Winter und ersten Früh- 
jahr wurde in den Dörfern hiezu in der Regel die Spinnstube (pfadelna) 
benützt. Im ersten Viertel unseres Jahrhundertes handhabte in I^astibof 
das Amt des Einlernens und Einübens ein gewisser Jos. Hawel, der noch 
1834 als Ausgedingler lebte und sich im Besitze handschriftlicher Copien 
der unter seiner Leitung aufgeführten Stücke befand. 

Die Ausstattung war, wie sich denken lässt, höchst einfach und 
wohlfeil. Nur der König Herodes hatte einen Turban, von dem Ducaten, 
Thaler und Zwanziger herab funkelten ; diese aber waren meist ausgeliehen. 
Der Tod war ganz weiß, an den Seiten seines Obergewandes waren 
•schwarze Streifen, welche die Rippen vorstellten, angeflickt oder angestrichen ; 
in der Hand trug er eine Sense oder auf dem Rücken einen Korb. Bei 

*) Prostondrodnl hry divadelni (Volksthümliche Theaterstücke). Vyddvd Ferd. MenCik, 
skriptor etc. V HoleSov6. Näkladem vlastnim; komise Höfer et Kloudek v Praze. Dil I. 1894: 
Vdnoöni hry (Weihnachtspiele). 8«, XXVI. und 167 S. 



lyo '^* Helfert. 

den anderen Personen fehlte Schminke nicht, aber nicht der Parfümerie- 
laden, lieferte sie, für Schwärze musste die Kohle herhalten. Ebensowenig 
wurde für Haar und Bart der Friseur in Anspruch genommen; man 
benützte Werg und Hanf, im Spiele Absalon zeigte der Held einea 
Überfluss von Locken aus solchen Stoffen. 

Die Weihnachtspiele wurden, wie schon erwähnt, meist in der großen 
Wirtsstube aufgeführt, wo Joseph und Maria, Engel und Hirten, Herodes 
und die drei Könige, alle während der ganzen Handlung im Angesichte 
des Publicums waren und nur hervortraten, so oft die Reihe des Sprechens 
an sie kam (M e n c i k, S. XXI). Costüme gab es sehr wenig ; der Engel, 
der die schlafenden Hirten weckte, war in weißes Gewand gekleidet, die 
Hirten selbst trugen Stöcke in der Hand, mit denen sie beim Schlüsse jedes 
Absatzes ihrer Rede auf den Boden schlugen. Das Spiel wurde in der 
Advent- und Weihnachtzeit aufgeführt, und so oft wiederholt, als sich 
Kreise von Zuhörern fanden. 

Größere Herrichtungen verlangte das auf freiem Felde aufzuführende 
PcLssionsspiel. Decke war das Himmelszelt, ob die Sonne brannte oder 
die Wolken tröpfelten; nur wenn das Wetter gar zu arg wurde, musste 
abgebrochen werden. Der Platz wurde gut gewählt. Lastibof ist anmüthig 
im Hügellande gelegen: der tiefste Punkt bildete das tätrum, tratrum, 
auch palanda genannt; die sanft- ansteigenden Hänge umher waren ftlr 
die Zuschauer, die auf solche Weise von jedem Punkte auf den Schauplatz 
hinsehen konnten ; den Hintergrund der Bühne bildete dunkler Wald, eine 
malerische Umrahmung. Der Zuschauerraum war von einem primitiven 
Geländer umzogen, beim Einlass musste jeder seinen Obolus entrichten. 

Die Auffuhrung der Pctssionsspiele fand an Sonn- oder Feiertagen 
statt, und zwar erst nach dem Gottesdienste, dem vormittägigen wie nach- 
mittägigen, welcher letztere für diesen Zweck früher gehalten wurde, etwa 
um I Uhr Nachm. Dann folgte vom Dorf aus die parada, der feierliche 
Aufmarsch unter Vorantritt einer Musikbande, die Spielenden einer nach dem 
andern, wie sie der Reihe nach aufzutreten hatten. Die Bande hatte auch 
während der Aufführung selbst zu thun, da das Spiel in seinen einzelnen 
Abschnitten mit Musikstücken, frommen Liedern oder Chören abwechselte. 
Der Vortrag der Hauptpersonen war in getragenem Styl, eingelernt, und 
fehlte auch ein Souffleur nicht. Hingegen waren die Nebenfiguren an 
keine Regel gebunden, sie konnten improvisieren und brachten dabei 
manchen derben Spass in die ernste Handlung. Das galt besonders von 
solchen Rollen, die von vornherein dem Gelächter preisgegeben waren: 
dem Tod und dem Teufel, und den Juden. Mencik erwähnt S. III f. 
ein heiteres Stückchen, das sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- 
hundertes in Bozkow ereignete, als der Gutsherr Graf Desfours und der 
Pfarrherr einem Passionspiele beiwohnten und zwei Ortsinsassen, welche 
Juden vorstellten, auf sie die Zunge herausstreckten. Nach beendeter Auf- 
führung wurden sie für den andern Tag aufs herrschaftliche Schloss be- 
schieden und waren nun voller Angst, was ihnen ob ihrer Ungezogenheit 
da harre. Wider Erwarten fanden sie den Grafen gut gelaunt, der ihnen 



Böhmische Weihnachts- and Passions-Spiele. i ^ 1 

sagte, sie hätten die damals so entarteten Juden nicht besser spielen konnep, 
und ihnen zum Lohne für ihre Kunst ein Fass Bier aus dem Semiler 
Brauhause verabreichen ließ. 

Derlei komische Intermezzi störten, wie in den Shakespeare'schen 
Tragödien, den Charakter des Ganzen durchaus nicht; die Stimmung in 
dem großen Zuhorerkreise trug ein weihevolles Gepräge. Die Auffuhrung 
des Passionspieles nahm oft sechs Stunden in Anspruch und wurde, wo 
möglich, so eingerichtet, dass der Tod des Erlösers mit dem Untergang 
der Sonne zusammenfiel, und wenn um dieselbe Zeit vom Kirchthum des 
Dorfes das Agnusläuten ertönte, so war der Eindruck unbeschreiblich. . . 

Was die finanzielle Seite dieser schauspielerischen Unternehmungen 
betrifft, so erwähnt Mencik, dass sich die Kosten mancher derselben 
auf mehrere hundert Gulden beliefen; allein er weiß nicht anzugeben, wie 
diese Summe hereingebracht wurde. Eintrittsgelder von 2 bis 3 Kreuzer, 
wie sie im Dorfe üblich sind, können sie doch nicht gedeckt haben? 
Gleichwohl ergab sich in der Regel ein Überschüss, der unter die Mit- 
glieder der Truppe vertheilt wurde, wenn er nicht von vornherein für 
einen gemeinnützigen frommen Zweck bestimmt war, die Herstellung eines 
Kreuzweges, die Errichtung eines Wegcrucifixes, einer Friedhofcapelle 
(S. IX). 



Die Mysterienspiele waren nicht die einzigen, die im böhmischen 
Isergebirge in Übung standen. Mencik gruppiert sie in vier Classen: 
1. Weihnacht- und Dreikonigspiele, 2. Passionspiele, 3. Spiele aus dem 
alten Bunde: vom ägyptischen Joseph, von Moses, Samson, Samuel, 
Judith etc., 4. Spiele aus der christlichen Periode: Johann der Täufer, 
St. Ivan, St. Dorothea, Griseldis, die schöne Magelone (Majolena) u. a., 
von denen allen er mit der Zeit Proben herauszugeben beabsichtigt 

Der bisher erschienene erste Theil (Vanocni hry) bringt die Weihnacht- 
spiele, die einen freundlichen Einblick in die naive Auffassung und Wieder- 
gabe der biblischen Handlungen gewähren. Es wird Aufgabe eingehender 
Kritik sein, diesen Charakter des näheren zu analysieren und den Quellen 
nachzugehen, aus denen manche Motive und Ausführungen geschöpft sind. 
Besonders wird es darauf ankommen, die verwandtschaftlichen Beziehungen 
zu anderssprachigen gleichzeitigen Stücken, namentlich aus der deutschen 
Nachbarschaft, zu prüfen ; Andeutungen davon finden sich in der Mencik- 
schen Einleitung, namentlich S. XXII — XXIV über den unverkennbaren 
Einfluss der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts viel gelesenen Schrift 
des P. Martin von Cochem (erste Auflage 1689) über das Leben Christi 
und der heiligen Maria. Auch Vergleiche mit den lateinischen Jesuiten- 
spielen werden einzustellen sein. 

Der zum Drucke vorbereitete zweite Theil soll böhmische Passion- 
spiele bringen. 



172 Schiimcrer, Textile Volkskunst bei den Rutenen. 

Textile Volkskunst bei den Rutenen. 

Von Louise Schinnerer, Lehrerin an der k. k. Fachschule für Kunststickerei in Wien. 

In dem rutenischen Volke, das sich bekanntlich seine nationale 
Eigenart bis auf den heutigen Tag in ganz ungewöhnlichem Maße zu 
bewahren wusste, hat sich eine hochinteressante Flechttechnik erhalten, 
die in ganz Podolien, überdies noch in einigen Bezirken an der rechten 
Seite des Dniester und zwar im Ratuszer Bezirke, zur Herstellung von 
Frauenhauben, Schärpen und Betteinsätzen betrieben wird. 

Die hohe historische Bedeutung dieser Flechttechnik beruht darin, 
dass wir in ihr nebst dem Netzwerk wahrscheinlich die älteste durch- 
brochene Arbeitsart des Menschengeschlechtes überhaupt zu erblicken 
haben. 

Es ist dies eine Flechtung, die mittelst gespannter Faden erfolgt 
und doppelt schafft: ein Vorzug, den keine von unseren modernen Ar- 
beiten aufzuweisen hat 

Ein gesteigertes Interesse gewinnen diese rutenischen Flechtarbeiten 
noch durch den Umstand, dass durch ihre Bekanntwerdung nunmehr 
auch die technische Herstellungsweise der altegyptischen Kopfbedeckungen, 
über die die irrigsten Anschauungen bisher herrschten, festgestellt werden 
konnte. Durch vergleichende Studien*) hat sich nämlich herausgestellt, 
dass nicht allein die egyptischen Kopfbedeckungen und die rutenischen 
Flechtungen in ihrem äußeren Gepräge vollkommen mit einander über- 
einstimmen, sondern auch, dass mit Hilfe der rutenischen Flechtweise 
jede egyptische Mütze, in all ihren Details vollkommen genau nachge- 
bildet werden kann. Welche Apparate den alten Egyptern dabei zu Ge- 
bote gestanden haben mögen, muss wohl eine offiene Frage bleiben; 
wahrscheinlich war derselbe identisch mit dem von den Rutenen ge- 
brauchten, der sich durch höchste Einfachheit und Zweckmäßigkeit aus- 
zeichnet. Dieser Apparat, den die Rutenen zur Herstellung ihrer Flecht- 
objecte benützen (siehe Figur 16, gleichzeitig sind auch zwei darauf in 
Arbeit begriffene Frauenhauben zur Anschauung gebracht), besteht in 
einem äußerst primitiven Holzrahmen und in einem ebenfalls aus Holz 
gefertigten schwertartigen Hilfsinstrument. Die Arbeiterin sitzt auf 
niederem Schemel und hält den Apparat vor sich aufgestellt mit den 
Füßen auf den Boden fest, indem sie dieselben auf die untere Querleiste 
des Rahmens stellt. 

Die Flechtung selbst gelangt, nachdem die Aufwicklung der Faden 
über zwei gespannte Spagatschnüre in der Weise erfolgt ist, dass sich 
eine obere und eine untere Fadenlage ergibt, mit Daumen und Zeige- 
finger der rechten und linken Hand zur Ausführung, wobei regelmäßig 
alle obenaufliegenden Faden mit den untenliegenden der Reihe nach, 
verkreuzt werden. Nach jeder vollendeten Flechttour bildet sich ein 

*) Für das Nähere hierüber verweise ich auf die Schrift c Antike Handarbeiten» von 
Louise Schinnerer. Verlag von R. v. Wald he im in Wieu. 




Fig. 16. Rutenischer Flechtapparat. 



174 



Schinnerer. 



anderes Fadenfach, welches mit einer Reihe von Fadendrehung-en an 
dem oberen Rande und mit einer an dem unteren Rande begleitet ist, 
welch letztere, da die Flechtung mittelst gespannter Faden erfolgt, natur- 
gemäß eine zu den Fadenverdrehungen der oberen Reihe entgegengesetzte 
Richtung einnehmen. 

Wird nun, nach jeder vollendeten Flechttour, in das dadurch ent- 
standene Fadenfach das schwertartige Hilfsinstrument eingelegt und 
dieses an den oberen und unteren Rand der Flechtung angedrängt, so 
bilden sich zwei vollkommen gleichartige Flechtobjecte, die in ihrer Fort- 
setzung schliesslich in der Mitte der gespannten Faden sich begegnen. 
Daraus folgt nun, dass durch dieses Flechtverfahren zwei Objecte zu 
gleicher Zeit erzielt werden, ohne dass die herstellende Hand dabei 
sich mehr zu bethätigen hat, als zur Herstellung eines Objectes er- 
forderlich ist, das Anstoßen des Schlaginstrumentes ausgenommen. — 
Demzufolge geht diese Arbeitsart auch rasch von statten. Die Rutenin 
besitzt eine derartige Fertigkeit in der Ausübung dieser Flechttechnik, 
dass das Auge des Beschauers nicht im Stande ist, ihre Fingerbewegungen 
dabei zu verfolgen. Auch verfügt sie über eine große Zahl von 
Musterungen, wovon jede einzelne mit einem der Natur entlehnten 
Namen gekennzeichnet ist. So gibt es beispielsweise ein Kleeblattmuster, 
ein Grillenmuster und andere mehr. Auf der Landesausstellung in Lem- 
berg 1894 konnte sich jeder Besucher des rutenischen Pavillons von der 
reichhaltigen Zahl dieser Musterungen überzeugen, die in einem Buche 
gesammelt daselbst zur Ansicht auflagen. — 

Die rutenische Frau trägt für den Alltagsgebrauch eine auf die ge- 
schilderte Art geflochtene weiße Haube unter einem Reintuch verborgen. 
Montiert ist diese Haube mit einem doppelt genommenen Leinwand- 
streifen, welcher rings um den geflochtenen Haubentheil angenäht ist. 
Zum Festbinden der Haube ist an dem rückwärtigen Besatzstreifen ein 
Zug genäht, durch den, gegenseitig angebracht, zwei Bändchen laufen. 

Für festliche Gelegenheiten trägt die Rutenin den geflochtenen 
Haubentheil, von weißem oder auch farbigem Material hergestellt, in 
einen steifen, mit buntem Cattun überzogenen runden Reifen eingesetzt 
(Abbildung II, Fig. 17) über den sie in höchst gefalliger Weise ein viel- 
farbiges Tuch schlingt, dessen Enden in malerisch geordneten Falten der 
Trägerin weit über den Rücken hinabhängen.*) 

Die rutenischen Schärpen — in der Technik den egyptischen Mützen 
gleich — welche in genannter Ausstellung von den im «Ethnographischen 
Pavillon» zur Schau gestellten Figurinen der Städtebewohner aus Uhnow, 
Hamionka, Kulikow, Trembowla und Zotkiew über einen langen Rock 
zweimal um die Hüften gelegt, einmalig verschlungen, mit lang herab- 
hängenden Enden getragen wurden, sind aus zwei zusammenhängenden 
Flechttheilen gebildet, welche an der Stelle, wo sie sich begegnen, in 

^) Iq der Bukowina sollen in dieser Technik hergestellte, hoch in der Form aufgebaute 
Hauben ebenfalls von Frauen getragen werden. 



Textile Volkskunst bei den Rutenen. 



175 



der Mifte der Schärpe, einen zopfartigen Fadenverschluss aufweisen. 
Ganz derselbe Fadenschluss findet sich aber auch, und dies fast durch- 
gehends an allen egyptischen Mützen vor, die ebenfalls aus zwei zu- 
sammenhängenden Flechttheilen bestehen. (Abbildung III, Fig. 18.) Die 




Fig. 17. Rutenischer Flechtapparat für Haubendeckel. 



rutenische Schärpe ist demzufolge nicht nur übereinstimmend mit der 
Technik der egyptischen Mützen, sondern sie ist auch genau nach dem 
System derselben hergestellt. 



176 



Sch innerer. 




Fig. i8. Flechtart der ruteniscben Scaärpen. 



Den Abschluss der 
Schärpen — sie besitzen 
fast durchwegs eine 
Länge von 3 tn 30 cm — 
bilden gedrehte Fransen 
mit runden Endknoten, 
von denen die Faden in 
kurzer Entfernung abge- 
schnitten sind. 

Den Apparat zur 
Herstellung dieser Schär- 
pen, der meiner An.sicht 
nach — schon ihrer be- 
deutenden I^nge halber 

— ein etwas anderer sein 
muss als der zur Her- 
stellung der Frauenhau- 
ben verwendete, konnte 
ich mir trotz vieler Be- 
mühungen bis jetzt nicht 
verschaffen. 

Mögen diese Zeilen 
dazu beitragen, Näheres 
darüber ans Licht zu 
bringen. 

Außer dieser Flecht- 
technik sind auch die 
von den Rutenen mit der 
Nähnadel und dem Faden 
zu fester oder durch- 
brochener Musterung 
gebildeten Porlarbeiten 

— bandartige Streifen, 
Colliers, Uhrketten etc. 

— beachtenswert, die 
technisch wieder mit 
einem im kunsthistori- 
schen Museum in Wien 
ven\'ahrten Fragment ei- 
ner altegyptischen Perl- 
arbeit übereinstimmen. 

Interessant ist auch 
bei den Rutenen die 
teppichartige Herstel- 
lungsweise von Hand- 
schuhen in der Form 



Textile Volkskunst bei den Rutenen. 



177 



derber Fäustlinge (Abbildung- III, Fig. 19), die fast im ganzen rutenischen 
Galizien, von Podolien bis zu den Huzulen verbreitet ist. 

Ein dem Handschuh seine Form gebender, flacher Holztheil, an 
seiner oberen Abrundung mit Zahneinschnitten versehen, an seinem 




Fig. 19. Rutenischcr Apparat zum Flechten von Fäustlingen. 



unteren Theile in einen Zapfen auslaufend, ist durch letzteren mit einem 
ovalen, in der Mitte durchbohrten Holzbrettchen in der Weise verbunden, 
dass der Zapfen einige cnt lang unter dem Brettchen noch hervorschaut ; 

Zeitschrift fiir östcrr. Volkskande. I. 12 



XyQ Schinnerer, Textile Volkskunst bei den Rutenett. 

und dies zu dem notwendigen Zwecke, den Apparat auf einem anderen 
Gegenstand festzuhalten. 

Auf der Rückseite des Brettchens, ziemlich knapp an seinem Außen- 
rande, sind in regelmäßigen Entfernungen Lücken angebohrt, in denen 
kleine, rund zugespitzte Holzzapfen stecken, die circa i ctn lang unter 
der Brettfläche hervorstehen. Diese Zapfen dienen als Halt für Spagat- 
schnüre, die in der Weise über den aufrechtstehenden Holztheil zur Kette 
gelegt sind, dass sie in seinem oberen abgerundeten Theile in die Zahn- 
einschnitte zu liegen kommen, wodurch die Abrutschung der Kettfaden 
verhindert wird. — Die Überarbeitung der Kette bewerkstelligt sich 
mittelst zweier an Spagatschlingen angeknüpfter Faden, wovon erstere 
in roh zugerichtete als Nadel dienende Eisenstäbchen eingefädelt sind. 

Der technische Vorgang ist folgender: Man hält in beiden Händen 
eine Nadel und nimmt mit diesen abwechselnd, einmal mit der einen, ein- 
mal mit der anderen, der Reihe nach jeden Kettfaden auf und zieht die 
Faden an; dadurch werden die beiden Arbeitsfaden zwischen je zwei 
Kettfaden einmalig verkreuzt und jeder Kettfaden an seiner Oberseite 
als auch an der Kehrseite durch die beiden Arbeitsfaden gedeckt. — An- 
fang und Ende der Faden bleiben wie bei dem Sumakh -Teppich in 
kurzen Enden an der Innenseite des Fäustlings hängen. Ist die Länge 
desselben fertig gestellt, werden die Kettfaden, nahe dem Zapfen, abge- 
schnitten und zu Knoten geschürzt, die knapp an die letztgefertigte Ar- 
beitsreihe angedrängt werden. Der Überschuss der Faden wird abge- 
schnitten. 

Zur Herstellung des Daumentheiles besteht ebenfalls ein ganz 
gleicher Apparat wie für den Fäustling, nur ist er entsprechend kleiner 
gehalten. In Berücksichtigung des mittelst Überfangstichen in den Fäust- 
ling einzusetzenden Daumentheiles wird bei Herstellung des Fäustlings 
ein Schlitz offen gelassen, der sich dadurch bildet, indem mehrere Touren, 
anstatt ringsum, in hin- und zurückkehrenden Reihen ausgeführt werden. 

Bei den rutenischen Bewohnern des Nordlandes der Karpathen in 
Ostgalizien, den sogenannten Huzulen, werden in der geschilderten Technik 
hergestellte Handschuhe mit Fingerbildung aus ganz feinei^x Wollmaterial, 
überdies auch mit schöner bunter Musterung ausgestattet, getragen. 

Zweifellos ist auch diese rutenische Handschuh -Technik zu den so- 
genannten primitiven zu zählen, die der menschliche Erfindungsgeist be- 
reits zur Zeit einer geringen Culturentwicklung des Menschengeschlechtes 
ersonnen hat. Dass das Gleiche von der eingangs geschilderten Flecht- 
technik gilt, beweist schon allein deren nachgewiesenes Vorkommen bei 
den alten Egjrptern. Damit gewinnen wir aber zugleich auch einen 
neuerlichen Beweis für die Ursprünglichkeit und Autochthonie einer dritten 
primitiven Textil-Technik bei den Rutenen, der Kilimweberei (Her- 
stellung gobelinartig gewebter Teppiche), die unbegreiflichermaßen noch 
heute in Galizien fast allgemein für eine erst in neuerer Zeit durch tar- 
tarische Kriegsgefangene importierte Kunstübung gehalten wird, während 
Professor Riegl dieselben schon seit Jahren als urabgekommenen ru- 



Kleine Mittheilungen. lyg 

tenischen Volksbesitz aus historischen und technologischen Gründen nach- 
gewiesen hat. 

Wir haben somit alle Ursache, die textilkünstlerische Thätigkeit des 
rutenischen Volkes hochzuschätzen. 

Es dürfte aber auch nicht zu gewagt sein, hieraus den Schluss zu 
ziehen, daß auch auf anderen Gebieten kunstgewerblicher Thätigkeit ähn- 
lich überraschende Resultate zu Tage kommen werden, wenn dieselben 
erst die gebührende Beachtung und Untersuchung gefunden haben 
werden. 



U. Kleine Mittheilungen. 



Todtenbretter In Westböhmen. 

Von Dr. Michael Urban, Plan. 

Jch habe in «Das Riesengebirge in Wort und Bild», VIII. Jahrg., S. 29, einiges über 
das Vorkommen der Todtenbretter in "Westbohmen, namentlich um Plan und Tepl mitgetheilt ; es 
erübrigt mir heute nur über das Ergebnis meiner diesbezüglichen weiteren Forschung zu referieren. 
In der Mieser Gegend wurden in früherer Zeit als erste Liegestätte der Leichen gleichfalls circa 
iVj — 2 Meter lange, rohgesägte Bretter benützt, in welche der Länge nach 3 Kreuzchen einge- 
schnitten worden waren. Der Todte wurde mit dem Brette in Leintücher eingehüllt und mit einem 
Stricke außerdem auf das Brett festgebunden. Nach der Einsargung wurde das Brett dem Tischler 
übergeben, welcher es rein abhobelte imd, hie und da, in dasselbe die Worte schnitt : «Zur 
Erinnerung an den (oder die) verstorbene N. N., geboren den . . ., gestorben den . . . ttt*- 
Diese Bretter wurden dann auf irgend einen Fußweg, welcher von den Angehörigen des Ver- 
storbenen am meisten benützt wurde oder über einen Graben als Steg gelegt. Die Angehörigen 
oder sonstige Bekannte, welche diese mit solchen Brettern belegten Wege beschritten, beteten dann 
ein «Vater unser» für die Ruhe des (der) Todten. 

In den deutschen Orten um T a u s , also in den Orten längs der bayerischen Grenze, z. B. 
Vollmau, Prennet, Maxberg u. s. w. bis Schüttenhofen werden die Todtenbretter nach Beerdigung 
der Leichen bei sogenannten Kreuzsteinen (d. s. niedere steinerne Kreuze), auch in der Nähe von 
Kapellen, Häusern oder Scheuem aufgestellt oder an die genannten Gebäude angenagelt, nachdem 
das Brett zuvor vom Tischler (Maler) mit dem Namen, Stand, Alter, Krankheit des Todten, der 
darauf geruht, und verschiedenen Versen beschrieben worden war. 

Folgende Todtenbrett - Aufschriften seien hier mitgetheilt : «Martin Leitermann, 
Ausnehmer in Altprennet, am 10. Sept. 1891, starb in seinem 76. J-ebensjahre. Gott, gib ihm die 
ewige Ruhe ! — — 

Hin zum ewigen schönen Wiedersehen, 
Gieng der theure, gute Vater voran, 
Öffnet zum Himmelhöh*n 
Uns die schönste Rosenbahn. 
R. L P. IL 
Weitere solchen Todtenbrettem bei Prennet u. s. w. entnommene Verse sind die folgenden, 
wozu zu bemerken ist, dass denselben immer der Name desjenigen vorausgeht, dem sie gewidmet sind : 
«O Mensch, geh' nicht vorbei, ohne es zu lesen, 
Was Du bist, bin ich auch gewesen, 
Du wirst auch auf dieser Erden, 
Zu Staub und Asche werden. 
O Herr, verleih* Ihr die ewige Ruh*, 
Und das ewige Licht leuchte Ihr.» 

12* 



l8o Kleine Mittheilungen. 

«Sanft und ruhig war sein Leben, 
Sparsam waren seine Freunde ihm beschieden ; 
Reich*, o Gott, an Deinem Thron 
Ihm den wohlverdienten Lohn !» 



«Ein gutes Gewissen, lieber Christ, 
Im Tod das beste Trostbuch ist. 
Dies kann, so oft und lang er will. 
Der Kranke lesen in der Still. 
Sei lang oder kurz Dein Leben, 
Der liebe Gott hat's gegeben. 
Wer hier hat den Himmel zum Ziel, 
Der schützt sein Leben nicht zu viel.» 



«Den Vater (Mutter, Schwester, Bruder oder Freund) nahmst Du, 

o Herr, zu Dir hinauf. 
Der nun vollendet seinen schönen Lebenslauf; 
Lass leuchten ihm das ewige Licht, 
Zeig' ihm sein huldvolles Angesicht!» 



Einem Jünglinge und Jungfrauen gewidmet: 

«Nicht für die Welt und ihre Sinne 

Sollt' diese Blume ganz erblüh'n, 

Nur für das Glück der Ewigkeit; 

Darum brach der Tod ihn (sie) vor der Zeit, 

Und erschuf aus ihm einen Engel nun. 

Dessen Leib bis zur Verklärung hier 

Wird ewig, ewig ruhn.» 



«Ihr Menschen alle, jung und alt, 
Betrachtet recht, was das Sterben sei 
Der Tod macht uns Augenblicklichkeit, 
Dann heißt es in die Ewigkeit.» 



«Schlummre sanft nach bangen Tagen, 
Ruhe süß' im Grabe, 

Tag und Nacht hast Du den Schmerz getragen, 
Treu Dein Tagewerk vollbracht.» 



«In meiner schönsten Jugeudblüth 
Hatt' ich es nicht gedacht, 
Dass der Tod, der Sensenmann, 
An meiner Thür klopfet an. 
Bin ich Dir bekannt und lieb gewesen. 
So bete einen «Vater-Unser» mir. 
So bitte ihn mit heller Stimm, 
Weil ich jung gestorben bin.» 

«Kommst Du einst am Gottesacker hinaus. 
So suche Dir dort den Hügel aus, 
Wo Deine Mutter (Vater o. a.) ruhet aus. 
Ja in die Erde müssen wir alle geh'n, 
Und im Himmel ist das Wiederseh'n.» 



«Zu früh, zu früh bist du uns entrissen, 
Hier in des Todes schaudervoller Nacht, 
Du wirst gewiss der Tugend Bahn gemessen, 



Kleine Mittheilungen. i3i 

Dort in des Paradieses Sommerpracht; 

Doch mir, dem Gatten (Vater o. a.), und Deinen Lieben 

Ist nur der Schmerz um Deinen Tod geblieben.» 



«O, o, wie hart ist die Reis*, 

Wenn man keinen Weg nicht weiss, 

Da ruf ich die hl. Dreifaltigkeit, 

Die zeigt mir den Weg in die Ewigkeit.» 
Unter diesen Todtenbrett- Versen befinden sich Perlen echter Volkspoesie, würdig, dem 
großen Schatze deutschen Volksthums einverleibt zu werden. — Herrn Dr. Wilhelm Hein 
gebührt das Verdienst, im XXIV. Bande (der neuen Folge, XIV. Band) der Mittheilungen der 
Anthropologischen Gesellschaft in Wien auf diesen volksthümlichen Cult aufmerksam gemacht zu 
haben, und allen Freunden der Volkskunde steht es nun zu, der geographischen Verbreitung der 
Todtcnbrcttcr Schritt um Schritt zu folgen imd das Ergebnis ihrer Forschungen der Öffentlichkeit 
zuzuführen. 

Der Blumenkranz im Haarfelde, im Oailthal. 

Von Franz Franzi sei, Grafendorf. 

Wenn man im Sommer das Thal durchwandert und seine Blicke über Wiesen und Felder 
schweifen lässt, bemerkt man in so manchem Haarfelde, das um die Blütezeit wie ein stilles 
Gewässer zwischen den wogenden Saatfeldern liegt, einen aus Wiesenblumen gewundenen Kranz, 
der inmitten des Ackers auf einem Stäbchen schaukelt. Es ist nicht ein einfacher Schmuck, 
welchen die Hauswirthin, welcher der Haar (Lein) besonders an*s Herz gewachsen ist, hier auf- 
gepflanzt hat; — der Kranz soll nach dem Volksglauben einen besonderen Einfluss auf das 
Gedeihen der zarten Leinpflanzen haben: 

«Der Kranz zieht den Haar», 
heißt es beim Volke. 

Dieser Kranz wird zu Frohnleichnam gebunden, wenn möglich bei der Prozession in 
der Nähe des im Freien aufgerichteten Altares aufgehängt, damit er beim feierlichen Segen mit- 
geweiht wird und am Johanis- Abend, auf ein Elfenstäbchen*) befestigt, in der Mitte des Haar- 
ackers aufgepflanzt. 

Der Kranz darf bei Einbringung des Haares (Haarraffen) nicht verworfen, sondern muss 
sorgfältig aufbewahrt werden. 

Wenn die Brechelzeit kommt und die Badstuben geheizt werden, hat ihn der Haarpatsch 
(Heizer) in's Feuer zu werfen. — Das soll ein bewährtes Schutzmittel gegen das «Verbrennen» 
des Haares sein. Fr. Franzisci. 

Sagen aus dem Kremathale. 

Von Franz Kraus, Wien. 

Das Schanzriedel im Kremsthale ist als Fundplatz von prähistorischen Dingen 
schon vor etwa acht Jahren durch Herrn Custos J. Szombathy ausgebeutet worden. Die Aus- 
dehnung der Ansiedlung erwies sich jedoch auf Grund neuerer Grabversuche als weit ausgedehnter und 
scheint nicht nur die Waldblöße selbst, sondern auch noch einen ziemlichen Theil des bewaldeten 
Terrains einzunehmen. In Letzterem sind selbstverständlich Grabungen derzeit unzulässig. Auf der 
Blöße sind Culturversuche wiederholt gemacht worden, wegen der großen Trockenheit des Bodens und 
wegen Mangels an Licht und Luft sind sie aber stets misslungen. An diese natürlichen Ursachen 
glauben aber die Leute nicht, sondern erzählen — wie Herr Dellapi na in Stein an der Donau 
berichtet — , dass der Platz verhext sei. Im Schwedenkriege sind Studenten und Cadetten dort 
verschanzt gewesen und haben sich im Innern des Berges verborgen, als die Feinde kamen. Der 
Berg ist eingestürzt und alle sind zugrunde gegangen. Noch hört man beim Heumachen auf der 
Waldwiese, wie im Berge gesungen, geweint, gefahren und Holz gemacht wird. 

Der Student spielt in den Bauemkriegensagen eine große Rolle. Ein Student war der 
Anfuhrer der Bauern vor Gmunden, wie die alten handschriftlichen Chroniken berichten. Dieser 

') Elsenstäbchen. 



l32 Ethnographische Chronik aus Österreich. 

«konnte allerlei» und die Bauern siegten jedesmal, wenn sie ihm folgten. «Etwas können» heißt 
nach der ortsüblichen Bezeichnung so viel wie Übernatürliches verrichten können oder zaubern 
können. Die Studenten der vorliegenden Sage wären also Zauberer gewesen. Nachdem aber die 
Erinnerung des Volkes, alles was vor sehr langer Zeit geschehen ist, in die Schwedenzeit verltgt, 
so ist es mehr als wahrscheinlich, dass es sich um eine weit ältere Überlieferung handelt, die mit 
der prähistorischen Opferstelle auf dem Berggipfel zusammenhängt. Die Magier wären dann die 
heidnischen Priester und die Cadetten sind dann etwa ihr Gefolge von Getreuen. Die Schweden- 
zeit ist als die größte Kriegsperiode zu betrachten, an die sich das Volk noch erinnert. Die 
Kriegszüge der Römer hat es längst vergessen. Dass bei Krems solche stattfanden, ist historisch 
beglaubigt. Jüngere Funde als aus neolithischer Zeit sind am Schanzkegel bisher noch nicht 
gemacht worden. Die Tradition, welche die Sage in verstümmelter Weise uns aufbewahrt hat, 
kann also nur eine Ansiedlung aus neolithischer Zeit betreffen, was die Bestimmung der Fund- 
stücke wohl bald näher erweisen wird. 

Am Wege zum Schanzkegel kommt man durch das Teufelsthor. Dort treibt der Teufel 
zu gewissen Zeiten die Hexen zusammen. Ein Jäger, der nach Mitternacht auf diesem Wege 
herabkam, wurde allen Ernstes von einer Bäuerin gefragt, ob er nicht ihre Schwiegermutter dort 
gesehen habe, die im Jahre vorher gestorl^en war, und die allgemein als Hexe galt. Jenseils des 
Kremsflusses liegt ebenfalls auf einem Kamme eine Gneisfelsengruppe, welche als unheimlicher 
Ort gilt. Der Platz wird das heimliche Gericht genannt, und es sollen sich allerlei Sagen daran 
knüpfen. Weder Herrn D e 1 1 a p i n a noch Herrn Oberförster S e d 1 a c z c k ist es bisher gelungen, 
mehr als bloße Andeutungen hierüber heraus zu bringen. Die Herren setzen ihre Bemühungen 
jedoch fort, und es ist ihnen ein Erfolg schon darum zu wünschen, weil gerade in dieser Gegend 
noch sehr wenig Sagenmateriale gesammelt worden ist. 



III. Ethnographische Chronik aus Österreich. 

1895. 



ÖechOSlawische Ausstellung in Wien. In den Osterfeiertagen, am 14. und 15. April 
d. J., fand unter dem Protectorate Seiner Erlaucht des Herrn Johann Franz Graf Harrach in der 
slawischen Beseda in Wien, I., Wallnerstraße, eine kleine cechoslawischc Ausstellung statt, die ein 
Bild vom Leben imd der Entwicklung der Slawen in Wien und in Niederösterreich geben sollte. 
Eine große statistische Tafel behandelte die Frage, ob die Cechoslawen in Wien ansäßig seien; 
Schriften, Gemälde und Figuren wiesen auf ccchische Gelehrte und Künstler, die in der öster- 
reichischen Hauptstadt gewirkt haben und noch wirken; ein reiches Material führte das stetige 
Wachsen der Komensk]^-Schule in Wien vor Augen, und eine Anzahl von Fächern erinnerte 
an die Zeit der slawischen Bälle im Sophien-Saale zu Wien (vgl. diese Zeitschrift, p. 21). 

Von den slawischen Orten Niederösterreichs waren nur Unter-Themenau (Postorny), Ober- 
Themenau (Novd Ves) und Bischofs warth (Lohovec) bei Lundenburg vertreten, die mit einer echt 
kroatischen Bevölkerung besiedelt wurden; heute haben sich allerdings die nationalen Eigenthüm- 
lichkeiten in Sprache und Sitte schon sehr abgeschwächt. Es ist das Verdienst unseres Mitgliedes, 
des Herrn Dr. Josef KarÄsek, dass wenigstens diese drei Orte auf der Ausstellung vertreten 
waren. Prächtige Figurinen zeigten, wie sich Bursche und Mädchen in Unter-Themenau kleiden, 
einzelne Trachten stücke und Photographien ergänzten das Bild. Hervorzuheben sind noch zwei 
prachtvoll gestickte Tücher von Netolitz in Südböhmen. 

Die Führung hatten in der liebenswürdigsten Weise die Herren Dr. Josef Kardsek und 
Privatdocent Dr. Franz Pastrnek übernommen. Dr. Wilh. Hein. 

Ethnographische Ausstellung in TeltSCh (Mähren). Um dem weiteren Publicum 
die Ergebnisse der bisherigen Thätigkeit des ethnographischen Localausschusscs vorzuführen, wurde 
in der Zeit vom 24. bis 27. März eine ethnographische Ausstellung im städtischen Rathhause 
veranstaltet. Eine reiche Fülle auserlesener Gegenstände wurde in zwei großen Sälen untergebracht, 
deren einer ausschließlich Erzeugnisse der Landbevölkerung enthielt, während der andere wiederum 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 183 

alles das umfasste, was Bezug auf die Stadt Tcitsch hatte. Hervorzuheben sind aus dieser Ab- 
theilung die beachtenswerten Belege der Goldschmiedekunst und Holzschnitzerei aus dem 15. Jahr- 
hunderte (gothische Monstranz, polychroraierte Holzstatue des hl. Adalbert), Ofenkacheln aus dem- 
selben Jahrhundert, Meisterstücke des Schlosser-, Schmiede- und Tischlerhandwerks aus dem 17. 
und 18. Jahrhunderte. Gewaltige Anziehungskraft übte das Modell der inneren Stadt Teltsch, 
einer Wasserfestung aus dem 17. Jahrhundert, sowie das neu gemalte städtische Wappen und 
zahlreiche typische Portraits aus dem vorigen und diesem Jahrhundert. Das «Bauemzimmer» enthielt 
nebst charakteristischen Einrichtungsstücken hauptsächlich eine schöne Auswahl verschiedenartiger 
Stickereien, welche die allgemein anerkannte Kunstfertigkeit und Ausdauer unserer Landbevölkerung 
bekunden und aus diesem Theile Mährens fast vollständig unbekannt waren, sowie über 100 kera- 
mische Objecte von mitunter tadellosem Erhaltungszustande. Das Installierungscomit6 des Local- 
ausschusses, bestehend in erster Linie aus dem Oberrealschul-Director Karl J. MaSka und Prof. 
Bering er, beschränkte sich bei der Auswahl der Ausstellungsobjecte grundsätzlich auf das süd- 
westliche Mähren (Bezirkshauptmannschaft Datschitz mit den Gerichtsbezirken Teltsch, Datschitz und 
Jamnitz) und dabei nur auf Gegenstände von anerkannt wissenschaftlichem Werte. Die Ausstellung 
wurde von mehr als 2000 Personen besucht. Das gunstige Ergebnis hatte die Gründung eines 
ethnographischen Musealvereines mit dem Sitze in Teltsch zur Folge. 

Karl Jaroslav Ma§ka. 

Das neue Landesmuseum in Linz. Wie bereits angezeigt (p. 122), wurde das 
Museum «Francisco-Carolinum» in Linz am 29. April durch Seine Majestät den 
Kaiser feierlich eröffnet. 

Ich hatte Gelegenheit, die schönen 5>ammlungen des Museums in ihrer Neuaufstellung 
unter freundlicher Führung des Herrn J. S trab erger eingehend zu besichtigen. Der inzwischen 
erschienene «Führer durch das Museum Francisco-Carolinum in Linz», den die 
Museal Verwaltung herausgegeben hat und welcher um den Preis einer Krone erhältlich ist, ert heilt 
jede erwünschte Auskunft über die in zwei Stockwerken untergebrachten reichen Sammlungen. 
Von den in die oberösterreichische Volkskunde einschlägigen Theilen desselben seien im Nach- 
folgenden einige Mittheilungen dargeboten. Im Saal IX. sind die oberösterreichischen Trachten 
und Bekleidungsstücke zur Schau gestellt. Hervorzuheben ist die prächtige Sammlung von Leder- 
gürteln, die mit Zinnstiften oder mit Stickerei (von Pergament, Seide oder Pfauenfedern) decoriert 
sind; femer die Hauben- und Hutsamralung in Kasten VIII. mit ihren schönen Goldhauben, 
Draht- oder Blindbortenhauben ; Tauf häubchen, Pelzhauben (sogenannte Öhrlhauben) mit goldge- 
sticktem Boden, Riegelhäubchen aus Gold- und Silberspitzen. Von besonderem Interesse und vor- 
bildlichem Wert ist der Ausstellungsraum für Volkskunde in Nr. XXXIL, in welchem eine ober- 
österreichische Bauernwohnung einzurichten versucht ist. Diese volkskundliche, durch eine Spende 
des akademischen Vereins «Germania» veranlasste Sammlung ist erst in jüngster Zeit angelegt 
worden. Sie enthält einen Vorraum, für welchen eine gleiche Localität im Burgkirchener Mess- 
hause als Muster diente, eine Gaststube, wie sie in den oberösterreichischen Voralpenthälem noch 
mehrfach vorkommt, mit «Keanleuchte» und Mauerleuchte und das «Stübel» mit alter bemalter 
Einrichtung, wie sie sich noch vielfach in der Gegend zwischen St. Florian und Stejn: findet: 
Bett, Kästen, Truhen, Wiege, Tisch und Stühle im Geschmack wohlhabender Bauersleute. 

Dr. M. Haberlandt. 

Das culturliistorisclie und Kunstgewerbe-IMuseum In Oraz. Am 4. Juni 

wurde das neue stcierraärkische Landesmuseum in Graz durch Seine Majestät den Kaiser 
feierlich eröffnet. 

Das cult urhistorische und Kunstgewerbe- Museum ist durch die thatkräftige Initiative des 
steirischen Landtages unter der Beihilfe des «Landes -Museumsvereins» und des «Vereines zur 
Förderung der Kunstindustrie» aus dem 181 1 gegründeten «Joanneum», der Schöpfung des un- 
vergesslichen Erzherzogs Johann, hervorgegangen. In seiner jetzigen umfassenden Organisation ist 
es eine Schöpfung seines verdienten Directors, unseres Ausschussrathes Herrn Carl Lacher. 
Indem wir eine Würdigung der umfassenden Sammlungen dieser prächtig verjüngten steirischen 
Bildungsstätte einer besonderen Gelegenheit vorbehalten, sei diesmal nur an der Hand des vom 
Director Carl Lacher verfassten «Führers» auszugsweise über den volkskundlichen Bestand 
des Museums eine kurze Übersicht geboten. 



j34 Literatur der österreichischen Volkskunde. 

In der Abtheilung der steirischen Wohnräume ist in Zimmer Nr. 12 eine Stube von 
1607 aus Neumarkt zur Darstellung gebracht, in Nr. 13 eine Wirtsstube, 1577, aus Mösna im 
Groß-Sölkthale mit vollständiger Einrichtung. Im Saal Nr. 21 das bäuerliche Wohnen in der 
Steiermark, mit Einrichtungen aus Gröbming, Judenburg, Ramsau u. s. w. Im Räume 17 befinden 
sich die steirischen Costüme, darunter Ledergürtel der Männer mit Pfaufedem ausgestickt, Metall- 
gürtel der Frauen, Bauemtracht aus Ramsau, Trieben, Oberzeiring. 

Bäuerliche Keramik aus verschiedenen Orten des Landes in Saal 21, 22, woselbst auch 
Fayencen aus Oberösterreich und Salzburg zur Ausstellung gebracht scheinen. Messer und Gabeln, 
Streicher und Taschenveitel im Saale 21 (YIII.), Löffel (VII.); im Räume 17 Pfeifen (IL), 
Feuerschlageisen und Tabakdosen; Rollbretter mit Kerbschnitzerei und Bemalung, einige bemalte 
Wäschetafeln des 17. Jahrhunderts (V.). Bauemuhren, Hochzeitsbitterstöcke aus Pöllau (VIII.) 
u. V. a. m. Die Sammlungen werden noch beständig vervollständigt und geben ein Bild des 
steirischen Volksthums, wie man sich dasselbe vor mehreren Jahrzehnten kaum noch aufzufinden 
getraut hätte. 

Sammlung von Nachtwachterliedern. Unser Mitglied Herr Professor Josef 
W ichner in Krems beabsichtigt eine Sammlung von Nachtwächterliedern herauszugeben und 
bittet, ihm derartige Lieder mit möglichst genauen Angaben, wo und bis zu welcher Zeit dieselben 
gesungen wurden, einzusenden. 

t CustOS Moriz Trapp. Am 27. Mai 1895 ^^^^^ unser Mitglied Moriz Trapp, 
Custos des Museums «Francisceum» in Brunn, der sich wegen seines bescheidenen und zuvor- 
kommenden Wesens allgemeiner Sympathien erfreute. Er war am 24. Jänner 1825 zu Wodfian 
in Böhmen geboren, studierte an der Universität zu Prag Geschichte und Alterthumskunde und 
unternahm wiederholt Reisen in Deutschland, Frankreich und Italien. 1859 wurde er Custos- 
Adjunct, 1867 Custos am Museum «Francisceum» in Brunn. Im Jahre 1875 wurde er zum 
Conservator der k. k. Central-Commission für Erhaltung und Erforschung der Kunst und historischen 
Denkmale ernannt. Besonders auf dem Gebiete der mährischen Alterthumskunde entwickelte er 
eine eifrige Thätigkeit, die sich in zahlreichen Aufsätzen über Archäologie in Sammelwerken und 
periodischen Fachschriften offenbart. Der Verein für österreichische Volkskunde verdankt ihm 
manche Förd<;rung und hat an ihm ein eifriges Mitglied verloren. 



IV. Literatur der österreichischen Volkskunde. 



1. Besprechungen. 

20. Anleitung zur Mitarbeit an volkskundiichen Sammlungen. Ausgearbeitet 
von Dr. Otto Jiriczek, Docent an der Universität Breslau. Als Manuscript gedruckt. Sämmtliche 
Rechte vorbehalten. Brunn 1894. Eigenthum und Verlag des Vereines «Deutsches Haus». 
Druck von Rudolf M. Rohrer. (Preis 10 kr.) 8^ VIII, 32. 

In diesem Büchlein kann demjenigen, der sich mit volkskundlichen Sammlungen beschäf- 
tigen will, der beste bisher erschienene Führer empfohlen werden, der nicht nur zeigt, was, 
sondern auch, wie gesammelt werden soll. Die Erklärungen sind in so einfacher und schlichter 
Form gehalten, dass jedermann sie mit Vergnügen und vielem Nutzen sich zu eigen machen 
wird. Es ist überflüssig auf den Inhalt näher einzugehen; denn er umfasst in seltener Voll- 
ständigkeit alles, was zur Volkskunde gehört. Für unsere eigenen Mitarbeiter seien einige Vor- 
schriften, gegen die leider nur allzuviel gesündigt wird, aus diesem ausgezeichneten Buche 
wiederholt: «Die Aufzeichnung (von Volksdichtungen), die nicht nach Dictat, sondern nach dem 
Gedächtnis erfolgt, ist schon an sich eine unvollkommene, und der Aufzeichner muss daher sich 
bemühen, allen anderen, seiner eigenen Unvollkommenheit entspringenden Fehlern auszu- 
weichen. Dahin gehört vor allem das Stilisieren der Märchen ; er suche so getreu als möglich 
Satzbau und Wortlaut des Erzählers, wenn auch in hochdeutscher Form, wiederzugeben, nicht 
aber poetisch-floskelhaft die Märchen zu stilisieren; er bringe nicht die geringsten 
Zusätze seiner eigenen Phantasie herein u. s. w. (S. 25). «Der Sammler muss 



Literatur der österreichischen Volkskunde. ige 

bei seinen Angaben genau scheiden zwischen dem einst und dem jetzt Gebräuchlichen, bei Angaben 
über Aberglauben etc. immer seine Quelle nennen (Name, Alter, Stand, Beschäftigung, 
Ort) und zu ermitteln trachten, wie weit der Aberglaube, Brauch etc. allgemein getheilt oder im 
Aussterben begriffen und auf einzelne Individuen beschränkt ist» (S. 27). Derartige goldene Lehren 
müssen auch von unseren Mitarbeitern, sofeme ihre Beiträge wissenschafUich verwertbar sein 
sollen, unbedingt beobachtet werden. 

Die wissenschaftliche Forschung ist dem Obmanne des Vereines «Deutsches Haus» in 
Brunn, unserem Mitgliede Herrn FriedrichWannieck, zu ganz besonderem Danke verpflichtet, 
dass auf seinen Wunsch und auf seine Anregung hin von einem berufenen Fachmanne das vor- 
liegende Büchlein verfasst wurde, das zwar für die Volksforschung in Mähren berechnet war, 
aber in allen Ländern mit dem größten Vortheile verwendbar ist. Dr. Wilh. Hein. 

21. Math. Violavek: Valassk« pohidky a povisti. (Wallachlsche MSrchen 
und Sag^n.) Unter den zahlreichen Volksstämmen des (echoslavischen Volkes in Mähren, nehmen 
die mährischen Wallachen, was volksthümliche Eigenart anbelangt, neben den Slovaken die erste 
Stelle ein. Dieses kleine, mit weltlichen Gütern so stiefmütterlich bedachte Hirtenvölkchen weist 
unter seinen mährischen Stammesgenossen den größten Märchenschatz auf. Die zwei ersten Bände 
der großen und sehr wertvollen Sammlung mährischer Märchen von B. M. Kulda enthalten 
durchwegs wallachische Märchen, wobei der Märchenschatz der mährischen Wallachei in dieser 
Sammlung sozusagen erschöpft wurde, sodass den späteren Sammlern nur mehr ausnahmsweise 
ein neuer Stoff aufstößt, und sie vielmehr zumeist nur mit bekannten Motiven in neuer Bearbeitung 
vorlieb nehmen müssen. Dies gilt im großen Ganzen auch von der vorliegenden Märchensammlung 
des tüchtigen Kenners der mährisch-wallachischen Volksseele, M. Vdclavek. In den 65 Stücken 
dieser Sammlung linden sich zum größten Theilc Anklänge an bekannte Materien. Wenn aber 
der Autor nicht in der Lage war, durchwegs Neues zu bieten, so ist es dennoch interessant, den 
Veränderungen, welche ein oder das andere Märchen im Laufe der Zeit — seit dem Erscheinen 
der älteren Sammlung Kulda's — im Volksmunde durchgemacht hat, nachzugehen; leider ist 
diese Änderung nicht immer zum Vortheile des Märchens ausgefallen. Es würde uns zu weit 
führen, wollten wir bei dieser Gelegenheit die Verwandtschaft der mährisch-wallachischen Märchen 
mit denen der Nachbarvölker besprechen; bei den unausweichlichen Wechselbeziehungen zwischen 
Westen und Osten, zwischen Slaventhum und Germanenthum konnte es selbstverständlich nicht 
ausbleiben, dass man auch in dem Märchenschatze dieses so abseits gelegenen Winkels von 
Mähren, ab und zu dem deutschen Volke bekannten Materien begegnet (z. B. der Schmied von 
Jüterbog). Vorzüglich ist das Erzählertalent des Autors, der — dem mährisch-wallachischen Volke 
selbst abstammend — es ausgezeichnet versteht, das vom Volke Gehörte in demselben Tone 
und mit derselben eigenthüm liehen Färbung des Stiles und dabei formvollendet wiederzugeben. 
Alles Gesagte gilt auch von den hier aufgenommenen mährisch-wallachischen Sagen, welche 
namentlich das ehrwürdige Haupt des Bergriesen Radhoscht umwehen : der zumeist bekannte Kern 
präsentiert sich hier in neuer Hülle, und in einer Form, die allen Lobes wert ist. Fraglich bleibt 
jedoch nach unserer Ansicht der wissenschaftliche Wert der, dem Büchlein beigegebenen Illustra- 
tionen, deren künstlerische Würdigung hier außer Betracht kommt. Uns scheint wenigstens die 
vom Künstler beliebte Darstellung der abgebildeten Scenen dem Geiste, der Anschauung des Volkes 
nicht immer zu entsprechen. Ein Beispiel möge diesen Ausspruch bekräftigen: Der Lindwurm 
hat in der Phantasie des slovakischen und mährisch-wallachischen Volkes keineswegs die sonst 
übliche, internationale Form einer riesigen, geflügelten Eidechse. Viele Anzeichen sprechen dafür, 
dass sich dieses Volk den Drachen (drak) in — Menschengestalt, allerdings mit mehrfachen 
unmenschlichen Attributen und namentlich mit einer Vielzahl von Köpfen vorstellt. Demgemäß 
spricht auch das in die Sammlung Vdclaveks aufgenommene Märchen «Von den drei königlichen 
Prinzen» davon, dass der Drache einen Wunderring auf einem Finger seiner Hand trug. Trotzdem 
hat der Künstler den Lindwurm in der gang und gäben Form einer geflügelten Eidechse dargestellt, 
bei der selbstverständlich von Händen keine Rede sein kann. V. Houdek. 

22. Math.Viclav6k: Moravsk« Valaisko. (Die mahrische Wallachei.) LTheil. 
Es ist in der Natur der Sache gelegen, dass die in ethnographischer Beziehung auch heute noch 
so interessante mährische Wallachei die mährischen Volksforscher in hervorragender Weise 
beschäftigt. Vor Jahren sehon hat Franz BartoS eine umfassende Studie über die mährische 



I 36 Literatur der österreichischen Volkskunde. 

Wallachei geschrieben. Seither ist eine Reihe von Artikehi über diesen Gegenstand von Math. 
Väclavek erschienen, die nun der Verfasser, zu einem Ganzen zusammengefasst, herausgibt. In 
dem bisher erschienenen I. Theile dieses breit angelegten Werkes wird insbesondere die — heute 
allerdings schon zumeist verdrängte — Volkstracht und deren hervorstechendster Bestandtheil — 
die Stickerei — ausführlich beschrieben und durch zahlreiche gelungene Bilder veranschaulicht. 
Ein weiteres, ausfuhrliches Capitel ist den, an bestimmte kirchliche Feste und Tage gebundenen 
Bräuchen gewidmet, worunter sich auch einige Volksschauspiele und zahlreiche Weihnachtslieder 
(Koledy) befinden, welche bei diesem Hirtenvolkc recht eigentlich zuhause sind. Nicht minder 
zahlreich und durch ihre naive Unmittelbarkeit, treuherzigen Frohsinn und natürlichen Witz an- 
ziehend, sind die wallachischen Schnitterlieder. Die Lebensweise dieses Hirtenvolkes brachte es 
mit sich, dass es sich <lie mannigfachen Naturerscheinungen auf seine eigene Art zu erklären 
versucht und dass seine Phantasie eine Reihe von mythologischen Wesen ersonnen hat. Hiemit 
Hand in Hand geht der auch heute noch festgewurzelte Aberglaube. Während die Weiber in der 
mährischen Wallachei wahre Wunderdoctoren sind, versteht der mährische Wallache sogar die 
Kunst, durch Zauberformeln den Dieb festzubannen und die Wolken, Hagel und Gewitter von 
seinen Feldern abzuleiten. Fest überzeugt ist der Wallache von den unermesslichen Schätzen, die 
im Schöße der Mutter Erde verborgen liegen, und die er durch mannigfachen Zauber (Zauber- 
spiegel, Wünschelruthen), durch haarsträubende Formeln und langathmige, mit verunstalteten latei- 
nischen, griechischen und hebräischen Worten durchsetzte Gebete zu heben trachtet; er ist dabei 
bescheiden, denn er will ganz und gar nicht reich werden, er wünscht nur seine Armut zu 
bannen. Leider waren alle seine bisherigen Versuche erfolglos — wie die zahlreichen Schatz- 
gräbersagen der mährischen Wallachei beweisen. Zu den hier erwähnten Seiten des Volkslebens 
des mährischen Wallachen liefert nun das vorliegende Werk viel schätzenswertes Material. 

V. Houdck. 

23. I. Jahresbericht des Museal-Vereines für Enns u. Umgebung. 1892— 1893. 
Wien 1895. In Enns und Lorch, mit ihrer wechselvollen Ortsgeschichte, die über die Römer- 
zeit hinaus bis in praehistorische Zeitläuften reicht, hat sich seit einigen Jahren ein eifriger Forscher- 
kreis zusaromengethan, der den dort allenthalben hervortretenden geschichtlichen Spuren nachzu- 
gehen, die historischen Reste zu sammeln, zu erhalten und in einem Museum zu vereinigen 
sich bemüht. Außerdem erweitert das Statut die Vereinsaufgaben neben der Sammlung von 
Objecten, welche vom allgemeinen culturhistorischen oder localgeschichtlichen Interesse sind, auf 
die Erhaltung und stilgemäße Wiederherstellung künstlerisch interessanter Baulichkeiten in Enns, 
sowie im Allgemeinen auf die Pflege und Förderung culturhistorischer Studien. Dank dem frei- 
gebigen Schutze des Vereinsprotectors, Sr. Erlaucht des Landgrafen Vincenz Fürstenberg, 
hat der junge Verein seine Aufgaben bereits kräftig und erfolgreich angegrilTen. Ein sehr ansehn- 
liches Alterthumsmuseum in einem Meierhof des Landgrafen Vincenz Fürstenberg trefflich 
untergebracht, ist bereits eingerichtet; Ausgrabungen nach römischen Überresten werden auf ver- 
schiedenen Punkten systematisch vorgenommen, und in vorliegendem mit zahlreichen vorzüglichen 
Abbildungen der Fundgegenstände ausgestatteten Jahresbericht, den eine Abhandlung des Protectors 
Landgrafen V. Fürstenberg ziert, ist das Ergebnis der bisherigen Vereinsthätigkeit höchst an- 
schaulich zusammengefasst. Wir wünschen dem jungen Verein, er möge sich kräftig wie bisher 
weiterentwickeln und gedeihen. Möchten sich nur an recht vielen Punkten unseres geschichtsreichen 
Vaterlandes so eifrige Localgemeindcn verständnisvoller Forscher finden, welche d«r Geschichte 
wie dem Volksthum ihrer engeren Heimatscholle so treue Aufmerksamkeit zuwenden, wie dies 
der Ennser Musealverein in so dankenswerter Weise anstrebt. Dr. M. Haberlandt. 

24. Nörodne pripovedke V Soskih planinah. (Volksmärchen aus den Isonzo- 
alpen.) Gorica 1894. 

Der Herausgeber der cSlovanska knji2nica» in Görz, Andr. Gabr§^ek, veröffentlichte im 
25. und 29. Hefte seiner «Slavischen Bibliothek» einige slovenische Märchen aus den Isonzoalpen. 
In dieser Besprechung sollen sie den Märchen forschem zugänglich gemacht werden. 

Heft I, Nr. i. «Der hl. Papst Gregor». Vgl. die Bemerkungen R. Köhlers zum 
Märchen aus der Bretagne «Le pape Innocent», Melusine, 1878, I, S. 384 ff. 

N. 2. «Lucifer thut Buße». Ein Mädchen schmückte mit Blumen den Gekreuzigten, 
sein huldiger Blick war ihr Dank. Einmal schenkte sie den Blumenstrauß nicht dem Gekreuzigten, 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 187 

sondern einem hinkenden «Herrn», durch dessen Worte sie sich bethören ließ. Von nun an 
blickte sie der Gekreuzigte nicht mehr an. Der Bruder des unglücklichen Mädchens sucht nun 
in der Welt den Blumenstrauß des hinkenden «Herrn». Er kommt endlich in die Hölle, dient 
dem Lucifer, und bittet zum Lohn den Blumenstrauß sich aus. Lucifer, durch den großen Glaubens- 
eifer des Burschen gerührt, will nun Buße thun. Der Bursche legt ihm eine ähnliche Buße auf, 
wie sie der reuige Räuber (Der Räuber Matthes : Meier, Deutsche Volks-Märchen aus. Schwaben, 
S. 57 ff., Madej in den poln. Versionen u. a.) thut: in dem Boden stecken zwei Schwerter, in 
einem Baumstumpf höher wieder zwei, auf den untern soll Lucifer knien, auf die zwei höheren 
mit den Ellbogen sich stützen. Nach vielen Jahren kam er wieder (aber nicht als Priester), fand 
den Lucifer ganz mit Moos bewachsen in dieser Stellung knieend, und wie er ihn aufstehen heißt, 
fliegt eine weiße Taube gen Himmel. Seit dieser Zeit sind die Teufel ohne Oberhaupt. 

Nr. 3. «Marie, warst du in der Kammer?» Stimmt vollständig überein mit Grimm 
K. H. M. Nr. 3. Vgl. Cosquin Contes popul. de la I^rraine, II, S. 60 ff. 

Nr. 4. «Die drei Krähen»: als Krähen verfolgten die Zauberin und der Zauberer ihre 
mit dem gefangenen Prinzen entflohene Tochter. Vgl. R. Strohal Hrvat. narod. pripovied, Nr. 10. 

Nr. 5. «Die goldhaarigen Drillinge». Vgl. Archiv f. slav. Philologie V, S. 61 ff. 
R. Strohal, Nr. 3. Sapkarev Big. nar. prikaski, S. 137 ff., Sbornik za nar. umotvorenija X, 
Abth. 3, S. 162 ff. Mite Kremnitz, Rum. Märchen, Nr. 3. Em. Legrand, Contes pop. 
grecs, S. 77 ff. 

Nr. 6. Die Geschichte von den drei Rathschlägen. Hier ertheilt sie dem Manne, der 
seine Frau bereits den zweiten Tag verlassen, der Teufel als Dank dafür, dass er bei ihm 25 Jahre 
lang eifrig gedient hat. Vgl. Fr. Krauss' Sagen und Märchen der Südslav. I, Nr. 68 und hiezu 
Archiv f. slav. Phil. VII, S. 317. Ul. Jahn, Volksmärchen aus Pommern und Rügen I, 222. 
Kolberg Lud. VIII, S. 105; Ortoli Contes pop. de la Corse, S. 121 ff. 

Nr. 7. Seinen drei Söhnen hinterließ ein armer Vater eine Sense, einen Dreschflegel und 
eine Katze; durch deren Verkauf in Ländern, wo Sense, Dreschflegel und Katzen unbekannt waren, 
wurden sie reich. Vgl. Gonzenbach II, Nr. 76, Melusine I, S. 153 ff., Revue des Trad. pop. IX. 
S. 278. Vuk Stef. Karadzi<^ Srp. nar. prip. Nr. 7. Strohal Nr. 57. Zbi6r wiad. do antrop. 
kraj. XV, 3. Abth., S. 33. Kartowicz Podania lit. Nr. 45. Mani^ura Skazki, poslovicy etc. 
S. 65. Sbornik za nar. umotvor. VII, 3. Abth., S. 135, Nr. ii. 

Nr. 8. Der Gehängte vom Betrunkenen zum Abendbrot geladen. Gerettet wird der 
übermüthige Mann nur dadurch, dass er immer zu Ehren des hl. Johann trank. Vgl. Bartsch* 
Sagen, Märchen aus Mecklenburg I, S. 94 ff. Zbiör wiadom. V, 3. Abth., S. 199, Nr. 7. 

Nr. 9. Die Stieftochter im Walde verlassen, die von ihr gefütterten Thiere beschützen 
sie vor dem Teufel und verhelfen ihr zu reichen Schätzen; ihre böse Stiefschwester kommt im 
Walde um. Vgl. Vuk Stef. KaradXiö Srpske nar. pripov. Nr. 36, Mite Kremnitz S. 228 ff., 
Dob§insk^ Slovensk6 povesti, Heft 6, S. 9 ff. u. a. m. 

Nr. 10. Die Legende von Disraas. Eine gleiche steirische Version in der Zeitschrift 
Kres IV (1884), S. 298. Vgl. Kolberg Lud. VII, S. 17. 

Heft II, Nr. i. «Die Waise». Die Stieftochter und ihre Kuh. Vgl. Strohal Nr. 73, 
Krauss II, Nr. 130; Sapkarev Nr. 30, Kartowicz Nr. 12, Weryho Podania biatoruskie Nr. 15, 
Romanov B^loruskij Sbornik III, Nr. 59, S. 292 ff., Cosquin Nr. 24. 

Nr. 2. Stimmt vollständig zu Schneller Märchen und Sagen aus Wälschtirol Nr. 32 
besonders zu dessen Variation S. 187. Vgl. Kres V, S. 146 f., Karlowicz S. 7, Zbiör wiadom. 
do antrop. kraj. XVI, 2. Abth., S. 42, Ausland ii856, S. 474. 

Nr. 3. «Di» zwei Brüder» gehört im Ganzen zum weitverbreiteten Märchen von «Recht 
und Unrecht», welches neuestens D. Matov in der bulgar. Zeitschrift «Knizica za proät» besprochen 
hat. In d«r slovenischen Version entscheidet der Teufel, wo die zwei Brüder sich in ihr väter- 
liches Erbe theilen sollen, in der Kirche oder außerhalb der Kirche ; von der Blendung des braven 
Bruders wird hier auch nichts erzählt. Außer den von D. Matov erwähnten slav. Versionen, 
vgl. noch Sprawozdania komisyi j^zykowej V, S. 88, Kartowicz Nr. 16, 79, Manzura S. 73 f., 
Chelchowski Powie^ i opawiadania z ok. Przasnysza I, S. 194 ff. 

Nr. 4. Ein Bursche erwirbt sich mittelst einer Zauberkerze (anstatt der Wünschelruthe 
oder des Zauberringes) eine Grafentochter zur Frau; der Zauberer entlockt der Frau die Zauber- 
kerze und versetzt das Schloss sammt Frau auf das andere Ufer des Meeres. Mit Hilfe dreier 



l38 Literatur der österreichischen Volkskunde. 

Waldnixen und eines Riesenkraft verleihenden Zauberringes überwindet der Mann den Zauberer 
und gelangt wieder in den Besitz seiner Frau und ihres Schlosses. 

Nr. 5. Das verwünschte Schloss und der Bär. Vgl. Krauss' Sagen und Märchen der 
Südslaven I, Nr. 66, hiezu Archiv f. slav. Philol. VII, 317. Kres V (1885), S. 351 ff., Dol^insky 
Slovensk^ pov. Heft 5, S. 12 ff., Kolberg Lud. VIII, S. 47 ff., KaiJowicz Nr. 56, Toeppen 
Aberglauben aus Masuren S. 142 ff., Nr. 4. 

Nr. 6. Der Tölpel : Die Leinwand verkauft dem Gekreuzigten. Vgl. Cosquin II, Nr. 58, 
Fr. Krauss I, Nr. 53, Sapkarev S. 76 ff., Dob§insk^ Heft 7, S. 11 ff., Kolberg VIII, S. 198, 
201; XIV, S. 291, Ciszewski Krakowiacy Nr. 151. Zbiör wiadom. do antrop. XVI, 2. Abth., 
S. 56, 85. — Milch verkauft den Fliegen, der Tölpel auf Freiersfüßen: vgl. Grimm K. H. M. 
Nr. 32. Kres V, S. 404, Dobänsk^, Heft 7, S. 12 ff., Kolberg VIII, S. 197; XIV, S. 302, 
Ciszewski Nr. 147, Romanov III, S. 422, Athanasjev Russkija nar. skazki II, S. 19. — Sägt 
den Zweig ab, auf dem er sitzt: vgl. Jahrbuch f. rom. u. engl. Liter., N. F. HI, S. 400. Revue 
des Traditions popol. IX, S. 338. — Glaubt, dass er gestörten ist. Vgl. Revue des Tradit. 
pop. IX, S. 338. Cubinskij II, Nr. 31. Sbomik svSdSnij dlja izu&nija byta krestjanskago nase- 
lenija Rossiji, Heft H, S. 204 f. 

Nr. 7. Für Almosen bekommt der Bursche vom Herrgott: i. eine Fiedel, nach der alles 
tanzen muss; 2. eine Flinte, die alles triffl; 3. einen Faden, der alles festhält; 4. einen eisernen 
Stuhl, auf welchem alles kleben bleibt. Der Jude im Dom. Der Tod und nach andern sieben 
Jahren der Teufel gefangen. Setzt sich im Himmel auf das Seine. Vgl. R. Köhler Aufsätze 
S. 58 ff., Veselovskij Razyskanija. V. Heft, S. 154 ff. 

Nr. 8. «Der Müller, sein Sohn und der König.» Der König legt dem sorglosen Müller 
Räthsel auf, der Koch löst sie. Der Herausgeber vergleicht die 4. Novelle bei Fr. Sacchetti. 
Vgl. Ul. Jahn Volksmärchen aus Pommern und Rügen I, Nr. 27, Revue des Tradit. popol. IX, 
S. 282, Nr. 40, Fr. Krauss' Sagen und Märchen der Südslaven H, Nr. 112. 

Nr. 9. Gehört zu dem Cydus (die Eltern opfern ihr eigenes Kind, um einen alten 
kranken Gast (Gott), ihren Wohlthäter, gesund zu machen), den M. Dragomanov im Sbomik za 
narodni umotvorenija I, S. 65 ff. und neuerdings J. Mächal O bohat^k^m epose slovansk^m I, 
S. 91 ff. besprochen hat. Eine bulg. Version findet man noch im Sbomik za nar. umotvor. 
Heft VII, 3. Abth., S. 165. 

Prag. Dr. G. Pollvka. 

26. Literarisches Jahrbuch. Central-Organ für die wissenschaftlichen, literarischen 
und künstlerischen Interessen Westböhmens. Begründet und herausgegeben von Alois John 
IV. Band 1894. V. Band 1895. Eger. Im Selbstverlage des Herausgebers. 

Das Literarische Jahrbuch hat sich in den wenigen Jahren seines Bestandes eine an- 
gesehene Stellung errungen und ist für jeden, der sich in irgend einer Hinsicht mit dem Eger- 
ländchen beschäftigt, unentbehrlich geworden. Sehr erfreulich ist es, dass der Herausgeber, ein 
begeisterter Verehrer seiner engeren Heimat, der Volkskunde einen guten Theil des Raumes 
gewidmet hat. Im vierten Bande finden wir eine programmäßige Abhandlung von Dr. Heinrich 
P u d o r : «Volksthümliche Kunst», die sich mit der Frage beschäftigt, auf welchem Wege eine volks- 
thümliche Kunst anzustreben wäre, und diese Frage für Baukunst, Plastik, Malerei, Dichtkunst und 
Musik erörtert. Eine außerordentlich lesenswerte Studie bringt Alois John: «Das Egerland 
und seine Dialektdichtung», auf die ganz besonders aufmerksam gemacht sei, weil sie auf Grund 
der Dichtungen von Graf Clemens Zedtwitz, Dr. Lorenz, Dümml, Dr. Urban und Hoffmann und 
anschließend an die Schilderungen von John und Adam Wolf ein hübsches Bild vom egerländischen 
Volke entrollt. Das HÖritzer Passionsspiel beschreibt Joh. Peter: «Im Oberammergau des 
Böhmerwaldes» . 

Aus dem fünften Bande seien nur erwähnt die Arbeiten von Anton Aug. Naaff: 
«Die Heimat Walther's von der Vogelweide», die nach Dr. Hermann Hallwich*s neuesten 
Entdeckungen am Fuße des Erzgebirges in Deutschböhmen gelegen ist, und von Alois John: 
«Ideen zu einem Egerländer Volksschauspiel», das sich der Verfasser als ein großartig angelegtes 
Historiengemälde denkt, welches ein volles Bild der geschichtlichen und culturhistorischen 
Entwicklung des Egerlandes in einzelnen Scenenbildem geben sollte. 

Wertvolle Beiträge enthält der Abschnitt «Kritische Rundschau» in beiden Bänden. 

Dr. Wilhelm Hein. 



Vereinsnachrichten. 



189 



26. Aus d«r Haimat. Eine Sammlung deutscher Volkslieder aus dem ostfränkischen 
Sprachgebiete der osterr. Ph^yinx Böhmen ab Beitrag sur Culturgeschichte Deutschbohmens, yon 
Or. M. Urban in Plan. Plan, 1894. Druck von Schwaab Sc Müller, Falkenau a. £. 8^ 292. 

Der bekannte Volkslieder-Sammler Dr. M. Urban hat im vorliegenden Buche einen 
habschen Kranx von echten Egerländer-Liedem geboten, die eine so frische Urwüchsigkeit athmen 
und sich in solcher Ungebundenheit und Keckheit bewegen, dass kein Kunstdichter im Stande wäre, 
sie auch nur halbwegs nachzuahmen. Sie bieten in der getreuen Aufzeichnung nach Inhalt und 
Sprache (für die Schreibweise ist jene des Archivars Heinrich G r a d 1 in Elger als Muster 
genommen) ein schätzbares Studienmaterial nach verschiedenen Richtungen : Der Dialektforscher 
wird manches finden, was ihm von Wert ist, obwohl Herr Dr. Urban leider keine Wort- 
erklärungen gibt ; dem Culturhistoriker sind Einblicke in das innerste Leben und Weben des 
Volkes gestattet, und in den reizenden Kinderliedern hausen längst vergessene Gestalten aus einer 
alten, uralten Zeit. 

142 Volkslieder verschiedener Art, 13 Ansinglieder, 100 Kinderlieder und 587 Vierzeiler 
bilden den reichen Inhalt der vorliegenden Sammlung, deren I^ctüre dem Leser genussreiche 
Stunden verschafft. Dr. Wilhelm Hein. 



V. Vereinsnachrichten. 



I. Chronik. 

1. Vierte Ausschustitzung am 21. Juni 1806. 

Vorsitzender: Der Herr Präsident Dr. P. Frh. Gautsch von Frankenthurn. 

Anwesende: J. Botstiber, Fr. Gf. Corooini-Cronberg, Dr. S. Fessler, Fr. X. Grössl, 
Dr. M. Habcrlandt, Dr. W. Hein, J. AI. Frh. v. Helfert, Dr. M. Hocmes, Hofrath Dr. V. Jagic. 
Dr. K. Masner, Dr. R. Sieger, Hofrath Dr. H. R. v. Zeißberg. 

Ihre Abwesenheit hatten entschuldigt die Herren Hofrath Dr. W. R. v. Hartel, Chor- 
herr J. Schindler. 

1. Das Finanzcomit^ berichtet über die unten ausgewiesenen freundlichen Spenden 
zur Förderung der Vereinszwecke und erstattet Vorschläge zur Unterbreitung einiger Sub- 
ventionsgesuche. 

2. Die Einladung zum Beitritt in den Verein ist an sämmtliche in Österreich 
erscheinenden Tages- und Wochenblätter, an sämmtliche Bezirkshauptmannschaften, an alle Volks- 
und Bürgerschulen in Wien, sowie an sämmtliche österreichische Mittelschulen versendet worden. 
Eine große Zahl der Blätter hat von dem Aufruf freundliche Notiz genommen, wofür der beste 
Dank des Vereins ausgesprochen wird. An die Herren Bezirkshauptmänner, sowie an die ver- 
ehrlichen Lehrkörper der eingeladenen Schulen ergeht die neuerliche Bitte, dem Vereine ihre Theil- 
nahme und ihre Mitwirkung nicht versagen zu wollen. 

3. Über Antrag des Schriftführers beschließt der Ausschuss, in dem bis Ende September 

von der Direction des k. k. österr. Museums lür Kunst und Industrie dem Verein zur Verfügung 

gestellten Saale VI dieses Museums eine Aufstellung der bisherigen Erwerbungen 

(siehe Ausweise in Rubrik: Erwerbungen Heft 1—6) leih- und geschenkweiser Art, sowie der 

bisherigen Ankäufe vornehmen zu lassen. Es wird dadurch in erster Reihe den Mitgliedern 

Gelegenheit geboten, die musealen Bestrebungen des Vereins zu würdigen und seine Sammelziele 

näher kennen zu lernen; es soll aber auch damit die Aufmerksamkeit eines größeren Publicums 

auf die Wirksamkeit des Vereins gelenkt und sein Interesse für die öst. Volkskunde erweckt und 

gesteigert werden. 

2. Spenden. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit, der durchlauchtigste Herr Erzherzog Ludwig 
Victor, unser hoher Protect or, hat als Jahresbeitrag für 1895 fünfzig Gulden zu spenden geruht. 

Nachstehend benannte Herren haben aus Anlass ihres Beitritts zum Verein namhafte 
Summen zur Förderung der Vereinszwecke zu widmen die Güte gehabt: Herr Leopold Sachs 
100 fl., Herr Benedikt Langbank 100 fl., Herr Bernhard Pol lack 50 fl., Herr Leopold 
Po 1 1 a c k 50 fl., Herr Sigmund Mendel 25 fl., Herr Josef Jerusalem 25 fl., Herr 



igo 



Vereinsnachrichten. 



Julius Fache rnegg 25 fl., Herr Adolf Neumann 20 fl, Herr Armin Sachs 15 fl. 
Herr Johann Presl hat zur Inangriffnahme der Sammlungen für ein volkskundliches Museum 
für die Jahre 1895 ^^^ 1896 je fünfzig Gulden gewidmet. 

Zum selben Zwecke spendete Fräulein Marie Eysn in Salzburg 5 ü, 

3. Mitgliederzahl. 

Bei Schluss dieses Heftes (20. Juni) betrug die Zahl der Mitglieder 809. 

IL Erwerbungen: 

I. Sammlung: 
An der Spitze dieses Ausweises, der ein ebenso überraschendes als erfreuliches Anwachsen 
der volkskundlichen Sammlung des Vereins zur öffentlichen Kenntnis bringt, theilen wir mit, 
dass unser Mitglied, Herr Photograph und Hausbesitzer AdolfNunwarz in Urfahr dem 
Verein eine sehr wertvolle Sammlung volkskundlicher Gegenstände aus Oberösterreich, darunter 
eine vollständige Bauernstubeneinrichtung als Geschenk übergeben hat. Das Verzeichnis dieser 
Sammlung folgt unten. Es sei gestattet an dieser Stelle dem edelsinnigen Geschenkgeber den 
wärmsten Dank des Vereins zum Ausdruck zu bringen und die Hoffnung daranzuknüpfen, dass sein 
schönes Beispiel unter den zahlreichen Freunden der heimischen Volkskunde Nachfolge wecken möge ! 



I. Sammlung: 
Die Nummern 119 — 211 sind Geschenke des Herrn Photographen A. Nunwarz in Urfahr. 

119. Krippenfigur aus Steiermark. 

120. Weihbrunnkessel, Wels. 

121 — 123. Drei bemalte Gläser, aus Galschbach bei Wels. 

124. Pfeife, Tirol. 
125 — 126. Zwei Godenschalen, bemalt. Grieskirchen. 

127. Methflasche, Oberösterreich. 

128. Schüssel, bemalt. Oberösterreich. 

129. Haube, Tirol. 

130. Bauchranzen, mit Pfaufederkielen gestickt, Oberösterreich. 

131. Lederbeutel, gestickt, aus Wels. 

132. Bauemzither aus Ottensheim bei Linz. 

133. Doppelbett, bemalt, von Neuhofen a. Kr. 

134. Kasten, bemalt, aus St. Valentin. 

137. Sessel, bemalt, aus Steyr. 

138. Brautschaff, bemalt, aus St. Valentin. 

139. Kuchenmodel, aus Steyr. 

140 — 142. Drei Gürtel, aus Haag und Brambachkirchen. 

143. Löffelgestell, Neuhofen. 

144. Schüsselgestell, Oberösterreich. 
145 — 146. Drei Bettüberzüge, Oberösterreich. 

147. Wäschbrett, Grieskirchen. 

148. Haubenstock, Weißkirchen. 

149. Bauernwanduhr, Gmunden. 

150 — 155. Sechs Gürtel, gestickt, Salzburg. 
156 — 157. Zwei Feuerhunde, Oberösterreich. 

158. Laterne, Efferding. 

159. Manger, Mistelbach bei Wels. 

160. Bauerntruhe, bemalt, 1685, Oberösterreich. 

161. Korb mit Lederstickerei verziert, Oberösterreich. 

162. Schüsselgestell, Oberösterreich. 
163 — 164. Zwei Mostkrüge, Oberösterreich. 

165. Kinderkrügelchen. 
166 — 176. Elf Halsketten mit Filigranschließe, aus Silber, Oberösterreich. 
177 — 186. Zehn Schließen aus Silberfiligran, Oberösterreich. 



VcrrinsDackiichtcii. I g I 

1S7. Uhrkettc aas Silier, OlierösterTckh. 

|8Ä> Achtundaurhliig Bauernknöpfe in verschiedener ArlMrii. Oberüsterrekh. 
I^9 — 202. Rin^ aus Silber, x. Theil mit Steinen, Ol>erosiefTeich. 

203- Zwei paar Ohrringe, Oberösteneich. 

204. Zehn Haatiennadcln Oberö>t erreich. 

20$. I>rei Haarnadeln ans Sill»ertilij:Tan, Oberösteneich. 
206 — 207. Zwei GU^nlder. t)l>crös4cTTeich. 

20it. Dose für Ro^enkranx, ge>chnit2t, OlierTwtenreich. 

2CK). Zwei Schlüssel aus Sill»ertiligTan. 

210. Anhängsel aus Sill*er. 

211. Gcbeibachschließe aus Silber. 



Seine Erlaucht, Herr I-antlgraf V i n c c n x Fürstenberg in Enns hatte die Güte 
nachfolgende Stücke Nr. 212— 217 xu spenden und eine große Zahl von volkslhümlichen Objccten 
dem Verein leihweise xur Verlügung xu stellen : 

212. Linxcr Goldhaube. 

213. Kinderhäubchen aus Seide, Enns. 

214. Paar Kinderschuhe, Enns. 

215. — 216. Zwei Bosentüchlein, gt>ldgestickt, Enns. 

217. Bauemsegen, Holxschnitt auf Papier. 

Der Grotibauer Leopold Krahwinkler in Lustenau bei Linx spendete Nr. 218 — 22O. 

218. Krug aus Steingut. 

219. Crudtix mit Jesus Christus. 

220. Ablass-Crucifix. 

221. Weihbrunnkesscl. 

222. Schüssel mit Triquetrum. 

223. Schüssel mit Kreuz. 

224. Haspel. 

225. Hochzeitsbuschen. 

226. Schnapsflasche. 

227 — 229. Drei Stöcke der Masuren. Geschenk von Herrn Leo Dolkowski. 

230. Schmerzhafter Rosenkranz aus Tirol. Geschenk der Frau Caroline Malovich. 
221. Gebetbuch, geschrieben. Geschenk des Frl. Cäcilie Hock. 

232. Geldbeutel aus Leder, von Iglau. Geschenk des Herrn Ludwig H. Fischer. 

233. Johannesbild, mit Seide unterlegt, in altem Spiegelrahmen. Geschenk des Herrn Custos 
G e r i s c h. (Fortsetzung folgt.) 

m. Verkehr: 

I. Nach Außen. 

1. Zur Eröffnung der Landes-Museen in Linz und Graz sandte das Präsidium 
namens des Vereins telegraphische Glückwünsche. 

2. Der Verein für niederösterreichische Landeskunde sendet ein freundliches Bcwill- 
komnungsschreiben und ersucht um Schriftentausch. 

3. Dasselbe Ansuchen stellen der Verein für Volkskunde in Leml>crg (Lud), die Re- 
daction der «Ethnologischen Mittheilungen aus Ungarn», der Oberhessischc Geschichtsverein, der 
Alterthumsverein in Wien, der Verein für Landeskunde von Niederösterreich. 

4. Die Leitung der dechisch-ethnographischenAusstellung in Prag ladet mittelst freundlicher 
Zuschrift zur Besichtigung der Ausstellung ein und übersendet zwei Prospecte derselben. 

b) Sprechsaal. 
2. Antworten. 
Anspucken des Geldes. Herr Dr. A. I lg, Wien: Das Anspucken ist ohne Zweifel 
ein Avirunkisches, somit ein Mittel zur Abwehr des Bösen und übler Folgen. Bekannt ist der Aber- 
glaube, dass Schweinen begegnen ein Unglück bedeute. Um es zu verhüten, muss man sofort 



JQ2 Vereinsnachrichten. 

dreimal ausspucken. Diesen Aberglauben, der im Fichtelgebirge in Mittelfranken einheimisch ist, 
vernahm ich schon in meiner Universitätszeit. Übrigens wissen wir schon von den classischen 
Alten, dass das Spucken die Absicht, eine böse Vorbedeutung abzuwenden, hatte. Aus Lucan 
und der Anthologie geht hervor, dass man zu diesem Behufe in den Busen, d. h. in das Gefalte 
auf der Brust, spie, ii röv xöXtiov oder {mö x6Xno¥ nxvtiv^ bei Plinius in sinum spuere. Ich 
kannte eine alte Frau, welche bei Erwähnung ihr verhasster Personen stets ausspuckte. Man wird 
mir einwenden, das sei etwas anderes ; dieses Ausspeien bei Nennung unbeliebter >Ienschen drücke 
nur den Hass und die Verachtung aus, aber es ist doch in tieferem Grunde dasselbe, obwohl das 
Ausspucken als Zeichen der Missachtung schon bei Sophokles vorkommt und selbst der Heiland 
von dem, der lau, nicht kalt und nicht warm ist, sagt: «Ich werde dich au^speien aus meinem 
Munde!» Ursprünglich spie man vor dem Gehassten und Gefürchteten aus, um sich vor seinem 
schädlichen Einfluss zu schützen, da man die gefahrliche Unreinigkeit, welche mit seiner Nennung 
zusammenhängt, nicht bei sich behalten wollte. Vielleicht ist aber auch die Idee einer Art Libation 
an die schädlichen Dämonen, die dabei Unheil stiften könnten, eine Gattung Opfergebrauch, damit 
verbunden. Später dann wurde die Sitte, oder Unsitte vielmehr, zum bloßen Ausdruck des Hasses ; 
aber die alte Ursache liegt doch zu Grunde! Man hasst nur, weil man fürchtet, und diese Furcht 
wollte das Heidenthum durch das Spucken unschädlich machen. 

Die Pestärzte des 17. und 18. Jahrhunderts geben die Vorschrift, dass man in Kranken- 
stuben fleißig ausspucken solle, eine Maßregel, welche allerdings vom praktisch -medicinischen 
Gesichtspunkt vollkommen begründet scheinen dürfte; sie stimmt aber doch zugleich mit dem sog. 
Aberglauben sehr gut überein, wie denn in dem sog. Aberglauben überhaupt viel unbewusste 
Wahrheit ruht. Es ist in dem Falle die gewaltige Kraft der Suggestion, welche uns schadet, 
wenn wir bei dem Gedanken an das Gefährliche den Speichel bei uns behalten oder gar hinab- 
schlingen ; uns aber von dem drohenden Unheil befreit, wenn wir denselben von uns werfen, d. h. 
im Sinne des Heidenthums den bösen Mächten preisgeben, opfern. Wenn man also ein zuerst 
verdientes Geldstück anspeien solle, so geschieht das, um die eventuell mit seinem Besitz verbunden 
sein könnenden üblen Folgen abzuwehren. Ich habe in Wien auch den entgegengesetzten, aber 
ebenso erklärlichen Aberglauben vernommen, dass man ein eingenommenes Geld anlachen müsse, 
damit es — umgekehrt — Glück bringe. 

Herr Lehrer J, R. Bunker, Ödenburg: Das Anspucken des erstverein- 
nahmten Geldes betreffend, theile ich mit, dass mir aus meiner Jugend in lebhafter Erinnerung 
ist, wie wir als Knaben beim Fischen im Millstätter See (Kärnten) den frisch «aufgeköderten» 
Regenwurm anspuckten, bevor wir die Angel ins Wasser warfen. Wir waren dann der festen 
Zuversicht, dass der anbeißende Fisch den Wurm nicht von der Angel ziehen könne, da der 
Wurm, wie wir meinten, durch das Anspucken an die Angel gebannt worden war. Der 
Brauch wurde und wird wahrscheinlich auch jetzt noch auch von alten Fischern geübt. Die beiden 
in Rede stehenden Gebräuche sind ihrem Wesen nach jedenfalls mit einander verwandt. Hier 
soll der Köder an die Angel, dort wohl das Geld an den Eigenthümer gebannt werden. 

Todtenbretter. Herr Jos. Frh. v. H e 1 f e r t : Todtenbretter kommen, wie ich auf einer 
vor vielen Jahren durch den Böhmerwald unternommenen Fußtour wahrgenommen, in der Gegend von 
Eisenstein vor, sie liegen hart am Fußpfad, ragen wohl auch mit einem Ende in diesen hinein. 
Herr Hans Schreiber, der sich in seinem interessanten Aufsatze über volksthümliche Pflanzennamen 
(II., S. 36 — 43) als einen fleißigen Besucher des Böhmerwaldes kundgibt, möge doch dieser 
Sache nachgehen ! Es handelt sich aber dabei nicht bloß um die Gestalt und die Inschriften dieser 
Bretter, sondern auch um ihre Genesis, ihren Rechtstitel. Wer kann solche Todtenbretter legen 
und wo darf er es? Vielleicht nur als Eigenthümer auf seinem eigenen Grunde? Oder können 
Angehörige irgend eines Verstorbenen, vielleicht Pfarrlinge für ihren beliebten Seelsorger, ihren 
verdienten Schullehrer etc. nach eigenem Ermessen Todtenbretter anfertigen lassen und an öfTent- 
lichen Wegen hinlegen? Wie lang, wie viel Wochen oder Jahre dürfen solche Bretter liegen 
bleiben? Und was andere dergleichen Fragen mehr sind. 



Schluss der Redaction: 20. Juni. 



Druck von Gebrüder Sdepel in ReichenbeiY. 



193 



I. Abhandlungen. 

Die Bevölkerung am „Zähori" in Mähren. 

Von P. Franz Pfikryl in Sob&hleb. 
(Mit 2 Abbildungen und i Karte.) 

Das Gebiet, welches unter dem Namen «Zähon» bekannt ist, ver- 
dankt diese Benennung dem Kranze von Wäldern, welche seine Ortschaften 
von den umliegenden Städten Prerau, Bistritz am Hostein, Wallachisch- 
Meseritsch, Weißkirchen und Leipnik abschlössen (eine bewaldete Anhöhe 
heißt «hora» ; hinter dem Walde «za horou», eine Landschaft hinter dem 
Walde «Zähon»), Begrenzt wird es von den Thalem der Beczw^a und des 
BistKdkabaches und von der sogenannten «Städtebahn» in der Strecke 
von Bistritz am Hostein bis Wallachisch-Meseritsch. Im engeren Sinne 
geht die ethnographische Grenze über folgende Orte: Walschowitz, Par- 
schow^tz, Malhotitz, Ober-Tgschitz, Unter-TSschitz, Kladerub, Komarowitz, 
Pohlitz, Kunowitz, Komamo, Osi^ko, Pfikas, Loukow, Bistritz am Hostein, 
Rychlow, Kftoniil, Lipowa, Dfewohostitz, Nahoschowitz, Hradschan, 
Schischma, Kladnik und Lhotta; in ihrer Mitte liegt SobSchleb. Die 
Zähoraken vermitteln den Übergang von den Hannaken zu den Wallachen, 
bilden aber für sich eine ethnographische Einheit, die sich insbesondere 
dadurch kennzeichnet, dass die Heiraten innerhalb der Stammverwandten 
erfolgen. Als stammverwandt fühlen sich eben nur die Insassen der 
zähorakischen Gemeinden. Selten kommt eine Braut aus der Hanna, 
noch seltener aus der Wallachei. Ihre Sprache weicht sowohl von 
der hannakischen, als auch von der wallachischen ab, indem die Flexion 
und Conjugation statt des i ein ^, welches aber fast wie das i klingt, und 
statt des Doppellautes ou ein 6 zeigen. Um Keltsch herum macht sich 
wallachischer und um Domazelitz hannakischer Einfluss fühlbar, während 
die Mundart von SobSchleb imd Umgebung der Schriftsprache am nächsten 
steht. Bis vor Kurzem wurde die Benennung Zdhorak in den umliegenden 
Städten und Dörfern außerhalb der obgenannten Grenze als Spottname 
gebraucht. Die Zähoraken führten ein von der Außenwelt ganz abge- 
schlossenes Leben, da erst seit allerletzter Zeit Straßenverbindungen nach 
allen Richtungen angelegt werden. Die Tracht der Männer besteht aus 
einem Filzhut mit roth-schwarz-rothem Bande, das bei Verheirateten durch 
ein schwarzes ersetzt wird, einer ärmellosen Jacke «frydka» aus dunkel- 
blauem Tuch, vcMTie an den Täschchen und an den Enden mit rother, 
grüner und gelber Seide in geometrischen oder Pflanzenmotiven ausgestickt 
und mit einer Reihe von kleinen Kugelknöpfen zum Schließen versehen, 
femer aus einem weißen Hemde mit bauschigen Ärmeln, welche mit 
Häkchen an den Gelenken zugemacht werden ; Kragen und Ärmelschluss 
sind in schwarzer Seide mit Pflanzenmotive» ausgestickt ; endlich aus einer 
gelben bis an die Knie reichenden engen Lederhose, weißen Strümpfen 



Zeitschrift fiir österr. Volkskunde. I. 



13 



194 



Pfikryl. 






N 
P 
er 







Die Bevölkerung am «Zihofi» in Mähren. ige 

und Röhrenstiefeln; im Herbste tragen die Burschen über der «frydka» 
eine dieser ähnliche Jacke mit Ärmeln. 

Die weibliche Tracht besteht aus einem rothen um das Haupt ge- 
wundenen Kopftuch «lipsky §dtek», dessen Enden läppchenartig über die 
Ohren fallen, einem weißen Hemde mit bis zu den Ellbogen reichenden 
aufgebauschten Armein, einem Jäckchen «frydka» aus Gold- oder Silber- 
brocat oder aus Seidenstoff und dann mit Gold- oder Silberborten in 
geometrischen Ornamenten benäht, einem rothen, schwarz bedruckten 
Kaschmirrock, einer seidenen Schürze mit geklöppelter oder gehäkelter 
Spitze, weißen Strümpfen und Schuhen. Die Stickereien an der feinen 
Wäsche für beide Geschlechter werden mit schwarzer Seide oder weißem 
Garn ausgeführt und zwar in Pflanzenmotiven; zumeist sind es halbierte 
Apfel am Ast mit Laub und Blüte; auch die Birne kommt in ähnlicher 
Weise mehr oder weniger herzförmig ausgeführt vor. An den Kleidungs- 
stücken ist in rother, gelber, grüner und blauer Seide die Nelke, die Rose, 
das Gänseblümchen oder sonst ein Blumenmotiv, das die Natur liefert, 
verwendet. In Abbildung 20 sind ein Mädchen von Symre bei SobSchleb 
und ein Bursche von Ober-NScSitz in Sommertracht dargestellt ; Abbildung 2 1 
zeigt zwei Burschen von Radkow bei Dfewohostitz, ebenfalls in Sommer- 
tracht, welche rothe Lederhosen und eine hellblaue «frydka» mit ver- 
silberten Knöpfen tragen. 

Die ZAhoraken leben einfach und sind sehr religiös. Am Christabend 
fasten sie strenge, um das goldene Lamm sehen zu können. Der Haus- 
vater lässt nämlich den Reflex von einem kleinen Spiegel, den er beim 
Licht in der Hand hält, über die Bilder tanzen. Die Kinder verfolgen 
ihn mit heiliger Scheu, wobei ihnen die Phantasie das goldene Lamm vor- 
zaubert. Zum Abendessen wird der Tisch mit einem weißen Leintuch 
bedeckt, alle üblichen Pflanzenspeisen werden aufgetragen, und jedermann 
muss mindestens einen Esslöffel voll nehmen, damit dieselben im kommenden 
Jahre nicht ausgehen; darauf werden «vdolky», große mit Honig bestrichene 
Kolatschen, vorgesetzt, und schließlich bringt die Hausfrau einen Laib 
Brot und alle Sorten Obst, die sie unter den Anwesenden vertheilt. Der 
Hausvater legt auf eine reine Messerklinge einen Schnitt von Brot und 
von einem «vdolek» und umbindet alles mit Leinwand ; ist anderntags die 
Klinge angerostet, so wird Weizen und Korn theuer. Auch dem Vieh 
wird von allem etwas vorgelegt; der Christabend heißt daher «stSdry den» 
(freigebiger Tag), weil selbst das Vieh freigebig versorgt wird. Nach dem 
Mahle tragen der Knecht und die Magd auf Holzte Hern «vyslu2ku»*) 
(Brot und Weißgebäck mit Honig) in die Stallungen und trachten dabei 
einander vorzukommen. Glückt es der Magd, zuerst den Stall zu erreichen, 
so ruft sie: «Wir bekommen ein Kalb!» im entgegengesetzten Falle ruft 
der Bursche: «Wir bekommen ein Fohlen!» Zurückgekehrt in die Stube, 
fasst der Bursche mit der linken Hand sein rechtes Ohr und wirft mit der 



') vysluXka (vom Zeitwort slou^iti = dienen), Geschenk für den Dienst, den die Haus- 
thiere auf dem Bauerngute leisten; v]^slu2ka wird hier gebraucht als Gnaden-Geschenk, 
welches in Form von Naturalien und Gebäck neben dem bedungenen Lohn gegeben wird. 

•3* 



IQÖ 



Pfikryl. 



rechten Hand den Teller rücklings zur Thür; rollt dieser gerade hin, so 
heiratet er im nächsten Jahr, fallt er vorher um, so bedeutet es Unglück ; 
das gleiche thut auch die Magd. 




Fig. 20. Mädchen und Bursche vom ZahoH in Soromertracht. 
(Nach einer Photographie von Prof. Jos. KlvaAa.) 

Am Christabend geht niemand zur «beseda».') Tritt aber unerwartet 
ein Mann ins Haus, so freut sich alles, da dann im kommenden Jahr nur 

*) Bescda bedeutet «Besuch». Am Sonntag Nachmittag besuchen einander die Verwandten 
und sagen: «Idu na besedu» = Ich gehe zu Besuche. Im Winter heißt jede Zusammenkunft in 
einer Spinnstube «beseda». Jedermann, der in ein Haus tritt, um sich dort zu unterhalten, wird 
«besednik» genannt. Mit Ausnahme von Bettlern wird jeder Besuch mit den Worten «sedndte si», 
«pH bescdö se sedi», zum Niedersitzen eingeladen. 



Die Bevölkerung am «Zähofi* in Mähren. 



197 



männliches Hausgethier zur Welt gebracht wird; tritt ein Weib ein, so 
wird nur Weibliches geboren. Zum Kirchgang werden die Bekannten der 
Nachbargemeinden nur am Fenster eingeladen. Jede Feldarbeit ruht. 




Fig. 21. Burschen von Radkow in Sommertracht. 
(Nach einer Photographie von Prof. Jos. KlvaAa.) 

In den Stallungen wird am Vorabend Futter für zwei Tage hingestellt, 
da niemand während dieser Zeit dieselben betreten darf. Am Feste Johannes 
des Evangelisten reicht das Weib dem Gatten, die Magd dem Knechte 



ig8 Pfikryl. 

Schuhe zum Zeichen, dass die Männer jetzt die Herren seien und sagen 
dazu : «Na Jana, kazdy sobö za päna» (Zu Johanni ist jeder sein eigener Herr)- 

Am Neujahrstage werden die Schuhe von den Männern den Weibern 
und Mägden gereicht als Zeichen, dass nun die letzteren bis zum Tage 
der heil. Dreikönige die Herrschaft fuhren, wofiir die Männer beschenkt 
werden. Das Gesinde wechselt den Dienst, und am Vorabend vor heil. 
Dreikönig geht das neue Gesinde zur Wasserweihe ; abends bei der Rück- 
kehr legt jedermann seine Hände an den Ofenkessel, um sich «einzuge- 
wöhnen». 

Im Fasching wird in jedem Dorfe das «pravo» (das Recht, womit 
die Macht in Civil- und Strafeachen gemeint ist) von allen Insassen des 
Ortes gefeiert. Es herrscht dabei ifolgender Brauch:*) Den vorletzten 
Sonntag im Fasching begeben sich die Burschen zum Vogt, welcher mit 
der Gemeindevertretung am Amtstische sitzt, der immer in der Ecke der 
Stube steht, deren Wand mit vielen Bildern behängt ist. Stehend bitten 
die Burschen um das «pravo». Wird es bewilligt, so wählt der Vogt aus 
ihrer Mitte einige Burschen, vertheilt unter sie die Amtswürden, welche 
sie drei Tage ausüben dürfen, ermahnt sie im Dorfe auf Ordnung zu sehen, 
zu strafen und stets das Wohl der Gemeinde im Auge zu behalten. Am 
Faschingsonntag erhalten dann die Erw^ählten den Amtstisch und somit 
das * pravo», worauf sich die «prävnici» zur vornehmsten Jungfrau des 
Ortes begeben, um das Abzeichen des «prävo» (kurzweg auch «prdvo>> 
genannt) abzuholen. Selbes besteht aus einem i m langen Degen, an 
dessen Klinge nahe der Spitze ein Schüsselchen angebracht ist. Dieses 
Schüsselchen verhütet das allzu tiefe Eindringen des Degens in 
die Zimmerdecke, wodurch die theuren Tücher «lipsk^ §ätky» und die 
seidenen Bänder beschädigt würden. Es hat vier Löcher am Rande 
zum Anbinden von vier Kränzchen aus frischen oder künstlichen Blumen. 
Die Mädchen binden mit vielen rothen Seidenbändern bunte Tücher 
*und oben vier Kränzchen daran, worauf die «prävnici* es von den 
Mädchen loskaufen. Der neue Vogt spießt dann das «prävo» oberhalb 
des Tisches in den Deckenbalken, die Musik spielt, während die Mädchen 
die Hüte ihrer Liebsten mit Blumensträußchen schmücken und ihnen 
gestickte Sacktücker schenken, wodurch sie zu erkennen geben, an welchen 
Burschen sie ihr Herz verloren haben. Hierauf nimmt der Burschen- 
vogt das geschmückte «prävo» und trägt es unter Jubel in die Schenke» 
woselbst es wieder oberhalb des Amtstisches angebracht wird. Die «:prävnici ^ 
setzen sich nach ihren Würden um den Vogt und üben in scherzhafter 
Weise ihre Macht aus, um Ordnung und Ruhe zu halten. Sie dürfen 
nicht tanzen, sich nicht berauschen, mit keinem Mädchen scherzen, sofern 
sie nicht ausgestoßen werden wollen, was eine große Schmach wäre. 
Unmoralische Burschen werden überhaupt zum «prdvo» nicht zugelassen. 
Scherzhafte Klagen werden vorgebracht, Zeugen verhört und meist Geld- 
strafen auferlegt. Die Übrigen tanzen und jedermann wird unentgeltlich 

*) Das «privo» fand das letztemal im Jahre 1893 in SoWchleb, Unter-N$6itz und Bezuchow 
statt. Es wird nur in günstigen Jahren nach einer ergiebigen Ernte abgehalten. 



Die Bevölkerung am «ZihoH» in Mähren. igg 

mit Erfrischungen bedacht. Es kommt z. B. vor, dass zwei Häscher «navolo- 
vaci» einen Angeklagten bringen, der des Diebstahles einer eisernen 
Stange beschuldigt wird; nach eingehender Untersuchung wird in seinem 
Hemdkragen eine Stecknadel gefunden, wofür man ihn zu einer Anzahl 
von Schlägen verurtheilt, welche ihm der «kopaf» mit einer verzierten 
«ferula» (eine gestielte in zwei Platten geschnittene Holzscheibe, deren 
beide Theile bei den Hieben aufeinanderschlagen) geben soll ; wenn aber der 
Arzt erklärt, dass er die körperliche Züchtigung nicht aushalten würde, 
so darf er sich auskaufen. Manche verlangen die Schläge mit Musik, 
wobei der «kopaf» singen muss, sich aber dennoch nicht verzählen darf. 
Um lo Uhr abends schließt der Vogt das Fest, indem er das «prdvo^^^ 
ehrerbietig herabnimmt, an dessen Stelle ein rothseidenes Band gehängt 
wird. Montag nach dem Kirchgang wird das «prdvo» wieder auf dieselbe 
Weise angebracht, und die Unterhaltung geht wie am vorhergehenden 
Tage vor sich. Dienstag zieht man mit dem «prävo» von Haus zu Haus. 
Zwei Wächter müssen indessen den Amtstisch hüten, damit sich niemand 
an demselben niederlasse. Beim Eintritt in ein Haus, welches offen steht 
und in welchem der Hausvater beim Familientische sitzt, tritt der Burschen- 
vogt an die Thürschwelle und fragt: «Prosim väs hospodäfi dovoh'te-li 
näm s naSim poctivym prävem do va§eho pHbytku vstoupiti? (Ich bitte 
dich, uns zu erlauben, mit unserem ehrwürdigen «prävo:& in deine Wohnung 
zu treten.) Im bejahenden Fall macht der Vogt einen Schritt ins Zimmer 
und bittet: «Prosim väs hospodafi dovolite-li näm na§e poctivd prävo nad 
vas poctivy stül pov^siti?» (Ich bitte dich, Hausvater, uns zu erlauben, 
unser ehrwürdiges «pravo» oberhalb deines Tisches aufhängen zu dürfen.) 
Und nach erhaltener Bewilligung sagt er zum drittenmal: «Prosim väs 
hospodafi dovoh'te-li nam za va§ poctivy stül se posaditi?» (Ich bitte dich, 
Hausvater, zu erlauben, uns an deinen ehrwürdigen Tisch zu setzen.) So- 
dann sticht er das «pravo» in die Zimmerdecke oberhalb des Tisches, um 
welchen sich die «pravnici» ihrem Range nach niedersetzen. Da sie nun 
die Macht über das ganze Haus erhalten haben, schlichten sie scherzhafte 
Streitigkeiten zwischen den Eltern, Kindern und dem Gesinde, die Musik 
spielt, die Hausleute tanzen und die «pravnici» werden mit Geld und 
Lebensmitteln beschenkt. Hierauf dankt der Vogt im Namen des «pravo» 
und nimmt es herab. So geht es von Haus zu Haus unter vieler Heiter- 
keit und Scherz. Zuletzt bringt man es wieder in die Schenke an seinen 
alten Platz oberhalb des Amtstisches, an welchen sich nun die Mädchen 
niederlassen. Diese werden mit Erfrischungen bedacht, wofür sie 2—4 fl. 
vor sich hinlegen. Von dem erhaltenen Gelde begleichen die «pravnici» die 
Zeche für das ganze Dorf und dessen Gäste. Dieses «pravo» ist ein Über- 
lebsei vorgeschichtlicher Zeit, in welcher jedes Dorf nur von einer Familie 
(zadruha) bewohnt wurde. Es hatte zum Zwecke, die heranwachsende 
Jugend das Gemeinwohl fördern zu lehren. Am Aschermittwoch über- 
geben die «pravnici» den Amtstisch wieder der Gemeindevertretung und 
danken für die verliehene Gewalt, worauf das Gemeinderecht (obecni pravo) 
in seine alten Rechte tritt. Die «pravnici» empfangen nun stehend Lob 



200 Pfikryl. 

und Tadel, ja selbst Strafe. Am folgenden Sonntag kommen die Burschen 
und Mädchen nochmals in der Wohnung des Burschenvogts zusammen, 
wobei das «pravo» ober dem Tische hängt, nehmen ein Mahl ein und 
besprechen die Begebenheiten der drei Festtage. Nach der Mahlzeit wird 
das «pravo» herabgenonunen, die Mädchen entkleiden es der Bänder und 
Tücher und der Degen wird von den Burschen dem Gemeindevogt zur 
Aufbewahrung bis zum nächsten Jahre überbracht. Das Gemeinderecht 
(obecni pravo) wird jeden Sonntag, in Civil- und Strafsachen ausgeübt: 
dabei sitzt der Vogt an der inneren Ecke des Amtstisches, daneben der 
Bürgermeister (starosta) und die Schoppen (konSeli). Die Parteien stehen 
vor dem Tisch und bringen ihre Anliegen vor. Nach jeder Urtheilsfallung 
gehen sie ins Vorhaus, um sich darüber zu besprechen («na potaz» ; tazati 
= fragen). Sodann treten sie vor das «pravo», um entweder ihre Ein- 
wendungen vorzubringen oder zu danken. Das Verfahren ist bloß ein 
mündliches, und zum Abschied sagt der Vogt zu ihnen : «Muzete se s Panem 
Bohem rozejit» (Gehet in Gottes Namen). 

Das Gemeinde-Recht (obecni prdvo) ist uralt. Aus demselben ent- 
wickelte sich das Land-Recht (zemsk6 prävo). Dass dem so ist, beweist 
das arme Dorf Stfibmitz unterhalb der Burg Buchlau, nächst Welehrad, 
der einstigen Hauptstadt des großmährischen Reiches. Bis in die spät- 
historische Zeit besaß dieses Dorf ein Halsgericht (lovcovo prävo = Jagd- 
recht) über folgende 28 Gemeinden: Zerawitz (Ger.-B. Gaya)> Kosteletz 
(Ger.-B. Gaya), Zadowitz, Morawan (Ger.-B. Gaya), Unter-Moscht6nitz 
Bf ezowitz, Labuf, Osvgtiman, Hiesel, Wazan, Jeiow, Aujezdetz, Mediowitz, 
Zlechau, Skalka, Domanm, Tucap, Poleschowitz, Borschitz, Tupes, Buch- 
lowitz, Bfestek, Lhotka, ZlÄmanka, Roätin, Babitz, Traplitz und Jalub. 
Dieses «prävo» bestand aus einem Bürgermeister (starosta) und 1 1 Beisitzern 
(lovci), welche Würden den 12 Bauerngründen von Stfibmitz anhafteten. 
Sein Andenken erhält noch heute die sehenswürdige Linde auf der Burg 
Buchlau. 

Am Passionssonntag nachmittags wird von den Mädchen «der 
Tod aus dem Dorfe getragen», ein mit weißen Frauenge wandern bekleideter 
und an einer Stange befestigter Strohbund, welcher das Sinnbild des 
Winters vorstellt. Während die Mädchen ihn auf ein Feld, wo Jung- 
saat steht, tragen, singen sie: 

Smrtnd nedöla, Todter Sonntag, 

kde jsi sedSla? wo bist du gesessen? 

Ja jsem sedöla Ich bin gesessen 

u SV. Jifi; SV. Jifi; beim hl. Georg, hl. Georg; 

jede odmykati zemS: er fahrt, die Erde zu öffnen: 

trkva, zelena, grünes Gr2is, 

fiala modrä, blaues Veilchen; 

träva zelenä, grünes Gras, 

fiala modrä. blaues Veilchen. 

V 

Zito se zelend. Es grünt das Korn, 

konvalinka bilä das weiße Maiglöckchen 



Die Bevölkerung am «Zähori» in Mähren. 201 

V lese rozkvetla. ist im Walde aufgeblüht. 

Stromy se zelenaji, Es grünen die Bäume, 

ptickovö zpivaji: es singen die Vöglein: 

Boha chväleji, sie loben Gott, 

Boha chväleji. sie loben Gott. 

Am Felde angelangt, entkleiden die Mädchen den Strohbund, 
und die Knaben, welche in einiger Entfernung denselben gefolgt sind, 
zerreißen ihn in Stücke und zerstreuen ihn in die Lüfte. Beim Rückweg 
singen alle: 

Smrf jsme jiz zan^sli, Den Tod haben wir schon fortgetragen, 

nov^ l^to phn^sli. neuen Sommer heimgebracht. 

Jaky jest to mazanec, Was ist das für ein «mazaneo*) 

bez kofeni, bez vajec. ohne Gewürz, ohne Eier. 

Fiala, rüze. Das Veilchen, die Rose, 

kv6sti nemüze, sie können nicht blühen, 

ai näm P4n Buh pomüze; bis uns der Herrgott hilft; 

teprv kvösti müze dann kann blühen 

rüze cervena, die rothe Rose, 

fiala modrk; das blaue Veilchen; 

rüze cervend, die rothe Rose, 

fiala modrd; das blaue Veilchen; 

a ty Petfe z Tyna, und du Peter von Thein,^) 

dej ndm flasu vina, gib uns eine Flasche Wein, 

abysme se napili, damit wir uns antrinken 

P4na Boha chvdlili, und den Herrgott loben 

veseh' byli, und lustig seien, 

veseli byli. und lustig seien. 

In dem Hause, in welchem der «Tod» angekleidet wurde, nehmen 
sie dann die Jause ein. 

Am Charfreitag ruht jede Arbeit. Vor Sonnenaufgang beten alle 
Dorfmsassen an den Bachufem knieend zur Erinnerung an das Leiden 
Christi. Den Kranken und Kindern wird Wasser in die Stube gebracht ; 
doch muss das Wasser dem Laufe nach genommen werden. An diesem 
Tage sieht man Hexen waschen. An Kreuzwegen wird Staub zu Zaubereien 
gesammelt und die Wurzel «posek»^), welche dem Erdapfelknollen ähnlich 
ist, gesucht ; der glückliche Finder glaubt damit sich den Viehnutzen von 
9 Bauernhäusern zugezogen zu haben. 



^) Mazanec von mazati = bestreichen, ein mit Powidl bestrichener Kolatschen. «Umazanec» 
ist der Spottname für ein schmutziges Kind. 

") Statt Peter kann auch irgend ein anderer Taufname eingelegt werden, nur darf er 
den Rhythmus nicht stören; dasselbe gilt vom Namen des Dorfes Thein (TJ^n). 

') Posek = Johanniswurzel (sv. Jana kofen ; Hypeiicum). Wächst auf feuchten Wiesen. 
Die Wurzel wird unter die Thürschwelle des Kuhstalles gelegt. Doch muss der glückliche Finder den 
Kuhstall um 4 Uhr früh, Mittags und um 9 Uhr abends betreten (somit häufig nachsehen; der 
Segen kommt dann von selbst infolge der Umsicht). 



202 I'nkry . 

Am Charsamstag ist Holzweihe. Am Ostersonntag nach Tisch 
geht das Gesinde mit kleinen, aus dem geweihten Holze verfertigten 
Kreuzchen und geweihten Weidenruthen auf das Feld und steckt sie in 
die Saat. Wer zuerst einsteckt, schneidet auch zuerst das Getreide. Am 
Ostermontag schlägt sich die Jugend mit Weidenruthen ^), und man 
beschenkt sich mit Ostereiern. Ein Osterei nennt man am Zdhofi 
«vajicko» schlechtweg (jedes Ei wird hier so genannt). Zur Vertheilung 
kommen nur bemalte Eier, «malovand vajicka». Mit dem Bemalen der 
Eier befassen sich bestimmte Personen für ein oder mehrere Dörfer, z. B. 
bei uns je eine in Unter-Nöcitz und in Zakowitz. Diese Beschäftigung scheint 
erblich zu sein. Die Verzierungen machen Frauen, seltener Mädchen, 
weil dazu eine gewisse Erfahrung gehört. Die Ostereier werden stets 
gemalt, nie geritzt (wie in der Slowakei) : Man trägt zuerst auf das rohe 
Ei die Verzierung mit warmem Wachs auf, taucht es dann in rothe Farbe 
und erwärmt es hierauf soweit, dass das Wachs abgewischt werden kann, 
wonach die Zeichnung weiß auf rothem Grunde erscheint; mitunter wird 
sie auch mit Safran gelb gefärbt. Will man noch eine dritte Farbe an- 
wenden, so wird auch der rothe Grund, soweit der roth bleiben soll, mit 
Wachs bedeckt, und das Ei in die betreffende Farbe (gewöhnlich blau 
oder grün) gelegt. Diese Eier werden nie geweiht und sind auch nicht 
genießbar, weil sie nur bis zur Wachsschmelze gewärmt, aber nicht ge- 
kocht werden. Am Ostermontag Nachmittag erfolgt, wie bemerkt, die 
Eiervertheilung durch die Mädchen an ihre Liebsten, wenn diese mehr 
oder weniger scherzhaft jene mit den Ruthen schlagen. Am Osterdienstag 
dagegen werden die Mädchen von den Burschen mit Eiern beschenkt. 
Das Eiervertheilen erfolgt nur im Hause. Das Ei ist im Glauben der 
Zähoraken ein Sinnbild des Lebens und der keimenden Liebe, die sich 
noch verborgen wähnt, und bedeutet auch die Auferstehung. Von einem 
vollkommenen, schönen und braven Mädchen sagt man: «Jsi pSknä, jak 
malovan^ vajicko» (Du bist schön wie ein gemaltes Ei). Seitdem die 
Stickerei hier nur mehr als Luxus in wohlhabenden Familien gepflegt 
wird, kommt auch das Bemalen der Ostereier in Verfall. 

Zu Georgi werden die Feldgrenzen begangen; Besitzstörungen an 
Ort und Stelle selbst entschieden ; der verlierende Theil muss dann abends 
die Zeche bezahlen. 

Am 4. Sonntag nach Ostern geht die erwachsene Jugend auf den 
hl. Hostein. Die Mädchen nehmen Backwerk mit. Nachmittag kommen 
Alle bei der St. Johannesstatue in Bistritz zusammen. Die Burschen 
geben ihren Liebsten Wein, wofür ihnen diese Back- und Zuckerwerk 
schenken. Der Rückweg wird gemeinschaftlich angetreten. Nach dieser 
Wallfahrt beginnt für die Mädchen die Zeit der Grasmahd, wobei sie 
beim ersten Gang von den Burschen mit Weisser begossen werden, wie 

*) Es werden ausschließlich Weidenruthen verwendet, die in der Zahl von 3—6 zu- 
sammengeflochten sind. Diese Weidenruthe heißt «tatar», daher sagt man: «mläde2 (die Jugend) 
se tatarem tataruje». Das Schlagen selbst heißt «Smigrüst» : z. B. cjä jdu na Smigrüst» = ich 
gehe Jemanden mit der Ruthe schlagen. (Vgl. Schmeckostem.) 



Die Bevölkerung am «ZAhon^ in Mähren. 203 

umgekehrt die Burschen von den Mädchen, wenn jene zum erstenmal 
zum Ackern ausfahren. Beim Mähen singen die Mädchen theils heitere, 
theils ernste Lieder, die sie mitunter selbst componieren. 

Am ersten Mai stellten die Burschen ihren Liebsten Maibäume auf; 
jetzt aber setzt man nur mehr einen gemeinschaftlichen, hohen Mai- 
baum, der am ersten Sonntag im Mai feierlich gefällt wird, indem ver- 
mummte Possenreißer ihn langsam abgraben, während die übrigen um 
ihn herumtanzen, bis er fällt. Nun trachten die Burschen einander vor- 
zukommen, um den Baumwipfel aufzuheben, der mit Musik in das Haus 
der vornehmsten Jungfrau gebracht wird, woselbst ihn die Mädchen gegen 
einen anderen geschmückten Wipfel eintauschen. Dieser wird dann in 
die Schenke getragen und ober dem Tische angebracht. Mit Tanz wird 
das Fest beschlossen. Der Maibaum wird von den Dorfbewohnern sorg- 
sam behütet, damit er von den Burschen der benachbarten Dörfer nicht 
gestohlen werde, da dies eine große Schande wäre. 

Wenn im Frühjahr die wilden Gänse über das Zähofi fliegen, be- 
ginnt man Jausen einzunehmen; wenn sie im Herbste nach dem Süden 
ziehen, hört man damit auf. Zu Pfingsten bekränzt der Gemeindehirt die 
Kühe beim Heimweg. Ostermontag nachmittags führen die Burschen die 
Pferde auf die Hutweide, wofür sie Eier, Speck und Klobasen ^) be- 
kommen. Davon veranstalten sie ein Mahl, nach dessen Beendigung sie 
mit Eierschalen auf Weidenruthen werfen ; dann ordnen sie sich zu Pferd 
in eine Schwarmlinie, und auf ein gegebenes Zeichen jagen sie zu einer 
mit einem Weidenkranze geschmückten Stange, die in einer Entfernung 
von 300 Schritten aufgepflanzt ist. Wer den Kranz abninunt, ist König. 
Pfingstsonntag nachmittags legt man diesem um die linke Schulter einen 
Blumenkranz, und sein Pferd wird mit rothen Seidenbändem aufgeputzt. 
Hierauf reiten die Burschen mit Blumensträußchen auf dem Hut mit ihrem 
König von Haus zu Haus, wobei einer von ihnen scherzhafte Ansprachen 
hält. Von den erhaltenen Geschenken lassen sich die Burschen dann eine 
Jause bereiten. 

Am Pfingstsonntag giengen die Mädchen mit ihrer Königin, deren 
Gesicht durch viele rothe Seidenbänder ganz verhüllt war, im Dorfe 
herum. ^) Wenn die Königin in ein Haus trat, nahm sie Mädchen mit 
sich zum Tanze, während die anderen draußen sangen: 
Krälovno milä, Liebe Königin, 

tvüj kräl tö V0I4, dein König ruft dich: 

abys k nömu vysla, sollst zu ihm kommen 

nebyla tak pysnä und nicht so stolz sein 

jako ja sama. wie ich allein. 



*) Würste aus grob zerschnittenem ungekochten Schweinefleisch, die zuvor geselcht, dann 
erst gekocht werden. Das dazu bestimmte Fleisch wird mit Knoblauch, Kümmel und Salz gewürzt. 
*) Der hier beschriebene Brauch wird schon seit mehr als 20 Jahren nicht geübt. 



204 



V. Kjalik. 



Kolalo se, kolalo, cervene jablicko, Es rollte, rollte ein rother Apfel, 
komutysedostane§,mAmildJozefko! wer dich bekommt mein liebes 

Josefinchen ! 
kolalo se, kolalo, jestS 6ervenSj§i, Es rollte, rollte ein Apfel, noch mehr 

roth, 
nemohlo se, dokolat k mojej nej- er konnte nicht zu meiner AUer- 
milejSi. liebsten rollen. 



* * 

* 



* 



A vy, pani matko, hezkö dcerku Und du, Frau Mutter, hast eine 

mAte, schone Tochter, 

lesi mi ji däte? ob du mir sie geben wirst? 

A vy pane fojte, hezkö dcerku mdte. Und du, Herr Vogt, hast eine schöne 

Tochter, 
a vy nkm povSzte, kde ju mivavdte. sag uns, wo du sie immer hast 
Ona neni doma, tri vSnecky vila, Sie ist nicht zu Haus, sie hat drei 

Kränze gebunden, 
jeden tobS, druhy sobß, tfeti povösila. einen dir, den zweiten für sich, den 

dritten hat sie aufgehängt. 
PovSsila ho v zahrädce na §vestce, Sie hat ihn im Garten auf den 

Zwetschkenbaum aufgehängt, 
aby chlapci chodivali k t6 fojtovd damit die Burschen zu des Vogtes 
dcerce. Tochter giengen. 



* 



* 



Dyz*) se devce hladi,*) Wenn sich das Mädchen ziert, 

To so chlapci rddi; sind die Burschen froh; 

jestS ono nevyrostlo, noch ist es nicht erwachsen, — 

\xi se o iiu vadi. schon streiten sie darum. 

Die Mädchen wurden beschenkt, hielten ein Mahl und sangen fröh- 
liche Lieder. (Schiuss folgt). 



Zur österreichischen Sagengeschichte. 

Von Dr. Rieh. R. v. Kralik, Wien. 

IIL 

Aneignung fremder Sagen. Von der Weltschöpfung bis 
zum Trojanischen Krieg. 
Unsere Cultur besteht aus drei Elementen: den heimischen, vater- 
ländischen Sitten und Anschauungen hat sich d£is Christenthum und die 
classische Antike zugesellt. Es war die Aufgabe des Mittelalters, diese 
drei Elemente einheitlich zu verarbeiten. Eine organische Einheit war 
nicht auf wissenschaftlichem Wege, sondern nur auf dem volksthümlicher 

*) Eine zähorakische Fonn statt «kdyX». 

') Hladiti se = sich glätten an Kopf and Kleidern. 



Zur österreichischen Sagengeschichte. 205 

Sagenbildung möglich. Die ganze Menge örtlicher und geschichtlicher Sagen 
und Sagenkreise, geistlicher Legenden u. s. w., die theils durch mündliche 
Überlieferung auf uns gekommen sind, theils in den alten Geschichts- 
werken des Jordanes, Paulus Diaconus und in den Chroniken des Enikel, 
Aventinus niedergelegt sind, sind der Niederschlag einer gründlichen 
Mischung jener drei Elemente, wobei allerdings das eine oder das andere 
abwechselnd vorwiegt. Eine innige und ursprüngliche Wahlverwandtschaft 
dieser drei Elemente, vor allem aber die gelungene Mischung und Neu- 
schöpfung, macht es bisweilen nicht leicht, das Mischungsverhältnis und 
die Zugehörigkeit der einzelnen Sagenkreise zu constatieren. So wogt 
bekanntlich seit einem Jahrzehnt ein scharfer Kampf um die Frage, ob die 
Edda wirklich der Hauptsache nach original-germanisch ist, oder ob 
biblische und antike Einflüsse mehr oder weniger bestimmend dabei mit- 
gewirkt haben. Der Wert der Sage wird in keinem Fall beeinträchtigt 
Auch die antiken Sagen waren ja ein Gemisch von einheimischen und 
orientalischen Vorstellungen und Gestalten. Es kommt nur darauf an, 
ob eine Zeit, ein Volk, die Kraft hat, die verschiedenen sich aufdrängenden 
Aggregate einheitlich zu organisiren und etwas Neues, Charakteristisches 
daraus zu machen. Dem naiven Volksthum des Mittelalters ist dies bis 
zu einem gewissen Grad gelungen, weil damals auch noch die gelehrten 
Stände volksthümlich gedacht und gearbeitet haben. Es besteht allerdings 
kein klassisches, nationales Werk, das die sagenhafte Tradition des Mittel- 
alters über die Urzeiten abschließend und umfaissend aufgenommen hätte — 
dais hat ja auch bei den Griechen nicht bestanden — , aber aus Volks- 
sagen und Chroniken können wir uns das ideale Bild der Welt wieder 
zusammenstellen, das allen einzelnen Anschauungen zugrunde lag. Ich 
will hier den Versuch einer solchen Reconstruction machen. Ich will 
das sagenhafte Weltbild umreißen, das sich der Phantasie unseres Volkes 
mag aufgedrängt haben, seitdem es vom Anfang des Mittelalters an ge- 
zwungen war, seine eigenen einheimischen Traditionen mit den christlichen 
und antiken zu vergleichen und auseinander zu setzen. Es kann nicht 
die genaue Wiederherstellung eines einmal so vorhandenen Bildes sein, 
sondern nur ein möglichst umfassender Rahmen, der die ganze Menge 
von Riesen-, Zwergen-, Thier-, Natursagen u. s. w. möglichst systematisch 
aufiiehmen kann. 

Die Grundlinien des biblischen Sechstagewerks sind durch eine 
Fülle volksthümlicher Anschauungen belebt und verziert. Himmel und 
Erde, Frau Sonne, Herr Mond, Planeten und Sternbilder werden personi- 
ficiert, durch reiche Sagenbildung in Handlung gesetzt, der Kosmos wird 
vom Himmel bis zur HöUe nach mannigfaltigen Unterabtheilungen 
differenziert und localisiert. In vielen Märchen ist diese .theils phan- 
tastische, theils humoristische Kosmologie noch immer lebendig. Die 
Schlösser der Sonne, des Mondes und der Sterne, der Brunnen des Lebens, 
aus dem alles Lebendige herkommt, die Orte, wo der Schnee, der Regen, 
der Donner und Blitz gemacht wird, das Wirtshaus der Hölle u. s. w. 
schließen sich zu einer Märchenkosmographie zusammen. Der Urriese, 



2o6 V. Kralik. 

aus dem die ganze Welt geworden ist, lebt noch heute auf dem Titel- 
bilde der vielbegehrten Planetenbücher. Auf ein ehemaliges Riesenzeit- 
alter gehen alle Sagen aussterbender Riesen zurück, auf ein diesem 
folgendes Zwergenzeitalter die Sagen von helfenden aber doch neckischen 
Zwergen, die ja einmal von den Göttern geschaffen worden sind, ihnen 
Waffen und Geschmeide hilfreich zu schmieden. Noch leben die drei 
Schioksalsgöttinnen, die Töchter der Nacht, mögen sie nun von den 
Nomen oder den Parzen herstammen. Eigenthümlich heidnisch umgebildet 
haben sich die Teufel der Sage und Freund Hain (den ich im Vorbei- 
gehen mit dem altn. Hoenir, dem Langfuß zusammenstellen möchte). 
Auch sonst hat unsere Sage gleich der antiken Feuer, Luft, Wasser und 
Erde nicht nur mit den Geschöpfen der Genesis und der Naturgeschichte 
reichlich und üppig bevölkert, sie hat die Schöpfungsgeschichte durch die 
Erzeugung fabelhafter und dämonischer Feuer-, Luft-, Wasser- und Erden- 
bewohner eigenmächtig vervollständigt, sowie durch eine Fülle von Thier- 
und Natursagen, die sich auf die Wesen der Erfahrung beziehen, belebt. 

Kaum weniger zahlreich sind nun die Sagen, die sich an die Er- 
schaffung des Menschen, an den paradiesischen Zustand, an den Sünden- 
fall, die Vertreibung aus dem Paradies, die ersten Erfindungen der Cultur 
anschließen. Nur den letzten Punkt will ich vorübergehend betonen, weil 
es einer Erinnerung bedarf, dass die biblische Erzählung von Lamech 
dem ersten Dichter, seinen beiden Frauen Ada und Zilla, seinen Söhnen, 
dem ersten Zeltbauer Jabel, dem ersten Musiker Jubal, dem ersten Schmied 
Tubalcain, und seiner Tochter, der Weberin Noema, ihre Parallelen hat 
in dem eddischen Lied vom runenkundigen Rigr und der Edda (= Ada), 
sowie in griechisch-römischen Göttersagen von Apollo (= Jubal), Vulcanus 
{= Tubalcain) und Athene-Minerva. 

Das Mittelalter hat überhaupt die euhemeristische Tendenz, die 
Götter der eigenen Vergangenheit und die der Antike aus der Verehrung 
von Menschen zu erklären. So wurde Janus mit Noah, Ammon mit Cham, 
Baal oder Bei mit Nimrod identificiert. 

Die für Österreich classische Fassung dieser Urgeschichten liegt 
in der Weltchronik des Wiener Enikel vor ; aus ihr will ich daher noch 
einige Züge beitragen. Enikel kennt zwischen Engeln und Teufeln noch 
einen Chor der «zwifelaere», jener Geister, die beim Abfall des Lucifer 
neutral blieben. Sie sind nicht in die Hölle verstoßen w^orden, sondern 
fahren als Naturdämonen in den Lüften umher und den Leuten zwischen 
Fleisch und Haut (275). Bekanntlich behüten nach Wolfram von Eschen- 
bach dieselben neutralen Engel den Gral (Parz. IX. 11 55, dagegen XVI. 
341). Enikel lässt sodann 3 Tage und Nächte Teufel vom Himmel regnen 
(320). Lucifer beredet den Satan, die ersten Menschen zu verführen (690) ; 
diese Rollen halten auch die geistlichen Spiele des Mittelalters fest. Der 
Realismus kommt zu Wort in der Bemerkung, dass Gott, um den Menschen 
Felle zu verschaffen, erst mehrere Schafe tödten lassen musste (i 175).*) Dem 

*) Die Kürschner thun sich noch heute auf den göttlichen Begründer ihrer Zunft viel zu gute. 



Zur österreichischen Sagengeschichte. 207 

Adam werden 32 Söhne und ebensoviel Töchter zugesprochen (1255). Enoch 
fand die ersten Buchstaben (14 10). Sehr anschaulich und realistisch wird 
beschrieben, wie die erste Weberin Noema den ärmellosen Rock erfindet, 
zu einer Zeit, wo in der Welt noch kein Schneider war (1460). Auch 
die Riesen werden nicht übergangen (1565). Die Legende vom Holze 
des Lebens, oder von der Frucht des Lebensbaums, womit der sterbende 
Adam gelabt werden soll (1570), mag hier nur wegen der Ähnlichkeit 
mit bekannten Volksmärchen vom Wasser des Lebens erwähnt werden. 
Sehr ausführlich erzählt die Chronik (1805 ff.), wie auf einen Fluch des 
Noah sich ein Teufel in die Arche schleichen konnte, wie er daselbst zu 
einer Wiederholung des Sündenfalls verleitet, w^ie er dann, von Noah 
verjagt, ein Loch durch die Arche schlägt, das zum Glück des Menschen- 
geschlechts durch eine große Kröte verlegt wird. Der Rabe des Noah, 
der die Räbin vergisst (2659), wird mit der sagenhaften Liebe des Turtel- 
täubeleins in Contrast gesetzt. Vom Leben in der Arche stammt die 
Zähmung der Hausthiere her (2750). Der erste Regenbogen veranlasst 
zum Schluss, dass es damals auch zum erstenmale geregnet habe (2761). 
Die Wirkung des Weines hat eigentlich ein Bock des Noah entdeckt 
(2805). Es ist charakteristisch für das Mittelalter, dass die Erbtheilung 
der Welt unter die Söhne Noahs nicht als nationale und geographische, 
sondern als eine sociale angesehen wird : von Cham stammen die Diener 
und Knechte, von Japhet die Ritter, von Sem, der mit Melchisedech 
identificiert wird, die Freien und Priester (3185). 72 Maurermeister bauen 
am babylonischen Thurm (3280), der nach andern Quellen auch 72 Ecken 
hat, wie der Graltempel. Er erreicht die Höhe von 5074 Klaftern (3327). 
Von den 72 Weltsprachen, die dabei entstehen, sind den Christen nur 12 
gegeben (3389). Mit Nimrod, dem Erbauer des Thurmes und dem ersten 
König, mit seinem Sohn Assur und seinem Enkel Bei hebt der Götzen- 
dienst an. Die ersten Tyrannen lassen sich als Götter verehren und sich 
Opfer darbringen. Zugleich wird «den Abgöttern zu Ehren» das Gold 
zuerst gefunden und angewandt (3510). Diese Einführung des Goldes 
zugleich mit der ersten Verwendung von Kriegsheeren (3493) erinnert 
sehr an eine ähnliche, aber dunklere Stelle in der Edda (Völuspa), wo 
der erste Krieg und die Erfindung der Zauberei und Sudkunst mit dem 
Schmelzen der «Goldkraft», die als die Wala «Heid» personificiert er- 
scheint, zusammengebracht wird. 

Viele Mühe gab sich das Mittelalter, die Völkertafel der Genesis 
genealogisch mit den Urgeschichten der europäischen Länder in Ver- 
bindung zu bringen. Die großartigste, abschließende Redaction dieser 
Versuche hat Aventin in seiner bayrischen Chronik geleistet. Obwohl 
diese Arbeiten sich als gelehrte ausgeben wollen, so dürfen sie doch nur 
in einer Sagengeschichte verwertet werden, hier aber mit einem gewissen 
Recht, da sie ihr Dasein jener gewaltigen, alles überwuchernden, sagen- 
bildenden Naturgewalt verdanken, die in unkritischen, naiven, poetischen 
und energischen Zeiten das ganze Volk, worunter dann auch die Gelehrten 
gehören, ergreift. Ja gerade in diesem siegreichen Einbrechen in die 



2o8 ^' Kralik. 

Gelehrsamkeit äußert sich die Macht des «Volksthums» am über- 
wältigendsten. Wie solche Anschauungen einem lebendigen Gefühl des 
Volksmäßigen ihre Entstehung verdanken, so wirken sie wieder in un- 
endlichen Beziehungen auf das Volk zurück, gleich abgelegten Mode- 
trachten und abgesungenen Kunstliedern, die zu Volkstrachten, zu Volks- 
liedern werden. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, bis auf den 
ganz im mittelalterHchen Geist schreibenden österreichischen Chronisten 
Fuhrmann (1737), bleiben diese Tendenzen lebendig. Diese Sagen- 
bildungen sind aus dem naheliegenden Wunsch erwachsen, zwei Jahr- 
tausende der Weltgeschichte, die sonst nur von orientalischen, griechischen 
und römischen Sachen zu sprechen wissen, auch über die gleichzeitigen 
einheimischen Ereignisse auszufragen. Wo Quellen und Traditionen 
versagen, muss die Phantasie die Lücken ausfüllen. Diesen Zweck er- 
reicht sie fast ebensogut, ja in mancher Beziehung sogar noch besser 
als die Historie. Sie befriedigt ein psychologisches Bedürfnis nach Voll- 
ständigkeit und Einheitlichkeit in vollkommener Weise. 

Wir müssen also für unsem Zweck einer österreichischen 
Sagengeschichte auch diese Classe phantasievoller Traditionen aus- 
zugsweise berücksichtigen. 

Ebenso wie die Kaiserchronik, das Annolied und Enikel lässt 
Aventin unsere Vorfahren aus Armenien herkommen, wo noch heute 
«deutsch» gesprochen wird. Dort ist die Arche auf dem Gebirge Gordey 
stehen geblieben, dort hat Noah die Stadt Sagalbina am Wasserfluss 
Araxes gebaut. Die Leute haben sich schnell vermehrt, da allweg zwei 
Kinder, Knäbel und Maidel, ein Ehevolk, miteinander geboren wurden. 
Im 10 1. Jahre nach der «Sündfluss» theilt Noah, nachdem er zehn Jahre 
lang die Welt bereist und «beschrieben» hat, dieselbe unter seine Kinder. 
In das teutsche Land verordnete er zu einem teutschen König seinen 
nach der Sündfluss gebomen Sohn, den Tuisco, auch Dis und Teutsch 
genannt. Andere wie Wolfgang Lazius und Fuhrmann machen diesen 
Tuisco lieber zu einem Urenkel des Noah, zu einem Sohne des Askenez, 
der ein Sohn Gomers, des Sohnes Japhets war, oder sie identifizieren ihn 
mit dem Askenez. Übrigens wird Germanien cds die höhere Einheit von 
fünf Nationen gefasst, von Deutschen, Slawen, Wallachen, Skandinawen 
und Ungern. Erst nach der babylonischen Sprachverwirrung macht sich 
Tuisco mit dreißig Helden, seinen Vettern, Japhetiten und Semiten, auf 
und zieht über den Don in sein Erbtheil ein. Sein Bruder Schütz (Scytha) 
nimmt die Donauinsel Schutt ein. Tuisco gründet Teutoburg und die Stadt 
Deutz gegenüber dem heutigen Köln. Diese waren seine dreißig Helden- 
genossen : Gomer, Thubel, Moska, Asch (Askenez, Ascanius), Dis, Albion, 
Jan (Jon, Javan) mit seinen Vettern Arcadius und Emathius, Tyras, 
Scharmat, Tanaus, Dan (Dacus), Got (Geta), Theissa, Mösa mit seinen 
Söhnen Brigs (Pfryx, Frank) und Thin oder Bithin, Dalmater, Opheir 
(Epirus), Jader (der Herr der windischen Mark), Sau, Azel (Herr von 
Etzelburg) und sein Vetter Benno, von welchem Paconia oder Pannonia 
den Namen hat, Eber, der die Stadt Ebersan (Eburodunum) um Krems 



Zur österreichischen Sagengeschichte. 200 

gebaut hat, Hister, von dem die Donau Ister und das Land Isterreich, 
Istrien heißt, Adler, von dem der Adlerberg (Mons adula) den Namen 
hat, sein Sohn Dan, der der Donau den Namen gegeben hat, Sala und 
Elb, nach denen die Flüsse Saale und Elbe heißen, endlich Tittel und Horil. 

Diese Zeit heißen die Poeten und Alten die «Gülden Welt». «Es 
waren alle Ding gemein; dess zu Urkund begehet man noch das neue 
Jahr, schenkt eines dem andern das neue Jahr zu Ehren der Helden, bei 
welchen Zeiten alle Ding gemein sein gewesen.» Nach Noah, den die 
Lateiner Janus nennen, benennen wir den Jänner. Noah beschloss seine 
Tage zu Viterbo in Italien. Dorthin war auch der fromme König von 
Armenien, Sabeth (Sabatius), gekommen, der damals gleichsam als der 
oberste Papst verehrt wurde, aber vom abgöttischen Ninus, dem Ver- 
derber des alten Herkommens, vertrieben worden war, Diesen Sabeth 
nannten die Lateiner Saturnus und hielten ihn für einen Gott. Damals 
lebte auch Zoroaster, der eher lachte als weinte. 

König Tuisco war der erste Gesetzgeber. Seine Gesetze waren 
in Strophen (Gesätzen) abgefasst und wurden gesungen. Er hat auch 
eine Schrift erfunden. Nach seinem Tode wurde er in Teutoburg als 
Gott verehrt, mit seiner Mutter Nerth oder Erde. Sein Sohn war Man 
(Mannus), von dem der Mond, der Montag und der Monat den Namen 
haben und wir Mannen heißen. Sein Weib hieß Frau Sonne. Unter seiner 
Regierung starb Noah in Welschland. «Die Teutsche haben ihn den 
Himmel genennt, daraus alle Helden und Götter kommen.» Seine 
Frau, von den Lateinern Vesta genannt, hat das erste Jungfrauenkloster 
gestiftet. König Sar jenseits des Rheins stiftet damals die ersten Schulen 
oder Schrannen, um der Verschlechterung der Sitten zu wehren. Von 
Sabatius in Welschland, von König Oritz und Frau Eisen (Osiris und Isis) 
in Ägypten wird in jener Zeit der Ackerbau erftinden. Damals herrschte 
Semiramis in Babylon. 

Unter König Mans ältestem Sohn und Nachkommen Eingeb (Inge- 
won), dem deutschen Mercurius, vertrieb der Riese Lykurgos am Fluss Sawr 
die Herren Scyphul und Mopser. Sie müssen sich über die Donau zu 
Ingewon flüchten. Zugleich brechen die afrikanischen Amsizonen unter 
ihrer Königin Myrein nach Europa ein, werden aber an der Saw von 
Ingewon mit Hilfe jener vertriebenen Herren besiegt und erschlagen. 
Davon «sind etliche alte teutsche Reimen noch vorhanden». 

Der vierte Erzkönig in Germanien war Istewon, «der teutsch Mars». 
Nach seiner Hausfrau Freia ist der Freitag benannt. Sie waren Zeit- 
genossen des Inachus und Phaeton, den die Bibel Phut nennt, und nach 
welchem der Fluss Pfad (Padus, Po) in Welschland heißt. 

Jene Helden «haben die Alten fast geehrt, habens für große Noth- 
helfer gehalten, voraus den Eingeb, das ist Mercurium, den sie, wie wir 
jetzt S. Michael, für groß geacht, und auch mit Menschenblut sein Fest 
begangen haben. Solches zeigen auch an, wers anders fleißig liest und 
recht verstehet, Philosophi und Theologi, nemlich die alten Hymni, das 
ist die Lobgesäng von obgenannten Helden gemacht, so noch lateinisch 



Zeitschrift für östcrr. Volkskunde. I. 



H 



2IO ^' Kralik. 

und griechisch vorhanden sind. Im Grund ist es ein Ding, die Namen 
werden nur nach den Sprachen und Gelegenheit der Zeit verändert». 
Damals stiftet König Drud von Frankreich den Mönchsorden der Druiden 
oder Druden. 

Hermann, der 5. Erzkönig, war sehr kriegerisch. Sein Palast 
Hermansal (Irminsul) stand bis zu Karls des Großen Zeiten. Im 15. Jahre 
seines Reichs starb 333jährig König Sala, der einst mit Tuisko aus 
Armenien nach dem Nordgau gezogen war. Im 21. Jahr des Herman 
starb Sem, so auch Melchisedech hieß (502 Jahre n. d. Sündfluth). Damals 
erfand König Bard in Frankreich die Kunst des Singens. 

Mers (Marsus), der 6. Erzkönig, lebte zur Zeit der Fluth des Ogyges. 
Oritz oder Osiris, der gute König von Ägypten, den die Bibel Mizraim 
nennt, zog damials über Meer nach Griechenland mit seinen Söhnen 
Macedon und Anubis, tödtete den Riesen Lykurgos und kam zur Donau. 
«Da wollt er auch je wissen, wa so ein großes Wasser (das das größt 
in Europa und seinem allergrößten Fluss in Ägypten dem Nilo so gleich 
wäre) entsprüng, wollt auch Land und Leut um die Donau in Teutsch- 
land sehen, sie zu unterweisen, was zu der Nahrung dienet, auch unrechten 
Gewalt abthun. Zog also herauf gen Niedergang der Donau bis an das 
Herzogthum Osterreich und Baiem, nun jetzt also genannt. Damals 
hätten diese Land ander Namen, lebt noch der König Eber dieses I^nds, 
der mit dem Erzkönig Tuitsch in diese Gegend kommen war, hätt nun 
gelebt 464 Jahr, starb gleich, da er diesen Helden und Gast, König Oriz, 
mit großen Ehren empfangen hätt, als man zählt von Anfang der Welt 
2200 Jahr. Ebran ist noch ein gemeiner Name bei uns, davon Flecken 
und Stadt, Viehe und Leut ihr Namien haben. Ebersau ist eine der 
größten Stadt in teutschen Landen gewesen. Bei den Alten ist sie, wie 
Ptolomäus anzeiget, gelegen um die Revier, da jetzt Stein und Krems 
liegen, in Österreich.*) König Oriz setzt sein Hauptmann, mit Namen 
der Tauro, in diese Land, von dem das Gebirge noch den Namen behält.» 

Von Osiris, der auch Apis heißt, haben Orte wie Absberg, Abs- 
dorf den Namen. «Kaiser Maximilian, hochlöblicher Gedächtnus, hat je 
auch von diesem Könige sein Geschlecht herführen lassen, und ihn wie 
einen Bauern mit einem Pflug malen lassen.» Die Baiem machten ihn 
zum Großvater ihres Königs Norein und seines Bruders Bayer. 

«Dieser König Apis oder Oryz ruckt darnach fiirder an die Donau 
hinauf bis da sie entspringet, da empfieng ihn herrlich unser König Mers, 
lernet von ihm und seiner Hausfrauen Eysen (Isis) das Eisenschmieden, 
Ackerbau, das Düngen, Arznei, Kräuter kennen und ihre Kraft, Bier aus 
Gersten sieden und mehr dergleichen; die besonder Kraft haben, heißen 
noch etliche Kräuter von dieser Königin Eisenkraut.» Dann zog Osiris 
nach Welschland gegen die dortigen Riesen, übergab das I^nd seinem 
Enkel Lestrigon, und kehrte wieder nach Ägypten zurück und ließ zu 
ewiger Gedächtnis all seine Thaten und Reisen in Stein graben. «So 

*) Diesen Eber wird man mit dem Abraham der Hagen'schen Chronik zusammenstellen 
dürfen. 



Zur österreichischen Sagengeschichte. 211 

fleißig- haben die Alten zu gut den Nachkommen ihre Geschichten ein- 
g-eschrieben ; wir schämen uns schier des, die weil wir nicht viel g^uts thun, 
dass man von uns schreiben möcht, sind g-emeiniglich Geldnarren.» Osiris 
ward von seinem Bruder Typhon ermordet, von Isis gerächt, und als 
Gott verehrt. Damals ward auch Joseph nach Ägypten verkauft. 

Der Sohn des Königs Mers war Gampar (Gambrinius), nach dem 
die Deutschen Kämpfer, Cimbem, Kimmerier heißen. Zu seiner Zeit 
verbrannte eine große Brunst das Mittelgebirge von Europa, das davon 
Pyrene, Brenner, Pyrenäen heißt. Damals waren auch auf der ganzen 
Welt die 7 bösen Jahre zu spüren. Des Osiris Sohn, König Libys, der 
ägyptische und hispanische Herkules genannt, von dem auch Kaiser 
Maximilian seinen Stamm ableitete, übergab, nachdem er seinen Vater 
gerächt hatte, seinem Bruder Horus die Regfierung und dem Joseph die 
Statthalterschaft. Joseph rief seine Brüder zu sich. Diese Herrschaft der 
Juden über Ägypten, die 103 Jahre gewährt hat, nennt man das Regiment 
der Schäfer (Hyksos). 

Libys, der ägyptische Herkules, zog in der Welt umher, erwürgte 
den Busiris, kam zur Königin Omphale, dann zu unserm König Gampar, 
dessen Tochter Araxes ihm den Tuscus, Skythes (den zweiten), Agathyrsus, 
Peucinger und Gutho gebar; dann zog er über den Rhein zum König 
Kelß, mit dessen einziger Tochter Galtey er den Gall erzeugte. Seinen 
Sohn Tuskus berief er vom Don her und gab ihm Welschland. Er «zog 
darnach wieder heraus in Teutschland an den Ursprung der Donau» und 
erschlug in Spanien den Geryon. 

Nach Gampars Regfierung herrschte sein Sohn, König Schwab. Nach 
ihm hieß die Oder einst Schwab, nach ihm heißen sich noch die Schwaben,^) 
zu denen einst auch die Langbarden, die Markmannen im Böheimerwald, 
die Quadländer (Quaden) auf dem Marchfeld und in Mähren bis an das 
schwäbische Gebirg bei Kremnitz, die Schweden und die Schweizer ge- 
hört haben. Während König Schwabs Regierung kam Frau Eisen (Isis) 
noch einmal nach Deutschland und starb dann 400jährig. «Die Schwaben 
haben viel auf sie gebaut, das Eisen nach ihr genannt, haben sie fiir eine 
besondere Nothelferin angeruft, eine Königin der Götter genennt, ihr 
Bildnus als ein Schifflein gemacht, damit anzuzeigen, wie sie über Meer 
her sei kommen aus fremden Landen.» 

Nach König Schwab hat in Germanien gewaltiglich regiert König 
Wandlar (Vandalus). Zu dieser Zeit haben Atlas, der Astronom, und sein 
Bruder Prometheus, der Künstler, gelebt. 

Deuto (Teuton) ist der 10. König in teutschen Landen. Er zog 
nach Frankreich und baute dort Städte; wurde daselbst sehr verehrt. 

Der 1 1. König in Germanien ist König Alman, der teutsch Herkules, 
ist ein Vater der Baiern, wie unsere Altväter von ihm in teutschen Reimen 
gesungen haben, so noch vorhanden sein. Er hat einen lebendigen Löwen 
mit ihm umher geführt, darum ihn der gemeine Mann Argle, das ist der 

*) In der Kaiserchronik und sonst werden die Schwaben mit dem Berg Suebo (vgl. 
Hochschwab) zusammengebracht, der aber ursprünglich in Skandinavien zu suchen ist. 



212 '^^ Kralik. 

Held mit dem argen Löwen zubenannt hat. Er ist die Donau hinunter 
bis nach Asien gezogen. Zu seiner Zeit gieng eine große Strafe über 
die Welt mit Wasser, Feuer und Sterben : die 3. Sündfluth des Deukalion, 
die Brunst des Phaeton, die ägyptischen Plagen. Damals ward Athen 
von Kekrops erbaut. 

Hier wären die höchst eigenthümlichen Sagen Enikels über Moses 
(6173 fF.) einzuschieben, wie er in seiner Jugend die Flamme leckt und 
davon lispelnd wird, wie darnach alle Juden; ebenso die Beziehungen 
des Manna zur Gralsage (8474) und andere Traditionen, wie dass die 
Juden den Hur, der sich der Anbetung des goldenen Kalbs widersetzte, 
zu Tod gespuckt haben (8800). 

König Alman hatte viele Kinder: Nörein (Noricus), Hunn oder 
Haun, Helvet, Medo, Math, Tauer, Gelon, Abor, Schütz, Baier. Und da 
nun ihr Vater starb, wurden sie xmeins. Ihr Vetter König Rham von 
Frankreich, der Erbauer von Rheims und Lützelberg, war «Spruchmann 
und Theidinger» in dieser Zwietracht und theilte das ganze Reich unter 
sie. König Nörein (Norik) bekam Land und Leute zwischen Donau, 
Drau und Inn bis an Welschland und nannte dieselbige Gegend 
Nöreinland (Noricum), die früher nach dem Riesen und König Tauritscho, 
der von Alman war besiegt worden, das Taurische Land hieß. König 
Nörein erbaute Nörenburg oder Noreia, welches das heutige Görz ist, 
wie manche meinen, femer auch Nürnberg und Nördlingen. 

Haun wurde der Stammvater der Hunnen. Beyer, der jüngste, wurde 
Erzkönig; nach ihm hieß Böhmen Baierheim; er hat dort die Stadt 
Baierling, später Marboding, jetzt Prag, gebaut, ebenso die Stadt Baiers- 
dom (Boiodurum oder Batavia), jetzt Passau. Aventin identificiert ihn 
mit dem Berig des Jordanes, der die Goten aus Skandinavien führt. 
Übervölkerung zwingt sie, mit ihren Königen Gebrich und Vilmar sich 
bis zur Donau hinabzuziehen, wo sie 1881 Jahre bis auf Kaiser Valens 
bleiben. Ein anderer Haufe sammelt sich unten an Böheim in Mähren. 
Der Erzkönig Böiger,^) der die ganze Auswanderung angeordnet hat, wnll 
sie doch nicht durch Böheim, wo seine Baiem hausen, ziehen lassen. So 
zogen die Goten durch das Marchfeld mit ihrem König Theuer, aus dem 
sie einen Gott machten, König Beyers Bruder, kamen über die Donau 
zum ehegenannten König Nörein, so auch König Beyers Bruder war, 
überfielen und nahmen ein die Lande, jetzt dem ungarischen Königreich 
und österreichischen Herzogthum zugehörig, so vorzeiten Pongau und 
Illyrien geheißen haben, allda thäten sich ein Theil nieder, wurden die 
weißen oder teutschen Griechen genannt. Damals gaben die Wenden 
ihren Namen der Venediger I^ndschaft. Noch ein Theil zog die Donau 
abwärts zum mäotischen See. Sie werden von Homero die frommen 
Milchfresser genannt. Die Weiber der Goten hatten auch einen besonderen 
Haufen, ihre Hauptmännin ist gewesen Frau Hätz, von der der Name 
der Hexen stammt ; denn sie war eine große Ärztin und Künstlerin. 
Diese Kriegsweiber zogen auch die Donau hinab zum schwarzen Meer, 

*) Alles verschiedene Schreibungen desselben Namens. 



Zur Ssterrcichischen Sagengeschichte. 2 1 3 

Überpolterten Asien und stifteten den Tempel zu Ephesus ihrer Göttin. Sie 
hatten wahrsagende Alraunen unter sich. Heerpauken und Hellebarden 
stammen von ihnen. Die Griechen nannten sie Amazonen, das heißt 
Mätzen oder Mägde. 

Im 30. Jahr unsers Königs Beyers, 828 Jahre nach der Sündfluth, 
700 minder vier Jahr von Anfang des Teutschen Reichs gründete Dar- 
danus das Troische Königreich. Er war ein Sohn des Tyrrhenus, ein 
Urenkel des hispanischen Herkules. Damals erfand auch Erichthonius 
den Wagen. 

Der folgende deutsche Erzkönig Ingram, König Beyers Sohn, regiert 
52 Jahre. Er erweitert die Stadt Hermansheim, die jetzt Regensburg 
heißt, und nennt sie Ingramsheim. «Unsere Vorfahren haben ihrem 
Brauch nach von ihm etliche alte Meisterlieder gemacht und gesungen, 
so noch in den alten Bibliotheken vorhanden.» Zu seiner Zeit haben die 
Deutschen und ihre Verwandten Asien überzogen «mit dem König, den 
die Gothen und Teutschen Tanhäuser, die Griechen Thanauses genannt 
und ihn für einen Gott in Siebenbürgen angebetet haben. Dergleichen 
die Königin der obgenannten Kriegsfrauen Frau Schmirein, die sich eine 
Tochter und Priesterin des Kriegsgotts nennt, überwindet den Ägypter 
Sesosis, baut Ephesus und nennt es Schmirenburg (Smyma). Bellero- 
phon tes hat mit ihr gekämpft. «Tanhäuser (Tanausis), der ein großer 
Held und Krieger gewesen, ist mit den teutschen Kriegsfrauen bis an 
Ägypten durch Asien und Syrien gereist und von den alten Griechen, 
unsern Vorfahren, für einen Gott hernach, dem die Schlüssel des Himmels 
befohlen gewesen, und besondern Nothhelfer, geehrt und angeruft w^orden.» 
Spätere Dichter haben solche fürstliche Thaten in Buhlerei verkehrt. 

Zur selben Zeit hat König Paris in Frankreich und Minos in 
Candia geherrscht 

Nach König Ingram hat bei uns regiert sein Sohn Adelger 
49 Jahr, von dem als einem Helden noch alte Reimen und Chronica 
vorhanden sind. Zu seiner Zeit machten sich die Kriegsfrauen auf, er- 
wählten zwo Königinnen mit Namen Marthpeiss (Marpesia) und Land- 
bötin (Lampeto); die blieb anheim, Marpesia überzog das ganze Asien 
bis an das Königreich Lycien, wo sie mit Bellerophontes stritt. In dieser 
Zeit herrschte Kadmus in Griechenland, Tros in Troja. Die erste Sibylle, 
die Tochter des Tiresias, orakelte in Delphi. 

Der phönizische Kadmos, Sohn des Agenor und der Telephassa, 
Bruder der Europa, kam auf der Suche nach seiner von Zeus entführten 
Schwester zuerst nach Theben, wo er die Kadmea gründete, den Drachen 
erschlug, dessen Zähne säte, die Harmonia oder Hermione, Tochter des 
Ares und der Aphrodite, fr'eite, die Besitzerin des unglückbringenden 
Halsbandes, die Mutter der Ino und der Semele — dann aber, nachdem 
Kadmos seinem Enkel Pentheus, dem unglücklichen Gegner des Bacchos, 
die Herrschaft übergeben hatte, kam der Erfinder der Buchstabenschrift 
mit seiner Gattin, einer Weissagung des Bacchos folgend, in österreichisches 
Gebiet. Er half den Encheleern an der Nordostküste de% adriatischen 



214 



V. Kralik. 



Meeres gegen die Illyrier und beherrschte als Sieger diese Gegenden. 
Ihm folgte sein Sohn Illyrios oder Polydoros, der Stammvater der illyri- 
schen Könige. Des Kadmos und der Harmonia Grabmal wurde bei Pola 
oder am Eingang der Rhizonischen Bucht (der heutigen Bucht von Cattaro) 
gezeigt. Kadmos galt auch als Grründer von Buthoa (heute Budua) und 
sein Sohn Rhizon als Gründer von Risano. 

Es folgt der 15. Erzkonig in Germanien, Larein, den Tacitus Laertes 
nennt. Er kennt sein Grab zwischen Donau und Rhein etwa im Schwarz- 
wald. «Dieser Zeit macht sich ein besonder Rott in teutschem Land auf, 
wollten durch Böheim, und darnach weiter in Asien gezogen sein, zu 
rächen den Tod genannter Königin Marpesia, da wollten sie die Beyern, 
so damals auch im Böhemerland saßen, durch ihre Landschaft nicht lassen 
ziehen, und besetzten die Orter, trieben mit Heers Gewalt aus ihrer 
Gegend obgenannt Volk, welchs sich wendt, nichts desto minder für und 
für zog durch die Land, so jetzt Polen und Rothen Reußen heißen, 
kamen zu den teutschen Knechten und P>auen an die Eng und Arm des 
schwarzen Meers, da die Donau einfallt, so vor anderthalb hundert Jahren 
und länger dahin aus unsem Landen gezogen waren, stießen zu denselben 
Teutschen, machten sich auf, Weib und Mann, wollten den Schaden von 
König Bellerophonte, wie ich oben angezeigt hab, ihn und ihren Bund- 
genossen geschehen, rächen. Die Knecht fielen mit ihrem Hauptmann, 
dem Mader, in Asien, so jetzt die groß Türkei ist. Die Leut flöheten 
all ihr Getreid in das Land Phrygien, in ein Flecken, da niemands darfür 
achten sollt noch wahrnehmen, dass da so viel Guts verborgen sollt 
liegen,' hieß Gnossos, und allda machten sie große Erdstädel, verbargen 
ihr Getreid und ander Hab und Gut, meinten, die Teutschen würden 
kein Lieferung finden, würde sie der Hunger aus dem Land treiben. 
Der Anschlag gerieth ihnen aber nicht, die Knecht fundens, gewunnen 
allda viel Guts, . . . ruckten darnach gar in Armenien, bauten allda ein 
Stadt, thäten sich daselbs nieder, nennen die Griechen Sinteon. Der- 
gleichen thäten die Frauen, überfielen auch, wie die Knecht, Asien, ihr 
Königin war Aleph. Diese baute Alephen. Also ward denen von Asien 
widergolten und die Königin Marpes gerochen . . . Also haben vor 
Zeiten unser alte Teutschen die Land, so jetzt dem Türken zugehören, 
überfallen, ist gemeiniglich bei 50 Jahren, kürzer und länger, ein Zug 
geschehen, und gemeiniglich, wann ein neuer König angangen ist, der 
hat auch Ehr und Gut erlangen wollen, und in fremde Land ein Volk 
ausgeschickt ... Ist fast allezeit ein zusammengeklaubt Rott gewest, 
Teutsch, Winden, Dänmärker, Mann und Frauen.» 

«Zu dieser Zeit ist gewesen in Griechenland der griechisch Dionysus 
zugenannt Bacchus König Kadmus Enkel; haben die alten Römer und 
Griechen ihn für einen Gott des Weins geehret, wie jetzt die Wein- 
gärtner S. Urban.» Dergleichen hat damals gelebt König Midas mit den 
Eselsohren, der Held Perseus, und zu Troja der 4. König Ilus. 

Nach König Larein hat Teutschland verwaltet 53 Jahr sein Sohn 
Dsing, von dem man noch alte Reime findet. Tacitus nennt ihn Ulysses. 



Zur österreichischen Sagengeschichte. 215 

Er hat Ilsenburg gebaut, jetzt Wesel. Homerus fuhrt auch seinen 
griechischen Ulysses nach Teutschland und an das groß teutsche Meer, 
allda er die Höll und Fegfeuer setzt, darvon die Schotten ihr Sanct 
Patritzenloch erdacht haben. Bei dieses Königs Ilsings Zeiten sind die 
Deutschen mit ihrem König Galtern in Asien gefallen, dergleichen die 
Frauen mit ihren Königinnen Kym und Aigen. Kym gründete die 
Stadt Kyme in Äolien; Aigen ertrank hernach im Ägeischen Meer. 
Priamus, der junge König von Troja, wurde von seinem Vater Laomedon 
(unser Ludwig) wider sie an den Fluss Sangarius geschickt. Aber man 
konnte den teutschen Haufen nichts abgewinnen. Priamos schloss Frieden 
und Bündnis mit den Kriegsfrauen, darum sie ihm nachmals halfen wider 
die Griechen. Gedeon bei den Juden, Pelops bei den Griechen sind 
Ilsings Zeitgenossen. 

Ihm folgrte König Brenner der erste, nach dem das Gebirge in 
Tirol heißt Über die deutschen Knechte am schwarzen Meer herrschte 
König Brychs. Der Kriegsfrauen Königin Themischyr ließ sich am 
Thermodon nieder und baute dort Themiskyra. Ihre Gespielin Myrley 
baute die Stadt Myrleiburg (Myrlea) in Bithynien, später Apamea ge- 
nannt. Eine andere Gespielin Amastrin baute Amastris am schwarzen 
Meer. Zu König Brenners Zeit lebte der griechische Herkules, Jason, 
Theseus, Orpheus. Jason raubte die Medea, Theseus Melanippe und 
Hippolyte, wie die Griechen diese deutschen Kriegsfrauen auf ihre 
Sprache nennen. Diese Kriegsfrauen aber sammelten ein groß Volk mit 
Hilfe der Könige Sigel und Pintzgar und rückten unter ihrer Königin 
Orithyna über die Donau nach Griechenland vor Athen. Herkules und 
seine Gesellen, Jason, Orpheus, Theseus nahmen alle ein elendes Ende. 
Der griechische Herakles ist dreimal nach Österreich gekommen. 
Erstens, wie er, um die goldnen Äpfel der Hesperiden zu suchen, vom 
Fluss Echeidoros in Makedonien über Illyrien um das adriatische Meer 
herum, sodann über die Alpen und den Eridanus nach Spanien zog. 
Dann, wie er zu den Skythen in das Waldland kam, wo er längere Zeit 
mit der Hylaia hauste, die ihm drei Söhne, den Agathyrsos, Gelonos und 
Skythes gebar. Agathyrsos ist der Stammvater der Siebenbürger. 
Drittens endlich, als er die goldene Hirschkuh fangen sollte, kam er auf 
jcihrlanger Jagd zu den Hyperboreern die Donau (den Istros) hinauf bis 
zu den Quellen dieses Flusses. Damit ist wohl nicht das Quellgebiet 
der Donau, sondern das der Save zu verstehen, also Krain. Denn die 
Save galt cds der Oberlauf des Ister. Das Land hieß daher Istrien. Von 
dort brachte er den wilden Ölbaum nach Olympia, wo er die Spiele ein- 
setzte. Von Deutschland also brachte er, wie Aventin sagt, Ritterspiel 
und Turnier nach Griechenland. Dieser Zug des Herkules wurde bald, 
demselben Chronisten gemäß, durch den deutschen König Heckard gerächt. 
Hyllos, der Sohn des Herakles und der Deianira, wurde bei Nausithoos, 
dem König der Phäaken, erzogen. Er heiratet die Jole, erzeugt den 
Kleodaios und führt eine Schar von Phäaken nordwärts in das adriatische 
oder Kronische Meer. Er landet beim heutigen Zara und wird der Stamm- 



2i6 ^* Kralik. 

vater der Hylleer, der Erbauer der lieblichen Stadt Hylleis. Hyllos wird 
dann im Streit von den benachbarten Mentoren erschlag-en. 

Noch inniger verbinden sich griechische xind österreichische Sagen- 
geschichte durch die Rückfahrt der Argonauten, die vom schwarzen 
Meer die Donau heraufschiffen, um den nachsetzenden Kolchem zu ent- 
gehen. Sie fuhren, wie Apollonius Rhodius singt, an den Völkern der 
Skythen, die mit thrakischem Volk gemischt sind, an denen der Sigynnen, 
Graukenier, der Sinder vom Lande Laurion vorbei. Vom heutigen 
Belgrad an, dem alten Singidunum (= Stadt der Sinder ?), fuhren sie ge- 
radeaus die Save hinauf, die sie für den Oberlauf der Donau hielten, 
vor Agram vorbei bis in die Gegend des heutigen Laibach (Aemona 
oder Haemona). Die Hauptstadt von Krain führt ihre Besiedlung auf jene 
griechischen Helden zurück. Von Nauportus (Ober-Laibach), dem Ende 
des Laibacher Moores, das damcds wohl ein schiffbarer See war, trugen 
die Argonauten das heilige Schiff Argo auf ihren Schultern über den 
Karst bis an's adriatische Meer in die Gegend von Triest. Man hielt im 
Alterthum die Save für den eigentlichen Oberlauf des Ister, den Danuvius 
nur für einen Nebenfluss. Man glaubte auch, dass ein Arm des Ister 
ins adriatische Meer sich ergieße. Diese Meinung hat dem Lande Istrien 
den Namen gegeben und die Sage veranlcisst, dass die Argonauten 
durchaus den Ister vom schwarzen Meer bis in*s adriatische benützen 
konnten. (Vgl. Dr. J. Zhishman, Die Isterfahrt im griechischen Sagen- 
kreise. Triest 1852). 

Die Kolcher hatten mit ihrem Königssohn Absyrtos die Argonauten 
bis zu den Quarnero-Inseln verfolgt. Dort wurde Absyrtos durch den 
Verrath seiner Schwester Medea von Jason getödtet. Davon hieß eine 
Inselgruppe die Absyrtiden. Der Name klingt noch heute in dem Namen 
Ossero auf der Doppelinsel Lussin nach (H. R. v. Jirecek, Unser Reich 
vor 2000 Jahren, S. 8). Apollonius Rhodius nennt sie «das Paar Bry- 
geischer Inseln, der Artemis heilig». Die Kolcher wagten es nicht ohne 
Medea und Absyrtos zum König Aietes zurückzukehren, gründeten Pola 
und colonisierten die Bucht von Cattaro. Die Argonauten fanden bei 
den stammverwandten Hylleern gastliche Aufnahme. Jason ließ ihnen 
zum Dank einen apollinischen Dreifuß zurück, der die Zauberkraft hatte, 
jeden Feind vom Lande fernzuhalten. Er liegt noch dort bei Zara in 
der Erde versenkt. 

König Hegcar, Heckard oder Hag, bei den Griechen Hektor ge- 
nannt, der 19. König in Deutschland, half dem König Priamus mit sammt 
den Kriegsfrauen gegen die Griechen und kam mit großem Gut und 
Ehren wieder heim. Ihn haben die Alten als einen Richter unter das 
Thor der Hölle gesetzt, der die Leute gewarnt und gelehrt, wie sie sich 
in der Hölle sollen halten; von ihm ist noch das Sprichwort: «der troische 
Heckard, oder der getreue Eckart.» König Teutschram von Sieben- 
bürgen, mit dessen Hilfe Herkules die Riesen und den König Diomedes 
in Thracien überwand, hatte Königs Priamus Tochter Auge d. i. die 
Schöne zur Ehe. Ihr Sohn Telephus durfte allein den Achilles bestehen. 



Kleine Mittheilungen. — Ethnographische Chronik aus Österreich. 2 1 7 

Dieser Achilles war auch ein guter Arzt, nach ihm heißt das Wundkraut 
das wir Schabab nennen, Achilleskraut. Auch die gothische Kriegsfrau 
Penthesileia kam dem Priamus zu Hilfe. Zu dieser Zeit lebte bei den 
Juden Samson, wie denn überhaupt manches Zeitalter überreich an Helden 
ist, und dann wieder in viel hundert Jahren niemand «recht sinnigs» ge- 
boren wird. 



n. Kleine Mittheilungen. 



Das Hamantfett in Limanowa (Gaiizien). 

Von Karl Wilhelm Hailama, Saybusch. 

Am letzten Faschings -Dienstag ist die kleine Bezirksstadt Limanowa, drei Meilen 
nächst Neu-Sandec, der Schauplatz einer eigenthümlichen Volksfeier. Das Hamans- auch Purimfest, 
sonst nur bei den Juden gebräuchlich (zur Erinnerung an den Tod Hamans, eines Günstlings des 
sagenhaften persischen Königs Ahasverus, welchen letzteren er zur Ausrottung der Juden bestimmen 
wollte, selbst aber durch Esther und Mardochai mit dem Tode am Galgen gestraft wurde), fand 
dort bei der christlichen Bevölkerung Eingang und wird am Faschingsschluss als eine Art Volks- 
belustigung gefeiert. 

Am Nachmittag versammeln sich an einem verabredeten Orte 30 bis 50 dem Handwerker- 
stände angehörende junge Burschen, maskirt, in Atlas-Kaftan und Pelzmütze (Tracht der orthodoxen 
Juden), welche Kleidungsstücke denselben von dortigen Israeliten recht willig geliehen werden. 
Ein für diesen Zweck vorbereiteter, aus Stroh verfertigter und in alte Lumpen gekleideter Mann 
(Haman) wird herausgeholt, auf einen kleinen Handwagen gesetzt, und nun beginnt der Umzug 
durch die Straßen. An einzelnen Orten bleibt die Grupp)e stehen, und es werden um den Wagen 
herum Tänze unter Begleitung einiger auf die Bedeutung der Feier bezüglicher Gesangstücke auf- 
geführt. Die Darsteller werden dann meist bewirtet oder bekommen kleine Geldgeschenke. Nach dem 
über eine Stunde andauernden Umzüge wird schließlich auf dem Ringplatze in der Nähe einer zu 
diesem Zwecke seit Jahren befindlichen Holzsäule haltgemacht, durch einen Ältesten die Anklage- 
schrift vorgelesen, sodann das Todesurtheil gefallt und unter Gesang und Jubel der Menge der 
Haman an der betreffenden Säule (Galgen) gehängt. Sodann wird die Figur abgenommen, wieder 
auf den Handwagen gelegt, und man fährt mit ihr zu dem vor dem Städtchen befindlichen Flusse, 
von dessen Brücke die Leiche des Stroh-Hamans in das Wasser geworfen wird. 



in. Ethnographische Chronik aus Österreich. 

1895. 

Ausstellung des Vereins für österreichische Volkskunde in Wien. Im 

Saale VI des k. k. österreichischen Museums für Kunst und Industrie ist zu Beginn des Monats 
Juli eine Ausstellung von österreichischen volksthümlichen Gegenständen, veranstaltet vom Verein 
für österreichische Volkskunde, eröffnet worden, um bis zum Spätherbst dem Wiener Publikum 
zugänglich zu bleiben. Zunächst als eine Aufstelhmg der bisherigen Erwerbungen unseres Vereins 
geplant, durch welche den Mitgliedern Gelegenheit geboten werden soll, die Sammelziele des 
Vereins im Einzelnen kennen zu lernen, ist durch die leihweise Überlassung wertvoller Serien volks- 
thümlicher Gegenstände seitens von Instituten und Privaten der Rahmen unserer Veranstaltung zu dem 
einer kleinen volkskundlichen Ausstellung erweitert worden, durch welche das Interesse für greif- 
bare volksthümliche Zeugnisse in weitesten Kreisen erweckt und befestigt werden mag. Keines- 
wegs ist dabei die Absicht zu Tage getreten — und bei der Kürze der Zeit und den äußerst be- 
schränkten Gelegenheiten konnte sie es wohl nicht — , hier etwa eine Probe- oder Mustersammlung 



2l8 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 



zu liefern. Indessen ist die Zusammensetzung der Sammlung von selbst eine derartige geworden, 
dass sie ungefähr die Hauptrichtungen erkennen lässt, nach welchen künftighin in systematischer 
Weise zu arbeiten sein wird. 

Die Ausstellung bringt zunächst die Sammlung des Vereins für österreichische Volkskunde 
(ca. 600 Nummern) zur öffentlichen Besichtigung. Seine Erlaucht Herr Landgraf Vincenz 
Fürstenberg in Enns hat eine größere Sammlung volksthümlicher Gegenstände aus der Ennser 
Gegend zur Verfügung gestellt, Herr Graf C. Lanckoröncki sechs Objecte aus Dalmatien und 
Krain, Herr Professor Dr. W. Neu mann vier Objecte, die Familie A. Pachinger in Linz eine 
Sammlung von oberösterreichischen Costümestücken, Herr Prof. K. Karger zahlreiche Costüme- 
stücke aus Böhmen und den Alf>enländern, Herr Director J. Pich 1er und Herr Militärlehrer 
J. Hofmann eine Sammlung aus Brunn am Steinfelde und aus Fischau. Von wissenschaft- 
lichen Instituten haben die anthropologisch-ethnographische Abtheilung des k. k. naturhistorischen 
Hofmuseums in Wien und das k. k. anatomische Institut volkskundliche Sammlungen leihweise 




Fig. 22. Das oberösterreichische «StübeU der Ausstellung. 



überlassen, und zwar die erstere Anstalt 62 Objecte, zumeist Masken für Volksschauspiele aus 
Salzburg und Tirol, letzteres bemalte Todtenschädel. Weitaus in der größten Mehrzahl beziehen 
sich die ausgestellten Gegenstände auf die deutschen Alpenländer, besonders auf Oberösterreich, 
wo der Unterzeichnete und Herr Cassier Fr. X. Größl Gelegenheit hatten, selbst aufzusammeln 
und Sammlungen zu erwerben. Mit lebhafter Befriedigung gedenken wir hier auch der edel- 
müthigen Schenkung einer bedeutenden 5)ammlung volkskundlicher Gegenstände aus Oberösterreich, 
die Herr Adolf Nunwarz in Urfahr dem Vereine zugewendet hat, wodurch der Versuch 
ermöglicht wurde, zwei oberösterreichische Bauernstuben in ihrer typischen Ausstattung einzurichten. 
Desgleichen ist die CoUection oberösterreichischen Schmuckes, zumeist in Silberfiligran -Arbeit, 
dem genannten Geschenkgeber zu verdanken. Von den übrigen Partien der Sammlung, welche 
eine typologische Aufstellung erfahren hat, dürfen wir hier die Sammlung von Bauchranzen 
mit Federstickerei, von Hauben und Hüten aus den Alpenländem, eine Collection von Bauem- 
stickereien, zumeist von slawischer Arbeit und Musterung, alterthümliches Herd- und Beleuchtungs- 
geräth, Fayencen aus Oberösterreich und Salzburg, Essbesteck, Zinngeschirr, sodann die Vitrine 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 210 

mit den cultlichen Objecten hervorheben, in welchen die bemahen und beschriebenen Todtenschädel 
eigene Erwähnung verdienen. Von großem Interesse ist auch eine Collection huzulischer und 
rutenischer Costüme aus Galizicn, welche neben den prächtigen Figurinen des Meraner Saltner 
und der Perchtentänzer vom Ober-Pinzgau zur Ausstellung gebracht worden sind. 

Die Beurtheilung, welche die kleine Ausstellung seitens berufener Kenner und der öffent- 
lichen Kritik gefunden hat, ist eine so freundliche gewesen, dass sich für die Fortsetzung des 
Unternehmens hoffentlich die nöthigcn Mittel und Kräfte zusammenfinden werden. Der nach- 
folgende Aufsatz unseres Ausschussrathes Herrn Prof. Dr. A. Riegl zeigt, wie wir künftig sammeln 
wollen und müssen, um ein dem heutigen Stande der Volksforschung angemessenes Museum vor- 
zubereiten und zu schaffen. Die erste Bedingung für eine wirklich ersprießliche Thätigkeit nach 
dieser Richtung ist die Beschaffung ausgiebiger materieller Mittel. Mögen sich die 
vielen Freunde des Volksthums zur glücklichen Losung unserer Aufgabe beizutragen bereit finden ; 
möge baldige ausgibige Hilfe nach dieser Richtung nicht ausbleiben! 

Dr. M. Haberlandt. 

Wie sollen wir sammeln? Der Hauptzweck, den die Ausstellung gegenüber dem 
Publicum erfüllen soll, beruht in der Absicht, überhaupt einmal zu zeigen, welcher Art die Gegen- 
stände sind, deren Sammlung und genauere Erforschung sich der Verein für österreichische Volks- 
kunde zur Aufgabe gesetzt hat. 

Freilich erscheinen diese Gegenstände, selbst in den allgemeinsten Kategorien gefasst, auf 
der Ausstellung keineswegs in erschöpfendem Maße vorgeführt. Die Ausstellung bietet vielmehr 
bloß Repräsentanten der einen Hälfte volksmäßiger Dinge, die wir als die «greifbaren» bezeichnen 
können. Es sind dies durchwegs Dinge, die aus einem todten Material zu menschlichen Ge- 
brauchszwecken gebildet erscheinen. Dagegen mussten diejenigen Hervorbringungen des «Volkes», 
die wir als geistige bezeichnen könnten, — also Producte der Sage und Dichtung, der Musik 
und des Gesanges — von der Ausstellung wegbleiben, da dieselben ihrer Natur nach nicht einer 
museumsmäßigen, sondern einer bibliotheksmäßigen Sammlung und Aufstellung zu unterziehen sind. 

Die auf der Ausstellung ausgelegten Gegenstände sollen also im engeren Sinne bloß 
zeigen, welche Dinge der Verein für österreichische Volkskunde in das von ihm zu begründende 
Museum aufzunehmen gedenkt. Hiebei muss nun sofort auf das Nachdrücklichste hervorgehoben 
werden, dass der Verein mit dieser Ausstellung nichts weniger als ein Muster für die Art des 
Sammdns und Conservierens dieser Dinge für alle Zeiten aufgestellt haben will. Indem wir die 
diesbezüglichen, dermalen schon aus der Natur der Verhältnisse unvermeidlich sich ergebenden 
Mängel im Nachfolgenden ausdrücklich hervorheben, glauben wir zugleich allen Freunden unserer 
Bestrebungen einen Fingerzeig zu geben, in welcher Richtung uns dieselben mit erhöhtem 
Nutzen unterstützen könnten. 

Die Vereinsleitung, welcher in den wenigen seit der Gründung verflossenen Monaten 
naturgemäß weder weiterreichende Verbindungen zu planmäßig vereinbarter Arbeit, noch nennens- 
werte Geldmittel zur Verfügung standen, musste sich in ihrer Sammelthätigkeit, so rührig dieselbe 
auch betrieben wurde, im wesentlichen darauf beschränken, entweder Geschenke einzusammeln oder 
bei sich darbietender Gelegenheit kleine Käufe vorzunehmen. In beiden Fällen blieb also die 
Erwerbung vom bloßen Zufalle abhängig: Man musste eben dasjenige nehmen, was sich zuerst 
darbot. Die unvermeidlichen, aber künftighin nach Möglichkeit zu vermeidenden Folgen waren 
folgende : 

1. Gewährt die Ausstellung nicht den richtigen Begriff von der topographischen Aus- 
dehnung des Sammelmaterials, das sich statutengemäß auf die ganze cisleithanische Hälfte der 
Monarchie erstrecken soll. Quantitativ überwiegen auf der Ausstellung die Gegenstände aus den 
Alpenländem, wie sich dies bei dem geschilderten Sammelmodus ganz logisch aus der geogra- 
phischen Lage des Sammelmittelpunktes Wien erklärt. Aus den nichtdeutschen, der internationalen 
Mode im höheren Maße entrückt gebliebenen Ländern sind dagegen gerade nur so viele Gegen- 
stände ausgelegt, dass die Vereinsleitung damit wenigstens ihren ganz ernsten Willen, auch diese 
Länder nach voller Gebür zu berücksichtigen, zum knappen Ausdruck bringen konnte. 

2. Vermögen auch die verhältnismäßig reicheren Collectionen, wie z. B. diejenigen aus 
Oberösterreich, kein genügend abgerundetes, einheitliches und vollständiges Bild vom dortigen 



220 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 



Überleben des Volksmäßigen, soweit dasselbe heute noch erkennbar ist, zu liefern, wiewohl die 
Bestrebungen der Vereinsleitung auch nach dieser Richtung (z. B. durch Versuche zur Schaffung 
geschlossener Interieurs) deutlich genug hervortreten. Ist solchermaßen ein entschiedenes Zuwenig 
zu constatieren, so ist die Ausstellung in umgekehrter Richtung auch von manchem Zuviel nicht 
freizusprechen. Mancher Beschauer wird darin Gegenstände entdecken, die ihm weniger den 
Stempel des Volksmäßigen, als denjenigen der internationalen Mode zur Schau zu tragen scheinen. 
Gerade nach dieser Richtung wird aber der Billige vorerst Nachsicht walten lassen müssen. Auch 
wir hätten lieber von vornherein strenge die Grenzen festgesetzt, welche das Volksmäßige vom 
Modemäßigen und Internationalen trennen. Wir haben uns aber überzeugt, dass in sehr vielen 
Fällen gerade diese Grenzen erst durch besondere eingehende Arbeit, d. h. eben durch jene 
Sammel- und Forschungsthätigkeit, die der Verein für österreichische Volkskunde sich zum Ziele 
gesetzt hat, in einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Weise abzustecken sein werden. 
Die kritischen Beschauer mögen daher vorläufig ihr Bedenken beschwichtigen, indem sie unserer 
Versicherung Glauben schenken : dass wir allen Ernst und Fleiß aufbieten wollen, auch hinsicht- 
lich der Grenzen des Volksmäßigen das Wahre und Richtige zu finden. 

3. Müssen wir freimüthig einbekennen, dass wir über die überwiegende Mehrzahl der aus- 
gestellten Gegenstände dermalen nur sehr mangelhafte Aufschlüsse zu geben im Stande sind. 
Wollten wir aber mit vollem Recht behaupten, dass wir die Gegenstände wirklich kennen, so 









Fig. 23. Die oberösterreichische Wohnstube der Ausstellung. 



müssten wir folgendes von ihnen wissen: a) die darauf bezüglichen technologisch-künstlerisch- 
wirtschaftlichen Umstände, d. h. die Antwort auf die Fragen woraus, womit und wie diese 
Dinge gemacht sind, h) die Umstände von eigentlich ethnographischem Interesse, d. h. die Antwort 
auf die Fragen wo, von wem und zu welchem Gebrauche sie gemacht sind. 

Erschöpfende Antwort auf diese Fragen hinsichtlich aller in das Gebiet des Volks- 
mäßigen einschlägigen Gegenstände zu bekommen, wird wohl der menschlichen Unvollkommenheit 
ein unerreichbares Ideal bleiben. Aber diesem Ideal mehr oder minder nahe zu kommen, liegt 
sehr wohl in unserer Macht. Der einzige Weg, der hiezu führt, ist derjenige, die Dinge unmittelbar 
am Orte ihrer Entstehung und ihres Gebrauchs aufzusuchen. Dort allein werden wir das Werden 
und die wissenswerte Geschichte dieser Dinge in einer befriedigenden und Zweifel und Irrthümer 
ausschließenden Weise kennen lernen; leider nur zu häufig wird sich selbst bei so streng wissen- 
schaftlichem Vorgehen die eine oder andere erwünschte Auskunft heutzutage als nicht mehr 
erreichbar herausstellen. Das vornehmste Ziel des Vereines, soweit es die Sammlung und Er- 
forschung der «greifbaren» Zeugnisse des Volksmäßigen betrifft, kann daher nur sein: das plan- 
mäßige Aufsuchen und systematische Beobachtung der einschlägigen Dinge an Ort und Stelle; 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 221 

und die nächste Vorbedingung zu seiner Durchführung: die Beschaffung der hiezu erforder- 
lichen Mittel. 

Ein Programm der Durchführung im Einzelnen zu entwickeln, wäre in dieser knapp- 
bemessenen Skizze naturgemäß nicht am Platze; den Anfang müsste hiebei unbedingt eine 
Auftheilung der in Betracht kommenden Ländergebiete in ethnographische Einheiten machen. 
Eines möge aber hier noch deutliche Betonung finden, um nicht Missverständnis zu erregen und 
die Freunde österreichischer Volkskunde und Gönner unserer Sammelbestrebungen nicht etwa in 
ihren Zuwendungen an das Museum erlahmen zu machen. "Wenn wir auch in dem Sammel- 
modus, der bisher eingeschlagen wurde, weil er eben der einzig mögliche war, nicht das zum 
Ziele führende Ideal eines .solchen zu erblicken vermögen, so soll ihm doch keineswegs damit 
alle Nützlichkeit abgesprochen werden. Zweifel und Irrthümer werden den durch ihn dem 
Zukunftsmuseum gewonnenen Gegenständen vielfach unvermeidlich anhaften ; aber die Irrthümer 
können durch die stetig fortschreitende Erkenntnis mit der Zeit ihre Correctur erfahren, und 
manches Ergebnis werden wir schon sofort als unmittelbare Wahrheit und Aufklärung verzeichnen 
dürfen. Zuwendungen an das Zukunftsmuseum sehen wir daher auch seitens 
der Freunde volkskundlicher Bestrebungen hinfort und in erhöhtem Maße 
entgegen, bitten die Einsender aber zugleich auch der im Vorstehenden knapp angedeuteten 
Fragen, die uns an den bezüglichen Gegenständen besonders interessieren, eingedenk zu sein 
und zu trachten, dieselben nach bestem Wissen und Gewissen beantworten zu können. 

Prof. Dr. Alois Riegl. 

6echosiawi8che ethnographische Aussteilung in Prag. Eine der großartigsten 
Veranstaltungen, welche auf dem Gebiet der Volksforschung bislang unternommen worden, ist 
in der Prager cechoslawischen Ausstellung, welche gegenwärtig in dem regsten Besuch den 
wohlverdienten Erfolg findet, glücklkh zustande gebracht worden. An 240 Regionalausstellungen, 
von denen eine Anzahl an dieser Stelle besprochen worden ist, haben den ungeheuren Reichthum 
vorbereiten helfen, der nun in endloser Fülle, allerdings ohne rechtes System und Ordnung, zur 
gleichzeitigen Besichtigung aufgestapelt ist. Die Vorarbeiten wurden seit dem Juli 1891 auf das 
emsigste und unverdrossenste betrieben, seitdem die Idee zur Ausstellung (das geistige Eigenthum 
des Directors des böhmischen Nationaltheaters F. A. Hubert) unter den berufenen Freunden und 
Erforschem des Volksthums gezündet hatte. Zahlreiche Sectionen und Ausschüsse, jüngere Fach- 
gelehrte wie Herr Dr. Lubor Niederle und Dr. Em. K o v A f haben sich in die ungeheure Arbeit 
des Aufsuchens, Auswählens und Ordnens der volksthümlichen Sammlungen getheilt, die kein 
Gebiet des Cechoslawischen Stammes unberücksichtigt lassen. Selten sind für volkskundliche Dinge 
so große Summen aufgewendet worden wie hier, wo allerdings die nationale Begeisterung mehr 
als das rein wissenschaftliche Interesse mitgesprochen haben. Indessen hat jede Wissenschaft und 
so auch gewiss die unsere, die stärkste Veranlassung, sich um einflussreiche Bundesgenossen 
umzusehen. Wie viel bei solcher Mithilfe in kurzer Zeit zustande kommt, zeigt die Prager Aus- 
stellung in geradezu erstaunlicher Weise. 

Das ethnographische Material der Cechoslawischen Ausstellung bietet sich dem Besucher 
in dreifacher Art dar. Im ethnographischen Hauptpalast ist die museale Darstellung des 
&chosla wischen Volksthums gegeben, im Ausstcllungsdorf ist die Wohnweise und das 
äußere Leben der Cechischen Bevölkerung mit künstlerischen Mitteln abgebildet und in einer 
großen Reihe von volksthümlichen Veranstaltungen, wie Hochzeitsaufzügen, Spielen, 
Tänzen, Dorffesten u. dgl. m., wird das Volksleben selbst in seiner charakteristischen Äußerung 
zur Anschauung gebracht. Da dem in Aussicht stehenden wissenschaftlichen Bericht über die 
Ausstellung aus der Feder des Herrn Dr. Wilhelm Hein nicht vorgegrifllen werden soll, sei hier 
nur in aller Kürze eine Übersicht über das vorgeführte Material dargeboten. Im ethnographischen 
Palast beanspruchen die Hallen der Volksstickereien und Volkstrachten, sowie die Ausstellung der 
Volksgebräuche («Königsspiel» = jfzdu kralü oder honCni krdle, «Kunkelschmaus» = pMstky, 
«Brautwerbung» = nämluvy, Betlemdfi, «Todaustragen» u. s. w.) ein her\'orragendcs Interesse. 
Hieran schließen sich die zahlreichen Regionalabtheilungen, welche den typischen Charakter 
des betreffenden Gebietes zum Ausdruck bringen sollen — eine schwer durchführbare Aufgabe, 
welche überdies den gemeinsamen volksthümlichen Besitz, der weitaus überwiegt, auf Kosten 
localer Besonderheiten ohne Belang in den Hintergrund schiebt. Wir finden in solchen Special- 
ausstellungen vertreten das Riesengebirge, das Isergebiet, das Elbegebiet, Centralböhmen, Ostböhmen, 



2 22 Literatur der österreichischen Volkskunde. 

Nordwestböhmen, die Pilsner Gegend, das Chodengebiet, das Böhmerwaldgebiet, die ungarische 
und mährische Slowakei, die Walachei, das Gebiet der Lachen, die Hanna, die Brünner Gegend 
und endlich die Horaken. In den meisten dieser Regionalausstellungen ist durch Einrichtung 
vollständiger Wohnstuben der bäuerlichen Bevölkerung gebührend Rechnung getragen. 

Im Ausstellungsdorf sind die Typen der ländlichen Siedel- und Wohnweise, wie 
sie auf dem ^echoslawischen Sprachgebiet zur Beobachtung kommen, in eigens errichteten Bauem- 
gehöften und Hütten zur Anschauung gebracht. Es sind dies der Reihe nach die slowakische 
Chaluppe, das Holzhaus der Horaken, ein hannakischer Bauernhof, der Troppauer Hof, die Lachen- 
Teschencr Chaluppe, das schlesische Wirtshaus (Harenda), die Oraver Chaluppe aus dem gebii^g- 
sten nördlichen Theil der Slowakei, die armselige Kopani&irenhütte, die Cidmaner Wirtschaft, in 
welcher ein nordslawischer Communalbau, ähnlich den südslawischen Hauscommunionen (zadrugas) 
vorliegt, das Blatter Bauerngut, die JaromSirer Chaluppe, der Chodenhof, endlich eine Zahl typischer 
Bauten wie die Schmiede, das Fischerhaus, die alte cechische Mühle, das Dorfkirchlein u. s. w. 
Überall ist Raumdisposition, Größe und Gruppierung der Bauten, sowie deren innere Eintheilung 
und Einrichtung vollständig der Wirklichkeit nachgebildet, in vielen Fällen sind einheimische 
Bauern die Erbauer dieser urwüchsigen Hütten und Gehöfte. 

Das dechische Volksleben wird außerdem durch eine große Reihe von volksthümlichen 
Veranstaltungen im großen Amphitheater der Ausstellung illustriert, deren Programm zum Theil 
(für Mähren) bereits an dieser Stelle mitgetheilt worden ist. 

Eis sei hier noch erwähnt, dass ein Katalog der Ausstellung in ^echischer Sprache, sowie 
ein Führer (Vilimek's Führer durch die cecho-slaw. ethnogr. Ausstellung, Preis 30 kr.) in deutscher, 
&chischer und französischer Sprache aufliegen. 

Es ist zu wünschen, dass der Besuch der Prager Ausstellung von Seiten der Volksforscher 
ein möglichst reger sei, damit einerseits die ungemein günstige Gelegenheit, den slawischen Volks- 
besitz in seiner ganzen Ausdehnung kennen zu lernen, gehörig benützt werde und damit anderer- 
seits die wissenschaftliche Vergleichung und Kritik vieles volksthümliche Gut, das ungenügende 
Kenntnis für den &choslawischen Stamm in Anspruch nimmt, als das erkenne und erweise, was 
es ist, nämlich als einen durchgängigen Besitz der mitteleuropäischen ländlichen Bevölkerung, die 
in ihrer Lebensausstattung mehr von den vielfach identischen Wirtschafts- und Productions- 
verhältnissen der bäuerlichen Lebensstufe als von nationalen oder gar nur sprachlichen Besonder- 
heiten abhängt. 

Der Bericht des Herrn Dr. W. Hein über die Ausstellung folgt im neunten Hefte. 

Dr. M. Haberlandt. 



IV. Literatur der österreichischen Volkskunde. 



27. Joseph Hiller: Au im Bregenzerwald 1390—1890. Bregenz, im Selbst- 
verläge des Verfassers (in Commission bei J. N. Teutsch). 271 S. 

In der Osterwoche 1390 wurde die von der cGcpurschaft in den Owen» gestiftete Pfarre 
von dem damaligen Grundherrn Graf Rudolf von Montfort bestätigt. Demnach konnte die Pfarre 
Au im Bregenzerwald im Jahre 1890 das seltene Fest ihres 500jährigen Bestandes feiern. Dies 
bot Anlass zu der vom Ortspfarrer verfassten, uns vorliegenden Denkschrift, die ihrem Zwecke 
und Charakter nach die kirchlichen Verhältnisse von Au am ausführlichsten behandelt. Doch 
sind selbst diese Mittheilungen» zu denen der Verfasser den Stoff aus Mangel einer Pfarrchronik 
mit wahrem Bienenfleiße aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen hat, bei dem be- 
deutenden Einflüsse des religiösen Culturelementes auf den Volkscharakter und Lebensweise von 
nicht geringem volkskundlichem Interesse, und es wäre nur zu wünschen, dass die Geistlichkeit 
allerorts dem Beispiele Hillers folgen und die in Pfanarchiven verstaubten Schätze heben und 
der Forschung zugänglich machen würde. 

Weit über das locale Interesse aber erhebt sich Hillers Schrift dadurch, dass er alle 
Culturelemente, welche das weltfremde Dorf seit Jahrhunderten beeinflusst haben, in den Kreis 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 223 

seiner Betrachtung zieht und so u. a. über die Besiedlung des inneren Bregenzerwaldes, über Tauf- 
und Geschlechtsnamen, über Wohnstätten und Volkstracht, über Beschäftigung und Erwerbsquellen, 
über Sprache und Mundart, über alte Rechtsverhältnisse (den eigenartigen «Landsbrauch»), über 
Sitten und Gewohnheiten Aufschlüsse crtheilt, die vielleicht geeignet sind, das Auge des Forschers 
auf einen Landestheil zu lenken, der der Volkskunde reiche Ausbeute verspricht. 

Es dürfte sich nämlich wohl kaum in einem Landestheile Österreichs deutsche Art und 
Sprache seit der etwa um 1200 erfolgten Besiedlung durch Alemannen aus der Bodenseegegend 
und aus dem Algäu so unverfälscht und unvermischt erhalten haben, wie in dem erst jetzt dem 
Weltverkehr sich mählkh öffnenden Bregenzerwalde. Darum erscheint alles bedeutsam. Die 
Sprache, die H. im Anschlüsse an Dr. Perathoners Arbeit «Über den Vocalismus einiger Mund- 
arten Vorarlbergs» zu charakterisieren versucht, gemahnt nicht nur an die des Nibelungenliedes, 
sondern mit ihren vollen Endsilben ^feando == finden, beando = binden) geradezu an die ahd. 
VocalfüUe. Die alte Volkstracht, an der die Wälder zähe festhalten, erweist sich als außer- 
ordentlich kleidsam und wird hierin nur von der des Bemer-Oberlandes übertroffen. Das Krönchen 
aus Filigranarbeit, das die Mädchen (Schmelgen) an Feiertagen mit Scidenbändem auf dem Haupte 
befestigen, heißt heute noch «Schapel», ein Schmuck, der bekanntlich bereits die Jungfräulein in 
Rüdigers Burg zierte (Nib. 1655, 3). Das Wälder Bauernhaus trägt den alemannisch-schweizerischen 
Charakter und erfreut durch die Stattlichkeit des mächtigen Holzbaues mit seinen trauten Lauben 
ebensosehr, wie durch die musterhafte Reinlichkeit. Die Kirchen haben, wohl zum Schutze gegen 
Schneewehen, Vorbauten, «Vorzeichen» genannt, ein Wort, das lautlich mit dem lateinischen 
«porticus» übereinstimmt. Die wenigen mitgetheilten Sagen halten den Wodansglauben fest 
Cs Muotas = die wilde Jagd) und haben für den Teufel die uralte, euph. Bezeichnung «Vizotum» 
(vicedominus). 

Eine wertvolle und sehr dankenswerte Beigabe des verdienstvollen Buches, das übrigens 
laut Schlussbemerkung auf streng wissenschaftliche Behandlung keinen Anspruch erhebt, sondern 
nur eine (sehr reichhaltige) Materialiensammlung sein will, sind die zahlreichen Bilder (39), unter 
denen wieder die Trachtenbilder und photographischen Aufnahmen charakteristischer Baulichkeiten 
ganz besonders hervorragen. Prof. J. Wichner. 

28. „Alt- Wien". Monatsschrift für Wiener Art und Sprache. Herausgegeben von 
Leopold Stieböck. IV. Jahrgang. Wien, bei Gilhofer und Ranschburg. 

Es ist ein eigenthümlicher Charakterzug der Österreicher, dass sie sich gegen jede ein- 
heimische Erscheinung durch die leisesten Einwände Unberufener Misstrauen einflößen lassen und 
— darnach auch handeln. Neben den vortrefflichen Publicationen des Vereines für Landes- 
kunde von N.-ö und des Wiener «Alterthums- Vereines« erfüllt die obgenannte Zeitschrift den ganz 
besonderen Zweck, heute, während des Überganges des alten Wien in ein «Groß-Wien» inbezug 
auf den Ausbau der Vororte, inbezug auf das geschäftliche Treiben und überhaupt auf die ganze 
Eigenart und Sprache, das altere Wien den steten Neuerungen vergleichend gegenüberzustellen. 
Die Illustrationsbeilagen werden noch nach Jahrzehnten — vielleicht Jahrhunderten — als mitunter 
einzige Darstellungen abgetragener historischer Bauten u. dgl. hervorgesucht werden. Hoffentlich 
wird, weil Referent ein paar sprachliche Aufsätze in dieser Zeitschrift uneigennützig veröffentlicht 
hat, ihn ob dieser Zeilen niemand als Cicero pro domo verschreien. Außerordentlich wichtig sind 
die von Rud. Prisching redigierten Beiblätter «Wiener Stimmen», welche eine Übersicht 
über alle von den Wiener Blättern gebrachten Nachrichten über Theater und Literatur (auch 
Musik) erbringen. Die von F. A. Bacciocco redigierte Beilage «Elegante Weh» sorgt in 
geschmackvollster Weise für gediegene belletristische Unterhaltung. 

Diese Zeitschrift, welche vom Herausgeber mit vollster Unabhängigkeit und anfängHch 
mit großen materiellen Opfern aus wohlverstandenem Interesse für die wichtige Sache nun schon 
im vierten Jahrgange herausgegeben wird und sich langsam Bahn gebrochen hat, verdient die all- 
gemeine Theilnahme der gebildeten Wiener und aller jener, die sich für Wien interessieren. 

Dr. J. W. Nagl. 

29. Vollständiges Ortschaften -Verzeichnis der im Reichsrathe vertretenen 
Königreiche und Länder nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 31. December 1890. Nebst 
vollständigem alphabetischen Namensregister. Herausgegeben von der k. k. statistischen Central- 



224 



Literatur der osterreichischan Volkskunde. 



CommissioB in Wien. Wien, 1892. Alfred Holder, k. u. k. Hof- und Universitäts-Buchhandler. 
I. Rothenthurmstraße 15. Lex.-8«. VI, 658 S. 

Abgesehen davon, dass man nach dem Ortschaften- Verzeichnis die Bevölkerungszahlen 
der einzelnen Ortschaften, Bezirke, Königreiche und Länder rasch nachschlagen kann und außerdem 
in ihm ein verlässliches Hilfsmittel für das Studium der politischen Eintheilung unserer Monarchie 
besitzt, müssen wir in diesem Werke die einzige maßgebende Autorität für die Schreibung 
der Ortsnamen erblicken, die namentlich in den gemischtsprachigen Bezirken außerordentlich 
schwankt. Wir müssen es lebhaft bedauern, dass nicht nur die von gelehrten Gesellschaften in 
deutscher Sprache herausgegebenen Veröffentlichungen je nach der Nationalität der Autoren eine 
verschiedene Schreibung aufweisen (da findet man SuSic statt Schüttenhofen, Pferov statt Prerau, 
Novy Jiiin statt Neutitschein u. s. w.), sondern auch das «Hof- und Staats-Handbuch der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie» in der Schreibweise wechselt. Selbst die Poststempel leisten 
oft Unglaubliches, sogar in rein deutschen Orten, wie die Stempel «Stokerau» statt «Stockerau», 
cSekkau» statt «Seckau» beweisen. Freilich muss anerkannt werden, dass auch die Ortsnamen, 
sowie die Sprache einer langsamen naturgemäßen Veränderung unterliegen, wie man sich leicht 
überzeugen kann, wenn man die frühere Auflage des Ortsverzeichnisses mit der jetzigen vergleicht ; 
aber man sollte doch zum mindesten in deutsch geschriebenen Veröffentlichungen die jeweilig 
behördlich festgestellte deutsche Schreibweise befolgen, um den sonst unvermeidlich eintretenden 
Inconsequenzen zu entgehen. Das ist Sache der Redaction und nicht des Autors, der ja in vielen 
Fällen den deutschen Namen einer Ortschaft gar nicht weiß.*) 

Es wäre nur im Interesse der Wissenschaft gelegen, wenn auch die übrigen Körp)er- 
schaften, vor Allem die k. k. Centralcommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und 
historischen Denkmale und die Anthropologische Gesellschaft in Wien, sich diesem Vorgange an- 
schließen würden. Dr. Wi 1 h. Hein. 

30. A. Hartleben'S statistische Tabeiie über alle Staaten der Erde. HI. Jahrgang, 
1895. Ei° großes Tableau (70/100 cm). Gefalzt 30 kr. Wien, Pest, Leipzig. A. Hartleben*s 
Verlag. 1895. 

Diese auf Grund der letzten Volkszählungen und jüngsten Erhebungen angelegte Tabelle 
gibt die wünschenswerten geographisch-statistischen Angaben über alle Staaten der Erde in alpha- 
betischer Reihenfolge. Die einzelnen Rubriken enthalten: Staatsoberhaupt, Thronfolger, Flächen- 
inhalt, Bevölkerung, Dichte der Bevölkerung, Staatsfinanzen (Einnahmen, Ausgaben, Staatsschuld), 
Handelsflotte, Handel (Einfuhr, Ausfuhr), Eisenbahnen, Telegraphen, Postämter, Wert der Landes- 
münzen, Gewichte, Länge- und Flächenmaße, Hohlmaße, Armee, Kriegsflotte, Landesfarben, 
Hauptstadt und wichtigste Orte mit Einwohnerzahl. Österreich ist besonders genau behandelt: 
Die sämmtlichen Königreiche und Länder der österreichischen Monarchie sind nach den oben 
angegebenen Rubriken auch einzeln durchgeführt, wodurch eine rasche Orientierung über die 
wichtigsten statistischen Fragen selbst im Detail ermöglicht wird. Dr. Wilhelm Hein. 

Schluss der Redaction: 20. Juli. 



*) Die Redaction der «Zeitschrift für österreichische Volkskunde» erklärt 
hiemit, dass für sie ausschließlich die im neuesten Ortschaften- Verzeichnis gegebene behördliche 
Schreibweise maßgebend ist und dass sie diese, wie bisher, strenge durchführen wird. 



225 



L Abhandlungen. 



^ 



Zur Egerländer Wortforschung. 

Ein kleiner Beitrag za einem Egeiländer Worterbaclie. 
Von J. Neubaaer, Elbogen. 

Im Nachfolgenden bringe ich zur Vermehrung meines anderwärts 
schon beigebrachten Materials zu einem «Egerländer Wörterbuche» 
(«Altdeutsche Idiotismen der Egerländer Mundart,» Wien, 1887, «Beitrag 
zur Erforschung der Egerländer Mimdart,» Erzgebirgszeitung, 1889, 
X. Jahrg., Heft 10 und 11, «Die Fremdwörter im Egerlande,» Mitth. d. 
Vereines f. Gesch. d. Deutschen in Böhmen, 1889, XXVII. Jahrg., 2. Heft, 
«Die Bezeichnungen des menschl. Korpers und seiner Theile im Eger- 
lande» und «die im Egerlande benannten Pflanzen,» Bayerns Mundarten, 
München, II. etc.) eine Reihe von Wörtern aus dem Sprachschatze des 
Egerländers mit kurzen Angaben der Ableitung, der Bedeutung und des 
Gebrauches. Ich traf die Auswahl von keinem besonderen Gesichtspunkte 
aus, sondern schrieb die Wörter auf, wie sie mir nach xmd nach beifielen. 
Es erschien mir nicht überflüssig, bei einzelnen, wenn sie sich in der- 
selben oder in annähernder Form oder Bedeutung in anderen Dialecten 
fanden, kurz darauf hinzuweisen. Vergleiche in dieser Richtung anzu- 
stellen, ist immer belehrend und anziehend. Die Orthographie ist die von 
Gradl eingeführte; ich verweise in dieser Beziehung nur auf die «Eger- 
länder Briefe» in der «Egerländer Zeitung» 1883 und erwähne nur, dass 
das ä für das dumpfe zwischen a und o zu sprechende a gebraucht ist 
und dass die über der Schreibzeile stehenden kleinen Buchstaben nicht 
deutlich, sondern fast verschwindend, sp, st, sk immer aspiriert gesprochen 
werden sollen. 

Die Abkürzungen bedeuten: 
Adelg. — Joh. Chr. Adelung, Wörterbuch der hochdeutschen Mundart 

mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, 1808. 
Grr. Wb. — Grimmas deutsches Wörterbuch. 

Kn. — F. Knothe's Wörterbuch der schles. Mundart in Nordböhmen, 1888. 
Lex. — Lexer, Kärntisches Wörterbuch, 1862. 

Lex. Mhd. Wb. — Lexer, Mittelhochdeutsches Wörterbuch, 1872 — 78. 
Schm. — J. A. Schmeller, Bairisches Wörterbuch, 1827 — 37. 
Schmid — J. Chr. v. Schmid, Schwäbisches Wörterbuch, 1831. 
Stald. — E. J. Stalder, Versuch eines Schweizerischen Idiotikons, 1806. 



äan-tauchn v., mit großer Kraft andrücken, anstemmen, mit Kraft an 
etwas gehen, vom mhd. diuhen, tiuhen, drücken, schieben, ein-, 
niederdrücken, Lex. Mhd. Wb. I., 442 ; in derselben Bedeutung wie 
im Egerländischen das kärntische tauch* n, Lex. 54; ebenso bairisch, 
Schm. L, 360; nordböhm. hingegen = leise berühren, Kn. 173. 

Zeitschrift ittr österr. Volkskunde. I. I5 



226 Neubauer. 

Äa°z eichen n., Anzeichen, mit dem man ein Zeichen, ein Klopfen oder 
ein anderes Geräusch, Thüröflfhen und Thürzuschlagen u. ä. meint, 
durch welches nach dem Volksglauben Sterbende im Augenblicke 
ihres Verscheidens dieses ihren Freunden und Bekannten anzeigen; 
Vgl. Gr. Wb. I., 524: omen, Adelg. I., 406: Zeichen einer künftigen 
Begebenheit. Bei Kn. 66: Özachen in unserer Bedeutung. 
Schweizerisch: gnaden, abgnaden oder künden, ein Anzeichen 
in unserem Sinne geben, Stald. I., 458, IL, 143. 

Ächzig h, Ächzaty., Wasserleitung, Abzugsgraben. Wahrscheinlich aus 
dem lat aquaeductus, franz. aqueduc. Schweiz. Ackt, Ackten/-» 
Stald. L, 89; Ozucht bei Kn. 54; vgl. Abzucht in Gr. Wb. L, 
160, Adelg. I., 141. 

äia'^n v.y ehren, dann häufiger in ironischer Bedeutimg : ausschelten, aus- 
schimpfen. Dean howi g'äia'^t! — den habe ich ausgescholten! 
In der zweiten Bedeutung, deren Gebrauch häufiger als die erste, ja 
ein ganz gewöhnlicher ist, fand ich das Wort in keinem anderen 
Dialecte. 

ärli adj,, sonderbar, eigenthümlich. Bin du (doch) nea°t sua ärli! — 
sei doch nicht so sonderbar! sagt man oft, wenn man jemandem 
etwas gibt und er sich ziert, es zu nehmen. Vgl. artlich im Gr. 
Wb. L, 575, artig in Adelg. L, 442, bei Schmid 26, artig und 
artlich bei Schm, I., iii, ärtlich, ortlich bei Kn. 68 in der- 
selben Bedeutung; ärtla bei Lex. 9 sonderbar, garstig, ekelhaft, 
besonders von Speisen; Schweiz, artig heimtückisch, schlau, listig 
(von Menschen), unbegreiflich, schlecht, hässlich (von Sachen) 
Stald. I. III. 

ärln, näu-ärln«f., bei der Ernte nachlesen. — Ärlträi, das durch 
Nachlese zusammengebrachte Getreide. Arme Weiber, die nachlesen 
und welche so häufig auf den Feldern der Egerländer Bauern zu 
finden sind, nennt man Ärlweiwa. Vgl. ähren, nachähren in 
Adelg. L, 189. 

Armatei yi, Armut; ebenso schwäbisch Schmid 27, Armedey bei 
Schm. I., 107; es scheint aus der alten Form aramuott entstellt zu 
sein; vgl. Gr. Wb. I., 562, Adelg. I., 436. 

Aszöhring /*., Auszehrung, allgemeine Bezeichnung für Schwind- 
sucht. Vgl Gr. Wb. L, Adelg. L, 672; Schweiz. Abnehmend «., 
Stald. n., 234. 

Äuahülla m., Ohrwurm, Forficula Auricularia. Vgl. Ohrhöhler bei 
Adelg. in., 603; kämt. Oar'nschliefer, Lex. 220, schwäb. Ohren- 
fizler Schmid, 193, bair. Ornmückel, Ornhell, Schm. IL, 550, 
Orenhöhler, Schm. II., 173. 

Ba-Ladl »., Beilädchen, ein kleines Seitenlädchen in einer großen Lade, 
Truhe; in ihm werden die Kostbarkeiten, das Geschmeide etc. der 
Mädchen und Frauen aufbewahrt. In Nordböhmen Bei kastei n.j 
Kn. 84. 



Zur Egerländer Wortforschung. 227 

Pfitschapfal m., PfeiL Der erste Theil des Wortes ist lautmalend. 
Vgl Schm. I., 326; Pflitschpfeil Schmid 63; Fitschepfeil, 
Flitschepfeil Kn., 220, 226. 

Biwastäuntschn! plur., Biberpfoten; ein derber Abfertignngsausdruck. 
Man begnüget sich auch» wenn man die Sache nicht so kräftig machen 
will, mit der ersten Hälfte dieses Compositums, dem einfachen Biwas! 
Täuntschn fiir das gewohnlichere Täutschn — Pfote, Pfoten. 
Zur Erklärung dieses Idiotismus sieh meine «Altd. Idiotismen», 49. 

bläid adj'., schüchtern, namentlich von einem Menschen, der bei fremden 
Leuten sich nicht getraut zu essen. Stehende Redensart: Bin du 
(doch) nea"t sua bläid u iss! oder: Thou nea"t sua bläid u 
läng z o u I . Als synonym gilt in dieser Beziehung auch ä r 1 i 
(s. oben). Mhd. bloede, zerbrechlich, schwach, zaghaft. Lex. Mhd. 
Wb. I., 311; vgl. Gr. Wb. IL, 138, 139, Adelg. II., 1081, 1082, 
Schwab, blitt Schmid, 77; bei Lex. 32 a pleader Mensch, ein 
langsamer Mensch. 

bläschn, pläschn v., sich im Wasser mit kräftigen Bewegungen der 
Füße und Arme herumschlagen ; vom Auffallen eines starken Regens ; 
die erste Bedeutung ist figürlich verwendet in der Redensart: 
Dea*^ haut z'pläschn, z. B. von einem Landmanne, der nur mit 
großer Mühe sein Hauswesen erhält, oder von einem, der sich in 
etwas eingelassen hat, was er nur mit schwerer Mühe und großem 
Kräfteaufwand bewältigen wird. Vgl. plätschn bei Lex. 30.* 
Stald. L, 182, Kn. 138, blaschn bei Schm. I., 239. 

Böiasuppm /., Biersuppe, der Kindtaufschmaus; in anderen Gegenden 
dafür: Kindlbier. Vgl. Gr. Wb. IL, 2, Adelg. L, loii. Die 
Bezeichnung rührt wohl davon her, dass man ehemals der Familie, 
in welcher eine Kindtaufe stattfinden sollte, das Recht einräumte, 
zum Taufschmause Bier zu brauen. 

Bräisrl «., Brosame, dann zur Bezeichnung von: wenig, ein Bisschen. 
Dea*^ g'siaht kean Bräisrl — der sieht gar nicht. Ebenso 
Schweiz. Bröseli, Stald. L, 231, schwäb. Schmid I., 100; vgl. Gr. 
Wb. II., 398, Lex. 43, Schm. L, 265. — Va-bräisln z^., zerbröckeln, 
nicht bloß vom Brote, sondern von verschiedenen Dingen, vergeuden 
auf langsamem Wege. 

Brau°ellny. Der Wiesenknopf, Sanguisorba officinalis, eine sehr ge- 
schätzte Wiesenfutterpflanze. Bei Schm. L, 259, die schwarze Stendel- 
wurz (Satyrium nigrum), Schweiz. Brändli, Stald. L, 216, ebenso bei 
Kn. 107 Braunäle, Braunelle, Brunelle; bei Adelg. L, 1220 
Braunelle, Brunelle: Braunwurz (Prunella), dann eine Pflaumenart, 
und Brunelle Name für mehrere Vögel, in Gr. Wb. 11., 326 
Braun eile der Zaunschlüpfer (Motacilla). Das Wort stammt vom 
mlat. brunella, vom ahd. brun, braun. 

Tau m,, Thau. Redensart: Käan kölla Tau, kein kühler Thau — 
nicht das allergeringste, oder bei Vergleichen : Dös is käa" kölla 
Tau dagegn! Bair. in demselben Sinne, Schm. L, 418. 



228 Neubauer. 

Ding «., wie im Schriftdeutschen, dann Scheltwort für weibliche Personen. 
Es kann auch in der Rede jedes andere Wort, das einem nicht gleich 
beifallt, ersetzen. Es wird auch in adverbialem Sinne gebraucht, 
wenn man um die Ursache von etwas oder um die Beweggründe zu 
einer Handlung gefragt wird und man nichts Rechtes weiß oder sagen 
will: no° Dingl — nun so! — Dingrl n. in: Nea"t a Dingrl, 
nea"t'sDingrl! — nicht das Geringste, gar nichts! Vgl. Gr. 
Wb. IL, 1162, Stald. L, 283, Lex. 62, Schm. L, 381, Kn. 157. 

träistli adv.y sehr oft gebraucht in der Bedeutung von: sehr. Ich 
wäa*^ träistli z'friedn. Ebenso Schweiz, trostli, Stald. IL, 310; 
Schwab, trostle, sicher; allgemach, Schmid, 142, bair. trostlich, 
voll guten Muths, trostlich essen, sich's schmecken lassen 
Schm. L, 501. 

treu adj\, Man versteht hauptsachlich nur den Begriff des Ehrlichen, 
Redlichen darunter und nennt so eine Person, die sich nicht fremdes 
Gut aneignet, der man solches anvertrauen kann, die nichts veruntreut. 
Am öftesten wird dies Wort in Bezug auf die Dienstboten, aber 
in dem angegebenen Sinne, gebraucht. Vgl. dazu Adelg. IV., 673. 

Fank'l «., soviel wie Fünkchen, ein wenig, ein Bisschen. Dea*^ haut 
nea"t a Fank'l Vaständ! Mhd. vanke w., Funke, Lex. Mhd. 
Wb. IV., 19, Vgl. Fanken, Fänkelein (Fankel) bei Schm. L, 
543 in derselben Bedeutung, Fankel in Gr. Wb. III., 13 17. 

Feechy., in der Redensart: Dös is a Feech oder Döi ho^m a Feech 
m i t a n ä n a ! Lärm, unfriedliche Auseinandersetzung, Streit ; eine un- 
angenehme verwickelte Sache, die mehrere miteinander haben. Schweiz. 
G'fäch, lärmende Bewegung, vorzügUch von Kindern, Stald. L, 349. 
Zu Fege, fegen, s. Adelg. IL, 70; Gr. Wb. III., 141 2. 

fei" adv., ein Bekräftigungspartikel, verstärkt den durch das Adjectiv 
oder das Verb ausgedrückten Begriff oder hebt ihn als etwas Un- 
erw^artetes hervor. Dös is fei" schäi"! Ea*^ haut fein g*reint! 
(geweint). Ebenso bair. Schm. L, 534, kämt. Lex. 92, nordböhm. 
Kn. 214; vgl. Gr. Wb. IIL, 1455 ff. 

voUa adj\, voll, außer der eigentlichen Bedeutung: schmutzig, beschmutzt: 
Da"Ruak is volla! — Dubist volla, hält, lau di o-wischn! 
Volla-, vollmäch n, .sich beschmutzen, Ebenso bei Kn. 532. 

völla, völlafua't, adv., stets, immer, in einem fort. Ebenso bair. 
völlig (velli), immer, stets, völligfurt, immerfort, Schm. L, 628. 

Füa'schlog tn,, bei der Peitsche die kleine dickere Schnur zwischen 
dem Lederriemen und der feineren das Knallen der Peitsche (Plätzn) 
bewirkenden Endschnur. Redensart : d'Füa^^schlöghplätzn nea"t 
heißt im übertragenen Sinne: die Vorsätze des Menschen werden 
nicht (immer) ausgeführt, mit den Vorsätzen allein ist es nicht gethan. 

glanzli adj\, zart, schwächlich von Aussehen. Dös Kind is owa 
glanzli! — Kämtn. glänz, fein, zart, aber meist vom Holze, 
Lex. 115. 



Zur Egcriänder Wortforschung. 220 

gl au, glaube ich, wird als Flickwort verwendet, deutet aber nicht 
eine einzelne Meinung an, sondern bezeichnet eine auf eine allgemeine 
Ansicht gegründete Behauptung. Dea*^ haut glau g'stuln, — 
will sagen, dass man allgemein überzeugt ist, dass er gestohlen hat. 
In der Stadt gebraucht man statt dieses glau — hör' ich. 

gleich adj\, in der schriftdeutschen Bedeutung. Als Adverb heißt es 
gl ei, schnell, auf der Stelle, geschwind. Glei künst (kommst) 
hea*^ za mia*^! aber: doia zwäa Blämla (Blumen) san" gleich. 
Auch Schweiz, wird gleich und gly, kämtn. gileiche und glei 
unterschieden, Stald. L, 452, Lex. 115; vgl. Schm. IL, 425. 

glimpfli, adj\, zart, sanft, gut. Dös is a glimpflis Kind! — Döi 
Geschieht is nu glimpfli o-g'loffm! — Mhd. gelimpfec, 
angemessen, schonend, nachsichtig, Lex. Mhd. Wb. L, 818. S. Adelg. 
II., 724, 725. Schweiz, glimpfig, weich, zart bei Stoff liehen Dingen, 
Stald. L, 454; bei Schm. IT., 469 glimpflich, competent, zustandig, 
gebürlich, anständig. ' 

G'merk «, Gedächtnis. Vgl. Adelg. IL, 553, Seh. 11., 619. 

gout thou°, brav sein, sich g^t aufführen, folgen. Ebenso Schweiz. 
Stald. L, 503. 

G'schirr »., g'schirrn v., in der Zusammensetzung as-g'schirrn. 
Redensart: as'n G'schirr gäihn, as-g'schirrn, zunächst vom Zug- 
vieh, das von selbst aus dem Geschirre kommt oder von dem Geschirre 
befreit wird, gebraucht und übertragen: aus der Gewohnheit oder 
vorgeschriebenen Ordnung fallen, bei einer Sache nicht mehr mitthun. 
Schweiz, ausgeschirren, sich mit jemandem entzweien, zerfallen, 
Stald. IL, 320. Bei Schm. III., 393 aus dem Geschirr schlagen, 
aifs der Art schlagen. 

Guckrl »., in der Kindersprache das Feuer, wahrscheinlich, weil dies 
zuerst und zumeist die Aufmerksamkeit der Kinder erregt, ein ganz 
besonderer Gegenstand für sie zum Anschauen — Angucken ist — 
Dann ein kleines Fensterchen zum öffnen ; Dachfenster. Bei Stald. L, 
491 Guggehre, Guggöhref. Dachfenster, Dachlucke; Guggerli, 
Guggi, kleines Perspectiv. Schwab. Gucker m., kleine Fenster- 
öffnung, Gugelein, ein Loch, durch das man sehen kann, Gugöhr «., 
Dachöffnung, Schmid 218. Bei Kn. 274 Guckeria, kleines Fenster ; 
bei Schm. IL, 27 Gugkel, Fensterchen, Perspectiv. 

Ha (Heu), in der Redensart : Ea*^ is sua dumm, dass a Ha frisst, — 
oft mit dem Zusätze: u Sträuh zoubäißn mächt (möchte). 

Häiwala pL, in: Häiwala zöiha, das Losen mit Hölzchen, Papier- 
streifen, Halmen und ähnlichen Dingen. Wer das längere von 
diesen Dingen zieht, hat die Wahl oder erhält etwas, um das gelost 
wird. Häiwala = Halmala, Hälmchen. Schweiz. H ä 1 m 1 i ziehen, 
Stald. n., 15; ebenso schwäbisch, Schmid 258. Hälml, Hälwl, 
Häiwl bei Schm. IL, 181. Vgl. Gr. Wb. IV., 239, 241. Von dieser 
Art des Losens singt schon Walther von der Vogelweide. 



230 



Neubauer. 



Herchatspfad'l «., Herrgottspferdchen, der Msirienkäfer, Coccinella 
septempunctata, dem man eine gewisse heilige Scheu entgegenbringt. 
Man tödtet keinen, sondern setzt ihn auf den Finger und wartet, bis 
er fortfliegt, während man wiederholt sagt oder singt: 

Herchatspfadrl, Herchatspfadrl, 

Flöigh am Kirchathuarm, 

Sitzt da" Voda u Mouda drua^m! 

Holm pL, Häckerling; das Stoppelfeld. Kämtn. Halmach »., Lex. 132 ; 
Schwab. Halm pL, Schmid 258, Schweiz. Halm w., ein Wiesen- oder 
Weideland, das im jüngst verflossenen Jahre umgeackert und mit 
Getreide besäet war, Stald. IL, 15, vgl. Schm. IL, 182. 

Huhla y., ein Hohlweg. Schweiz. Hohle /., Stald. IL, 51; ebenso bei 
Kn. 305, daneben auch: Keller. Vgl. Gr. Wb. IV., 1715 Hohle. 

Källäzn y., eine lustige Gesellschaft, Unterhaltung. D&u w&a*^ a 
schäina Källäzn basämm. Aus dem lat. collatio, ital. 
collazione. Schweiz. Kollatz nt.^ ein Frühstück, Stald. 11., 121. 

Kasnapfl «., die kleine, runde Frucht der Malve, Malva rotundifoliau 
M. silvestris, M. neglecta. Schweiz. Käslikraut, Stald. IL, 91» 
auch schles. Käsenäppel, vgL Gr. Wb. V., 255. 

Kätzapfäitschlff., Katzenpfötchen, das Ruhrkraut, Gnaphalium dioicum 
und Gn. silvaticum. Vgl. Adelg. IL, 151 8: außer Gnaphalium noch 
Mimosa, Anagallis, Evonymus, Myosotis, in Gr. Wb. L, 299: Gnaphalium, 
Evonymus, Hieracium, Filago. 

Kätza'äugl «., das Vergissmeinnicht, Myosotis pcJustris, M. intermedia, 
M. hispida, M. stricta und wegen des äußeren ähnlichen Aussehens 
auch der Ehrenpreis, Veronica officinalis, V. Beccabunga, V. serpylli- 
folia, V. Chamaedrys, V. hederaefolia, V. triphyllos. In Gr. Wb. V. 
292 : das Vergissmeinnicht, die himmelblaue Cynoglosse, Veronica ; 
bei Stald. IE., 92 die beiden letzten, in Adelg. IL, 1516: Lamium. 

Kätzaschwanzl«., die Schafgarbe, Achillea Millefolium, VgL Adelg. 
n., 15 18, Stald. n., 92, in Gr. Wb. V., 15 18 Equisetum, Lex. 156, 
bei Schm. IL, 346 Kaczencagel: Millefolium, Equisetum. 

ka wisch adj., wählerisch im Essen. Ebenso neben geizig das nordböhm. 
gäbig, gäbsch, Kn. 235; gäbisch (gawisch), verkehrt beiSchm. 
n., 9, gleichbedeutend mit abech, abechig Schm. L, 11; es liegt 
also wohl ohne Zweifel in diesem Worte das mhd. ebech, ebich, 
ebch, abgewendet, umgewendet, verkehrt, böse. Lex. Mhd. Wb. L, 
499. VgL dazu das später folgende meichat. 

Kitf^l «., die kleinen Pfeifchen, die sich die Kinder im Frühjahre aus 
HoUunder, Weiden etc. machen. In der Schweiz bedeutet kiden 
laut tönen, durchdringend schallen, Stald. IL, 98. Vgl. dazu bair. 
kitten, in schlecht verhaltenen Soprantönen lachen, Schm. IL, 343, 
ködern, küdern, kudern, Schm. II„ 283, mhd. kittern, kichern, 
kuteren, lachen, quiteln, quittein, qui tt er n, lebhaft sprechen, 
quittein n,, vom Zwitschern der Vögel, Lex. Mhd. Wb. IL, 1590, 
1804, IL, 327. 



Zur Egerländer Wortforschung. 2\l 

Kloghamouda/. {Klagemutter), Bezeichnung für die behaarten Raupen ; 
die unbehaarten werden für Würmer angesehen und so genannt. 

Knoa'n m., Fußknöchel ; Auswuchs am Baimie. Mhd. knür, Knoten. 
Vgl. Gr. Wb. V., 1365; Adelg. IL, 1671, Kn. 350, 351. 

Köidreckfressa m., der Rosskäfer, Geotrupes stercorarius. 

luckn V., in: Thüa»^luckn, womit das wiederholte lästig werdende 
Hin- und Herlaufen der Kinder durch die Stubenthüre bezeichnet 
wird. 

Mäiaschuapf m. (Maienschopf), Bezeichnung für den Stock und die 
Blätter des Löwenzahns, Leontodon Taraxacum, welche im ersten 
Frühjahre ein gemgesuchtes Viehfutter sind. In Nordböhmen 
Maienblume, Maienpappel, Maienstaude. Kn. 393. 

meichat adj\y *n meichatn adj\, verkehrt, auf der der richtigen Seite 
entgegengekehrten Seite. Die meichat Seitn. ^n Ruack an 
meichatn äa°hobm. Auf den Menschen übertragen: ameichata 
Kea'^ physisch vom verschrobenen Wüchse, im geistigen Sinne von 
jenem, der nichts richtig anzugehen weiß. Ein sehr interessantes 
Wort; es geht zurück auf mhd. ebech, ebich, ebch, ab-, um- 
gewendet, verkehrt, böse. Lex. Mhd. Wb. L, 499, Ahd. apuh, apah, 
goth. ibuks. In vielen Mundarten wurde abich daraus, s. Lex. 2: 
ab ich, verkehrt, dumm, ungeschickt, schlecht; Schm.I., 11.; schwäb. 
abich, äbig, Schmid 6; Schweiz, äch, abäch, abächt, abhängend, 
sich auf eine Seite neigend, Stald. L, 86. Vgl. Gr. Wb. L, 58, HL, 18. 
Aus diesem mundartl. abich, abächt, äbicht wurde ächet und 
daraus durch Vorsetzung der Präposition im: mächet, meichet = 
im ächeten — sieh oben neben meichat noch *n mäichatn 
s. V. a. im eichet en. Vgl. Schm. IL, 544. 

Moißl m., außer: die Meise und der Meißel noch in der Mehrzahl in der 
Bedeutung von Haarlocken in der Redensart : ba" Moißln nemma 
— schopfbeuteln. 

Mouß m., die Nothwendigkeit , Noth. Wenn da Mouß künnt 
(kommt), äffa (hernach) wia'^st sc ho" äa°päcknl Ebenso kämt. 
Lex. 194; bair. Mueß n., Schm. II., 639; Mussn., Adelg. III., 327. 

Näurechla «., das nach dem Aufladen der Ernte auf dem Felde 
liegen gebliebene Getreide, das mit einem Rechen auf einen Haufen 
gezogen und dann nachhause gebracht wird. 

nemma z'. in der Zusammensetzung: as-nemma, in der Sprache der 
brotbackenden Bäuerin für das Herausnehmen des gebackenen Brotes 
aus dem Backofen, — in der Zusammensetzung o -nemma, eben- 
fedls in der Redeweise der Bäuerin für das Abschöpfen des MUch- 
rahms. 

nirgln v,j Zusammensetzung: o-nirgln, viel, anstrengend arbeiten, so 
arbeiten, dass der Körper darunter leidet; schwäb. norken, mit 
Mühe und geringem Erfolge arbeiten, Schmid 409, nur kein, lange 
mit einer Arbeit zubringen, ohne fertig zu werden, Kn. 416; Schweiz, 
norggen, nörgeln, tändelnd, ohne Ernst arbeiten, Stald. IL, 242. 



232 



Neubauer. 



nöisn v., niesen, in der Zusammensetzung: ba-uöisn, be-niesen, wird 
gesagt, wenn jemand bei einer ErzaWung oder einem Berichte niest ; 
man sieht darin eine Bestätigung, dass das Erzählte volle Wahrheit 
ist: «Siahst, ich ba-nöis!», csiahst, du ba-nöist's!» — oder: 
«Vagelts Gott, dass wäua is.» 

0*^l-bi° m.y die Schlammfliege, Eristalis tenax, wegen der Ähnlichkeit 
mit einer Biene so genannt. Der erste Theil des Wortes (O^l = 
Jauche) rührt davon her, weil diese Fliege sich gern an Jauchen 
aufhält. Zu 0*^1, m., Mistjauche, mhd. atel, m*, sieh meine Altd. 
Idiotism. S. 86, 87. 

offaria'^n z/., aussagen, offenbaren, im Vertrauen sagen; vgl. franz. 
offi-ir, lat. offerre. Däu haut a neks g'offaria'^t I Ebenso bei 
Stald. n., 249. 

olwa thäu", albern thun — lärmen, wüthen. 

Quäiy., Leibes- und Seelenschmerz, Angst, Beklemmung. Däu is ma 
a Quäl af-g*stiegn! — ist mir angst, übel geworden. Schweiz. 
Qual = Kolik, Darmgicht, Stald. L, 505; vgl. Lex. 170 K welle/!, 
Adelg. IIL, 878, bei Schm. IL, 402 inQualn ligen — in Todesangst, 
Ohnmacht, Betäubung liegen. 

Ranftl n. Vom Brotlaib das Anschnittstück oder der letzte Rest. Mhd. 
ranft, ramft m., Einfassung, Rand, Brotrinde, Lex. Mhd. Wtb. IL, 
341 zum z/. rimphen, krümmen, sich zusammenziehen, rümpfen. Vgl. 
Schm. in., 91 Ramft m,, Kn. 440 Ranft, Ränften m. 

räppm z/., mit Hcist nach etwas greifen. — Da-räppm, ergreifen, er- 
wischen. — Niederdeutsche Form des hochd. raffen. Vgl. rappen 
bei Schm. III., 117, nordböhm. ropn, Kn. 441; vgl. Adelg. HI., 937. 

Ratschn f., ein Schnarrinstrument, mit dem in der Charwoche die 
Glocken ersetzt werden. Redensart: aMal wöi a Ratschn! — 
wenn jemand viel und geläufig spricht. Vgl. Schweiz. Rarren/l, 
Stald. n., 258, Schwab. Rät schy., Schmid 421, kämt. Ratsche/". 
Lex. 205, Adelg. IIL, 960, Kn. 442, Schm. IIL, 171. Ratschn v. 
bezeichnet einen Sprachfehler, der darin besteht, dass jemand das r 
nicht richtig aussprechen kann. Vgl. dazu auch Stald. IL, 258, 
Lex. 205, Adelg. HI., 960, Kn. 442, Schm. III., 171. 

rippin V,, refl., sich rühren. Rippl di nea°tl — No" nea"t rippin! 
Mhd. r^ben, sich bewegen, rühren, Lex. Mhd. Wb. IL, 357. S. 
Schm. L, 5 sich reben — sich rühren, L, 8 sich rippeln, sich auf- 
lehnen gegen einen Stärkeren; Schweiz, räbeln, lärmen, poltern, 
Stald. n., 252, Schwab, reblen, sich hin- und herbewegen, Schmid 427, 
rippeln, aufrippeln, aufrütteln, Kn. 449; s. Adelg. HL, 11 28. 

Satz m,, Sprung. Redensart: in äin° Satz, in einem Sprung, sehr 
rasch, sehr schnell In äin° Satz wäa*^ i däu. Ebenso Schweiz, 
Stald. n., 302; vgl. Adelg. III., 1289. 

schäi" adj\ und adv., schön — sehr oft in der Bedeutung von: viel 
DÖS haut heunt a° schäin" Schnäi draßn! — Dea' haut 
schäl" va-spüUtl — A schäi"a Dreck — für viel Koth. — 



Zur Egerländcr Wortforschung. 233 

A schäins Göldl — In ironisch tadelnder Weise: a schäina 
Kea'll 

schläa z^.y in der Zusammensetzung*: z'sämm-schläa; so nennt man 
das erste Ankünden des bald beginnenden Gottesdienstes mit der 
Glocke. Redensart: Dea*^ häiat (hört) z*sämm-schläa unclnea"t 
läutn, womit etwas Ähnliches gesagt sein soll, wie mit der Redens- 
art: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, oder: etwas gehört 
und nicht verstanden haben. 

Schnäppa #«., ein Schnappmesser; dann der Saatschnellkäfer, Agriotes 
lineatus, weil er mit Hilfe seines eigenthümlichen Bruststachels, wenn 
er auf dem Rücken liegt, mit einem schnappenden Geräusche in die 
Höhe schnellt. 

seltsam adj\^ selten, absonderlich, meistens in Verbindung mit Gast; 
a seltsäma Gost, ein Gast, der selten erscheint. Vgl. in derselben 
Bedeutung und Verbindung Kn. 457, Stald. IL, 370; Schm. III., 239, 
Adelg. IV., 53. 

sifr" V., fein regnen. Bei Schm. III., 205, sifern, sifeln, langsam, 
dünn durch- oder herausfließen, sanft, fein regnen; bei Kn. 506 
ebenso. Vgl. mhd. sifen, tröpfeln, triefen, Lex. Mhd. Wb. III., 912. 

soidi, soidigh adj\, siedend heiß, bei Menschen hitzig. S. Stald. IL, 421, 
Lex. 233 ; Schwab, siedig — sehr, Schmid 494, ebenso Schm. III., 202 : 
sied ig kalt, sied ig lang. 

Spral fft.y Splitter, Wua^^stspral, Wursthölzchen. Spreil, Spral 
bei Schm. IIL, 570, Splitter, Spänchen; Speil bei Kn. 509. Vgl. 
Spreil Adelg. IV., 232. 

Sträach m,. Streich — in der Redensart: Käin" Sträach, soviel 
wie: nicht, gar nicht. Oi Sträach! öfter auch die Mehrzahl oi 
Sträich! drückt große Verwunderung aus. Ebenso: Dös sa" 
Sträich! 

Strähl — ein Verstärkungswort in: Strählbou, Strählkea'l, Strähl- 
mäidl! Es bezeichnet im guten Sinne die Tüchtigkeit, wird aber 
auch im üblen Sinne gebraucht. Oi vSträhl! Verwunderungsaus- 
druck, ebenso Strähl- Hintara! Bairisch in denselben Formen 
und Bedeutungen, Schm. IIL, 684, ähnL schwäb. Strahlmensch, 
Strahlkerl, Strahlnase, Schmid 512. 

Üa^maty., die Ebene. Im Egerer Kreise sind auch einige Ortschaften 
mit diesem Namen (Ebnet, Ebmet). Vgl. Ebenet, Ebmet bei 
Schm. L, IL, Ebnet »., bei Stald. IL, 512. 

Uafm(Ofen) in der Redensart : Däu mouma ja an Uafm a"-schläa 
(einschlagen) — die man gebraucht, um seine Verwunderung über 
einen seltenen, unerwarteten Besuch an den Tag zu legen. 

untakitti adj\ — bei Wunden: von innen herauseiternd, herausschwärend. 
Vgl. Adelg. IV., 913, unterköthig, unter der Oberfläche mit Eiter 
versehen. Sieh unterkettig, unterkittig bei Schm. IIL, 343, 
unterkittig bei Kn. 527. Beide setzen es zu Kett »., Quellwasser, 
das in einem Grundstücke aufsteigt. 



234 ^- K.ralfl<. 

Üwagäng m,, Üwagangl n. Redensart: Dos is no" a Cwagäng, 
a Üwagangl — von schlimmen Dingen, wenn sie nur von kurzer 
Dauer sind. Sieh Stald. L, 422 ; bei Schm. L, 54 das Übergänglein 
— bald vorübergehender, nicht andauernder Regen, auch Zorn, 
Krankheitszustand etc. 

üwa^düwa adv., über und über, sehr häufig gebraucht, bezeichnet, dass 
sich irgend etwas übers Ganze erstreckt; in manchen Fällen: ganz 
und gar, in anderen überall. Ea"* is üwa"düwa neks weart. 
Da Himml is üwa"düwa schwäa'^z. Mia"" is üwa°düwa 
nea°* recht, wenn man sich im allgemeinen unwohl fühlt. Üwa"- 
düwa höi*^n sagt man, wenn das Vieh nach der Ei-nte überall weiden 
kann. Vgl. übentübe bei Schm. I., 15. 

wärtn V,, in der Sprache der Bäuerinnen: mit den Händen finihmorgens, 
wenn die Hühner aus der «Häi"asteigh» gelassen werden, fühlen, 
ob sie am Tage ein Ei legen werden. Af- wärtn v., bei der hl. 
Messe den Priester bedienen, ministrieren. Afwärt-Bou, Ministrant. 

Widag*spül «., das Gegen theil; ebenso Schweiz. Stald. IL, 449; vgl. 
Adelg. IV., 1524. 

witzi, witzigh adj.^ klug, verständig. Dös Kind is witzi; ebenso 
Schweiz., Stald. IL, 456, bair. Schm. IV., 207 ; vgl. Lex. 259, Schmid 536. 

Zans^^l n.y der Leitstrick oder Leitriemen des Fuhrmanns. Das Wort 
ist zusammengezogen aus: Zaumseil. 

Zäa"abräut »., d2is ländliche Mahl, zumeist aus Brot und Butter be- 
stehend, der Arbeiter am Vormittage. Schweiz. Neunibrot, Stald. 
IL, 236. 

zwifooch in: zwifooch gäih", von Menschen, die vom Alter ganz 
gebückt gehen, oder auch, wenn man vor Schmerz sich krümmend, 
gebückt gehen muss. Vgl. Stald. IL, 486. 

Zwinga /*., ein tiefgelegener, enger Weg, ein enges Thal. Schweiz. 
Zwingi n.y Stald. L, 324. 



Die Bevölkerung am „Zähori" in Mähren. 

Von P. Franz Pfikryl, Sob^chleb. 
(Schluss.) 

Zu Pfingsten stellen junge Mädchen Linden zweige*) in einem 
Gefäße mit Wasser in die Stube. Ist der Zweig am Dreifaltigkeitssonntag 
aufgeblüht, so glauben sie bald zu heiraten. 



*) Die Linde (wie auch die Buche) steht noch jetzt in hoher Ehre. Die meisten Dörfer 
sind mit alten Lindenbäumen geziert. In Sob^hleb, dessen Dorfplatz ehemals ganz mit Linden 
bepflanzt war, stehen noch neun Lindenbäume; die übrigen wurden nach dem Brande gefMlt und 
lieferten das Holz zu den Einrichtungsstücken der Wohnstuben einiger Bauernhäuser. Leipnik 
(Lipnik) hat seinen Namen von Lipa (Linde). Der Stadtplatz ist in Form eines L angelegt. 
Auch die Heiligenbilder sind zumeist an alten Linden und Buchen angebracht. Die Holzkreuze 
bei den Dörfern sind nur aus Buchenholz. 



Die Bevölkerung am «ZähoH» in Mähren. 



235 



Zur Kirchweih wurde ein Widder geköpft, als Opfer für empfangenen 
Feldsegen. Am Dienstag banden ihn die Burschen an eine Holzbank, 
die Mädchen schmückten ihn mit einer gestickten Decke und stellten sich 
im Kreise herum. Die Musik spielte und die Burschen, mit Holzstocken 
und einer mit einem Schwerte versehen, tanzten einige Male um das 
Thier herum, bis es plötzlich geköpft war. Ein Fehlschlag gereichte zu 
großem Schimpf. Der Widder wurde dann in der Schenke gebraten und 
gemeinschaftlich verzehrt. 

Heiratsbräuche: Wenn ein Brautwerber ins Haus kommt, so wird 
er freundlich empfangen; die Braut zieht sich in die Küche zurück und 
horcht daselbst den Heiratsbedingungen (srokoväni). Vor zwei Zeugen 
bestimmt der Vater das Heiratsgut, während der Bräutigam sein Ver- 
mögen zur ungetheilten Hälfte anbietet.*) Die Braut wird vorgeführt 
und muss dem Bräutigam in die Augen sehen, worauf sie sich wieder 
still entfernt. I>rei Wochen später wird die Hochzeit und zwar stets an 
einem Dienstag gefeiert. Sonntag vorher laden zwei Brautführer die Ver- 
wandten dazu ein. Beim Eintritt in ein Haus sagen sie: 



Sak vam vefim pane hospodäfi, 

ze nam se svö mdnzelkö za zly ne- 

budete miti, 
ze sme tak svdvolnfe do vaseho domu 

vstöpili ; 
§ak ne z vüle na§eho chtSni, 

ale z vüle päna zenicha dovoleni. 

Zkäzala vdm mladd nevesta a mlady 

zenich 
a ja se svym poctivym kamarddem 

na mistö jejich, 
abyste se za nS nestydöli; 
däli P4n Büh dockat v otery 

do SobSchlebskeho chrämu na je- 
jich svatbu se vypraviti ; 

chcö se väm ve vsem dobr^m od- 

mSniti, 
lesi vam ne, toz vasim ditkÄm, 
alebo va.^im pfätelom. 
Pochvalen bud P4n Jezis Kristus! 



Wir glauben von dir, Herr Haus- 
wirth, 

dass du mit deiner Gattin es uns 
nicht übel nehmen wirst, 

dass wir so eigenmächtig in dein 
Haus getreten sind; 

es geschieht aber nicht aus unserem 
Willen, 

sondern aus dem Willen des Herrn 
Bräutigam ; 

es lässt euch die junge Braut und 
der junge Bräutigam sagen 

durch mich mit meinem ehrbaren 
Kameraden in ihrer Vertretung, 

dass ihr euch für sie nicht schämen, 

und wenn der Herrgott es uns er- 
leben lässt, 

euch zu ihrer Hochzeit Dienstag in 
der Kirche von SobSchleb vor- 
bereiten sollt; 

sie wollen es euch mit allem Guten 
vergelten, 

wenn nicht euch, so euren Kindern 

oder euren Verwandten. 

Gelobt sei Jesus Christus! 



*) Die Braut bringt dem Bräutigam meistens Geld zu; er dagegen lässt ihr die Hälfte 
seines Bauerngutes grundbüclierlich zuschreiben. 



236 



Pfikryl. 



Die Hausfrau bietet ihnen Brod an, indem sie sagt: 
Ukröte si na§eho chleba aby t6 ne- Schneidet euch von unserem Brot 
vgstS kury nfeli! ab, damit der Braut die Hennen legen. 

Dienstag um 8 Uhr früh kommt der Bräutigam und kniet mit 
seiner Braut vor den Eltern, die unter den Bildern sitzen, nieder, während 
der Brautführer spricht: 



Pochvdlen bud Pän Jezis Kristus! 
Mili pfdtel^ a pozvani host^l 

Nepfiäli jsme se najist a napit; 
my jsme pfi§li udSlat cesf tSm mlady m 
manfelom. Jest väm v§em povSdomo, 
ze täto nastdvajici nevSsta chce 
svüj panensky stav promgniti a ve 
stav manielsky vstöpiti. Nedfelä 
to ona ze sv^ völe, ale ze to Bozi 
pfikäzani, od Boha prvnim rodicüm 
zalozeny ; nad to podle k?esfansk6ho, 
zvykü vSecko vykonany, je tfikat 
V chramu PänS sobSchlebsk^m, 
vhläSena, a zkdnk pf icina od strany 
rodicSüv ani od strany duchovnich 
neni. Tak mil4 nevSsto se odprosi§. 
Pongvadz ty nemozeä pro veliky 
pläc a zel, ie mosiä svoje panenstvi 
ztratiti : 



Gelobt sei Jesus Christus! 
Liebe Verwandte und geladene Gäste ! 
Wir sind nicht hierher gekom- 
men, zu essen und zu trinken. Wir 
sind zu Ehren des jungen Braut- 
paares gekommen. Es ist euch allen 
bekannt, dass die angehende Braut 
ihr jungfräuliches Leben aufgeben 
und in den Ehestand treten will. Sie 
thut es nicht aus ihrem eigenen 
Willen, sondern es ist ein Gebot 
Gottes, das den ersten Eltern auf- 
erlegt worden ist; nach den christ- 
lichen Gebräuchen ist alles geschehen : 
sie ist in der Kirche von SobSchleb 
dreimal verkündigt worden, und es 
liegt kein Hindernis vor, weder von 
den Eltern noch von Seite der Geist- 
lichkeit. So, liebe Braut, leiste Ab- 
bitte. Weil du aber infolge heftigen 
Weinens und großen Schmerzes, dass 
du deine Jungfräulichkeit verlieren 



tak prosim vas po nejprv, po druh^ 
a po tfeti, vds otce a matko, pro 
Boha, pro vsecky svaty, lesi jsem 
väm komu v cem ubl62ila, neb väs 
V necem rozhnSvala, abyste mi 
z lizky odpustili. 



sollst, nicht kannst: 
(die Braut spricht ihm nach) 



so bitte ich euch, Vater und Mutter, 
zum ersten, zum zweiten und zum 
dritten Mal vor Gott und allen 
Heiligen, dass, wenn ich euch irgend 
ein Leid angethan oder euch erzürnt 
habe, ihr es aus Liebe zu mir ver- 
zeihen möget. 
Die Eltern geben ihr den Segen und sagen: 



Doprovod t6 Büh do t6 svätosti 
a pozehnej ti ve jminu Otce i Syna, 
i Ducha Svat^ho. Amen. 

Alle knien nieder und beten 
Die Mädchen besteigen mit 



Gott begleite dich zu diesem 
hl. Sacramente und segne dich im 
Namen Gottes des Vater, des Sohnes 
und des Heiligen Geistes. Amen, 
drei Vaterunser. Die Musik spielt, 
der Braut den zweispännigen, be- 
kränzten Leiterwagen, den die Burschen zu Pferd zur Kirche begleiten. 
Bei der Hinfahrt singen die Mädchen andächtige, bei der Rückfahrt von 



Die BeYÖlkeniog am «ZäboH» in MfihrcD. 237 

der Trauung heitere Lieder. Vor dem Dorfe halten die Wagen, und 
die Burschen holen für die Braut und die Mädchen Kolatschen, womit 
diese dann die sie erwartende Jugend betheilen. Abends geht man zur 
Tafel. Die Braut sitzt unter den Bildern an der inneren Ecke des Tisches, 
um sie herum die Jungfrauen, am rechten Tisch daneben sitzen die Männer, 
am linken die Frauen. Da tritt der Brautführer mit einer Schüssel voll 
Weizen herein und spricht: 

mili pf itele a host6 ! Liebe Freunde und Graste ! 

Ja väs prositi budu o nejaky Ich bitte euch um eine kleine 

därek, abyste töm nastÄvajicim man- Gabe, damit ihr dem angehenden 
zelftm napomocni byli, pfednS na Brautpaar behilflich seid ; erstens für 
stnbmy povijAcek a zlatö kolibecku^ ein silbernes Wickelband und für 
ale tak, aby sama zpivala a koH- eine goldene Wiege, aber eine solche, 
bala, nebo zenich za mno stoji a do die selbst singt und selbst wiegt ; 
ucha mi Sepce : ze kolibat neumi a denn der Bräutigam, der hinter mir 
ucit se mu nechce! Ze rAdfeji töch steht, wispelt mir in das Ohr, dass 
pÄnft hostü o nejaky därek pozädA. er nicht wiegen kann, und lernen 
Vesele, muziko, vesele! will er es nicht. Er ersucht lieber 

die Herren Gäste um eine Gabe. 
Lustig, Musik, lustig! 
Der Brautführer stellt den Teller vor die Braut, die Musik spielt 
und die Kranzeljungfrau ruft den Bräutigam: 

<rZenichu, pojd mastit nevgstö «Bräutigam, komme der Braut 

kasu!» den Brei schmalzen 1» 

Der Bräutigam kommt und legt mit einem scherzhaften vSpruch 
Geld auf den Teller; so kommen alle Verwandten, wie sie aufgerufen 
werden, und legen für die Braut Gaben zusammen. 

Nun bringt der Brautführer die Speisen, wobei er bei jeder, bevor 
er sie vorsetzt, einen Spruch sagt. Bei der Suppe lautet er: 

Poslyste päni hoste a pfätel^ ! Hört ihr Herren Gäste und Freunde I 

Jak jsem o t^to svatbß dost Als ich Nachricht von dieser 

malö zprävu dostal, hned jsem do Hochzeit bekam, habe ich sofort 
Chrudima pro voly poslal ; dovedli nach Chrudim um Ochsen geschickt ; 
se ctyn voly a dv5 jalovice, tak na§e es sind vier Ochsen und zwei Kälber 
kuchafky majö z ceho kläst vrcho- angekommen, sodass die Köchin 
vat6 misel volle Schüsseln geben kannl 

Vesele, muziko, vesele! Lustig, Musik, lustig! 

Die Musik spielt. Zum Schlüsse bringt er einen großen «Kolää», in 
dessen Mitte ein Tanne nwipfel steckt: 

«Hosa, hosa» Havränku, «Hosa, hosa» Havränek,^) 

rozstupte se na sränku, tretet auf die Seite, 

rozstupte se Uf a sife, tretet weit und weiter, 

af j4 mozu s timto ratolestnym damit ich mit diesem bezweigten 
stromeckem Bäumchen 

^) Havrünek ist ein Familiennamen und kann durch jedweden Zunamen irgend eines 
Gastes ersetzt werden. 



238 



Pfikryl. 



pfed tö mladö nevgstu blize; 
rozstupte se na dvS strany, 
at ja moiu kräcet mezi vdmi; 
rozstupte se, 
lavice k stSnim 
2endci k zenäm; 
}ä bych §il ke svoji, 
e§6e ji nemAm ! 
DA Pän Bfih, 

ze se sni v kr&tk^m case shledAm ! 
Vesele, muziko, vesele! 



der jungen Braut mich nähern kann ; 
tretet auf zwei Seiten, 
dass ich zwischen euch kann schreiten; 
tretet auseinander, 
die Bänke zu den Wänden, 
die Männer zu den Weibern; 
ich gienge auch zu der meinen, 
aber ich habe keine! 
Es wird der Herrgott geben, 
dass ich mit ihr in kurzer Zeit zu- 
sammenkommen werde! 
Lustig, Musik, lustig! 
Die Musik spielt, 
jedenkrdt kolem Als ich einmal um die Witonitzer 
Säge gieng, 
schaute mich ein Krebs aus einem 

Loch an, 
der hat mich mit seinem Bart*) ge- 
schlagen, 
dass das ganze Schloss von Ungers- 
dorf wackelte. 

Lustig, Musik, lustig! 
Als ich dir, junge Braut, dies' grüne 
Bäumchen schenken wollte, 
durfte mir um meine sechs Pferde 

nicht leid sein, 
ich musste mit sechs Rappen um 

das Bäumchen fahren, 
wie der Bauer in die Mühle, 
mit den mit Sammt geschirrten 

Pferden. 
Die Glocken klangen, die Musik 

spielte, 
dass das Wirtshaus von NScitz zitterte. 
Lustig, Musik, lustig! 
Sodann singen die Graste Lieder, z. B. : 



Kdyz jsem §il 
Vitonsk^ pily, 
tam na mS vykökal rak z diry, 
ten mS svojim fösiskem*) ml4til, 
az se cely zämek Uhrinovsky klätil ! 
Vesele, muziko, vesele! 



ChtSl-li jsem ja tobS, mlada nevfesto 
tento zeleny stromek darovati, 
musel jsem ja svych sest koni neli- 

tovati, 
a proii jeti §esti konma vranyma 
jako sedläk do ml^na, 
aksamitem oäirovanyma. 
zvonce zvucely, muzika hräla, 
az se ta nßäickä hospoda otfasala. 
Vesele, muziko, vesele! 



Tlucu, tluSu, otevfte, 
nechal jsem kloböcek u devcete; 
dSvce spalo, ja taky spal, 
kdosi mi kloböäek z hlavy vzal! 



Ich klopfe, klopfe, macht mir auf, 
ich ließ das Hütchen bei dem 

Mädchen ; 
das Mädchen schlief, und ich schlief 

auch, 
und jemand nahm mir das Hütchen 

vom Kopf! 



*) Eine scherzhafte Übertreibung; fösisko von vous = der Bart; vousisko = ein langer 
Bart. Fösisko ist eine am Z4hoH übliche Bezeichnung für einen langen Schnurrbart. 



Die Bevölkerung am «ZiboH» in Mähren. 



239 



Nevzal, nevzal, muj synecku, 
on visi V komftrce na klinecku; 
j4 jsem ho tarn povSsila, 
abych se kloböckem potfeSilal 



* 



Es hat ihn, mein Söhnchen, niemand 

genommen, 
er hängt in der Kammer am Nagel ; 
ich habe ihn dorthin aufgehängt, 
damit ich mich an ihm freue! 






Aj ty naäe vranky, 
majö zlat6 cafiky; 
papirov^ pobocniky 
lyceny prostaftky. 
Aj ty naSe konS, 
byly by to kofie, 
kdyby si chodili 
pro vodu do studnS. 
Pohunek je maly, 
pacholek nedbaly; 
hospodif nie nedbä, 
Jen kdyi sdm do syta mä! 

Mittwoch früh wird die Braut 
Leiterwagen (fasnik) abgeholt. Die 
während ihre Gespielinnen singen : 
Stoji fasnik pfed domem, 
konö sirovany; 
na nim synecek 
cely uplakany. 

Ja neplaS, ty synecku 
dostaneS dSvecku; 
pgknö, bilö, cervenö, 
V zelen^m vSnecku. 

* 
Kdyz dSvecka do voziku sedala, 
e§($e na svoju mamSnku volala: 
S vama-li ja, mä mamSnko, bydlet 

mäm, 
lebo se svym nejmilejsim jeti mam ? 
O! ne se mnö, mä dceru§ko, ne se 

mnö! 
kohos sobS obl^bila, ten s tebö! 
]ä jsem sobö obl^bila z r6ze kvgt, 
milejsi je mS synecek, neiEli svöt! 



O, diese unsere Rappen 

haben goldene Gebisse, 

papieme Seitenriemen 

und aus Baumrinde die Stränge. 

O, diese unsere Rappen, 

das wären Pferde, 

wenn sie um das Wasser 

zu den Brunnen selber gehen möchten. 

Der Unterknecht ist klein, 

der Knecht ist nachlässig, 

der Hauswirt achtet's nicht, 

wenn er nur selber satt ist. 
mit einem vierspännigen, bekränzten 
Braut nimmt von den Eltern Abschied, 

Es steht der Wagen vor dem Haus, 

die Pferde sind geschirrt, 

und darauf das 

ganz verw^einte Söhnchen. 

Ja weine nicht, du Söhnchen, 
du bekommst ein Mädchen; 
ein schönes, weißes, rothes, 
mit einem grünen Kränzchen. 

* 

Als dcis Mädchen sich im Wagen 
setzte, 

rief es seinem Mütterchen noch zu : 

soll ich noch bei dir, mein Mütter- 
chen, wohnen, 

oder soll ich fahren mit meinem 
Allerliebsten ? 

O, nicht bei mir, mein Töchterchen, 
nicht bei mir; 

den du liebgew^onnen hast, der bei dir ! 

Ich habe liebgewonnen von der 
Rose die Blüthe, 

mir ist das Söhnchen lieber, als die 
Welt, 



240 Pfikryl. 

Ja jsem sobS obWbila, zvolila, Ich habe ihn liebgewonnen und 

abych se s nim do sv6 smrti na- gewählt, 

byla. um mit ihm zu bleiben bis zum Tod. 

Inzwischen setzt sich die Braut mit den Kranzeljungfem, die sie 
in ihr neues Heim begleiten. Im Hause des Bräutigams angelangt, über- 
geben die Jungfrauen die Braut den Weibern, welche ihr den Kranz 
vom Haupte nehmen und ihr ein Tuch umbinden, da sie nun Frau 
ist. Dies nennt man «zavijeti» (Umkleiden mit einem Tuch). 

Abends jagen sie den «Kot» (kota honit).*) In der Schenke wird 
ein besonderer Tanz aufgespielt : die Weiber reichen einander die Hände, 
und ein Mann, mit einem Besen in der rechten Hand, fuhrt sie herum 
und zweimal auf die Straße. Beim drittenmal nehmen sie die Braut mit 
und bilden dann in der Schenke einen Kreis um sie und bieten sie den 
Männern feil. Jeder muss beim Aufrufen zahlen. Schließlich kommt der 
junge Gatte und überbietet alle ; die Musik spielt, und das junge Ehepaar 
tanzt. Von dem Geld wird am folgenden Sonntag abends eine Kaffee- 
gesellschaft bei der jungen Frau veranstaltet, damit sie sich eingewöhne. 

Auch das Heiratsgiit wird der Braut am Mittwoch nach der 
Trauung auf einem Wagen zugeführt, bestehend aus einer bemalten 
Truhe mit Kleidern und Wäsche und Federpolstcm. Hinten schleift dieser 
Wagen ein fünftes Rad mit, auf dem eine männliche und eine weibliche 
Puppe befestigt sind. 

Ehemals wurde hier viel Flachs gebaut, theils zum eigenen Ge- 
brauch, theils zur Ausfuhr, so lang er im Preise stand. In den Spinn- 
stuben gieng es vom Herbst bis zum Frühjahr sehr lebhaft und lustig zu. 
wSie waren die Pflanzstätte der schönen Märchen, Sagen und Lieder, von 
denen ich viele gesammelt habe, um sie zu retten, weil nun selten ge- 
sponnen wird. 

Im geselligen Leben werden folgende Bräuche beobachtet: 

Die am Fronleichnamstag geweihten Blumen und Zweige werden 
in den Tennen in das Getreide gesteckt, damit die Mäuse keinen Schaden 
machen. 

Der Heuschnitt geschieht erst nach dem Johannesfeste, da der hl. 
Johannes der Täufer alle Pflanzen segnet. 

*) Kot ist ein Wort, welches seine ursprüngliche Bedeutung gänzlich verloren hat. 
Kout = Köt (zÄhorakisch) ist das Wochenbett. Hier meint man damit die Braut, die bei diesem 
hierorts üblichen Tanze zum erstenmal als Frau auftritt. Über das «Kota honit^ handelt Dr. 
CenSk Zibrtin «Jak se tancovalo v Cechdch». 

Hier sei noch bemerkt, dass seit etwa zehn Jahren der Wochenbettvorhang «Koutnd 
plachta» nicht mehr gebraucht wird. Quer durch die Mitte läuft ein 2 Ceutimeter breiter Spitzen- 
einsatz, an beiden Seiten sind in gelber Seide 5 — 10 Centimeter breit Pflanzenmotive eingestickt. 
Durch den Spitzeneinsatz konnte die Wöchnerin, ohne selbst gesehen zu werden, Alles im Zimmer 
beobachten. Wenn die Wöchnerinnen zum ersten Male in die Kirche gingen, trugen sie eigene 
Tücher «ouvodnice», die sie ferner auch bei besonderen Gelegenheiten benützten. Diese Tücher, 
welche heute nur mehr als Andenken in den Familien aufbewahrt werden, sind 40— 60 Centimeter 
breit mit gelber Seide in Pflanzenmotiven ausgestickt. Ein derartiges Tuch kostete 20 — 40 fl. in 
Silber. In Groß-Karlowitz bei Roinau tragen es junge wallachische Frauen beim Kirchgang 
derart um die Schultern, dass die Enden umgelegt von den inneren Elbogen herabhängen. 



Die Bevölkerung am «ZAhoH» in Mähren. 24 1 

Am Nikolaustag beschenken sich die Verwandten mit Lebzelten 
und Obst. 

Wenn es am Fest der unschuldigen Kinder schneit und regnet, 
sterben im kommenden Jahr viel Kinder, wenn an Christi Geburt — alte, 
wenn am Stephanstag — Jungverheiratete, wenn am hl. Johannes d. Ev. 
— ledige Leute. 

Die zwölf Tage von Christi Geburt bis zu heiligen Dreikonig 
bestimmen die Witterung der zwölf Monate des kommenden Jahres. 

Wenn zur Zeit der Mette viele Sterne leuchten, gerathen die Erbsen 
und es gibt viele Gänse. 

Wenn zu Maria Lichtmess die Kälte nachlässt, so gibt man nur 
die Hälfte des Futtervorrathes aus, da es spät Frühling wird. 

Wenn zu Mathias Frost ist, sind noch vierzig Fröste, wenn nicht 
noch unzählige. 

Der hl. Mathias steckt den Kopf in die Schneewehe — thaut auf. 
Josef und Maria jagen den Winter fort ! 

Wie der hl. Laurentius einkocht und der hl. Bartolomaeus einbrennt, 
so fällt der Herbst aus. 

Zu Laurentius gehen die Erdäpfel in den Topf. 

Am Prokopiustag wird das Kraut umgehackt; wenn es regnet, 
wird jeder Schock (Getreide) nass. 

Ist im März viel Nebel, sind in 100 Tagen Überschwemmungen. 

Sind im März und im Mai Sturmwinde, sind im Jahre viele Brände. 

Ist am Fest der Sendung der Apostel Wind, wird es theuer. 

Brennt die Sonne zu Jacobus, kommt ein strenger Winter, ebenso, 
wenn viele Erdäpfel gerathen. Wenn es an diesem Tag regnet, wird das 
Obst wurmstichig, und die Nüsse fallen ab. 

Der hl. Jacobus schießt die Kirschen ab. 

Wenn zu Maria Verkündigung Frost ist, sind die übrigen Fröste 
unschädlich. Ist Sonnenschein, geräth viel Weizen. 

Wenn es am hl. Kiliantag regnet, misräth der Weizen. Regnet 
es zu Ostern, reift die eine Hälfte des Getreides, wenn zu Pfingsten, 
die andere. 

Thaut es zu Agatha, so sammle Streu und lege es zusammen. (Es 
wird lang kalt bleiben.) 

Sind am Tage der hl. Katharina Thautropfen an den Bäumen, 
gerathen die Äpfel.*) 



*) Zur Ergänzung seien hier die Cultstätten am ZdhoH nach den Heiligen geordnet, an- 
geführt: die allerheiligste Dreifaltigkeit: Wschechowitz ; der gyte Hirte: Lauika; 
die hg. Kreuzerhöhung: Blasitz ; die hg. Mutter Gottes Maria: Wallfahrts- 
kirche Maria am Hostein ;die Geburt Mariens: Ober- Aujezd, Rajnochowitz ; unbefleckte 
Empfängnis Mariens: Branek ; Himmelfahrt Mariens: Sob^chleb : Petrus 
und Paulus, Kirche zu Keltsch ; Jacobus der Ältere: Doma2elitz ; Ä g y d i u s : Bistritz 
am Hostein, Pawlowitz ; Bartolomaus: Bilawsko, Hlinsko : Franziscus: Bildsäule am 
Felde bei Keltsch ; I s i d o r : Bildsäule am Felde bei Keltsch ; Mauritius: Kapelle in Opato- 
witz ; Barbara: Chorin, Bildsäule am Felde bei Keltsch ; Katharina: Kapelle in Keltsch ; 
Margareta: Parschowitz. 

Zeitschrift für cisterr. Volkskunde. I. 1 



242 Pfikryl. 

Je mehr Reif im Advent, desto mehr Obst im kommenden Jahr. 

Wenn viel Hagebutten sind, geräth viel Weizen, 

Haben die Gänseblümchen lange Stengel, so wächst langer Flachs. 

Haben die Hasen viel Fett, kommt ein strenger Winter. 

Hat sich jemand in der Früh nicht gewaschen, so glaubt man, dass 
er verzaubert sei; ebenso, wenn dieser jemanden mit vorgehaltener 
Hand ansieht.*) 

Kommt ein Kind mit Zähnen zur Welt, so glaubt man, dass es 
ein Alp wird. Steckt man dem Kinde ein Stückchen Holz in den Mund, 
so geht dieser auf Bäume, sonst aber auf Menschen. 

Mit Epilepsie Behaftete gehen in schwarzer Kleidung. 

Wenn ein Kind flucht, so droht man ihm, dass es glühende Kohlen 
in den Mund bekommen werde. 

Von den Vögeln sagt man: 

Der Storch schreit, wenn man ihm die Jungen ausnimmt : «Zapalim» 
(ich zünde an). 

Die Schwalben in ihrem Neste unterm Dach rufen: *Baj svisla!» 
(auf das Gebälk). 

Hat der Spatz im Strohdach Junge, so ruft er: «Ba certa» (was 
zum Teufel). 

Das Grashuhn ruft: «SeiSI» (Schneide!) 

Der Kukuk: «Pokud»? (Bis wohin?) 

Der Wiedehopf erwidert: «Po potokl» (Bis zum Bachl) 

Die Schwalbe ruft: «Ctyry vidly — , p4ty kopadl» (Vier Gabeln 
— fünf Hauen I) 

Die Bachstelze zu Mathias: cNevidSli jste to sv. MatSje?» (Habt 
ihr nicht den hl. Mathias gesehen) oder «Pfijdi si k veceru pro svacinu» 
(kommt abends um die Jause). 

Der Sperling im Frühjahr: «Neprosim se strycftl» (Ich brauche 

den Vetter nicht zu bitten); im Winter: «Dobry stryc!» (Guter Vetter.) 

♦ * 

* 

Das Bauernhaus (usedlosf) baute man aus an zwei Seiten zuge- 
hauenen Holzbalken. Die Zwischenräume wurden mit Moos ausgefüllt. 
Der innere Maueranwurf hielt an Keilchen aus Eschenholz fest. Links 
war das Wohnzimmer (jizba), darüber eine Kammer (nadjizbi) und ober 
dieser unter dem Dach eine zweite (podkrovi). Rechts im Vorhaus war 
eine Kammer (kamora), darüber eine zweite (nadkamon) und dann der 
Dachboden ih&ra). 

Neben der «jizba» ist ein Pferdestall (konima), daran eine Futter- 
kammer (fizen), weiters ein Kuhstall mit Futterkammer (kravsky chl6v 
s plivni) und die Ställe für Borstenvieh und Geflügel. Die übrigen zwei 
Seiten des Rechteckes nehmen ein Längs- und ein Querschupfen ein 
(kolna zd^lna a pf icni). Vor den großen Häusern war ein Vorbau (iundr), 

*) BSeim Erwachen hält man sich oft die Hände vor die Augen, um nicht vom Sonnen- 
licht geblendet zu werden. Sieht man derart jemanden an, so glauben die Zähoraken, dass man 
ihn verhexe. 



Die Bevölkerung am «Z^hoH» in Mähren. 243 

WO man nach der Arbeit die «beseda» abhielt. Die Dächer waren durch- 
wegs aus Stroh. Zwischen den Bauernhäusern ist in allen Dörfern 
ein kleiner Raum (mezira) zum Unterschied von denen der Hannaken, 
die knapp nebeneinander stehen. Jedes Dorf ist in Hufeisenform angelegt. 
Am ausgesprochensten findet man sie in Zakowitz, welches Dorf eine 
Sackgasse bildet Sonst ist die Häuserreihe durchbrochen. Der Dorf- 
platz ist nun zumeist mit Häuslerwohnungen ausgefüllt. Den Dorf-Ein- 
und Ausgang nennt man das Thor (bräna), das angrenzende Feld «zä- 
brani». Die Regelmäßigkeit der Dorfanlage hört in den Dörfern um 
Wallachisch-Meseritsch herum auf und zwar in : Branek, Pohlitz, Chorin, 
Jufinka und Policna. Ihr Aussehen nähert sich den wallachischen Einzeln- 
gehöften; doch bilden sie eine zusammenhängende Gemeinde zum Unter- 
schiede von den wallachischen Gemeinden, wo das Pasekensystem herrscht.*) 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes 

in Steiermark. 

Von Johann Krainz, Graz. 
(Fortsetzung.) 

Wenn am Christabende zuerst das Licht in die Stube kommt, muss 
man nach seinem Schatten sehen ; sieht man ihn ohne Kopf, so stirbt man. 

Will eine Frau wissen, wer im nächsten Jahre stirbt, so kehrt sie 
abends neunmal die Stube von vorn nach hinten, darauf läuft sie neun- 
mal ums Haus und sieht beim zehntenmal durchs Fenster ins Zimmer. 
Sieht sie eine Bahre, so stirbt jemand. 

Will man seinen künftigen Beruf erfahren, so geht man um die 
eilfte Stunde, wenn in der Pfarrkirche geläutet wird, mit einem Trink- 
glase zum Brunnen, thut dann Eiweiß in das Glas und sieht nach der 
Rückkehr von der Mette hinein. Wird man ein Geistlicher, so sieht 
man einen Kelch. 

Ist es in der Christnacht windig, so entsteht Krieg. 

Um Weihnachten kann man dem Vieh am meisten schaden, be- 
sonders können die Zauberer am hl. Abend den Pferden Krankheiten 
zufügen, während ihre eigenen dann um so besser gedeihen. 

Aus den Formen der Eisblumen an den Fensterscheiben kann man 
in der Christnacht auf allfallige Begebenheiten im kommenden Jahre 

schließen. (Aus Weißenbach bei St. Gallen.)*** 



') Paseka (von «sekati» fällen) bedeutet eine Waldrodung und ist die Bezeichnung für 
ein wallachisches Bauerngut, zu dem oft 600 Joch Grundbesitz gehören; um das Gehöfte herum 
liegen die Felder; die steilen Berglehnen dienen zur Weide; das übrige ist Wald. Die Pase- 
karschen «pasek^fi», die Besitzer dieser Güter, sind sehr wohlhabend. Wenn es in der Zeitschrift 
«Moravia» vom 26. Jänner 1815, S. 80, heißt: «Paseken sind Waldhütten der Viehzucht 
treibenden Wallachen, die man Pasekarschen nennt,» so ist dies nicht richtig. 

I6* 



244 



Krainz. 



Mägde klopfen in der Christnacht gerne an's Hühnerhaus; kräht 
dann der Hahn, bekommen sie einen Mann. (Aus Kalwang). *♦* 

Sagt man Jemandem in der Christnacht etwas, das ihm begegnen 
könnte, und es nießt hiebei der Betreffende unwillkürlich, so trifft das 

Gesagte richtig ein. (Ebendaher). *♦* 

Es gibt weise Frauen, namentlich ältere, welche mit einer besonderen 
Gabe, in die Zukunft zu schauen, ausgestattet sind. Diese vermögen aus 
dem Ohrenklingen und Nasenbluten, desgleichen durch Siebdrehen und 
Siebtreiben, dann aus dem Lichternießen, aus dem Knistern der Flammen 
und des Feuers, ja selbst aus der Beschaffenheit der Gebeine und Ein- 
geweide der für die Festtafel am Christtage geschlachteten Thiere die 

Zukunft zu deuten. (Aus dem W'ölzerthal.) **♦ 

In der Christnacht, zur Mettenzeit, ist dem Vieh die Gabe der 
Sprache verliehen. Da klagen sich die Thiere gegenseitig Freud' und 
T.eid und besprechen mitunter selbst menschliche Verhältnisse. 

(Ziemlich allgemein in Steiermark verbreitet.) ♦** 

In St. Georgen a. d. Stiefing erzählt man folgendes: Als Jesus 
Christus zur Welt kam, es geschah dies ja mitten in der Nacht» da freuten 
sich alle Thiere und verkündeten sich gegenseitig fröhlich in menschlicher 
Sprache seine Ankunft, die Geburt des Heilandes. Der Hahn schrie 
um Mitternacht plötzlich: <*: Christus ist geboren!» Der Hund fragte ihn: 
<^Wo, wo? Wo, wo?» Die Ziege antwortete: «Zu Bethlehem, zu Bethlehem.» 
Die Henne aber sagte: «Geht's nur gleich hin, geht's nur gleich hin!» — 
Zur Erinnerung daran sprechen dies und anderes die Thiere heute noch 
in der Christnacht zur Zeit der Mette.*) 

Zwischen ii und 12 Uhr ist die Zeit zum * Losen» — zum Lauschen 
an den Stallthüren und an den Krippen, denn zu dieser geheimnisvollen 
Stunde redet das Vieh in menschlicher Sprache, und wer Famsamen bei 
sich hat, der kann's hören. ^ 

Wenn man sich die Ohren mit Weihwasser gut auswäscht und 
sich noch rechtzeitig, genau zur Zeit, während der Priester zum Altare 
schreitet, in eine Krippe legt, aber so, das man von keinem der Thiere 
bemerkt wird, kann man diese reden hören und erfahrt auch Zukünftiges. 

(Aus Stadl und Predlitz ob Murau.) *** 

Wenn das Rind in den Ställen jemanden bemerkt, dass er in der 
Christnacht sich in die Krippe legt, so nimmt es ihm das Leben, indem 
es ihn mit den Hörnern zu Tode stößt. (Ebendaher.) *** 

In der Christnacht hat der Teufel freies Spiel; während das recht- 
gläubige Volk über die Ankunft des Heilandes fromm jubelt und sich 
freut, haben der Teufel und seine Genossen keine Ruhe. Mit seinen 
Verbündeten und dem ganzen Anhange treibt er sich umher und ver- 
sucht, die Menschen zu erschrecken, zu verlocken, an Leib und Seele 
zu schädigen. 

*) Dr. Anton ScWossar: uCultur- und Sittenbilder aus Steiermark.« 
*) P. K. Rosegger: «Das Volksleben in Steiermark.» 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. 24^ 

In der Christnacht treibt besonders der «Ohneweigh gern sein 
Unwesen. Dieses gefürchtete, schreckliche Gespenst in den Bergen 
schreckt den einsamen Wanderer, setzt sich ihm auf die Brust und drückt 
ihn solange, bis er vor Ermüdung niederfallt (Aus der Sölk.) *** 

Am Christabend braust das «wilde Gjoad« (die wilde Jagd) schnell 
wie der Sturm und vom schwarzen Gewölk begleitet über Berg und 
Thal dahin, lockt den Wanderer von seinem nahen Ziele und führt ihn irre. 

(Aus Eisenerz.) ♦** 

In der Christnacht halten «Wehrwölfe», Menschen, welche mit dem 
Teufel im Bunde stehen und jede beliebige Gestalt annehmen können, 
sowie die «Strickholden», das sind Teufel in Weibergestalt, ihre Ver- 
sammlungen auf gewissen Bergen, wie z. B. auf dem Hochstradner-Kogel, 
ab. Wenn man ein Sonntagskind ist, kann man sie sehen und erkennen. ') 

In der Christnacht, während der Mette, stellt sich der Teufel jedes- 
mal auf einem Kreuzwege ein, um da mit den Leuten, welche genug 
muthig sind, ein gefahrliches Spiel, genannt «Fornichsamborsen» (richtiger 
(«Fonichsamboasten»), zu treiben. Der Teufel zieht — wie eine Ilzer Sage 
berichtet — einen Kreis, in welchen die Thellnehmer mit einem Fuße 
hineinsteigen müssen, während der andere außerhalb bleibt. Alsbald 
sehen die Beschwörer feurige Lufterscheinungen auf ihre Köpfe herab- 
stürzen, Mühlsteine, Heuw^ägen u. dgl. Wehe demjenigen, der einen 
Fuß dabei verrückt, um der scheinbaren Gefahr zu entgehen; augen- 
blicklich holt ihn der Teufel. Die Andern, welche die Probe bestehen, 
erhalten Geld in Menge. ^) 

Das «Fonichsamboasten» ist in vielen Gegenden des Raabthaies 
und weiter hinaus bekannt. In Kirchbach a. d. R. nennt man es «Hanef- 
sambocisten».*) 

Am Christabende (aber auch an Abenden vor anderen hohen Fest- 
tagen, vor Ostern, Pfingsten, Allerheiligen und vor Frauentagen) pflegen 
in einzelnen Gegenden des steirischen Mittellandes die Leute auf solche 
Plätze zu gehen, wo zwei oder drei Wege sich kreuzen. Wer nun einen 
solchen Gang machen will, der muss sich vorher einen kleinen Stuhl an- 
fertigen u. zw. aus 13 Holzarten, z. B. Birken, Segenbaum, Buchsbaum, 
Erlen, Trauerweide u. s. w. ; dazu darf er jeden Tag nur von einer Holz- 
art nehmen, muss also 13 Tage daran arbeiten, muss auch dabei bestimmte 
Formen beobachten, insbesonders dass er während dieser Zeit mit keinem 
alten Weibe etwcis rede, weil ein solches ihn leicht verzaubern könnte. 
Hat man den Stuhl vollendet und alle vorgeschriebenen Formen gut be- 
obachtet, so muss man den Stuhl einem kleinen Kinde auf einen Tag 
zum Spielen geben. Dann erst kann man damit auf den Kreuzweg gehen. 
Daselbst angekommen, muss man erst mit einer bestimmten Zauberformel 
alle bösen Geister bannen und zieht dann einen Kreis, in dessen Mittel- 



V) Mitlheilung des H. Lehrers Stampfer in Leoben. 

•) Dr. Rieh. PeinUch: «.Steirische Sagensamralung» (Manuscript). 

*) Mittheilung des H. k. k. Oberpostrathes M. Felicetti von Lieben fei s. 



246 Krainz. 

punkt der dreifußige Stuhl gestellt wird, auf den man sich dann nieder- 
setzt; und nun erwartet man die Mittemachtsstunde, die über das Heil 
des Beschwörers entscheiden soll. Kaum ertönt die zwölfte Stunde vom 
Kirchthurme, so erscheint ein kleines Männlein und beginnt mit dem 
Kreuzweggeher um den Stuhl zu handeln, ihn aus der Mitte des Kreises 
herauszulocken, wobei es ihm große Versprechungen macht und allerlei 
Schatze zeigen will. Nach der Meinung einzelner Leute kann nun der 
Kreuzweggeher für seinen Stuhl verlangen, was er will, und das 
Männchen erfüllt seine Wünsche. Nach einer anderen Volkssage aber 
werde der Beschwörer, wenn er aus seinem Kreise trete, sogleich vom 
Satan geholt ; bleibe er aber standhaft im Kreise auf seinem Stuhle sitzen, 
so beginnt das kleine Männchen, welches niemand anderer als der Teufel 
ist, einen furchtbaren und schreckenerregenden Lärm ringsherum und 
versucht es, den Kreuzweggeher mit Gewalt aus dem Kreise zu drängen. 
Doch kann ihm dies nicht gelingen, wenn man nur muthig ausharrt Zu- 
letzt gibt das Männchen dem Kreuzweggeher alles, was er nur wünscht, 
reiche Schätze u. dgl.; es offenbart ihm auch zukünftige Dinge, zuweilen 
sogar seine Todesstunde.*) 

Die hl. Christnacht ist Schatzgräbern günstig. Manche verborgene 
Reichthümer können nur in dieser Nacht behoben werden, so z. B. das 
goldene Kalb auf dem Lauskogel bei Eisenerz. Wer dieses heben will, 
muss es während der Christmette thun und hat dabei drei Proben zu 
bestehen. Sobald die Mitternachtsstunde schlägt, kommt ein schwarzes 
Schwein, welches mit schauerlichem Grunzen auf den Schatzgräber los- 
fahrt ; dieser darf sich aber nicht umsehen, weder jetzt noch später, wenn 
er nicht des Todes sein will. Darauf läuft das gespenstige Thier polternd 
fort, und es erscheint hierauf eine große Schlange mit furchtbaren Zähnen 
im Rachen und aus diesem Feuer und Schwefeldämpfe sprühend. Mit 
drohendem Zischen fahrt sie auf den Schatzgräber los, um ihn in Angst 
zu versetzen. Doch lässt sich dieser nicht irre machen und gräbt er 
rüstig weiter, so verschwindet der Spuk, und es folgt nun die dritte 
und letzte, aber schwer zu bestehende Probe. Schon klingt die Haue 
dumpfer, schon stößt sie beinahe an den harten, metallenen Schatz, da 
sprengt ein schwarzer Ritter in glänzender Rüstung auf weißem, feuer- 
schnaubendem Rosse im sausenden Galopp daher, richtet an den Schatz- 
gräber einige Fragen und sagt dann: «Hier, nimm den Schatz!^ Bei 
diesen letzten Worten blickt nun jeder, wenn er auch bisher muthig aus- 
gehalten, immer gerne um, und — weg ist der Spuk, aber auch die 
Arbeit ist umsonst gewesen. Mancher schon soll nach der Bestehung 
der beiden ersten Proben das Gold durch die Erde leuchten gesehen 
haben, und doch war es ihm nicht möglich, den Schatz zu heben, da er 
der Lockung des Ritters gefolgt und die Spukgestalt angesehen hatte. 
Viele sollen auch an der Stelle, wo das goldene Kalb vergraben liegt, 
todt aufgefunden worden sein. Andere, welche lebend davongekommen, 

■) Dr. Rieh. Peinlich: Steirische Sagensammlung (Manuscript). 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. 247 

hatten in dieser Nacht weiße Haare und Falten im Gresichte bekommen; 
sie wurden tiefsinnig und starben bald.^) 

Dem Landmann ist die Weihnachtszeit auch für die Witterung- im 
kommenden Jahre maßgebend. 

Ist die Christnacht schön und heiter, so wird die Elmte des nächsten 
Jahres schlecht ausfallen ; ist sie aber recht dunkel, so wird die Ernte gut.*) 

Ist in der hl. Christnacht der Himmel trüb, so folgt gewöhnlich 
ein gutes Kornjahr. (Aus Oberwölz.) *♦* 

Windige Weihnachten bringen ein gutes Obstjahr. 

(Umgebung von Graz.) *** 

Weihnachten nass, gibt leere Speicher und Fass. (Aus Sausai.) ♦** 
Schnee in der Christnacht bringt gute Hopfenernte. 

(Aus Friedberg.) *** 

Wenn in der Christnacht der Wein im Fasse gährt, so gibt's ein 

gutes WeinJ2thr. (Aus Marburg.) *♦♦ 

Grüne Weihnachten, weiße Ostern, rothe (trockene) Pfingsten. 

(Allgemein verbreitet.) *** 

Geht in der hl. Christnacht der Wind vom Aufgang der Sonne 
her, so bedeutet dies großes Viehsterben. 

Wie das Wetter an den zwölf Tagen vor dem Christtag ist, so ist 
es durchs ganze Jahr. Qeder Tag bedeutet dabei einen Monat. Die 
sechs Tage nach dem Christtag aber «brechen» die Hälfte von den 
12 Tagen, so dass eigentlich nur die letzten sechs gelten und nur ein 
halber Tag für den Monat gilt, z. B. der 19. December vormittags für 
den Januar, nachmittags für den Februar u. s. w.*) 

Ist die Zeit zum Kirchengehen nsihegerückt, so wird aufgebrochen 
und unter dem Vorantritte eines Laternen- oder Kienholzfackelträgers 
der Weg zur Pfarrkirche zurückgelegt. Bald in kleineren, bald in größeren 
Scharen ziehen die frommen Landleute selbst von den hohen Bergen 
herab in*s Thal zur Kirche, und es bietet solch ein nächtlicher Kirchgang 
ein reizendes Büd, wenn von allen Seiten die Lichter herbeikommen und 
förmlich einen feurigen Kreis um das Gotteshaus bilden. Die zu Hause 
Gebliebenen, oft nur eine Person in der Wirtschaft, setzen sich vor den 
Hausaltar, auf oder vor dem Kerzen brennen. Besonders frommgläubige 
Leute, zumeist ältere Frauenspersonen, erwarten sogar den leiblichen, 
wenn auch nicht sichtbaren Besuch des Christkindeis und seiner Eltern 
und stellen ihnen eine Schüssel heißer Milch auf den blank gedeckten 

Tisch. (Aus Kalwang u. a. O.) **♦ 

Trotz der Heiligkeit des Ortes, wo die Mette abgehalten wird, 
glaubt das Volk, dass der Teufel und seine Genossen auch da keine 
Ruhe geben. 

Wenn man in der Thomasnacht einen Schemel aus den Nadeln 
von sieben verschiedenen Nadelholzarten sich verfertigt, und auf diesem 

*) Mittheüung des H. Lehrers J. Labres in Garns. 

•) P. K. Rosegger: «* Volksleben in Steiermark.» 

') Dr. A. Schlossar: ««Cultur- und Sittenbilder aus Steiermark.» 



248 



Krainz. 



in der Kirche während der Christmette kniet, so kann man alle Hexen 
und sonstig-en Verbündeten des Teufels in der Gemeinde sehen. Da 
stehen sie alle umgekehrt in den Kirchenstühlen und blicken auf den, 
der sie sieht. Man muss aber dann noch vor dem Ende der Christmette 
wieder in seiner Wohnung sein ; denn wenn die Erkannten und darüber 
heftig Erzürnten den Fürwitzigen im Freien erreichen, so geht es ihm 
schlecht. (Aus Eisenerz.) ♦** 

Durchsticht man am Christabend ein rothes Bild, so kann man die 
Hexen auf dem Chore tanzen sehen. ^) 

Selbst den Teufel kann man während der Christmette in der 
Kirche sehen. Will man das, so muss man sich ein Kleid aus unge- 
bleichter Leinwand machen, Kapuze, Rock, Hose, selbst Schuhe, aber 
alles aus einem Stück und mit der Naht nach auswärts. Man muss dieses 
Kleid mit Weihwasser tüchtig besprengen, es dann am Christabend an- 
ziehen und damit zur Mettenzeit in die Kirche gehen. Da kann man 
nun ganz nahe dem Hochaltar den Teufel in der Tracht eines Jägers mit 
der Mütze auf dem Kopfe sehen. Zwischen dem Evangelium und dem 
Offertorium geht der Böse mit den Hexen des Ortes, die man ebenfalls 
sehen und erkennen kann, opfern ; er thut dies, weil er und seine Helfers- 
helfer unserem Herrgott immer noch zinspflichtig sind. Beim Sanctus- 
Läuten nimmt der Teufel seine Mütze ab, wobei man dann auch seine 
Hörner sieht. Sobald man dies gewahr wird, soll man ihm die Mütze 
entreißen und sich beeilen, noch vor Beendigung der Wandlung damit 
die Kirchenthür zu erreichen und ins Freie zu gelangen. Gelingt dies, 
so hat man Anwartschaft auf großen Reichthum, zu dessen Beschaffung 
der Teufel behilflich sein muss. Denn dieser darf erst nach der Wandlung 
die Kirche verlassen und trachtet dann, seine Mütze wieder zu gewinnen. 
Diese ist zu allerlei zu gebrauchen und man kann vom Teufel für ihre 
Zurückgabe einen großen Schatz verlangen, ohne dass es nöthig wäre, 
ihm dafür die Seele zu verschreiben. Alte Leute glauben noch fest daran ; 
sie hätten, sagen manche, es in ihrer Jugend gerne versucht, auf solche 
Art zu einem Schatze zu gelangen, wenn sie sich nur nicht gefürchtet 
hätten, in dem sonderbaren Anzüge in der Kirche zu erscheinen. 

(Aus Leoben, St. Peter, Trofaiach.) *** 

Mädchen können in der Christnacht ihren künftigen Schatz sehen. 
Wenn sie nämlich vom Thomasabend an bis zum hl. Abend ein Geld- 
stück im Schuh tragen, sich sodann mit dieser Münze eine geweihte 
Kerze kaufen und diese, nachdem sie selbe vor dem Hochaltare bei 
dem «ewigen Lichte» angezündet haben, während der Christmette in der 
Kirche vor sich brennen lassen, so kommt der Zukünftige und zündet 
sich bei ihnen seine Kerze an. (Aus Kalwang.) *** 

Auch Zukünftiges kann man in der Christmette erfahren, wenn 
man sich auf den Boden der Kirche niederlegt; da hört man dann aller- 
hand Dinge, die bevorstehende Ereignisse ankündigen. So legte sich ein 



*) I*. K. Rosegger: «Volksleben in Steiennark.» 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. 240 

Verwalter des Schlosses Bureau einmal (im Jahre 1808) während der 
Christmette auf den Boden der Kirche nieder und horchte. Da vernahm 
er ein Traben und Gehen und auch WafFengeklirr. Er erzählte dies 
einigen Leuten, die ihm bedeuteten, es werde im nächsten Jahre wieder 
einen Krieg abgeben. So war es auch. Im Jahre 1809 ksmien die 
Franzosen in großen Heerhaufen in's I^and, und es floss viel Blut 
damals.^) 

Nach beendeter Christmette begeben sich die Kirchenbesucher zumeist 
nachhause. Unterwegs aber haben die jüngeren noch allerhand Heimlich- 
keiten; denn auch die Zeit nach der Mette ist eine heilige, und man 
kann da ebenfalls d£is eine oder andere Orakel befragen. *** 

In einigen Gegenden bei Neumarkt, Obdach, dann im Geistthal 
u. s. w., pflegen die Mädchen am St. Luciatage vor Sonnenaufgang von 
einem Kirschbaume oder sonst einem Obstbaume ein Zweiglein abzu- 
brechen und in die Erde zu stecken; nach der Christmette wird dann 
Nachschau gehalten, und grünt das Zweiglein, dann gehen die heißesten 
Wünsche in Erfüllung. (Aus Perchau.) ♦** 

Wenn die Mädchen von der Mette aus der Kirche gehen, ziehen 
sie am Glockenstricke -- in dem Glauben, dass sie dann im nächsten 
Jahre heiraten werden. 

Wenn man nach der Mette nachhause kommt, muss man dreimal 
um's Haus gehen und durch das vordere Fenster hineinschauen; hört 
man eine Musik, so wird im Hause eine Hochzeit sein, hört man sägen, 
so eine Leiche. 

Fällt man beim Nachhausegehen von der Christmette, so stirbt 
man im nächsten Jahre. ^) 

Nach der Heimkunft erwartet die Kirchgeher eine gute Mahlzeit, 
Kietzenbrot, Fleisch u. dgl. ; nächst der Seele muss in der hl. Nacht auch 
der I^ib seinen Antheil erhalten. Das Kietzen- (Früchten-) Brot, welches 
schon einige Tage \'orher von der Hausfrau gebacken worden, weist auf 
der oberen Seite einige Eindrücke auf, die von einem Schlüsselbarte her- 
rühren. Unterlässt es die Hausfrau, solche Eindrücke anzubringen, bevor 
das Kietzenbrot in den Ofen geschoben wird, so lässt es die «Perchtl» 
in der Hitze verbrennen, oder es ruht sonst kein Segen darauf; zumindest 
gibt es den Genießenden wenig aus, d. h. man wird nicht satt davon. 

(Aus Kalwang.) *♦* 

Die Perchtl, deren eigentliche Nacht die Dreikönigsnacht ist, geht 
auch in der Christnacht um; wenn die Dienstleute einer Wirtschaft am 
hl. Abende nicht alles aufgeräumt und gesäubert haben, so sammelt die 
Perchtl den liegengebliebenen Schmutz und näht ihn den saumseligen 
lauten in den aufgeschnittenen Bauch. ^) 

•) Nach Dr. A. Schlossar: «Cultur- und Sittenbilder aus Steiermark.» 
') P. K. Rosegger: c Volksleben in Steiermark.» 
') Siehe auch Ferd. Krauß: «Die eherne Mark.» 



250 



Krainz. 



Der folgende Tag ist der 

Christtag. 

Dieser wird allerorten «rechtschaffen gefeiert». Gearbeitet darf an 
diesem hohen Festtage nichts werden, ausgenommen die nothwendigen 
Verrichtungen in der Küche und in den Ställen. Am Christtage soll 
jeder Katliolik drei Messen hören; so will es die Kirche, so verlangt es 
aber auch die althergebrachte Sitte. 

Das Mittagsmahl an diesem Tage fallt fast in allen Häusern sehr 
reich aus; es gilt, das hl. Christkindl durch eine gute Mahlzeit besonders 
«zu loben», d. h. zu ehren. 

Die Zeit, in der nicht gebetet oder gegessen wird, ist namentlich 
seitens der älteren Personen andächtiger Selbstbetrachtung gewidmet; 
nur das junge Volk, welches überhaupt so gerne eine Ausnahme macht, 
treibt unter sich allerlei Allotria nach gewohnter Weise. *** 

Hie und da ist es gebräuchlich, dass am Christtage (und auch an den 
darauffolgenden Tagen) die Armen in die Häuser der Wohlhabenden 
gehen und sich eine Weihnachtsgabe erbitten. (Ober-Munhal u. a. O.) *♦* 

In der Gegend von Schöder gehen zu Weihnachten die Kinder von 
Haus zu Haus «bisen», d.h. sammeln; was sie bekommen, heißt «'s Bisen- 
gut» und ist dem Jesukind vermeint*) 

Der zweite Weihnachtsfeiertag, der 26. December, ist der 
St. Stefanitag. 

An diesem Tage weiht der Priester in der Kirche Salz und Wasser. 
Da ist es denn nun auf dem Lande ziemlich allgemein üblich, dass aus 
jedem Hause eine Person ein Stück Salz und eine Flasche Wasser in die 
Kirche bringt, woselbst dann beides geweiht wird. ♦♦* 

Stefaniwasser ist ein ausgezeichnetes Mittel gegen Anfechtungen, 
Unglück und Krankheiten. 

Die Vorräthe in den Speichern und Scheunen sollen stets, besonders 
in den Weihnachten, mit Stefaniwasser fleißig besprengt werden, und vor 
allem im Frühjahr, wenn das Vieh zum erstenmal in das Freie getrieben 
wird, ist nicht zu vergessen, demselben ein in solches Wasser geweihtes 
Stück Brot und Weihsalz zu verabreichen. Auch gegen gezauberte 
Wetter gibt es nichts vorzüglicheres als den Weihbrunn.*) 

Stefaniwasser und Stefanisalz gelten als besonders wirkungsvolles 
Mittel gegen Hexerei und Teufelskünste; gegen nichts hat der Teufel so 
große Abneigung als gegen Weihwasser. Deshalb hängt auch in jedem 
christlichen Hause neben der Thür eines jeden bewohnten Zimmers 
ein kleiner Weihbrunnkessel, mit Stefaniwasser gefüllt; beim Ein- und 
Ausgehen taucht man die Finger ein und besprengt sich damit in der 
Form des Kreuzes. Solches Besprengen schützt gegen des Teufels Tücke 
und bewahrt vor den Anfechtungen des Fleisches. 

Jungfrauen sollen ein solches Gefäß über ihrem Bette hängen haben 
und sich mit Weihwasser vor dem Schlafengehen andächtig besprengen; 

*) P. K. Roseggcr: «Volksleben in Steiermark.» 
') Ebendaselbst. 



Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. 25 1 

unterlässt es eine, solches zu thun, so kommt gewiss der Teufel — ge- 
wöhnlich in Gestalt eines kecken Burschen, und das Malheur ist fertig. 

(Allgemein verbreitet.) *♦* 

Zu Weihnachten werden die Äcker mit Stefaniwasser besprengt 
und mit am Stefanitage geweihtem Salz bestreut ; dann gedeihen die Saaten. 

(Aus dem Ober-Murthale.) *♦* 

Dem Vieh gibt man, bevor es auf die Almen getrieben wird, ein 
in Stefaniwasser getauchtes Stück Brot; es hilft dies gegen Krankheiten 
und auch gegen den Absturz. *** 

Am Pfingstsonntage werden die Kühe mit Weihwasser besprengt, 
auf dass ihnen die Hexen nichts anhaben können ; sonst melken die Hexen 
die Thiere, und diese geben dann rothe Milch. (Aus dem Ennsthale.) *** 

Am St. Stefanitag gibt man auch sonst dem Vieh, Schweine aus- 
genommen, ein Stück Brot zu fressen, das mit geweihtem Salz bestreut ist. 

Wenn der Hausvater ein Schwein schlachtet, macht er, bevor das 
Thier ausgeweidet wird, in den Hals einen Kreuzschnitt und schabt in 
den Schnitt Stefanisalz hinein.^) 

Am Stefanitage soll es windstill sein, sonst wird kein gutes Weinjahr. 

(Aus dem Sausal.) *** 

In einigen Gegenden am Wechsel herrscht die Sitte, dass die Haus- 
leute am Stefanitage in aller Früh heimlich fremde Kleidungsstücke zu 
erhaschen trachten und selbe dann auf Bäumen, Zäunen u. dgl. aufhängen, 
von wo sie die Eigenthümer selbst wieder herunterholen müssen. Man 
nennt dies das «Fasching hereinzerren ^>. 2) 

In der Umgegend von Graz war früher das «Stefanireiten» üblich, 
wobei sich die Besitzer von Pferden theils zu Wagen, theils hoch zu Ross 
sammt Kind und Kegel gegenseitig Besuche abstatteten und sich mit 
den Dienstleuten im Wirtshause gütlich thaten. (Aus Ober-Andritz.) *** 

Am d2U"auffolgenden Tage (27. December), dem 
St. Johannestage, 
findet in der Kirche die Weihe des Weines statt. 

Johanniswein hat viel Wunderkräftiges in sich. Er macht die Glieder 
st2U"k, schützt vor Taubheit, fördert bei Kindern das Wachsthum, heilt die 
Gicht und macht selbst alte Leute wieder jung; am Johannestage ge- 
weihter Wein, wenn er bei der Trauung vor dem Altäre getrunken wird, 
lässt jede Ehe glücklich werden. *** 

Es ist daher erklärlich, dass die am Johannestage zur Kirche ge- 
brachten vollen Weinflaschen oftmals größer sind, als die Wasserflaschen 
am Stefanitage. Dem Weine, namentlich dem Johannisweine, ist jeder- 
mann zugethan; der hl. Johannes war ja der Lieblingsjünger des Herrn, 
und der Wein erfreut zudem wie kein anderes Getränk, Herz und Leib. 
Wenn sonst nie im Jahre, so kommt doch am Johannestage Wein auf den 
Tisch u. zw. solcher, den des Priesters Hand an diesem Morgen in der 
Kirche gesegnet hat. Beim Mittagsmahle nimmt der Hausvater ein großes 



*) Dr. Rieh. Peinlich: cSteirische Sagensammlung» (Mannscript). 
*; Aufzeichnung des H. Pfarrers J. Schänzl. 



252 



Polivka. 



Glas, wohl auch eine Flasche voll Johanniswein zur Hand. Er erheb- 
das gefüllte Glas und trinkt daraus mit den Worten: «G'segn es Gott! 
Johannissegen!* auf das Wohl seiner Hausgenossen. Darauf macht das 
Glas seine Runde unter den Tischgenossen; jeder wünscht dem Nachbair 
und allen Anwesenden den Segen Gottes und den Antheil am Johannis- 
segen. Dies geht so fort, bis das Glas auf's «NagerU (letzte Tröpfel) ge- 
leert ist. 

Den Nachmittag, zumal den Abend verbringt der Steirer, der auf 
Johanniswein noch was hält, gerne im Wirthshause; man kann nicht 
genug vom «Johannissegen» an diesem, dem einzigen Tage im Jahre, 
bekommen; auch der Heilige hat seine Freude daran, wenn er auf diese 
Weise recht ordentlich «gelobt» wird. **♦ 

Im steirischen Mittellande, z. B. in den Bergen von St. Georgen a. d. 
St. wird am Johannestage im December Haus, Hof und Stall gesegnet in 
ähnlicher Weise, wie dies andern Orts am hl. Abende geschieht. Das 
Rauchfeuerwerk muss hiezu aus Segenbaum und geweihtem Palmweiden- 
holz angemacht werden. Auch muss die Räucherung, soll sie von Kraft 
und Wirkung sein, vor Sonnenaufgang vorgenommen werden.^) 

Eine eigenthümliche Sitte herrscht an diesem Tage im oberen Enns- 
thale, das sogenannte «Schwartlingtragen». Es laden sich da die Be- 
kannten zu Weihnachten gegenseitig ein zum Besuche und zum An- 
schneiden eines cSchwartlings» (Scherzeis) vom * Klotzen», d. i. Kietzen- 
brot, ein; man nennt dies «Schwartlingschneiden». Die Mädchen, insbe- 
sondere sind damit sehr freigebig, und jeder Bursche, der ihnen zu Gesichte 
steht oder ein flotter Tänzer ist, kann sich so einen Schwartling holen. 
Am Johannestage tragen dann die Burschen in den um Irdning gelegenen 
Dörfern diese Trophäen offen zur Schau. Es werden die einzelnen 
Schwartling zu einer Schnasen (d. i. eine Reihe gleichartiger Dinge) an 
eine Schnur aneinandergereiht, und diese über die Achsel geworfen, ziehen 
die Burschen im langen Zuge durch den Ort ; wer die meisten Schwartling 
hat, der gilt als der beliebteste, als der Don Juan des Dorfes. Da wird 
nun in den Wirtshäusern fleißig Einkehr gehalten und wacker gezecht; 
den Schluss macht nicht selten eine aus gegenseitigen Eifersüchteleien 
entstandene Rauferei, wobei mit den Weinkrügen nicht besonders achtsam 
umgegangen wird.^) (Schiuss folgt.) 



Slawische Beiträge zur vergleichenden Märchenkunde. 

Von Dr. G. PoHvka, Prag. 

I. Zu Doctpr Allwissend. 
Als Theodor Benfey die indische Version dieses weit ver- 
breiteten Märchens aus Somadeva's Rlärchenschatz^) gewissermassen ais 



*) Aufzeichnung des H. A. Meizner. Manuscript im steierm. Land.-Archive. 
•) Mittheüung des H. Kaplan J. Pachtesel. 

') Kathäsaritsägara, ed. Fr. Brockhaus, ist zum großen Theil identisch mit dem Inhalt 
von Kshemendras Brhatkathä. Der Red. 



Slawische Beitrage zur vergleichenden Märchenkunde. 253 

die Urquelle der zahlreichen westeuropäischen Nacherzählungen mittheilte 
(Orient und Occident I, wS. 374 ff.), kannte er nur eine einzige osteuropäische 
Version desselben, die litauische aus der Schleicher'schen Sammlung. 
Em. Cosquin hat in seinen Contes populaires de la Lorraine, Bd. IL, 
S. 187 ff., eine viel gfrößere Anzahl occidentaler und orientalischer Fassungen 
zusammengestellt, doch auch er kannte keine slawische Version desselben. 
Die slawischen Märchen von Dr. Allwissend sind aber so zahlreich und 
so charakteristisch, dass sie deutlich den Weg anzeigen, den dieses 
Märchen wandelte. Nicht minder interessant sind dessen mannigfaltige 
Umwandlungen bei den Russen, Polen und Cechen, die uns deutlich 
zeigen, wie die westslawischen Märchen im Allgemeinen zur west- 
europäischen Märchenwelt stimmen, während die ostslawischen, besonders 
großrussischen Erzählungen die orientalischen Stoffe ziemlich treu, freilich in 
eigener Färbung und Umgestaltung wiedererzählen. 

In allen großrussischen Versionen tritt statt des Wahrsagers eine 
Wahrsagerin auf Aufgezeichnet sind sie aus den Gouv. Samara,') 
Rjäzan^) und Tambow.^) Berühmt wird die Wahrsagerin wie bei Soma- 
deva zunächst dadurch, dass sie die von ihrem Sohne auf ihre Ver- 
anlassung gestohlenen Pferde den rechtmäßigen Eigenthümern wieder 
entdeckt. In der Version aus Samara ist dieser Zug ausgefallen. 

Hier hat die Wahrsagerin die Diebe des Ringes ihres Herrn zu 
entdecken. Der Herr lässt sie in ein Zimmer führen und, um ihre Kunst 
zu erproben, ihr einen Braten bringen; sie soll errathen, was für einen 
Braten sie bekommen hat. Nachdem sie das Fleisch verzehrt, sieht sie 
sich um und sagte: <?Ach, eine Krähe (vorona) ist in die herrschaftlichen 
Gemächer geflogen.* Der Herr glaubte nun, dass sie den Braten errathen 
hat, während die Alte nur sich selbst meinte, da sie Vorona (Krähe) hieß. 
Nun sollte sie die Diebe errathen. Wie in der Erzählung des Somadeva 
klagt die Wahrsagerin im Zimmer eingesperrt, was ihr Rücken und 
ihr Bauch leiden werden, denn es drohen ihr 100 Schläge, an der Thür 
lauschen aber die Diebe des Ringes Spinka (Rücken) und Brju.^ko 
(Bauch), beziehen die Worte der Wahrsagerin auf sich, bekennen sich 
zum Diebstahl und bitten niu-, dass sie dem Herrn nicht verrathen werden. 
Sie schlagen selbst vor, dass der Ring einem Truthahn zum Schlucken 
gegeben werden soll. Darauf lässt sie den Ring im Truthahn entdecken. 

Die beiden anderen großrussischen Erzählungen sind ähnlicher der 
von Cosquin (op. c. II, 192) angeführten annamitischen Version: die zum 
Missverständnis fuhrenden Namen der Diebe sind schon in der Samarischen 
ziemlich gleich mit den annamitischen Bung (ventre) und Da (panse). In 
der Version aus Tambow schickt ein Herr, dem eine ganze Kiste Geld 
gestohlen wurde, zwei Diener um die Wahrsagerin. Diese setzte sich in 
den Wagen und klagt: «Ach, wenn nicht der Mammon (mamon) und 
der Bauch (brjucho) wären, wäre das alles nicht!» Die auf dem Bock 
sitzenden zwei Diener und Diebe, Namens Samon und Andrjucha, 



*) Sadovnikov: Skazanija i predanija Saraarskago kraja Nr. 40, S. 159 fF. 

*) J. A Chudjakova Velikorusskija skazki II, Xr. 67. S. iio ff. 

•) Ath^nasjev Russkija narodnyja skazki II (1856), Nr. 16, S. 30 ff. 



2 e^ PoUvka. 

glauben ihre Namen zu hören und furchten, dass sie die Wahrsag-erin 
bereits erkannt hat. Sie bekennen sich nun zum Diebstahl und theilen 
ihr mit, wo die gestohlene Kiste Geld versteckt ist.M Ganz gleich ist die 
Scene in der annamitischen Erzählung. Der ganze Unterschied ist der, 
dass die Wahrsagerin in einer Sänfte von den zwei Dienern und Dieben 
getragen wird. 

Auch in der Version aus Rjäzan glauben sich die auf dem Bock 
sitzenden zwei Diener und Diebe in den Klagen der im Wagen sitzenden 
Wahrsagerin entdeckt. Nachdem sie angekommen, will der Herr zuerst 
ihre Wahrsagekunst erproben, was wie in der samarischen Version mittelst 
eines Krähenbratens geschieht. 

Eng verwandt ist noch die neuestens in Samogitien (Kreis und 
Kirchspiel Rossieny) aufgezeichnete Version:^) In ihr entdeckt zuerst der 
Mann der Wahrsagerin das auf ihre Veranlassung gestohlene Pferd. Dann 
schickt der Herr um sie, um dcis ihm gestohlene Geld zu entdecken. Sie 
gieng im Zimmer herum, blickte in den Spiegel und sprach zu sich : «0 du 
Krähe, was kannst du wissen.» Der Koch wollte ihre Kunst erproben 
und trug ihr eine gebratene Krähe hin. Wie er zur Thür kam, hörte er 
plötzlich «Krähe, Krähe, was weißt du». Er glaubte, dass sie bereits von 
der gebratenen Krähe wisse, und bekannte, wo das gestohlene Geld sich 
befinde. 

Mit dem von Th. Benfey bereits herangezogenen litauischen 
Märchen stimmt so ziemlich ein kleinrussisches in der Sammlung M. D r a- 
gomanov's überein.') Die Wahrsagerrolle spielt hier ein armer Dorf- 
pfarrer auf Anstiften des Kirchenvorstehers. Auch hier erprobt der 
Wahrsager seine Kunst an den von seinen Söhnen gestohlenen Pferden. 
Von ihm erfahrt ein Kaiser, dem Geld gestohlen wurde; er sperrt ihn 
in ein Zimmer ein und gibt ihm eine dreitägige Frist; wenn er während 
derselben nicht erräth, wo der Schatz sich befindet, wird er mit dem 
Tode bestraft. Die Diebe, die von dem Wahrsager gehört haben, hor- 
chen der Reihe nach in der Nähe des Zimmers. Den ersten Abend hört 
der erste Dieb, wie der Pfarrer nach dem Abendbrot betet und seufzend 
sagt: «Ach Herrgott, einer ist schon vorbei!» Der Dieb bezieht die 
Worte erschrocken auf sich. Den anderen Tag gehen zwei Diebe hor- 
chen, den dritten alle drei. Den zweiten Abend hören sie <f Herrgott, 
nun ist der zweite auch vorbei», und den dritten «Herrgott, was soll 
ich thun! Nun sind schon alle drei vorbei!» Die Diebe bekennen sich 
in ihrem Schrecken zum Diebstahl und verrathen, wo der Schatz ver- 
borgen. Der Pfarrer entsagt aber seiner Wahrsagerkunst, auf Anrathen 
des Kirchen Vorstehers zündet er sein altes Haus an, baut sich ein neues 



*) Vgl. die arabische Version (Cosquin II, 193), in welcher der Wahrsager seiner Frau 
sagt: »Sans toi, Garäda (sauterelle), Asfoür (moineau) ne serait pas tomW dans cet embarras.» 

*) Podania 2mujdzkie zebrat i doslownie zpolszczyt M Dowojna Sylwestrowicz I (Bibljo- 
tcka «AVisly* toni XJI). Warszawa 1894. S. 136 f. 

') Maloruskija narodnyja predanija i razskazy, S. 146 fi". Nr. 43. 



Slawische Beiträge rur vergleichenden Märchenkunde. 255 

und streut die Nachricht aus, dass mit dem alten Haus auch seine Zauber- 
bücher verbrannt sind. 

Mit dieser kleinrussischen Version hängt eine polnische aus dem 
Krakauerlande zusammen.*) Statt der Söhne des Pfarrers stiehlt im 
katholischen Märchen der Küster; statt der Pferde sind es zwei Ochsen. 
Von der Zauberkunst des Pfarrers erfahrt ein König-, dem ein Ring 
verloren gegang*en ist. An der Thür des Zimmers, wo der Pfarrer und 
sein Küster eingeschlossen, lauschen die Diebe ; wie der Küster das erste 
Gläschen Brantwein ausgetrunken, sagt er «schon einer, kommt auch der 
zweite», nach dem zweiten Gläschen «schon zwei, kommt auch der dritte,» 
und ähnlich nach dem dritten. Der Ring wird alsdann, wie in der Version 
aus Samara einem Truthahn in den Schnabel gesteckt. Nachdem der 
Pfarrer nicht mehr zaubern wollte, so zündet, wie im kleinrussischen 
Märchen, der Küster das Pfarrhaus an und verbreitet die Nachricht, dass 
mit dem Haus zugleich auch die Zauberbücher verbrannt wären. — Die 
vorhergängige Probe der Wahrsagekunst ist in diesen beiden Versionen 
ausgefallen. 

Eine andere kleinrussische Erzählung^) schließt sich bereits enge 
an die westeuropäischen Versionen des «Doctor Allwissend» an. Wie in 
diesen giebt sich ein armer Teufel als Prophet aus, um zu erfahren, was 
die Herren essen, und bietet sich selbst einer Frau, der ein Ring verloren 
gegangen ist, zur Entdeckung desselben an. 

Er bedingt sich eine dreitägige Frist und drei Diener aus. Den 
ersten Tag bedient ihn der erste Diener; wie sich der Zauberer abends 
schlafen legt, sagt er: «Gelobt sei Gott, schon einer!,» den zweiten Abend 
vor dem zweiten Diener: «Gelobt sei Gott, schon der zweite I» und den 
dritten Abend vor dem dritten Diener: «Nun sind's schon alle drei!» Die 
Diebe glauben sich entdeckt und bitten den Zauberer, sie ja nicht der 
Frau zu verrathen. Der Ring wird in einem Truthahn gefunden. Die 
Zauberkunst wird noch von dem misstrauischen Gemahl der Frau er- 
probt Ein Käfer (üucok) wird unter einen Teller versteckt, der Zauberer 
ruft die Hände ringend aus: «Ach armer Käfer (voc. zucku), jetzt bist du 
dem Herrn in die Hände gefallen.» 

In dem polnischen Märchen aus den Beskiden^) werden die Diebe 
auf die gleiche Weise entdeckt; den Ring geben die Diebe selbst, in 
einem Teig versteckt, einer Gans zu verschlucken. Die Wahrsagekunst 
des Propheten wird auf eine eigene Weise auf die Probe gestellt: 

Der Wahrsager wird ins Haus geladen; dort versteckten sie den 
Richter unter einen Tisch; er soll errathen, wer dort versteckt ist; der 
Richter heißt ebenso wie der Prophet: Tyrcek. Der arme Wahrsager 
kann es nicht errathen, am Richtplatz ruft er aus: «Nun, unglücklicher 
Tyrcek, musst du sterben!» So errieth also der Wahrsager, wer ver- 



') St. Ciszewski Krakowiacy Monografja etnograficzna 1894, ^* ^^* ^^S* ^* ^^7 ^* 
') Cubinskij Trndy etnograf.-stat. ekspedicii v zap.-russkij kraj. II, S. 646, Nr. 107. 
■) Zbiör do wiad. antropologii krajow^j Bd. V. 3. Abth. Seite 208 fF Nr. 15. 



256 



PoHvka. 



borgen war, und reichlich belohnt, gieng er seines Weges. Diese Um- 
wandlung scheint auf einem Missverständnis des Namens zu beruhen. 
Die Erzählung wurde vielleicht aus einer cechischen Quelle herüber- 
genommen, in welcher der Wahrsager cvrcek (Grille) hieß; der unver- 
standliche und für einen Polen unaussprechliche Name wurde um- 
gestaltet und dementsprechend dann auch die ganze Erzählung um- 
gemodelt. Vgl. auch trcek (Zaunkönig) im Troppauer Dialect. 

Eine andere polnische Erzählung aus dem Posen'schen *) stimmt fast 
vollständig mit der Fassung des Märchens vom Doctor Allwissend, welches 
R. Köhler aus den Erzählungen des Herrn d'Ouville angeführt hat 
(Orient und Occident III, S. 184 f.). Ein armer Handlanger, namens 
l^wiercz (Grillet), bietet sich einer Frau, der ein kostbarer Brillantring 
verloren gegangen ist, als Wahrsager an, um wenigstens dort drei Tage 
gut essen und trinken zu können. Als er am Abend des ersten Tages 
sich niederlegen will, sagt er, auf den ihn bedienenden I^akai blickend: 
«Gott sei Dank, also schon einer,» den zweiten Abend vor dem zweiten 
Lakai: «Gott sei Dank, schon der zweite», und den dritten: «Also schon 
der dritte und letzte. Ich habe das meine zuwegegebracht.» Der Dieb 
fuhr erschrocken zusammen, diese Worte auf sich beziehend; der Wahr- 
sager aber fürchtete sich nicht weniger auf die ihn erwartende Strafe 
und ächzte schwer. Der Lakai fragte ihn, warum er so seufze. Der 
Wahrsager blickt ihn traurig an und sagt: «Ach Bruder, wie soll ich 
nicht betrübt sein, eine schwere Strafe wird zu ertragen sein.» Der 
Lakai erschrickt noch weit mehr, dass ihm mit schwerer Strafe 
gedroht wird. Die Diebe bekennen sich zum Diebstahl und über- 
bringen den Ring. Dieser wird, in einem Brotstück verborgen, einem 
Truthahn zum Verschlucken gegeben. — Der Wahrsager wird von dem 
misstrauischen Herrn noch einer Probe unterzogen: eine Grille wird 
zwischen zwei Schüsseln versteckt; auf die Aufforderung, zu errathen. 
was darin verborgen sei, seufzt er: «Arme Grille (J^wiercz), jetzt bist du 
gefangen. — Grille «Cvrcek» heißt der Wahrsager auch in einigen 
cechischen Fassungen des Märchens. Am einfachsten ist eine von V. 
Bene§-Tfebizsky aufgezeichnete Version*): Der Diener eines Doctors, 
Namens Matfej Cvrcek, wollte auch Doctor werden, studierte daher eine 
Woche lang ein altes lateinisches Buch, und als gerade ein König seinen 
kostbaren Ring verlor, bot er sich ihm an, den Ring wiederzufinden. 
Es dauert lange, bis man ihm das Mittagmahl in sein Zimmer bringt. 
Als endlich der erste Diener mit der Suppe erschien, rief er freudig aus : 
«Ach, schon einer,» als der zweite Diener das Fleisch brachte, freute er 
sich noch mehr: <vAch, das ist der zweite,» und als endlich der dritte mit 
dem Braten erschien, rief er: «Ach, da ist der drittel» Der bekannte 
sich schnell zum Diebstahl, bat, nur nicht verrathen zu werden. Den 
Ring steckt der Wahrsager einem Truthahn in den Kropf. — Die zweite 
Probe hat der Wahrsager erst später zu bestehen. Der König wollte 

') O. Kolberg Lud. Bd. XIV, S. 273 ff., Nr. 68. 
•) NÄrodni pohAdky a povJsti S. 25 ff. 



Slawische Beiträge zur vergleichenden Märchenkunde. 257 

sich auf einer Versammlung von Fürsten einmal mit dem großen Gelehrten 
brüsten und gieng sogar eine Wette ein. Der Prophet wird gebracht 
und soll rathen, was unter der Schüssel versteckt sei; er fangt etwas 
zu stottern an und gähnte brummend: «Cvrcku ...» (Grille . . . .) 
Freudig begrüßten die hohen Herrschaften den Propheten. — 

In einer anderen Erzählung aus der Umgebung von Roinau in 
Mähren*) treten zwei Wahrsager, Namens Jandala und Cvr^ek, auf Der 
Ring wurde von zwei Dienern einer Prinzessin entwendet. Auch hier 
fühlen sich die Diebe bei dem Zutragen der Speisen durch die Worte 
des einen Wahrsagers (des Jandala) getroffen. Den Ring verschluckte 
ein Truthahn. Der Vater der Prinzessin bewirthete die beiden Wahr- 
sager noch 14 Tage und gibt ihnen noch ein Räthsel auf. Wie das Holz- 
kästchen den 14. Tag hineingebracht wird, raffte sich Jandala zu den 
Worten auf: «Wahrhaftig, Grille (Cvrcku), diesmal geht's dir schlecht.» 
In dem Kästchen befand sich eine Grille. 

Complicierter ist eine andere cechische Version, die von K. J. 
Erben aufgezeichnet wurde. ^) Ein Bauer war trotz seines Vermögens 
unzufrieden mit seinem Schicksal, er wollte ein gelehrter Herr werden. 
Er g^eng also zu Studenten in die Lehre und lernte binnen zwei Monaten 
«mit der Feder Ringelchen und Striche machen». Stolz auf dies Wissen, 
ließ er sich in der Residenz-Stadt als gelehrter Doctor ausrufen. Gerade 
war dem König ein kostbarer, mit Edelsteinen und Perlen geschmückter 
Sattel gestohlen worden. Der Doctor, zu Rath gezogen, schrieb einen 
Zettel voll mit Ringelchen und Strichen, und schickte dieses Recept in 
die Apotheke. In der Apotheke verstanden sie zwair das Recept nicht, 
mischten aber dennoch ein unschädliches Wässerchen zum Schwitzen zu- 
sammen, in einer ähnlichen deutschen Version aus Oldenburg^) ein 
Purgativmittel ; die Arznei trank aber nicht, wie in dieser, der Knecht 
des um ein Pferd bestohlenen Herrn, sondern der gelehrte Doctor selbst ; er 
lief in das nächste Gasthaus, um seinen Durst zu löschen, und während er 
so im Gastzimmer beim Tisch saß und trank, hörte er im Nebenzimmer ein 
Flüstern, blickte durch die offene Thür hinein und sah dort etwas glitzern : 
es war der gestohlene Sattel. Wir finden hier also die alte Anekdote des 
Florentiner Poggio (f 1459), die öfters nacherzählt wurde. (Vgl. Orient und 
Occident III, 382.) 

Der nun berühmt gewordene Doctor soll den Ring, welcher der 
Prinzessin verloren gegangen ist, finden. Er lässt ihr liebstes tödten: es 
ist das ihr Liebling, ein Papagei ; in seiner Gurgel wird wirklich der Ring 
gefunden. Hierauf soll er predigen, er steht schon auf der Kanzel, weiß 
aber nicht, was er reden soll, in seiner Angst ruft er: «Liebe Zuhörer! 
Feuer! Feuer!» und wirklich hat das Volk kaum die Kirche verlassen, 
stürzt das Dach ein. Dieselbe Episode finden wir in der deutschen Version 
des «Doctor Allwissend» aus dem Giessenschen (Mannhardt: Ztschr. 

*) B. M. Kulda, Moravsk^ narodni pohddky a povisti. I. S. 260 ff, Nr. 49. 

«) Slavia, Narodni pohädky. T. Heft. 4, S. 25 fl'. 

') Strackeijan. Aberglauben u. Sagen aus dem Herzogthura Oldenburg. II, 348 fF. 

Zdtscfarift mr ötterr. Volkskunde. I. 17 



2^8 Polivka. 

f. deutsch. Mythol. I, 36 flF. Vgl. Orient und Occident III, 381). — Endlich 
wird der Doctor vom König zur Tafel geladen, seine Gelehrtheit wird 
hier zum letztenmale auf die Probe gestellt: er soll errathen, was zwischen 
zwei silbernen Tollern verborgen i.st, auf ihnen liegt ein scharfes Schwedt ; 
mit dem wird er hingerichtet, wenn er es nicht erräth. In seiner Angst 
ruft er: vNun ist es mit dir, lieber Grille (mily Cvrcku), zu Ende.s> 

Gleichfalls heißt der «Doctor Allwissend» Grille, Heimchen in 
den französischen Versionen (Cosquin op. c. II, 187 ff., Alb. Meyrac 
Traditions, Legendes et contes des Ardennes S. 431 ff. Aug. Gitt^e 
Contes popul. du pays Wallon S. 53 ff.), in den sizilischen (Cosquin 
II, 189), bereits in den Novellen des Giovanni Sercam bi. (Vgl. FeMx 
Liebrecht, Gott. Gel. Anz. 187 1 S. 1158) ebenso (pilaganta = grillon des 
champs) heißt er in einer ostindischen Version (ib. 193), aber deutsche 
Versionen mit diesem Namen sind mir unbekannt. Grimm K. H. M. 
(III, 179) erwähnt eine Version, in welcher der Wahrsager Felix Gritte 
heißt: wäre vielleicht nicht besser Grille zu lesen? 

Statt dessen heißt er in den deutschen Versionen gewöhnlich Krebs 
(Grimm K. H. M. Nr. 98), gleichfalls in einer italienischen (Cosquin II, 
190), und denselben Namen (Rak) führt er in einer cechischen Version.^) 
Ein armer Bauer tauschte am Jahrmarkt eine Kuh gegen ein Büchelchen 
ein, welches seine Frau für ein Zauberbuch hält. Zuerst zauberte er ein 
dem Nachbarn gestohlenes Pferd herbei, doch auf eine andere Weise als 
in der indischen Version: der Dieb, erschreckt durch des Wahrsagers 
Frau, dass er bereits erkannt sei, dass es der Wahrsager aber erst nach 
drei Tagen sagen wird, bekannte sich selbst zum Diebstahl; das Pferd 
wurde stark eingeseift und dann erst losgelassen, damit der Eigenthümer 
glaubt, es sei von weither so mit Schaum bedeckt zugelaufen. — Darauf 
hat er den Ehering des Königs aufzufinden. Die Entdeckung der Diebe 
ist ziemlich originell : nachdem er die Suppe gegessen, knöpfte er sich 
den untersten Knopf an der Weste auf und sagt seiner Frau, die zugegen 
ist: «Das ist der erste. Der Lakai brachte soeben das Fleisch und 
schrack nicht wenig bei diesen Worten zusammen. Als der Wahrsager 
sich dann den zweiten Knopf aufmachte und sagte: das ist der zweite, -^ 
kam gerade ein anderer Lakai mit der zweiten Speise. Endlich machte 
er sich noch den dritten Knopf auf mit den Worten: «das ist der dritte, 
und soeben trat wieder ein anderer Lakai mit der dritten Speise ein. 
Die Diebe glauben sich erkannt und gestehen dem Wahrsager den Dieb- 
stahl ein. Den Ring musste eine Ente schlucken. Die Schlussprobe hat 
der Prophet den andern Tag zu bestehen, in einer zugedeckten Schüssel 
werden Krebse gebracht, der Prophet seufzte: «Nun ist*s mit dir, armer 
Krebs, Amen . .3i> So ziemlich gleich wird dieses Märchen auch bei den 
Slowaken Nordungarns erzählt^: Auch hier werden zuerst aus dem für 
eine Kuh gekauften Kalender zwei dem Nachbarn gestohlene Ochsen 

>; Ndrodni pohddky od J. K. z. Radostova (1872). I, 270 if. 

*) Pavol DoMinsky: ProstonÄrodnie slov. povesti. Heft 4, S. 31 ff. 



Kleine Mittheilangen. 2^0 

herbeigezaubert. Im Dorfe wird der Ausspruch des Wahrsagers ruchbar, 
dass der mit dem krummen Knie die Ochsen gestohlen hat und dass, 
wenn er nicht bis zum andern Morgen die Ochsen zurückbringe, er auch 
am andern Knie lahm wird. Dies hört der wahre Dieb, ein krumm- 
beiniger Insasse desselben Dorfes und bekennt sich erschreckt zum Dieb- 
stahl. Dann hat der Wahrsager den der Schlossfrau verlorenen Ehering 
aufzufinden. Die Diebe bekennen sich auf dieselbe Weise wie in den 
anderen Versionen zur That. Der Ring wird im größten Truthahn ge- 
funden. Die Schlussprobe ist dieselbe wie in der cechischen Version. In 
der Version aus Kamenitz *) im westlichen Mähren (Bezirk Iglau) ist der 
Prophet Racek ein armer Todtengräber. Von seinem Pfarrer mit einem 
Büchel beschenkt, geht er auf dessen Rath als Prophet in die Welt. Er 
kommt in eine Stadt, wo er erfahrt, dass die königliche Prinzessin einen 
kostbaren Ring verloren hat. Die Diebe, drei Köche, werden bei dem 
Zutragen der Speisen «erkannt». Die Bestürzung der Diebe wird noch 
gesteigert durch die Worte des Propheten: «Einen also kann ich sehen» 
u. s. w. Weiters wird dasselbe erzählt wie in der böhmischen Version. 

In der cechischen Version aus dem Piseker Kreis*) fehlt die 
Schlussprobe, der vermeintliche Prophet gibt sich auch nicht als solcher 
aus: ein einfacher Bauer wird vom Schlossherrn für einen Zauberer ge- 
halten, weil er verschiedene Kräuter auf der Wiese unter dem Schlosse 
sammelt. Die Diebe des Ringes werden auf dieselbe Weise entdeckt 
beim Zutragen der Speisen, wie in den anderen Versionen. Der Ring 
wird gleichfalls in dem Kropf eines Truthahns gefunden. 

Südslawische Versionen des «Doctor Allwissend» sind mir bis jetzt 
unbekannt geblieben. 



IL Kleine Mittheilungen. 

Zum Volkslied vom Gams-Urberl. 

Mitgetheilt von Karl Reiterer, Donnersbach wald. 
In Heft 5 — 6 dieser Zeitschrift theilt Herr Dr. Anton Schlossar mehrere Volks- 
lieder aus Donnersbachwald, darunter das Lied vom Gams-Urberl, mit. Der Herausgeber meint, 
dass dies Lied aus dem Oberbayrischen stamme und sich in den steirischen Bergen des Enns- 
thales eingebürgert haben durfte, da es die drastische Verherrlichung der Thaten eines kecken 
Wilderers enthält. Ich bin nun in der Lage, Einiges über den Helden des Volksliedes mittheilen 
zu können. Meine Gewährsmänner über den Gams-Urberl sind der vulgo Hirschweber 
Hans, derzeit Knecht beim Mörschbacher , Grundbesitzer in Donnersbachwald, und Carl 
Khalss, ein Holzknecht in Grundlsee. Nach den Erzählungen des Ersteren war der Gams- 
Urberl der Sohn eines Schneiders in St. Nikolai in der Groß-5>ölk, einem Dorfe unweit Gröbming 
im Ennsthale. Zwanzig Jahre alt, fiel Urber in die Hände der Häscher. Man steckte den 
strammen Burschen zum Militär — es war in den Vierziger Jahren. Andere Leute meinen, es 
sei in den Jahren i8ii oder i8l2 gewesen. Dem Berichterstatter ist seinerzeit vom Holzknecht 
Karl Khalss im Grundlsee ein Brief zugekommen, der sich über Leben und Schicksale des 
Gams-Urber verbreitet. In demselben heißt es: 



*) B. M. Kulda, Moravsk^ närodnf pohÄdky a povSsti. IV. V. Praze 1894. S. 7. i f. 
») J. K. HraSe, Povidky na§eho lidu. I, S. 163. 

17* 



26o Kleine Mittheilungen. 

cEier Wohlgebohren! Ich nehme mir die Freiheit Eich als augezeichneten Land 
Schriftsteller; Eich auch; weil Ihr es nicht wissen könnt, was im Lande sich zugetragen hat, 
weil Ihr in diesen Ort fremd seid; es in die Schrift zu bringen! Darum wundert es mich, das 
es nicht die beiden Schriftsteller! Friedrich Lobenstock und Franz Frauengruber, als Landsleite, 
schon längst es geschrieben haben. Den Gams-Urber, sein Kammerad, wie sie im Otterstein, 
überwintert haben, heist der Flucht Fischer oder der Fischer Franzi, oder mit seinen Nahmen 
Franz Seebacher gebürtig von Mitterndorf, ist auch ein Deserter gewesen und sind diese zwei, 
mitsammen in Augsburg; im Jahr 1813. wie das Österreichische Millitär, nach Leipzig zur Völker- 
Schlacht hinaus Marschirt sind, bei der Nacht Desertirt: da sind Sie durch Beiem über Salzburg 
immer auf umwegen, in der großen gefahr! weil sie dem Standrecht verfallen sind nach Haus 
gekömme aber nicht nach Hause sondern in das Gebirg, um da Ihr leben durch zu bringen, weil 
Sie zu Hause nicht bleiben kanten, um dann im Gebirg zu Wildem, und ein freis Leben zu 
genissen. Weil Sie durchaus beim Militer nicht sein wollten ; der Gams Urbar war ein Menschen- 
Feind Er haste daher die ganze Welt, Er soll auch einen Jäger erschossen haben! wege dieser 
Tath ging sein Kammerad von Ihm weck, und blieb nicht mehr bei Ihm ; Er soll auch im Gebirg 
iimgekommen sein. Aber der Fischer Franzi war bei allen Menschen beliebt; besonders bei den 
Alm DirndKn Er soll auch wenigstens zwölf 12 Kinder hinlerlasen haben, weil Er ein schönner 
Mensch war; Er hat auch einen Winter im Altausseer Gebirg am Wildensee in einer Almhüten 
überwintert ; da ist es Ihm so schlecht gegangen das Er einnen Moderigen Stock gesotten hat und 
es gegessen, um sein Leben zu erhalten ; auch einen Winter in Oberwasser in einer Hütten, dann 
ist, einmahl der Grams Urbar angezagt gewessen, der koller Sep hat ihm angezagt; Er ist in der 
Birjjmos Holzstube; u. wie die Leit der Gerichtsdiner Rossenkranz und 2 Soldaten von der 
Salinenwacht u. ein Förster kam war es der Fischer Franzi dan banden sie ihm u. gingen mit 
ihm über die Holzrissen, u. am höchsten ort sprang er ab bei der Stockfinstem nacht u. kam 
ihnen aus. u. Sein Ende ist in seinen hohen Alter bey 80 Jahren beim fischen im Hammer 
wehrtimpfel gewessen er ist noch im Tode gestanden wie die Leite zu ihm gekommen sind.» 

Nach den Erzählungen des Hirschweber Hans, der den Gams-Urber persönlich kannte, 
soll der gefangene Deserteur von den Häschern in's «G'schloss» bei Gröbming gebracht worden 
sein. Dort wurde er in ein Zimmer gesperrt und musste, wie man erzählt, die Kinder des Die- 
ners bei verschlossenen Thüren vor seiner Abschiebung in die Stadt beaufsichtigen. Er versuchte 
dabei die Doppelthür seines Gemaches zu sprengen: Endlich entkommen, versteckte sich der 
Flüchtling den ganzen Tag unter einem HeustadI in der Nähe des Schlosses. Als die Nacht 
herankam, enttioh Urber auf den Pruggerer Berg und verdingte sich dort bei der vulgo Hezin 
als Knecht so lange, bis er sich so viel verdient hatte, dass er sich ein Gewehr kaufen konnte. 
Mit diesem entfloh er in die Berge, wo er vor den Häschern sicher war. Urber führte nun ein 
unstätes Leben. Bald musste er in einer Sennhütte, bald im Freien unter einer Steinwand über- 
nachten. Daher heißt es im Liede: 

Und wenn kein' Almhütten war und kein steiners Wandl, 
So hätt' der Gams-Urberl kein Unterstandl. 
.\us Urber wurde ein professionsmäßiger Wilderer, wie es solche vor Zeiten eine Menge 
j^ab, denn die Abneigung vor dem Soldatenstande und <ler Selbsterhaltungstrieb jagte so viele 
Müchtlinge ins Gebirge, wo man jahrelang ein freies Leben führte. Urber hielt sich bald in der 
Gegend von Oppenberg bei Rottenmann, bald im Donnersbacher Gebiete auf, ja, er trieb sich 
auch jenseits der Enns, im Todten Gebirge herum. Auf der Trapelspitze verschneite es ihn einst 
sammt dem Fischer-Franzi. Alt und mühselig geworden, endete Urber bei einem Bauer. Er 
war körperlich und geistig gebrochen. Der vorgenannte Gewährsmann Hirschweber Hans ver- 
sicherte mich, Urber habe mit dem Kopfe im Alter stark gewackelt, was darauf hinweist, dass er 
nervenleidend geworden sei. Noch heute singt und sagt man vom Gams-Urber. Sogar gedruckte 
Lieder über ihn circulieren beim Volke, das die Todten fortleben lässt und ihnen einen duftenden 
Sagenkranz auf das Grab legt, wenn sie im Leben eine außergewöhnliche Thatkraft bekundeten. 
[Die vorgebrachten Reminiscenzen und Erzählungen aus dem Volksmunde müssen als 
die Mutterlauge betrachtet werden, aus welcher in bestimmten Fällen ein Volkslied, wie das vom 
Gams-Urberl herauskrystallisirt. Es ist sogar möglich, dass ein derartiges Lied nicht auf einmal 
in seinem ganzen Umfang entsteht, sondern dass es aus mehreren Episoden zusammenwächst, von 
denen eine die andere in die dichterische Form nachzieht. Denn die Tradition ist selten unter 



Kleine Mittheilungen« 26 1 

den einzelnen Gewährsmännern^ die insgesammt den «Volksmund» ausmachen, vollständig erhalten; 
der weiß diesen Zug zu berichten, ein anderer jenen, — irgend ein Anfang, die Sache in Reime 
zu bringen, wird gemacht, und endlich ist ein ganzes Lied fertig. Jedenfalls wird aus den mit- 
getheilten Daten Herrn Reiterer's die Meinung des Herausgebers zweifelhaft, es handle sich hier 
um die Einbürgerung eines oberbayrischen Stoffes und Liedes. Der Red.] 



Zur Sage vom Tatzelwurm. 

(Nachträge zum Aufsatze Josef Frh. v. Doblhoffs: Altes und Neues vom Tatzelwurm, 

p. 124 ff. dieser Zeitschrift.) 

[Die in Heft 5 — 6 dieser Zeitschrift erschienene Abhandlung Josef Frh. v. Doblhoffs 
«Altes und Neues vom Tatzelwurm» hat nach verschiedenen Seiten die Anregung gegeben zur 
Einsendung von Notizen und Bemerkungen über das sagenhafte Thier und sein mysteriöses Vor- 
kommen. Im Folgenden sind diese Einsendungen, wie sie dem Herrn Verfasser zugekommen sind, 
zum Abdruck gebracht, da sie sowol topographisch wie ideell den Beobachtungskreis erweitern, 
welcher in der erwähnten Abhandlung dargelegt worden war. Der Red.] 

Einer brieflichen Mittheilung aus Neuwaldegg ddto. 8. September, von Friedrich 
Graf v. Schönborn entnehmen wir, dass der verstorbene Reichsraths - Abgeordnete Graf 
Friedrich Dürckheim einen «Wurm» auf einer Gemsjagd bei Stoder sah. — «Das Thier 
sei dickleibig, gefleckt nach Art der Forelle gewesen, hätte nach Dürckheim's Schilderung kurze 
Beine gehabt; es sei in einen Steinhaufen gekrochen. Graf Dürckheim habe nun mit dem Berg- 
stocke die Steine zu entfernen begonnen und die begleitenden Jäger aufgefordert, ein Gleiches zu 
thun, um das Thier fangen zu können. Die Jäger aber hätten sich geweigert, indem sie 
meinten, so ein Thier blase den Angreifer an und man wird davon hin.» — 
Femer schreibt Graf Sc hon bor n : «Die zweite, auf Ähnliches bezügliche Mittheilung, wurde mir 
vor mehr als 20 Jahren von einem noch lebenden polnischen Herrn, Gf. S. gemacht, dessen 
Namen ich nur deshalb nicht nenne, weil ich nicht dazu autorisirt, obwohl ich eigentlich über- 
zeugt bin, dass S. nichts dag^en hätte. Graf S., mit dem ich in Vevey zusammentraf, kam 
eben von Chamounix. Er erzählte mir, dass dort, auf einer der leichten und viel l)esuchten 
Glelschertouren, vor ihm ein ihm gänzlich unbekanntes, vierfüßiges Thier über den 
Weg gelaufen sei. Die savoyischen Führer hätten es in ihrem Dialecte bezeichnet und als 
sehr giftig (extrdmement venimeux) erklärt. Den von den Führern gegebenen Namen habe S. 
leider vergessen. Ich warf sogleich ein, es könne ein Murmelthier gewesen sein, weil mir von 
früher das schnelle und überraschende Vorbeirutschen des Murmelthieres aus eigener Anschauung 
bekannt war. S. erklärte aber ganz bestimmt, es sei weder ein Murmelthier, noch sonst ein 
ihm bekanntes Geschöpf gewesen.» Graf Schönborn fügt bei, dass Graf S. ungewöhn- 
lich scharfe Augen besitzt (er war damals 23 Jahre alt) und dass seine Mittheilung den Eindruck 
des Gesehenen machte. Graf S. schließt sich der Annahme Kobells an, «es könne in entlegenen, 
äußerst selten besuchten Gebirgsgegenden eine Thier- Art sich erhalten haben, die sich selten 
zeigt. Dass bei seltenen Natur-Erscheinungen sich die Fabelsucht geltend macht und beispiels- 
weise aus einem harmlosen Saurier ein Giftthier oder ein Basilisk wird, scheint mir auch nicht 
unmöglich.» 

Herr Dr. B. Reber, Genf: Ihre interessante Abhandlung vom Tatzelwurm brachte 
mir die Sage von der Vuivra, welche in mehreren Thälem des Wallis heute noch lebhaft 
fortspukt, wieder in Erinnerung. Die Vuivra ist ein Mittelding zwischen Drache und Schlange, 
mit zwei kurzen Beinen, aber noch mit Flügeln versehen. Man stellt sich in ihr ein durchaus 
bösartiges und daher sehr gefürchtetes Ungethüm vor. Ein solches wurde im Lac Lona, einem 
schönen, am Passwege des Col de Torrent, der von Evolena in das Moiry-Thal führt, gelegenen 
Alpensee, bemerkt. Femer fand ich die Sage im Eringerthal verbreitet. R. Ritz im Jahrbuch 
des schweizerischen Alpenclubs, 1869, dann Tscheinen und Ruppen in «Wallisersagen», 1872, 
erzählen diese, ziemlich übereinstimmend mit der von mir gehörten Fassung, folgendermaßen: 



202 Kleine Mittheilungen. 

«Die Vuivra ist ein fliegendes Ungethüm, das eine Krone auf dem Haupte trägt, Feuer 
zu Flügeln hat, und am Körper einem Drachen gleicht. Es nährt sich von Goldsand, den es auf 
dem Crrunde der drei größeren Bergseen abwechselnd aufwühlt und verspeist. Ist die Grundfläche 
des einen Sees ausgebeutet, so erhebt es sich aus dem Wasser in die Luft und eilt, in 
schauerlichem Fluge einem andern See zu, um da wieder den Goldsand abzuweiden, den die 
Wasser während seiner Abwesenheit neuerdings ansammelten. Der Fall kann nun eintreffen, dass 
das gefräßige Ungeheuer, unter dem festen Eise eingeschlossen, den Winter zu lange findet, und 
manchmal nur noch magere Fassnacht hat. Darum führt es dann gegen die harte Eiskruste solche 
Kraftstreiche, dass Berg und Thal davon ringsum mächtig erdröhnen». 

Die Sage im Bagne-Thal über die dortige Vuivra zeigt einige Abweichungen. Das 
beflügelte Thier bewohnt den Lac des Veaux (nordwestlich vom Gipfel des Mont-Gel^) und 
besucht des Nachts den Lac de Champex, welcher in einem reizenden Thälchen zwischen dem 
Catogne und dem Omy-Massif, also ziemlich vom Bagne-Thal entfernt liegt. Bei dem nächtlichen 
Fluge erscheint der Glanz der Diamanten (bald wird von einer Krone, bald von einem Halsband 
gesprochen) wie ein Kometenschweif. Wenn sie sich badet, legt sie ihre Schätze immer vorher 
auf einen weißen Gegenstand und obwohl sie sich in den Fluthen fröhlich wälzt, schielt sie 
anhaltend überwachend nach dieser Richtung. Wehe dem, der sich erdreisten würde, etwas zu 
entwenden. Die Vuivra geht auch zu Lande so schnell, dass ihr kein Mensch entfliehen kann. 
Den Räuber umwickelt sie mit ihrem langen Schwänze und versenkt ihn in den unergründlichen 
Lac des Veaux, wo er niemals wieder an die Oberfläche gelangt. Anschließend an die 
Gewohnheit der Vuivra, ihre Krone auf einen hellen oder weissen Gegenstand niederzulegen, wird 
erzählt, dass Frauen in der Nähe des Ortes, wo das gefürchtete Unthier sein Bad zu nehmen 
pflegte, ein feines, weißes Tüchlein ausbreiteten und dass nachher große Kömer aus reinem 
Golde darauf gefunden wurden. Die Vuivra ist unverletzlich, weder Kugel noch Messer und 
Lanze können ihr etwas anthun. Jeder Angriff" würde mit dem Versenken des Opfers im Lac 
des Veaux endigen. 

Herr Dr. M. Höfler, Tölz, Bayern, bespricht in den «Beiträgen zur Anthr. Ethnol. 
und Urgesch.» (München) den Aufsatz über den Tatzelwurm: «Ich halte den Tatzel- 
wurm für den alpinen Stellvertreter des Lintwurms und für die Verkörperung einzelner Dämonen 
(Elben)-Gestalten ; das, was das Volk wirklich sieht, sind nur Thiere der Alpenzone, die die 
Phantasie des Einzelnen missgestaltet und wie auch bei anderen ungesehenen Gestalten des 
Glaubens zum Wunderthiere macht.» 

«Tatzelwurm-Stellen haben nicht bloß, wie schon gesagt wurde, mit der Pest, sondern 
auch mit Milzbrand- und Rausch brand-Epizootien einen localen Zusammenhang.» (Brief des Herrn 
Dr. M. Höfler aus Tölz, ddto. i8. September 1895.) 

«Schneller I, 294, verweist auf Grimm DM* 650 und Wyss, Reise ins Bemer Ober- 
land. Ein alter Veteran aus den Tiroler Kriegen erzählte mir (ex 1865), als derselbe 70 Jahre 
alt war, dass er als Soldat von größeren Eidechsen in Tirol gehört habe, selbst gesehen habe er 
dieselben nicht. Es steckt hinter dem Tatzelwurm nur der vom Volke phantastisch ausgemalte 
Lintwurm, den es ja auch nur vom Hörensagen kannte. Hierzulande kennt man den Tatzel- 
oder Stollwnrm nicht, wohl aber am Wendelstein; vielleicht sind ehemalige Pestzeiten damit in 
Verbindung stehend.» 

Der pensionirte Fürstl. Lichtensteinische Jäger Rupert Scheurer inKleinarl schrieb : 
Ihre Zuschrift vom 23. beantwortend, theile ich Ihnen mit, was mir aus Erfahrung vom so- 
genannten Tatzelwurm bekannt ist. Ich habe einen solchen wohl zum öfteren ge- 
sehen, er hat sonst das Aussehen einer Schlange, nur hat er vorne (hinter dem Rumpf) 2 
ganz kurze Füße (Tatzel), er hat eine Länge von ungefähr 50 Centimeter und eine Dicke 
von 5 Centimeter, ist gräulich, schuppig wie eine Schlange und von unten mit gelben Tupfen 
besetzt. Diese Thiere sind scheinbar sehr zornig, was sie durch Pfeifen und Nichtfliehen kund- 
geben. Ob deren Biß auch giftig wäre, weiß ich nicht.» 

Herr Professor Fugger, Salzburg: Ignaz Knoll in Stuhlfeld en hä|t das Murrael- 
thier für « den Tatzelwurm». Nach seiner Mittheilung behauptet Johann Zink in Uttendorf 
(Pinzgau), ein alter Klemhäusier, einen Tatzelwurm gesehen zu haben. 

Herr Gottfried Denimy, Beamter der Gartenauer Cementfabrik, Schi. Gartenaub. 
Salzburg : Im Laufe der zehn Jahre, seit welchen ich hier auf dem I^nde lebe, erzählte mir wohl der 



Kleine Mittheilungen. 26^ 

Eine und der Andere von dem Bergstutzen. Leider konnte ich mich jetzt aber nur mehr mit 
Zweien, die den Bergstutzen "selbst gesehen haben, in Verbindung setzen. Der Eine: Michel 
Brandner, der jetzt in Bischofshofen wohnt, war früher Aushilfsjäger. Obwohl ich demselben 
einen Fragebogen einsandte, schickt er mir doch beigeschlossenes Schreiben ein (welches ich Ew. 
Hoch wohlgeboren zur event. freundlichen Benützung übermittle), welches nur ungenaue Angaben 
enthält. Trotzdem bin ich überzeugt, dass er — seinen Bergstutzen gesehen hat. Mein zweiter 
Gewährsmann ist : J o s e f G r i 1 1, k. bayr. Postillon in Berchtesgaden, den ich mündlich auszuholen 
Gelegenheit hatte. Derselbe erzählte mir Folgendes: Es war vor fünfzig Jahren — er war damals 
zwölf Jahre alt — als er mit einem Altersgenossen auf einer Alm, unterhalb des Sattels zwischen 
dem großen und dem kleinen Watzmann, die Kühe hütete. Um die Mittagszeit herum, als sich 
die Heerde gelegt hatte, beschlossen die beiden Buben zu der Scharte emporzuspringen, um nach 
Murmelthieren «Mauken» zu schauen, wie sie das schon öfter gemacht hatten. Wie sie nun 
im Geröll herumsteigen, sehen sie auf einem Stein ein Thier in der Sonne liegen, wie sie früher 
noch nie eines gesehen hatten. Es war fast mannesarmlang, gut mannsarmdick, in eine plötzlich 
abfallende, stumpfe Spitze endigend, von röthlicher Farbe und im Sonnenlichte flimmernd, wie 
wenn*s mit <' lauter kleinen Sterndln* besäet wäre. Der Kopf war breit gedrückt. FüBe konnte 
er jedoch keine bemerken, d. h. er erinnert sich nicht mehr, welche gesehen zu haben. Die beiden 
Buben warfen nun mit .Steinen nach dem Thier, worauf es sich «pfeilg'rads aufrichtete (hiebei 
bemerkten sie, dass es einen dunkelgelben Bauch hatte) und ihnen — die sich zur Flucht ge- 
wendet hatten — in «zweiklafterlangen Sprüngen* unter Pfauchen nachsetzte. Sie liefen quer den 
Abhang hinunter, was ihr Glück gewesen sein soll, wie ihnen später der Jäger, dem sie dasAben- 
tfuer erzählten, gesagt hat. Der Jäger sagte ihnen auch, dass das Thier ein «Bergstutzen» bzw. 
^ Birgstutzen ' gewesen sei und ermahnte sie gleichzeitig, ein solches Thier nie mehr zu «beleidi- 
gen». Soweit meine Gewährsmänner. Die beiden Berichte ähneln sich in vielen Stücken und man 
wird fast verleitet zu glauben, dass noch einzelne Exemplare einer großen Echsenart da und dort 
existiren. 

Herr Michel Brandner: <^ Es wahr im Jahre 1867, Ende August, da wahr ich in Blin- 
bach bei der Jagt, da wurde die sogenante Hauslaibe gedriben. Da habe ich einen Starken 
Hirsch aufgescheicht. Dieser Hirsch Sätzt gerade zwischen mier und den Jäger Bergmüller durch, 
dann Sagte ich zum Jäger, ob ich im nachbirschen sol, sonst Stäld er sich hinder uns. Der 
Jäger Sagt Ja ich Birsche den Hirsch nach und hab im auch öfters aufgescheicht, als ich 
von den I^dschen hinaussteigen wollte, in einen Lichteren Platz da 5>ah ich etwas bewegen unge- 
fcr 12 — 16 Sehnte vor mir, ich Bücke mich das ich durch die Ladschen hinaus sehe, da sah 
ich das Thier aufgebeimd, gerade so das die Vorderpratzen über den Senden, oder Aibenrosen 
Stauden herauf schauen es war nur ein Momend das ich das Thier Sah, das Thier warf sich, 
nach Vorwerz gegen mich, dann hab ich die Flucht ergriffen, und bin gelaufen was ich nur stark 
war über und unter I.atschen über Stein und Geröll bis ich die Treiber Kette wieder erreicht 
habe, dann bin ich zum Jäger Rettenbacher gegangen und hab's ihm gesagt dann hat er mich 
gefragt wie das Thier ausgesehen hat, ich Sah das Thier in gebäumter Ställung nur ein Paar Sekun- 
den, die Vorderpratzen Gleichen genau einen Salamander nur fileicht 20mal Vergrößert, der Kopf 
ist nich Breid sondern eine Lange gespitzte nachAufwertz geträte Schnauze, die Käle ist Gelblich, 
und sonst habe ich nichts Sehen können, weil mir das Liebste war die Flucht, weil ich den Thier 
ganz Werlos gegenüber Stand. Der Jäger Rettenbacher sagte das ist ein Birgstutzen er Sagte, ich 
hatte Glük, das ich so davon gekommen bin, dann hats der Jäger Rettenbacher den Jägern Berg- 
müller und den Alten Waldmann Gesagt, der Bergmüller Sagte das bestättigt das Abnorme Pfeifen 
was sie öfters Gehört haben, das keinen Murmelthier, auch nicht den Pfeifen eines Gämses Gleicht. 
Etliche Jahre früher soll ein Jäger in Blimbach, ein Tieroller ein gleiches Thier erschossen haben 
auch in der Hauslalpe. Das Merkwirdige ist das ich in keiner Natturgeschichte noch ein Ännliches 
Thier Angetrofen habe.» 

Herr Joh. Scharler in Uttendorf schreibt: «Ich war im Jahre 1852 auf der 
Krameralpe im Habachthaie bei Hollersbach bedienstet und hatte dort Gelegenheit den 
Tatzelwurm zu sehen. Derselbe ist circa i}4 Fuß lang, armdick, der Kopf ist groß, schlangen- 
artig, obenauf weißglänzend, der Rücken ist roth gescheckt, der Bauch und die Brust 
mehr dunkel, schwarz. Der Hinterleib ist zulaufend spitzig. Ich hörte sagen, dass der 
Tatzelwurm das giftigste Thier sei und lief so schnell als möglich davon. Vorne hat der 
Wurm zwei kurze Füßchen.» 



264 Kleine Mittheilungen. 

Fräulein Marie Eysn in SaUburg erfuhr von dem alten «Junger», Bergknappen 
auf dem Rauriser Goldberge, (der selbst noch den Wind futterte und alljährlich gewissenhaft ein 
«Antlass-Ei» als Schutz gegen Lawinen vergrub) dass man dem Tatzelwurm der nur «gerade- 
aus laufen» könne, leicht entgehe, wenn man im Zickzack laufe. 

An einem Bauernhause bei Radstadt befindet sich (nach Mitth. des Gf. PI. .) eine Schieß- 
scheibe, auf welcher der «Tatzelwurm» gemalt ist. (Flacher Kopf, zwei Tatzen, aufgeringelter 
Schlangenleib). Das «Schwarze» ist auf der Schulter angebracht. 

Herr Schulleiter Carl Reiterer in Donnersbachwald: «Auch in Donnersbachwal d 
(nordwestliche Steiermark) kennt man den «Bergstutzen». Der Volksmund behauptet, diese Thiere 
hätten eine braune Farbe, wären eidechsenartig mit einem Katzenkopfe. Eine Sennin, die so- 
genannte «Alte Jagerp>eter Kathl», erzählte, ihr seien beim «Fleckschneiden» oft «Bergstutzen» unter- 
gekommen. Sie sagte dann zu ihnen einfach: «Geh weg!» dann verkroch sich das Thier, welches 
sich nichts weniger als bösartig erwies. Dies brachte uns auf die Vermuthnng, dass es ein molch- 
artiges Thier gewesen sein müsse, das sich zwischen dem Grase auf steinigem Boden aufhielt, 
wobei noch bemerkt sei, dass das «Fleck» ein Grunfutter ist, welches man schneidet, um es den 
Kühen während des Melkens in die Krippe zu geben. 

Was das Wiesel, welches mit dem «Bergstntzen» in Verbindung gebracht wird, betrifft, 
so sei bemerkt, dass mir erzählt wurde, ein Fuhrmann sei einst auf einer Straße gefahren. Plötz- 
lich wollten die Pferde, bei einer Brücke angekommen, nicht mehr weiter. Als der Fuhrmann 
nachsah, bemerkte er ein wurmähnliches Thier (Bergstutzen, Schlange??) auf der Brücke quer 
über einem Streichbaum am Brückenrande liegen. Noch ehe der Fuhrmann wusste, was er be- 
ginnen sollte, kam ein Wiesel des Weges, mit einem Blatt im Maule, legte dasselbe auf den 
Wurm, machte einen Pfiff und darauf sprang der Wurm in der Mitte entzwei.» 

Herr Anton Bandl, Vöslau: «Die südlichen Ausläufer der transsylvanischen Alpen, 
besonders aber das gebirgige Banat, gelten als Aufenthaltsort des Tatzelwurms. In meiner Jugend 
bin ich viel und allein in den Urwäldern des Krassö-Szörteyer Comitates herumgestreift und habe 
ich die Sage oder vielmehr den Glauben an den Tatzelwurm nicht nur bei den steirischen Colo- 
nisten, sondern auch bei den Rumänen und Serben verbreitet gefunden. Genau gesehen wollte 
ihn natürlich niemand haben. Die steirischen Holzarbeiter heißen ihn «Heuwurm», weiter an der 
Donau auch «Riesenschlange». «Lindwurm» habe ich ihn nur von einem Förster benennen 
gehört Die Rumänen heißen ihn «Smuch». Im Monat Mai dieses Jahres ging ich durch einen 
kleinen Wald unweit der Donau und traf einen emanzipirten alten Zigeuner, dessen Obhut dieser 
Wald anvertraut war, eifrig damit beschäftigt, seine Kuh und sein Federvieh in seinen «palaczv 
(wie er mit Selbstironie in seinem Kauderwelsch seine Hütte «Palast» nannte) einzutreiben. Sonst 
blieb natürlich Alles im Freien, nur die Kuh wurde über Nacht in die Hütte gebunden. Als ich 
ihn nun über das Seltsame seines Treibens befrug, gab er mir ganz angstvoll und bedrückt die 
Auskimft, dass «heunt nacht kummt die Smuch». Leider konnte ich von seinen rumänischen Aus- 
führungen nur wenig verstehen und sein Deutsch war so zigeunerisch, dass man wider Willen 
lachen mußte. So viel brachte ich heraus, dass es also eine Nacht gibt, in welcher sich der 
«Smuch», nach dem Zigeuner eine Eidechse «so groß wie Klafter, dick wie mein Fuß und mit 
Kopf wie Feuerkrot» aus seinem Verstecke traut und auf Raub auszieht. Als ich ihn auslachte, 
wie er als «Forstmeister» so etwas glaubte, schwur er bei allen unmöglichen Heiligen, dass er 
schon den «Smuch» gesehen habe. Gleich darauf kam ich mit einem sehr intelligenten und fort- 
schrittlich gebildeten Ringofenbesitzer zusammen, dem ich von dem Zigeuner erzählte, und wie 
war ich erstaunt, als ich sah, wie Herr S. alledem beistimmend zunickte und mir mittheilte, selbst 
einen Tatzelwurm gesehen zu haben, natürlich nicht als Tatzelwurm, sondern als eine «auffällig 
entwickelte, bisher noch nirgend beschriebene Schlangen- oder Molchart», ca. 2 — 3 Meter lang, 
stark armdick, mit unausgebildeten Fußansätzen, gauz gut geeignet, bei unverhofftem Erscheinen 
auch verständigen Menschen Schrecken einzujagen. Herr S. streifte viel durch die Engthfiler 
zwischen Orsova und Moldova an der Donau als Geologe und hat bei solcher Gelegenheit seinen 
Diener verloren, der beim Anblick der unförmlichen Schlange den Verstand verlor, und später im 
Irrenhaus starb. Ich meinte viel Jägerlatein vermuthen zu müssen, doch wurde mir dieses Aben- 
teuer als glaubhaft von anderen Seiten bestätigt.» 

Herr Professor Willebald Leeb, Göttweig: Freiherr von Doblhoff citiert mich 
in seinem interessanten und reichen Aufsatze über den Tatzelwurm bei der Angabe, in Nieder- 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 26 S 

Österreich heiße der Bergstutzen Kraulnatter (S. 144 und 153 dieser 2^itschrift). Dagegen 
bemerke ich: l. Der Name lautet nicht Kraul-, sondern Kranlnatter, d. i. die Natter mit 
dem goldenen Kranl oder Krönlein. Mein Buch bringt die Erklärung im Sachregister (S. 144). 
Man sagt übrigens auch Kranzelnatter. 2. Die Kranl- oder Kranzelnatter ist ver- 
schieden vom Bergstutzen. Denn erstere hat die Gestalt einer Ringelnatter, ist harmlos, wenn 
sie nicht gereizt wird, und gilt als die Schlangenkönigin. Letzterer aber ist kurz, dick und schwarz, 
überfallt sogar Menschen, hat kein Krönlein oder Kranzel und gilt nicht als Schlangenkönig. 

Dem schließe ich einen kleinen Beitrag an: Die Bergstutzen cpassen» auf Gemsen, 
welche auf steile Felsenmauem vortreten, springen auf sie los, stoßen sie über's Gewände hinab 
und fressen sie. Auch Menschen «stoßen sie zusammen» und fressen sie. (Mendling, Las sing, 
Nieder-Österreich.) Voriges Jahr erzählte mir ein junges Mädchen der Pfarre Puchenstuben 
(Nieder-Österreich), es sei Augenzeugin gewesen, wie ein — seither verstorbener — Jäger zu 
Puchenstuben einen Bergstutzen an einem Baume in Fetzen geschossen habe. Leider habe er 
die Stücke nicht aufgehoben. 



III. Ethnographische Chronik aus Österreich. 

1895. 

Museum für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes 
In Berlin. Wir dürfen und müssen von der genannten, für die Tolkskundliche Arbeit und For- 
schung in Deutschland schon jetzt bedeutungsvollen Anstalt an dieser Stelle Notiz nehmen, weil 
ihre Sammlungen in der Vorführung des deutschen Volksbesitzes über die {X>litischen Landes- 
grenzen hinaus vielfach nach den deutschen Alpenländem Österreichs herübergreifen und so ein 
gutes Stück österreichischen Volksthums repräsentiren. Die Existenz dieses Museums hat gewiss 
wesentlich dazu beigetragen, den Bestand an ererbtem Besitz von volksthümlichen G^enständen 
in Deutschland einigermaßen zu schützen. Sein Beispiel und die Erstreckung seiner Obsorge auf 
österreichische Länder muss uns in Österreich doppelt ermuntern, in gleicher Weise für den 
volksthümlichen Besitz der österreichischen Völker, wissenschaftlich sammelnd und 
forschend, Sorge zu tragen. Von den österreichischen Stücken der Berliner Sammlung, welche 
nach Landschaften und ethnographischen Einheiten geordnet ist, seien hervorgeholten zwei vollständig 
ausgestattete Trachtenfiguren aus Tirol, welche Bauer und Bäuerinnen aus dem Schnalserthal darstellen 
(breitrandiger Hut mit Strauß, rothe Weste, graue Hosenträger, Gurt mit Federkielstickerei, silberne 
Uhrkette mit Anhängseln, darunter Zähne, Krallen, Raubthiergebiss, Jacke, Hose ; Essbesteck u. s. w.) 
eine Sammlung von Leibgurten und Geldkatzen mit Pfauenfederkielstickereien aus Tirol; 15 Gurten 
mit Metallstift, Metallplättchen und Nägelverziening, Tragriemen mit Lederflecht- Verzierung, lederne 
Hosenträger; ein Pult, Holzschuhe, eiserne Untersätze und Pfannenständer, Thierfallen, Draht- 
körbe u. s. w. aus Tirol. Auch in der für die Weltausstellung in Chicago 1892 vom Comit6 
der c Deutsch-Ethnographischen Ausstellung» zusammengebrachten äußerst reichhaltigen Sammlung 
alterthümlicher Gegenstände befindet sich ein guter Bruchtheil prächtiger Stücke aus Tirol und 
Salzburg, von denen nur gewünscht werden muss, dass sie der Hauptsammlung in Bälde organi- 
sirt einverleibt und mit den erforderlichen Bestimmungen zur öffentlichen Ausstellung in geeigneten 
Räumlichkeiten gebracht werden mögen. Dr. M. Haberland t. 

Die öechoslawische ethnographische Ausstellung in Prag 1896. 

(Mit 5 Abbildungen).*) 

Von Dr. Wilhelm Hein. 

«Am 7. Juli 1891 richtete der Director des böhmischen Nationaltheaters F. A. äubert 

an die hervorragendsten böhmischen Ethnographen, sowie überhaupt an alle Personen, von denen 

er Interesse für die Sache erwarten konnte, ein ausführlicheres Schreiben, in welchem er direkt 



*) Die Abbildungen 24 — 27 sind aus dem Hauptkataloge (Hlavni katalog a prüvodce) der 
Ausstellung entnommen. Für die freundliche Überlassung der Clich6s sind wir Herrn Dr. Lubor 
Niederle zu bestem Danke verpflichtet. 



206 Ethnographische Chronik aus Österreich. 

die Einleitung emsigster Arbeiten behufs Eröffnung einer möglichst großen und umfassenden 
ethnographischen Ausstellung beantragte. Diesem Antrage diente die große Aufmerksamkeit, 
welcher sich die in einem abseits gelegenen Winkel der Jubiläumsausstellung erbaute böhmische 
Chaluppe erfreute, zur Grundlage, sowie das dringende Bedürfnis eines eigenen ethnographischen 
Museums, welches am besten, ehesten und vollkommensten aus einer derartigen Ausstellung her- 
vorgehen konnte.»*) Der Gedanke kam nicht überraschend, da er zeitgemäß war, entsprungen 
aus der Wahrnehmung, dass das cechoslawische Volk in Böhmen, Mähren, Schlesien und Ober- 
ungarn eine zusammengehörende Einheit bilde, die sich nicht nur sprachlich, sondern auch in 
allen übrigen Lebensäußerungen scharf von den umwohnenden Völkern abhebt. Schon drei 
Jahre früher war eine Schrift erschienen, Mährische Ornamente (herausgegeben vom Vereine des 
vaterländischen Museums in Olmütz), in welcher Dr. Wankel und seine Tochter Frau Professor 
H a V e 1 k a in den Verzierungen der Stickereien und der Ostereier ein allerdings zunächst bloß für 
die slawischen Bewohner Mährens geltendes Ericennungszeichen festzustellen versuchten, das selbst 
bis in die Urgeschichte hinein verfolgt wurde. Bereits im nächsten Jahre veröffentlichte Frau 
Berta Sojka, auf der vorigen Arbeit fußend, eine Reihe von slawischen Stickerereimustem der 
Mährer, die freilich auf keine wissenschaftliche Beurtheilung Anspruch erhebt. Aber der 
glimmende Funke war entfacht, und gleich einem lodernden Brande züngelte das Feuer der Be- 
geisterung über die echt nationalen Schätze nach allen Seiten und griff auch nach Böhmen hin- 
über, wo Frau Professor Therese Novdk eine äußerst beachtenswerte Schrift über die Tracht 
und die Stickereien im Leitomischler Bezirke herausgab. Die Landes -Jubiläums -Ausstellung in 
Prag 1891 brachte zum erstenmale die Erzeugnisse des dechischen Bauemvolkes in einem großen 
Gesammtbilde zur Anschauung, und wieder war es eine Frau, Renata TyrS, welche sich 
dieses Gegenstandes bemächtigte und im ersten Bande des cCesk]^ lid» eine ziemlich eingehende 
Beschreibung der cechischen Volksstickerei brachte. Der begeisterten Thatigkeit der genannten 
Frauen ist es wohl zum größten Theile zu verdanken, dass sich auch gelehrte Forscher in das 
Studium der bisher wenig beachteten Erzeugnisse des Hausfleißes vertieften; als die ersten in 
Böhmen sind Professor J. Koula und Dr. C. Zibrt zu nennen, welche den uralten, slawischen Typus 
in der Volkstracht zu ergründen suchten. Der allgemein leitende Gedanke, die Triebfeder aller 
Untersuchungen auf diesem Gebiete ist durch die Worte gekennzeichnet, mit welchen Dr. Wankel 
seine Abhandlung «Mährische Ornamente in archäologischer Beziehung»') schloss, dass nämlich 
die Slawen schon in alten Zeiten (er nennt die Hallstätter Periode) eine hohe Cultur besaßen, 
«welche sich leider nur in der Erinnerung bei einzelnen dieser Slawenstänime erhalten hat». Diese 
Erinnerungen zu sammeln, zu studieren und aus ihnen das alte Culturvolk der Slawen wieder zum 
Leben zu erwecken, das war die allgemeine Parole, als Director Subert das eingangs erwähnte 
Sendschreiben versandte. Mit Begeisterung wurde dieses Schreiben allenthalben begrüßt, wo nur 
immer Ccchoslawen wohnen mochten, selbst in Amerika fand es regen Widerhall. 

Comit^s wurden gebildet, Fragebogen verfasst, Sendboten ausgesandt, die selbst, wenn 
auch mit bedeutenden Hindernissen, bei den Slowaken Oberungarns ihre Mission erfüllten, und 
in der kurzen Zeit von drei Jahren wurden in fast allen größeren Orten Böhmens und Mährens 
an 200 kleinere Regional- oder, besser gesagt, Versuchs-Ausstellungen veranstaltet, die oft nur 
zwei, drei Tage dauerten und eine Auswahl dessen ermöglichen sollten, was von den ausge- 
stellten Gegenständen für Prag tauglich wäre. In rastloser Thatigkeit eilten die Herren des 
Central - Comit^s, ihnen voran Director Hubert, von Ausstellung zu Ausstellung, mit Notizbuch 
und Börse. 

Und endlich, nach großen Schwierigkeiten, die nicht nur in äußeren Factoren begründet 
waren, sondern auch in mancherlei inneren Verhältnissen ihren Ursprung hatten, erstand das 
große Werk, die cechoslawische Ausstellung in Prag, ein nationales Werk im ureigensten Sinne. 

Es ist klar, dass diese Ausstellung, geschaffen in der kürzesten Zeit und mit der Devise, 
eine alte, uralte Cultur eines bestimmten Volkes zu zeigen, nicht mit den Augen eines wissen- 
schaftlichen Kritikers betrachtet werden darf; der Zweck der ganzen Thatigkeit war dahin ge- 
richtet, alles zu bringen, was sich nur in cechoslawi sehen Bauern- oder selbst Bürgershäusern vor- 
fand; dass sich unter solchen Umständen eine gute, echte Linzer Goldhauhe mitten unter mäh- 

*) Vih'mek's Führer durch die bölimisch-slavische ethnographische Ausstellung, Seite 4. 
•) Mährische Ornamente, I. Heft, Seite 32. Olmütz 1889. 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 267 

rische Hauben verirrte, dass Pongauer Kropfbänder friedlich nel>en slowakischem Frauenschmuck 
ruhten und dass es endlich auch Ledergürtel mit Pfauenfederstickerei, die gut deutsche Vor- und 
Zunamen trugen, gab, ist daher gar nicht zu ver wundem. Es mag auch in der Keramik manchen 
fremden Eindringling gegeben haben. Auch machte sich eine gewisse Systemlosigkeit bemerkbar, 
welche in manchen Fällen das Studium sehr erschwerte und eine Vergleichung oft unmöglich 
machte; sie war aber durch den Umstand bedingt, dass einmal verschiedene Aussteller ihr etwas 
bunt zusammengewürfeltes Eigentum beisammengehalten wissen wollten, andererseits die große 
Eile, die vonnöthen war, eine Sichtung des Stoffes nach wissenschaftlichen Grundsätzen nicht zu- 
ließ; diese Eile wird es wohl auch verschuldet haben, dass man an den Gegenständen nur 
^echisch geschriebene Angaben fand, die zu verrathen schienen, auf welche Besucher allein man 
gerechnet habe. Doch halfen diesem Mangel in etwas die in mehreren Sprachen verfassten Führer 
ab, darunter zwei deutsch geschriebene. 

Gegenüber dem Eingange erhebt sich der stattliche ethnographische Palast, der in seinem 
rechtsseitigen Trakte zum weitaus größten Thdle Gegenstände enthält, die sich auf Handel und 
Gewerbefleiß, auf Literatur, Kunst, Musik, Schauspiel, Architektur und Wissenschaft beziehen. 
Hervorhebenswert sind die inneren Wohnungseinrichtungen aus Bauernhäusern mit bemalten 
Betten, Kasten und Truhen, die wohl geschmackvoll aufgestellt sind, aber selbst ein eingehendes 
Studium zu keinem Schlüsse gelangen lassen ; sie verrathen wohl einen allgemeinen Typus, lassen 
aber durchaus keine Localisierung zu. Ebenso steht es mit den Erzeugnissen der Keramik, die 
jeder, auch der geringsten Spur systematischer Eintheilung entbehren und dem Beschauer ein un- 
auflösbares Räthsel bieten. Die große Mehrzahl derselben könnte auch in irgend einer anderen 
ethnographischen Ausstellung stehen. Doch gibt es unter ihnen höchst wertvolle Teller aus den 
Jahren 1680, 1688, 1704, die unverkennbar den slawischen Typus tragen, soweit es die Ver- 
ziemngen betrifft; andere Stucke, z. B. einige prächtig verzierte Krüge, sind durch die dechische 
Aufschrift gekennzeichnet; aber eine bestimmte Classification scheinen sie derzeit nicht zuzulassen. 

Eine sehr interessante, die aufgewendete Mühe und Sorgfalt nicht verrathende Abtheilung 
ist jene für Anthropologie und Statistik, die ihre gewissenhafte, bis ins kleinste Detail gehende 
Ausarbeitung dem Herrn Bezirksarzt Dr. H. Matiegka verdankt. Sie enthält die verschieden- 
artigsten Tabellen und Diagramme über Geburten, Todesfälle, Militärpflichtigkeit, Blinde, Taub- 
stumme, Körpergewicht, Wachsthum, Indices, Haarfarbe u. s. w. nach einzelnen Bezirken, in Stadt 
und Land. In dieser Abtheilung befindet sich eine Figurine des verstorbenen Riesen Josef 
Dräsal in hannakischer Originaltracht Eine Reihe von Schädeln, darunter einige genau be- 
stimmte, vervollständigen das anthropologische Bild. 

Im Mitteltrakt sind die Hausmodelle aufgestellt, die äußerst genau gearbeitet sind und 
abhebbare Dächer haben, sodass das Innere leicht zu studieren ist. Es ist fast jede Gegend 
Böhmens und Mährens vertreten; doch lässt sich in der inneren Anlage kein Cechoslawischer 
Tjrpus nachweisen. Das Charakteristikon liegt nur in gewissen Äußerlichkeiten, die für einzelne 
Localitäten durchgreifen, aber nicht allgemein sind. Auch die Herd- und Rauchschlotanlage ist 
nicht typisch. Die Modelle leiden an dem einen Fehler, dass sie in ungleichen Maßstäben 
verfertigt sind. 

Ein sehr anschauliches Bild von der Verbreitung der ^choslawischen Volksstämme in 
Böhmen, Schlesien, Mähren, Niederösterreich und Ober-Ungarn bietet die große Reliefkarte, welche 
der Lehrer Ant. Mafatka in Hochstadt in einer Länge von 11 m und einer Breite von 17 m 
angefertigt hat. Über dieser Karte befinden sich zahlreiche dialectologische Tabellen und Wand- 
karten, unter welchen namentlich die Arbeit von Professor V. J. DuSka besondere Beachtung 
verdient, da sie die einzelnen Dialectgebiete Böhmens und Mährens deutlich zur Schau bringt. 
Man erkennt darin drei Hauptdialecte, den dechischen im Westen, den mährischen in West- und 
Nord-Mähren und den slowakischen in Süd-Mähren, Ober-Ungarn und einzelnen Orten Nieder- 
österreichs; zwischen ihnen liegen zahlreiche Übergangs-Gruppen, die vom reinen Cechischen all- 
mählich zum Polnischen hinüberleiten. Einzelne Sprachproben beweisen, dass besonders in Mähren 
die Mundarten fast von Dorf zu Dorf wechseln. 

Der linkseitige Trakt enthält die Hauptmasse des ethnographischen Materiales, das leider 
in dreifacher Weise vertheilt ist: An den Seiten befinden sich die Regionalabtheilungen, die im 
allgemeinen kein vollständiges Bild geben, da nur zum Theile Wohnungseinrichtungen vorgeführt 
werden; in der Hauptsache fesseln das Auge Trachtenstücke. Der Mitteltheil ist für Stickereien 



268 Ethnographische Chronik aius Österreich. 

und Volkstrachten im allgemeinen, fiir Volksfeste, Volksgebräuche (darunter die Spedalität der 
Ostereier) und für Volksliteratur bestimmt. Daraus ergibt sich von selbst eine Trennung der Gegen- 
stände nach verschiedenen Principien, die es nicht überraschend erscheinen lassen darf, dass man 
z. B. slowakische Objecte an drei verschiedenen Orten zusammensuchen muss. Da der Hausrath 
ziemlich spärlich vertreten ist, so richtet sich das Hauptaugenmerk auf die Trachten und hier 
vornehmlich wieder auf die Stickereien, die in wahrhaft staunenswerter Mannigfaltigkeit vertreten 
sind. Es ist ganz gut möglich, sich an der Hand dieses reichen Materiales ein vollkommen 
genaues Bild von den typischen Merkmalen der einzelnen Volksstämme zu machen. Vor allem 
reizen die slowakischen Arbeiten zu genauer Betrachtung ; sie bieten trotz ihrer scheinbaren Mannig- 
faltigkeit von Mustern nur eine geringe Zahl von ganz typischen Verzierungsformen, die auf be- 
stimmte Stücke der Tracht oder der Hauswäsche beschränkt sind. Zunächst bilden eine Gruppe 
die verschiedenen Arbeiten in punto tagliato, stets aus zwei Längsstreifen bestehend mit Ornament- 
formen, die in allen Fällen — und mögen sie noch so absonderlich gestaltet sein — auf eine 
Vogelfigur zurückleiten, die drei- oder mehrfach in einem Streifen wiederholt ist. Diese Ornamente 
sind immer mit farbiger Seide in Flachstich gearbeitet, wobei der freibleibende Raum in punto 
tagliato behandelt ist. Vertreter dieser Gruppe finden sich in der ganzen Slowakei in den ver- 
schiedensten Entwicklungsstadien, in welchen die ursprüngliche Vogelfigur bis zur gebrochenen 
Linie vereinfacht wird, ja selbst ganz verschwindet und ihrem Schweife allein zu mannigfacher Aus- 
und Umbildung das Feld überlässt; ja in einzelnen Fällen verändert sich der Vogel in ein vier- 
füßiges widderähnliches Thier, wie man ihm z. B. im Trentschiner Comitate begegnen kann. Eine 
zweite Gruppe vereinigt in sich viereckige Haubendeckel, die in einer mühevollen Technik gestickt 
sind. Die Fläche ist immer in Crdme-Farbe gehalten, die eingestickten Muster haben sehr oft 
dieselbe Farbe oder sind schwarz und blau. Die Ornamente sind höchst eigenthümlich und zeigen 
hie und da spinnenartig verzerrte Gebilde, die an manchen Koboldglauben erinnern könnten; ihre 
Elemente aber finden sich in der vorhin besprochenen Gruppe wieder. Diese Haubendeckel, über 
welche das Kopftuch gebunden wurde, gehören zu den wichtigsten Erscheinungen der slowakischen 
Stickkunst und haben fast durchwegs ein ziemlich hohes Alter (50 — loo Jahre). Ihr Ver- 
breitungsbezirk ist auf ein kleines Gebiet beschränkt, das mit den Hauptorten Ungarisch-Hradisch 
und Ungarisch-Brod so ziemlich richtig bestimmt sein dürfte. Eine dritte Gruppe umfasst die 
schmalen Borten für Kragen, Achseln und Ärmelschluss, welche in der Regel im schönsten Gold- 
gelb gehalten und in einem eigenartigen Stich, dem Bombenstich, gearbeitet sind. Deren Orna- 
mente, in verschiedenen Farben ausgeführt, sind vollkommen typisch und gehören mit den obigen 
in eine Classe. Zu einer vierten Gruppe gehören die groben Leinentücher, welche mit rothijefärbter 
Baumwolle im 21opf- und Kreuz.stich ausgenäht sind. Man findet auf ihnen sehr häufig Menschen- 
figuren, männliche und weibliche, zum Tanze gereiht, Vögel, darunter den typischen Doppeladler, 
und endlich auch Motive aus der Pflanzenwelt, die in den vorhergehenden Gruppen fast gänzlich 
fehlten. Dagegen behaupten die Pflanzenraolive in den prächtigen, in den schönsten Farben 
prunkenden Kopftüchern, wie sie in der Landshuter Umgebung charakteristisch sind, den ersten 
Rang; nur hie und da wagt sich schüchtern ein kleines Vöglein in die bunte Blumenwelt. Diese 
Kopftücher sind in der Regel mit geklöppelten Spitzen besetzt. 

Es ist begreiflich, dass die slowakischen Arbeiten mit ihren eigenthümlichen und typischen 
Formen, die auf ein hohes Alter der Entwicklung zurückweisen, mehrfach zum Ausgangspunkte 
verschiedenartiger Forschungen gemacht wurden. Einestheils sollten sie mit mythischen Vor- 
stellungen der alten Slawen zusammenhängen, anderentheils sollen sie den letzten Rest der all- 
slawischen Tracht bilden. Es mag hier verwiesen werden auf die Arbeiten der Frau Professor 
Vlasta Havelka, des Professor J. Koula, Dr. C. Zibrt, Professor J. KlvaÄa, die alle in 
der slowakischen Tracht und .Stickerei den Stützpunkt ihrer Theorien suchten. Ja, es ist unbe- 
streitbar, diese prächtigen Arbeiten eines Volkes, das fem von Verkehr und Handel, ohne 
einen Begriff" von dem Werte der Zeit nur sich selbst und seinem Hausfleiße lebte, geben zu einer 
Fülle von ethnographischen und ethnologischen Fragen Anlass, deren Lösung hier leichter als bei 
irgend einem anderen slawischen oder nichtslawischen Volke Europas ist. Die Slowaken reprä- 
sentieren somit den für den Ethnographen wichtigsten Volksstamm Mährens und erforderten daher 
eine eingehende Behandlung ihrer Arbeiten, soweit sie typisch sind. 

Hannaken und Wallachen haben miteinander vieles gemein, unterscheiden sich aber 
in der Farben wähl. Die haimaki.schen Stickereien — denn in diesen liegt das Charakteristikon 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 269 

— auf den Vorsegne- oder Tauftüchern sind meist in Cremefarbe gehalten und zeigen an den 
Enden mit dunkelbrauner oder schwarzer Seide eingestickte Motive, unter welchen man auch dem 
Schmetterling begegnet, und häutig auch monogrammartige Linienzüge, welche einer Entzifferung 
erfolgreichen Widerstand leisten. Bei den Wallachen sind diese Tücher vollkommen crömcfarbig. 
Die Motive sind durchwegs, mit Ausnahme des Schmetterlings, dem Pflanzenreiche entnommen. 
Eigenthümlich ist die durchgreifende Gitterung der Formen; Äpfel, Blüten, Herzen — alles ist 
gegittert; hier entdeckte man auch den Granatapfel. 

Die übrigen Stämme Mährens schließen sich mehr den Cechen an; in der Umgebung 
von Brunn findet man wunderschöne Weißstickereien und A-jour-Arbeiten, die überraschend in 
ihrer höchst kunstfertigen Ausführung wirken. Im vorstehenden wurde nur auf die weibliche 
Tracht Rücksicht genommen, weil sich in ihr heute die entscheidenden Merkmale zeigen. An den 
Trachtstücken der Männer ist es schon schwieriger — und es bedarf oft einer genauen 
kritischen Studie - die Herkunft zu bestimmen. Auch da sind es wieder die Slowaken, welche 
sich ihre Eigenart in größerem Maße bewahrt haben, so dass man bei einiger Übung die Be- 
stimmung bis auf den Ort genau angeben kann. Auch sie tragen die charakteristischen Kragen-, 
Achsel- und Armelschluss-Borten und haben sonst gewisse typische Ornamente auf den Jacken 
aufgenäht, die aber bisher noch keinem spedellen Studium unterzogen wurden. Doch irrt man 
sich sehr, wenn man die Hosenfarbe als Merkmal aufstellen will; diese ist durchaus nicht be- 
stimmend. Man sieht bei den Slowaken genau so rothe Hosen als bei den Hannaken, bei den 
Hannaken gelbe wie bei den Wallachen. Für letztere ist der Hakenstock im Gebirge ein gutes 
Kennzeichen. 

In Böhmen liegen scheinbar die Verhältnisse viel einfacher, und doch lassen sich hier 
an den weiblichen Handarbeiten derartige Merkmale feststellen, dass man ein Stück oft voll- 
kommen genau localisieren kann. Zum erstenmale ist auf der Sechoslawischen Ausstellung Ge- 
legenheit geboten, im vergleichenden Studium durchgreifende Gesetze aufzustellen. Im Osten 
(Leitomischl und Hohenmauth) sind die Arbeiten mit rother Baumwolle, im Stilstich und Flachstich 
ausgeführt, charakteristisch; auch Weißstickerei ist sehr verbreitet; andere Farben als Weiß und 
Roth wird man selten treffen. Neben den bereits für Wallachen und Hannaken typischen Apfel- 
und Herzmotiven, die übrigens im größten Thcile von Böhmen auch auf den keramischen Er- 
zeugnissen und auf Möbeln zu finden sind, macht sich gerade im Bezirke von Leitomischl der 
Doppeladler auikrordentlich bemerkbar: in den Stickereien weiß er sich aus den Herz- und 
Apfelformen herauszubilden und sich derart im Leben und Weben der Bewohner einzunisten, dass 
selbst die Sessellehnen seine Form annehmen. Hie und da taucht in den Tüchern auch ein 
anderer Vogel auf, einmal sogar ein Wickelkind in der Wiege. Ähnlich verhält es sich in 
Nordbohmen, wo außerdem als t3rpisch die in Piquetstich gearbeitete weiße Haube, in welcher 
regelmäßig Vogelfiguren erscheinen, zur Kenntnis zu nehmen ist. Ihr Verbreitungsgebiet dürfte 
aber kaum noch festgestellt sein. In den Bezirken Hurapoletz und Pilgram sind die Wochenbett- 
vorhänge bemerkenswert : sie zeigen immer in dem gestickten Mittelstreifen, der lothrecht verläuft, 
eine oder mehrere Frauengestalten, recht naturalistisch ausgearbeitet, mit Körben an den Armen, 
in welchen sich die Gaben für die Wöchnerin befinden. Für dieselbe Gegend sind die Häubchen 
mit bunten, großen Glasperlen typisch, zu deren Schoniuig man noch ein schmuckloses, gazeartiges 
Überhäubchen anlegt. Weiter nach Westen, in der sogenannten Blatter-Gegend, deren Hauptorte 
Sobieslau, Tabor und Nettolitz sind, tritt eine wesentlich andere Stickereiart auf, die an Feinheit 
und Farbenpracht wohl alle übrigen cechischen Arbeiten in den Hintergrund drängen dürfte.. Sie 
zeigt sich besonders an den Umhängetüchern und beschränkt sich da auf die untere Ecke; in 
reicher Fülle werden die bereits bekannten Pflanzenraotive ausgeschnitten und in Tüll ausgelegt, 
mit bunter Seide und bunten Perlen ausgestickt; in Sobieslau scheinen die Perlen zu fehlen. 
Gegen Pilsen zu nimmt der Farbenreichthum immer mehr ab, die Formen werden immer dichter 
und dichter ausgenäht, und schließlich bedeckt um Ndchod bei Pilsen eine einzige rothe Fläche 
den Eckenausschnitt, in dem man nur bei aufmerksamer Betrachtung die einzelnen Formen 
verfolgen kann; für Pilsen treten als neues typisches Merkmal zwei sich am unteren Ende 
kreuzende Wellenlinien von grüner oder grüngelber Farbe in diese rothe, massig gearbeitete Ecke ein . 

Im Vorstehenden wurden in großen Umrissen die Hauptmerkmale für die einzelnen 
Gegenden gegeben, wie sie sich auf dieser Ausstellung von selbst dem Beschauer aufdrängen. 
Alles andere an Trachtenstücken vorhandene schemt sich einer Localisierung nicht recht fügen zu 



270 



Ethnographische Chronik aus (^erreich. 



wollen; erwähnt sei hier die reiche Fülle von Gold- und Silberhauben, die noch eines sehr 
eingehenden Studiums bedürfen, und die Ledergürtel für Männer; von letzteren sind zwei Arten 
vertreten: die eine mit Pfaucnfederkielen gestickte, für das Riesengebirge charakteristisch, der 
älteste aus dem Jahre 1798 stammend, und die andere mit bunten Lederstreifen und Seide aus- 
genähte, auch mit Blechstrcifen verzierte für manche Orte der Hannakei typisch. Bemerkt mag 
werden, dass vor Jahren in der Umgebung von Leitomischl auch Körbe mit Pfauenfederkielen 
ausgestickt wurden. Von den wenigen mit Metallstiften verzierten Gürteln kann nicht gesprochen 
werden, da sie ihrem ganzen Charakter nach die salzburgische Abstammung nicht verläugnen 
können. Eine reichhaltige Spitzensammlung, sowie die vielen Kantionalen sollen nicht ver- 
gessen werden. 

Die einzelnen Regionaiausstellungen, die zum Theile das oben Gesagte bestätigen, zum 
Theile nichts Typisches zeigen, sind der Reihe nach durch folgende Grcbiete vertreten : Ungarische 
und Mährische Slowakei, Wallachei, Schlesien, Hannakei, Brünner Gegend, Gebiet der Horaken, 



4 




Fig. 24. Dorfkirche. 



Riesengebirge, Nordost-Böhmen, Isergebiet, Elbegebiet, Central-Böhmen, PUsener Gegend, Choden- 
gebiet, Böhmerwald, Blatter-Gebiet. 

Den rückwärtigen Theil des Mittelraumes nimmt eine große Anzahl von Figurinen 
männlicher und weiblicher Vertreter der besprochenen Gebiete in Anspruch, die in buntem Durch- 
einander gruppiert diesem Theile farbiges Leben verleihen ; inmitten scheint sich der stattliche 
Zug der Königsreiter zu bewegen. Es macht den Eindruck, als befände man sich in einem 
großen Grenzdorfe auf dem Jahrmarkte, auf welchem die verschiedenartigsten Landbewohner 
zusammenströmen. Hier hat man Gelegenheit zu beobachten, wo und wie die Kleidungsstücke 
getragen werden, die man vorhin in musealer Auslage gesehen hat. 

Kleinere ethnographische Sammlungen befinden sich im Pavillon der Stadt Schlau, die 
recht instructiv ist und auch eine Bauernstube zur Anschauung bringt, und im Gebäude der ver- 
schiedenen Vereine, in welchem die in Wien wohnenden Cechen ihre Ausstellung hatten, die 
bereits einmal in dieser Zeitschrift besprochen wurde (S. 182). 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 



271 



Neben dem Schlaner Haus steht das sogenannte «Dorfgericht», das insoferne von 
Interesse ist, als sich im ersten Stockwerke desselben die «Schöppenstube» befindet mit einer 
Figurinengruppe, welche das Schöppengericht darstellt. 

Nun wenden wir uns dem Dorfe zu, das einen großen länglichen Platz zeigt, der fast 
im Hintergrunde durch die Kirche abgeschlossen und zu beiden Seilen von verschiedenen Haus- 
typen begrenzt wird. Die Kirche (Fig. 24) ist eine echte und rechte Dorfkirche und wurde von 
Podulschan bei Pardubitz hieher übertragen; nur der Thurm wurde neu aufgesetzt. Man über- 
schreitet den Teich auf einer gedeckten Brücke und steht sofort in dem mächtigen Glockenhaus, 
das sowie die Kirche selbst ganz aus Holz errichtet ist. Das Gotteshaus zeigt im Innern noch 
die alte Einrichtung, und nichts deutet daraufhin, dass man sich in einem Ausstellungsobjecte 
befindet; die Illusion wird noch erhöht, wenn man hinaustritt und auf dem Friedhofe steht, auf 
dem einzelne halbverwitterte Grabkreuze lehnen. 

Von den Bauernhäusern sei wegen seiner Bemalung als typisch erwähnt das slowakische 
Haus von Tumitz bei Lundenburg iFig. 25), vor welchem zwei Lindenbäume und zwischen 
ihnen ein hohes, bunt bemaltes Holzkreuz stehen; dann der wallachische Hof (Fig. 26) mit dem 
seitwärts stehenden Glockengestell. In den meisten Häusern, deren Aufzählung bereits (S. 222) 
gegeben wurde, hausen die dazu gehörigen Insassen mit all ihrem Lebensbehelf; namentlich 




Fig. 25. Slowakisches Haus von Turnitz. 



anregend gestaltet sich die Suche nach Hausgeräthen ; man findet alles, was man an Haus- 
inventar in anderen Gegenden kennt, und kommt zur Überzeugung, dass sich in diesen Dingen, 
die nur dem Zwecke dienen, nichts Volksunterscheidendes finden lasse. Nur insofern die Geräthe 
verziert sind, werden sie zu Verräthern der Stammesangehörigkeit des Verfertigers. So ist es 
auch mit den Häusern selbst; im Plane sind sie international, nur in der Wandbemalung und in 
sonstigen Äußerlichkeiten national. Nur zwei Bauernhöfe weisen gewisse Eigenthümlichkeiten auf : 
der Chodenhof aus der Umgebung von Taus hat an der Vorderseite, dort wo sonst die Haupt- 
stube zu finden ist, ein gemauertes, im Durchschnitte viereckiges, thurmähnliches Gebäude, das an 
Stelle der Fenster schmale schießschartenähnliche Öffnungen zeigt. Hier bewahrten die Choden, 
die Wächter an der Landesgrenze, ihre wertvolle Habe, sobald ein feindlicher Angriff zu 
gewärtigen war. Das Haus von Jaromef ist durch einen aus dem Dache vorspringenden 
Seitenbau charakterisiert, der von Säulen getragen wird. 

Eine besondere Anziehungskralt übte jedoch das für mehrere unter einem gemeinsamen 
Oberhaupte stehende Familien eingerichtete Haus von Csicsmän im Trentschiner Comitate (Fig. 27); 
hier haben sich noch die altslavischen Hausgemeinschaften (zadruga, in Csicsmän «gazdovstvo» 
genannt) erhalten, deren Reste man auch noch bei den Südslawen trifft. Die Würde des Ober- 
hauptes «gazda» (Wirt) ist nicht erblich, sondern wird durch Wahl verliehen. In diesem Hause 
fanden auch am 20. und 21. August 1895 zwei slowakische Hochzeiten statt, die allen Theilnehmern 



272 



Ethnographische Chronik ans Österreich. 



in unvergesslicher Erinnerung bleiben werden. An ersterem Tage war es eine katholische Hochzeit, 
welche der Gnindbesitzer Georg Zeman von Welka mit Anna Mickova von Welka feierte, 
an letzterem eine protestantische, bei welcher das Brautpaar der Schmied Martin Miskefik von 
Welka und Eva Srubjanova von Groß-Wrbka bildeten. Die Trauungen selbst fanden außer- 
halb der Ausstellung in den betreffenden Kirchen statt, die volksthümlichen Gebräuche vor und 
nach derselben spielten sich im CsicsmAner Hause ab, und zwar vor geladenen Gästen, so dass 
auch nur der Schein irgend einer Schaustellung vermieden wurde. Alles gieng in althergebrachter 
Weise vor sich und übte auf die Brautleute eine nachdrückliche Wirkung. Man muss nur gesehen 
hal)en, wie herzbrechend die Braut vor dem Gange zur Kirche weinte und wie selbst die Kränzet- 
Jungfern in ihren schmucken gelben Faltenschürzen bis zu Thränen gerührt wurden; das waren 
echte und rechte Hochzeiten mit echtem Freud und Leid. 

Wirkliche Schaustellungen, für das große Publikum berechnet, werden im Amphitheater, 
einer offenen Arena, mit Tribünen, die an 10.000 Menschen fassen, aufgeführt. Den Glanzpunkt, 




Fig. 26. Wallachischer Hof. 



auf den sich ganz Prag schon wochenlang freute, erreichten diese volksthümlichen Feste mit den 
Aufzügen der Mährer, die an Farbenpracht der Gewandung und an Ursprünglichkeit alle anderen 
übertrafen ; doch muss man gestehen, dass von einer verständnisvollen Behandlung, von einer zarten 
Auffassung der vorgeführten Gebräuche keine Rede war. Es lag fast etwas wie eine Entweihung 
der Volksseele darin, dass die Zahoraken von Koslowitz ihre Lieder sangen und Tänze aufführten, 
während ein Hochzeitszug von Wsetin nahte und endlich die Königinnen «krdlovnidky» von Strutz 
bei Brunn ihren Einzug hielten. Mitten hinein sausten die Slowaken auf flinken Rossen, 
Fähnchen schwingend und aufjauchzend, in tollem Jagen als Königsreitcr unter die ahnungslosen 
Hochzeiter und Strutzer Mädchen, dass diese entsetzensvoll auseinander liefen. In wilder Hast 
rasten sie in der Arena herum, wobei mancher allzu kühne Jüngling zum Sturze kam, und wieder 
hinaus. Dazu kamen noch wallachische und slowakische Hochzeitsgäste und verwirrten das über- 
reiche Bild noch mehr. Freilich, das Publikum ergötzte sich, lachte hellauf, wenn den tanzenden 
Mädchen die Röcke flogen und jubelte über die Königsreiter; so waren die Aufführungen nicht 
gedacht und nicht erwünscht. Die Mitwirkenden selbst fühlten nur allzugut, dass sie bloß eine 



Ethnographische Chronik aas Österreich. 



273 



abwechslungsreiche Staffage abgaben, und die armen Königinnen von Strutz weinten bittere Thränen, 
dass ihnen ihr heiliger Tanz derart entweiht wurde. Dieser Tanz hat etwas ganz eigenthümliches, 
etwas tiefinnerlich religiöses an sich und besteht in ernsten Reigen, Vcmeigungen, wobei die Hände 
wie opfernd gehalten werden, in Drehungen des Körpers, während je zwei und zwei Mädchen 
ein weißes Tuch erhoben halten (Fig. 28). In ihren schneeweißen, schön gefalteten Röcken und 
den rothen Kopftüchern äbten die Tänzerinnen einen wohlthuenden Eindruck, der bei den weichen 
und durchaus religiösen Gesängen einer weihevollen Stimmung Platz gab. An der Spitze des 
Zuges der Königinnen wurde ein kleines mit Heiligenbildern, Bändern, Äpfeln u. dgl. behangenes 
Bäumchen getragen, hinter welchem unter einem blumengeschmückten Baldachin die bekränzte 
«Königin 9 schritt. Dieser Tanz wurde stets zwei oder drei Wochen vor Pfingsten aufgeführt und 
fand in Strutz vor mehr als 30 Jahren zum letztenmal statt. Es ist das Verdienst der Frau 
Lucia BakeS, dass diese schöne Sitte wieder zu neuem Leben erwacht, wenn auch vielleicht 
nicht mehr ganz in der alten Weise. Die Mädchen sind derart begeistert für diesen Tanz, dass 
sie ihn am selben Tage, an dem sie in der Arena mitgewirkt hatten, ihn nochmals vor dem 
horakischen Hause aufführten, weil sie das Bedürfnis fühlten, ihn nach ihrem Empfinden rein 
und makellos durchzuführen ; der Tanz, wie sie ihn im Amphitheater getanzt hatten, war in ihren 




Fig. 27. Haus von Csicsmdn. 



Augen wertlos. Aus diesem Beispiele allein lässt sich der Schloss ziehen, dass die Veranstaltung 
von Volksfesten zwar sehr gut gemeint war, aber doch den Zweck insofern verfehlte, als die 
Darsteller einerseits in dem herrschenden Durcheinander ihre Aufmerksamkeit zu sehr zersplittern 
mussten und ihrer Aufgabe ganz und gar nicht gerecht werden konnten, und das Publikum 
andererseits durch die Verschiedenartigkeit der zugleich vorgeführten Scenen zu keinem Verständ- 
nisse derselben gelangen konnte, für das es übrigens, offen gestanden, viel zu wenig vorgebildet 
ist. Im Übrigen war es aber ein glänzendes, farbenprächtiges Schauspiel, wie es nur die 
mährischen Volksstämme zu bieten imstande sind. 

Zum Schlüsse sei noch auf die äußerst gelungene Ausstellung des städtischen Museums 
in Prag, das unter der bewährten Leitung des Herrn Custos Bfetislav Jelinek steht, ver- 
wiesen. Außer der prähistorischen Sammlung waren es namentlich die Embleme der Zünfte, die 
eine besondere Aufmerksamkeit verdienten. 

Ein kleiner Pavillon war speciell der Urgeschichte gewidmet; doch gehört dessen Be- 
sprechung wie die über noch viele andere Dinge in einen anderen Rahmen. 

Die öechoslawische ethnographische Ausstellung ist in Anbetracht der verschiedenen 
Schwierigkeiten, die zu bewältigen waren, als ein großes und bedeutendes Werk anzuerkennen, 
Zeitschrift fUr österr. Volkskunde. I. 18 



274 



Ethnographische Chronik aus Österreich. 



das trotx seiner durch die Umstände bedingten Fehler in der Geschichte der Aosstellangen einzig 
dasteht und der Wissenschaft vom dechoslawischen Volke einen gewaltigen Vorschub leistet und 
ihr noch viele segensreiche Früchte bringen wird. 






C/) 

2 




Mit besonderer Freude und Genugthuung begrüßen wir als ersten Erfolg die Begründung 
eines ^echoslawischen ethnographischen Museums, dem bereits mehr als die Hälfte der 
AusstellungegenstSnde als bleibender Grundstock gesichert ist. Hoffentlich wird sich daran bald 
eine nüchterne, von allen politischen und nationalen Vorurtheilen freie, auf rdn wissenschaftlicher 
Forschungsmethode beruhende Bearbeitung des reichen Materiales anschließen, die gewiss in den 



Literatur der osterrdchischan Volkskunde. 27 S 

alljährlicli zu yeranstaltenden Congressen, von welchen der erste im nächsten Jahre zu Kremsier 
abgehalten werden soll, eine nachhaltige Forderung erfahren wird. 

Die Wissenschaft ist daher allen jenen, die zum Gelingen des großen Werkes beigetragen 
haben, und das ist ehrlich gestanden, fast die ganze gebildete 6echoslawische Welt, zu großem 
Danke verpflichtet; es ist schwer, ja sehr schwer, hier Namen zu nennen. Herr Director F. A. 
§ubert als der geistige Schöpfer des Unternehmens hat das größte Verdienst; er ließ es sich 
nicht genügen, das Werk angeregt zu haben; er eilte selbst von Ort zu Ort und war überall zu 
sehen, wo seine Anwesenheit nöthig schien. Ebenso entfaltete Dr. Lubor Niederle, der Leiter 
des neuen ethnographischen Museums, eine unermüdliche Thätigkeit, die sich nicht bloß auf Prag 
oder Böhmen erstreckte, sondern auch nach Mähren übergriff. Dr. Emanu^l Kovaf hat in 
der inneren Verwaltung die wichtigsten Dienste geleistet. Und nicht am wenigsten haben die 
Mährer gearbeitet: P. Ignaz Wurm leitete die ersten und wichtigsten Arbeiten; Dr. Wenzel 
Tille und die Schwestern Lucia BakeS, Vlasta Havelka und Magdalena Wankel 
konnte man auf jeder mährischen Ausstellung sehen. Die letzteren beiden Damen haben auch 
zum Theile die Aufstellung der zahlreichen Figurinen in der Ausstellung besoi^. Wenn wir 
schließlich bedenken, dass die gesammten Versuchsausstellungen in den Jahren 1893 und 1894 von 
den betreffenden Ortslehrem geleitet wurden, so können wir wohl sagen, dass die große Prager 
Ausstellung ein nationales Werk im besten Sinne des Wortes ist, deren Präsident zu sein Herr 
Dr. W^ladimir Graf Lafansk^ stolz sein kann. 



IV. Literatur der österreichischen Volkskunde. 



1. Besprechungen: 

31. Dr. Ö. Zibri. Darstellung der Dreifaltigkeit als einer Gruppe von drei 
HSuptem im Mittelalter und in der Volkskunst der Gegenwart (Sitzungsberichte der 
königl. bohm. Gesellschaft der Wissenschaften. 1894.) Der Verfasser ist bestrebt, zu ergründen, 
warum man die heil. Dreifaltigkeit mit drei Köpfen darstellte, wie dies alte Bilder in Böhmen 
und Mähren noch heute zeigen. Es Ut begreiflich, dass die Vorstellung einer dreifachen Person, 
die in einem "Wesen vereinigt ist, jenen eine große Schwierigkeit verursachte, die die heil.' Drei- 
faltigkeit plastisch darstellen wollten. Auf vielen, besonders aus älteren Zeiten stammenden Bildern, 
sind die drei göttlichen Personen so abgebildet, dass man nur die Häupter Gottes, des Vaters und 
des Sohnes dargestellt sieht, während man sich das Haupt des heil. Geistes als rückwärts ange- 
wachsen denken muss. Spätere Künstler malten die heil. Dreifaltigkeit mit drei nach vom ge- 
richteten Köpfen, die im ganzen vier Augen, drei Nasen und drei Mundöffnungen l)esaßen. Diese 
Auffassung war auch in Polen, worüber Sokoiowski eine lehrreiche Schrift veröffentlichte, ja 
selbst in Russland verbreitet. Diese Art der Darstellung wurde sowohl von der katholischen als 
auch der griechischen Kirche schon im 17. Jahrhundert energisch unterdrückt; im 18. Jahrhundert 
hat die Kirche dieses Verbot erneuert, at)er vergeblich. Dem Volke gefiel diese, ich möchte sagen 
volksthümliche Auffassung, diese Verkörperung des «Geheimnisses der heil. Dreieinigkeit». Herr 
Zibrt meint, in diesem Falle dürfe man nicht an ein classisches oder vorchristliches Vorbild 
denken, sondern der mittelalterliche Künstler habe nach der Auffassung damaliger Zeit in der 
heil. Dreifaltigkeit drei Personen gesehen und sie daher mit drei Häuptern abgebildet. Übrigens 
gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir hinzufügen, dass der gewöhnliche Mensch noch heutigen 
Tages die Dreifaltigkeit nicht anders abbilden würde. In Böhmen finden sich ähnliche Bilder 
schon im 14. Jahrhundert (vergl. das Orationale Amesti). Der Referent hat selbst in Hand- 
schriften ähnliche Bilder und zwar in Bibeln aus dem 15. Jahrhundert gesehen. Interessant ist 
es, dass sich auch ein solches Bildchen in der Skorinaer weißrussischen Bibel befindet, welche im 
Jahre 15 19 in Prag gedruckt worden ist. Dr. Jos. Karäse k. 

32. Dr. C. Zibrt. Aberglaube, der sich an die Länge Christi knüpft. Sitzungs- 
berichte der königl. bohm. Gesellschaft der Wissenschaften. 1894. Im Passionale Kunigunde, 
das sich in der Universitätsbibliothek in Prag befindet, ist Chi^stus am Kreuz, auf dem Ölberge 
und sind femer die «Veronika» und all* die wirklichen und symbolischen Marterwerkzeuge abge- 

i8* 



276 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 



bildet; darunter zeigt sich eine 13 Centimeter lange Linie mit der Randbemerkung: Haec linea 
sededes ducta longitudinem demonstrat Christi. Nach dieser Linie hätte Christus 208 Centimeter 
gemessen. Im Laufe der Zeit wurde diese Länge, resp. Linie als eine Reliquie betrachtet, das 
Volk schenkte einem Streifen Papier, der die Lange Christi darstellte, große Verehrung, schrieb 
ihm große Kraft als Schutz gegen verschiedene Übel zu und trug ihn als ein Amulet gegen 
Krankheiten und anderes Unglück. Gegen diesen Aberglauben trat die Kirche wiederholt auf. 
HerrZibrt führt einen solchen Sittenprediger aus Böhmen als Beweis an, dass dieser Aberglaube 
im 18. Jahrhundert existirte. 

Übrigens kann ich mich erinnern, gehört zu haben, Christus sei der größte Mensch der 
Erde gewesen, und mein Vater wusste mir auch die Grrößt? Christi genau anzugeben. Am Schlüsse 
seines interessanten Artikels bringt C Zibrt eine Niederschrift der abergläubischen Meinungen 
aus dem 18. Jahrhundert, die sich auf die Länge Christi beziehen und «welche bei dem Baue der 
heil. Grabeskirche in Jerusalem 1655 gefunden und vom Papst Clemens VIII. bestätigt wurden», bei.*) 

Dr. Jos. Kardsek. 

33. Antike Handarbeiten. Von Louise Schinnerer, Lehrerin an der k. k. Fach- 
schule für Kunststickerei in Wien. Mit einer historischen Einleitung versehen von Prof. Dr. Alois 
Riegl. Wien. Verlag von R. v. Waldheim. II, 265. 4®. 

Die Verfasserin hat in dieser Zeitschrift, S. 172 — 179, ausführlich über die textile Volks- 
];unst bei den Rutenen berichtet, in welcher sie eine Reihe von verschiedenen rutenischen Tech- 
niken beschreibt,') die ganz genau mit solchen von den alten Ägyptern geübten übereinstimmen. 
In vorliegender Abhandlung werden dreierlei Handarbeiten der Ägypter besprochen : durchbrochene 
Arbeiten, feste Borten und Strümpfe. Die durchbrochenen Arbeiten, die zum größten Theile 
Mützen vorstellen, sind in einer sehr eigentümlichen, bisher gar nicht gekannten Flecht-Technik 
verfertigt. Man hat mehrfach versucht, ihr Räthsel zu lösen. Einer russischen Frau in St. Peters- 
burg soll dies bereits vor fünf Jahren gelungen sein. Im Jahre 1893 glaubte Frau Tina Frau- 
berg er in Düsseldorf in jenem Verfahren die Hängemattentechnik zu finden. Das Verdienst der 
Verfasserin ist es, das Räthsel endgiltig gelöst zu haben, wozu ihr die Arbeiten der Rutenen und 
Kroaten den Schlüssel gaben. Über die Art der Technik ist bereits in dieser Zeitschrift a. a. O. 
gehandelt worden, imd es bleibt nur noch zu bemerken übrig, dass das Verständnis der rutenischen 
Flechttechnik wesentlich durch einige Abbildungen gefördert wird, die man nur in der hier be- 
sprochenen Arbeit ausführlich erklärt findet. Es sind dies die Figuren 2 — 8 und 10 — 12, aufweiche 
ausdrücklich für jene verwiesen sei, welche diese eigenthümlichen Flechtwerke gründlich verstehen 
lernen wollen. Die Anleitung ist so klar und deutlich gegeben, dass man bei einigem Fleiße zu 
seiner eigenen Freude eine kleine rutenische Frauenhaube flechten kann, wenn sie auch nicht gerade 
ganz nach Wunsch ausfallen sollte. Referent hat allerdings nur den Versuch gemacht, ist aber 
der Überzeugung, dass ihm derselbe volkommen gelungen wäre, wenn er nicht einen noch primi- 
tiveren Apparat, als die Rutenin ihn hat, verwendet hätte. Arbeiten, wie die oben angezeigte, 
sind unbedingt nöthig ; man muss den Entwicklungsgang, wie er langsam vorschreitet, in Bild und 
Wort vor Augen haben. Es wäre nur zu wünschen, dass die Verfasserin, deren Mühen so vollen 
Erfolg hatten, auch die weiteren volksthümlichen Textil- Techniken in gleicher Weise behandeln 
möchte. Referent glaubt z. B. einen ähnlichen Apparat, wie den in Fig. 19 dieser Zeitschrift 
abgebildeten, der bei den Rutenen zum Verfertigen von Fäustlingen verwendet wird, auch in W e 1 k a 
von einem Slowaken gehandhabt gesehen zu haben. Dr. Wilhelm Hein. 

34. Fromme's Orts- Lexikon von Österreich-Ungarn und Bosnien- Herze- 
gowina enthaltend die Pfarrorte, Cultusgemeinden und Filialen aller Confessionen Österreich- 
Ungarns, Bosniens und der Herzegowina mit Angabe des Landes, des Gerichtsbezirkes, der geistlichen 
Behörden, der Post- und Telegraphenämter, sowie der Eisenbahn- und Dampfschiff-Stationen nebst 



*) Auch die Länge Buddha's spielt im buddhistischen Cult eine Rolle; sie ist kirchlich 
ganz genau fixirt (18 Fuß). Vergl. darüber H. Kern, Der Buddhismus und seine Geschichte 
in Indien. L, p. 340 ff., IL, p. 246. Der Red. 

') In dieser Abhandlung haben sich einige Druckfehler eingeschlichen, welche hiemit ihre 
Berichtigung finden : S. 172, Z.. 7 v. o. ließ «Kaluszer Bezirke» ; S. 174, Z. 26 v. o. «Rahtuch», 
Z. 7 V. u. «Uhnöw», Z. 6 v. u. cKamionka», «Kuliköw», «iötkiew»; auf S. 175 soll es zu Fig. 17. 
heißen «Rutenische Frauenhaube für festliche Gelegenheiten». 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 27 7 

einer Zusammenstellung der Gerichtsbarkeit in der Monarchie von Hans Mayerhofe r, k. k. Post- 
offidaL Wien 1895. Druck und Verlag der k. und k. Hofbuchdnickerei imd Verlagshandlung 
Carl Fromme. 8*. 

Dieses Orts-Lexikon, dessen reicher Inhalt sich schon aus dem Titel ergibt, enthält circa 
55.000 Ortschaften» durchaus alphabetisch geordnet, und ist für den Ethnographen insofeme 
von besonderem Werte, als sich namentlich die Religionsbekenntnisse der Bewohner eines Ortes 
darnach ganz genau feststellen lassen. Da es außerdem auch die Occupationsländer umfasst und 
für die deutschen Orte in Ungarn die leider immer mehr und mehr verschwindenden deutschen 
Namen ebenfalls verzeichnet, ist es nicht nur eine willkommene Ergänzung zu dem von der 
k. k. statistischen Central-Commission herausgegebenen Ortschaften- Verzeichnis (vgl. S. 223 u. 224 
dieser Zeitschrift), sondern auch ein äusserst praktisches und nützliches Nachschlagebach, das 
Referent schon mehrfach bei seinen Studien mit Vortheil zu Rathe gezogen hat. Allerdings könnte 
in manchen Fällen die Schreibweise der Ortsnamen sich genauer nach der amtlichen halten. 

Dr. Wilhelm Hein. 

35. Aus der Waldmark. Sagen und Geschichten ans dem Rax-, Semmering-, 
Schneeberg- und Wechsel-Gebiete. Von Heinrich Mose Zweite, verbesserte und veränderte 
Auflage. Mit 4 Illustrationen. Pottschach, 1894. ^^ Selbstverlage des Verfassers. Viktora's 
Druck, Neunkirchen. 8«. VIII, 88 S. 

Der Verfasser kennt seine engere Heimat, die sogenannte Waldmark sehr genau. Zum 
Theile nach eigenen Aufzeichnungen, zum Theile auf Grund der gewissenhaft und sorgfältig be- 
nutzten Literatur gibt er in diesem kleinen Büchlein in anspruchsloser Form 19 Mittheilungen aus 
der Geschichte des Landes und 36 Sagen, unter welchen sich die von Wurmbrand (S. 70) und 
von der Kranzelnatter (S. 85) an die Tatzelwurmgeschichten anschließen. 

Dr. Wilhelm Hein. 

2. Übersichten. 
Bibliographie der steiermärkischen Volkskunde 1885 — 1895. 

Von Custos Dr. Anton Schlossar, Graz. 

Im Jahre 1886 gab ich, längst von dem Nutzen und der Wichtigkeit bibliographischer 
Arbeiten, welche ein abgegrenztes Gebiet behandeln, überzeugt, nach mühevollen Vorarbeiten mein 
Buch: «Bibliotheca historico-geographica Stiriaca. Die Literatur der Steiermark in historischer, 
geographischer und ethnographischer Beziehung» (Graz, GoU. 1886) heraus, und ich habe mit 
Freude gesehen, dass diese Bibliographie seitdem von vielen Seiten benutzt durch die Benätzer 
manchen von mir verzeichneten, ganz vergessen gewesenen Aufsatz und manches verschollene 
Büchlein wieder zu Ehren brachte. Selbstverständlich war ich mir, wie dies bei jedem Biblio- 
graphen naturgemäß der Fall ist, bewusst, dass wohl auch manche Lücke in dem bibliographischen 
Verzeichnisse enthalten sein dürfte. Finden sich doch immer und immer wieder literarische 
Seltenheiten, die nach der Auf&ndung geradezu Unica genannt werden können oder an ganz 
abgelegenen Orten Aufsätze, die kein Mensch dort vermuthet hat. Natürlich wäre es höchst 
albern, solche Lücken dem Bibliographen zum Vorwurfe zu machen, dessen Thätigkeit durch das 
unablässige Nachschlagen in Katalogen und 2^itschriften und das nothwendige Prüfen der Bücher 
durch den Augenschein — so weit dies möglich ist — eine ohnehin anstrengende genannt werden 
kann und von jedem, der sich diese Thätigkeit zu Nutze macht, wohl dankbar anerkannt wird. 
Es lag mir daran, in der Bibliographie insbesondere auch die Tagesblätter und zwar ganz besonders 
die verschiedenen Zeitungen des Landes zu berücksichtigen ; denn gerade in diesen steckt 
nicht selten wichtiges Material, das von Landeskennem geboten, selten gesammelt wird und von 
dessen Existenz oft kurz nach dem Erscheinen keine Kenntnis mehr besteht. Die scheinbare 
Geringfügigkeit solcher Zeitungsblätter ist natürlich durchaus kein Grund das darin Enthaltene 
von der Bibliographie auszuschließen, welche vielmehr das ihrem Zwecke dienende Wertvolle 
allgemeiner Keimtnis zuzuführen bestimmt ist. 

Die Gruppe III meiner «Literatur der Steiermark» stellt unter dem Titel «Volkskunde» 
alles zusammen, was in dieser Beziehung von Einzelnwerken oder Aufsätzen größeren Um- 
fanges erreicht werden konnte und zerfällt in 4 Unterabtheilungen, deren erste (AJ den 



278 



Uterator der österreichischen Volkskunde. 



allgemeinen ethnographischen Schriften, jenen über den Volksdialect und dem Ethnologischen sich 
zuwendet, während eine zweite Abtheilung (B) die Volkssitte und den Volksglauben, eine dritte 
(C) das Volkslied und Volksschauspiel und eine vierte (D) die Volkssagen und Märchen be- 
handelte. Da übrigens der praktischen Brauchbarkeit wegen die Literatur über bestimmte örtlich- 
keiten in einem eigenen Alphabete derselben als Hauptgruppe IV zusammengefasst ist, so sind 
natürlich jene Sagen, Gebräuche etc., welche sich auf diese Örtlichkeiten ausschließlich beziehen, 
an der betreffenden Stelle, wo letztere behandelt erscheinen, beigefügt. 

Das nachfolgende bibliographische Verzeichnis schließt sich in der Zeitfolge des Sammeins 
unmittelbar an den Zeitpunkt des Abschlusses meiner erwähnten Bibliographie und reicht bis 
zum 31. Juli 1895. Die Zeitfolge des Sammeins betone ich, damit nicht ältere Jahreszahlen vor 
1885 befremdend wirken, weil auch Stücke zur Ergänzung aufgenommen erscheinen, die ich neu 
gefunden, die aber aus älterer Zeit herrühren. Außerdem sei bemerkt, dass Stücke streng 
localen Charakters ebenfalls einverleibt wurden, da ja hier keine alphabetische Ordnung von Ört- 
lichkeiten in Frage kommen kann. Bei eigentlichen Einzelschriften sind an dieser Stelle, was 
in meinem allgemeineren bibliographischen Werke auch nicht der Fall ist, kurze Bemerkungen 
über näheren Inhalt u. dgl. beigefugt, welche willkommen sein dürften. Im Übrigen wurden die 
gleichen Grruppen mit kleinen Modificationen beibehalten und innerhalb jeder derselben sind vrie 
im Hauptwerke die Titel nach der Zeitfolge des Erscheinens angeführt. 

Zur Erläuterung der Abkürzungen diene das nachstehende Verzeichnis: 
F. = Feuilleton. — D. Weht. = Deutsche Wacht (Cilli). — Gr. Mpst = Grazer 
Morgenpost. — Gr. Tgspst. = Grazer Tagespost. — Gr. Ztg. = Grazer Zeitung. — Heimg. = 
Heimgarten hgg. v. P. Rosegger (Graz). — Mitth. = Mittheilungen. — ö. u. M. Stm. = Die 
österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Band Steiermark. Wien. 1890. — St. 
Alp. Post = Steierische Alpen-Post (Aussee). — St. Sep. = Steirer Seppel hgg. v. E. Spork 
(Graz). — Ver. = Verein. — Zs. = Zeitschrift. — Ztg. = Zeitung. — 

A, Ethnographisches überhaupt. Schriften über den Volksdialect. Personen- 

und Ortsnamen. 

1. Wi ebner, J. Beiträge zu einer Geschichte des Heilwesens, der Volksraedidn, der Bäder 
und Heilquellen in Steiermark bis incl. Jahr 1700. Mitth. d. ' histor. Ver. f. Steiermark 

xxxm. s. 3—123. 

2. Schuster, Leop. St. Anna am Aigen. Gedenkschrift zum ersten hundertjährigen Jubiläum. 
Graz. Stiria. 1886. 8«. 50 S. 

Mit einem Capitel über die Bevölkerung S. 15 — 18. 

3. Goehlert, Vinz. Der alpine Cretinismus insbesondere in Steiermark. Das Ausland. 1886. 
S. 412 — 414. 

4. Germanisierung. Die Germanisierung der oberen Steiermark. Deutsche Presse (Graz). 
1887. Nr. 40. F. 

5. Kupferschmid, Adalb. Linguistisch-historische Skizzen und Bilder aus der deutschen 
Steiermark. Karlsruhe. Pollmann. 1888. 8« IX, 170 S. 

Insbesondere Sprachliches und Ortsnamen aus Obersteiermark behandelnd. 

6. Knittl, Mich. Cultur- und Landschaftsbilder aus Steiermark und Kärnten. Klagenfurt. 
Leon. 1889. 8®, 105, 56, 207 S. 

Enthält S. 3 — 105: «Die deutsche Sprachinsel Cilli.» 

7. Krone s, Franz von. Die deutsche Besiedlung der östlichen Alpenländer insbes. Steiermarks. 
Kärntens und Krains, nach ihrem geschichtlichen und örtlichen Verhältnissen: Forschungen 

zur deutschen Landes- und Volkskunde. Bd. HI. S. 303 — 476. 

Über Besiedlung, Ortsnamen, den Bauemstamm und dessen Abstammung in Steiermark 
handelnd. 

8. Monarchie. Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Land Steiermark. 
Wien. 1889. 4*, 412 S. 

9. Zuckerkand 1, Emil. Physische Beschaffenheit der Bevölkerung (Steiermarks). Ö. u. M. 
Stm. S. 238—243. 

10. Hiebler. Bartholom. Was und wie die Bauern essen. Plin Sittenbild aus Mittelsteiermark. 
Hdmg, XIV. 1890. S. 380—385. 



Litentar der österreichiMhen Volksknnde. 



279 



11. Achleithner, Arth. Das Menschenleben im Aberglauben. Eine volksmedicinische Skizze 
ans dem steirischen Hochland. Steir. Alp. Post. 1891. Nr. 42. F. 

12. Hans yon der Sann. Altsteirische Trachten. Eine Studie. Sonderabdruck aus dem 
«Graxer Wochenblatt». Graz. 1891. 8®, 39 S. 

13. Krones, B. J. Das Seilen. Ein Bildchen aus dem steir. Volksleben. Heimg. XV. 1891. 

S. 391—394- 

14. Reiter er, Carl. Auf der Primiz. Heimg. XV. 1891. S. 365—369. 

15. Hans yon der Sann. Andritz und Umgebung. Graz. Selbstverl. 1892. VIII. 138 S. 

Darin Volksgebräuche und Sagen aus der Umgegend. 

16. Reit er er, Carl. Der Juni im Hochlande (Stdermarks). Steir. Alp, Post. 1892. Nr. 23. F. 

17. Reiter er, Carl, 's Heimgarteln im steirischen Ennsthale. Heimg. XVI. 1892 S. 214 — 218. 

18. Reiterer, CarJ. Bei der Wahl. Ein Stück steir. Volksleben. Heimg. XVI. 1892. S. 693—698. 

19. Kunstbeiträge aus Steiermark. Blätter für Bau- und Kunstgewerbe, hgg. v. Carl 
Lacher. Frankfurt a. M. 4«, Bd. i ff. 1893 ff. 

Enthält u. a. Beschreibungen und Abbildungen älterer steirischer Bauernstuben, Geräth- 
Schäften u. dgl. 

20. Meli, A. Bilder aus dem steirischen Bauemieben des 16. Jahrhunderts. Pädagogische 
ZeitBchnh (Graz'. 26. Jahrg. 1893. S. 94 u. iii. 

21. Meringer, Rud. Das volksthümliche Haus Nordstdermarks und seine Geräthe: Studien 
zur germanischen Volkskunde U. Mitth. d. anthropolog. Gesellschaft i. Wien. XXHI. 
1893. S. 136—165. 

22. Faist, Jos. Auf der Todtenwacht. Ein Sittenbild aus dem mittelsteirischen Volksleben, 
Heimg. XVIIL 1893. S. 199—206. 

23. Gsell Fels. Die Steiermark. M. 70 lUustr., d. Plan v. Graz u. i Touristenkarte. München. 
Bruckmann. 1894 (Bruckmann's illustr. Reiseführer Nr. 44—48). 8^ XIV, 288 S. 

Enthält S. 6 — 12: Berölkerungscharakter, Gesang, Tanz, Spiele, Tracht, Hausanlage. 
Sprache der Slowenen, Bauernhof-Anlage. 

24. Meli, A. Ein steirischer Bauernhof vor dem Beginne des 17. Jahrhunderts. Mitth. der 
Cential-Comission z. Erhaltung der Kunstdenkmale. Wien. N. F. XX. 1894. S» 83—87. 

25. Bancalari, Gust Das ländliche Wohnhaus in Krain, Ostkämten und Nordsteiermark. 
Globus (Braunschweig). Bd. LXV. 1894. S. 349—355. 

26. Grasb erger, Hans. Dialect und Dialectdichtung der Deutschen (in Steiermark), ö. u. M. 
Stm. S. 189—207. 

27. Müller, Richard. Der deutsche Name des Semmerings. Blätter des Vereins f. Landes- 
kunde V. Niederösterrdch. N. F. XXIL 1888. S. 193—195. 

28. Ortsnamen. Die Ortsnamen der Steiermark. Deutsches Volksblatt. Wien. 1889. Nr. 152. F. 

29. Vernaleken, Theod. Ober das Grazer Lugeck. Eine Sprachbetrachtung. Heimg. XIV. 
1890. S. 466 — 468. 

30. Vernaleken, Theod. Über verdunkelte Benennungen in und um Graz. Gr. Tgspst. 1891. 
Nr. 147 u. ad 147. Beilage. 

B, Volkssitte und Volksglaube der deutschen und slovenischen Bewohner. 

31. Hans von der Sann. Das Schiffsetzen in Mariazell. Wiener Zdtung. 1887. Nr. 4. F. 

32. Hans von der Sann. Die Sonnwend-Feier in Steiermark. Gr. Tgspst. 1887. Nr. 172. F. 

33. Hans von der Sann. Der Samson-Umzug in Krakaudorf. Gr. Tgspst. 1887. Nr. 207. Beilage. 

34. Hans von der Sann. Steirische Rechtsgebräuche, i. Grenzbegehungen oder Rainungen. 
2. Das Gmoanhalten und Richtersetzen. Gr. Tgspst. 1887. Nr. 309 und 310. Bdlage. — 
1888. Nr. 218. Bdlage. 

35. Hans von der Sann. Der St. Nikolaus- Abend in Obersteiermark. Gr. Tgspst. 1888. 
Nr. 338 u. ad 338. F. 

37. Krainz, Joh. Steirische Hochzeitsgebräuche. Zs. d. deutsch, u. österr. Alpenvereins. XIX. 
1888. S. 151— 165. 

38. Krainz, Joh. Volksleben, Sitten und Sagen der Deutschen lin .Steiermark). Ö. u. M. Stm. 
S. 139—180. 



28o T.iteratur der österreichischen Volkskunde. 

39. Wein hold, Carl. Volksüberliefeningen aus Eisenerz in Obersteiermark. Zs. d. Vereins f. 
Volkskunde. Berlin. 1891. S. 215—219. 

40. Meli, Ant. Zur Geschichte des Hexenwesens. Ein Beitrag aus steirischen Quellen. Zs. f. 
deutsche Culturgeschichte. N. F. i8qi. Berlin. S. 317—335. 

41. Krainz, Joh. Hochzeitsgebräuche in Steiermark. Die Heimat. 1892. Nr. 36 u. 37. • 

42. Hans von der Sann. Eine obersteirische Bauernhochzeit vor hundert Jahren. Heimg. 
XVI. 1892. S. 441—444. 

43. Schlossar, Anton. Volksmeinung und Volksaberglaube aus der deutschen Steiermark. 
Germania. Wien. 36. Jahrg. 1892. S. 380— -406. 

44. Reit er er, Carl. Hexenglaube. Aus den Ennsthaler Bergen. Obersteir. Frauenzeitung, 
Beilage z. Nr. 31 d. Obersteirer Ztg. 1892. Nr. 5. F. 

45. Reiter er, Carl. Volksmeinungen im steirischen Ennsthale. Obersteir. Frauenzeitung. 
Beilage zur Obersteir. Ztg. 1892. Nr. 8 u. 9. F. 

46. Reit er er, Carl. Osterbräuche (in Steiermark). St. Alp. Post. 1892. Nr. 15. F. 

47. Reiterer, Carl. Pfingsten (in Steiermark). Steir. Sep. 1892. Nr. 18. S. 89. 

48. Reit er er, Carl. Volksmedicamente (in Steiermark). Steir. Sep. 1893. Nr. 12. S. 170. 

49. Reiterer, Carl. Teufelsglaube (in Steiermark). Steir. Sep. Nr. 7 S. 40 u. Nr. 8 S. 46. 

50. Reit er er, Carl. Sagengestalten (in Steiermark). Steir. Sep. Nr. 13. S. ']'], 

51. Reiterer, Carl. Hexenglaube. Aus dem Ennsthale. Stein Sep. 1893. Nr. 15. 

52. Reiterer, Carl. Volksglaube. Aus den Ennsthaler Bergen. Steir. Sep. 1893. Nr. 21. S. 126. 

53. Hans von der Sann. Die Sonnwendfeier in der grünen Mark. Grazer Wochenblatt. 
1893. Nr. 25. F. 

54. Reit er er, Carl. In der Grudlnacht. Steir. Sep. 1893. Nr. 40. S. 242. 

55. Hans von der Sann. Zur steirischen Rechts- und Sittengeschichte. Gr. Ztg. 1894 
Nr, 4 6, 7, 8. F. 

56. R. Antlaswochn. d' Antlaswochn (im steirisch. Ennsthale). St. Alp. Post. 1895. Nr. 14. F. 

57. Cop. Marlet, Mara. Altsteirische Heilkunde. Wiener Abendpost. 1895. Nr. 21. S. 5 — 6. 

58. Faist, Jos. Die Bursch. Ein Capitel über Faschingsbelustigungen aus dem Volke des 
steirischen Unterlandes. Heimg. XIX. 1895. S. 461 — 466. 

59. Krainz, Joh. Sitten, Bräuche und Meinungen des deutschen Volkes in Steiermark. Zs. f. 
österr. Volkskunde I. 1895. S. 65 flf. 



60. Ivaneti?, Franz. Die Dreikönigsfeier bei den Wenden (Slovenen) Kärntens und Steier- 
marks. Der Tourist. Wien. 1888. Nr. 2. S. 13— 15. 

61. Ivanetid, Franz. Hochzeitsfeier bei den Wenden (in Steiermark). Der Tourist. Wien. 
1888. Nr. 17. S. 138—140. 

62. Hubad, Franz. Volksleben, Sitten und Sagen der Slovenen (in Steiermark), ö. u. M. 
S. 208 — 224. 

C. Volkslied und Volksschauspiel der deutschen und slovenischen Bewohner, 

Sprüche etc. 

63. Heiderich und Peterstamm. 25 st einsehe Volkslieder gesammelt und eingerichtet für 
Ciavier (mit unterlegtem Text) von Victor Zack. Graz. C. Tendier. 1885. 4®. — 25 steir. 
Volksl. Neue Folge. Ibid. 1887. 4". 

Enthält insbesondere auch die Texte ausführlich und separat. 

64. Schlossar, Ant. Der Componist des c Dachsteinliedes». Gr. Tgspst. 1887. Nr. 327. 
Beilagebogen. 

65. Schlossar, Ant. Das Volkslied und Volksschauspiel der Deutschen (in Steiermark), ö. u. 

M. Stm. S. 181—188. 
d^, Volkslieder aus Steiermark (11). Mitgetheilt von Anton Schlossar. Zs. f. Volkskunde. 

Leipzig, n. 1890. S. 148, 187, 270, 296. 
dj, Todtenlieder. Zwei Todtenlieder aus dem Volke. Mitgetheilt von Carl Hilber. Heimg. 

XV. 1891. S. 128. 
68. Krippenlied. Ein Krippenlied (aus Miesenbach bei Birkfeld). Heimg. XV. 1891. 

S. 224 — 225. 



Literatur der österreichischen Volkskunde. 281 

69. Liedin aus dem oberen Kainach-Thale. Mitgetbeüt von J. S. Heimg. XV. 1891. S. 715. 

70. Reit er er, Carl. Hausspruche (aus Steiermark). Obersteirer Ztg. 1892. Nr. 55. F. 

71. Trutz und Scherz. Volkslieder aus Steiermark. Heimg. XVI. 1892. S. 52 — 53. 

72. Inschriften. Allerlei Inschriften aus den Alpenländern. Ges. u. mitgeth. v. Franz Ilwof. 
Aus Steiermark. Zs, d. Vereins f. Volkskunde. Berlin. III. 1893. S. 228 — 282. 

73. Hirtenlieder. Zehn Hirten- oder Krippellieder für die Weihnachtszeit. Mitgetheilt von 
Anton Schlagin. Heimg. XVIII. 1893. S. 219—226. 

74. Reit er er, Carl. Spruch- und Redensarten. Mit erläuternden Beispielen. Gesammelt in 
Steiermark. Heimg. XVHI. 1894. S. 390 — 392. 

75. Volkslieder. Steirische Volkslieder für Männerchor gesammelt von Franz Stöckl. Graz. 
Wagner. 1894. ^1. 8*. VHI. 87 S. (nebst PartUurj. 

^6. Krauß, Ferd. Der Sänger des Ausseer Landls Johann Kain. Gr. Tgspst. 1894. Nr. 222. 
Beilage. 

77. Volkslieder aus der Steiermark. Ausgewählt u. hgg. v. J. N. Fuchs u. Franz Kieslinger. 
Augsburg. Lampart. 1895. kl. 8^ XVL 127 S. 

Enthält Texte größerer Lieder, sowie auch eine Zahl von Schnadahüpfeln. 

78. Aus der grünen Mark. Sammlung von Männerchören steirischer Componisten. Hgg. 
V. steirischen Sängerbunde. Graz. Wagner. 1895. 8^ 11 1 S. 

Enthält auch einige Volksliedertexte. 

79. R. Allerlei Volkspoesie (aus Steiermark). St Alp. Post. 1895. Nr. 16. F. 



80. Passionsspiel. Ein Passionsspiel aus dem österreichischen Alpengebiete (Steiermark). 
Mitgetheilt von Dr. Anton Schlossar. Zs. f. Volkskunde. Leipzig. I. 1889. S. 137 — 177. 

81. Schlossar, Anton. Eine Grazer Faschingscomödie aus dem Jahre 1764. Wiener Ztg. 
1889. Nr. 52. F. 

82. St Nikolausspiel. Ein St Nikolausspiel aus Steiermark. Zs. f. Volkskunde. Leipzig. 
L 1889. S. 348—354- 

83. Lange, Hans. Passionsspiele in Fürstenfeld. Mitth. d. bist. Vereins f. Stderm. XXXV. 

s. 131— 133. 

84. Volksschauspiele. Deutsche Volksschauspiele. In Steiermark gesammelt. Mit An- 
merkungen und Erläuterungen nebst einem Anhange: Das Leiden Christi-Spiel aus dem 
Gurktha.le in Kärnten, hgg. von Dr. Anton Schlossar. 2 Bde. Halle. Niemeyer. 1891. 

85. K. R. Volkscomödien (in Steiermark). St. Alp. Post. 1893. Nr. 24. F. 

Z>. Volkssagen und Volksmärchen. 

86. Sei dl, J. G. Der Comett. Steirische Volkssage nacherzählt: Allgem. Theaterzeitung. 1840. 
Nr. 19, 20, 22, 24. 

87. Puff, Rud. Gust. Die Habergais. Nach einer obersteirischen Sage: Österreich. Morgen- 
blatt. 1843. S. 489 u. 494. 

88. Seidl, J. G. Der steirische Blocksberg: Moosrosen hgg. v. Carl Lößel. Wien. 1846. 
S. 98—109. 

89. Bacherer, Adolf. Der gespenstische Pfeifer. Steirische Volkssage: Taschenbuch Aurora 
f. 1847. S. 147—160. 

90. H. W. Bachersagen. Correspondent für Untersteiermark. Marburg. 1862. Nr. 33 u. 34. F. 

91. Nadel. Die Nadel. Eine Sage aus dem oberen Sannthale. Deutsche Wacht 1885. Nr. 81. F. 

92. Wurth, Leopold. Zur Ganssteinsage. Heimg. X. 1886. S. 866—868 

93. J. H. Die Grründung des Kirchleins Maria Grün bei Graz. Nach einer Sage frei bearbeitet. 
Sonntagsbote. Graz. 1886. S. 351, 394, 429, 460, 492, 526, 563, 599, 626, 664, 691, 713. 

94. A. K. Das Postkreuz. Durch Flur und Feld. Wanderungen in der Heimat. Obersteirer- 
blatt. 1886. Nr. 49 u. 50 F. 

95. Theresia von Stroblhoffen und das Christusbild vor dem Tanzsaal in Grraz. 1645. 
(Sage.) Grazer Volksblatt. 1886. Nr. 214. 

96. Hans von der Sann. Volkssagen aus den steirischen Bergen. Der todte Schnee (Dach- 
stein). — Wie der Bachersee entstanden ist. — Der Schöckel=Kobold. — Heimg. X. 
886. S. 1849—853. 



282 Literatur der österreichischen Volkskunde. 

97. Hans von der Sann. Volkssagen aus den steirischen Bergen: Ursprung der Kirche 
Maria Freienstein. — Die Umfrauen auf Waldrastein. — Die weiße Frau von Frauheim. 
Heimg. XI. 1887. S. 138—142. 

98. J. H. Das Gnadenbild der schmerzhaften Gottesmutter in der Domkirche zu Graz. Nach 
einer Sage mitgetheilt. Gaben des kathol. Pressvereins in der Diöcese Seckau f. d. J. 1887. 
Graz. 1887. 

99. Friedrich, Alois. Die Seitelwiese. Romantische Sage aus dem Mnrzthale. Langenwang. 
(Styria, Graz.) 1887. 8^ 110 S. 

100. Hans von der Sann. Der Sagenschatz des Steirerlandes. Mitth. d: deutsch, u. öslerr. 
Alpenvereins. (München.) 1887. Nr. 21 — 23. 

101. Hans von der Sann. Sagen aus der grünen Mark . . . Illustriert von Greorg Weineiß. 
(Graz.) Leykam. 1890. 4*. VHI. 174 S. 

Enthält in der Darstellung für weitere Kreise und die Jugend berechnet theils bekannte 
Sagen, theils weniger bekannte nach den Gewährsmännern: R. Peinlich, A. Meixner, Th. 
Weimaier, A. Bischofberger etc., auch von J. G. Seidl, R. G. Puff u. a. in poetischer 
Fassung überkommene Sagen, welche jedoch hier in Prosa aufgelöst sind. 

102. Joherl, Ign. Heinr. Wildon Einst und Jetzt. Chronik der Burg, des landesfurstlichen 
Marktes und der Pfarre St. Magdalena in Wildon. Graz. Moser. 1891. 8* Vm. 159 S. 

Mit einigen sagenhaften Mittheilungen über das alte Geschlecht der Herren v. Wildon. 

103. Schi ossär, Anton. Sagen von Schratl aus Steiermark. Zs. für Volkskunde (Leipzig). 
HI. 1891. S. 341 und 377. IV. 1892. S. 165. 

104. Dr. V. P. Zur Culturgeschichte des steirischen und kämtischen Bergbaues: i. Montanistische 
Wilderer. 2. Die «blaue Lasur». Gr. Tgspst. 1891. Nr. ii i und ad. Nr. 157, Nr. 158. Beil. F. 

105. Lange, H. Der TürkensimmerL Gr. Tgspst. 1891. Nr. 279. Beilagebog. 6. 

106. (H. V. d. S.) Zur Sage vom Türkensimmerl. Gr. Tgspst. 1891. Nr. 291. BciL 

107. Dr. A. St. Veronika von Deschnice oder die steirische Agnes Bernauer. Deutsche Wacht. 
1892. Nr. 4. F. 

108. J. H. Paul Melnitzer. Der alte Taglöhner. Nach einer Sage aus dem 17. Jahrhundert. 
Grazer Volksblatt. 1892. Nr. 215 und 216. Beil. 

109. Reiterer, C. Sagengestalten. Aus den Ennsthaler Bergen. St. Alp. Post. 1892. Nr. 2i.F. 
Der todte Schnee. Dem Volke nacherzählt. Steir. Scp. 1892. Nr. ii. 
Eine Sage von der Trud (aus Steiermark). Steir. Sep. 1892. Nr. 14. 
Der Bergschrattl. Eine Sagengestalt der Steiermark. Steir. Sep. 1892. Nr. 16. 
Eine Perchtsage. Dem Volke nacherzählt. Steir. Sep. 1893. Nr. i. S. 4 — 5. 

Der arme Seelen • Michel, Eine (steir.) Volkssage. Steir. Sep. 1893. 

Das Geigenmannl. Eine (steir.) Volkssage. Steir. Sep. 1893. Nr. 4. S. 21. 

116. Pichle r, Vincenz. Hexengeschichten aus Obersteier. Steir. Scp. 1893. Nr. 10. S. 58 — 59. 

117. Reiterer, C. Die Kronlnatter. Zwei Volkssagen (aus Steiermark). Steir. Sep. 1893. 
Nr. II. S. 64. 

118. Reiterer, C. Sagengestalten (aus Steiermark). Steir. Sep. 1803. Nr. 13. S. 76. 

119. Reiterer, C. Volkssagen (aus Steiermark). I— VI. Steir. Sep. 1893. Nr. 31—36. 

120. Pich 1er, Vincenz. Der Schate von Röthelstdn bei Admont« Steir. Sep. 1893. Nr. 37. 
S. 222. 

121. Hans von der Sann. Wie der Bachersee entstanden ist. Eine steir. Volkssage. Lese- 
abend (Graz). XIII. 1893. Nr. 7. S. 50—51. 

122. Tomitsch, M. Der Teufelsofen bei Lichtenwald. Deutsche Wacht. 1893. Nr. 35. F. 

123. A. Eine verklungene Geschichte. Sage aus der Steiermark. Deutsche Wacht. 1893. ^^' 5^« 
BeU. F. 

124. Gasparitz, Ambro s. Semriach mit Schöckel und Lurloch geschichtlich dargestellt. 
(Graz.) Moser. 1894. 8«. M. 4 Abbild. 139 S. 

Enthält auch eine Zahl von Sagen aus der bezüglichen Gegend, insbesondere aus dem 
Schöckelgebiete. 

125. Mose, Heinrich. Aus der Waldmark. Sagen und Geschichten aus dem Rax-, Semmering-, 
Schneeberg- und Wechsel-Gebiete. 2. verb. Aufl. Pottschach. 1894. S"- ^^ S. 



HO. 


Reiterer, 


C. 


III. 


Reiterer, 


C. 


112. 


Reiterer, 


C. 


i'3. 


Reiterer, 


C. 


114. 


Reiterer, 


C. 




Nr. 3. S 


16. 


"5. 


Reiterer, 


C. 



Vereinsnachrichten. 283 

126. Peinak, Jos. Local-Chronik der Edlinge von Tüchern (sagenhaft). (Cilli, Hribar ) 1894. 
8». 69 S. 

127. Reiterer, Carl. Ans dem mittleren Ennsthale. Wirklichkeit und Sagenhaftes. St. Alp. 
Post. 1894 Nr. 48. 

128. Reit er er, Car^l. Kleine Tenfeleien ans den Alpen (der Steiermark) Heimg. XVIII. 
1894. S. 905—912. 

129. Gasparitz, Ambros and Hans von der Sann. Der Schöckel in Geschichte und 
Sage. Grazer Ztg. 1894. Nr. 159 — 173. F. 

130. Sagen. Admonter Sagen. Fremdenblatt (Wien) 1895. Nr. 136. S. 43. 

131. Schlossvogt. Der Schlossvogt von Wolkenstein (Sage). St. Alp Post. 1895. Nr 20. F. 

132. Hans von der Sann. Charakteristische Gestalten aus der steiri sehen Sagenwelt Gr. Mpst. 
1894. N""- ^7^» 208, 226, 230, 279, 280. — 1895. N. 21, 73. 78, 93, 108, 145, 152, 161, 168. 

133. St. Heinrich. «St. Heinrich» auf dem Bacher. Eine Legende, Südsteirische Post. 1895. 
Nr. 43. F. 

134. Vernaleken, Theod. Der starke Hans. Volksmärchen (aus HieHau). Heimg. XIX 

1895- S. 392—395- 

135. Hans von der Sann. Die Sensenschmiedstochter vom Ingeringgral )cn (Sage). Grazer 

Extrablatt. 1895. Nr. 148 und 149. F. 

136. Reiterer, Carl. Der Gamsurber (Sage). St. Alp. Post. 1895. Nr. 27 und 28 F. 

137. Fremdenführer für Wien und Umgebung. Wien — Graz 1895. Nr. 485. Darin einige 
Localsagen. 

138. Schmelzer, Adolf. Die Massenburg bei Leoben. i. und 2. Thl. Jahresbericht des Lan- 
des-Obergymnasiums I-eobenvomJ. 1894 und 1895. Darin eine Localsage, ausfuhrlich erzählt. 



V. Vereinsnachrichten. 



I. Chronik. 

I. Die Ausstellung des Vereins im österreichischen Museum. 

Diese Ausstellung, über welche Näheres in Heft 7, p. 217 ft. dieser Zeitschrift zu tinden 
ist, währte vom 3. Juli bis 21. September und wurde in dieser 2^t von 8500 Personen besucht. 
Für die Überlassung des Ausstellungssaales (VI) gebührt der k. k. Direction des k, k. österrei- 
chischen Museums für Kunst und Industrie der wärmste Dank des Vereines. Von der Ausgabe 
eines Katalogs der Ausstellung wurde hauptsächlich aus den 1. c. p. 220 entwickelten Gründen 
abgesehen, dagegen wurde die zur Schau gebrachte Sammlung durch erklärende Etiquetten nach 
Möglichkeit für das Verständniss des großen Publikums aufgeschlossen. Wir dürfen hoffen, dass 
die Anregungen, welche von dieser ersten Sammelleistung des Vereins ausgegangen sind, dazu bei- 
tragen werden, die Idee der Begründung eines österreichischen Völkermuseums in 
der österreichischen Bevölkerung zu verbreiten und zu befestigen. 

2. Spende. 

Als ein unmittelbarer Erfolg der in Rede stehenden Ausstellung darf das Einlangen 
einer großmüthigen Spende seitens eines hochsinnigen Freundes unserer Sache verzeichnet werden. 
Herr Philipp Ritter von Schoeller widmete zur Fortsetzung der Sammelthätigkeit des Vereins 
den Betrag von 500 fl. Der Verein stattet dem edelsinnigen Förderer seiner Bestrebungen den 
wärmsten Dank ab. 

3. Mitstiederstand. 

Bei Schluß dieses Heftes (20. September) betrug die Zahl der angemeldeten Mitglieder 846. 

II. Erwerbungen. 

I. Sam mlung: 
234 — 238. Fünf Holzmatrizen zum Bedrucken von Zeugen, Oberösterreich. Geschenk des Herrn 
Adolf Nunwarz in